Lilli Wagemut ist dreißig Jahre alt und hat ein Problem. Sie liebt gutes Essen und Schlemmen über alles, will aber dennoch schlank sein. Auch auf Drängen ihres Verlobten tut sie alles, um ihre Traumfigur zu erreichen. Als sie einen Geheimtipp zum Abnehmen erhält, scheint ihr Problem gelöst. Doch Lilli erkennt bald, dass die Benutzung ihres genialen Diätbuches nicht ganz ohne Tücken ist. Als Lilli dann auch noch Leo kennenlernt, muss sie sich mächtig anstrengen, um sich gegen seine kulinarischen Versuchungen zu wappnen. Obwohl sie nur mit Extremsport dagegen angehen kann, fühlt sie sich bei diesem Mann geborgen. Eines Tages macht ihr Leo ein Geständnis und ihr Leben stellt sich auf den Kopf. Ausgerüstet mit ihrem verzauberten Buch, einem Fotoband und einem Ring stellt sich Lilli allen Herausforderungen, Verwicklungen und Hürden, um Leo von seinem Fluch zu befreien und das Versprechen einzulösen, das sie ihm gegeben hat.

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ISBN: 978-9963-52-214-9

Seiten: 407

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Andrea Klier

Andrea Klier arbeitet seit 1997 als freie Autorin. Schon mit 11 Jahren wollte sie Schriftstellerin werden, doch bevor sich dieser Traum erfüllte, war sie über 24 Jahre als Hebamme tätig. Ihr Roman-Debüt „Sturmwind - Die Tochter der Magierin“ wurde auch ins Chinesische übersetzt und mit dem Literaturpreis „Die Kalbacher Klapperschlange“ für das beste Kinderbuch 2002 ausgezeichnet. Seit 1997 hat sie zahlreiche Kurzgeschichten, wahre Geschichten, Fach- und Sachartikel veröffentlicht, ebenso 4 Hörbücher und E-Books. Sie ist Mitautorin mehrerer Heftroman-Reihen und schreibt unter verschiedenen Pseudonymen.

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Leseprobe

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Erster Teil
Gesündigt

Eine Frau ohne Bauch ist wie der Himmel ohne Sterne


1
Totaler Frust

»Lilli! Sag doch was! Ist dir schlecht? Hast du Hunger?« Katrin betrachtete ihre Freundin, die stumm in der Küche hockte und auf die Tischdecke starrte. Die junge Frau war blass bis in die Lippen, und ihre Hände zitterten. Offensichtlich war Lilli wieder einmal dabei, sich auf Größe sechsunddreißig zu hungern, das absolute Traummaß ihres Verlobten für die Frau seiner Wahl. Lilli schüttelte den Kopf.
   Katrin biss die Zähne zusammen. Heute Nacht würde sie nach Indien fliegen und alles hinter sich lassen. Und jetzt saß Lilli wie ein Häufchen Elend vor ihr. Katrin lehnte sich gegen das Küchenbord und betrachtete die Freundin.
   Rote Locken, bis zum Nacken geschnitten, umrahmten ein hübsches Gesicht. Lilli sah mit ihren fast dreißig Jahren noch immer wie eine Zwanzigjährige aus. Dazu trugen die Sommersprossen auf der hübschen Nase und die verträumten blauen Augen wesentlich bei.
   Katrin holte einen Stuhl und setzte sich an den Tisch. »Seit wann machst du diese Diät?«
   »Seit einer Woche. Es sind ja nur noch drei Monate bis zur Hochzeit. Bis dahin muss mir sechsunddreißig passen, aber ich stecke bei achtunddreißig fest. Es will einfach nichts mehr runter.«
   »Das ist natürlich eine Katastrophe. Wer will schon als pummlige Braut zum Altar schreiten?« Katrin runzelte die Stirn.
   »Mach dich nur über mich lustig.« Lilli starrte auf ihre Hände. »Jochen wünscht sich eben eine hübsche Braut. Logisch. Er selbst sieht auch umwerfend aus.«
   »Natürlich! Im Augenblick platzt du ja aus allen Nähten. Mensch Lilli! Du bist schlank, bewegst dich toll und besitzt Ausstrahlung. Vor einem Jahr hattest du noch Größe zweiundvierzig, und das stand dir wesentlich besser.« Sie fasste nach Lillis Hand. »Wann begreifst du endlich, dass du auch mit zwanzig Kilo mehr auf den Rippen einfach süß bist? Komm, holen wir uns was vom Bäcker und hauen tüchtig rein. Dann bist du wieder die Alte.«
   »Ich habe keinen Hunger.« Lilli stand auf und lief zum Fenster. Draußen regnete es in Strömen. »Dieses Wetter passt zu meiner Stimmung.«
   »Vielleicht, nur dass du nicht hungrig bist, glaube ich dir nicht.«
   »Es ist aber so.« Lilli drehte sich um. »Diese Diät quält mich. Trotzdem habe ich die Woche durchgehalten. Und das bei all meinen Träumen. Du kamst auch drin vor. Wir saßen in der Konditorei und haben uns über die Schwarzwälder Kirschtorte hergemacht. Heute Nacht stand ich vor einem voll beladenen Buffet. Danach bin ich schweißgebadet aufgewacht. Den ganzen Tag knurrt mir schon der Magen. Da habe ich mir gedacht, iss doch eine Kleinigkeit. Wirklich nur eine Kleinigkeit, damit ich nicht immer so frustriert bin.« Sie strich sich die Haare aus der Stirn. »Nach diesem Entschluss hatte ich gleich bessere Laune und mir ein Stück Käse genommen. Camembert mit fünfundsechzig Prozent Fettgehalt. Wirklich nur ein Stück. Und weil ich auf das Brot verzichtet habe, gleich noch eine Tomate. Es ging mir sofort besser. Der Käse war wunderbar cremig. Schließlich habe ich mir überlegt, dass ein Vollkornbrot dazu nicht schaden würde. Die Pflaumenmarmelade war auch lecker. Dann wurde ich wagemutig. Wer wie ich mit Nachnamen Wagemut heißt, darf das sein«, fügte sie hinzu. »Schließlich stand da noch die Schüssel Nudelsalat und ein Stück Sahnetorte im Kühlschrank. Danach ging es mir allerdings nicht mehr so gut, und ich bin zu meinem Käsebrot, diesmal mit süßsauer eingelegten Gurken zurückgekehrt. Leider hielt das Glücksgefühl nicht lange an. Das heulende Elend kam kurz vor dem Regen.«
   Katrin lachte auf. »Besser kannst du eine Diät nicht beenden. Endlich kann ich beruhigt abfliegen. Jetzt ist mir klar, warum du keinen Hunger mehr hast.«
   »Hunger nicht«, sagte Lilli, »aber vertragen könnte ich noch was. Eine Suppe oder vielleicht eine Pizza. Ich fühle mich ganz zittrig.«
   »Wahrscheinlich Unterzucker. Dagegen können wir etwas tun. Lass uns in die Pizzeria gehen. Ich lade dich ein.« Sie bemerkte, dass Lilli zögerte.
   »Das Angebot ist verlockend, aber auch der Todesstoß meiner Diät. Andererseits ist der Diättag sowieso verloren.«
   »Gib dir einen Ruck.«
   »Einverstanden. Dass mein Abnehmprogramm nach diesem Rückfall konsequent weitergehen muss, ist mir klar.« Lilli seufzte. »Doch wir beide sehen uns wahrscheinlich niemals wieder. Es ist für uns die letzte Möglichkeit, noch einmal beisammen zu sein, und das ist wichtiger als jede Diät. Hungern kann ich später immer noch.«
   »Das ist der richtige Geist.« Katrin hob den Daumen.
   »Gehen wir!« Lilli griff sich ihre Jacke. »Schnell bitte, bevor ich es mir anders überlege.«
   Eine halbe Stunde später saßen sie im Restaurant auf der gegenüberliegenden Straßenseite.

*

Zufrieden und satt ließ sich Lilli in ihrem Stuhl zurückfallen. »Pizza ist immer eine Sünde wert«, sagte sie und blickte aus dem Fenster. Es regnete noch immer, doch die depressive Stimmung war verflogen. Bei Kerzenschein, italienischer Musik und einem Essen wie Tomatensalat mit Dressingsoße, einer reichhaltig belegten Pizza und einem Cappuccino und Tiramisu zum Nachtisch, war es einfach unmöglich, unzufrieden zu sein. Nur die Tatsache, dass Katrin bald für immer fort sein würde, bedrückte Lilli. »Glaubst du, dass du in diesem Ashram deinen Weg findest?«, fragte sie und tupfte mit dem Finger das letzte Krümelchen Teig von ihrem Teller.
   »Diese Gemeinschaft ist so, wie ich es mir schon immer gewünscht habe. Bei uns gibt es zu wenig Menschen, die nach innerer Entwicklung streben. Bei den meisten dreht sich fast alles nur um Äußerlichkeiten.«
   »Und das sagst du, wo du deine bunten Saris so liebst.« Lilli schüttelte missbilligend den Kopf.
   »Natürlich. Ich mag auch gemütlich eingerichtete Wohnungen. Trotzdem darf das Innere niemals vernachlässigt werden.«
   »Mir wäre es lieber, du würdest deine innere Entwicklung hier vorantreiben«, gestand Lilli ein. Es tat weh, die einzige Freundin zu verlieren.
   »Mir kann es nicht exotisch genug sein.« Katrins Blick wurde ernst. »Das bedeutet allerdings, dass ich nicht mehr bei dir vorbeischauen und mich vergewissern kann, ob es dir gut geht.«
   »Ich komme schon klar. Nur, dass du diesen Schritt in eine ungewisse Zukunft wagst, finde ich unbegreiflich. Diesen Mut könnte ich niemals aufbringen.«
   »Heute Nacht, wenn ich im Flugzeug sitze, schließe ich mit allem ab. Bevor ich gehe, möchte ich dich jedoch warnen. Jochen ist Gift für dich. Er lässt dich fallen, sobald du ihm nicht mehr gefällst. Du brauchst jemanden, der dich akzeptiert wie du bist. Du naschst und kochst gern und hast Spaß am Essen, aber dein Jochen gönnt dir in diesem Punkt rein überhaupt nichts. Der Herr will ja was für die Optik und zum Vorzeigen haben. Wie du dich dabei fühlst, kümmert ihn nicht.« Sie rollte mit den Augen. »Du hast auch Humor, wenn er nicht da ist und du es schaffst, endlich einmal aus dir herauszugehen. Du bist liebenswert und mitfühlend, aber leider viel zu gutmütig und nachgiebig. Jochen nutzt das schamlos aus und drückt dir gnadenlos seinen eigenen Willen auf. Was dir fehlt, ist Selbstvertrauen. Und das wirst du an der Seite dieses Mannes niemals finden.« Sie seufzte und hob die Hand. »Ich bin schon still. Du kannst deine ablehnende Haltung wieder aufgeben. Und verteidigen musst du deinen Verlobten auch nicht.«
   »Doch, denn es ist nicht so, dass nur Jochen eine schlanke Frau will. Ich war schon als Kind dick. Niemand mochte mich. Später, als Erwachsene, sind meine Diäten allesamt gescheitert. Sie haben mir nach einem kurzen Erfolg nur noch mehr Pfunde beschert. Dann habe ich auch noch diesen Job in der Konditorei bekommen. Aus Frust habe ich all diese Dinge in mich hineingestopft, auch weil mich niemand beachtet hatte. Bis auf diesen …« Lilli brach ab und schüttelte den Kopf. Sie wollte die Erinnerung an diesen fremden Mann vertreiben.
   »Vor fünf Jahren ging ich zu einer Ernährungsgruppe. Die ersten zwanzig Kilo waren verdammt schwer. Gleich danach habe ich Jochen kennengelernt. Er hat mir den nötigen Antrieb gegeben, um die restlichen Pfunde herunterzutrainieren. Ich wollte nie wieder ausgestoßen sein. Verstehst du, was ich meine?«
   »Im Prinzip schon, aber du interpretierst diese Erfahrung falsch und übertreibst jetzt. Auch ohne Diät hättest du Menschen gefunden, die dich so mögen, wie du bist. Es gibt Frauen, die trotz ihrer Körperfülle glücklich sind und begehrt werden.«
   Lilli presste die Lippen aufeinander.
   »Du glaubst mir nicht?«
   »Nein! Es mag ja Ausnahmen geben, aber mich konnte niemand leiden. Ich fand mich damals selbst unausstehlich.«
   Katrin nickte. »Du bist noch nicht so weit. Es ist sinnlos, das Thema weiterzuspinnen. Reden wir von etwas anderem. Nur noch eines, wenn dir schlank sein so viel bedeutet. Wieso machst du es dir so schwer? Es grenzt an ein Wunder, dass du beim Inhalt deines Kühlschranks überhaupt eine Woche durchgehalten hast.«
   »Ich kann doch von Jochen nicht verlangen, dass er mitfastet. Er kann essen, so viel er will. Ich bin ganz neidisch auf diese Veranlagung. Nichts schlägt bei ihm an.«
   »Dacht ich’s mir doch.« Katrin verengte die Augen zu Schlitzen. »Jochen ist ein Schuft. Von dir verlangt er doch auch, dass du dich auf eine Zierpuppengröße hungerst. Um dem Ganzen die Krone aufzusetzen, stellt er sich Sahnetorte in den Kühlschrank. Gibt dir das nicht zu denken?«
   »Eigentlich mag er Torten nicht. Nur gestern hatte er Lust darauf.« Lilli blickte in das Licht der Kerze. Tränen schossen ihr in die Augen. »Wenn ich die Diät weiter so betreibe wie heute, habe ich bald fünf Kilo mehr. Zu dumm auch, dass ich immer vom Essen träume.« Sie wischte eine Träne fort. »Ich habe das noch niemandem erzählt, aber mein Vater war Koch. Wir hatten ein Gasthaus mit einem kleinen Café dabei, und ich durfte ihm immer in der Küche helfen. Er konnte toll backen.«
   Lilli versank in ihren Erinnerungen. »Mit einem Mann wie dir werde ich meine Pfunde niemals los, hat sich meine Mutter immer bei ihm beschwert. Sie war recht mollig, aber unglaublich süß. Was soll’s, hat mein Vater gesagt. Man kann nicht alles haben. Wichtiger ist, dass ich alles mit dir und unserer Kleinen teilen und genießen kann. Nachdem der Gastbetrieb vorbei war, haben wir das meist auch getan. Jetzt machen wir es uns gemütlich, hat mein Vater beim Tischdecken gesagt und Kerzen angezündet. Und wenn ich bei größeren Feiern wie Hochzeiten oder Jubiläen früher schlafen gehen musste, lag für mich immer ein hübsch verpacktes Betthupferl auf meinem Kopfkissen.«
   Katrin fasste nach Lillis Hand. »Ich verstehe dich. Du verbindest Kochen und Essen mit Geborgenheit. Es sind liebe Erinnerungen an deine Eltern.«
   »Es sind wundervolle Erinnerungen. Genau das ist ja das Problem.«
   »Aber wieso denn?«
   »Weil es mir wehtut, an diese Zeit zu denken, und weil mir Jochen ein Ultimatum stellt. Wenn mir in zwei Monaten das weiße Kleid in sechsunddreißig nicht passt, verschiebt er die Hochzeit.«
   »Und das lässt du dir bieten?«, fuhr Katrin empört auf.
   »Jochen meint es doch nur gut. Trotz seines Ticks mit Größe sechsunddreißig und seiner Vorliebe für zierliche Frauen, gibt er sich mit mir ab. Ich hatte vor ihm noch nie einen Freund. Ich war immer einsam.«

*

Katrin presste die Lippen zusammen. Lillis Eltern waren bei einem Autounfall ums Leben gekommen. Da es keine Verwandten gab, kam Lilli schon mit sieben Jahren ins Waisenhaus, wo sie bis zu ihrer Volljährigkeit blieb. Es war ihr dort nicht gut gegangen, und sie hatte sich zur Frustesserin entwickelt. Auf den Fotos von damals war sie richtiggehend fett gewesen. Als Außenseiterin war sie zum Fußabtreter für andere Kinder geworden. Nun sehnte sie sich nach Liebe und Geborgenheit. Aber Jochen war nicht der Mann, der ihr auf Dauer die Liebe und Geborgenheit geben konnte, die sie brauchte. Er würde nie aufhören, Lilli nach seinen Vorstellungen zu formen.
   Für ihn war Lilli ein Geschenk. Schüchtern, hübsch und unsicher, leicht zu beeinflussen und stets darauf bedacht, ihm zu gefallen. Lilli war so sehr auf ihn fixiert, dass sie jede verordnete Diät duldete und blind gegenüber seinen Fehlern blieb. Eine andere Frau hätte ihm längst die Freundschaft gekündigt. Katrin hielt in ihren Gedanken inne. Nein. Es gab viele Frauen, die auf einen schönen Körper versessen waren und sich freiwillig durchs Leben hungerten. Frauen, die bis zum Umfallen trainierten, sich Fett absaugen, Nase, Lippen und Busen operieren ließen, nur um einem bestimmten Schönheitsideal zu entsprechen. Und diese Entwicklung machte auch nicht vor der Männerwelt halt. All diese Menschen quälten sich in dem festen Glauben, dann geliebt und akzeptiert zu werden.
   An eine Schönheitsoperation dachte die Freundin zum Glück nicht. Wenigstens in diesem Punkt musste sie sich nicht um Lilli sorgen. Doch wer konnte schon vorhersehen, was Jochen in zehn Jahren von ihr verlangte, nur um sie in seine Schablone zu pressen. Lilli besaß kein Selbstwertgefühl. Mit ihrer Angst, allein gelassen zu werden, war es leicht, sie zu manipulieren.
   Katrin betrachtete Lilli, die in Gedanken versunken aus dem Fenster starrte. Sie musste darauf hoffen, dass die Freundin von selbst dahinterkam, dass Jochen der Falsche für sie war. Die Chancen dafür standen nicht schlecht. Lilli konnte kulinarischen Versuchungen nie lange widerstehen. Sie hatte die Anlage für eine mollige Figur. Und wenn es eines Tages wieder so weit war, würde sie richtig gut aussehen, denn Rundungen waren das, was Lilli jetzt fehlte. Sie war genau der Typ Frau, zu der das prima passte.
   »Lass uns ein wenig im Regen spazieren gehen«, schlug Katrin vor. »Viel Zeit bleibt mir nicht mehr.«
   Lilli nickte. »Unser Abschied steht kurz bevor. Es macht mich ganz traurig.«
   Gemeinsam verließen sie das Lokal. Nur Katrin bemerkte, dass ihnen die Kellner bewundernd nachschauten.

2
Schafskäse gegen Rohkostscheiben

In der Diele wurde der Schlüssel ins Schloss gesteckt. Lilli putzte sich die Nase. Kurz darauf wurde die Küchentür geöffnet.
   Jochen blieb eine Weile im Türrahmen stehen »Flennst du wegen Katrins Abgang?«, fragte er verdrossen. »Von Traurigkeit habe ich bei ihr nichts bemerkt. Im Gegenteil.« Er setzte sich. »Ich bin heilfroh, dass diese Irre endlich abgerauscht ist. Oder hast du anderen Kummer?«
   »Katrin war meine einzige Freundin.« Lilli fühlte sich elend.
   »Was hast du von einer Verrückten, die in Saris herumrennt und sich Blumen ins Gesicht malt?« Jochen verschränkte die Arme vor der Brust. »Vergessen wir diese Frau. In zwei Stunden muss ich am Flughafen sein. Mein Chef hat mich nach London beordert. In den nächsten Wochen stecke ich in Verhandlungen, auch an den Wochenenden, fest. Dadurch hast du Zeit für dich und kannst deine Diät ohne lästiges Kochen für mich vorantreiben.« Er stand auf. »Während ich dusche, kannst du meine Koffer packen.«
   »Wieder das Übliche?«
   Jochen nickte. Er löste den Knoten seiner Krawatte und verschwand im Badezimmer.
   Lilli biss sich auf die Lippen. Die Begrüßung war schroff und ohne jede Zärtlichkeit ausgefallen. Sicherlich lag das nur an seiner Begegnung mit Katrin. Dass sich die beiden auch noch über den Weg laufen mussten, hätte nicht sein müssen. Nun war die Freundin fort. Es gab keinen Grund mehr, sich ihretwegen zu streiten.
   Als Jochen aus dem Bad kam, war Lilli gerade dabei, die Koffer zu schließen. Sie ließ ihren Blick über seinen Körper gleiten. Er hatte sich ein Handtuch um die Hüfte gewickelt, seine Haare glänzten feucht. Am besten gefielen ihr seine blauen Augen. Lilli betrachtete ihn stumm.
   »Warum siehst du mich so an?« Er kam näher und zog sie in seine Arme.
   Lilli atmete auf. Endlich! »Weil du mir gefällst«, antwortete sie und streichelte über seinen nackten Oberkörper.
   »Das Kompliment gebe ich gern zurück.« Er zog sie an sich. »Ich kann es kaum erwarten, dich in dem umwerfenden Brautkleid zu sehen.« Seine Hände wanderten über ihren Körper.
   Lilli schmiegte sich an ihn. Vergessen war die unfreundliche Begrüßung. Sie genoss die Berührungen seiner Hände, die ihr über den Po streichelten. Jochens rechte Hand wanderte weiter nach vorn, und seine Finger glitten über ihren Bauch. In diesem Moment zerfiel die Stimmung in Nichts. Jochen verhärtete sich und wich zurück.
   »Was ist mit dir?«
   »Mit mir nichts, aber mit deinem Bauch. Du hast eindeutig eine Rundung, die gestern noch nicht da war. Hast du etwa schon wieder gesündigt?«
   Lilli senkte den Kopf. »Ich hatte schrecklichen Hunger. Mir war auch schlecht. Deshalb hat mich Katrin zum Italiener eingeladen. Ab jetzt bin ich wieder diszipliniert. Wenn du zurückkommst, habe ich die gewünschte Konfektionsgröße erreicht.« Lilli legte ihm die Arme um den Hals.
   Jochen fasste nach ihren Händen und schob sie von sich fort. »Endlich kann ich Katrins Worte deuten. Sie sagte, ich gehe zwar nicht nach Saudi-Arabien, will dir aber von dort einen Spruch verraten.«
   »Was hat sie gesagt?« Lilli ahnte Schlimmes.
   »Sie sagte, eine Frau ohne Bauch ist wie der Himmel ohne Sterne.« Jochen war die Wut deutlich anzusehen. »Solch ein Blödsinn kann nur von einer Tonne kommen, die mindestens achtzig Kilo wiegt. Wahrscheinlich hat sie dir diesen Unsinn auch noch eingeredet.«
   »Aber nein. Niemand bringt mich dauerhaft von meinen Plänen ab. Ich habe die Zeit im Waisenhaus nicht vergessen.« Sie hatte Mühe, die aufsteigenden Tränen zu unterdrücken. »Ich erreiche mein Ziel!«
   Jochen betrachtete sie eine Weile. »Dann ist es ja gut. Du siehst toll aus, noch fünf Kilo weniger und du bist perfekt. Dass ich die Hochzeit abblase, wenn du scheiterst, ist kein Bluff.« Er nahm sie in die Arme. »Wenn du immer diszipliniert bleibst, regelmäßig ins Fitnessstudio gehst und auf deine Kalorienzufuhr achtest, kannst du deine Figur ein Leben lang halten. Du fühlst dich doch mit Bauch und all den überflüssigen Pfunden selbst unwohl. Oder irre ich mich?«
   »Ich will nie wieder dick sein. Früher habe ich mich immer wegen meiner Figur geschämt.«
   »Na also. Jetzt hast du mindestens drei Wochen, um diesen Ausrutscher auszugleichen. Hoffentlich bin ich bei meiner Rückkehr angenehm überrascht.«
   »Ich verspreche es dir.«
   Jochen sah zur Uhr. »Wenn du Probleme hast, wende dich an Elisa. Sie hat noch manchen Trick auf Lager. Ich schicke ihr nachher eine SMS, damit sie dich unter ihre Fittiche nimmt.«
   Sie nickte. Wahrscheinlich war es das Beste, sich an Jochens Schwester zu wenden. Sie war Mannequin und gezwungen, ihre Figur zu halten.
   Jochen griff sich seine Hose und schlüpfte hinein. Es war höchste Zeit. In einer dreiviertel Stunde mussten sie am Flughafen sein.

Lilli starrte dem Flieger hinterher, der sich langsam in die Luft erhob. Obwohl Jochen sie kurz vor dem Abschied noch geküsst hatte, fühlte sie sich leer und ausgebrannt. Ihr Körper war seltsam schwer. Sie hatte das Gefühl, als wäre auch der Abschied von Jochen ein Abschied für immer. Sie sah durch die Fensterscheiben der Besuchertribüne und beobachtete das Treiben auf dem Flugplatz. Sicherlich hingen diese Gefühle mit Jochens Reaktion im Schlafzimmer zusammen. Diese Demütigung ließ sich nicht einfach abschütteln.
   Monatelang hatte sie tapfer durchgehalten und innerhalb eines Jahres Kleidergröße zweiundvierzig gegen achtunddreißig eingetauscht. Und nun, gleich beim ersten Ausrutscher, hatte Jochen sie weggestoßen und jede Zärtlichkeit abgebrochen. Manchmal wünschte sie sich, dass er nur ein bisschen wie ihr Vater denken würde. Ihr Fitness- und Ernährungsprogramm wäre wesentlich erträglicher, wenn Jochen bei kleinen Rückfällen auch mit »Was soll’s, man kann nicht alles haben« reagieren würde.
   Lilli dachte an Katrins Worte, doch dann gab sie sich einen Ruck. Trübsal blasen war sinnlos. Sie hatte sich ein Ziel gesteckt, und dieses Ziel musste sie erreichen. Jochen tat wirklich alles, um sie zu unterstützen. Es war richtig, dass er ihre Schwächen nicht duldete, sonst würde sie niemals die nötige Ausdauer für ihre Diät aufbringen.
   Katrin hatte sich für ein Leben in Indien entschieden und dafür, dass ihr die eigene Figur gleichgültig war. Sie nahm nun das gleiche Recht in Anspruch und entschied, nie wieder dick zu sein.
   Lilli betrachtete die Reisenden mit ihren Gepäckstücken. Alles an diesem Ort erinnerte an Abenteuer, an fremde Länder und Gebräuche, aber auch an Veränderungen. Heute war so ein Tag, der für sie eine Veränderung einleitete.
   Gedankenverloren blieb sie an ihrem Platz stehen und sah zu, wie die Flugzeuge zur Startbahn rollten, starteten und landeten, Passagiere ein- oder ausstiegen und Flugzeuge aufgetankt wurden. Erst, als es dunkel wurde, ging sie zurück zum Parkdeck.
   Als sie an einem Selbstbedienungsrestaurant vorbeikam, beschleunigte sie ihre Schritte. Es duftete nach frischen Croissants, nach Kaffee und den verschiedensten Gerichten. Lilli floh Richtung Ausgang.
   »Der Countdown läuft«, flüsterte sie und betrat den Aufzug, der zur Tiefgarage führte. Drei Wochen für fünf Kilo. Wenn sie jetzt diszipliniert trainierte und ihre Diät konsequent einhielt, müsste sie es schaffen. Entschlossen stieg sie in ihr Auto.
   Nur nicht mehr ablenken lassen. Als sie aus der Tiefgarage fuhr, fühlte sie sich schon besser.

Eine Stunde später parkte Lilli vor ihrem Wohnblock.
   In den Fenstern der Apartmentwohnung von Jochens Schwester brannte Licht. Lilli konnte Elisa zwar nicht leiden, aber sie war einem einsamen Abend mit Hunger dennoch vorzuziehen. Diese Frau war momentan die Einzige, die ihr weiterhelfen konnte. Wenig später saß sie bei Elisa im Wohnzimmer.
   »Ich habe Jochens SMS gelesen.« Elisa stellte eine Flasche Wasser auf den Tisch. Sie trug ein elegantes silbernes Nachtkleid, das sich in weichen Falten um ihren zierlichen Körper schmiegte. Ihre blonden Haare fielen offen über die Schulter. Wie immer sah sie atemberaubend aus. Lilli hatte sie nie anders als schön gesehen. »Ein wundervolles Nachtkleid«, sagte sie bewundernd.
   »Meine neuste Errungenschaft.« Elisa setzte sich ihr gegenüber und schlug graziös die Beine übereinander. »Jochen will, dass ich dich beim Abnehmen unterstütze. Wenn du allerdings vorhast, deine Diäten in italienischen Restaurants anzusiedeln, bin auch ich machtlos.« Sie schüttelte den Kopf. »Wie konntest du dich so gehen lassen?«
   »Es war ein Abschiedsessen«, verteidigte sich Lilli. »Bei so einem Anlass kann ich ja schlecht Nein sagen.«
   »Du kannst immer Nein sagen. Wenn du dazu nicht fähig bist, vergiss die Diät. Wie willst du sonst deine Traumfigur schaffen und vor allem halten?«
   »Hättest du an meiner Stelle Nein gesagt?« Lilli zog zweifelnd die Brauen zusammen.
   »Natürlich.« Elisa lächelte selbstsicher. »Und wenn ich jemanden ins Restaurant begleitet hätte, wäre ich nicht so willensschwach gewesen wie du und hätte mir Pizza bestellt. Auf das Dessert hast du sicherlich auch nicht verzichtet. Oder tue ich dir jetzt unrecht?«, fragte sie und schien amüsiert.
   »Nein«, antwortete Lilli ehrlich. »Und eine Vorspeise habe ich mir ebenso gegönnt. Ich dachte mir, wenn schon, denn schon.«
   »Genau das ist der Fehler. Du denkst falsch. Du darfst dich niemals gehen lassen. Präg dir das ein. Dein Vorsatz, nichts oder nur wenig zu essen, muss dir in Fleisch und Blut übergehen. Es ist alles eine Frage des Willens. Ohne Disziplin erreichst du überhaupt nichts.«
   »Der Ausrutscher war ein Fehler, aber ich war so frustriert. Die ganze Woche habe ich gehungert und kein Gramm abgenommen. Mein Gewicht steckt fest.«
   »Dann musst du die Diät durch ein vernünftiges Fitnessprogramm ergänzen.«
   Es klopfte an der Tür. »An deiner Stelle würde ich das sein lassen.« Kai, Elisas Mann, lehnte am Türrahmen. »Meiner Meinung nach solltest du die ganze Diät sausen lassen.«
   Elisa drehte sich sichtlich verärgert um. »Deine Meinung interessiert nun wirklich niemanden.«
   Kai grinste und setzte sich zu Lilli auf das Sofa. »Richtig, ich vergesse immer wieder, dass ich nichts mehr zu melden habe. Als du vor einem Jahr zu Jochen gezogen bist, hast du besser ausgesehen. Die Rundungen standen dir. Warum will eine Frau mit deinem Appetit wie ein Skelett durch die Gegend rennen? Abgesehen davon, dass Frauen, die nur aus Haut und Knochen bestehen, nicht besonders attraktiv sind.«
   »Das sagst du, wo du die schönste Frau hast.« Lilli sah zu Elisa.
   Auch Kai ließ den Blick auf seiner Frau ruhen. »Sie würde mir mit zehn Kilo mehr besser gefallen.«
   »Das könnte dir so passen!« Elisa verschränkte ihre Arme.
   »Es würde mir passen, allerdings habe ich in dieser Richtung keine Hoffnung mehr.« Er wandte sich an Lilli. »Ich bin Elisa nämlich auch nicht mehr attraktiv genug. Mein Bauch ist ihr zu dick, und meine Liebe fürs Essen geht ihr entschieden auf die Nerven. Kochen darf ich auch nicht mehr. Die Gerüche stören sie. Aber sie ist nicht die Einzige, die durch Störungen aus der Bahn geworfen wird. Ich habe es nämlich satt, ständig allein zu essen.«
   Lilli sah von Kai zu Elisa. »Bedeutet das …?«
   »Genau das«, sagte Kai und seine Stimme klang bitter. »Wir waren schon beim Anwalt. Morgen ziehe ich aus.« Er zwinkerte ihr zu. »Soll ich dich mitnehmen?«
   »Mich?« Lilli sah erschrocken auf.
   »Natürlich dich. Wenn du bei Jochen bleibst, erleidest du früher oder später Schiffbruch. Dir blüht dann das gleiche Schicksal wie mir. Mit einer Leidenschaft für Essen und Trinken bist du in dieser Familie fehl am Platz. Abgesehen davon bezweifle ich, dass du die nötige Disziplin aufbringst, um dauerhaft Puppengröße sechsunddreißig zu halten. Eine liebenswerte Schwäche, wie ich finde, aber nicht für Elisa und Jochen. Für die zählt einzig und allein eiserner Wille. Die beiden haben nicht nur in diesem Punkt einen Knall. Am besten suchst du dir einen netten Mann, mit dem du das Leben genießen kannst. Einen, der dich liebt und nicht dein Aussehen. Auf Dauer ist eine Frau, die nur einen schönen Körper besitzt, sowieso zu wenig. Mir zumindest.« Er grinste. »Jochen ist da allerdings anders gestrickt. Er lässt dich sitzen, wenn du ihm nicht mehr gefällst. Und da wir bekanntlich alle älter werden und schöner sowieso nicht, hast du bei ihm auf Dauer nicht die geringste Chance. Geh, bevor es zu spät ist.«
   »Hör nicht auf ihn.« Elisa beugte sich vor. »Er braucht nur Gleichgesinnte, die genauso schwach sind wie er und die jedem Hungergefühl gleich nachgeben. Nur in einem stimme ich ihm zu. Jochen meint es ernst. Was soll er mit einer Frau, die nicht einmal die nötige Disziplin für ihre Figur aufbringt? Das hat viel mit Ästhetik zu tun. In einem schönen Körper wohnt auch ein schöner Geist.«
   »Das hättest du wohl gern.« Kai lachte. »Hätte ich in unserer fünfjährigen Ehe einen schönen Geist in deinem Körper entdeckt, würde ich sogar bleiben.« Er lehnte sich zurück und sah zu Lilli. »Weißt du, wie das hier abgeht?«
   Lilli fühlte sich überhaupt nicht wohl. Sie wollte das Thema gern beenden. Für Elisa war das sicherlich unangenehm. Kai schien das nicht zu stören.
   »Deine Ehe wird auch nicht anders ablaufen«, fuhr er gnadenlos fort. »Auch Jochen liebt gutes Essen, nur ihn wird es nicht stören, wenn kaum etwas auf deinem Teller liegt und du ihn mit hungrigen Augen ansiehst. Ich allerdings finde es unerträglich, einer Frau gegenübersitzen zu müssen, die an einem Salatblatt knabbert und eisern jede Diät einhält, während ich die tollsten Gerichte zaubere. Um die Diätmargarine auf ihrem Knäckebrot zu sehen, brauchst du eine Lupe. Und dann diese Geräusche beim Essen. Dieses ständige Geknacke. Sowohl Rohkostscheibchen als auch Knäckebrot sind nicht gerade leise Nahrungsmittel. Es gibt Leute, die erstellen Tabellen nach Kalorien und Inhaltsstoffen. Ich hingegen habe während meiner fünfjährigen Ehe eine Liste von lauten und leisen Nahrungsmitteln entworfen.«
   Lilli blickte irritiert zu ihm auf.
   »Die lauten und bevorzugten Nahrungsmittel von Elisa stehen links und sind kalorienarm«, klärte Kai Lilli auf. »Sie arbeitet mit allen Tricks. Bei Knäckebrot und Rohkostscheibchen werden nämlich auch die Kaumuskeln trainiert. Das kann schon mal mit einigen Kalorien veranschlagt werden. Elisa lässt keine Gelegenheit aus. Als Mannequin muss sie ja schließlich verbrennen, was möglich ist, denn …«, er machte eine Pause, »ein würziger Schafskäse im Fett gebacken erfordert kaum Kauleistung, sondern schmeckt einfach nur. Für Elisa und ihresgleichen ist ein Essen ohne Anstrengung nichts für die Figur. Wenn ich allerdings am Abend mit Chips und Nüssen bereit wäre, gemeinsam mit ihr um die Wette zu knabbern, verweigert sie sich mir schon wieder. Ich hoffe, du begreifst, dass für uns ein weiteres Zusammenleben unerträglich ist.«
   In diesem Moment klingelte das Telefon. »Ich stehe auf Rundungen«, sagte Kai, stand auf und verschwand im Nebenzimmer.
   Lilli musste das eben Gehörte erst einmal verdauen. »Das mit eurer Trennung tut mir leid«, sagte sie schließlich. Sie meinte es ehrlich, sie mochte Kai sehr.
   Elisa winkte ab. »Ich hätte ihn nie heiraten dürfen. Dieser Fehler ist bald behoben. Kommen wir zur Sache. Was hast du für ein Problem?«
   Lilli rieb sich die Knie. »Es geht kein Gramm mehr runter. Und das bei nur achthundert Kalorien am Tag. Wenn ich die Kalorienzahl überschreite, nehme ich sofort wieder zu.«
   »Und was isst du?«
   »Obst, Karotten, Vollkornbrot. Auch Nudeln und Gemüse.«
   »Lass die Kohlenhydrate sein. Streich das Brot und die Nudeln und konzentriere dich auf Eiweiß in Form von Joghurt, Quark und Obst. Allerdings kein süßes Obst. Mageres Fleisch ist in Ordnung. Du musst Sport treiben und regelmäßig kalt duschen. Das verbrennt zusätzliche Kalorien. Disziplin ist oberstes Gebot.« Sie griff nach einem Stift. »Besorge dir dieses Buch. Darin findest du alle Tricks, wie du innerhalb von drei Wochen schlank sein kannst und wie du auf Dauer dein Gewicht und deine gewünschte Konfektionsgröße hältst. Wichtig ist, dass du hauptsächlich Eiweiß isst und diese Diät mit Bewegung und Sport kombinierst.«
   »Glaub doch diesen Blödsinn nicht«, rief Kai von der Tür aus dazwischen. Er griff nach seinem Schlüsselbund. »Ich muss noch mal in die Stadt, um meine Umzugskisten abzuholen.« Er nickte Lilli zu. »Es geht nichts über ausgewogenes Essen. Eine Ernährung nur auf Eiweißbasis haut dich früher oder später um. Und da du kaum würzen darfst und auf Fett verzichten musst, schmeckt das Ganze sicherlich auch noch zum Davonlaufen.« Er hob die Hand und verschwand.
   Elisa blickte ihm wütend hinterher. »Dieses Diätbuch ist alles andere als Blödsinn. Ich hoffe, du vertraust mir und hörst weder auf Kai noch auf Katrin.«
   »Deshalb bin ich ja hier. Du bist der beste Beweis, dass deine Ernährung funktioniert. Ich will Jochen bei seiner Rückkehr überraschen. Bist du sicher, dass ich das innerhalb von drei Wochen hinbekomme?«
   »Wenn du dich konsequent an das Programm hältst, ja. Keine Abweichung in irgendeiner Richtung und keine Experimente.« Elisa schob ihr den Zettel zu.
   Für immer schlank und dauerhaft schön bleiben in nur drei Wochen.
   Lillis Hand zitterte, als sie die Zeilen las. Sie hatte plötzlich das Gefühl, als würde dieses Buch ihr ganzes Leben verändern.

3
Auf nüchternen Wegen

Ein Blick auf die Uhr verriet Lilli, dass sie verschlafen hatte. Im Grunde war das gleichgültig. Seit einem halben Jahr ging sie auf Jochens Wunsch nicht mehr als Kellnerin arbeiten. Sie hatte keine Verpflichtungen und musste nirgendwo pünktlich erscheinen.
   »Genau das ist das Problem«, murmelte sie und warf die Decke beiseite. »Mit einem Job wäre ich abgelenkt, hätte Bewegung und müsste nicht ständig ans Essen denken.«
   Essen! Da war es wieder, dieses Reizwort, das anscheinend als Dauergedanke ihr Leben begleitete. Sie schlüpfte aus dem Nachthemd und betrachtete sich vor dem Spiegel. Die kleine Wölbung am Bauch war noch immer vorhanden.
   Lilli legte die Turnmatte auf den Boden und absolvierte lustlos ihre Bauchübungen. Es war sinnlos, Trübsal zu blasen, sie musste Elisas Buch besorgen. Sie räumte die Gymnastikmatte zur Seite. Vielleicht fand sie in der Stadt ein Exemplar. Diesen Titel zu suchen, war immer noch besser, als herumzusitzen und ans Essen zu denken.
   Motiviert durch Elisas Vorschlag, ständig Kalorien zu verbrauchen, machte sie sich ohne Frühstück auf den Weg. Sie mied die Straßenbahn und legte die drei Kilometer in die Innenstadt zu Fuß zurück. Der flotte Marsch tat ihr gut, doch als sie die Fußgängerzone erreicht hatte, erfassten unterschiedliche Gerüche ihre Sinne. Unglaublich, dass es schon morgens um zehn Uhr nach Mittagessen roch. Sie huschte am Kebabstand vorbei, ebenso an der Würstchenbude, lediglich die Cafeteria um die Ecke war schwer zu ignorieren. Es duftete nach frisch geröstetem Kaffee und süßem Gebäck.
   Nur schnell weiter. Doch schon tauchte Nordsee vor ihr auf. Sie wechselte die Straßenseite und gestand sich ein, dass sie in ihrem jetzigen Zustand nicht einmal ein Fischbrötchen zum Frühstück verschmäht hätte. Auf der anderen Straßenseite angekommen, stoppte sie abrupt. Sie stand direkt vor dem Verkaufsfenster für Pizzastücke. Lilli jagte die Straße weiter. Es war Zeit, dass sie sich in die Buchläden flüchtete. Dort war sie vor den verführerischen Gerüchen sicher.
   Fünf Minuten später betrat sie das erste Geschäft, weitere fünfzehn Minuten später das zweite. Nirgends wurde sie fündig. Das Buch war nicht mehr erhältlich. Nach dem siebten Buchladen gönnte sie sich eine Pause und setzte sich auf eine Bank.
   Ihr Magen knurrte wie ein Wolf, sie fühlte sich hundeelend. Immerhin, es war halb drei, und sie hatte bisher allen Versuchungen widerstanden. Ihr Fußmarsch war auch nicht zu verachten. Die Waage würde sie bestimmt für den heutigen Einsatz belohnen.
   Lilli schloss die Augen. Die Sonne schien warm, die Vögel zwitscherten, und sie nahm die Geräusche um sich herum nur noch gedämpft wahr. So blieb sie eine halbe Stunde lang sitzen und genoss die Sonne. Plötzlich erinnerte sie sich, dass Katrin ihr von einem Buchladen am Ende der Altstadt erzählt hatte. Sie war müde und murrte, dass sie schon wieder so weit laufen musste, doch sie hatte nichts zu verlieren. Außer natürlich Gewicht, motivierte sie sich. Bei dem Marsch konnte sie wenigstens Kalorien verbrennen.
   Sie musste wie Elisa denken. Auf ihrem Weg betrachtete sie die Kleider in den Schaufensterauslagen. Wie sie wohl in diesen Modellen aussehen würde? Ihre Fantasie erschuf ein angenehmes Bild. Tapfer schritt sie noch schneller voran. Offensichtlich funktionierte Elisas Denkweise. Lilli war zwar erschöpft, ihr Kreislauf machte langsam schlapp, doch sie kämpfte sich vorwärts und fand den Laden endlich in einer Seitengasse der Altstadt. Von außen machte er den Eindruck einer Esoterikbuchhandlung.
   Typisch Katrin! Lilli bezweifelte, dass sie ihr Wunderbuch zum Abnehmen gerade dort finden würde. Dennoch öffnete sie die Tür. Der Raum war vom Duft vieler Räucherstäbchen erfüllt.
   Wenigstens roch es nicht nach Essen. Sie sah sich in dem vollgestopften Raum um. Er wirkte geheimnisvoll und lud zum Stöbern ein. An den Wänden standen nicht nur Bücherregale, sondern auch Skulpturen. Die Leseecke, die mit Teppichen ausgelegt war, gab dem Ganzen einen orientalischen Schliff. Im Laden war niemand zu sehen. Lilli stöberte in einem Regal mit magischen Kochbüchern. Bücher zum Abnehmen fand sie nicht. Dafür entdeckte sie Hexenbücher und Literatur über Liebesrezepte und Wohlfühlessenzen.
   Sie hielt gerade ein Werk über ätherische Öle in der Hand, als sie Schritte hörte. Sie drehte sich um und stand einer älteren Frau gegenüber. Mit dem roten Rock und der lila Leinenbluse passte sie durchaus in die Atmosphäre dieses Ladens. Ihre grauen Haare waren zu einem langen Zopf geflochten, der ihr bis über den Rücken reichte. Sie war mindestens siebzig Jahre alt und ihre Augen glänzten.
   »Kann ich Ihnen helfen?«
   Lilli stellte den Band über ätherische Öle zurück ins Regal und kramte Elisas Zettel hervor. »Ich suche dieses Buch. Für immer schlank und dauerhaft schön bleiben in nur drei Wochen.« Sie lächelte, stutzte aber über das merkwürdig gleichgültige Gesicht der Frau.
   »Wozu wollen Sie immer schlank und dauerhaft schön bleiben?«
   »Wollen das nicht alle Frauen?« Lilli war verblüfft.
   »Nein!«
   »Vielleicht nicht alle, aber viele«, verbesserte sie sich. »Eine Freundin hat regelmäßig bei Ihnen Bücher und Räucherwerk gekauft. Katrin hat immer behauptet, dass Sie ein Genie im Auffinden von Titeln sind. Wenn es jemanden gibt, der vergriffene Bücher aufstöbert, dann Sie.«
   »Katrin?«
   »Leider ist sie nach Indien ausgewandert. Gestern. Sie trug immer bunte Saris. Schade, dass ich sie nie hierher begleitet habe.«
   »Dann sind Sie Lisa Linda?« Die Ladenbesitzerin hob die Brauen.
   »Ja, das ist mein Taufname, aber alle nennen mich Lilli. Haben Sie dieses Buch? Ich brauche es ganz dringend.«
   »Wozu?«
   »Damit ich Kleidergröße sechsunddreißig schaffe. Viel fehlt nicht mehr. Können Sie mir helfen?«
   »Wenn das Ihr Wunsch ist, nein.«
   »Schade, Sie waren meine letzte Hoffnung.« Sie sah ihrem Gegenüber in die Augen und erschrak über den seltsamen Glanz, der darin schimmerte.
   »Sicherlich bin ich Ihre letzte Hoffnung.« Die Frau deutete zur Leseecke. »Bestimmt habe ich das Buch noch irgendwo verstaut. Ein fantastisches Werk, voller wunderbarer Tipps und Geschichten. Warmherzig und verständnisvoll geschrieben. Gedulden Sie sich einen Moment, ich muss im Lager nachsehen.« Sie drehte sich um und verschwand.
   Lilli blieb mit einem merkwürdigen Gefühl zurück. Ob es nicht besser war, einfach zu gehen? Es schien hier nicht mit rechten Dingen zuzugehen. Nur die Aussicht auf Elisas Geheimtipp veranlasste sie, zu warten. Sie ignorierte ihre Bedenken, obwohl ihr das seltsame Gemurmel aus dem Nebenraum unheimlich war. Es hörte sich an, als würde die Frau jemanden oder etwas beschwören. Die Worte hatten einen fremdartigen Klang und waren nicht zu verstehen.
   Zwanzig Minuten später tauchte die Besitzerin wieder auf. Stolz hielt sie einen Wälzer in der Hand und legte ihn auf den Ladentisch.
   »Dieses Werk wird Ihr Leben verändern. Bei mir können Sie noch weitere Schätze finden.« Sie griff nach einem antik aussehenden Exemplar. »Da habe ich etwas über die Geheimnisse der Zahlen.«
   Lilli schüttelte den Kopf.
   »Nein? Wie schade.« Sie stellte das Buch zurück und griff nach einem anderen. »Wie wäre es damit? Hierin finden Sie alles über Ihren persönlichen Schutzengel. Sehr zu empfehlen, vor allem, wo Sie doch so einsam sind.«
   Der Blick, der diese Worte begleitete, ließ Lillis Magen rebellieren. Wieso glaubte diese Frau, sie wäre einsam? »Danke für die Empfehlungen. Ich bin mit meiner Wahl zufrieden.«
   »Das können Sie auch.« Die Frau griff nach einem weiteren Buch und schob es Lilli zu. »Sie sollten sich dringend über Zeit und Raum informieren. Zuerst müssen Sie jedoch lernen, dass es Zeit und Raum überhaupt nicht gibt.«
   »Sehr interessant. Trotzdem danke«, wehrte Lilli ab und kramte nach ihrem Portemonnaie. »Ich beschäftige mich nicht mit solchen Themen.«
   »Das sollten Sie aber. Wissen ist Macht. Wenn Sie eines Tages ernsthaft in Schwierigkeiten geraten sollten, hilft Ihnen Kleidergröße sechsunddreißig auch nicht weiter.« Die Besitzerin lächelte sonderbar.
   Lilli legte zwei Zwanzigeuroscheine auf den Tisch. »Stimmt so.«
   Die seltsame Frau schob ihr noch ein Lesezeichen zwischen die Seiten und packte das Buch in eine Stofftasche. »Kennen Sie die Forscherin Tatjana Hexowah?«
   »Nein.« Lilli wollte nur noch gehen.
   »Ich hätte interessanten Lesestoff von ihr. Etablierte Wissenschaftler von Rang und Namen verhöhnen ihre Thesen. Da die menschliche Dummheit auch in den Köpfen der führenden Schichten und Entscheidungsträger zu finden ist, liegt die Vermutung nahe, dass die Ausrottung von Dummheit noch in weiter Ferne liegt.« Sie lächelte und reichte Lilli ein weiteres Exemplar. »Wie wäre es stattdessen mit einem Wahrsagebuch von Sara Laron?«
   »Das ist nichts für mich.« Lilli klopfte auf ihre Tasche. »Ich will mich in nächster Zeit ausschließlich mit meinem Diätbuch beschäftigen.«
   »Das sollten Sie tun.« Wieder lächelte die Frau sonderbar. »Ich wünsche Ihnen viel Erfolg und ein erfülltes Leben.«
   Lilli verabschiedete sich und verließ den Laden. Als sich die Tür hinter ihr schloss, drückte sie die Tasche an sich. Geschafft! Jetzt hatte sie nur noch einen Wunsch. So schnell wie möglich nach Hause zu gehen und mit der Diät zu beginnen. Obwohl ihr noch immer flau war, machte sie sich zu Fuß auf den Rückweg.

Als Lilli auf die Waage stieg, war sie einigermaßen zufrieden. Der Fußmarsch hatte sich ausbezahlt. Sie wog wieder genauso viel wie vor dem Pizzaessen beim Italiener. Sie brühte einen Tee auf und wollte für den Rest des Tages fasten. Erst, als sie den Tee getrunken hatte, schnappte sie sich die Stofftasche. Das Buch fühlte sich seltsam schwer an. Sie blinzelte. Es fühlte sich nicht nur anders an, es sah auch anders aus. An einen blauen Einband konnte sie sich nicht erinnern. Und der Tit…?
   Im Flur klingelte es. Das Buch glitt ihr aus den Händen. Als es erneut läutete, diesmal energischer, sprang Lilli auf und rannte zur Tür.
   »Bist du endlich zurück?«, fragte Elisa und schlüpfte in die Diele. »Warum starrst du mich so entgeistert an? Ich wollte nur nach dir sehen. Nun sag schon, hast du es bekommen?«
   »Das Buch, ja, das, das …«, stotterte Lilli und deutete ins Wohnzimmer. »Ich musste lange danach suchen.«
   »Hoffentlich hast du nicht wieder gesündigt.« Elisa schwang sich im Wohnzimmer in einen Sessel.
   »Heute habe ich noch überhaupt nichts gegessen und bin viel marschiert. Und das eine Kilo ist auch wieder unten. Aber das Buch ist blau, und im Laden war es weiß, vielleicht ist es das falsche. Und draußen vor der Tür war es noch das richtige.«
   »Was redest du denn für einen Unsinn? Und wieso blau? Da ist es ja.« Sie griff nach dem Buch und hielt es in die Höhe. »Es ist weiß! Weißer geht es nicht.« Elisa schlug wahllos eine Seite auf. »Genau diese Ausgabe habe ich gemeint.« Sie klappte den Buchdeckel zu und strich über den Einband. »Für immer schlank und dauerhaft schön bleiben in nur drei Wochen«, las sie. »Damit ist der Erfolg garantiert.« Sie sah zu Lilli. »Gibt es einen Grund, warum du so perplex dasitzt?«
   »Eben noch, bevor du kamst, war der Einband blau.«
   Elisa setzte sich neben sie, ohne auf ihre Worte zu achten. »Es gibt da eine Tabelle mit wichtigen Lebensmitteln.« Sie zeigte ihr auch die Übungen für die einzelnen Körperpartien und die Passage, in der ein Gewichtsverlust von fünf Kilogramm in nur zehn Tagen versprochen wurde.
   »In zehn Tagen – fünf Kilo? Das wäre traumhaft.«
   »Du musst dich nur strikt an die Anweisungen halten. Der kleinste Fehler, und du kannst die Sache vergessen.«
   Lilli zuckte zusammen, als Elisas Handy klingelte. »Natürlich komme ich«, rief sie vergnügt. »In einer Stunde bin ich bei euch.« Sie schaltete das Handy aus und klopfte auf die aufgeschlagene Seite. »Fang sofort mit der Diät an. Nicht irgendwann, gleich. Das ist das Geheimnis des Erfolgs. Nichts verschieben, sondern sofort beginnen.« Sie blätterte einige Seiten zurück. »Das ist dein Einstieg. Am ersten Tag wird nur mit Wasser und Tee entschlackt. Du hast heute also schon instinktiv das Richtige getan. Ab morgen kommen die Nahrungsmittel auf Eiweißbasis. Nicht vergessen, jetzt, in diesem Moment. Nicht morgen oder übermorgen oder nach dem Geburtstag von irgendjemandem nächste Woche. Jetzt!« Elisa hob die Hand und verließ das Zimmer.
   Lilli blieb sitzen. Die Tür in der Diele schlug zu. So allein gelassen fühlte sie sich überhaupt nicht gut. Sie atmete tief durch, griff nach dem Buch und erschrak im gleichen Moment fürchterlich.



Zweiter Teil
Dick und dennoch sexy in einundzwanzig Tagen


1
Finger weg von allen Diäten

Der Tipp von heute für einen guten Start:
Der Entschluss, mit den Diäten Schluss zu machen.


Mit einem Plumps fiel das Buch zu Boden. Lilli starrte auf den Buchdeckel. Blau! Der Einband war blau und nicht weiß, wie zuvor. War bereits ein Fastentag in der Lage, sie aus der Bahn zu werfen? Lilli blinzelte. Der Buchdeckel war wieder weiß. Sie schielte auf den Seiteninhalt. Auch der seltsame Titel war verschwunden.
   Wichtige Tipps, bevor Sie mit der Diät beginnen, stand da und nichts anderes. Offensichtlich war sie geistig verwirrt, was bei dieser elenden Diät nicht verwunderlich war. Sie fühlte sich schwindlig und ihr Magen knurrte. Lilli fragte sich ernsthaft, ob sie ihr Ziel tatsächlich erreichen konnte. Sie hatte schon zahlreiche Diäten hinter sich und besaß Erfahrung. Das Glücksgefühl, das sie nach jeder erfolgreichen Diät gehabt hatte, war jedes Mal einer Frustration gewichen. Jede Gewichtsabnahme war von einer noch größeren Gewichtszunahme abgelöst worden. Dieser Zustand hatte den Zeiger ihrer Waage konsequent nach oben getrieben.
   Erst, nachdem sie ihre Ernährung mithilfe einer Gruppe umgestellt hatte, kam der Erfolg. Danach konnte sie für längere Zeit Größe zweiundvierzig halten. Sie hatte sich wohlgefühlt, fand sich hübsch und war mit ihrem persönlichen Ernährungsplan zufrieden und vor allem satt gewesen. Nur durch Jochens Forderung, weiter abzunehmen, war sie erneut ins Straucheln geraten. Nun steckte sie fest.
   Feststecken, das war die richtige Bezeichnung, sowohl seelisch als auch körperlich. Die Frage war jetzt nur, ob Kai recht hatte? War sie der Typ Frau, der es nicht schaffte, dauerhaft eine zierliche Kleidergröße zu halten? Er hatte dies eine liebenswerte Schwäche genannt, Elisa und Jochen nannten das verächtlich Mangel an Disziplin. Aber war Größe zweiundvierzig nicht auch in Ordnung? Lilli biss sich auf die Lippen.
   »Ich denke schon wieder falsch.« Sie stand auf, lief zum Fenster und blickte hinaus. Es dämmerte, die Straßenlaternen leuchteten bereits. Elisa verließ gerade das Haus. Im Licht der Laterne sah sie umwerfend aus. Wenn Elisa ihre Traumfigur halten konnte, musste ihr das doch auch gelingen. Genau so wollte sie aussehen. Sie wollte Jochen mit ihrem Aussehen überwältigen. Er sollte stolz auf sie sein.
   Motiviert durch Elisas Anblick fühlte Lilli, wie die Energie zurückkehrte. Sie setzte sich aufs Sofa und griff nach dem Buch. Der Einband war weiß.
   Lilli schlug Seite sieben auf. Im gleichen Moment zuckte sie zusammen. Das war doch nicht möglich! Entsetzt klappte sie das Buch zu. Der Deckel war blau und darauf stand Dick und dennoch sexy, in einundzwanzig Tagen. Hektisch blätterte Lilli in den Seiten.
   »Ich bin irre vor Hunger!« Einer von Elisas Tipps fiel ihr ein. Eiskalt duschen, um den Kreislauf in Schwung zu bringen und zusätzlich Kalorien zu verbrauchen.
   Lilli ging ins Bad. Es kostete sie reichlich Überwindung, den eiskalten Wasserstrahl länger als fünf Minuten zu ertragen.
   Genug Kalorien verbraucht. Zähneklappernd stellte sie den Hahn auf Heiß. Ein Dampfbad hatte schließlich den gleichen Effekt und würde ebenfalls Kalorien verbrennen. Sie fühlte sich gleich besser und genoss die Wärme des Wassers. Als ihr flau wurde, verließ sie die Duschkabine und hüllte sich in ein Tuch. Sie wollte gerade nach einem zweiten Handtuch greifen, als es plötzlich hinter ihr raschelte. Lilli drehte sich um und schrie auf. Vor ihr stand jemand.
   Sie wich zurück und wischte sich mit der Hand über die Augen. Im ersten Moment glaubte sie, es wäre ein Mann. Erst beim zweiten Hinsehen erkannte sie, dass es eine Frau war.
   »Wer sind Sie? Wie sind Sie in meine Wohnung gekommen?«
   Die Fremde betrachtete Lilli eingehend.
   Lilli hielt ihr Handtuch krampfhaft umschlungen.
   »Ich bin wegen Ihrer Diät hier.« Die Frau setzte sich auf den Badewannenrand. »Ich bin gekommen, um zu helfen.«
   Lilli stieß die angehaltene Luft wieder aus. »Hat Elisa Angst, dass ich ohne Kontrolle sündige?« Eigentlich passte dieses Verhalten nicht zu Elisa.
   Die Fremde betrachtete Lilli mit einem seltsamen Blick, antwortete aber nicht.
   Lilli deutete zur Tür. »Auch wenn ich in Gesellschaft Hunger leichter ertragen kann, möchte ich mich zuerst anziehen. Allein!«
   Die Frau verließ kommentarlos das Bad.
   Merkwürdig. Lilli rubbelte die Haare trocken, als sich die Tür hinter der Fremden schloss. Ob das einer von Elisas psychologischen Kniffen war? Ihr eine dicke Frau zu schicken, damit sie erkannte, wie unvorteilhaft das aussah? Warum hatte sie ihr nicht verraten, dass sie Unterstützung angeheuert hatte? Und den Ersatzschlüssel für ihre und Jochens Wohnung einfach ohne Vorwarnung an Fremde auszuleihen, war auch allerhand. Sie musste dringend mit ihr reden. Lilli schlüpfte in ihre Kleider und öffnete das Badfenster.
   Ihre Besucherin hatte es sich inzwischen im Wohnzimmer in einem der Sessel bequem gemacht. Im Licht der Lampe erschienen ihre Gesichtszüge noch mehr wie die eines Mannes.
   Lilli nagte an der Unterlippe. Diese männlich aussehende Fremde gehörte eindeutig nicht zu den Menschen, mit denen Elisa sich sonst abgab. »Wie sind Sie in meine Wohnung gekommen?« Lilli setzte sich auf das Sofa, bekam jedoch keine Antwort.
   Stattdessen nahm die Frau das Diätbuch vom Tisch.
   Lilli wurde es heiß, als sie den blauen Einband sah.
   »Dick und dennoch sexy, in einundzwanzig Tagen«, las die Fremde. »Ein wundervolles Werk.« Sie sah Lilli herausfordernd an. »Eine gute Wahl. Und ich habe es geschrieben.« Sofort wandte sie sich dem Text zu. »Beginnen wir mit dem ersten Absatz:

Der Tipp von heute für einen guten Start:

   Der Entschluss, mit den Diäten Schluss zu machen.


Quälen Sie sich nicht mit unerreichten, unwichtigen Dingen. Streben Sie das an, was Sie wirklich brauchen und nicht das, von dem Sie glauben, dass Sie es unbedingt besitzen müssen. Schauen Sie sich um. Sehen Sie, was das Leben Ihnen an Schönem bietet.«

»Aufhören!« Lilli beugte sich vor. »Wer sind Sie? Und wer hat Sie geschickt?«
   Die Frau sah verwundert von ihrem Buch auf.
   Lilli versank für Sekunden in den blauen Augen ihrer merkwürdigen Besucherin. Etwas darin flößte ihr Vertrauen ein. Sie sah darin Güte und Humor. Es war sonderbar und merkwürdig zugleich, aber plötzlich war es ihr nicht mehr wichtig, wer diese Frau war und woher sie kam. Sie war nicht allein und fühlte eine Geborgenheit in sich aufsteigen, die sie nicht erklären konnte.
   »Mein Name ist Lea Andersen«, antwortete die Fremde und lächelte gütig. »Sie müssen sich nicht vor mir fürchten. Interessiert es Sie nicht, was es mit diesem Buch auf sich hat?«
   »Doch schon«, gab Lilli zu. »Vor allem, wenn ich dabei erkenne, dass ich nicht verrückt bin.«
   »Nein, noch sind Sie nicht verrückt. Nennen Sie mich doch Lea. Es gab eine Zeit, das ist schon lange her, da war auch ich schlank. Als ich jedoch mit zweiundzwanzig Jahren meine Ausbildung abschloss, sah ich mich mit einer Erwartungshaltung konfrontiert, der ich einfach nicht gerecht werden konnte.«
   »Und was sind Sie von Beruf?«, fragte Lilli höflich.
   »Hebamme. Um genauer zu sein, ich war Hebamme.«
   Lilli verstand nicht, worauf sie hinauswollte. »Was meinen Sie mit Erwartungshaltung?«
   »Zu meiner Tätigkeit als Hebamme gehörte die Betreuung der Wöchnerinnen. Was glauben Sie, geschah, als ich diese Frauen zu Hause besuchte?« Sie sah Lilli herausfordernd an. »Ich erntete erstaunte Blicke. Was? Sie sind die Hebamme? So jung? So schlank. Eine Hebamme habe ich mir immer ganz anders vorgestellt.«
   Lilli konnte sie nur anstarren. »Ich habe keine Ahnung, wie man sich eine Hebamme vorstellt. Ich hatte noch nie mit diesem Berufsstand zu tun.«
   »Die Vorstellung ist auch heute noch recht altertümlich. Eine Hebamme ist dick und alt.« Lea lächelte amüsiert.
   »Aha!« Offensichtlich war ihre Besucherin nicht ganz dicht. »Sie werden doch hoffentlich nicht dick geworden sein, nur um diesem Berufsbild zu entsprechen?«
   »Nicht ganz. Nach der Geburt meines ersten Kindes gewöhnte ich mir an, alles aufzuessen, was meine Tochter übrig ließ. Ich kochte mittags für das Kind und abends für meinen Mann. Wir hatten immer viel Spaß beim Essen. Natürlich blieb der Erfolg nicht aus. Ich wurde dick. Na ja, und alt wird man schließlich, ohne dass man sich besonders darum bemüht.« Sie nahm das Buch und strich über den Titel. »Als ich nach dem dritten Kind wieder berufstätig wurde, hieß es bei meinem Erscheinen gleich Die Hebamme ist da! Manche Dinge regeln sich mit der Zeit von selbst.« Lea lächelte still in sich hinein.
   Lilli rutschte nervös auf dem Sofa hin und her. Diese Frau hatte nicht alle Tassen im Schrank. »Und was hat das Ganze mit mir und meiner Diät zu tun? Und was ist mit diesem Buch los? Ich habe ein anderes Exemplar gekauft.«
   »Ich weiß. Sie wollen sich auf Konfektionsgröße sechsunddreißig hungern und das, obwohl sie jetzt schon total ausgezehrt sind. Ich bin hier, um das Schlimmste zu verhindern.«
   »Wie denn, und weshalb? Stecken Sie etwa mit der Verkäuferin des Buchladens unter einer Decke? Hat sie mir ein Zauberbuch angedreht? Diese Frau kam mir gleich verdächtig vor. Ich sollte wohl reingelegt werden? Der Trick mit der Verwandlung ist genial, aber ich möchte jetzt wieder mein Diätbuch haben.«
   »Aber warum denn?« Lea schien ehrlich erstaunt. »Mit dem Dick-und-dennoch-sexy-Buch fühlen Sie sich wesentlich wohler. Es ist unterhaltsam und absolut benutzerfreundlich. Sie finden darin sogar Kurzgeschichten.« Lea schlug einige Seiten auf. »In der heutigen Zeit leiden nicht nur viele Frauen unter ihrer Figur. Schon deshalb sind in meinen Geschichten nicht nur die Damen, sondern auch die Herren dick. Manchmal will eine Frau ihre Figur mit einer Diät erzwingen, doch es kommt immer Rettung in der Not.« Sie betrachtete Lilli, die ahnte, dass sie nicht gerade geistreich dreinblickte. »Ich habe diese Geschichten der Realität angepasst. In meinem Bekanntenkreis waren es meist Frauen, die sich über ihr Äußeres beklagt haben. Männer reden wohl nicht darüber, oder leiden heimlich vor dem Spiegel. Vielleicht haben sie auch nur eine lässigere Einstellung zu ihrer Figur. Die Winter Brüder in meinen Geschichten gehören eindeutig zu dieser Kategorie von Männern.«
   »Die Winter Brüder?« Lilli war wie vor den Kopf geschlagen.
   »Es gibt natürlich auch Herren, die ihre Damen unter Druck setzen«, sprach Lea weiter. »In der realen Welt, meine ich. Gerechterweise muss ich zugeben, umgekehrt auch. Und manche Frau gibt ihren Diätenwahn erst auf, wenn der Richtige kommt und sagt, du gefällst mir, wie du bist. Einer meiner Freundinnen ging es so. Sie machte ihrem Mann zuliebe eine Diät nach der anderen. Erst, als er sie wegen einer anderen sitzen ließ, kam sie zur Besinnung. Am Anfang ging es ihr schlecht. Dann lernte sie einen Mann kennen, der genauso viel Spaß am Essen und Kochen hatte wie sie. Innerhalb weniger Monate war sie dick, rund und unglaublich glücklich. Das war für mich der Anstoß, dieses Buch zu schreiben. Darum lautet der erste Rat: Finger weg von allen Diäten. Nicht nur wegen des Jo-Jo-Effektes, sondern auch, um den Körper nicht erfolglos zu quälen.«
   Sie deutete auf Lilli. »So, wie Sie hungern, kann das nur schiefgehen. Genießen Sie lieber Ihre Mahlzeiten und sorgen Sie regelmäßig für Bewegung in frischer Luft. Sie, Lilli, essen für Ihr Leben gern, also tun Sie es auch.« Lea klopfte auf die geöffnete Seite. »An diesem Ihrem ersten Tag gibt es für Sie nur eines zu tun. Den Entschluss zu fassen, mit den Diäten Schluss zu machen!«
   Lilli hatte genug. Diese Frau mitsamt ihren sonderbaren Vorstellungen war eine Zumutung. »Gehen Sie! Wegen Ihnen breche ich doch meine Diät nicht ab. Aber dieses Affentheater beende ich jetzt auf der Stelle. Und geben Sie mir mein Buch zurück.« Sie atmete tief ein. »Ich meine das Buch, das ich gekauft habe. Das Diätbuch!«
   »Warum so widerspenstig? Warum akzeptieren Sie sich nicht, wie Sie sind? Das ist die Aufforderung für diesen Tag. Dieser Entschluss ist bedeutend. Das ist wesentlich mehr, als der Entschlackungstag Ihres Originaltitels zu bieten hat. Sie finden in meinem Kochbuch wirklich schmackhafte Rezepte. Meine Kurzgeschichten helfen Ihnen ebenfalls.«
   »Es reicht!« Lilli deutete zur Diele.
   Lea Andersen stand auf. »Offensichtlich sind Sie noch nicht bereit, zu verstehen.« Ohne sich umzudrehen, verließ sie die Wohnung. Die Tür fiel ins Schloss.
   Lilli beugte sich zu ihrem Buch und starrte entsetzt auf das erste Rezept.

Gefüllte Champignons mit cremiger Weißweinsoße
500 g Riesenchampignons innen aushöhlen … (siehe Rezeptteil)

Das war zu viel. Ihr Magen krampfte, alles drehte sich. Als sie aufstand und zum Fenster gehen wollte, verfing sie sich im Teppich. Sie machte eine Drehung, stolperte und krachte mit dem Kopf auf die Tischplatte. Sekunden später wurde ihr schwarz vor Augen.

2
Von der Wichtigkeit, die Figur zu betonen

Der Tipp von heute für einen guten Start:
Querstreifen, Gummizug und Rüschen geben Ihrer Figur Form.


Lilli lächelte. Sie saß an einem Tisch in der Nähe des reichhaltig beladenen Frühstücksbuffets eines Viersternehotels. Hungrig nahm sie den Teller Rührei in Empfang, den ihr der Chefkoch persönlich überreichte. Das Essen war so warm, dass Dampf aufstieg. Es roch fantastisch, es roch wundervoll. Sie griff nach dem Besteck, nahm sich vom Rührei und führte die Gabel zum Mund.
   Genau in diesem Moment wachte sie auf.
   Lilli öffnete die Augen. Sie lag in ihrem Bett und konnte sich nicht mehr daran erinnern, wie sie hineingekommen war. Doch! Jetzt fiel es ihr wieder ein. Sie war nach dem Lesen eines Rezepts aufgesprungen, gestürzt und hatte sich den Kopf angeschlagen. Aber wie war sie …? Lilli schnupperte. Es roch fantastisch, es roch wundervoll, es roch nach …
   »Rührei«, rief sie und sprang mit einem Satz aus dem Bett. Diese sportliche Aktivität war übereilt, ihr wurde schwindlig. Sie plumpste zurück in die Kissen und griff nach ihrer Beule. Sie fühlte sich schwach und benebelt, doch einer ihrer fünf Sinne war hellwach. Und dieser Sinn registrierte, dass der Duft des Rühreis intensiver wurde. Fantasierte sie? Lilli stöhnte und setzte sich auf. In diesem Moment öffnete sich die Tür. Der Duft verstärkte sich.
   Lea balancierte ein Tablett auf den Händen und steuerte direkt auf das Bett zu.
   Lilli kroch zurück, bis sie mit dem Rücken an der Wand lehnte.
   »Frühstück!« Lea stellte das Tablett auf Lillis Schoß. »Nun essen Sie mal tüchtig, damit Sie mir wieder zu Kräften kommen.«
   Lilli starrte erst in Leas Gesicht, dann auf das Tablett auf ihrem Schoß. Neben dem Becher Kaffee, der mit einem Sahnehäubchen verziert und mit Kakaopulver bestreut war, stand ein Teller mit Rührei. Sie schloss die Augen und atmete tief durch, was sich eindeutig als Fehler erwies. Das Rührei duftete nur noch intensiver. Ehe sie einen klaren Gedanken fassen konnte, hatte ihr Lea auch schon die Gabel in die Hand gedrückt.
   »Meine eigene Frühstückskomposition. Probieren Sie!« Lea setzte sich auf den Bettrand.
   Lilli holte Luft, was sich eindeutig als Wiederholungsfehler herausstellte. Mit ihrer Selbstbeherrschung war es vorbei. Sie konnte der Versuchung nicht mehr widerstehen. Nur einen Bissen. Sie führte die Gabel zum Mund. Doch ein Bissen war einfach nicht genug. Das Gericht war himmlisch, traumhaft, köstlich.
   »Schmeckt toll, nicht wahr? Ich nenne es Rührei-Lea-Spezial. Das Rezept ist so was von einfach.« Sie deutete auf ihr Buch. Es hatte einen blauen Einband.
   Lilli kümmerte es nicht. Sie war mit dem Rührei beschäftigt. Dennoch warf sie einen Blick auf die aufgeschlagene Seite.

Rührei Lea Spezial
2 Eier verquirlen, einen Schuss Milch … (siehe Rezeptteil)


Lea lächelte und schien zufrieden, als Lilli den letzten Bissen in den Mund schob.
   »Himmlisch.« Lilli kostete den Kaffee und leckte die Sahne von den Lippen. Im gleichen Moment wurde ihr das ganze Desaster bewusst. »Nein!« Sie schob das Tablett zur Seite. »Was tun Sie schon wieder hier?«
   »Ich konnte Sie doch nicht ohnmächtig auf dem Boden liegen lassen. Ich musste helfen und Ihre Beule verarzten. Das ist bei mir ein Reflex, schon aus beruflichen Gründen.« Lea tätschelte ihre Hand. »Sie können ruhig zugeben, dass es Ihnen jetzt besser geht.«
   »Ich bin auf Diät!«
   »Ich schätze, jetzt nicht mehr.«
   Ihr wurde heiß. »Was fällt Ihnen eigentlich ein, sich derart in mein Leben einzumischen? Und wie schaffen Sie es, immer wieder in meine Wohnung einzudringen? Verschwinden Sie, oder ich rufe die Polizei.«
   »Ich konnte Ihnen doch unmöglich die Erste Hilfe verweigern. Warum die Polizei holen? Ich will Ihnen doch nichts Böses tun.« Lea schien ehrlich erstaunt.
   Lilli sah in ihre Augen. Nein, diese Frau war nicht böse, aber offensichtlich geistig verwirrt und unbelehrbar. Wie konnte sie ihr nur begreiflich machen, dass ihre Erste-Hilfe-Maßnahme völlig danebenging? Nun, nicht gerade die Hilfe, sie nach der Ohnmacht ins Bett zu verfrachten, aber die Hilfe, sie zum Essen zu verführen. »Ich muss diese Diät schaffen. Ich habe mir ein Ziel gesteckt, und dieses Ziel will ich unbedingt erreichen.«
   »Nicht nur Sie«, sagte Lea ungerührt. Sie stand auf, nahm das Tablett und brachte es, ein Liedchen trällernd, zurück in die Küche.
   Lilli blieb einen Moment sitzen, dann folgte sie ihrer merkwürdigen Besucherin. Diese war inzwischen im Wohnzimmer und machte sich, vergnügt summend, an einem Karton zu schaffen. Lea öffnete den Deckel und griff hinein.
   »Hübsch«, sagte Lilli leicht genervt und betrachtete den roten Rock. Offensichtlich war dieser Frau nicht klar, dass sie nicht willkommen war. Die ganze Situation hatte etwas Irreales an sich, denn schon wieder begann die Fremde, fröhlich vor sich hinzusummen.
   »Schlüpfen Sie doch hinein«, forderte sie Lilli auf.
   Sie riss ihr den Rock aus der Hand. »Verschwinden Sie dann?«
   »Wieso denn? Ihre Freundin ist fort, Elisas Mann ist auch kaum noch anzutreffen. Wie wollen Sie die vor Ihnen liegende Zeit durchstehen?«
   Lilli stutzte. Plötzlich glaubte sie zu wissen, wem sie Lea zu verdanken hatte. Nicht Elisa hatte ihr das eingebrockt, sondern ihre Freundin. »Katrin hat Sie geschickt, richtig?« Lilli war erleichtert. Dieser ganze Hokuspokus war Katrins Werk. »Und ich dachte, ich könnte jetzt ohne Beeinflussung meine Diät einhalten.« Sie schlüpfte in den Rock. Er passte, nur die knallroten Rüschen, die in mehreren Bahnen abgestuft nach unten aufgesetzt waren, betonten ihre Hüften.
   Lea griff erneut in den Karton und reichte ihr ein quer gestreiftes Oberteil in Schwarz-Weiß.
   Lilli nahm es und schlüpfte hinein. Sie hatte jetzt nur noch den Wunsch, diese aufdringliche Frau möglichst schnell wieder loszuwerden die sie inzwischen vor den Spiegel geschoben hatte. Das Oberteil ließ Lillis Bauch frei und die halblangen Ärmel waren so geschnitten, dass auch die Schultern und Oberarme zu sehen waren. Lilli fand, dass sie darin keck aussah. »Fünf Kilo weniger und ich bin perfekt.« Sie drehte sich zur Seite. »Diese Querstreifen machen dick.«
   »Endlich ist bei Ihnen einmal Form zu erkennen«, sagte Lea sichtlich zufrieden über ihre Wahl. »Platz ist auch noch da. Sie können ohne Probleme noch einiges an Gewicht zulegen.«
   Lilli drehte sich um. »Ich will ab- und nicht zunehmen.«
   »Leider. Wenn Sie schon so schrecklich dünn sind, können wir bis zum Erreichen des Ziels genau da Form vortäuschen, wo jetzt noch keine ist.«
   »Von welchem Ziel reden Sie?« Lilli schlitzte angriffslustig die Augen.
   »Endlich das Gewicht zu finden, in dem Sie sich wohlfühlen. Zeit spielt keine Rolle. Nehmen wir der Einfachheit halber eine andere Einheit. Sagen wir in zwanzig Kilogramm. Bis dahin arbeiten wir mit Querstreifen, Rüschen und Gummizug. Das formt die Figur ungemein.«
   Lilli stampfte mit dem Fuß auf. »Katrin ist fort und hat sich für ein Leben in Indien entschieden. Jetzt soll sie mich in Ruhe lassen.«
   »Katrin hat mich nicht geschickt. Dennoch stimme ich mit dieser Frau völlig überein.« Lea umkreiste Lilli wie ein Geier. »Ihnen fehlt der Mut zur Farbe.« Wieder betrachtete sie Lilli von allen Seiten. »Mit diesem Outfit sehen Sie selbstbewusst aus. Wenn Sie jetzt einen Raum betreten, werden Sie gesehen. Sie sind nicht mehr einfach nur da, sondern Sie füllen den Raum förmlich aus.«
   »Wahrscheinlich darf ich das wörtlich verstehen. Mit Raum ausfüllen meinen Sie nicht nur auffallende Kleider, die eine üppige Figur betonen, sondern auch eine Figur, die mit mehr als üppig zu bezeichnen ist.«
   »Wir kommen uns langsam näher.«
   »Niemals!« Lilli deutete zur Tür.
   Lea sah sie unbeirrt an. »Seien Sie doch nicht so widerspenstig.«
   »O doch! Und nun betrachte ich unsere Bekanntschaft als beendet.«
   Leas Blick erschreckte sie. Entsetzen war darin zu sehen, aber auch Verzweiflung und Kummer. Sie durfte nicht nachgeben. Diese Frau überrannte sie, ignorierte sie, zerstörte ihr Leben. Sie durfte das nicht zulassen. »Ich glaube Ihnen ja, dass Sie es gut mit mir meinen«, versuchte sie den Rausschmiss abzumildern. »Aber wer immer Sie geschickt hat, muss wissen, dass ich mit meinem Leben klarkomme.«
   Leas Reaktion auf diese Worte war unglaublich. Sie veränderte sich. Die Augen nahmen eine andere Form an. Aber es waren nicht nur die Augen, es war die gesamte Erscheinung, die Figur und das Gesicht. Männlich! Alles an ihr wurde männlich. Im nächsten Moment war der Spuk vorbei. Lea sah aus wie zuvor.
   Lilli starrte in ihr Gesicht. Lea drehte sich um und verschwand ohne ein Wort im Bad.
   »Halt! Das ist die falsche Tür.« Sie rannte hinter ihr her. Die Badezimmertür war abgesperrt.
   »Das geht jetzt eindeutig zu weit.« Lilli rüttelte an der Klinke. »Aufmachen, sofort! Sonst hole ich die Polizei.« Sie schlug mit der Faust gegen die Tür. Plötzlich drehte sich der Schlüssel im Schloss. Die Tür öffnete sich.
   Lilli starrte zu der Erscheinung, die nun statt Lea vor ihr stand. Fassungslos griff sie sich an den Hals.
   Der Mann war groß und von kräftiger Statur. Er hatte kurz geschnittene, dunkelbraune lockige Haare und sehr breite Schultern. Sein Bauch war gemütlich dick. Lilli schätzte ihn auf Mitte dreißig. Obwohl ihr das Herz bis zum Hals klopfte, fielen ihr sofort die blauen Augen in dem sympathischen Gesicht auf, das ihr seltsam vertraut vorkam.
   »Wer sind Sie?«
   Der Fremde machte einen Schritt auf sie zu.
   Lilli wich instinktiv zurück.
   »Ich bin Leo Hannsen. Erinnern Sie sich an mich?«
   »Nein.«
   »Das dachte ich mir.« Leo kam einen Schritt näher.
   Diese Bewegung brachte Lilli zur Besinnung. Sie deutete zur Tür und erschrak im selben Moment über das enttäuschte Gesicht des Mannes.
   Leo verließ auf der Stelle die Wohnung.
   Lilli rannte hinter ihm her und schlug die Tür zu. Entsetzt lehnte sie sich an die Wand und schloss die Augen.

3
Lockere, schwungvolle Bewegungen sind das A und O

Der Tipp von heute für einen guten Start:
Wichtig sind Selbstbewusstsein und Ausstrahlung.


Von dem knurrenden Geräusch ihres Magens aufgeweckt, öffnete Lilli die Augen. Die Sonne schien ihr direkt ins Gesicht, es versprach, ein schöner Sommertag zu werden. Lilli blinzelte, setzte sich auf, doch ein Schwindel zwang sie zurück in die Kissen. Ihr war speiübel. Sie legte eine Hand auf den Magen, die andere wanderte zu ihrer Stirn. Dabei ließ sie den gestrigen Tag noch einmal Revue passieren. Bis auf den Rührei-Ausrutscher am Morgen war sie mit sich zufrieden. Immerhin war es ihr nach dem fatalen Frühstück, mit dem sie regelrecht überrumpelt worden war, und dem Rausschmiss von Lea gelungen, den restlichen Tag ohne Essen durchzustehen.
   Nur der fremde Mann beunruhigte sie. Schon seit der ersten Begegnung mit Lea hatte sie das Gefühl gehabt, als würde von dieser Frau etwas Männliches ausgehen. Und dann diese Verwandlung. Irgendetwas Seltsames ging hier vor. Lea, Leo, oder wer auch immer, hatte behauptet, Katrin hätte mit diesen Vorgängen nichts zu tun.
   Lilli überlegte. Katrin fand Diäten zwar unsinnig, doch sie akzeptierte stets die Lebensweise anderer und hatte niemals derart in ihr Leben eingegriffen. Dennoch war es offensichtlich, dass irgendjemand sie absichtlich demoralisierte. Doch außer Kai gab es sonst niemanden mehr, der ihre Diät, samt Jochens Wunsch, sie möge Größe sechsunddreißig tragen, idiotisch fand. Dass Kai der Drahtzieher einer solchen Intrige war, konnte sie sich nicht vorstellen. Wenn also weder Kai noch Katrin etwas mit dieser Geschichte zu tun hatten, blieben nur noch zwei Möglichkeiten. Entweder war sie verrückt, oder sie hatte unbekannte Feinde.
   Nachdem sich Lillis Kreislauf wieder gefangen hatte, lenkte sie ihre ersten Schritte zur Waage. Ihr Gewicht hatte sich nicht verändert. Durch die Attacke Rührei-Lea-Spezial war keinerlei Schaden entstanden. Oder hieß es jetzt Rührei-Leo-Spezial? Lilli warf erneut einen Blick auf die Anzeige der Waage. Erfolg war leider auch keiner zu verzeichnen. Das bedeutete, ab heute durfte sie sich keinen Ausrutscher mehr leisten. Sie stellte sich unter die Dusche und schaltete den Strahl auf kalt.
   Eine viertel Stunde später schlüpfte sie durchgefroren, aber hellwach und kreislaufmäßig fit, in ihren Morgenmantel. Sie setzte sich im Wohnzimmer auf das Fensterbrett und blickte auf die Straße. Ihre Gedanken kreisten immer wieder um die Erlebnisse der letzten Tage. Was hatte es mit dem Diätbuch auf sich? Wer war die seltsame Erscheinung, die als Frau ihr Badezimmer betreten und es als Mann verlassen hatte? Diese Verwandlung war unheimlich. Als Leo Hannsen hatte sich der Fremde vorgestellt. Der Name kam ihr bekannt vor. Lilli sah sein Gesicht mit den traurigen Augen vor sich.
   »Leo Hannsen«, murmelte sie, doch so sehr sie sich bemühte, sie konnte ihn nirgendwo einordnen. Sie schielte zu dem Buch auf dem Tisch. Der Einband war zur Abwechslung einmal, wie er sein sollte, weiß. Der Titel stimmte ebenfalls. Offensichtlich war der Spuk zu Ende. Lea, Leo, oder wer auch immer, hatte eingesehen, dass es sinnlos war, sie weiter zu behelligen.
   In diesem Moment hörte sie Elisa rufen. Endlich eine Person, die war und blieb, wer sie war. Lilli stöhnte und öffnete die Tür.
   »Die Party gestern war ein voller Erfolg.« Elisa spazierte an ihr vorbei und ließ sich in einen Sessel fallen. »Ich fliege noch heute nach Mallorca.« Sie nahm das Diätbuch in die Hand. »Wie kommst du damit zurecht?«
   »Gut«, log Lilli und setzte sich Elisa gegenüber. »Sag mal, kennst du eine Lea Andersen?«
   »Ich? Nein. Warum?«
   »Und einen Leo Hannsen?«
   »Auch nicht. Wieso fragst du?«
   »Ach, nur so.« Lilli deutete auf das Buch. »Kannst du mir daraus vorlesen? Es prägt sich mir besser ein, weil ich es dann mit dir verbinde.«
   »Kein Problem.« Elisa blätterte einige Seiten zurück. »Dein Frühstück besteht heute nur aus Obst und einem Löffel Magerquark. Nach zwölf Uhr gibt es etwas Magerjoghurt und am Abend einen Teller Weißkohlsuppe mit einer Möhre und frischen Kräutern. Ansonsten keine Gewürze. Ananas ist heute die Tagesfrucht. Oh, ich beneide dich. Das ist sehr saftig, vitaminreich und schmackhaft.«
   Lilli nagte an ihrer Unterlippe. Sie fand sich überhaupt nicht beneidenswert. Und hungrig, wie sie war, fühlte sie sich auch nicht in der Lage, Begeisterung für Ananas, ungewürzte Kohlsuppe und Lebensmittel, die vorn mit Mager begannen, aufzubringen. Ganz besonders deprimierend war, das wurde ihr in diesem Moment schlagartig klar, dass die nächsten Wochen ähnlich öde wie diese merkwürdige Diätfolge sein würden.
   Elisa klappte das Buch zu. »Vergiss dein Gymnastikprogramm auf Seite sieben nicht. Da wird schon gezielt an den Problemzonen Taille, Hüfte, Bauch und Po trainiert.« Sie stand auf. »Ich bin mindestens drei Wochen fort. Reiß dich also zusammen. Wenn du nicht zurechtkommst, ruf mich auf dem Handy an.«
   »Mach ich.« Lilli begleitete Elisa zur Tür. Dass jetzt niemand mehr in ihrer Nähe war, gefiel ihr überhaupt nicht. Kai war zwar noch in der Stadt, aber schon ausgezogen, ihre Angst vor dem Alleinsein löste ein unbehagliches Gefühl in ihr aus. Sie musste endlich lernen, damit klarzukommen.
   Sie verabschiedete sich von Elisa. Im Hausgang stapfte gerade Frau Morlach, beladen mit Eimer, Wischmopp und Putzlappen, die Treppen nach oben. Lilli nickte ihr freundlich zu und wartete, bis die untere Haustür hinter Elisa ins Schloss fiel. Als sie ihre Wohnungstür schloss, fühlte sie eine Art Beklemmung aufsteigen und blieb niedergeschlagen in der Diele stehen. Wenige Minuten später raschelte es vor der Tür. Sie öffnete und stand Kai gegenüber.
   »Ich bin hier, um meine Schlüssel in den Briefkasten zu werfen«, begrüßte er sie. »Und da wir uns vorgestern verpasst haben, wollte ich dir noch schnell Auf Wiedersehen sagen.« Er zwinkerte ihr zu. »Und mich für das nette Abschiedsgeschenk bedanken, das ich auf meinen Umzugskisten entdeckt habe. Ein vierblättriges und selbst gefundenes Kleeblatt hat mir noch niemand geschenkt.«
   »Für deinen Neustart«, sagte Lilli, froh darüber, ihn noch einmal zu sehen. »Dazu gibt es sogar eine Legende. Die biblische Gestalt Eva nahm ein vierblättriges Kleeblatt als Andenken aus dem Paradies mit. Daher heißt es, dass der Besitzer eines in der Natur gewachsenen und vierblättrigen Kleeblattes ein Stück vom Paradies besitzt.«
   Kai lächelte. »Dann kann ich mich ja glücklich schätzen, dass mir nun auch ein kleines Stückchen Paradies gehört. Jetzt kann ja nichts mehr schiefgehen. Findest du so etwas öfter?«
   »Leider nicht. Meine Funde beschränken sich bisher auf zwei. Das andere Kleeblatt habe ich Katrin für Indien mitgegeben.«
   Kai betrachtete sie eine Weile. »Und an dich denkst du überhaupt nicht? Das ist wieder mal typisch. Dabei brauchst vor allem du Glück, und das nicht zu knapp.«
   »Wie meinst du das?«
   Er musterte sie ernst. »Ich habe ein Telefonat zwischen Jochen und Elisa mitbekommen. Jochen wird von einer Kollegin begleitet. Nach den Geschäftsverhandlungen haben die beiden vor, das nächtliche London zu genießen. Bevor ich in den Umzugslaster steige und aus dieser Stadt verschwinde, wollte ich das noch loswerden. Du sollst wissen, dass sich Jochen die nächsten Wochen munter vergnügt, während du dich mit einer blödsinnigen Diät herumplagen musst, die er dir höchstpersönlich aufgezwungen hat.« Er presste die Lippen zusammen. »Aus purem Egoismus«, fuhr er fort, »und obwohl er weiß, dass dich das martert und quält.«
   Lilli sah betroffen zu ihm auf. Ihre Gedanken überschlugen sich. Wer konnte diese Kollegin nur sein?, fragte sie sich, ohne auf seinen zweiten Vorwurf einzugehen. Warum hatte Jochen ihr nichts gesagt? Ob er es nur vergessen hatte? Schließlich war die Reise auch für ihn völlig überraschend gekommen. »Bestimmt hat das nichts zu bedeuten«, flüsterte sie. »Er würde mich nicht betrügen. Wir heiraten doch bald.«
   »Falls du dein Gewicht schaffst«, erwiderte Kai brutal.
   Lilli schwieg betreten, und für eine Weile standen sie sich stumm gegenüber.
   »Tust du mir einen Gefallen?« Kai legte ihr eine Hand auf die Schulter.
   Unsicher sah sie ihn an.
   »Keine Angst. Versprich mir nur, dass du dich in den nächsten drei Wochen nicht einigelst, sondern auch mal ausgehst. Und wenn du zufällig einen netten Mann triffst, der sich für dich interessiert, dann lass ihn nicht gleich abblitzen.«
   In diesem Moment ging Lilli ein Licht auf. »Dann hast du mir Leo Hannsen geschickt?«
   »Leo wer?« Kai fragte das dermaßen überrascht, dass ihr sofort klar war, dass er nichts mit der Sache zu tun hatte.
   Kai legte ihr die andere Hand auf die Schulter. »Hast du etwa jemanden kennengelernt?«
   »Vergiss es!« Lilli war nicht bereit, über diese mehr als sonderbare Begegnung zu reden.
   Kai schüttelte sie sanft. »Wenn er sich für dich interessiert, gib ihm eine Chance. Und wenn dir dieser Mann gefällt, überlege dir gut, ob er nicht besser für dich wäre als Jochen.«
   »Aber was redest du?« Hitze stieg ihr in die Wangen. »Ich bin mit Jochen verlobt. Ich kenne den Mann auch nicht wirklich und hoffe, dass ich ihn nie mehr wiedersehe. Und allein ausgehen, das geht doch nicht.«
   »Jochen tut das Gleiche in London doch auch«, sagte Kai.
   »Bestimmt nur aus beruflichen Gründen. Du kennst ihn doch und weißt, wie gern er ausgeht.« Lilli konnte sich nicht vorstellen, dass mehr dahintersteckte, obwohl sie diese Eröffnung tiefer getroffen hatte, als sie zugeben wollte. »Bitte, reden wir nicht mehr davon«, bat sie und versuchte, trotz ihrer Verunsicherung zu lächeln.
   »Ich sehe ein, es ist zwecklos, weiter in dich zu dringen. Auch, wenn es mir schwerfällt, ich muss dich deinem Schicksal überlassen.« Er streichelte ihr über die Wange. »Wenn ich nicht von Anfang an gewusst hätte, dass du mir zuliebe Jochen niemals verlassen würdest, hätte ich längst versucht, dich ihm wegzuschnappen. Wir hätten bestimmt viel Spaß miteinander gehabt. Bei mir wärst du auch immer satt geworden.«
   Lilli hob erschrocken eine Hand, die er sanft ergriff.
   »Keine Angst, inzwischen habe ich ja eine Frau gefunden, die zu mir passt. Ich weiß doch, dass ich für dich immer nur ein guter Freund bin.« Er ließ sie los. »Daher bleibt mir jetzt nur eines übrig, und zwar, dir ganz viel Glück zu wünschen. Und diesem Leo Hannsen, falls er mehr taugt als Jochen. Was eigentlich nicht so schwer sein kann.«
   Lilli bedachte ihm mit einem vorwurfsvollen Blick.
   »Ich bin ja schon still.« Er lachte, wurde aber gleich darauf ernst. »Dann heißt es für uns beide jetzt Abschied nehmen.« Er schloss sie in die Arme und drückte sie herzlich an sich. »Such dir möglichst eigene Freunde«, bat er und küsste sie auf die Wange. »Immerhin leben wir ab jetzt fast neunhundert Kilometer auseinander. Ich kann mich also, genau wie Katrin, nicht mehr um dich kümmern. Kannst du mir wenigstens das versprechen?«
   »Das verspreche ich dir gern.« Sie reichte ihm die Hand.
   Kai schlug ein. »Vergiss das aber nicht. Freunde sind wichtig.« Er ließ sie los und drehte sich um. »Also dann …«
   Lilli starrte ihm hinterher, wie er in schnellen Schritten die Treppen hinunterlief. Sie vernahm das Klirren eines Schlüssels, der in einen Briefkasten geworfen wurde und hart am Metallboden aufschlug. Kurz danach fiel auch die untere Haustür ins Schloss. Dann war alles still. Lilli fühlte eine bleierne Schwere in ihren Gliedern.
   Alle, die sie mochte, waren fort. Sie schloss die Tür. Die Erkenntnis, dass sie jetzt tatsächlich ohne einen einzigen Freund war, bedrückte sie. In Gedanken versunken setzte sie sich im Wohnzimmer auf das Sofa und starrte düster vor sich hin. Schließlich riss sie sich zusammen. Sie durfte diesen Gefühlen nicht nachgeben. Für sie gab es nur eines zu tun, und nur darauf musste sie sich konzentrieren.
   Entschlossen nahm sie ihr Diätbuch in die Hand. Es war weiß, der Titel, wie er sein sollte und die Seite, die sie aufschlug, zeigte tolle Tipps und gymnastische Kniffe, um gezielt die Stellen anzugreifen, die zu viele Polster und Fettdepots aufwiesen.
   »Das ist mein Weg. Genau darauf muss ich meine Gedanken richten«, machte sie sich Mut und versank in der Lektüre. Erst, als es eine Stunde später läutete, kam sie wieder zu sich und hob den Kopf. Sicherlich war Frau Morlach beim Putzen an die Klingel geraten. Lilli stand dennoch auf und sah nach.
   »Nein, bitte nicht!«, stöhnte sie, als sie Leo gegenüberstand. Er war mit einem Blumenstrauß bewaffnet. Der Blick seiner blauen Augen rührte sie.
   »Warum lehnen Sie mich so vehement ab?« Er reichte ihr die Blumen und lächelte entwaffnend. »Nehmen Sie das als Entschuldigung. Ich habe Sie verwirrt. Das war nicht fair, denn ich habe Sie schon immer gemocht. Erinnern Sie sich wirklich nicht mehr an mich? Leo Hannsen.« Er umklammerte seine Papiertüte und schien auf eine positive Antwort zu hoffen.
   »Ich erinnere mich nicht, obwohl Sie mir bekannt vorkommen.« Die Traurigkeit in seinem Blick war ihr auf nüchternen Magen zu viel. Lea hatte schon schöne Augen gehabt, seine waren einfach umwerfend. Lillis Widerstand schmolz. Sie musste an Kais Worte und das Versprechen denken, das sie ihm gegeben hatte. Doch dann fiel ihr ein, was seit dem Kauf des Diätbuchs alles passiert war, und sie richtete sich steif auf. »Ich akzeptiere Ihre Entschuldigung«, sagte sie fast schroff und drückte ihm die Blumen wieder in die Hand. »Sie müssen mir auch nichts erklären, obwohl es mich schon interessiert, wie das mit dem Buch und den Verwandlungen funktioniert. Ein gelungener Trick, das muss ich zugeben.« Sie deutete die Treppenstufen nach unten. »Da wir das nun geklärt haben, dürfen Sie gehen.«
   »Ich muss mit Ihnen reden.« Leo sah ihr eindringlich in die Augen. »Es ist wichtig, nicht nur für Sie, auch für mich.«
   »Für mich ist nur eines wichtig, und das sind fünf Kilo weniger und Kleidergröße sechsunddreißig. Erst, wenn ich das geschafft habe und weiß, wie ich das dauerhaft halten kann, bin ich wieder offen für andere Dinge.« Sie erschrak über ihre Worte und kam sich unglaublich oberflächlich vor.
   »Bitte!« Er wirkte geradezu verzweifelt.
   Von der oberen Etage klapperte es laut. Frau Morlach näherte sich mit Wischmopp und Eimer. Die Putzfrau war zwar nett und schwerhörig, dennoch war sie geschwätzig und versorgte den ganzen Wohnblock mit Tratsch. Lilli trug noch immer ihren Morgenmantel, und Leo hielt einen Blumenstrauß in der Hand. Wenn Frau Morlach ihn jetzt hier stehen sah, wäre das Gerücht der Woche perfekt.
   »Gehen Sie«, versuchte sie es erneut. Wenn Leo sofort verschwand, konnte er dem drohenden Unheil noch nach unten ausweichen.
   »Bitte, darf ich bleiben?«
   Lilli hörte, wie Frau Morlach den Eimer einige Stufen tiefer stellte. Nur wenige Sekunden, und sie hätten Sichtkontakt. Sie packte Leo am Arm und zerrte ihn in die Wohnung. »Bilden Sie sich bloß nichts darauf ein«, stieß sie hervor, als seine Augen trotz der unsanften Art, mit der sie ihn in die Diele befördert hatte, aufleuchteten. »Sie sind nur hier drinnen, weil ich Tratsch vermeiden will.« Sie weigerte sich erneut, ihrer weichen Stimmung nachzugeben und musterte ihn betont streng. »Beim ersten Versuch, mir Essen aufzunötigen, oder auch nur bei der ersten Andeutung eines Wortes, das damit zu tun hat, sind Sie schneller wieder draußen, als Sie sich vorstellen können.«
   Sie führte ihn ins Wohnzimmer und nahm ihm die Blumen ab. »Nur zu Ihrer Information. Die gestrige Rühreiattacke hat mir nicht geschadet. Nach diesem Anschlag bin ich standhaft geblieben und bis jetzt noch immer nüchtern.«
   Leo erwiderte nichts. Stattdessen starrte er zu dem Rock und dem Oberteil auf der Sessellehne. »Sie sahen umwerfend darin aus.« Er öffnete die Papiertüte und fischte einen breiten Gürtel hervor. Er war schwarz, der silberne Metallverschluss vorn hatte die Form eines Schmetterlings. »Würden Sie das mir zuliebe einmal anprobieren?« Er zögerte. »Eigentlich wollte ich Sie als Entschuldigung zum Italiener an der Ecke einladen. Aber wenn ich bestimmte Wörter nicht aussprechen darf, lasse ich das natürlich sein. Eine meiner Lieblingsbestellungen dort beginnt mit P. Aber Ihr Wunsch ist mir Befehl.« Er lächelte sanft und hielt ihr den Gürtel entgegen.
   Wie sollte sie reagieren? Seine ganze Art irritierte sie.
   »Mir zuliebe und der Betonung der Taille zuliebe. Ich verspreche Ihnen, dass ich Sie zu nichts überrede. Sie verstehen? Das Wort, das ich nicht aussprechen darf.« Er zwinkerte ihr zu.
   In diesem Zwinkern lag so viel Charme, dass Lilli ganz benommen von ihm war. Offensichtlich war er das krasse Gegenteil von Lea, auch wenn sie sich noch immer nicht erklären konnte, wie dieser Trick funktionierte. Leo musste ein Zauberer und Verwandlungskünstler sein. Sie wusste immer weniger, was sie von ihm halten sollte. Ihr Gefühl sagte ihr, dass es besser wäre, diesen Mann sofort an die Luft zu setzen. Sie kannten sich nicht, und seine Bitte war eigentlich eine Frechheit.
   Lilli wollte ihm gerade eine Absage erteilen, als sie plötzlich an Jochen denken musste und daran, dass er sich am Abend in London mit einer Kollegin amüsierte. In diesem Moment regte sich etwas wie Trotz in ihr. Sie hob den Kopf und spähte zum Tisch. Da ihr Buch noch immer einen weißen Einband zeigte, siegte ihre Neugierde. »Einverstanden.« Sie griff nach dem Gürtel. »Unter einer Bedingung.«
   Leo hob die Brauen.
   »Sie verraten mir, woher wir uns kennen und den Trick, wie Sie sich verwandelt haben.« Sie warf den Kopf in den Nacken und sah ihn herausfordernd an. Ihn fortzuschicken, war jetzt sowieso nicht möglich, denn das Klappern vor der Tür verriet, dass Frau Morlach gerade in ihrer Etage putzte. »Außerdem will ich wissen, wie Sie in die Wohnung gekommen sind.«
   »Ich bin mit Ihren Bedingungen einverstanden.«
   Lilli zog es vor, auf weitere Diskussionen zu verzichten. Sie versorgte die Blumen, schnappte sich die Kleider samt Gürtel und verschwand im Schlafzimmer. Als sie wenig später zurückkam, leuchteten Leos Augen erneut bei ihrem Anblick. Dieses Aufleuchten jagte ihr einen Schauder über den Rücken. Es war ein angenehmer Schauder, ein schönes Gefühl.
   Jetzt, in diesem Moment, wusste Lilli auch, was ihr bei Jochen fehlte. Sie vermisste eine gewisse Bewunderung, die Bestätigung, dass Jochen sie begehrenswert fand. Von ihm erntete sie nur kritische Blicke. Jochen betrachtete sie stets gründlich, so wie ein Bildhauer, der überlegte, wo er noch irgendwo Stein abschlagen musste, damit die Figur stimmte. Der Gedanke, Jochen mit einem Bildhauer zu vergleichen, kam ihr im selben Moment lächerlich vor. Na dann eben wie ein Arzt, bevor er Fett absaugt, korrigierte sie ihre Überlegungen.
   Lilli nagte an ihrer Unterlippe. Das Gefühl, für Jochen keine Frau zu sein, sondern ein formbarer Gegenstand, war schauderhaft. Erst, als Leo näher zu ihr kam, schrak sie aus ihren Grübeleien auf.
   »Sie sehen umwerfend aus. Sind Sie mit meiner Wahl zufrieden?«
   Lilli nickte. Seine Präsenz brachte sie durcheinander. »Der Gürtel betont meine Figur. Damit sehe ich schlank aus.« Irritiert tauchte sie in Leos Augen ein. Ob das Absicht war? Falls nicht, würde er sich hüten, das zuzugeben.
   »Richtig«, sagte er etwas zu hastig. »Sie sind schlank und sehen ganz bezaubernd aus.«
   Lilli spürte, dass er das nicht so meinte und schielte zum Tisch. Das Buch hatte die Originalfarbe und trug den richtigen Titel.
   Sie bemerkte, dass Leo ihrem Blick folgte. »Ich habe darin gelesen. Heute ist ausgiebig Bewegung angesagt, nicht wahr?« Er lief zum CD Spieler und drückte auf einen Knopf. »Ich habe mir erlaubt, eine CD einzulegen.« Als eine leise Tangomusik erklang, trat er vor sie und hob die Hand. »Darf ich bitten?« Ohne eine Antwort abzuwarten, umfasste er mit der Rechten ihre Taille und griff mit der Linken nach ihrer Hand. Trotz seiner Körperfülle bewegte er sich geschmeidig.
   Lilli fühlte sich in diesem Moment begehrenswert und versank im Rhythmus der Musik. Die Empfindungen, die auf sie einstürmten, waren unglaublich. So wie dieser Mann sie im Arm hielt, wie er sie ansah, so etwas hatte sie noch nie zuvor erlebt. Leo war sanft und doch führend. Erst, als die CD stoppte, hielten sie inne und erwachten wie aus einem Traum.
   »Sie bewegen sich wundervoll.« Leo ließ sie los.
   Er war so einfühlsam. Er konnte nicht mit Lea identisch sein. Wenn doch, wäre er schizophren. Nein. Bestimmt gab es für sein Verhalten eine Erklärung. Er behauptete, sie von irgendwoher zu kennen. Und er schien sie zu mögen. Der Beweis stand auf dem Tisch. Er hatte ihr Blumen geschenkt und nichts zum Essen. Bisher hatte er auch kein einziges Wort darüber verloren.
   »Möchten Sie es einmal mit einem Hüfttuch und Bauchtanz versuchen?«, unterbrach er ihre Gedanken und kramte aus seiner Tüte einen goldfarbenen Stoff hervor.
   Lilli zögerte. Alles, was gerade geschah, erschien ihr irreal. Als er ihr das herrliche Tuch entgegenstreckte und sie bittend ansah, war ihre Entscheidung gefallen. Bauchtanz war anstrengend. Dabei konnte sie Kalorien verbrennen. Wie praktisch.
   Leo entfaltete den goldglänzenden Schleier. »Darf ich Ihnen zeigen, wie Sie sich damit bewegen können?«, fragte er mit einer tiefen, rauen Stimme dicht an ihrem Ohr.
   Sie blickte auf, direkt in seine Augen. Ein Gefühl von Schutz und Geborgenheit durchflutete sie. Was passierte da mit ihr? Lilli konnte nur stumm nicken.
   Er wechselte die CD und legte ihr das Tuch um die Schultern. Die Berührung seiner Hände ließ ihren Puls schneller schlagen.
   Begleitet von arabischer Musik umfasste er ihre Hüfte und unterstützte ihre tanzenden Bewegungen mit seinen Händen.
   Lilli war verwirrt, seine Nähe nahm ihr fast den Atem. Leo zeigte ihr, wie sie die Arme mit dem Schleier in ihren Händen halten und das Becken kreisen musste, bis sie in der Lage war, allein zu tanzen und sich ganz dem Rhythmus hinzugeben.
   Ja, jetzt war sie auf dem richtigen Weg. Sie war in Bewegung, der Hunger verschwunden. Sie verlangte noch nicht einmal nach einem einzigen Bissen. Ihr Blick fiel auf den Tisch. Das Buch darauf war weiß. Lilli freute sich an den eigenen Bewegungen. Aus den Augenwinkeln sah sie Leo im Sessel sitzen. Er beobachtete sie, seine Augen glänzten im Schein der Stehlampe. Sie fühlte sich losgelöst und tanzte nur für ihn.
   Kurz vor Mitternacht stand er auf und reichte ihr die Hand. »Sie sind wundervoll.«
   Lilli zuckte zurück, als er ihre Hand an seine Lippen zog und küsste. »Bitte nicht, ich bin verlobt.«
   Leo blickte ihr tief in die Augen.
   »Ich bin verlobt«, wiederholte sie, »auch wenn ich das heute beinahe vergessen habe. Seit dieser schrecklichen Diät bin ich nur noch durcheinander. Erst, seit Sie bei mir sind, komme ich damit zurecht. Auch wenn mich Ihre Nähe verwirrt und ich mich wie fremdgesteuert fühle.« Sie blickte zu ihm auf, doch er sagte kein Wort. »Leider haben Sie Ihr Versprechen nicht gehalten«, fuhr sie fort.
   Er hob die Brauen.
   »Sie wollten mir verraten, woher wir uns kennen und wie Ihre Tricks funktionieren. Und wie Sie es schaffen, sich in einen anderen Menschen zu verwandeln.«
   »Richtig, das war der Preis dafür, dass Sie diese Kleidung tragen. Darf ich das auf Morgen verschieben? Ich würde gern wiederkommen. Wenn Sie in meiner Anwesenheit alles vergessen, vor allem das Wort, das ich nicht aussprechen darf, bin ich für Sie vielleicht von Nutzen. Ich will nur, dass Sie glücklich sind.«
   Lilli lächelte. »Das bin ich, und Sie haben mich sogar beim Fasten unterstützt.« In diesem Augenblick kam es ihr seltsam vor, dass sie ausgerechnet heute Kai versprochen hatte, eigene Freunde zu suchen. Ob das doch ein Komplott war? Sie verwarf den Gedanken aber sofort wieder. Da Leo noch immer geduldig auf ihre Antwort wartete, betrachtete sie ihn prüfend. »Ich bin überhaupt nicht gern allein«, gestand sie ihm ehrlich ein. Sie zögerte, dann gab sie sich einen Ruck. »Kommen Sie also morgen wieder.«
   Leo öffnete die Tür. »Der Bauchtanz war wunderschön. Obwohl bei dicken Tänzerinnen die Bewegungen noch geschmeidiger ausfallen.«
   Sie zuckte zusammen.
   »Tut mir leid«, sagte er sofort. »Auch Ihre Bewegungen waren atemberaubend. Ich könnte Ihnen stundenlang zusehen.« Er streichelte ihr über die Wange, wandte sich ab und ging.
   Lilli blieb stehen, bis die untere Haustür zugefallen war. Sie war bis ins Innerste aufgewühlt, in ihrem Kopf wirbelte alles durcheinander. Zu viel war seit dem Kauf dieses verflixten Diätbuchs auf sie eingestürmt. Auch der heutige Tag war mehr als seltsam gewesen. Wenn sie es nicht besser wüsste, würde sie fast glauben, jemand hätte sie und ihre gesamte Umgebung verhext.
   Zurück im Wohnzimmer galt ihr erster Blick dem Buch. Wie schon den ganzen Tag war es weiß und trug den richtigen Titel. Die Verwandlung war nur ein fauler Zauber. Lilli ließ den Tag Revue passieren. Als Leo die dicken Tänzerinnen erwähnt hatte, war ihr der Verdacht gekommen, dass er doch eine andere Absicht verfolgte. Ihre Hände zitterten, als sie nach dem Buch griff.
   »Jetzt nur nicht schlappmachen«, sagte sie und schlug Seite sieben auf. Sie vertiefte sich in die Beschreibungen der Gymnastikübungen. Diese waren heute überflüssig. Sie hatte sich genug bewegt. Lilli erinnerte sich an den Tanz mit Leo, an seine Berührungen, und wieder durchflutete sie eine heiße Welle. Sie blätterte um und las den Titel des neuen Kapitels.

Lockere, schwungvolle Bewegungen sind das A und O!
Der Tipp für den heutigen Tag:
Wichtig sind Selbstbewusstsein und Ausstrahlung!


Genau das stand da. Ihr Herz schlug heftig.

Sie wollen eine gewichtige Persönlichkeit werden? Dazu helfen Ihnen lockere und schwungvolle Bewegungen. Die Hüfte darf schwingen, das gibt Ihren Bewegungen Ausdruck. Sehen Sie sich dazu einmal eine Bauchtanzaufführung an. Bei den dicken Tänzerinnen sind die Bewegungen besonders geschmeidig und weich. Also keine Panik vor Ihrem Hüftschwung und dem selbstbewusst ausgestreckten Bauch.

»Bei dicken Tänzerinnen fallen die Bewegungen noch geschmeidiger aus.« Lilli stöhnte. Das waren Leos Worte gewesen. War der Spuk zurückgekehrt? Oder lag die Sinnestäuschung nur an ihr, an diesem Gefühl der Schwäche, seit Leo fort war?
   Lilli wusste auch, ohne hinzusehen, dass die Farbe des Buchdeckels wieder blau war. Entweder war ihr Unterzucker enorm, oder sie verrückt. Lilli blätterte weiter. Entsetzt starrte sie auf die nächste Seite. Sofort musste sie an Leos Worte denken. »Eigentlich wollte ich Sie zum Italiener an der Ecke einladen. Aber wenn ich bestimmte Wörter nicht aussprechen darf, lasse ich das natürlich sein. Eine meiner Lieblingsbestellungen dort beginnt mit P. Aber Ihr Wunsch ist mir Befehl.«
   P! Lilli starrte auf das Rezept.

Pizza
400 g Mehl, etwa 200 ml Wasser, einen … (siehe Rezeptteil)


Lilli pfefferte das Buch an die Wand. »Nein«, rief sie. »Ich lasse mich nicht verführen. Ich bin stark, selbst wenn ich wegen Unterzucker umfalle und die ganze Nacht am Boden liege. Hört ihr mich? Wer immer mich boykottieren will, soll verschwinden! Ich halte durch, und nichts und niemand kann mich stoppen!« Wütend über die ganze Welt, rannte sie in ihr Schlafzimmer, riss sich den Gürtel und die Kleider vom Körper und schleuderte alles in eine Ecke. Dann sprang sie ins Bett und zog sich die Decke über den Kopf.

4
Essen muss schmecken

Der Tipp von heute für einen guten Start:
Genießen Sie alle Gerichte.


Draußen wurde es langsam hell, nur im Zimmer war es noch dämmrig, als Lilli von zwei gurrenden Tauben geweckt wurde. Aber das war nicht das einzige Geräusch, das sie aufhorchen ließ. Ihr Magen knurrte, sie fühlte sich schlechter als je zuvor. Sie schleppte sich zur Waage. Der Erfolg war sichtbar, nicht überwältigend, aber immerhin ein halbes Kilogramm war runter. Gott sei Dank!
   Sie stellte sich unter die kalte Dusche. Als sie kurz nach fünf ihr Wohnzimmer betrat, hüllte die Sonne den Raum in rötliches Licht. Sie schielte zum Tisch. Beim Anblick des weißen Diätbuchs erinnerte sie sich wieder. Es war gestern den ganzen Tag weiß geblieben. Erst, als Leo verschwunden war, hatte erneut der Farb- und Inhaltswechsel begonnen. Ob sie vor Hunger fantasierte? Sie griff nach dem Buch, schlug eine Seite auf.

Zweiter Abnehmtag:
Ihr Frühstück für den heutigen Tag: 1 Esslöffel Magerjoghurt mit 5 Esslöffel stillem Wasser glatt rühren. Eine Scheibe frische Ananas klein schneiden und untermischen. Dazu 3 Tassen Kräutertee und 4 Sojatabletten.


Enttäuscht klappte sie das Buch zu. In ihrer jetzigen Stimmung konnte sie diesem Frühstück nichts abgewinnen. Ihr war, das musste sie ehrlich zugeben, eher nach Rührei-Lea-Spezial. Halt! Stopp! Sie dachte schon wieder falsch. Aber wie konnte man bei so einem erbärmlichen Frühstück auch richtig denken?
   Lilli lief in die Küche und mischte die Zutaten zusammen. Sie hatte gerade den ersten Bissen im Mund, als es läutete. Es war halb sechs und eine Frechheit, um diese Zeit zu stören. Vielleicht war es Leo? Nein. Leo, oder auch Lea, erschienen gewöhnlich ohne Ankündigung in der Wohnung.
   Missgelaunt stand sie auf und öffnete die Tür. Ihr Herz schlug Purzelbäume, als sie tatsächlich Leo gegenüberstand. Er war doch anders als Lea. Er kam durch die Tür und erschien nicht einfach aus heiterem Himmel.
   »Haben Sie gut geschlafen?«, fragte er und lächelte.
   Lilli nickte. »Nein«, antwortete sie.
   »Was jetzt, ja oder nein? Kopfnicken und verneinen? Was soll ich mir darunter vorstellen? Nur teilweise gut geschlafen?« Er betrat die Diele.
   »Ich hatte gestern Nacht Unterzucker.« Sie warf ihm einen betont strengen Blick zu. »Und auch, wenn ich Ihnen erlaubt habe, wiederzukommen, halb sechs finde ich verdammt früh.« Sie führte ihn in die Küche und deutete auf einen Stuhl. »Möchten Sie etwas von dem Magerjoghurt abhaben? Vielleicht auch einen Kräutertee?«
   Leo warf einen angewiderten Blick auf die Joghurtmischung. »Nein danke. Wenn ich frühstücke, dann richtig. So mit allem Drum und Dran. Kaffee und all den Sachen, die ich nicht aussprechen darf und die mit B, K, RE, Sch und so weiter beginnen.« Er grinste.
   »Machen Sie sich über mich lustig?«
   »Sie selbst haben mir verboten, irgendetwas auszusprechen, das mit E in Verbindung steht. Ich riskiere doch keinen Rausschmiss, wo ich heute wieder mit Ihnen tanzen möchte.«
   »Sie sind sehr rücksichtsvoll. Dass Sie sich an die Regeln halten, freut mich. Trotzdem müssen Sie mir manches erklären. Die Verwandlungen dieses unheimlichen Buchs begreife ich nicht. Aber nicht nur das Buch, auch Sie haben sich verwandelt.« Beim Eintauchen in seine Augen wurde ihr heiß. Lilli wartete vergeblich auf seine Antwort. Sie vertilgte den Rest ihres Frühstücks und ließ ihm Zeit.
   »Kommen Sie?« Leo streckte ihr die Hand entgegen. »Im Wohnzimmer zeige ich Ihnen alles.«
   Eine eigenartige Wärme durchflutete sie, als sie ihre Hand in seine legte. Willig ließ sie sich von ihm fortführen und nahm neben ihm auf dem Sofa Platz.
   Er reichte ihr das Buch. »Lesen Sie«, forderte er sie auf.
   Ihr klopfte das Herz bis zum Hals. Der Umschlag war weiß. »Für immer schlank und dauerhaft schön bleiben in nur drei Wochen«, las sie vor.
   »Lesen Sie weiter.«
   Lilli zögerte, doch dann wandte sie sich dem Text zu. »Ihr Frühstück für den heutigen Tag: Ein Esslöffel Magerjoghurt mit fünf Esslöffel stillem Wasser glatt rühren. Eine Scheibe frische Ananas klein schneiden und untermischen. Dazu drei Tassen Kräutertee …«
   »Das genügt.« Er nahm das Buch, klappte es zu und reichte es ihr zurück. »Und nun lesen Sie noch einmal.«
   Sie zuckte zusammen, als sie auf den blauen Einband blickte, auf dem Dick und dennoch sexy, in einundzwanzig Tagen stand. »Wie machen Sie das?«
   Leo deutete nur auf das Buch.
   Wahllos schlug sie eine Seite auf.

4. Kapitel:
Essen muss schmecken!

Der Tipp von heute für einen guten Start:
Genießen Sie alle Gerichte.


Ein Menü mit mehreren Gängen ist ein besonderer Genuss. Auch hier gilt: wenn es schmeckt, ruhig noch einmal nachschöpfen.
   Lilli lief es kalt den Rücken entlang, als sie zu ihm aufsah. Leos entspannte Haltung wirkte sich überhaupt nicht beruhigend auf sie aus. »Wie machen Sie das? Und wo ist das andere Buch? Ich habe es doch überhaupt nicht aus der Hand gelegt. Wer hat Sie beauftragt? Wer ist Lea …?«
   »Das sind gleich mehrere Fragen.« Leo lächelte. »Finden Sie das blaue Buch nicht wesentlich benutzerfreundlicher? Würden Sie nicht gern diese Tipps befolgen? Ihr Essen genießen und noch einmal nachschöpfen? Vielleicht nicht gerade bei dem Frühstück, das Sie sich heute angerührt haben. Da würde ich auch verzichten. Aber bei Rührei zum Beispiel?« Er grinste.
   »Rührei steht nicht zur Debatte!« Lilli knallte das Buch auf den Tisch. »Wahrscheinlich sind die meisten Diäten nur deshalb so abscheulich, damit die Gefahr des Nachschöpfens erst gar nicht besteht.«
   »Aber wozu essen, wenn Sie es nicht genießen? Wieso wird der Geschmackssinn im Vergleich zu den anderen Sinnen so stiefmütterlich behandelt? Warum wird er von den Schlankheitsbesessenen gegeißelt? Ein Gericht, das nicht schmeckt, das ist, als wenn Sie mit verbundenen Augen durch eine wunderschöne Landschaft wandern, und sich bei herrlicher Musik die Ohren zustopfen. Bei Zärtlichkeiten stülpen Sie sich auch kein Panzerhemd über, nur damit Sie nichts fühlen. Kein Mensch tut das.«
   »Das ist ja wohl auch etwas anderes.« Lilli rückte von ihm weg. »Wir wollten auch nicht über die Wörter, die mit E zu tun haben, reden, sondern über Ihre Tricks. Wer hat Sie beauftragt? Warum spielen Sie als Lea und Leo verschiedene Rollen?«
   »Das Problem ist, dass ich überhaupt keine Rolle spiele. Wenn Sie sich an mich erinnern könnten, wüssten Sie auch, warum.« Leo sah ihr in die Augen.
   In diesem Moment erstarrte Lilli geradezu.
   »Ja, jetzt erinnern Sie sich«, half ihr Leo auf die Sprünge. »Ihr Job in der Konditorei.«
   »Nein!« Lilli fasste sich an die Stirn. »Das ist nicht möglich. Sie sehen ihm nur ähnlich.«
   »Leider nicht.«
   »Aber das bedeutet doch …«
   »Richtig. Es bedeutet, dass ich tot bin.« Er sagte das ganz ruhig, so, als ob es die normalste Sache der Welt wäre.
   »Sie sind nicht tot, sondern ein Lügner. Sie sind ein Zauberer und Verwandlungskünstler.«
   Leo schüttelte bedauernd den Kopf. »All das bin ich nicht. Ich bin tot und … ein Geist.« Das Schweigen, das folgte, war bedrückend.
   »Leo, ich mag Sie wirklich«, nahm Lilli das Gespräch wieder auf. »Gerade weil ich Sie mag, müssen Sie diesen Irrsinn beenden. Es gibt keine Geister.« Sie sah ihm in die Augen und wusste, dass er ihr das nicht bestätigen würde.
   »Wie sonst hätte ich mich als Frau verwandeln können?« Er schien nach Worten zu suchen. »Ich konnte das auch nur, weil ich in einem früheren Leben diese Person war. Ich wollte mich Ihnen nicht gleich als Mann nähern, sondern mich langsam vortasten. Als Lea habe ich das Dick-und-dennoch-sexy-Buch geschrieben.« Er deutete auf den blauen Einband. »Das Buch, das Sie so heftig ablehnen und dessen Inhalt keine Chance bekommt.« Er zuckte die Schultern. »Mir haben schon immer Frauen mit Rundungen gefallen. Der Ausspruch Ihrer Freundin ist auch in meinem Buch zu finden.« Er wartete, doch sie reagierte nicht. »Eine Frau ohne Bauch ist wie der Himmel ohne Sterne.«
   Lilli rückte noch weiter von ihm ab. »Katrin hat das zu Jochen gesagt. Ich erinnere mich sehr gut an die verpatzte Situation und an Jochens Demütigung.« Lilli sah zu ihm auf. »Und jetzt die Wahrheit. Warum behindern Sie mich mit allen Mitteln? Ich habe Ihnen überhaupt nichts getan.«
   »Sie haben so wenig für mich getan, dass Sie mich noch nicht einmal beachtet haben.« Leo lehnte sich zurück. »Leider kann ich mich nur an meine letzten beiden Leben erinnern. Von allen anderen Inkarnationen weiß ich nur noch, dass mein Vorname immer mit einem L begann und dass ich blaue Augen hatte. Nach meinem Tod als Lea kam ich als Leo zur Welt und war ständiger Gast in der Konditorei, in der Sie gearbeitet haben. Ich war nur Ihretwegen dort. Damals hatten Sie eine wundervolle Figur. Rund und fraulich. Leider haben Sie mich immer ignoriert und meine Einladungen stets abgelehnt.« Er schluckte. »Und eines Tages begann Ihre Verwandlung. Ich musste zusehen, wie Sie immer dünner wurden. Damals habe ich mir sogar überlegt, ob ich nicht auch in diese Abnehmgruppe gehen sollte, nur um Ihnen nahe zu sein. Aber dafür war es zu spät. Ihr Jochen war auf der Bildfläche erschienen, und Sie hatten nur noch Augen für ihn.«
   Lilli atmete tief durch. »Er war meine erste Liebe. Ich hatte mir meine Traumfigur hart erkämpft. Jochen kam mir wie eine Belohnung vor. Noch nie zuvor hat mich ein Mann beachtet.« Sie senkte den Kopf, als sie seinen eindringlichen Blick bemerkte. »Verzeihen Sie mir. Ihre Bewunderung ist mir entgangen. Ich will auch ehrlich zu Ihnen sein. Ich habe Sie nicht beachtet, weil Sie mir nicht gefallen haben. Sie waren genauso dick wie ich. Sie waren zu uninteressant für mich.« Lilli erschrak über ihre eigenen Worte. War sie nicht genauso schlimm wie Elisa, die dicke Menschen verabscheute und nur nach Äußerlichkeiten urteilte? Der Gedanke betrübte sie geradezu. Es war grausam, wenn sie Männer ablehnte, nur weil sie dick waren. Nein, sie verabscheute keine dicken Männer. Ihr gefielen einfach Männer wie Jochen, die schlank, sportlich und durchtrainiert waren. Und an seine Seite gehörte auch eine schlanke Frau. Er hatte immer behauptet, dass ein Pummelchen ihn lächerlich erscheinen ließe. Sie suchte nach Worten.
   Leo winkte ab. »Sparen Sie sich Ihre Erklärung. Ihre Gedanken sind Ihnen deutlich ins Gesicht geschrieben.«
   »Können Sie Gedanken lesen?«
   »Wenn Sie so klar sind, ist das kein Problem. Es ist in Ordnung, dass Sie schlanke Männer bevorzugen. Niemand kann etwas für seinen Geschmack, ich aber auch nicht.« Er reichte ihr die Hand. »Wollen wir Frieden schließen?«
   Lilli war von dieser Geste seltsam berührt.
   »Schon vor fünf Jahren, als Sie in der Konditorei gearbeitet haben, wollte ich Ihnen sagen, dass Sie bildhübsch sind. Ihre Augen sind wunderschön. Sie waren damals eine attraktive Frau. Für mich sind Sie das noch immer, jetzt leider nur viel zu dünn.«
   Ihr Widerstand schmolz, als ihr Blick auf ein Foto an der Wand fiel. Es zeigte Jochen und sie. »Das mag alles sein, trotzdem sind Sie kein Geist«, stieß sie trotzig hervor. Die harmonische Stimmung zerfiel in Nichts. »Sie sind auch nicht Leo. Dieser Mann ist tödlich verunglückt. Ich war dabei, als er am Unfallort starb. Wie funktioniert der Trick mit der Verwandlung?«
   Sie erschrak im gleichen Moment.
   Nicht Leo, sondern Lea saß neben ihr. »Kein Trick, nichts«, sagte sie und war Sekunden später wieder Leo. »Es ist, wie ich es sage. Nehmen Sie das Buch in die Hand.«
   Ehe Lilli es verhindern konnte, hielt sie das Buch in ihren Händen.
   »Lesen Sie laut«, forderte er sie auf.
   »Sicherlich haben Sie schon die ersten Kochversuche unternommen. Deshalb gilt für den vierten Tag: Genießen Sie alle Gerichte! Verzieren Sie die Speisen und richten Sie alles appetitlich an. Ein Menü mit mehreren Gängen ist ein besonderer Genuss. Wenn es Ihnen schmeckt, schöpfen Sie ruhig noch einmal nach.« Verwirrt starrte Lilli auf das Rezept.
   Nudel-Ananas-Allerlei
   Zwiebeln andünsten, dann Sojawürstchen … (siehe Rezeptteil)

Sie hob den Kopf und schnupperte. »Was ist das?« Sie keuchte und hetzte aus dem Zimmer. In der Küche prallte sie zurück. Auf dem liebevoll gedeckten Tisch stand das Nudel-Ananas-Gericht. Die Eisengusspfanne stand auf einer Warmhalteplatte, ihr Inhalt war mit frischem Schnittlauch und ganzen Basilikumblättern verziert. »Das ist nicht fair. Warum quälen Sie mich?« Sie drehte sich um und prallte direkt gegen Leos Bauch. Lilli trommelte mit den Fäusten gegen seinen Brustkorb, dann ließ sie von ihm ab und weinte.
   Leo legte behutsam den Arm um ihre Schultern. Er führte sie ins Wohnzimmer und schaltete den CD-Spieler ein. Langsam bewegte er sich mit ihr zu den Klängen der Musik.
   Lilli konnte sich nicht gegen seinen Einfluss wehren. Willenlos ließ sie sich führen. Ihre Tränen versiegten, im Rhythmus der Musik vergaß sie alles. Vergessen waren die Verwandlungen, der erneute Anschlag auf ihre Figur, das Essen, das noch immer in der Küche auf Beachtung und Vernichtung wartete. Sie sah und fühlte nur ihn.
   »Deine Augen leuchten«, flüsterte er und strich ihr sanft über das Haar. »Ich könnte dir niemals widerstehen.« Er zog sie behutsam an sich und küsste sie auf den Hals.
   Sie fühlte tausend Schmetterlinge in ihrem Bauch. Wie hatte sie diesen Mann nur ignorieren können?
   »Du genießt die Bewegungen, nicht wahr?«
   Lilli nickte wie in Trance.
   »Das sieht man in deinen Augen. Das macht sie so schön. Du musst das Leben mit allen Sinnen genießen. Sieh, wie wundervoll alles ist, hör den Klängen zu, fühle meine Berührungen, rieche den Duft von Rosen im Sommer und schmecke …«
   In diesem Moment kam sie schlagartig zu sich. Das Erwachen war heftig und gnadenlos. »Du bist unmöglich!« Sie riss sich los. »Du bist genau wie Lea.«
   Leo sah sie betroffen an. »Du bist noch schwieriger als ich vermutet habe. Ich …«
   Lilli stampfte mit dem Fuß auf. »Verschwinde und lass dich nie wieder blicken!« Sie atmete schwer und stürzte kopflos aus ihrer Wohnung.

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