„Ich wollte es nicht … Es war doch ein Unfall, ich habe ihn so geliebt!“, beteuert Marlene immer wieder, aber was geschehen ist, kann sie nicht wieder umkehren. Vergewaltigt, eingesperrt und von ihren Geliebten verlassen, seit sie sich erinnern kann, ermordet Marlene aus einer übergroßen Reaktion heraus ihren Freund und beseitigt die Leiche. Sie lernt immer wieder andere Männer kennen und wird jedes Mal erneut zutiefst enttäuscht. Nicht nur Marlene ist ein Opfer der Männer, auch sie rächt sich an ihnen für ihr unglückliches Leben. In der Haft fristet sie ihr Dasein. Emotionslos, bis sie eines Tages unerwarteten Besuch bekommt …

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ISBN: 978-9963-724-83-3

Seiten: 208

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Marlies Bhullar

Marlies Bhullar
Marlies Bhullar hat nach dem Besuch des Gymnasiums einige Semester bildende Künste in München studiert und arbeitete in verschiedenen Bereichen wie in einem Verlag, in einer Bücherei und besetzte eine lustige Filmrolle in einem Liebesfilm. Sie gründete mit ihrem afrikanischen Mann eine Reggaeband und tourte als Leadsängerin mit dieser Band durch Deutschland, Österreich und die Schweiz. In frühester Kindheit schrieb sie Kurzgeschichten und Gedichte, verfasste später Artikel für eine Gesundheitszeitschrift und fing an, Romane zu schreiben. Marlies lebt mit ihrem indischen Mann in Regensburg.

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... oder sofort „hineinschnuppern“

Opfer der Liebe
November 2009

Ich habe es nicht gewollt. Es war ein Unfall. Ich habe ihn doch geliebt – jetzt kann ich das Geschehene nicht mehr rückgängig machen. Er ist tot! Hätte er weitergelebt, dann hätte ich aufgehört, ihn zu lieben.
   Das machte mich traurig.
   Ich begriff, was das wahrhaft Entsetzliche an dieser Welt war. Eine Tat, die einmal erfolgt ist, kann niemals ungeschehen gemacht werden. Ein Universum voller Wünsche kann einen zertretenen Käfer nicht wieder heil machen; kann kein ausgesprochenes Wort zurücknehmen, oder auch nur die geringste Handlung aus einem Buch der Vergangenheit löschen. Die Vergangenheit ist starr und unwandelbar, ein Tyrann, gegen den wir alle machtlos sind. Wie können wir irgendetwas tun, wie können wir leben mit diesem Wissen?
   Es war ein Unfall, denn als es passierte, kam es wie ein Blitz aus heiterem Himmel.
   Jetzt saß ich in einem Frauengefängnis und dachte darüber nach, wie so was passieren konnte. Ich hatte genügend Zeit, mich in meine Gedanken zu vertiefen. Weil es in diesem Gefängnis nur Bücher gab, die mich in keiner Weise interessierten, vertiefte ich mich in mein zerstörtes Ich.
   Ein matter Lichtstrahl der Novembersonne fiel in meine Zelle, und ich erinnerte mich an die schönen Tage meiner Kindheit, die für immer verloren waren. Meine Mutter und mein Vater waren schon lange gestorben und mussten sich Gott sei Dank nicht mehr um mich sorgen. Sie würden sich im Grabe umdrehen vor Schmach.

Kindheitserinnerungen 1958

Unsere erste Wohnung, die ich mit meinen zwei Brüdern bewohnte, war ziemlich klein und dunkel. Ich hatte kein eigenes Zimmer und musste nach dem Tod meines Vaters, der an einem Rückenmarktumor gestorben war, in dem ungemütlichen Ehebett neben meiner Mutter schlafen. Es war grauenhaft. Meine Mutter hatte nachts immer eine weiße Betthaube auf und kam erst spät zum Schlafen ins Zimmer. Es war stockdunkel, nur ein schmaler Lichtstrahl, der von der Straßenlaterne aufs Bett fiel, erleuchtete das Zimmer.
   Sie saß, wie ein Geist, aufrecht in ihrem Bett, mit ihrer weißen Haube auf dem Kopf, und ich erschrak jedes Mal von Neuem, wenn ich durch das Geraschel in ihrem Bett aufwachte. Die Schlafzimmertür stand immer einen Spaltbreit auf, für frische Luft, wie meine Mutter meinte. Durch diesen Spalt konnte ich in die Küche spähen. Wie ein Auge in der Dunkelheit glotzte mich das Licht des Gasdurchlauferhitzers an und ich erschauderte. Mitten in der Nacht wachte ich mehrmals auf und hatte Angst, dass mich das Auge des Gasboilers beobachten würde. Meiner Mutter sagte ich nie etwas davon, sie hätte mich vielleicht ausgelacht. Jahrelang bedrohte mich dieses Auge aus der Küche und ich konnte mir nicht erklären, warum ich davor so maßlose Angst hatte.
   Meine Mutter schickte immer mich in den Keller – nicht meine Brüder –, und ich schlotterte vor Angst. Ich sollte Kartoffeln holen oder Briketts. Ich schlich an dem Luftschutzbunker vorbei und hatte immer die böse Vermutung, dahinter würde mir jemand auflauern. Mit klopfendem Herzen sperrte ich das Kellerabteil auf und lehnte es an, damit mich niemand beobachten oder erschrecken konnte. Einmal machte ich mir in die Hosen und wusch sie in der Waschküche aus, so sehr schämte ich mich. So schnell wie möglich tat ich Kartoffeln in meinen Korb und schlich zurück, am Bunker vorbei, aus dem unklare, geheimnisvolle Geräusche zu kommen schienen. Auf der Kellertreppe stolperte ich vor Angst, sodass der Inhalt meines Korbes die Kellerstufen hinunterkugelte. Mein Herz blieb fast stehen, als ich die Kartoffeln vor der Tür des Bunkers wieder aufsammeln musste.
   Eines Tages, ich war gerade acht geworden, lief ich die Treppen hinunter und wollte im Hinterhof mit meinen Freundinnen Rollschuh fahren. Auf der Treppe begegnete mir ein Mann mit einem langen schwarzen Regenmantel. Er trug eine braune Aktentasche unter seinem Arm.
   »Hallo junges Fräulein, kannst du mir vielleicht sagen, wo in diesem Haus eine Familie … wohnt?«
   Ich konnte den Namen, den er nannte, beim besten Willen nicht verstehen.
   »Entschuldigen Sie bitte, ich hab den Namen nicht verstanden«, sagte ich schüchtern.
   »Wenn du mich nicht verstehen kannst, dann komm doch ein bisschen näher«, gab der düstere Mann zurück.
   Ich näherte mich dem großen Mann mit schlechter Vorahnung. Plötzlich öffnete er seine Hose und nahm seinen Penis heraus, der zu einer unheimlichen Größe erigiert war. Er näherte sich meinem Rock, während er hin und her wichste. Ich fühlte, dass das nicht in Ordnung war, und wich erschrocken zurück, aber der Unbekannte ließ nicht locker und stellte mir nach. Plötzlich stöhnte er laut auf und spritzte mir eine weiße Flüssigkeit auf den Arm, den er ergriffen hatte und festhielt. Mit aller Kraft riss ich mich los aus seinen großen Händen, sprang mit einem Satz die Treppe hinunter und rannte davon.
   Ich sah diesen Mann niemals wieder. Von dem schrecklichen Erlebnis erzählte ich niemandem etwas, nicht einmal meinen Brüdern. In der Nacht plagten mich Albträume und ich wachte schreiend auf, während meine Mutter selig schlief; mit ihrer weißen Haube auf dem Kopf. Ich vergrub mein Gesicht im Kissen.
   Wir hatten viele Haustiere. Drei wunderschöne, rot-weiß gescheckte Katzen, einen allerliebsten Rauhaardackel, drei bunte Wellensittiche und fünf braune und weiße Mäuse. Manchmal starb ein Tier, weil es etwas Vergiftetes gegessen oder weil es eine schlimme Krankheit hatte. Eines Tages starb unsere liebste Katze. Sie hieß Susi und wurde von meiner Mutter besonders verwöhnt, bekam allerlei Leckereien und war süchtig nach Katzenbonbons. Sie fraß und fraß, wurde immer dicker und war am Ende zum Platzen fett. Wahrscheinlich ist sie an Überernährung eingegangen, jedenfalls sollte ich sie in unserem Garten begraben. Ich schaufelte also ein kleines Loch und legte die tote Katze hinein, aber das ausgehobene Grab war zu klein. Ich muss immer noch daran denken, wie ich Susi mit Gewalt hineinquetschte und ihren Kopf mit der Schaufel hinunterdrückte. Ihre weißen Ohren füllten sich mit Erde – es war entsetzlich.
   Die Ferien durfte ich bei meinem Onkel auf dem Land verbringen. Dort gab es auch viele Tiere – und ich liebte Tiere über alles. Ich fand ein Nest mit acht frisch geborenen Wildmäusen und zeigte sie meinem Onkel. Er schimpfte mit mir, weil ich die Babymäuse ins Haus tragen und sie mit Milch aufziehen wollte. Vor meinen Augen packte er sie an ihren zarten rosa Schwänzchen, warf sie in eine kleine Plastiktüte und zermalmte sie mit einem Stein vor meinen Augen. Ich heulte mir in der Nacht die Augen aus dem Kopf. Wie konnte mein Onkel so grausam sein? Hatte er denn kein Herz? Ich schwor Rache! Eines Nachts legte ich lauter kleine Glaskugeln vor seine Tür, und als er in der Nacht aufstand, um aufs Klo zu gehen, donnerte er der Länge nach hin und brach sich sein rechtes Handgelenk. Wenn er auf den Hinterkopf gefallen wäre und sich den Schädel gebrochen hätte, wäre es mir auch recht gewesen. Er hat niemals herausbekommen, wer die Glaskugeln vor seine Tür gelegt hatte. Mit seinen großen, braunen Augen sah er mich immer seltsam an und ich hatte das Gefühl, er müsste ein Außerirdischer sein. Ich konnte nie lange in seine seltsamen Augen sehen, sie machten mir aus unerklärlichen Gründen Angst. Ein Jahr nach dem Mord an den Mäusen geriet er unter mysteriösen Umständen unter die Räder seines Traktors und wurde zerquetscht. Es tat mir nicht leid.

November 2009

Meine Gedanken schweiften ab. Ich hinderte sie nicht daran. Ich dachte an den nahen Herbst, dann an den Winter, wie die Eiszapfen an der Dachrinne bis zum Boden hinunterwachsen und der Schnee bis an die Fensterbretter reichen würde. Ich sehnte mich danach. Mitten im Winter würde ich das alles hassen, aber so, wie ich es mir jetzt ausmalte, schien es wunderschön und sicher, mit dem See, der zu einer festen Tischplatte zufror und der Schneedecke, die alles unter sich begrub.
   Ich schloss die Augen und ließ den Kopf sinken, legte die Stirn auf die Tischplatte. Sie war kühl.
   Nach Dietmars Tod hatte ich lange Zeit geglaubt, ich müsste mich umbringen. Ich hatte schreckliche Angst davor, erwischt zu werden, natürlich, aber das war noch nicht alles. Ich hatte Angst vor ihm. Ich hatte mich nie zuvor vor einem Geist gefürchtet, ich fürchtete mich nicht einmal vor den zornigen, verwirrten Geistern, denen ich manchmal begegnete, aber ich hatte noch nie einen Geist erlebt, der mich hasste. Ich war sicher, dass Dietmar mich hasste. Für zwei oder drei Jahre unterdrückte ich meine übersinnlichen Fähigkeiten, weil ich befürchtete, ich könnte ihn aus Versehen beschwören oder ihm den Weg zurück ebnen. Aber ich vermisste ihn auch. Schließlich hatte ich ihn geliebt und er hatte mich auch einmal geliebt. Und wenn ich mir das Leben nahm, könnte ich bei ihm sein und er würde mir gewiss vergeben. Würde er das wirklich?
   Unentwegt malte ich mir diverse Methoden aus: Gift schlucken, in den See gehen, Rasiermesser an die Gurgel, Aufhängen, Autounfall. Letzten Endes tat ich es natürlich nicht, sondern beschloss, mit dem zu leben, was geschehen war.
   Es waren furchtbare, düstere Monate. Tagsüber arbeitete ich in einer Konservenfabrik und nachts plante ich meinen Selbstmord. Jeden Morgen fuhr ich mit dem Rad acht Kilometer um das Nordende des Sees herum, um zur Fabrik zu kommen. Ich radelte den ganzen Winter hindurch; wenn allerdings sehr viel Schnee lag, nahm mich eine Nachbarin im Auto mit. Sie hatte ähnliche Arbeitszeiten wie ich und war in einer Arztpraxis nicht weit von meiner Arbeitsstelle beschäftigt. Lieber fuhr ich aber mit dem Rad. Small Talk lag mir nicht besonders.

Kindheitserinnerungen 1960

Wenn ich einmal sterben sollte – so fragte ich mich oft – was würde meine Mutter dann tun? Wie würde sie sich fühlen? Diese Fragen ließen mir keine Ruhe. Bis zu meinem elften oder zwölften Lebensjahr war ich oft krank – so krank, dass ich manchmal dachte, ich würde wirklich sterben, obwohl ich nie jemandem etwas sagte. Meine Krankheit war mysteriös. Jeden zweiten Monat fing ich plötzlich an, alles, was ich aß oder trank, wieder von mir zu geben; nicht einmal meine Zähne konnte ich putzen, ohne mich zu übergeben. Dieser Zustand dauerte eine Woche oder noch länger an. Ich lag im Bett und konnte mich kaum rühren, ich schlief immer wieder ein. Wenn ich meine Lippen mit den Fingern berührte, fühlten sie sich wie etwas ganz anderes an, nicht wie Lippen, sondern wie geschnitztes Elfenbein oder Knochen. Ich lauschte den Stimmen der Menschen draußen auf der Straße und konnte mich nicht mehr daran erinnern, wie es war, gesund zu sein.
   Der Arzt wusste nicht, was mir fehlte. Bis auf das Erbrechen war alles in Ordnung. Er gab mir eine Flasche mit rosafarbenem Zeug, das ich nicht bei mir behalten konnte und diverse Ratschläge: Sei nicht so nervös. Hol ein paar Mal tief Luft, wenn du merkst, dass es dir hochkommt. Jede Menge frische Luft, das kann nicht schaden.
   Bevor er ging, tätschelte der Doktor meine Hand und sagte, es würde vorübergehen, was es auch tat. Nach etwa einer Woche wachte ich auf und sah ein Glas Wasser auf meinem Nachttisch stehen, und es war ein schöner Anblick. Ich stützte mich auf dem Ellbogen ab und trank ein wenig und dann noch etwas mehr. Später, wenn ich wieder aufwachte, bemerkte ich das Sonnenlicht im Laub vor meinem Fenster, die Schatten an der Wand und das leuchtende Blau und Rot der Bücher in meinem Regal. Einmal roch ich, dass mein Großvater Hühnchen kochte, also schlich ich mich in die Küche, setzte mich zu meiner Familie an den Tisch und fing an zu essen, ohne ein Wort zu sagen. Meine Mutter und meine Großmutter warfen einander Blicke zu.
   »Ich habe mich ein bisschen mit dem Doktor unterhalten«, meinte meine Mutter. »Er sagt, es ist alles nur in deinem Kopf.« Sie sah mich vorwurfsvoll an.
   »In meinem Kopf?«
   »Was soll das denn heißen?«, fragte Großvater. Er runzelte die Stirn und fuchtelte mit seinem Besteck herum.
   Was sie meinte, war, dass ich es tat, um auf mich aufmerksam zu machen, wenn auch nicht unbedingt mit Absicht. Der bloße Gedanke ließ mein Herz vor Scham pochen.
   »Quatsch mit Soße«, sagte Großvater.
   »Sie weiß es«, sagte meine Mutter, immer noch mit diesem Blick.
   Ich schluckte mein Hühnchen hinunter. Konnte das wahr sein?
   Das nächste Mal, als ich krank war, gab sich meine Mutter schroff und distanziert. Sie stellte ein Glas Wasser auf meinen Nachttisch und spähte zum Fenster hinaus. Es regnete.
   »Ich mache das nicht mit Absicht«, flüsterte ich. Mein Mund war ausgetrocknet wie Papier.
   »Ach, das weiß ich schon«, erwiderte sie, während sie weiter in den Regen hinaussah. »Aber ich oder deine Großmutter werden doch auch nicht krank, oder? Wir müssen unsere Arbeit erledigen. Wir können es uns nicht leisten, im Bett herumzuliegen.«
   Ich schloss die Augen und versuchte zu weinen, aber es kamen keine Tränen.
   »Du bist nicht gerade hart im Nehmen, was?«, sagte meine Mutter.
   Einmal saß ich auf dem Klo und wartete und wartete, weil ich so harten Stuhlgang hatte. Vor mir stand ein Eimer voll mit Wasser, den meine Mutter immer hinstellte, um nachzuspülen, falls die Klospülung keinen starken Druck haben würde. Vom Drücken wurde mir schwindlig und schwarz vor den Augen. Irgendwie muss ich bewusstlos geworden sein und stürzte kopfüber in diesen Wassereimer. Wenn meine Mutter nicht gehört hätte, wie ich im Eimer rumblubberte, wäre ich ertrunken. Regelmäßig zu Familienfesten erzählte sie diese Begebenheit und ich schämte mich in Grund und Boden, während die ganze Gesellschaft sich schief und krummlachte.
   Irgendwann fing ich an, meine Fingernägel abzufressen. Meine Mutter, unterstützt durch meinen Onkel, band mir die Hände ein, die ich nachts wieder aufwickelte und fröhlich weiterknabberte. Da meine Fingernägel dadurch mehr breit als lang wurden, zog ich wieder das Gespött der Leute auf mich.
   Einmal schickte Mutter mich mit einem Nachbarssohn namens Peter Dick in unseren weiter entlegenen Garten, um nach Regenwürmern für unsere kranke Amsel zu graben. Peter, der ungefähr zehn Jahre älter war als ich, schlug mir vor, erst einmal gemütlich in dem Gartenhäuschen Tee zu machen und die mitgebrachten Plätzchen zu vertilgen. Ich war ungefähr zehn Jahre alt und folgte ihm vertrauensvoll. Er war ja ein mir sehr gut bekannter Nachbarssohn und ich hatte keine Angst vor ihm. Als wir es uns gemütlich machten und er mir vorschlug, auf dem alten Sofa Platz zu nehmen, setzte er sich ganz nah neben mich. Plötzlich fing er an, meine Schenkel unter dem Rock zu streicheln und fuhr mit seiner Hand, die eiskalt war, immer höher, bis er bei meiner Unterhose angekommen war.
   »Warum machst du das, Peter?«, fragte ich schüchtern.
   »Weil du so schön bist … ich liebe dich, ah … ich bin verrückt nach dir. Schon die ganze Zeit wollte ich mal mit dir allein sein. Komm, zier dich nicht so, du willst es doch selbst, oder?«, flüsterte er begierig. Dabei wanderte seine Hand immer weiter in die Nähe meiner Vagina und er legte sich mit seinem schweren Körper halb auf mich. Ich wehrte mich aus Leibeskräften. Plötzlich bohrte er mir zwei seiner kalten, ekligen Finger in meine Scheide und drückte seinen erigierten, kleinen Penis an meinen Oberschenkel.
   »Ich bin so geil … oh, lass dir’s von mir besorgen, ich kann’s nicht mehr zurückhalten, ich werde sonst verrückt … bitte! Wenn du mich nicht freiwillig lässt, werde ich dich zwingen. Du bist ja schon ganz nass, du willst es auch«, flüsterte er geifernd.
   Ich beugte meinen Oberkörper nach oben und schrie ihn an, dass er mich sofort loslassen solle. Danach biss ich ihn kräftig in seine Wange. Er brüllte auf, ließ aber nicht ab von mir.
   »Das macht mich ja noch geiler, mein Gott, was bist du für ein tolles Mädchen«, säuselte er und Sabber lief ihm aus den Mundwinkeln. Dann war sein Schwanz ganz nah neben meiner Vagina. Ich versuchte mit aller Kraft, meine Schenkel zu schließen, aber er riss sie mir immer wieder auf, sodass ich blutige Striemen hatte. Dann stieß er seinen steifen Penis ohne Unterlass in mich und ich schrie wie am Spieß. Ein paar Mal bewegte er sich rein und raus, dann lief etwas Nasses meine Schenkel entlang und er stöhnte wie ein Tier. Blut und Sperma liefen aufs Sofakissen und ich heulte wie ein Kind.
   »Du Dreckschwein, du elendes … warum hast du das mit mir gemacht?«, brüllte ich ihm ins Gesicht.
   »Du wolltest es doch, warum bist du mit mir in dieses Gartenhäuschen gegangen? Du bist doch nass gewesen, also wolltest du es, oder?«
   »Du Schwein, das sage ich meinem Vater, was du mit mir gemacht hast«, drohte ich.
   »Nein, bitte sag niemandem etwas, ich bitte dich, ich gebe dir Geld.«
   »Ich will kein Geld, ich will, dass du bestraft wirst und ins Gefängnis kommst!«
   Er packte mich energisch am Arm und blickte mir mit seinen stechend blauen Augen ins Gesicht. »Wenn du einen Ton zu deinen Eltern sagst, bringe ich dich um. Das schwöre ich dir!«
   Ich hatte schreckliche Angst, dass er mich hier im Gartenhäuschen ermorden würde und versprach, zu keinem Menschen etwas zu sagen. Dann grub ich mit meiner Kinderschaufel Löcher in die Erde, um Regenwürmer für unseren kranken Vogel zu suchen. Dieses Monster setzte sich seelenruhig neben mich und half mir graben. Ich zitterte vor Angst. Wie war es möglich, dass ein Mann aus der Nachbarschaft, den ich jahrelang kannte, mir so etwas antat? Ich vertraute den Menschen nicht mehr.
   In einer mit Wasser gefüllten Regentonne wusch ich meine blutige Unterhose aus und zog sie klatschnass wieder an. Ich schämte mich furchtbar. Ich wusste, dass ich niemandem von dem schrecklichen Vorfall etwas sagen würde. Mit gesenktem Kopf trottete ich nach Hause, Peter, mein Vergewaltiger, mit einigem Abstand hinter mir her.
   Gott sei Dank war meine Mutter nicht zu Hause. Ich sah in der ganzen Wohnung nach, auch meine Brüder waren ausgegangen. Ich schrubbte meine Unterhose noch mal mit einer Wurzelbürste und hängte sie zum Trocknen über den Kachelofen. Dann setzte ich mich in eine Ecke des Wohnzimmers, das wir nur für Gäste benutzten oder für Familienfeiern, und weinte. Ich dachte, dass ich selbst an der Sache schuld sei, so wie es mir mein Vergewaltiger eingeredet hatte, und schämte mich noch mehr. Ich fraß meine Fingernägel fast förmlich bis zum Stumpf ab.
   Gegen Abend kamen meine Mutter und meine Brüder.
   »Was ist denn mit dir los, Marlene? Du siehst ja ganz zerzaust aus«, bemerkte Mutter und blickte mich kritisch an.
   »Nichts … gar nichts, was soll denn sein?«, antwortete ich mit leiser Stimme.
   Meine Kehle war knochentrocken. Ich getraute mich nicht, meiner Mutter in die Augen zu sehen, weil ich dachte, dass sie mit ihrem guten Gespür sofort erahnen würde, dass etwas Schlimmes passiert war. »Ich bin nur müde, ich gehe gleich ins Bett, morgen geht es mir bestimmt besser«, versuchte ich, sie zu beschwichtigen.
   Aber in mir tickte eine Bombe und am liebsten hätte ich herausgeschrien, was dieser brave, unscheinbare Nachbar mir angetan hatte. Aber ich schwieg. Ich schwieg aus Angst, dass mich, wenn ich etwas sagen würde, der Mann später umbringen würde.
   In der Nacht hatte ich schreckliche Träume, dass ich im Schwimmbad untergetaucht bin und mich beim Wiederauftauchen Schulkameraden immer wieder nach unten drückten, bis ich keine Luft mehr bekam und erstickte. Meine Mutter mit der weißen Nachtkappe schlief seelenruhig neben mir und ahnte nichts von meinen Problemen.
   Wenn ich ihm im Treppenhaus begegnete, lächelte er mich verstohlen an und fragte mich, ob ich schon was gesagt hätte. Ich schüttelte heftig den Kopf und er atmete erleichtert auf.
   »Wollen wir wieder eine Runde im Gartenhäuschen das machen?«, flüsterte er.
   Ich dachte, mich müsste augenblicklich der Blitz treffen und mir fehlten die Worte.
   »Überleg es dir, es war total schön. Ich könnte auch dein Freund werden, wenn du willst«, sagte dieses Schwein. Dabei sah er mich mit seinen kleinen hellblauen Schweineaugen an, aus denen ständig Wasser heraussickerte, und kratzte sich an seinem nicht vorhandenen Kinn.
   Ich hätte ihm ins Gesicht schlagen und seinen Schädel mit einem großen Stein zertrümmern wollen. »Bitte nein … lass mich in Ruhe«, sagte ich stattdessen nur brav.
   Mit geifernden Lippen sah er mich an. »Aber ich bezahle dir Geld. Sagen wir, für jedes Mal im Gartenhaus, zwanzig Mark. Wenn du es freiwillig machst, tue ich dir auch nicht weh, ich mache es ganz vorsichtig. Du bist ja sowieso schon offen, da tut es nicht mehr weh und geil bist du auch. Das hab ich schon gemerkt. Du bist zwar verdammt jung, aber schon fast eine richtige Frau. Ich denke Tag und Nacht nur an dich, ich bin verrückt nach dir. Ich kann nicht mehr schlafen, ich denke ständig an unser tolles Ding, was wir gemacht haben und in der Nacht steht er mir gewaltig, weil ich daran denke, wie super das war. Auch dass du mich in die Backe gebissen hast, hat mir gut gefallen. Ich gebe dir vierzig, bitte geh mit mir noch mal ins Häuschen. Ich sage auch niemandem etwas. Schau, jetzt bin ich schon wieder heiß, nur, weil du neben mir stehst.« Er blickte an seinem Körper hinunter und drückte auf eine Wölbung in seiner Hose. »Ich könnte hier sofort abspritzen, ich halt es nicht aus, ich muss mit dir. Bitte, wir brauchen nicht ins Gartenhäuschen gehen, im Luftschutzbunker geht es auch.«
   Ich war vor Schreck erstarrt und stumm wie ein Fisch. Und lief schnell davon.
   Als ich einen Monat später wieder Kartoffeln holen musste im Keller, schlich ich mich mit klopfendem Herzen am Bunker vorbei … und da stand er. Ich erschrak so sehr, dass ich nicht reagierte, als er mich am Arm packte und in diesen Bunker hineinzog. Noch ehe ich schreien konnte, hatte er schon die schwere Eisentür von innen verriegelt.
   »Wenn du nicht freiwillig zu mir kommst, dann eben mit Gewalt«, sagte er grimmig und drückte mich auf den Boden des Kellers. Schon riss er mir den Slip hinunter und packte blitzschnell sein ekliges Ding aus, das wie ein Gewehr gegen mich gerichtet war. Er stieß ihn, ohne lang zu fackeln, in mich hinein. Ich weinte und weinte.
   »Es ist gleich vorbei … warte, nur ein paar Sekunden.« Er stöhnte und mit zwei kräftigen Stößen leerte er seine eklige Flüssigkeit in mich. Wieder lief ihm sein stinkender Sabber aus den Mundwinkeln und er sah mich mit irrem Blick an. »Fantastisch … im Puff könnte es nicht besser sein«, säuselte er mit verzerrtem Mund.
   Ich sagte noch immer kein einziges Wort. Er schmiss mir eine Packung Taschentücher hin, in der ein Zwanziger steckte. Dann ließ er mich liegen und verließ den Bunker. Von außen verriegelte er die schwere Tür und entfernte sich.
   Ich lag im Dunkeln auf dem kalten Boden und konnte nicht aufhören, zu weinen. Mein Kopf war dem Platzen nahe. Ich wollte schreien, aber es kam kein Laut aus meinem Mund. Er hatte mich eingesperrt. Niemand konnte mein Schreien hören. Wann würde er mich befreien? War er verrückt? Er konnte mich doch nicht hier im Bunker lassen. Das fiel doch auf. Meine Mutter und meine Brüder würden nach mir suchen. Ich säuberte mich, zog meinen Slip hoch und wartete schluchzend und weinend. Ich hörte nichts. Keinen Ton. Resigniert ergab ich mich in mein Schicksal.
   Ich wartete und wartete.
   Nichts.
   Ich weiß nicht, wie lange ich so in einer Ecke kauerte, bis die schwere Tür plötzlich aufging und mein Peiniger eintrat.
   »Hast du dich beruhigt? Hast du dich sauber gemacht? Dann darfst du gehen, also los, geh«, flüsterte er.
   Ich sagte kein Wort – als ob ich plötzlich stumm geworden wäre.
   »War doch toll, oder? Hat es dir auch gefallen? Für das Geld kannst du dir was Schönes kaufen, ja? Und sag niemandem etwas, okay? Wie wir ausgemacht haben.«
   Er ließ die Kellertür einen Spalt auf und entfernte sich. Mit zitternden Knien richtete ich mich auf und verließ mit wackligen Beinen meinen Peinigerraum. Das Herz klopfte mir bis zum Hals, ich konnte keinen klaren Gedanken fassen. Sollte das jetzt ewig so weitergehen?
   Ich war knapp elf und hatte von Sex noch nie in meinem Leben etwas gehört. Und nun war ich zum perversen Spielball eines Irren geworden.
   Ich musste handeln – aber auf welche Weise?
   Wochenlang versuchte ich, ihm aus dem Weg zu gehen. Ich ging nicht mehr in den Keller, und auch nicht mehr nach draußen zum Spielen. Ich saß still in einer Zimmerecke und grübelte vor mich hin. Ich redete mit niemandem und wollte auch nicht angesprochen werden. Nachts hatte ich schreckliche Träume, in denen ich ihn ermordete. Ich wurde ständig ohnmächtig, wenn ich zu lang stand und mich konzentrieren musste. Einmal sah ich meinen Brüdern zu, wie sie aus Eisen-Bauteilen ein Flugzeug bauten, und während ich mich auf die Arbeit konzentrierte, wurde mir schwarz vor Augen und ich donnerte der Länge nach mit dem Kopf an den Küchentisch und brach dabei einen Schlüssel ab, der aus einer Schranktür herausragte. Ich hatte ein riesiges Loch im Kopf und musste eine Woche das Bett hüten. Es war mir recht, mich im Bett zu verstecken, weil ich sowieso nie mehr hinaus wollte.

Juli 2001

Nach Dietmars Tod verbrachte ich Wochen und Monate in stumpfsinniger Lethargie. Ich fürchtete mich davor, dass er mir nicht nur im Traum erscheinen würde, sondern als sichtbarer Geist. Ich wollte seine Stimme noch einmal hören, ich wollte ihn sehen, aber ich hatte schreckliche Angst davor. Eines Nachts, ich konnte nicht schlafen und lag mit offenen Augen im Bett und stierte an die Zimmerdecke, spürte ich, dass jemand oder etwas bei mir war. Ich konnte niemanden erkennen, und doch fühlte ich deutlich, dass er da war. Er war zu mir gekommen. Er hatte meinen Namen gesagt. Warum? Konnte die Störung seiner Grabesruhe seine Seele aufgerüttelt haben, so wie man einen Schwarm Fliegen aufscheuchen mochte, wenn man ein totes Tier mit einem Stöckchen anstieß?
   Wenn ich mir Mühe gab, erkannte ich sein Gesicht in den Schatten der Hügel auf der anderen Seeseite, mit lebendigen Zügen, und ich sah ihn in den kleinen Wellen auf dem Wasser. Der Umriss seines Körpers zeichnete sich in den Bäumen ab. Er war überall – überall! Tief in meinem Inneren erzitterte etwas und löste sich aus seinen Banden: Es war Liebe – Liebe und Entsetzen.
   Ich lag die ganze Nacht wach, starr vor Entsetzen. Ich wollte mit ihm sprechen, ihn berühren und mich bei ihm entschuldigen, dass ich ihm das Leben genommen hatte. Lange Zeit geschah nichts. Dann, in den frühen Morgenstunden, spürte ich, wie sich etwas auf meine Bettdecke legte und sie sachte hinunterdrückte. Ich spürte die Schwere eines Körpergewichts. Voll Entsetzen und doch mit stiller Ruhe hob ich meine Zudecke und sah deutlich, wie eine Person zur Zimmerdecke emporschwebte. Ich wandte die Augen ein paar Sekunden ab, um danach die Arme auszustrecken, um ihn zu berühren, da löste er sich in Luft auf. Mein Herz klopfte und meine Kehle war ausgetrocknet. Wer war es? Dietmars Geist? Ich erkannte noch genau den Abdruck seines Körpers auf meiner Bettdecke und erinnerte mich, dass sein Gewicht auf mir lag. Ich wünschte mir, dass er mich mitgenommen haben würde, dass ich nicht mehr allein sein müsste, aber ich war ja nicht tot. Monatelang habe ich auf sein Erscheinen gewartet, aber er kam nicht wieder.
   Die Wochen zogen sich wie eine zähe Masse dahin, nichts machte mir Freude. In der schrecklichen Konservenfabrik wollte ich nicht mehr arbeiten, lieber hätte ich mich umgebracht. In München nahm ich eine Stelle als Rechnungsprüferin der Allgemeinen Ortskrankenkasse an und saß mit fünfzehn anderen Frauen in einem stickigen Raum. Vor mir türmte sich ein riesiger Berg von Abrechnungsformularen, deren eingetragene Zahlen ich zu überprüfen hatte. Mit einem Bleistift, an dem hinten ein Gummiring befestigt wurde, blätterte ich Seite für Seite durch und die vielen Zahlen verschwammen vor meinen Augen. Ab und zu schlief ich ein, und noch während ich am Blättern war, knallte mein Kopf vornüber auf die Schreibtischplatte. Hätte ich das mein Leben lang machen müssen, ich hätte mich freiwillig von einem Hochhaus gestürzt. Ich zwang mich jeden Tag, dorthin zu gehen, bis ich es eines Tages nicht mehr aushielt. Ohne ein Wort zu sagen, packte ich meine paar Sachen, fuhr zu meinem Bruder und blieb einige Zeit bei ihm.

Erinnerungen 1966

Als ich sechzehn war, zogen wir alle, meine Mutter, meine Brüder und ich in eine andere Stadt. Ich war froh, meinem Peiniger entkommen zu sein. In diesem Haus gab es keinen Luftschutzbunker, und auch keine Kartoffeln und Briketts mehr aus dem Keller zu holen. Ich begann eine Lehre als Krankenschwester und ging mit meiner besten Freundin Renate viel ins Kino.
   Eines Tages sahen wir uns einen spannenden Film im Zentralkino der Stadt an und ich musste mitten im Film auf die Toilette. Ich schlich zwischen den voll besetzten Reihen hindurch und ging über den Hinterhof, wo die Toilettenräume lagen. Als ich die Türklinke der Damentoilette hinunterdrückte und eintrat, stand dort hilflos ein junger Mann.
   »Was machst du denn hier? Weißt du nicht, dass das eine Damentoilette ist? Hau bloß ab!«, brüllte ich ihn an.
   An seinem stupiden Gesichtsausdruck erkannte ich, dass er nicht ganz richtig im Kopf war. Er glotzte mich aus kuhaugengroßen Augen an und verzog sein mit eitrigen Pickeln übersätes Gesicht zu einer widerlichen Grimasse.
   »Äh … hmm, ’tschuldige, ich geh ja schon.« Er schlurfte an mir vorbei und verließ widerwillig die Damentoilette.
   Als ich ihn wegstapfen hörte, schloss ich mich in ein Abteil ein und erleichterte mich. Was war denn das für eine komische Gestalt gewesen? Noch während ich nachdenklich auf der Kloschüssel saß, bemerkte ich etwas, das mir das Blut im Körper stocken ließ. Ich sah unter dem Lüftungsschlitz bei der Tür eine behandschuhte Hand hindurchfingern, die sich immer mehr meinen Füßen näherte. Ich wusste, dass es das Pickelmonster war.
   »Du dreckiges Pickelgesicht, schau, dass du sofort verschwindest, du Miststück, du Perverser, sonst hack ich dir deine Finger ab«, brüllte ich mit dem Mut der Verzweiflung.
   Das Ungeheuer vor meiner Tür ließ sich aber überhaupt nicht von meinem Geschrei beeindrucken und fingerte seelenruhig weiter. Ich wusste nicht, was ich machen sollte. Raus aus meinem Klogefängnis konnte ich nicht, weil er vor der Tür lag. Über die Wände zur nächsten Toilette konnte ich auch nicht. Was sollte ich nur tun? Was wollte dieser Irre von mir? Es wurde mir abwechselnd heiß und kalt und mein ganzer Körper begann zu zittern. Mein Gehirn arbeitete auf Hochtouren. Noch während ich mich fragte, was der eigentlich von mir wollte, sagte es mir mein Gefühl schon deutlich. Er wollte mich sexuell belästigen oder vielleicht sogar ermorden.
   O Gott! Ich musste schleunigst aus meinem Klogefängnis hinaus – aber wie?
   Ohne Zeit zu verlieren, nahm ich meinen ganzen Mut zusammen, sperrte die Tür ohne Geräusch auf und warf mich mit voller Kraft gegen seinen vor der Tür liegenden Körper. Er lag am Boden, die Hose und Unterhose hinuntergezogen und schnappte nach meinem Bein. In seiner anderen Hand hielt er ein kleines Springmesser und versuchte, mich damit zu bedrohen. Durch meine wahnsinnige Angst und das dadurch ausgelöste Adrenalin entwickelte ich Bärenkräfte und trat ihm mit voller Wucht in seine schlabbrigen Eier, sodass er aufschrie wie ein verletztes Tier.
   Für ein paar Sekunden hatte ich Zeit, mein zweites Bein über ihn zu heben und hinwegzuspringen. Wieder musste ich eine Tür öffnen, die sich nur nach innen aufziehen ließ, und er nutzte die Gelegenheit, mich erneut am Fuß zu packen. Mit der anderen Hand, in der er das Messer hielt, stach er mir in den Fuß. Ich spürte keinen Schmerz, stolperte in Todesangst nach draußen und schrie wie eine Verrückte um Hilfe. Ich drehte mich nicht um und rannte weiter, während mein Fuß höllisch zu brennen begann vor Schmerz. Ich erreichte die Kinokasse und fiel vor den Augen der Kartenverkäuferin in Ohnmacht. Die später alarmierte Polizei konnte den Mann, der mich bedroht und verletzt hatte, nicht mehr auffinden. Ich erstattete Anzeige. Mir war es egal, ob sie ihn finden würden, vielmehr machte ich mir Sorgen, warum das dauernd mir passierte. Vielleicht hatte ich etwas an mir, das Männer aufstachelte, mich zu überfallen? Ich hatte keine Ahnung.

Auch jetzt, in dieser fremden Stadt, gefiel mir mein Leben nicht. Ich hielt die triste Eintönigkeit nicht aus. Es machte mir eigentlich nichts aus, im Krankenhaus zu arbeiten. Irgendwie gefiel es mir sogar; jedenfalls verschaffte mir die Gleichförmigkeit der Tage eine Art verzweifelter Befriedigung. Jeden Tag trug ich denselben blütenweißen Kittel, fertigte die gleichen, langweiligen kranken Leute ab, nahm ihnen das gleiche rote Blut aus den Venen und sagte dieselben langweiligen Dinge zu denselben Leuten. Es störte mich, dass die Patienten mit ihren Krankheiten protzten. Je kränker einer war, umso wichtiger war er. Keiner machte Anstrengungen, etwas dafür zu tun, gesund zu werden. Trotz Lungenkrebs rauchten sie fröhlich weiter, und obwohl ihre Leber sich vom Alkohol förmlich auflöste, schluckten sie weiter fleißig ihre Biere und Schnäpse in sich hinein. Mit ihren Krankheiten gingen sie hausieren. Je schlimmer, desto mitleiderregender.
   Ich wusste, dass ich nach meiner Lehre dem Krankenhaus den Rücken drehen würde. Ich sehnte den Tag herbei.

Erinnerungen 1960

In unserem Haus lebte eine arme Familie, die viele Kinder hatte. Manchmal, wenn Mutter nicht zu Hause oder verreist war, luden wir zwei der Jungen zu uns ein und machten für sie besonderes Essen. Zuerst fingen wir an, sie mit gut schmeckenden Sachen zu verwöhnen. Mein jüngerer Bruder Michael mischte Haferflocken mit Kokosflocken und Kakao, goss Wasser dazu und machte einen Brei daraus. Leo, der Jüngste, wollte zuerst probieren.
   »Hmm … schmeckt gut, noch was haben«, bettelte er. Leo musste im Klo warten, bis wir die nächste Überraschung zusammengemischt hatten.
   Michael kannte keine Grenzen und mischte immer widerlichere Sachen zusammen. Wir wollten sehen, wie es den armen Jungen schmeckte – oder auch nicht. Diesmal panschte er in die wässrige Haferflockenpampe scharfen Senf und eine Prise Pfeffer und spuckte noch dazu kräftig hinein. Wir holten Leo aus dem Klo, ließen ihn an unserem Tisch Platz nehmen und stellten ihm den Teller vor die Nase. Beim ersten Löffel verzog sich sein Gesicht, aber er aß tapfer weiter.
   »Na, wie schmeckt dir diese Nachspeise, Leo?«, fragte mein Bruder scheinheilig.
   »Hm, ganz gut, aber will nix mehr, bin schon satt«, erwiderte Leo mit verzerrtem Gesicht, um uns nicht zu verletzen.
   Wir unterdrückten unser Lachen und feixten in uns hinein.
   Ein andermal wollten die Nachbarskinder wieder von uns eingeladen werden und wir hatten eine noch viel bessere Idee. Dieses Mal wollten wir Regenwurmsalat machen. Mein Bruder grub im Garten nach ein paar fetten Regenwürmern und zerhackte sie bei lebendigem Leib. Dann vermischte er sie mit eingeweichtem Klopapier, tat etwas Puderzucker darüber und bot sie Leo, dem Vielfraß, freundlich an.
   Wieder lächelte uns Leo beim Essen glücklich an, obwohl man genau sah, dass es ihm bald hochkommen würde. Es dauerte nicht lange, er hatte fast seine halbe Schüssel ausgelöffelt, als ein Schwall Regenwurmsalat mit Klopapiermasse sich über den Tisch ergoss.
   »Entschuldigung«, stotterte er, »aber ich war schon satt«, und fing an, beschämt seine Kotze mit dem Löffel vom Tisch in die Schüssel zurückzuschaufeln.
   Wir lachten uns kaputt.
   Einmal ging mein Bruder wirklich zu weit. Als meine Mutter zu Großmutter gefahren war, um einige Tage dort zu bleiben, wollte er ein ganz besonderes Festessen für die Nachbarskinder machen. Wir hatten sechs Mäuse, eine davon, Knorpel genannt, biss meinem Bruder immer in den Finger, wenn er sie nehmen wollte, und er hatte einen schrecklichen Hass auf sie. Er nahm also diese Maus mit Lederhandschuhen am Schwanz und schleuderte sie an die Mauer, bis sie tot war. Dann schaltete er unseren Obstentsafter an und schmiss die Maus in den Trichter, sodass sie zermalmte. Man hörte, wie ihre Knochen knackten und dunkelroter schmutziger Saft lief aus dem Ausguss. Den schüttete er über einen Vanillepudding und streute Kokosflocken darüber. Als Michael dieses Gebräu dem armen Leo vorsetzte und dieser gerade beginnen wollte, es zu essen, nahm er es ihm wieder weg und sagte, da würde noch was fehlen, ging ins Klo und spülte diese schreckliche Speise hinunter.
   Seit diesem Tag hatte ich keinen Respekt mehr vor meinem Bruder.

November 2009

Der Tod beschäftigte mich ein Leben lang. Immer musste ich darüber nachdenken. Warum musste der Mensch sterben?
   Eva führte Adam in Versuchung, und Adam erlag der Versuchung, und das ist der Grund, weshalb die Menschen seither im bitteren Exil ihr Dasein fristen, verbannt aus dem Garten Eden, den sie für ihre Heimat halten. Doch ein paar frühe Spiritisten fanden ein Hintertürchen zurück ins Paradies. Nach dem Tod, so behaupten sie, kommt die Seele ins Sommerland, eine Gegend mit blühenden Wiesen und sanften Brisen und prächtigen Landschaften, geschaffen aus den sehnlichsten Wünschen der Toten. Nichts wird ihnen vorenthalten. Wenn die Toten sich Kunst wünschen, schießen Galerien aus dem Boden, und wenn die Toten frische, reife Früchte wollen, dann wachsen Obstgärten an den Berghängen. Es gibt Schulen im Sommerland, aber niemand muss hingehen. Nachts können die Toten die Lebenden besuchen, denen es frei steht, sich im Schlaf ihren verstorbenen Lieben anzuschließen. Nach einem Leben, in dem ihnen jeder Wunsch vereitelt wurde, können die Toten nun endlich ihren Gelüsten freien Lauf lassen – und so wird genau das, was der Grund unserer Vertreibung aus dem Garten Eden war, uns dorthin zurückbringen.
   Manchmal denke ich über diese Vorstellung nach und frage mich, wie wohl das Sommerland meiner Mutter aussehen mag? Ich sehe ein Luxushotel vor mir, mit weißen Leinentischdecken, goldenem Besteck und endlosen Schlangen Obern, die Desserts servieren, mit Blumenschalen auf dem Tisch und meine Mutter in einem neuen Kleid bei jedem Gang. Von hübschen Dingen konnte sie nie genug bekommen.
   Aber es ist schwer, an einen solchen Ort zu glauben. Gäbe es da keine Konflikte? Was wäre zum Beispiel, wenn das, was wir wollten, uns nicht wollte? Und was, wenn man sich nichts sehnlicher wünschte, als wieder lebendig zu sein?
   Es tat mir noch lange Zeit weh, an meine Mutter zu denken und so dachte ich stattdessen unentwegt an Dietmar – ich hatte wohl gehofft, ihm Wiedergutmachung zu leisten, indem ich gestanden hatte und ins Gefängnis gegangen war. Es war im Grunde eine Wohltat, endlich im Gefängnis zu sein.

Dietmar
April 1999

Ich sah Dietmar zum ersten Mal in unserer Stadtbücherei. Mit verdrehten Beinen und verkniffenem Gesicht saß er stumm und gehemmt auf einem Stuhl und versuchte, die Tageszeitung zu lesen. Mir fiel sofort auf, dass er psychische Probleme hatte. Trotzdem sprach ich ihn an … oder gerade deswegen.
   »Hallo, wenn Sie die Zeitung gelesen haben, kann ich sie dann bitte haben?«, fragte ich ihn zurückhaltend.
   Er zuckte mit seinem ganzen Körper zusammen, als ob ich ihn in wichtigen Gedankengängen gestört hätte. Seine Augen wurden zu schmalen Schlitzen und eines seiner verdrehten Beine begann, auf und ab zu wippen.
   Ich bemerkte, dass es ihm unangenehm war, von einer Frau angesprochen zu werden.
   Er wäre am liebsten vor meinen Augen im Erdboden versunken. Dann fasste er sich wieder und sah mich verwundert an. »Selbstverständlich, ich bin gleich fertig«, antwortete er leise.
   Ich setzte mich in einigem Abstand auf einen Sessel am Fenster und wartete. Ab und zu beobachtete ich ihn.
   Mit seiner Ruhe war es dahin.
   Er konnte sich nicht mehr auf seine Zeitung konzentrieren und war sichtlich aus dem Konzept geraten. Auch er beobachtete mich aus den Augenwinkeln immer dann, wenn ich nicht zu ihm sah, aber ich bemerkte es genau. Er machte sich Gedanken über mich. Dann gab er sich einen Ruck, wickelte seine Beine auseinander, stand auf, während er sich verlegen seinen Bart kraulte, und stakste unbeholfen auf mich zu.
   »Hier haben Sie die Zeitung, aber es steht nichts Besonderes drin«, sagte er schüchtern.
   Als ich in die Zeitung vertieft war, verließ er den Leseraum. Ich war fast enttäuscht, doch umso überraschter, als ich die Bücherei nach einiger Zeit verlassen wollte und er vor dem Ausgang stand. Ich erwiderte sein Lächeln. In seinen geheimnisvollen braunen Augen tanzten goldgelbe Pünktchen.
   »Erinnern Sie sich an das Vollmondfest in den Arkaden?«
   Ich zögerte einen Moment. Natürlich war mir der Auftritt in Erinnerung geblieben. Mein erstes, eigenes, kleines Konzert. »Ja. Warum?« Ich hatte viele Kerzen in dem Konzertraum aufgestellt, um ihn gemütlicher zu machen.
   »Ihre wunderschönen, traurigen Lieder haben mir imponiert. Ich blieb bis zum Schluss.«
   »Es tut mir leid«, sagte ich, »aber ich hab Sie damals nicht entdeckt.«
   »Wie klein die Welt ist.« Er lächelte.
   »Sind Sie morgen wieder in der Bibliothek?«
   »Ich bin jeden Tag dort.« Er reichte mir seine schmale Hand. »Mein Name ist Dietmar. Ich würde mich freuen, Sie wiederzusehen.«
   Seine Hemdsärmel waren etwas hochgerutscht. Lange, seidene dunkelblonde Haare bedeckten seine Unterarme. Das gefiel mir auf Anhieb.
   »Mein Name ist Marlene. Also dann, bis bald.«

Sommer 1975

Auch in einer anderen Stadt fand ich keine Ruhe und grübelte über mein Leben nach. Meine eintönige Arbeit gefiel mir nicht, ich sehnte mich nach etwas, das ich nicht beschreiben konnte. Irgendetwas steckte in mir, das ans Tageslicht wollte. Ich hatte keine richtigen Freunde und hauste in einem winzigen Zimmer im Norden Schwabings in München. Der Ausblick aus dem einzigen Fenster fiel auf schmutzige Dächer und verwinkelte, triste Hinterhöfe. Ich fühlte mich wie lebendig begraben, ernährte mich schlecht und begann, Rotwein zu trinken. Meine Arbeit bestand im Sortieren von Akten in einem kleinen Verlag, der zwei Häuser weiter lag. Die meiste Zeit sah ich aus dem Fenster und wartete, bis meine Arbeitszeit vorbei war. Danach ging ich auf den Isabellafriedhof und las Goethes Leiden des jungen Werther und Die Sanfte von Dostojewski, und ließ mich von den gruseligen Geschichten von Edgar Allan Poe hinwegtragen. Ich fühlte mich höchst bemitleidenswert und dem Selbstmord nahe. Irgendeinen Sinn musste es doch haben, auf dieser beschissenen Welt zu sein. Nachts konnte ich nicht schlafen und hatte schreckliche Angst vor der Dunkelheit. Meine Angst vor Kellern war noch nicht besiegt, deshalb ließ ich mein Fahrrad immer im Hausgang stehen, bis es eines Tages geklaut wurde. Ohne fahrbaren Untersatz schlenderte ich von nun an zu Fuß ziellos durch die Stadt auf der Suche nach dem Besonderen.
   Eines Tages traf ich einen älteren Mann in einem grauen Trenchcoat, mit dem ich ins Gespräch kam. Wir begegneten uns öfter und die Unterhaltungen wurden bereits nach dem dritten oder vierten Mal zu einer lieb gewonnenen Stunde täglich, die ich nicht mehr missen wollte. Ich mochte ihn.
   Ich erzählte ihm, dass ich mich für Okkultismus und Spiritualismus interessiere und er bot mir an, mit mir ein Experiment zu machen, um die Seele meines verstorbenen Vaters zu rufen. Ich war begeistert und folgte ihm in seine Wohnung, die im siebten Stock eines Hochhauses lag.
   »Sie können meinen toten Vater rufen, sodass ich mit ihm sprechen kann?«
   »Vertrau mir, ich werde es dir zeigen, sodass du es auch können wirst«, beruhigte er mich.
   Ich war noch jung und vollkommen naiv. Dieser Mann mit den grauen Schläfen und dem langen Mantel war sicher um die fünfzig, ein väterlicher Typ, und ich folgte ihm blind, ohne im Geringsten an etwas Schlimmes zu denken. Was danach passierte, sollte mir das Blut in den Adern gefrieren lassen.
   Er ließ mich in sein Apartment eintreten. Ich legte meinen langen schwarzen Mantel, wie ihn Lara in Doktor Schiwago getragen hatte, ab, und sah mich um. Die großzügig eingerichtete Wohnung mit riesigen exotischen Pflanzen überraschte mich und seine Ordentlichkeit stach mir ins Auge. Ein Mann, der allein lebte, und diese akribische Ordnung?
   Er hieß mich, an einem runden Tisch Platz zu nehmen, während er einen Tee zubereitete. Mit einem großen Tablett, auf dem eine schwarze, bauchige Teekanne stand, kam er aus der Küche zurück.
   »Trink, es wird dich wärmen. Magst du einen Schuss Rum dazu?«, fragte er leise, während er Tee in zwei kleine Tassen eingoss.
   »Ich mag keinen Rum, aber ich nehme Zucker und Milch.«
   Er ging wieder in die Küche und holte das Gewünschte.
   »So, du willst also deinen Vater sehen und mit ihm sprechen? Mal sehen, was ich für dich tun kann.« Er musterte mich mit großen grauen Augen.
   Warum duzte er mich?
   Er stellte verschiedenfarbige Kerzen auf den Tisch und eine Kommode und zündete sie an. Dann eilte er nochmals in die Küche und kam mit rohen Eiern zurück, die er überall dort platzierte, wo sie nicht wegrollten.
   »Was ist mit den Eiern?«
   »Die gehören zum Ritual, um die Toten zu rufen«, antwortete er geheimnisvoll.
   Plötzlich wurde mir schwindlig und ich konnte mich vor Müdigkeit fast nicht mehr auf den Beinen halten. Ich kippte fast vom Stuhl, sah sein Gesicht vor meinen Augen verschwimmen und hielt mich krampfhaft am Tischrand fest. Mir schauderte. Mit aller Kraft versuchte ich, die Augen offen zu halten. »Was haben Sie in meinen Tee getan?«
   Ich sah über mir nur ein grinsendes Gesicht und verstand seine Antwort nicht mehr. Es wurde schwarz um mich. Ich hörte ein tiefes Rauschen, als läge ich am Grunde eines Ozeans. Ich fühlte mich ertrinken. Mit den Armen versuchte ich verzweifelt, zu rudern, um an die Meeresoberfläche zu kommen, aber um mich herrschte tiefste, stillste Nacht.
   Wie lange ich bewusstlos war, kann ich nicht sagen. Ich erwachte an ein Bett gefesselt. Meine Hände und Füße waren mit Draht ans Eisengestell gebunden. Mit weit auseinandergespreizten Beinen lag ich da. Panik ergriff mich. Ich wusste, es konnte nur ein schrecklicher Albtraum sein.
   Niemand war im Zimmer. Die Gardinen waren zugezogen und es roch nach modriger Erde und einem Hauch süßlichem Parfüm. Mein Kopf schmerzte und mein Herz schlug mit solcher Wucht gegen den Brustkorb, dass ich dachte, es müsste zerspringen. Meine Angst vor dem Unbekannten war so stark, dass ich das Bett vollpisste. Ich spürte die warme Flüssigkeit zwischen den Pobacken hinunterrinnen.
   Ich wusste nicht, wie lange ich so lag, ich hatte das Zeitgefühl verloren. Ich wusste nur eines: Sollte ich dieser grässlichen Situation jemals entkommen, würde ich mein Leben zu schätzen beginnen. Ich würde dankbar sein, dass ich überhaupt auf dieser Welt war. Wer war ich, dass ich so oft an Selbstmord dachte, und jetzt pisste ich mir vor Angst, den Tod vor Augen, in die Hose?
   Ich versuchte, mich in meiner unbequemen Lage zu drehen, aber meine Arme und Beine fanden keinen Millimeter Raum, um sie zu lockern. Ich war erstarrt vor Angst. Aber vielleicht sollte das alles nur eine Vorbereitung sein für das kommende Zeremoniell, meinen Vater wiederzusehen, denn ich erinnerte mich, dass ich mit diesem Mann mit den grauen Schläfen in sein Haus gegangen war. Es konnte also nicht so schlimm sein, beruhigte ich mich, und versuchte, tief durchzuatmen. Gleich ging es mir ein wenig besser. In diesem eigenartigen Zimmer, in dem nur das Bett stand, auf dem ich lag, und eine große Pflanze am Fenster, war es kalt. Ich fror, weil ich nur meine Bluse trug und unten herum nackt war. Warum war ich nackt? Wer hatte mich ausgezogen? Ich mich bestimmt nicht, daran konnte ich mich haargenau erinnern. Musste ich nackt und gefesselt auf einem Bett liegen, um meinem Vater begegnen zu dürfen? Irgendetwas war faul. Und wo war dieser Mann? Wieder fing ich an, vor Angst zu zittern. Schweiß strömte mir von der Stirn.
   »Hallo …?«, rief ich verzweifelt. Das Warten auf das Unbekannte war das Nervenzerreißendste.
   Ich wartete und wartete. Wo war er bloß? Was sollte das? Ich hatte Durst und rief noch mal, aber niemand meldete sich. Nach furchtbar langen Minuten – oder waren es Stunden? – ging plötzlich die Tür auf und er betrat den Raum. Vor Erleichterung atmete ich so tief durch, dass man es laut hörte.
   »Bitte – um Gottes willen, was wollen Sie?«
   »Das gehört zum Zeremoniell. Du wolltest es selbst, sonst wärst du mir nicht in meine Wohnung gefolgt«, sagte er streng und blickte mich aus eiskalten, grauen Augen an.
   Er näherte sich mir und schob seine widerlich kalte Hand unter meine Bluse und knetete meine Brust.
   »Binden Sie mich los! Wenn Sie Sex mit mir haben wollen, dann tue ich das freiwillig, ich bitte Sie!«, wimmerte ich.
   »Ich möchte nicht, dass du dich mir freiwillig hingibst, ich will das so.« Er drückte weiter viel zu fest meine empfindliche Brust.
   »Machen Sie meine Hände los, bitte, ich bitte Sie«, versuchte ich es von Neuem, aber ich stieß auf taube Ohren. In was für eine Falle war ich bloß geraten? Ich dachte immer noch, dass es nur ein schlechter Traum sein würde.
   Ich wand mich unter seinen Händen und versuchte, seinen gierigen Händen auszuweichen, doch er wurde immer dreister. Jetzt wanderten seine Finger über meinen nackten Bauch immer tiefer zu meinen Schamhaaren. Dort blieben sie ein paar Sekunden und wanderten noch tiefer. Jetzt waren sie bei meiner Vagina angelangt. Immer wieder knetete und zog er an meinen Schamlippen und versuchte, mit seinen kalten Fingern in meine Scham zu stoßen, aber ich presste die Muskeln zusammen, um ihm dies nicht zu ermöglichen. Kalter Schweiß drang mir aus sämtlichen Poren. Ich war unten vollkommen trocken und es tat furchtbar weh, als er zwei seiner widerlichen Finger in meine Vagina hineinzwang und hin und her schob.
   »Um Himmels willen! Lassen Sie das!«, rief ich und verlegte mich gleich darauf aufs Betteln. »Machen Sie mich frei, ich werde Ihnen freiwillig gefügig sein, das schwöre ich.«
   »Nein! Ich will es so!«, sagte er kalt. Er zog seine Finger abrupt heraus und öffnete seine Hose, zog sich die Unterhose hinunter und rieb an seinem Penis, bis er ziemlich groß geworden war. Seine grauen Augen glänzten irre und er wichste wie ein Wahnsinniger.
   »Du bist viel zu trocken da unten«, bemerkte er. »Das müssen wir ändern.« Mit der anderen Hand nahm er ein kleines Küchenmesser, das neben dem Blumentopf lag. Wie heißes Blei schoss mir das Blut durch den Körper und ich zitterte, dass mir die Zähne aufeinanderschlugen. Nein, lieber Gott, lass es nicht wahr sein! Bitte lass mich aus meinem Albtraum erwachen! Das kann keine Realität sein.
   Mit dem Messer in der einen Hand und dem Penis in seiner anderen trat er auf mich zu und sagte, ich solle die Augen schließen.
   »Ich möchte, dass du da unten weiter wirst, deshalb muss ich dich ein bisschen öffnen. Es geht ganz schnell. Und wenn du schreist, schneide ich dich ganz auf. Also halt die Klappe!«
   Ich presste die Zähne zusammen, spürte, dass er mit dem Messer nah an meiner Vagina war, es langsam auf und ab wandern ließ. Ich war kurz vorm Verrücktwerden – aber er schnitt mich nicht auf. Ich fing an zu weinen und wand mich unter seinem Messer. Dann nahm er es von meiner Vagina und ich hörte ein schmatzendes Geräusch. Ich hob vorsichtig den Kopf, da sah ich, wie er sich in den Oberschenkel schnitt, wobei er einen Schrei ausstieß und sich zu Boden fallen ließ. Die eine Hand immer noch an dem stark erigierten Penis, die andere an seiner Schnittwunde am Oberschenkel, schmierte er in all dem Blut herum und rieb es auf seinen Penis. Mit irrem Blick kam er auf mich zu, schob seinen massigen Körper auf mich und stieß seinen blutigen Penis mit solcher Wucht in meine Vagina, dass ich spürte, wie sie einriss. Ein Schrei kam aus meiner Kehle und ein Schrei aus seiner. Er stieß wie wild in mich hinein und riss an meinen Brüsten wie ein Wahnsinniger. Bitte Gott, hilf mir, ich möchte nicht sterben!
   Er hörte nicht auf, seinen Penis immer wieder in mich zu stoßen, es dauerte unheimlich lange. Ich wurde fast ohnmächtig vor Schmerz. Es war also kein Traum, es war Wirklichkeit. Dann wälzte er sich von mir hinunter, das Messer fiel auf den Boden. Ich blieb stumm vor Entsetzen, ich hatte keine Worte mehr.
   »Das war der beste Sex, den ich jemals mit einer Frau hatte«, lallte er wie ein Besoffener.

Mai 1999

Wochen später ging ich wieder in die Bücherei. Ich hoffte, Dietmar zu treffen, wollte wissen, wer er war und warum er auf mich so einen Eindruck gemacht hatte. Es konnten doch nicht alle Männer solche perversen Schweine sein.
   Ich sah ihn schon von Weitem, in derselben Position, mit verdrehten Beinen und in seine Zeitung vertieft.
   »Hallo, hier bin ich wieder«, sagte ich und lächelte ihn an.
   Er knotete sein Beingewirr auf und lächelte ebenfalls, aber ich hatte das Gefühl, dass er sich nicht wohlfühlte, weil er mich mit verkniffenen Augen ansah.
   »Hallo Marlene, schön, dich zu sehen«, flüsterte er.
   Es dauerte geraume Zeit, bis er mich eines Tages fragte, ob er mich zu einer Tasse Tee in seine Wohnung einladen dürfe. Bei mir schrillten sämtliche Alarmglocken. Ich ignorierte sie. Sollte ich mich bis in alle Ewigkeit vor allen Männern zurückziehen? Ich musste den Schritt schaffen, wieder Vertrauen zu fassen. Also sprang ich über meinen Schatten und stimmte zu.
   Dietmars Behausung war eine Dachwohnung und winzig klein.
   Als ich eintrat, gefror mein Lächeln. Der Esstisch war vollgestapelt bis zum Gehtnichtmehr. Da standen halb ausgelöffelte Joghurtbecher neben altem Geschirr, an denen uralte Essensreste klebten, kunterbunte Kugelschreiber lagen zwischen Blumentöpfen, in denen gestorbene Pflanzen steckten. Geöffnete Fisch- und andere Konservendosen standen neben aufgeschlagenen Büchern und Heften.
   Das Sofa, auf das ich mich eigentlich setzen wollte, war mit Kleidung und Büchern belegt, sogar alte Fahrradreifen entdeckte ich. Ein Künstler? Penner? Messie?
   Dietmar kramte uralte, bröselige Müslikekse raus, die er mir auf einem antiken Teller reichte, und bot mir einen grünen Tee an.
   »Was machst du eigentlich den ganzen Tag?«
   »Ich lese und spiele Gitarre. Ich hab mal Psychologie studiert, bin aber jetzt arbeitslos.« Dabei verknotete er seine Beine wieder und kniff die Augen zusammen.
   So lernten wir uns kennen.
   Den ganzen Winter lang kam er fast jeden Tag zu mir, und wenn er nicht zu mir kam, fuhr ich zu ihm mit meinem rosaroten Fahrrad. Er schmiss Schneebälle an mein Fenster und ich ließ ihn rein. Dann spielten wir Schach, wobei er immer gewann, und tranken Tee. Wir verliebten uns ineinander, aber er hielt sich immer ein wenig zurück, als ob er vor etwas Angst hätte.
   Dietmars trockener Humor machte mir besonders Spaß. Einmal waren wir im Zirkus, und als wir an der Kasse bezahlen wollten, fragte er: »Ich verspreche Ihnen, ich schaue die Vorstellung nur mit einem Auge an, das andere halte ich zu. Kann ich dann nur die Hälfte vom Eintritt bezahlen?«
   Die Kassiererin schmunzelte und wir auch.
   Einmal fragte ich ihn, warum er nach Salami Milch trinken würde, weil das überhaupt nicht zusammenpassen würde, ich würde wohl eher davon kotzen.
   »Damit die arme Salami im Magen nicht so allein ist und ein bisschen in der Milch rumschwimmen kann«, antwortete Dietmar so trocken wie immer.

Der Winter verging und der Frühling kam, da schrieb er für meine Mutter einen Brief, in dem er um meine Hand anhielt – so, wie es Gentlemen früher getan hatten.

Liebe Frau Decker,

obwohl es vielleicht nicht mehr ganz in Mode ist und sich auch in wirtschaftlicher Hinsicht – über die psychologischen Auswirkungen möchte ich mich nicht ausbreiten – durchaus kein erwähnenswerter Gewinn (dies sollte allerdings niemals der Grund sein) errechnen lässt – es sei denn, man nimmt die staatlichen Zuschüsse in Anspruch – habe ich mich nun doch von meiner Intuition so weit hinreißen lassen, dass ich – und hier muss ich einfügen, dass ich allgemein dazu neige, eher emotional als rational zu entscheiden – gern einer Art »Innerer Stimme« gehorchen möchte, die mich seit geraumer Zeit in eine ganz bestimmte Richtung, oder besser zu einer ganz bestimmten Tat drängt, das heißt, der Ordnung halber, oder als Beitrag zur Zufriedenheit aller Mitwirkenden gedacht, überhaupt auch, um Anlass zu einem Fest zu haben, verstehen Sie mich nicht falsch – es gibt wie gesagt auch höher liegende Gründe – und wer sagt überhaupt, dass es solcher bedarf? – um nicht zu schweigen, der ethische Gesichtspunkt – es könnte ja auch denkbar sein, dass einer ohne Grund …, verstehen Sie?
   Nein?
   Liebe Frau Decker, auch meinen rhetorischen Fähigkeiten ist irgendwo eine Grenze gesetzt, und wenn dieser Fall eintritt, dann kann ich nicht umhin, als …
   Also noch einmal. Bitte glauben Sie mir, das ist kein Scherz, mir ist im Gegenteil das alles sehr ernst – obwohl es immer heißt, man solle das Leben nicht so ernst nehmen – bitte verlieren Sie die Geduld nicht – gleich komme ich drauf zu sprechen – was wollte ich gleich? – ach ja …
   Die Marlene, die ist eine nette, liebenswerte, junge Frau und es wäre schade, wenn sie nicht auch … Sie selbst haben es doch auch getan, und ich bin ebenfalls gesund und im richtigen Alter, ich brauche nur Ihr Einverständnis bzw. Ihre Billigung, das heißt, ich würde mich freuen, Sie als Mutter für mein Vorhaben als Befürworterin zu gewinnen, weil Sie geradezu die ideale Mutter für ein Kind sind, das zu meiner Person eine sinnvolle Ergänzung bilden könnte.
   Ja, fast wäre zu überlegen, ob nicht allein die Person der Mutter Grund genug ist, über jeden Zweifel an der Ehrenhaftigkeit und Reinheit der Tochter erhaben zu sein.
   Ich möchte Sie also herzlichst dazu auffordern, die Mutter einer Tochter sein zu wollen, die nicht mehr länger frei und ungebunden, sondern frei und gebunden lebt, das heißt, um direkter zu werden, einen Schritt getan hat, bzw. beabsichtigt, der sie auch in gesellschaftlicher Hinsicht erhöht und ihr den Titel »Frau« zubilligt.
   Lange Rede, kurzer Sinn: Ich würde gern alsbald Marlene, ihre liebe Tochter, heiraten.
   Zu diesem Anlass würden wir gern ein Fest veranstalten, damit die ganze Verwandtschaft zusammenkommt und wir Spaß haben werden. Das wäre auch gleichzeitig das »Befruchtungsfest«.

Ihr zukünftiger Schwiegersohn

Dietmar

P. S. Normalerweise schreibe ich mit der Hand, aber die Hoheit des Anlasses verbietet es mir.


Heiraten? Ach du lieber Himmel! Das wollte ich nicht. Davor hatte ich Angst. Ich versuchte, ihn zu überzeugen, noch nicht zu heiraten und er akzeptierte es schweren Herzens.
   Der Frühling kam.
   Mit jedem Tag atmete die Erde den Geruch der Erleichterung mehr aus. Dietmar und ich gingen wieder zusammen spazieren. Nach all den Monaten, die wir über Schnee hatten gehen müssen, war es ein unglaublich gutes Gefühl, den harten Boden unter den Füßen zu spüren.
   Dietmar führte ein Tagebuch. Seit seinem sechzehnten Lebensjahr hatte er mehrere blaue Notizbücher mit hartem Deckel vollgeschrieben. Ich hatte nie das Bedürfnis verspürt, darin zu lesen. Er schrieb, wenn er allein war; in der Bücherei, wie ich vermutete, oder wenn ich beschäftigt war. Ich nahm an, dass es tiefsinnige Gedanken enthielt. Beobachtungen über die Schönheit der Natur und die Dummheit der Menschen und so weiter. Es war gut möglich, dass mir seine Aufzeichnungen peinlich sein würden. Vielleicht waren sie zu hoch für mich, vielleicht waren sie aber auch nicht besonders intelligent.
   Ich weiß nicht, warum ich das Buch das erste Mal von seinem Schreibtisch genommen und aufgeschlagen habe. Das Erste, was mir an Dietmars Tagebuch auffiel, war seine regelmäßige und disziplinierte, sehr ordentliche Handschrift. Er schrieb mit einem blauen Füllfederhalter und jeder Buchstabe war im gleichen Winkel geneigt, jede Seite gleichmäßig gefüllt. Er hatte fest aufgedrückt, sodass die Seiten steif und wellig waren. Mein Name fiel mir ins Auge.
   … anders als Marlene, die immer nur die gleiche Kleidung anhat und ein bisschen nach Ziege riecht …
   Was? Ich roch an mir und meinte, normal zu riechen. Meinte er das ernst? Ich blätterte weiter. Beim Überfliegen des Tagebuchs stieß ich auf Bemerkungen wie ungeile Figur, meine Männerhände, mein ausladendes Hinterteil. Das Netteste, was ich finden konnte, war eine Eintragung, in der von meiner angenehmen Präsenz und meinem schlichten Gemüt die Rede war. Je weiter ich las, desto schlimmer und beleidigender wurden die Eintragungen. Die jüngste stammte vom Vortag. Darin fantasierte er darüber, wie er mit einer anderen Frau Sex hatte.
   … sie hatte eine Taille, die ich mit den Händen umfassen konnte, während sie auf mir ritt, und wir bewegten uns im Rhythmus wie Wellen. Ihre schmalen Hüften bargen einen Ozean der Lust und ich tauchte ein ums andere Mal hinein, atemlos …
   So ging es über mehrere Seiten weiter.
   … als ich aufwachte, lag M. neben mir und schnarchte. Als ich sie anstieß, damit sie sich umdrehte, klatschte sie mir ihren fetten Arm auf die Brust, sodass ich fast meine Seele ausgehaucht hätte …
   Ich musste mich hinsetzen. Auf der Stirn und unter den Achseln brach mir der Schweiß aus. Es schien unmöglich, dass er so was schreiben und trotzdem noch mit mir zusammen sein konnte. Was hatte ich getan, dass er so über mich dachte? Hatte ich irgendetwas falsch gemacht?
   Nach ein paar Tagen versteckte ich die Tagebucheintragungen in einem Winkel meines Bewusstseins. Ich behandelte Dietmar mit ausgesuchter Höflichkeit. Er schien nicht zu merken, dass etwas nicht stimmte, bis ich mich schließlich in seiner Gegenwart wieder normal fühlte. Ab und zu fiel mir eine der Beleidigungen ein – ungeile Figur oder Ziegengeruch – und dann war ich aufs Neue schockiert, aber das kam immer seltener vor, je weiter der Frühling Richtung Sommer vorrückte.
   Ein Teil von mir hatte aufgehört, ihn zu lieben, aber ein anderer Teil von mir begehrte ihn mehr als je zuvor. Ich wollte ihn zwingen, mich richtig zu lieben, mich besitzen zu wollen.
   Inzwischen wohnten wir zusammen, wir mieteten uns ein kleines, baufälliges Häuschen am See. Dietmar reparierte jeden Tag irgendetwas im Haus und ich hielt den Garten in Schuss.
   Der Sommer kam und in dieser Zeit geschah etwas mit Dietmar. Seine Augen tränten, seine Nase lief, er nieste und hustete. Die Luft war herrlich, die Sonne schien warm, aber Dietmar blieb im Haus und schniefte vor sich hin.
   »Warum gehst du nicht an die frische Luft?«
   »Die Luft da draußen ist nicht frisch. Warum erzählst du mir das? Siehst du nicht, dass ich krank bin?«
   Ich sagte ihm, ich könne nicht schlafen, wenn er sich alle zwölf Sekunden räusperte, ich hatte die Zeit gestoppt, und schlief deshalb in einem anderen Zimmer.
   Aber selbst, als das Nasengeschniefe nachließ, glaubte Dietmar nicht, dass es ihm besser ging. Nachts saß er wach und tastete seinen Körper ab.
   »Was sind das für knubbelige Dinger?«, fragte er mich, und fuhr sich mit dem Finger am Unterkiefer entlang.
   »Drüsen.«
   »Nein, nicht da, ich meine hier«, sagte er ungeduldig.
   Ich konnte ihm seine Hypochondrie nicht ausreden, also beschloss ich, meine Taktik zu ändern. Ich fing an, seinen Einbildungen nachzugeben, ich bestärkte ihn sogar darin.
   »Hast du dieses große Muttermal immer schon gehabt? Und diese vielen kleinen Pünktchen am Rücken?«, fragte ich zum Beispiel. Oder ich sagte zu ihm: »Das Weiße in deinen Augen ist heute ganz gelb.«
   Seine Reaktionen verschafften mir ein perverses Vergnügen. Er tat, als würde er es nicht ernst nehmen, aber später erwischte ich ihn, wie er sich im Spiegel anstarrte oder die Symptome in einem alten Medizinbuch nachschlug.
   Jedes Mal, wenn er eine Tür öffnete, bedeckte er seine Hand mit dem Hemdsärmel, um sich vor Bakterien zu schützen.
   Ab und zu warf ich wieder einen Blick in sein Tagebuch. Ich kam jetzt seltener darin vor, aber die Bemerkungen über mich wurden durch andere interessante Dinge ersetzt.
   … ich weiß, es ist lächerlich, aber manchmal könnte ich schwören, dass mein Essen vergiftet ist … Und: Den ganzen Tag über hatte ich so ein seltsames Brummen im Kopf. Vielleicht ein Schlaganfall? O Gott. Ich glaube, ich muss sterben.
   Wenn wir am Tisch saßen und Käsebrot aßen, packte er den Käse wieder weg und sagte, dass dieser diesmal vergiftet sei und er ihn untersuchen müsse.
   Seine Hände wusch er nicht mit der Seife, die am Waschbeckenrand lag, weil sie Dioxin enthalten würde. An die frische Luft ging er höchst selten, weil sie radioaktiv verseucht sei. Wenn wir einkaufen gingen, sah er sich die Lebensmittel stundenlang an, um sie dann wieder ins Regal zurückzulegen. Alles verseucht. Seit Tschernobyl! Dann kamen wir ohne Lebensmittel nach Hause und aßen unsere Konserven.
   Einmal wurde er wirklich krank. Er bekam am Rücken Hunderte von kleinen Bläschen, die sich wie ein Ring bis um seine Taille zogen. Sie taten ihm schrecklich weh. Er konnte nicht mehr auf dem Rücken und auf der Seite liegen und vermutete, dass er Hautkrebs im Endstadium habe. Er sagte mir, dass ich seine Gitarre und seine Tagebücher haben könne, wenn er gestorben sei. Tagelang jammerte er, wollte aber nicht zum Arzt gehen, weil er die Diagnose nicht bestätigt haben wollte. Als ich es doch schaffte, ihn zum Arzt zu schleppen, stellte sich heraus, dass er Gürtelrose hatte und diese schon am Abklingen war. Trotzdem hatte er die fixe Idee, dass sich Krebs in seinem Körper ausbreiten würde, weil er ständig so ein Brummen in seinem Kopf verspürte.
   Tagelang saß oder lag er in sich gekehrt auf dem Bett und schrieb sich die Finger wund. Sein Tagebuch füllte sich mehr und mehr. Ich konnte ihm nicht helfen. Er hatte die Vorahnung, dass er früh sterben würde.
   Mittlerweile waren wir seit einem Jahr zusammen und er hatte immer noch keine Arbeit gefunden. Ich verdiente das Geld für uns beide. Er wollte nur noch Bioessen haben und lebte von trockenem Müsli, gefiltertem Wasser und Konserven. Sein gelblich-fahles Gesicht schien eingesunken und seine Depressionen häuften sich.
   Die meiste Zeit verbrachte Dietmar im Keller, um Fahrräder oder irgendwelche anderen kaputten Dinge zu reparieren. Im Keller war er glücklich. Dort fühlte er sich frei, konnte seinem Sammlerdrang frönen und war ungestört.
   Einmal suchte ich etwas im Keller, durchwühlte alte Schulhefte und Bücher und fand einen Stapel Pornohefte in Hochglanzausführung. Natürlich waren es Dietmars Hefte. Nach ein paar Tagen sprach ich ihn darauf an und wollte wissen, wozu er diese habe. Er fühlte sich ertappt.
   »Die hab ich noch von früher. Hab ganz vergessen, sie wegzuwerfen.« Dabei blickte er verlegen auf den Boden, nahm mir die Hefte aus der Hand, steckte sie in eine Plastiktüte und verstaute sie unter alten Fahrradreifen. Ich wusste aus seinen Tagebuchaufzeichnungen, dass ich seinen Vorstellungen von geilen Frauen nicht so ganz entsprach, eigentlich überhaupt nicht, und sagte nichts mehr zu diesem Vorfall.
   Ein paar Wochen später ging ich allein in die Stadt einkaufen und sagte ihm, dass ich hinterher noch eine Freundin besuchen und erst am Abend nach Hause kommen würde. Weil meine Freundin aber nicht zu Hause war, kam ich schon zwei Stunden früher zurück. Dietmar war nicht in der Wohnung, aber sein Fahrrad stand vor dem Haus. Ich konnte mir denken, wo er war. Im Keller natürlich.
   Ich schlich mich hinunter und versteckte mich neben der Tür. Natürlich war er da. Und ich sah auch deutlich durch einen Türschlitz, was er dort tat. Er onanierte … ein Hochglanzformat in der Hand. Ich schaute ihm ruhig zu, wie er seinen Penis mit einer Hand wichste, in der anderen das Pornoheft mit den tollen Frauen. Er stöhnte und keuchte. Nach kurzer Zeit war er fertig und spritzte sein Sperma in den Abfalleimer. Dann wischte er sich seinen Schwanz mit einem alten Lumpen ab (Vorsicht, Bakterien!), steckte das Pornoheft wieder in die Plastiktüte und verstaute sie unter den alten Fahrradreifen.
   Danach arbeitete er ruhig weiter, indem er einen Dynamo von einem alten Fahrrad abbaute. Jetzt machte ich mich durch Rumpeln bemerkbar und trat durch die Kellertür.
   »Hallo, Marlene … du bist schon da?«
   »Ja, bin ich«, antwortete ich einsilbig.
   Er sah verstohlen auf die alten Fahrradreifen, ob die Plastiktüte mit den Heften auch richtig darunter lag. Ich wollte ihn später darauf ansprechen und ließ mir nicht anmerken, dass ich ihn gesehen hatte. An seinem Blick erkannte ich, dass er sich schuldig fühlte wie ein kleines Kind, das man beim Süßigkeitenklauen erwischt hatte. Ich wusste, dass ich nicht sein Typ war, um sexuell auf mich abzufahren. Ziegenausdünstung eben. Ich schluckte meine Enttäuschung hinunter und ging nach oben, um das Abendessen vorzubereiten.
   Eine halbe Stunde später kam er leise und verstohlen herauf. Sein schlechtes Gewissen konnte ich ihm förmlich aus dem Gesicht ablesen. Er wusste nicht genau, ob ich es nicht doch mitbekommen hatte und nur schwieg. Nach dem ärmlichen Essen, Ravioli, zwei Jahre bereits in der Dose, noch vor Tschernobyl, und einem aus unserem Garten gepflückten Salat, brach ich mein Schweigen.
   »Ich habe dich im Keller gehört und gesehen, wie du gewichst hast. Ist das notwendig?«
   »Ja, stimmt … ich wollte die Hefte noch einmal benutzen und sie dann wegwerfen. Das machen alle Männer. Was ist daran so schlimm?«
   »Dann bin ich wohl nicht die richtige Frau für dich, Dietmar, wenn du bei unserem Sex keine Erfüllung findest.«
   »Das ist was ganz anderes, das ist nur Fantasie. Mit dir mach ich realen Sex. Das andere ist nur Fiktion. Du musst mir das glauben, bitte, Marlene!«
   »Ist schon in Ordnung«, sagte ich, aber in meinem Kopf war es nicht in Ordnung.

Einmal gingen wir im Wald spazieren und gerieten während unseres Gesprächs in Streit. Es ging um den Atomkraftunfall in Tschernobyl. Er sagte, er werde aufpassen, dass er sich nicht mit einer verseuchten Person, wie zum Beispiel mir, einlassen würde, um ein Kind zu machen. Dann lief er davon und ich ärgerte mich so grenzenlos, dass ich einen mittelgroßen Stein aufhob, und ihn nur zur Drohung an ihm vorbeiwerfen wollte, aber er traf ihn am Hinterkopf. Und er ging weiter, drehte sich nicht ein einziges Mal nach mir um. Gott sei Dank hatte ich ihn nicht verletzt, er hatte nur einen Schreck bekommen. Danach sprachen wir zwei Wochen nicht miteinander und er bewohnte fast nur noch den Keller.
   Ich wusste, dass ich zu weit gegangen war.
   Wir gingen uns so oft wie möglich aus dem Weg und schliefen auch nicht mehr im gemeinsamen Bett. Irgendetwas war in ihm gestorben, aber auch in mir. Aber er blieb noch immer bei mir.

Sommer 1975

Lange Zeit schaffte ich es, die letzte Vergewaltigung zu verdrängen, aber dann überkamen mich doch wieder die Erinnerungen.
   Als er von mir abließ, lag ich immer noch gefesselt am Bettgestell. Leise weinte ich vor mich hin. Wie konnte ich dieser grausamen Situation entkommen, ohne noch mehr verletzt oder sogar ermordet zu werden? Ich schloss die Augen und zeigte keinerlei Regung, obwohl ich am liebsten geschrien hätte. Ich wartete, was er jetzt mit mir tun würde. Nachdem er sich gesäubert und seine Hose wieder übergestreift hatte, kam er seelenruhig zu mir, streichelte mich und fing an, mich vom Bett loszubinden.
   »Du bist eine wahnsinnig tolle Frau, so eine wie dich habe ich auf der ganzen Welt gesucht«, flüsterte er mir ins Ohr. »Du wirst nicht zur Polizei gehen, hab ich recht?«
   »Ich schwöre, dass ich nicht zur Polizei gehe«, antwortete ich und dabei hatte ich Herzrasen und wäre an den Worten fast erstickt.
   Er legte mir ein Handtuch über den Unterleib und streichelte mich wieder. »Stimmt’s, es hat dir gefallen, dass ich dich so brutal genommen hab?