Daisy, Mitte dreißig und alleinerziehend, baut zu Füßen des Brandenburger Tores einen Fahrradunfall. Durch die Einlieferung in die Notaufnahme der Charité kommt es zu einer schicksalhaften Begegnung mit Harald Sommerfeld, einem Chirurgen, der ihr ohne mit der Wimper zu zucken eine Halbglatze verpasst. Nicht die feine englische Art, aber Amor schlägt trotzdem zu. Zumindest bei Daisy. Schade, dass Verlieben nicht ansteckend ist. Um Herrn Dr. Sommerfeld auf Daisys Fährte zu bringen, ruft ihre Freundin Henriette Mission Hirsch ins Leben, deren erklärtes Ziel es ist, des Doktors Herz zu erobern. Allerdings geht dabei so ziemlich alles schief, und als die Frauen Daisys Schwiegermutter in spe auch noch das Auto ruinieren, droht die Mission zu scheitern. Der Roman endet genauso rasant, wie er beginnt, wobei (fast) niemand auf der Strecke bleibt …

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ISBN: 978-9963-52-907-0

Seiten: 340

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Dörte Obenaus

Dörte Obenaus
Dörte Obenaus wurde 1972 in Berlin geboren. Nach erfolgreichem Abschluss zur Fremdsprachenkorrespondentin in Englisch und Französisch, legte sie ihr Dipl.-Päd. an der FU Berlin ab. Neben ihrem Studium arbeitete sie zehn Jahre als Fitness-Trainerin und über sieben Jahre als Redaktionsassistentin in einem kleinen Verlag. Heute lebt sie mit ihrem Mann, vier Söhnen und einem Hund im Süden von Berlin.

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Leseprobe

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... oder sofort „hineinschnuppern“

Autsch!

Wenn er mich heute fragt, ob ich ihn verlasse, sage ich definitiv Ja!
   Ich düse mit dem Fahrrad im Sauseschritt durch meine geliebte Mutterstadt und führe Selbstgespräche. So weit ist es also gekommen. Zum hundertsten Mal überfliege ich die Pros und Kontras der Abschussliste, die sich irgendwo zwischen meinen zwei Gehirnhälften auf Wiedervorlage befindet, und komme leider immer zum selben Ergebnis: Die vergangenen zwei Jahre mit TomTom sind suboptimal verlaufen.
   Allein die Tatsache, dass ich meinen Freund nach einem Navi benenne, ist ein eindeutiges Indiz dafür, dass da irgendetwas nicht stimmt. Armer Thomas.
   Wie muss ich überhaupt fahren? Ach ja, hat er mir lang und breit erklärt: Immer Richtung großer Stern und dann unter dem Brandenburger Tor durch, dahinter befinden sich meine Zielpersonen direkt Unter den Linden.
   Da kann ihm keiner was vormachen – er wollte früher Taxifahrer werden und kennt Berlin aus dem FF – aber dass wir heute mit der gleichen Arbeit unser Geld verdienen, ist langfristig als kleinster gemeinsamer Nenner einfach zu wenig.
   Wir hatten uns auf einem Seminar Näher am Geschehen kennengelernt, bei dem es darum ging, sein Gegenüber möglichst effizient, dennoch moralisch vertretbar, zum Seelenstriptease zu bringen. Wenn ich ehrlich bin, ging es uns beiden eher darum, überhaupt mal einen Interviewpartner zu finden. Im Umkehrschluss hieß das nämlich nichts anderes, als dass keiner von uns als Journalist genug Geld verdiente.
   Nachdem wir uns gegenseitig Bälle zugeworfen und den anderen Teilnehmern die Daseinsberechtigung unserer jeweiligen Schlüssel am Bund erläutert hatten, stellten wir fest, dass der Preis für den Workshop ein Wucher gewesen war und sinnvoller hätte angelegt werden können.
   Was tut man nicht alles bei chronischer Geldnot? Daran geändert hat sich unglücklicherweise bis heute nicht viel.
   So kam es, dass wir die restlichen Stunden schwänzten, um uns quasi auf unsere Kosten und während der Arbeitszeit anderweitig zu vergnügen. Da ich zu dem Zeitpunkt seit einer Ewigkeit auf dem Trockenen saß, war es der beste Sex, den ich je hatte!
   Was Entzug nicht alles mit sich bringt.
   Bei der Gelegenheit fällt mir ein, dass er mich gerade letzte Woche gefragt hat, wann wir mal wieder …
   O … Scheiße!
   Ehe ich mich versehe, verheddert sich mein Lenker an einem Verkehrsschild und ich komme ins Straucheln. Das Vorderrad meines Oldtimers eiert verdächtig herrenlos in der Gegend herum, ohne sich auch nur ansatzweise von dem Schreck erholen zu wollen. Nichts für ungut, aber warum nicht gleich noch einen Poller mitnehmen? Okay, Daisy, konzentrier dich!
   Das Gewicht nach rechts verlagern, dann fällst du genauso nach rechts. Die Poller stehen alle links, um den Touris die Durchfahrt durchs Brandenburger Tor zu verwehren.
   Boing! Rums! Uff! Aua!
   Der Sturz fällt härter aus als eingeplant und lässt mich, den Gesetzen der Schwerkraft folgend, mit meinem Dickkopf zuerst auf den harten Betonboden aufschlagen. Dummerweise ziehe ich diesmal den Kürzeren.
   Da liege ich eng umschlungen mit dem Steinklops und der vordere Reifen meines ehemaligen Drahtgestells dreht sich munter weiter. Heiliger Bimbam! Orientierungslos blicke ich in die Landschaft. Erst mal ruhigbleiben, denke ich, sortieren, sowie Hände und Füße bewegen. Puh. Funktioniert einwandfrei. Doch laut meines Schmerzzentrums hätte der rechte Haken von einem der Klitschko-Brüder nicht härter ausfallen können. Das Karussell in meinem Kopf macht den Speichen Konkurrenz und eine warme Soße läuft über meine Wangen.
   Ist das ein Zeitpunkt, um ohnmächtig zu werden?
   »Fräulein, ist Ihnen was passiert?«, krächzt eine Stimme und zwei Brillengläser, die aussehen, als wären sie dem Boden einer Weinflasche entwendet worden, befinden sich erschreckend dicht über meinem Gesicht. »Reden Sie schon, wie viele Finger sind das?«
   Lustig, die Alte. Das Spiel habe ich mit meinen Kindern, als sie noch kleiner waren, auch gespielt, und je nachdem, wie rum ich die Hand gehalten habe, falsch gerufen. Um sie zu ärgern.
   Vielleicht tue ich einfach so, als ob ich ohnmächtig bin, dann müsste ich dieses blöde Quiz nicht mitmachen? Andererseits ist das alte Mütterchen vermutlich erschrockener als ich; also will ich nicht so sein. Sonst muss ich sie nachher noch wiederbeleben.
   »Zwei«, antworte ich deshalb besonders freundlich, während sie einen Kontrollblick über ihre zittrigen Finger schweifen lässt. Na, wenn sie sich mal nicht verzählt.
   Im selben Moment schießt ein Krankenwagen mit Karacho auf den Bürgersteig und lässt selbst die letzten Berlinbesucher darauf aufmerksam werden, dass unter dem Wahrzeichen der Stadt etwas Spektakuläres passiert sein muss. Unfreiwillig werde ich zur Zielscheibe einiger Freizeit-Paparazzi, die zu Hause berichten werden, wie gefährlich die Metropole ist.
   Die Traube um meine Person hat sich derweil massiv verdichtet, sodass die beiden Herren in Weiß Schwierigkeiten haben, zu mir vorzudringen. Fälschlicherweise geben sie einem jungen Mann den Vorzug, der am Fuße einer Säule hockt, und sich mit IPod im Ohr irgendwohin gebeamt hat.
   Ich trage es mit Fassung und warte ab, bis der Mob die Sanitäter auf die richtige Fährte bringt, denn mit einer Platzwunde am Kopf kann man nicht verbluten? Glaube ich.
   Die zwei Typen aus dem Krankenwagen sehen richtig nett – und vor allem – unheimlich gut aus. Sofort meldet sich die Wiedervorlage zurück und gibt mir zu verstehen, dass dieser Gedanke ein weiterer Trennungsgrund wäre. Anderenfalls würden mir die gut definierten Oberarme, die sich unter den weißen Sanitätershirts abzeichnen, doch nicht ins Auge springen? Oder ich befinde mich bereits im Himmel und der Köpper auf den Asphalt hat meinen grauen Zellen dermaßen zugesetzt, dass jedes Testosteron auf zwei Beinen wie ein Engel anmutet?
   Einer von ihnen, allerdings ohne Flügel oder Heiligenschein, betet mir vor, was jetzt mit mir geschehen wird.
   »Guten Tag, junge Frau, können Sie mir Ihren Namen nennen?«
   »Daisy«, stelle ich mich äußerst entzückt vor und grinse mich dumm und dusslig, weil ihm das jung aufgefallen ist.
   Ich weiß genau, was jetzt kommt …
   »Ach nee, und mit Nachnamen Duck, was?«
   Schlimmer!
   »Aber im Ernst, ich brauche Ihren vollständigen Namen und würde gern wissen, wie es Ihnen geht?«
   Während er mit seinem Interview nah bei mir ist, löst er behutsam meinen Klammergriff vom Poller und befestigt einen Druckverband an meinem Kopf. Ich muss aussehen wie die rote Zora auf der Flucht. Mein Friseur würde sich die Haare raufen! Das Blond hat sich in ein Blutorange verwandelt und die wenigen Strähnen, die nicht zusammengeklebt sind, hängen fransig aus dem Turban heraus.
   »Äh, ich muss zu den Nepper-Schlepper-Bauernfängern und Bruno und Otto«, fasele ich scheinbar im Delirium. »Und TomTom ist schuld …«
   »Alles wird gut. Machen Sie sich keine Sorgen.«
   Der Engel tätschelt meine Schulter und lässt seinen Blick suchend durch die Menge der Schaulustigen schweifen.
   »Daniel! Durchgangssyndrom, NaCl im Sanka und Komfort. Mach hinne!«
   Ich verstehe nur Bahnhof und was heißt hier Komfort?
   Es wird besser sein, ihm nicht unter die Nase zu reiben, dass ich gesetzlich versichert bin. Sollen die nur machen.
   Er nickt erst seinem Kollegen und dann mir zu, doch irgendwie habe ich das dumme Gefühl, dass er mich nicht ernst nimmt. Daniel eilt mit einer Trage herbei, und bevor ich mich weigern kann, da rauf zu steigen, versagen mir die Beine. Gut, dass ich meine vorlaute Klappe diesmal nicht aufgerissen habe. Dankbar unterstütze ich die Männer in ihrem Vorhaben, meinen Körper auf die Liege zu hieven und werde dabei fürsorglich von Daniel unterstützt, der mir beherzt in mein Hüftgold greift.
   Huch!
   Bevor wir losfahren, erkundige ich mich nach meinem Drahtesel, den können wir unmöglich hier zurücklassen. Erstens habe ich kein Geld für einen neuen und zweitens ist gestern mein Auto verreckt.
   »Tut mir leid, Daisy Bauernfänger, das hier ist ein Krankentransporter. Sollen wir das Ding irgendwo anschließen?«
   Frechheit, das Ding überlebt nicht mal eine Nacht hier draußen und wird sich morgen komplett zerlegt auf www.Fahrrad-Ausschlachtungen.de wiederfinden.
   »Das kommt nicht in die Tüte«, protestiere ich energisch. »Entweder ich und das Fahrrad oder keiner!«
   Ich weiß, was die jetzt denken, doch das ist mir egal. Gute Mädchen kommen in den Himmel und böse bekanntlich überallhin – nur nicht zu Fuß.
   Daniel verdreht die Augen und wuchtet das drahtige Häufchen Elend auch noch in den Wagen. Wahrscheinlich hat er schlechte Erfahrungen gemacht, vor allem mit Patientinnen, die auf den Kopf gefallen sind. Na wer sagts denn.
   Wie ich auf der Fahrt erleichtert feststelle, kann es um meine Kopfverletzung nicht sehr schlimm bestellt sein, da wir an jeder Ampel halten, niemanden rechts überholen und kein Blaulicht angeschaltet ist. Wäre da nicht mein Termin mit den Souvenirshops Unter den Linden …
   »Entschuldigung«, sage ich und wage einen kleinlauten Vorstoß, »ich müsste telefonieren?«
   Dem entrückten Gesichtsausdruck meines Engels nach zu urteilen, ist das keine gute Idee, und da ich es mir in diesem Fall nicht noch mehr verscherzen will, stecke ich mein Handy wieder ein. Grmpf. Trotzdem zerbreche ich mir den gesunden Teil meines Kopfes darüber, dass mir dadurch mit Sicherheit ein paar Hundert Euro durch die Lappen gehen. Wenn nämlich ich nicht liefere, wird morgen ein anderer auf der Matte stehen und den Artikel für die Frau im Visier schreiben.
   Wieso passiert so was immer mir?
   Vielleicht kann ich vom Krankenhaus aus noch was reißen?
   Ich lehne mich zurück und will gerade die Fahrt genießen, als sich mein Handy meldet. Ups.
   Das penetrante Klingeln räumt meine letzten Zweifel aus, ob oder ob ich nicht, und die Sache mit dem Himmel dürfte vom Tisch sein. Somit kann das Unschuldslamm genauso gut telefonieren. Achselzuckend und mit engelsgleichem Augenaufschlag gehe ich ran.
   Spätestens, als meine Mutter mit ihrer schrillen Stimme die Schallmauer meines Mittelohres nur knapp nicht durchdringt, bin ich endgültig wieder geerdet. Auch der Grund ihres Anrufes ist, wie immer, sehr real.
   »Daisykind, dein Vater möchte wissen, wann wir unsere Enkelkinder wiedersehen?«
   Manchmal frage ich mich, wie die Gene dieser Frau in meinen Körper gelangt sind? Sie kann ja nett sein und irgendwo tief in meinem Inneren liebe ich sie … bestimmt … aber erstens weiß ich genau, dass diese Frage nicht auf dem Mist meines Vaters gewachsen ist, und zweitens schafft ausschließlich sie es, mich mit wenigen Worten auf die Palme zu bringen. Es ist mir ein Rätsel, wie mein Vater es mit ihr aushält. Davon abgesehen sind meine Jungs jede Woche bei ihren Großeltern!
   »Heute«, lasse ich sie spontan wissen. »Könnt ihr mich aus dem Krankenhaus abholen?«
   Während ich auf eine Antwort warte, erkundige ich mich parallel bei Daniel, wo wir überhaupt hinfahren und erfahre, dass es die Charité sein wird. Auf der anderen Seite herrscht Funkstille.
   »Mama? Bist du noch dran?«
   Sie hätte Schauspielerin werden sollen und bis heute weiß eigentlich niemand, was genau damals vorgefallen ist, als sie von der Schauspielschule geflogen ist. So lautet zumindest meine Version der Geschichte. Sie sitzt jetzt bestimmt gerade auf dem antiken Sitzhocker neben ihrem Telefon und fächert sich Luft zu. Fragt sich bloß für wen? Wo mein Vater doch immer zusieht, dass er einer dringenden Beschäftigung nachgeht.
   »Ich hatte einen Fahrradunfall«, schiebe ich schnell hinterher. »Nichts Schlimmes. Könnt ihr die Jungs von der Schule abholen und dann in der Charité vorbeikommen, ja?«
   Um einer drohenden Zwangsbeschallung zu entgehen, habe ich bereits aufgelegt. Als Ausrede kann ich jederzeit damit kommen, dass ich mich und meinen Kopf schonen muss.

Wenigstens garantiert einem die Einlieferung ins Krankenhaus mit dem Rettungswagen eine verkürzte Wartezeit, sodass ich direkt in ein Arztzimmer geschoben werde. Vorbei an all den armen Verunfallten, die sich beim Brotschneiden den halben Finger amputiert, die Spitzhacke beim Unkrautjäten in den Fuß gerammt, oder die Augen aus dem Kopf gestiert haben, weil es Mai ist, und die Röcke der Frauen ordentlich an Länge einbüßen mussten. Das Wartezimmer ist proppenvoll und an meiner Billigkrankenkasse liegt es jedenfalls nicht. Hätte ich darauf bestanden, den Weg zu Fuß zurückzulegen, wäre die Sache anders ausgegangen.
   Schneller, als ich »Danke« sagen kann, verabschieden sich Daniel und sein Kollege. Kein Wunder, bei dem, was hier los ist. Ich staune, was den Berlinern donnerstags alles passiert. Mein Ding haben sie draußen stehen lassen, weil es in einem Krankenhaus nichts zu suchen hat. Nicht aufstehen, gute Besserung und das Fahrrad wartet später neben dem Haupteingang auf mich. Weg sind sie.
   Während ich allein in dem Behandlungszimmer vor mich hin dümpele, entdecke ich in der Ecke ein Waschbecken. Ich habe schrecklichen Durst und da hängt ein Spiegel, in dem ich das Ausmaß meiner Poller-Aktion in Augenschein nehmen kann. Vorsichtig lasse ich meine Beine von der Liege gleiten und richte mich auf: Hey, der Schwindel scheint vorüber.
   Guter Dinge wage ich die paar Schritte durch den Raum und fühle mich schon viel besser. Na also, dann steht einem Interview mit den Tourishops im Anschluss nichts mehr im Wege.
   Ich komme gerade noch dazu, mich auf dem Waschbeckenrand abzustützen, um den Schock meines desaströsen Anblicks zu verkraften, als sich hinter mir die Tür öffnet. Erschrocken wirbele ich herum, wobei das Karussell in meinem Kopf erneut durchstartet, bevor mich der Mann im weißen Kittel vor dem nächsten Sturz bewahrt.
   Diese Landung fällt schwarzhaarig, blauäugig und äußerst charmant aus, wie ich kurz darauf feststellen darf.
   Sein entrüstetes »Wer hat Ihnen das denn erlaubt?« nehme ich ihm nicht übel. Schließlich hat er so etwas wie eine Aufsichtspflicht mir gegenüber und er macht sich natürlich Sorgen. Trotzdem könnte ich schwören, dass ihm mein Gewicht schwer zu schaffen macht. Als der Versuch, mich so behutsam wie möglich auf die Liege zurückzu… na ja sagen wir befördern … scheitert, ruft der Onkel Doc wütend nach einer Schwester.
   Jetzt komme ich um die Fünf-Kilo-Diät nicht mehr herum!
   Während wir gemeinsam auf dem kalten Linoleumboden ausharren, bis jemand zu Hilfe eilt, habe ich genügend Zeit, das Namensschild auf seiner Brust zu entziffern: Dr. Sommerfeld – Chefarzt und unverschämt attraktiv.
   Nein, das steht da selbstredend nicht!
   Ich überlege hin und her, wo ich ihm schon einmal begegnet bin?
   Natürlich! In meinen Träumen.
   Ein dunkler Bart umrahmt seine vollen Lippen, die in diesem Moment, den Umständen geschuldet, etwas verkniffen dreinschauen. Aber das sehe ich nicht so eng. Mich kann er nicht täuschen, unter seinem Kittel steckt schließlich auch nur ein Mann. Schockverliebt verliere ich mich in dem Azurblau seiner Augen. Ich kann bloß hoffen, dass er unser Zusammentreffen genauso genießt wie ich, den Anschein erweckt er jedenfalls nicht.
   »Irmi! Verdammt. Kann mir mal jemand helfen!«
   Vermutlich fühlt er sich für diesen Job nicht zuständig und das Blöde ist, ich mich nicht imstande, seinen Schoß zu verlassen. Mir ist speiübel und ich habe ziemlich weiche Knie. Dennoch muss ich nicht erwähnen, dass ich mich noch nie besser gefühlt habe!
   Wenig später stürzt eine Schwester zur Tür herein und mir in meinen ersten Eindruck. So ein Mist!
   Mit vereinten Kräften schaffen wir es dann doch, mich auf die Behandlungsliege zurückzuverfrachten, wo ich außerdem mit anhören muss, dass ein CT unumgänglich ist. Damit schwinden meine Chancen auf einen gewinnbringenden Abschluss des heutigen Auftrags endgültig.
   »Guten Tag, mein Name ist Sommerfeld«, stellt sich der Doktor offiziell vor. »Ich werde zunächst die Wunde überprüfen, und dann kommen Sie in die Röhre, damit wir innere Verletzungen ausschließen können.«
   Wie steif die immer sind.
   Bevor ich »Ja« oder »Nein« sagen kann, macht sich Schwester Irmi an meinem Turban zu schaffen, während mein Sprungtuch ohne einen weiteren Kommentar den Raum verlässt. Schade eigentlich, dass ich keine Gelegenheit hatte, mich richtig vorzustellen.
   »Sie habe Glück, des mit der Chefb‘handlung«, belehrt mich Irmi. Unbarmherzig zuppelt sie mir die Mullbinde aus den blutverschmierten Haaren, dass mir die Tränen in die Augen schießen. Fast wie damals, als meine Mutter mich kämmte.
   Das kann sie unmöglich meinen?
   Und was heißt überhaupt Chefbehandlung? Nicht, dass die hier was verwechseln, und ich muss die ganze Sache am Ende aus eigener Tasche bezahlen?
   »Verzeihung, aber hier liegt ein Missverständnis vor«, melde ich mich jammernd zu Wort. »Ich will eigentlich keine Sonderbehandlung.«
   Irmi lacht.
   »Nee, des hat mit Ihne nix zu tu. Des liegt am volle Wardezimma, wir han V‘stärkung g‘holt, weil unsre Ärzte nisch mehr nachkomme.«
   Okay, das hört sich gut an. Ich bekomme auch mal was geschenkt.
   In diesem Augenblick kehrt Herr Dr. Sommerfeld zurück und schwingt die Keule in Form eines Rasierers. Nichts für ungut, skeptisch werde ich erst, als er mir mit dem Teil zu Leibe rücken will. Jetzt schlägts dreizehn. Wer sein Lebtag lange Haare hatte, wird mich gut verstehen.
   »Entschuldigung, aber das ist jetzt nicht Ihr Ernst«, ereifere ich mich in Habachtstellung.
   »Hören Sie, wir haben da draußen eine Menge Patienten sitzen, die Schmerzen haben und ebenfalls behandelt werden wollen. Ich rasiere ausschließlich die Stelle um die Platzwunde herum, damit ich besser drankomme.«
   Was soll ich sagen? Bei seinen Worten schmelze ich dahin. Wie dumm von mir! Selbstverständlich vertraue ich mich ihm an, schließlich werde ich nie wieder in den Genuss seiner ärztlichen Versorgung kommen! Zudem reicht Schwester Irmi mir einen kleinen Cocktail, der nicht nur gut schmeckt, sondern mich alles um mich herum vergessen lässt. Dr. Sommerfelds Aftershave trägt sein Übriges dazu bei.
   Kurz darauf nehme ich den kleinen Haufen Haare, der sich bedrohlich schnell zu meinen Füßen auftürmt, nicht mehr wahr. Für mein normalerweise eher quirliges Naturell bin ich ungewöhnlich ruhig und es fühlt sich herrlich an.
   Weit entfernt vernehme ich Kinderstimmen, die verdächtig nach meinen Jungs klingen. Liegt bestimmt an den Nebenwirkungen des Operateurs. Der sieht aber auch gut aus.
   Die Kinder jagen über den gesamten Flur und falls es meine sind, gebe ich mich einfach nicht zu erkennen. Helfen kann mir im Moment eh niemand.
   Mit dieser Entscheidung liege ich goldrichtig.
   »Kann mal jemand die Nervensägen da draußen ruhigstellen!« Mit »jemand« ist Schwester Irmi gemeint, mit »Nervensägen« leider meine Bande. Überdeutlich höre ich Otto krakeelen, der draußen vor der Tür Bruno geärgert haben muss, und nun eine lautstarke Flucht durch den Krankenhausgang unternimmt, um dem Zorn seines großen Bruders zu entkommen. Also doch. Hätte ich mir ja denken können.
   Herr Dr. Sommerfeld ist heute nicht gut drauf und bestätigt das, was ich schon immer wusste: In Arztfamilien werden Kinder ruhiggestellt, indem sich Papa an dem wohl sortierten hauseigenen Medikamentenschrank bedient.
   Obwohl: wenn ich recht überlege … Dieser Mann hat mit Sicherheit keine Kinder.
   Da ich auf die Fortführung meiner Chefbehandlung nicht verzichten möchte, verdrehe ich synchron mit Herrn Sommerfeld die Augen und gebe mich solidarisch.
   Mittlerweile ist der sympathische Doc mit dem Nähen fertig und betrachtet das Ergebnis. Hervorragende Arbeit, wie er mich wissen lässt.
   Nur ich werde in wenigen Minuten mein blaues Wunder erleben.
   »Das wars. Sie kommen jetzt zum CT und ich werde mich später noch einmal nach dem Befund erkundigen.«
   Kein Händedruck, kein »Wie war Ihr Name?«, keine Vorwarnung: Der Mann meiner Träume fegt einfach aus dem Zimmer. Na toll.
   Schwester Irmi pfeffert den blutigen Turban in den Mülleimer und kündigt an, dass sie mich jetzt zur Untersuchung begleiten wird. Was für eine Alternative.
   Vorher muss ich aber dringend noch für kleine Mädchen. Um dieses Mal nicht in ihren Armen aufzuwachen, gehe ich die Sache langsam an und schlurfe vorsichtig und an Schwester Irmis Hand ins WC, das sich auf dem Flur direkt neben dem Behandlungszimmer befindet. Routiniert greift sie um die Ecke, betätigt den Schalter und schiebt mich hinein. »Lasse Se sisch ruhig Zeit.«
   Das Licht geht an, ich schließe die Tür hinter mir und im selben Augenblick betrachte ich mein Spiegelbild.
   »Hilfe!«
   Ungläubig drehe und wende ich mein Gesicht. Wow! Wieder stütze ich mich auf dem Waschbeckenrand ab, wobei die drohende Ohnmacht diesmal nicht von meiner Kopfverletzung herrührt. Angestrengt überlege ich, wie diese Tante aus der Gala hieß, die sich kürzlich diese Frisur hat schneiden lassen?
   Plötzlich wird die Tür aufgerissen.
   »Mama!«
   Zwei mir gut bekannte Halbstarke stürmen freudig in meine Arme und ich kann kaum glauben, dass sie mich erkennen. Sie auch nicht.
   »Mama, wie siehst du denn aus?«
   Kinder sind ehrlich, grausam und hart – besonders meine!
   Otto läuft um mich herum und findet auf der anderen Seite mein altes Ich. Die langen Haare, die ich hege und pflege, seitdem ich denken kann, und die mich alle zwei Monate ein Heidengeld kosten und auf der anderen Seite fehlen. Ängstlich wende ich mich an meinen Ältesten.
   »Bruno?«
   »Total bescheuert, Mama.«
   Das war nicht die Antwort, die ich hören wollte.
   Irmi platzt dazu und schnaubt vor Angst.
   »Isch hab scho g‘dacht, Sie wärn wieder g’stürzt! Des hätt aba diesma Ärschär g’ebe.«
   Jemand anderes wird gleich Ärger bekommen!
   Es tut mir außerordentlich leid, dass ich diese Sorge nicht mit ihr teilen kann.
   Wer jetzt noch fehlt, ist meine Mutter, die Schwester Irmi barsch zur Seite schiebt, um herauszufinden, was hier vor sich geht. Als sie mich entdeckt, schlägt sie die Hände über dem Kopf zusammen. »Kind, deine Haare. Was für eine Katastrophe! Ich mache sofort einen Termin bei Toben.«
   Ich rekapituliere: TomTom kann heute nicht verlassen werden, weil er sich große Sorgen machen wird. Mein Auftrag Unter den Linden ist flöten, der mein Konto wenigstens für kurze Zeit aus den Miesen gerettet hätte. Meine Mutter ist dabei, mir den letzten Nerv zu rauben, und ich sehe aus wie Frankensteins kleine Schwester. Dabei hatte der Tag so schön begonnen.
   Beim Anblick von Brunos und Ottos großen Kinderaugen, die mich unentwegt anstarren, weiß ich genau: Alles wird gut. Kinder stehen eben nicht auf Veränderungen und das, was ich ihnen gerade zumute, muss bei ihnen als ultimative Geschmacksverirrung durchgehen. Das ist alles.
   »Mick war da, aber ich habe ihm gesagt, dass es keine gute Idee wäre, wenn du dich jetzt aufregst. Deshalb habe ich ihn gleich wieder nach Hause geschickt.«
   Wie ein Generaloberst zupft sich meine Mutter ihr Kostüm zurecht und ist allen Ernstes davon überzeugt, in meinem Sinne gehandelt zu haben. Es ist nicht zu fassen, mit welcher Selbstverständlichkeit sie sich ständig in mein Leben einmischt. Am liebsten würde ich ihr sagen, dass mich die Anwesenheit meines Bald-Exmannes weit weniger Aufregung gekostet hätte, als ihre, dazu fehlt mir jedoch augenblicklich die Kraft. Und vor den Kindern schon gar nicht.
   Selbst die Jungs finden ihre Oma sonderbar, doch es ist nun mal ihre Oma. Vor allem aber ist sie, wie auch immer sie das hinbekommen hat, mit dem tollsten Opa der Welt verheiratet. Also nehmen sie, genau wie ich, die Kehrseite der Medaille tapfer hin.
   Da wir uns nach wie vor zu fünft in dem kleinen WC aufhalten, schlage ich vor, die Unterhaltung auf dem Flur weiterzuführen. Der Ohnmachtsanfall wegen der neuen Frisur muss warten und auch meine Blase streikt fürs Erste ob der neusten Entwicklungen.
   Draußen stehen bereits mein Vater und meine beste Freundin Henriette Spalier. Gott sei Dank! Sie wird mir sagen, wie schlimm es wirklich um mich bestellt ist. Mein Vater drückt mich herzlich an sich, bevor er von den Jungs zu einer neuen Runde Verstecken aufgefordert wird. »Wie gut, dass nicht mehr passiert ist, Schnecke«, flüstert er mir beruhigt ins Ohr. Ihm gefalle ich in jeder Lebenslage, ob mit oder ohne rasiertem Schädel. Dann springen die Kinder auf ihn mit Gebrüll.
   »Süße, geht es dir gut? Deine Mutter hat mich angerufen und ich habe mir solche Sorgen gemacht!« Typisch, dass meine Mutter ein Theater veranstaltet und Henri alarmiert.
   Henri ist die Einzige, die den Zugangscode für Monika Piepenbrink besitzt, weil sie ihr mal gesagt hat, dass es eine großartige Idee war, ihrer Tochter eine Art Künstlernamen zu geben. Ich heiße nämlich bloß Daisy, weil meine Mutter große Schauspielerpläne mit mir hatte. Das war, bevor ich ihrer Meinung nach aus der Rolle fiel. Nachdem ich bei einer Schulaufführung die gesamte Bühnenkonstruktion zum Einstürzen gebracht hatte – was nur der Fall gewesen war, weil diese dämliche Streberin Nina um ihre Hauptrolle gefürchtet und mir ein Bein gestellt hatte – wurde mir nie wieder eine Aufgabe in der Theater-AG übertragen. Jedenfalls nicht auf der Bühne. Verständlicherweise. Das war der Anfang vom Ende und für meine Mutter zerplatzte der Traum einer glanzvollen Bühnenkarriere ein zweites Mal.
   »Wir müsse«, erinnert Schwester Irmi an die Röhre.
   Ach ja, und deshalb muss ich jetzt mit diesem Namen leben.
   Aus Sicherheitsgründen schiebt sie mir einen Rollstuhl unter den Hintern und karrt mich davon. Meine Frau Mama, die Kinder und ihr Opa sowie die beste Freundin der Welt bleiben in dem miefigen Krankenhausflur zurück und winken mir nach. Als wir eine Zwischentür passieren, verliere ich sie aus den Augen.
   Passende Gelegenheit, Schwester Irmi einige Fragen bezüglich des feschen Oberarztes zu stellen.
   »Sagen Sie, Herr Dr. Sommerfeld ist wohl sehr begehrt … so charmant, wie er daherkommt?«
   »Ja, des kann isch Ihne sage! Der is mir a sofort uffg’falle, als isch neu in Berlin war. Aber der is normalerweis aus der Chirurgie und hilft heut nur aus. Immer, wenn der kommt, sin die Schweschtern us‘m Häussche – klar, als Witwer …«
   Jetzt werde ich hellhörig.
   »Ach herrje, ist er denn nicht gebunden?«
   »Nee, des is zwar alles lang her, aber der findet ebe net die rischtge Frau. Isch hab misch ach scho ang’bote, aber da is er nisch druff ein‘gange …?«
   Mitfühlend nicke ich Schwester Irmi zu und wenn sie irgendwann die U-100 erreicht, wird er bestimmt auf ihr Angebot zurückkommen. Denn die muss man einfach gernhaben.
   Mit Schmackes wuchtet sie mich in einen Fahrstuhl, der uns in den dritten Stock zur Untersuchung bringt. Ich habe striktes Verbot, ihr zu helfen, weil sie mir sonst damit gedroht hat, mich anzuschnallen.
   Oben angekommen, hole ich die Pinkelpause nach und erhalte anschließend eine Prismabrille. Mit dem Monstrum auf der Nase ist meine Sicht noch bunter, als ohnehin schon durch den Beruhigungscocktail. Ich beschließe, die Gunst der Stunde zu nutzen, und mein Dauerschlafdefizit mit einem kleinen Nickerchen auszugleichen. Die ganze Prozedur soll etwa dreißig Minuten dauern, in denen ich mir reiflich überlegen werde, wie ich es TomTom heute Abend sage. Mein Sturz darf keine Entschuldigung dafür sein, meine Trennung weiter vor mir herzuschieben. Bezeichnend, dass meine Mutter ihm nicht Bescheid gesagt hat. Bei ihr hatte er nie eine Chance gehabt.
   Aber wer hat die schon?
   Das bedrohliche Klopfen des vorsintflutlichen CTs baue ich hervorragend in einen seligen Traum ein. Weg bin ich.
   Als ich schlaftrunken aus der Röhre gezogen werde, begrüßt mich ein mürrisch dreinschauender Dr. Sommerfeld. Seinem Blick nach zu urteilen hat mein letztes Stündlein geschlagen. Im Handumdrehen bin ich hellwach und rechne mit dem Schlimmsten:
   »Nun sagen Sie schon?«, krächze ich kleinlaut.
   »Das mit den Haaren tut mir leid, aber das musste sein.«
   Häh?
   »Und mit Ihrem Kopf ist alles in Ordnung, sehen Sie, nur eine leichte Gehirnerschütterung.«
   Hm. Viel sehe ich nicht. Die Bilder, auf denen meine grauen Zellen noch grauer wirken als in natura, haben hoffentlich nichts mit meinem Alter zu tun. Und eine notorische Schokoladensucht lässt sich daraus ebenfalls nicht ableiten, oder?
   »Wir sehen uns in einer Woche zum Fädenziehen, bis dahin wünsche ich Ihnen gute Besserung.«
   »Aber ich …«
   … wollte ihm doch noch um den Hals fallen, ihm sagen, wie toll er aussieht und … dass das mit den Haaren zu regeln geht.
   Nichts ist. Zurück bleibe ich allein mit Schwester Irmi, die resigniert mit den Achseln zuckt und mir beim Aufstehen hilft.
   »Der Doktor hat g’sagt, dass Sie uffstehe könne, allerdings vorsischtig!«
   »Verstehe. Hat er denn sonst noch was gesagt? Ich meine, über mich vielleicht?« Schwester Irmi stutzt, aber bis auf ein dickes Fragezeichen hat meine Lieblingswuchtbrumme für mich nichts weiter übrig. Wortlos bugsiert sie mich aus dem Zimmer.
   Schon klar, die anderen hundert Verunfallten.

Das Schöne an Kindern ist, sie sind ein Leben lang an deiner Seite. Als ich in die Erste-Hilfe-Station zurückkehre, ist das nur bedingt der Fall. Über die Lautsprecher wird soeben der kleine Otto ausgerufen, der sich seit einer Viertelstunde versteckt hält, damit ihn sein Opa nicht findet. Und ich dachte immer, so etwas gibt es nur bei IKEA.
   Eine weitere Viertelstunde und mehrere erzürnte Aufrufe später, gibt er endlich sein Versteck auf und gesellt sich freundlicherweise wieder zu uns. Daraufhin höre ich meinen Vater mit ihm schimpfen, der aber bloß so tut und in Wirklichkeit wissen will, was für einen tollen Unterschlupf der Junge gefunden hat.
   Nicht zu fassen.
   Könnte ich mir einen besseren Opa für meine Kinder wünschen?
   In der Zwischenzeit schwärme ich Henri von der Begegnung mit Dr. Sommerfeld vor, die mich auf Wolke Sieben schweben lässt. Habe ich mich doch tatsächlich unsterblich in einen stieseligen Arzt verliebt, der mir zudem noch an die Haare wollte. Sachen gibts.
   »Daisy«, sagt Henri und schlägt plötzlich einen ernsten Ton an. »Ja, TomTom ist nicht der Richtige für dich und ja, du hast meinen Segen für einen neuen Mann. Doch nur, weil ein Arzt dir sagt, dass keine bleibenden Schäden zu erwarten sind, hat er nicht mit dir geflirtet! Ich weiß, du fühlst dich elend und dein Kopf spielt verrückt, aber lass uns jetzt erst mal nach Hause fahren. Morgen sieht die Welt schon ganz anders aus.«
   Verschmitzt funkel ich Henri an, die mich von allen am besten kennt. Nur in diesem Fall irrt sie sich gewaltig. Wahrscheinlich hat sie einfach keine Lust, dass ich sie in der kommenden Woche mit Geschichten über Dr. Sommerfeld belästige. Ob ich mich daran halten werde?

Ich schaffe es genau drei Tage, meine Mitmenschen mit der Scheinfrisur zu foltern, bis ich eine folgenschwere Entscheidung treffe: Ich mache mich auf den Weg zu Toben, dem Friseur meines Vertrauens.
   Ja, ja, schon gut, auch dem Friseur meiner Mutter.
   Schweren Herzens teile ich ihm mit, was er seit Jahren von mir hören will: Kurzhaarschnitt!
   Toben springt vor Freude an die Decke und verschiebt meinetwegen prompt einen Anschlusstermin. Eine Stammkundin, die laut seiner Aussage endlich zur Vernunft kommt, wird exklusiv behandelt.
   Bis jetzt war ich nicht nervös.
   Die Vorstellung nimmt ihren Lauf, Tobens Schere ebenso, und ehe ich mich umentscheiden kann, liegt ein überdimensional großer, dreißig Jahre alter blonder Haufen Haare auf dem Boden neben dem Stuhl, auf dem ich die vergangene halbe Stunde schweißnass und mit dem Rücken zum Spiegel gesessen habe. Halleluja! Eine neue Ära hat begonnen.
   Unter den leuchtenden Augenpaaren seines Personals dreht mich der Figaro in Zeitlupe herum, während mein Herz für einige Schläge aussetzt. Es fühlt sich schlimmer an, als beim Abitur, wo ich die Hälfte einer Klausur vorgeschrieben und unter meiner Bluse versteckt hatte. Bis zur letzten Minute musste ich bangen, ob es mir gelingen würde, den Betrug der Arbeit unauffällig beizumischen. Und genauso unsicher bin ich mir jetzt, ob die ganze Sache ein Fehler war.
   Toben hat den Braten längst gerochen, zwei Gläser Champagner eingeschenkt – nur, weil er sowieso gern einen hebt – und wartet auf seinen großen Auftritt.
   Ich mache es kurz: Ich falle nicht in Ohnmacht, weil ich die Frau im Spiegel in keiner Weise mit mir in Verbindung bringe. Punkt. Eine andere Kundin hat sich Toben an meiner Stelle zur Verfügung gestellt und dafür bin ich ihr sehr dankbar. Das Resultat kann sich wirklich sehen lassen.

Unerfreulicherweise erwache ich aus diesem Traum nicht so schnell wie erwartet und renne deshalb seit zwei Tagen ununterbrochen ins Schlafzimmer, um meine neue Mitbewohnerin im Ganzkörperspiegel zu inspizieren. Was ich sehe, ist nicht schlecht, aber das bin doch nicht ich!
   Bei meinen Kindern dagegen verläuft die Umgewöhnung weitaus reibungsloser. Sie finden meinen Hahnenkamm echt cool.
   Morgen steht das Fädenziehen auf dem Programm. Mal sehen, was der Onkel Doc dazu sagt, der mir seit einer Woche im Kopf herumspukt.

Mist!

Ich wusste, dass man mir auf die Schliche kommt.
   Es ist wahr! Ich konnte TomTom letzte Woche keinen Laufpass geben.
   Nicht nur, dass er der Frau im Visier einen Tag nach meinem Sturz die Reportage über die Souvenirshops unter meinem Namen abgeliefert und mit mir halbe-halbe gemacht hat, sondern seine Hilfsbereitschaft in Bezug auf die Kinder hat mir die Sache nicht gerade erleichtert.
   Ich habe strikte Bettruhe verordnet bekommen und diese Gelegenheit schamlos ausgenutzt, mich von ihm und den Jungs nach Strich und Faden verwöhnen zu lassen. TomTom hat die Nervensägen gut unter Kontrolle gehabt und in die Schule gefahren. Wenn ich ihn lieben würde, wäre er bestimmt ein guter Ersatz für Mick, den Vater der beiden.
   Mick jettet von jeher lieber von einem Gig zum nächsten. Das hört sich spektakulärer an, als es ist, denn die Auftritte mit seiner Band, den Snakes, finden in irgendwelchen Hinterhof-Kaschemmen statt, und bringen gerade mal so viel Geld, dass die Bandmitglieder selbst davon leben können. Das Ganze spielt sich zudem überall und nirgends, das heißt auch in Amerika, ab, sodass die Kinder nicht viel von ihm haben. Unabhängig davon hatte ich irgendwann keine Lust mehr, ihn mit einer Horde Groupies zu teilen.
   Ich bin froh, dass wir alle mit einem blauen Auge davongekommen sind und die Scheidung bloß noch Formsache ist. Zurzeit weilt er in Berlin.
   Unsere Kinder sehen ihm zum Verwechseln ähnlich und wollen partout nicht zum Friseur, um so lange Haare zu haben wie Papa. Vielleicht liegt es auch an Toben.
   TomTom hat, und das rechne ich ihm hoch an, in den letzten zwei Jahren eine große Lücke gefüllt und den Jungs verraten, dass das Pinkeln im Stehen viel besser zu richtigen Männern passt, als Mama immer erzählt. Er selbst hat keine Kinder und ein gemeinsames war irgendwie nie ein Thema zwischen uns.
   Und trotzdem. Heute nach dem Fädenziehen und dem Abschluss meiner Runderneuerung, sozusagen, werde ich mit ihm sprechen. Ehrenwort! Unter Zeugen! Ich habe Henri bereits eingeweiht und sie wird mir die Hölle heißmachen, wenn ich es diesmal nicht durchziehe. Sie findet, wir passen überhaupt nicht zusammen und es wäre unfair, wenn ich ihn länger hinhalte. Damit hat sie zugegebenermaßen recht.
   Bruno liegt seit gestern mit einer Mittelohrentzündung im Bett, seine Achillesferse. Aber als Fünftklässler wird ihn das nicht groß zurückwerfen. Anders sähe das bei Otto aus, der die Schule und seine zweite Klasse ausschließlich dafür nutzt, sich mit Mädels zu verabreden. Er kommt ganz besonders nach seinem Vater.
   Was vergangene Woche dummerweise total auf der Strecke geblieben ist, ist die Reparatur meines uralten Twingos. Das blöde Ding hat mich in der Vergangenheit derart oft im Stich gelassen, dass ich es nicht mal mehr an einer Hand abzählen kann, und langsam bin ich ratlos, wie ich mir weitere Instandsetzungen leisten soll.
   Dass meine Eltern den Kindern gelegentlich Geld zustecken, ist so weit okay, doch ich will bestimmt keine Almosen. Also lüge ich ihnen jedes Mal vor, dass finanziell bei mir alles in Ordnung ist, was leider ganz und gar nicht den Tatsachen entspricht. Aber: Selbst ist die Frau.
   Deshalb leihe ich mir heute Brunos Fahrrad. Nachdem ich mir eingestehen musste, dass es sich bei meinem tatsächlich um einen Totalschaden handelt, habe ich keine andere Wahl. Ich kann wirklich froh sein, dass letzte Woche nicht mehr passiert ist.
   »Großer, ich fahre nur schnell zum Fädenziehen ins Krankenhaus und beeile mich. Soll ich Opa anrufen, dass er vorbeikommt?«
   »Mama, ich bin kein Baby mehr!«
   Ich platze vor Stolz. Selbstverständlich vertraue ich ihm blind und natürlich darf er allein zu Hause bleiben, um mich nachher anzulügen, dass der Fernseher die ganze Zeit ausgeblieben ist. Mit elf darf man das. Auf dem Rückweg werde ich ihm als Dankeschön sein Lieblingseis mitbringen. Das Wetter deutet nämlich darauf hin, dass der Sommer in den Startlöchern steht.
   Während ich sein Kinderfahrrad aus dem Keller die Treppe hinaufschleppe, kommen mir Zweifel. Ein bisschen bescheuert wird das schon aussehen, aber wir müssen eben sparen.
   Der Weg nach Mitte zieht sich länger hin, als ich dachte, doch mit meiner neuen windschnittigen Frisur meistere ich jeden Widerstand. Sogar ich habe mich mittlerweile mit dem Kurzhaarschnitt angefreundet und in Kombination mit meinem Chanel-Fake auf der Nase sehe ich verdächtig stark nach einer Hollywood-Größe aus. Theoretisch muss ich mich bei Dr. Sommerfeld dafür bedanken, dass er mich zu dem gemacht hat, was ich heute bin. Daisy, krieg dich wieder ein.
   Meine Laune konnte nicht besser sein, als ich den Eingang der Charité am Ende der Luisenstraße erblicke.
   Mein lieber Scholli. Das war der Sport fürs ganze Jahr.
   Der Fahrradständer platzt aus allen Nähten, sodass ich mir einen Standort weiter hinten suchen muss. Klar, bei dem schönen Wetter. Während ich im Schritttempo nach einer geeigneten Abstellmöglichkeit Ausschau halte, taucht plötzlich eine schwarze Limousine neben mir auf und nimmt mich fast auf die Hörner. Erst in letzter Sekunde legt der Fahrer ein riskantes Ausweichmanöver hin. Seine Bremsen quietschen, ich reiße den Lenker des 12‘‘ers herum und mein Puls schnellt in die Höhe. Was für ein Idiot! Mit weichen Knien klammere ich mich an dem Fahrrad fest.
   Der Fahrer des fetten 7ers hat mich offensichtlich nicht gesehen. Kein Wunder bei meiner Höhe. Und trotzdem. So geht das nicht.
   Nachdem er sein Schiff auf einen reservierten Parkplatz manövriert hat, springt er wütend aus dem Wagen und grummelt etwas Unverständliches in seinen Bart. Verwundert hebe ich zum Zeichen meiner Unversehrtheit die Hand. Bestimmt hat er sich genauso erschreckt wie ich. Und dass es keine Absicht war, davon gehe ich aus.
   »Kleiner Frechdachs, du«, höre ich ihn fluchen.
   »Was? Ich darf doch wohl sehr bitten!«, erwidere ich verärgert, als ich mitbekomme, dass der Spinner tatsächlich mich meint. »Schließlich bin ich hier das Opfer.«
   Unglaublich, der Typ. Dann steigt er aus.
   Dr. Sommerfeld will gerade zu einer Belehrung über die Besonderheiten der Straßenverkehrsordnung auf Parkplätzen ausholen, als er verblüfft feststellt, dass der kleine Vorfahrtnehmer niemand Geringeres ist als: ich.
   Er schaut ziemlich dumm aus der Wäsche, während ich mich aus Brunos Sattel schwinge.
   »Aber …?« Seine Autotür fliegt zu. »Das nächste Mal etwas vorsichtiger. Ich habe Sie nicht gesehen.«
   Danke, das ist mir auch schon aufgefallen.
   »Schönes Fahrrad im Übrigen«, murmelt er hinterher, bevor er sich in knapper Form für sein aufbrausendes Verhalten entschuldigt und kopfschüttelnd von dannen zieht.
   Ich laufe knallrot an.
   Liebe Erde, gehe auf und verschlucke mich auf der Stelle.
   Das wars dann wohl mit der Chefbehandlung.
   Na ja, versuche ich mich zu trösten, zur Not bleibt noch Schwester Irmi.
   Fünf Minuten später stehe ich am Notaufnahmeschalter und diskutiere mit der Frau dahinter, dass ich mich nicht in das überfüllte Wartezimmer zu den anderen setze, weil mein Sohn allein zu Hause ist, und das nicht den Rest des Tages bleiben wird. Ihr patziger Ton ist bis in die anderen Stationen zu hören. In dem Moment schießt der Rallyefahrer von eben hinter mir vorbei.
   »Guten Tag, Herr Doktor«, schwenkt sie um. Unbeteiligt kontrolliere ich das Muster meiner Schuhe.
   »Sie schon wieder?«, sagt er verwundert und runzelt die Stirn. »Was ist hier los?«
   »Die Dame behauptet, sie hätte einen Termin bei Ihnen.«
   Die Empfangsvorsteherin der Ersten Hilfe verdreht demonstrativ die Augen, doch die Geschichte nimmt nicht ihren erhofften Lauf.
   »Kennen wir uns nicht?« Herr Dr. Sommerfeld mustert mich eindringlich.
   Augen aufreißen, Bleistift fallen lassen, laut schlucken und obendrein noch garstig aussehen – die Spielverderberin hinter der Scheibe wird Zeugin, wie der Doc mit mir flirtet.
   Schon gut, schon gut. Träumen ist wohl noch erlaubt.
   »Ähm … ja«, antworte ich, »Sie haben mich letzte Woche zu dieser Kurzhaarfrisur inspiriert und ich soll Sie deshalb herzlich von meinem Friseur grüßen.«
   O Gott Daisy, kannst du nicht einmal das Richtige sagen?
   Ich sehe, wie es in Dr. Sommerfelds Hirn rattert, und bin mir nicht sicher, ob das ein gutes Zeichen ist. Dann fällt es ihm wieder ein. »Ach ja … der Fahrradunfall. Kommen Sie mit.«
   Verdammt! Das war definitiv ein schlechtes Zeichen. Er hat mich auf dem Parkplatz nicht einmal wiedererkannt. Demzufolge habe ich wohl keinen bleibenden Eindruck hinterlassen.
   Dennoch folge ich ihm erhobenen Hauptes, damit sich wenigstens die blöde Kuh hinter ihrem Tresen ärgert.
   Schwester Irmi hat heute keinen Dienst, zumindest kann ich sie weit und breit nicht entdecken. Auf der anderen Seite muss das nichts heißen, weil ich mich in der Chirurgie befinde.
   Genauso rasant, wie Dr. Sommerfeld sein Auto über Parkplätze lenkt, fegt er nun in einem Affentempo vor mir den Flur entlang, sodass ich Mühe habe, Schritt zu halten. Den zur Seite springenden Schwestern und ihren devoten Blicken nach zu urteilen, handelt es sich bei ihm um eine echte Stationsgröße.
   Wenn er mir also gleich persönlich die Fäden zieht, hat das weder mit meiner Krankenkasse, noch mit irgendeiner sozialen Ader zu tun, sondern lediglich damit, dass er ein schlechtes Gewissen hat, aus mir einen Lausbub gemacht und diesen fast über den Haufen gefahren zu haben. Prima. So hatte ich mir meine zweite Begegnung mit ihm nicht vorgestellt.
   Als wir am Ende des Flures vor einer Tür haltmachen, komme ich nicht, wie in der Erste-Hilfe-Station, in ein Behandlungs-, sondern direkt in sein Arztzimmer.
   Mamma mia. Er hält mir die Tür auf. Feudal geht die Welt zugrunde.
   Jetzt weiß ich, was eine Chefbehandlung ist. Dieser Raum ist teurer eingerichtet als meine gesamte Wohnung. Dick gepolsterte Ledersessel laden zum Loungen ein, ein vier Meter langes hölzernes Bücherregal stöhnt unter den dicken Schinken medizinischer Fachliteratur und das Gemälde hinter seinem riesigen Schreibtisch ist bestimmt ein echter Van Gogh. Riesige Kübel mit üppigen Palmen stehen neben den Fenstern, die viel Licht in den Raum lassen. Die Sonne kitzelt mich in der Nase. Gegenüber hängen zwei weitere Gemälde in schweren Holzrahmen, deren Maler ich nicht kenne. Wahrscheinlich unbezahlbar. Das Schönste sind allerdings mit Abstand die Kinderbilder, die ihm seine kleinsten Patienten gemalt haben.
   Vielleicht ist er gar nicht stieselig?
   Nachdem er seine Tasche abgestellt und seinen weißen Kittel übergezogen hat, bittet er mich auf die Liege, die sich in der linken Ecke im hinteren Teil des Zimmers befindet. Dieses Angebot wird sich als wahrer Glücksgriff erweisen.
   Als er sich die Hände wäscht, bleibt kurz Zeit, ihn mir genauer anzuschauen. Mein erster Eindruck hat mich nicht getäuscht. Ich schätze ihn auf Mitte vierzig, er sieht auch auf den zweiten Blick äußerst attraktiv und, seitdem ich weiß, dass er hier der Chef vons Janze ist, besonders sexy aus. Jetzt wird klar, warum ich es vorziehe, im Liegen behandelt zu werden. Nicht, dass mir noch einmal die Beine versagen.
   »Wie geht es Ihnen? Hatten Sie Kopfschmerzen in der vergangenen Woche?«
   Aha! Er hat sich also Sorgen um mich gemacht.
   »Nein, meine Ki… äh, Aufträge halten mich auf Trab, da kann ich mir einen Ausfall nicht erlauben.«
   Keine Kinder! Erst mal keine Kinder! Ich will ja nicht gleich mit der Tür ins Haus fallen.
   »Prima. Ich werde Ihnen jetzt die Fäden entfernen, das kann ein bisschen ziepen.«
   Eine Chefbehandlung ohne ziepen – wer will das schon?
   Davon abgesehen bin ich dermaßen aufgeregt, dass er mir ohne Narkose bedenkenlos die Mandeln entfernen könnte. Während er mit der Pinzette hantiert, richtet sich meine gesamte Aufmerksamkeit auf diesen Mann, dessen Parfum einfach herrlich duftet und meine Sinne benebelt. Wenn sich sein Kittel am Arm nach oben schiebt und ich einen Blick auf seine behaarten Unterarme erhasche, werde ich ganz wuschig.
   What a man.
   Dagegen ist das Ziepen ein Spaziergang.
   Es ist doch so: Ich bin Mitte dreißig, also keine zwanzig mehr, und leicht zu beeindrucken schon gar nicht, aber dieser Mann … Dieser Mann hat irgendetwas mit mir angestellt.
   Die Frage ist nur, wie ich das auch bei ihm hinkriege? Verliebt sein ist nicht ansteckend, oder?
   »Wunderbar«, dringt auf einmal seine Stimme an mein Ohr. »Die Narbe sieht gut aus. Wenn Sie keine weiteren Fragen haben, sind Sie hiermit entlassen.«
   »Wie entlassen?«
   Trau dich, Daisy! Tu es! Lad ihn zum Kaffee ein, sag ihm, dass er gut riecht, tu etwas, damit du ihn wiedersiehst.
   »Äh, gut. Danke.«
   Wie in Trance muss ich miterleben, wie meine Beine von der Liege hopsen, ohne dass ich es will. Dann lässt mich eine Kraft zur Tür schreiten, obwohl ich nicht gehen möchte.
   »Auf Wiedersehen?«
   Wenigstens das bringe ich heraus, wenn auch halb geflüstert, und es entspricht zu hundert Prozent der Wahrheit. Wie komme ich bloß darauf, ihn mit dieser Frage zu belästigen? Der Mann kann jede haben, er wird jede haben und durch Mick musste ich schmerzlich genug erfahren, was das heißt. Angst überkommt mich. Nichts wie weg hier.
   »Ach, übrigens, Ihre neue Frisur steht Ihnen ausgezeichnet.«
   Bevor ich die Tür schließe, trifft mich sein Kompliment wie ein Schlag, doch da ich perplex bin, schaffe ich es nicht einmal mehr, mich umzudrehen. Mein »Danke« verhallt deshalb im luftleeren Raum zwischen Feudalismus und Flur, bis diese ins Schloss fällt.
   Draußen auf dem Gang, wo ich mich gleich zweimal kneife, um zu überprüfen, dass ich nicht geträumt habe, keimt in mir ein genialer Gedanke: Wenn ihm meine kurzen Haare aufgefallen sind, ist das ein Punkt, an dem ich ansetzen kann. Kein Mann der Welt interessiert sich für die Frisur einer Frau. Vielleicht sind Hopfen und Malz doch noch nicht verloren.
   Mir nichts, dir nichts eile ich aus dem Krankenhaus in mein neues Leben. Im Gepäck ein vager Schlachtplan. Herr Dr. Sommerfeld muss irgendwie zu knacken sein und wer, wenn nicht Daisy Piepenbrink, sollte das schaffen?

Meine Euphorie währt genauso lange, bis ich Brunos Fahrrad zurück in den Keller geschleppt habe, und vor dem Briefkasten in unserem Haus stehe. Darin befindet sich ein Umschlag von TomTom. Das hat er ja noch nie gemacht? Erstaunt öffne ich den Brief und erkenne sofort seine krakelige Handschrift.

Liebe Daisy,

ich hoffe, du hast das Fädenziehen gut überstanden.

Bevor ich weiterlese, schwelge ich für einen kurzen Augenblick in Erinnerungen an die filigranen Oberarztfinger, die sich flink und dennoch zärtlich durch meine Haare gearbeitet haben. Komisch, ich könnte schwören, hier stimmt irgendetwas nicht. Ein seltsames Gefühl überkommt mich und ich fahre fort.

Seit einiger Zeit quält mich ein furchtbares Gewissen und ich habe lange überlegt, wie ich es dir sagen soll. Dann kam auch noch der Unfall dazwischen.

Es tut mir leid, aber ich habe jemanden kennengelernt, der einfach besser zu mir passt. Bitte sei mir nicht böse, dass ich dir das nicht persönlich sage, ich habe mich einfach nicht getraut.

Falls du Fragen hast, ruf mich bitte an!

Dein Thomas

Schon klar: Und im Himmel ist Jahrmarkt. Ich bin sprachlos. Luft anhaltend lehne ich mich an die Wand, um zu begreifen, was hier vor sich geht. Was ist denn in TomTom gefahren und wer bitte schön ist diese Unbekannte, die besser zu ihm passen soll? Der kann was erleben!
   Entsetzt über diesen erbärmlichen Abgang und seine beschwichtigende Wortwahl – das zweimal »Bitte« habe ich sehr wohl zur Kenntnis genommen – mache ich mich wutschnaubend auf den Weg in den zweiten Stock und erreiche keuchend wie eine Dampflok meine Wohnungstür. Wochenlang … ach was … monatelang warte ich den richtigen Zeitpunkt ab, um ihn um eine Trennung zu bitten und dann kommt er mir zuvor. Das grenzt an Verrat.
   Zuerst, und bevor der Flutschfinger in meiner Hand zu Mus wird, bekommt Bruno sein Eis ins Zimmer gebracht. Der arme Kerl findet so schnell die Fernbedienung nicht. Als er mitbekommt, dass mich die Flimmerkiste heute nicht im Geringsten interessiert, bedankt er sich für das Mitbringsel und glotzt beruhigt weiter.
   Wie eine Furie wetze ich durch die Wohnung auf der Suche nach dem Telefon, das sich entweder unter dem Sofa, auf der Toilette oder sonst wo versteckt hat. Nur wo! Als ich es schließlich im Kühlschrank (?) finde, wähle ich mit zittrigen Fingern Henris Nummer. Nebenbei überfliege ich erneut TomToms Zeilen. Vielleicht habe ich etwas überlesen.
   Es tutet und tutet und tutet.
   Das kenne ich. Wenn sie Gäste hat, geht sie selten ans Telefon und ist dann sehr busy. Darauf kann ich heute jedoch keine Rücksicht nehmen. Endlich ist sie dran.
   »Stell dir vor«, poltere ich los, »TomTom hat mit mir Schluss gemacht.« Henri wird wissen, was jetzt zu tun ist.
   »Das ist ja großartig!« Ihr Aufschrei bohrt sich in mein Ohr. »Dann bist du den Schwarzen Peter los.«
   Hallo? Bin ich hier im falschen Film?
   Henri, die nie ein Blatt vor den Mund nimmt, atmet erleichtert aus und macht keinen Hehl aus ihrer Freude.
   »Ich finde das eine bodenlose Frechheit!«, lasse ich verlauten, »immerhin lief es in letzter Zeit nicht so schlecht. Hör zu.«
   In Windeseile lese ich den Brief laut vor, wobei ich mich einige Male verhaspele. Ich glaube, am meisten störe ich mich an dem »jemand«.
   »Daisy, sei nicht kindisch. Du liebst ihn nicht und er dich genauso wenig. Wo liegt das Problem?«
   »Wo das Problem liegt? Ich bewahre gentlemanlike Taktgefühl und er würgt mir diese Nachricht kurz nach meinem Unfall rein, ohne auf meine Genesung Rücksicht zu nehmen.«
   Dass sie mir nie recht geben kann.
   »Erstens erfreust du dich bester Gesundheit und zweitens wolltest du nicht heute mit ihm sprechen?«
   »Schon«, protestiere ich kleinlaut, »aber …«
   »Nichts aber! Außerdem muss ich jetzt weiterarbeiten.«
   »Halt!« So leicht kommt sie mir nicht davon. »Dann musst du mir in einer anderen Angelegenheit helfen.«
   Die Schweigeminute am anderen Ende deute ich als ein »Nein«.
   Immer, wenn ich sie in der Vergangenheit um einen Gefallen gebeten habe, hat das kein gutes Ende genommen.
   Das letzte Mal, als wir zur Einschulung von Otto ihr Auto bis unters Dach mit Luftballons vollgeladen hatten, wurden wir auf der Hohenstaufenstraße von der Polizei angehalten. Angeblich, weil Henri ein Hindernis für sich und die anderen Verkehrsteilnehmer darstellte. Auf Anordnung sollten wir die Klappe ihres Kombis öffnen, um wenigstens einen Blick in den Rückspiegel zu gewährleisten, was zur Folge hatte, dass sich alle bunten und mit Helium gefüllten Ballons auf den Weg in den Himmel über Berlin machten. Bei dem Versuch, so viele wie möglich von ihrer Flucht abzuhalten, staute sich der Verkehr fast einen Kilometer weit. Kurz, es regnete eine Anzeige wegen nicht vorschriftmäßiger Ladungssicherung sowie erheblicher Sichtbehinderung im Straßenverkehr.
   »Ich werde TomTom nicht davon überzeugen, die Beziehung mit dir fortzuführen, falls du das meinst.«
   »Nein«, wiegele ich ab. »Nein! Ganz im Gegenteil. Du musst mir helfen, Dr. Sommerfeld in mich verliebt zu machen.«
   »Daisy«, Henris Stimme klingt ungewöhnlich gereizt, »ich habe von dieser Psychonummer zwischen Arzt und Patientin gehört. Aber glaube mir, in deinem Fall handelt es sich um etwas anderes. Ich kann jetzt wirklich nicht sprechen, hier sitzen Gäste, die mich auf dem Kieker haben. Lass uns heute Abend darüber reden.«
   Aufgelegt. Noch eine Weile starre ich den Hörer an und schließe den Kühlschrank.
   Ich werde Henri umstimmen. Müssen. Weil ich ihre Hilfe brauche. Erst recht, wo ich auf TomTom keine Rücksicht mehr nehmen muss. Der Doc ist ein harter Brocken, aber, wenn ich mir etwas in den Kopf gesetzt habe, bringt mich niemand davon ab. Als Erstes werde ich mich im Internet schlaumachen. Mal sehen, ob sich da was finden lässt.

Ach herrjemine …

Am Abend ruft, wie versprochen, Henri durch und erkundigt sich nach meinem Kopf und den Flausen, die darin herumspuken. Ohne Gäste im Hintergrund ist sie der umgänglichste Mensch, den ich kenne.
   »Sweety, wer soll denn dieser Dr. Sommerfeld sein?«
   »Hach«, sage ich und seufze, »ein toller Mann. Stell dir einfach Ralf mit dem Intellekt von Hubert vor, dann weißt du, wovon ich spreche.«
   »Ralf? Ralf sagt mir was«, gerät sie ins Schwärmen. »Der bestaussehende Mann mit dem geilsten Arsch, den ich je im Bett hatte! Aber wer zum Teufel ist Hubert?«
   »Meine Güte Henri! Hubert hört sich halt intelligent an. Ich kenne keinen Hubert.«
   Wir brechen in schallendes Gelächter aus, denn Henri peilt längst, dass ich ihr den Doc schmackhaft machen will.
   »Ich habe herausgefunden, dass er Harald mit Vornamen heißt«, äußere ich prahlend mit meinem Wissensvorsprung.
   Wenn er wüsste, wie mir seine sechs Buchstaben auf der Zunge zergehen.
   »Na, das lässt tief blicken. Welche Mutter, die nicht in geistiger Umnachtung handelt, nennt ihren Sohn bitte schön Harald?«
   »Pass auf, was du sagst«, verteidige ich den Doc. »Obwohl: Auf dem Gebiet sind meine Mutter und du euch ja einig.«
   »Wo du es sagst: Harry & Daisy – ich spüre da so eine Art Verbindung … zumindest, was das Ypsilon betrifft.«
   »Siehst du«, sage ich und fühle ich mich bestätigt. »Das habe ich doch gleich gesagt. Dabei fällt mir Harry Hirsch ein.«
   »Komm mir jetzt nicht mit Walkes. Der ist doch gerade auf Promotiontour, weil ihm das Wasser bis zum Hals steht.«
   »Echt? Na ja, egal. Ich muss mir was einfallen lassen, um den Doc wiederzusehen.«
   Steilvorlage. Wer, wenn nicht Henri, würde diese Gelegenheit nicht nutzen? Da sie mit allen Mitteln eine Neubelebung der Beziehung mit TomTom verhindern möchte, schlägt sie mir einen Kuhhandel vor.
   »Schon gut. Wenn ich dir helfe, den Doc klarzumachen, begleitest du mich in zwei Wochen auf den roten Teppich, abgemacht?«
   Ach nee, das ist wirklich das Letzte, was sie von mir verlangen darf. Sie weiß genau, dass ich es hasse. Ab und zu bekommt sie von ihren VIP-Kunden im Restaurant, in dem sie als Kellnerin arbeitet, Karten für Premieren geschenkt, die meistens im Sony-Center am Potsdamer Platz stattfinden. Ich war einmal mit ihr dort und habe nicht geahnt, was auf mich zukommt. Der Gang über den roten Teppich ist nämlich inklusive.
   Ich finde das albern, den ganzen Rummel um die Schauspieler und außerdem sind Vorstellungen in Hinterhofkinos viel schöner. Lieber setze ich mich in ein halb leeres Kino, als mich auf einer Premiere um die besten Plätze zu kloppen. Da Henri die Stars und Sternchen jedoch gern aus erster Nähe bewundert, lässt sie sich so etwas natürlich nicht entgehen. Wahrscheinlich ist das der Grund, weshalb sie sich gut mit meiner Mutter versteht.
   »Also schön, einverstanden. Obwohl das Erpressung ist.«
   »Na und? Von nichts kommt nichts, und wie du mich kennst, bin ich dir natürlich längst einen Schritt voraus. Ich habe nämlich bereits Nachforschungen angestellt über deinen Chirurgen. Bei Facebook ist er nicht drin, aber vielleicht kann er mir bei Gelegenheit eine neue Lippe machen?«
   Typisch Henri! Rät mir von einem Mann ab und kann es kaum erwarten, etwas über ihn in Erfahrung zu bringen.
   »Wie sympathisch«, jauchze ich begeistert. »Würde auch gar nicht zu ihm passen.«
   Somit wäre bewiesen, dass ich nicht der einzige Mensch bin, der kein Facebooker ist.
   »Eure nächste Gemeinsamkeit, wie romantisch. Doch das erschwert uns die Sache ein wenig. Wie wäre es, wenn du dir in der kommenden Woche das Bein brichst, am besten so kompliziert, dass du zu ihm unters Messer musst?«
   »Henri, du spinnst und ich distanziere mich hiermit entschieden von deinen Methoden.«
   Gut. In der neunten Klasse hatte ich vor einer Lateinarbeit ernsthaft über einen Armbruch nachgedacht. Aber das ist jetzt zwanzig Jahre her!
   »Ich habe da eher an etwas Normales gedacht. Was hältst du von einer zufälligen Begegnung?«
   »Also, dass du noch mal zur Vernunft kommst. Wäre mit Sicherheit das Beste, aber woher willst du wissen, was er in seiner Freizeit treibt?«
   »Jetzt kommst du ins Spiel«, pruste ich euphorisch los. »Nicht ich werde mir ein Bein brechen, sondern du. Natürlich nur so zum Spaß und bei der Gelegenheit kannst du meine Freundin, Schwester Irmi, ein bisschen ausquetschen?«
   Henri klärt mich auf, dass sie auch das für keine gute Idee hält, sie würde sich jedoch was einfallen lassen; ich solle mich gedulden. Eine Eigenschaft, mit der mich der liebe Gott nicht übermäßig ausgestattet hat. Ich gebe zu bedenken, dass die Zeit drängt und das Eisen geschmiedet werden muss, solange es heiß ist. Bla, bla, bla …

Am nächsten Morgen tut es mir wie immer leid, meine Jungs in aller Herrgottsfrühe aus den Betten zu holen. Wenn ich jemals Schulsenatorin werde, werde ich mich für den Unterrichtsbeginn ab zehn einsetzen!
   Das Wecken gelingt schließlich nur, weil ich den Langschläfern einen großen Schluck tiefschwarzen Kaffee in ihren Kakaos verspreche und ihnen vorschwindele, dass Schule Spaß macht. Rabenmutter. Diese Tatsache erzielt weit weniger Wirkung als die Vorfreude auf das Wochenende. Heute ist nämlich Freitag. Geht doch. Raus aus den Federn!
   Otto trägt seinen Schlafanzug mal wieder auf links plus falsch herum, das heißt Schild vorn. Von wem er das wohl hat? Bruno geht es schon viel besser, obwohl er vorgibt, seine Mittelohrentzündung sei zurückgekehrt.
   Groß werden ist aber auch hart.
   Wir drei sind ein unschlagbares Team und bei unserem Frühstück muss ich mit meinen beiden kleinen Männern ein ernsthaftes Gespräch führen. Das geht am besten bei einem Toast mit brauner »1 Zentimeter dicker wie mache ich mich im Kindergarten unbeliebt«-Paste. Dann können sie wenigstens nicht dazwischen quatschen.
   »TomTom hat mit mir Schluss gemacht.«
   Daisy, hör auf zu flunkern.
   »Fast, ich meine, er war einfach schneller als ich, was ich ein bisschen unfair finde.« So, jetzt ist es raus.
   Die Reaktionen der Kinder könnten nicht unterschiedlicher ausfallen. Bruno hält sich leidend sein Ohr, in der Hoffnung, heute doch noch nicht wieder in die Schule gehen zu müssen und Otto versucht klammheimlich, während ich im Kühlschrank verzweifelt nach etwas Gesundem krame – wozu sonst gibt es Gemüsefächer? – einen weiteren Schluck von meinem Kaffee in seinen Kakao zu kippen, wobei die Hälfte davon auf der Tischdecke landet. Um sich nicht zu verraten, wird die Blumenvase zweckentfremdet und ganz dicht neben meinem Teller platziert.
   »Hier, Mama. Für dich.«
   Sein bühnenreifer Augenaufschlag lässt mein Mutterherz Purzelbäume schlagen. Genau für diese Situationen hat der liebe Gott das Kindchenschema erfunden.
   Um den Kaffeefleck wird sich später die Kernseife kümmern, meine Allzweckwaffe, und ein bisschen tricksen können im Leben ist nicht verkehrt. Meine Jungs sind definitiv gute Jungs!
   Als ich schon aufgeben will, herauszufinden, was die beiden zu der Trennung von TomTom und mir sagen, gibt Otto seinen Senf dazu.
   »Mama, ihr seid sowieso nicht mehr verliebt.«
   Mein kleiner aufmerksamer Beobachter.
   »Wie kommst du denn darauf?«
   »Na, Leon hat gesagt, wenn Eltern nicht mehr bumsen, ist es aus. So wie bei seinen. Und ihr habt auch keinen Sex mehr.«
   Ich bin baff. Acht Jahre und dermaßen schlau, das kann nur meiner sein! Der pädagogischen Form halber muss ich seiner Wortwahl auf den Grund gehen.
   »Otto, wo lernst du diese Ausdrücke?«
   »In der Schule«, erklärt er mir. »In Sexualurkunde.«
   Sexualurkunde, so, so …
   Dem ist nichts hinzuzufügen und so anzufangen wie meine Mutter, die mich in puncto Aufklärung bis heute im Dunkeln tappen lässt oder mit den staubigen Worten »Damals bei uns« werde ich nie und nimmer. Andere Zeiten, andere Sitten. Wenn es keine OB-Bedienungsanleitung gegeben hätte, würde ich bis heute nicht wissen, wo die Dinger hinkommen.
   »Du hast recht«, pflichte ich ihm bei. »Wir bleiben Freunde. So, wie Papa und ich.«
   »Dann hat Papa bestimmt viele Freunde, weil du einmal am Telefon zu Henri gesagt hast, er treibt es mit jedem Rock.«
   Gibts denn so was! Schön an die Wand gespielt. Diese kleinen Spione haben ihre Ohren auch überall. In Zukunft muss ich vorsichtiger sein.
   Trotz allem habe ich das Gefühl, dass Bruno und Otto der Verlust von TomTom nicht über die Maßen beunruhigt, weil sie das von Mick und mir seit Jahren gewohnt sind. Das ist nicht schön, doch so ist es nun mal. Teilzeiteltern und Tauschkids, ein Resultat moderner Lebensabschnittsbeziehungen.
   Sabine, unsere Mediatorin, hat allen Mitgliedern geraten, unsere Familienform zu leben, anstatt sie zu verurteilen und seitdem sich die Wogen zwischen Mick und mir geglättet haben, halten wir uns daran. Das hat uns enger zusammengeschweißt, als wir es vielleicht jemals waren. Es ist schön mit anzusehen, wie die Kinder ausflippen, wenn er sich ankündigt. In dieser Zeit bin ich mehr als abgeschrieben.
   TomTom war der erste Mann nach der Trennung von ihrem Vater. Der erste offizielle. Andere Zwischenfälle habe ich ihnen aufgrund minderer Qualität gar nicht erst vorgestellt. Seitdem ich TomTom öfter damit aufgezogen habe, dass er mehr Geld als Navi-Ansager denn als Journalist verdienen würde, ist die Eiszeit über uns hereingebrochen. Anstatt jedoch die Notbremse zu ziehen, haben wir an unserer Beziehung festgehalten. Auch wenn der Sex lange nicht mehr so gut wie am Anfang war, wenigstens hatte ich welchen. Ach ja …
   Und jetzt soll alles wieder von vorn beginnen? Die heimlichen Treffen? Das Versteckspiel? Bis hin zum Vorstellungsgespräch bei den Kindern?
   Mit einem Mal überkommt mich ein schlechtes Gewissen und Dr. Sommerfeld rückt auf meiner Prioritätenliste weit nach unten. Vielleicht habe ich bloß meine Frühlingsgefühle nicht im Griff? Ich werde gleich nachher Henri anrufen und die ganze Sache abblasen. Aufgeschoben ist nicht aufgehoben.

Auf dem Schulweg, der eigentlich nicht lang ist, spielen die Jungs mal wieder Und täglich grüßt das Murmeltier mit mir. Meine Geduld wird auf eine harte Probe gestellt: Bepackt mit zwei Schulranzen, die keiner DIN-Norm standhalten, Handy am Ohr, weil meine Mutter fragt, wann mein Vater … mh-hm … die Enkel wiedersehen kann, und einer nervtötenden Quengelei, weil die letzten beiden Zuckerschnecken beim Bäcker angeblich nur auf Bruno und Otto warten, erreichen wir schließlich um drei nach acht die Unterrichtsanstalt. Der Ort, an dem meinen Kindern der nötige Schliff beigebracht werden soll. Geschieht ihnen recht, diesen kleinen Blagen.
   Spätestens in einer halben Stunde werde ich zu Hause sitzen und die beiden Schwerenöter schrecklich vermissen. Aber das behalte ich für mich.

Zurück am Schreibtisch grübele ich darüber nach, was ich der Berliner Presse nächste Woche für eine Geschichte abliefern kann. Mein derzeitiger Geldgeber – mein einziger Geldgeber. Jede zweite Woche erscheint eine Kolumne von mir über das turbulente Zusammenleben zwischen stressresistenten Kindern und stressgeplagten Eltern. Kann von Glück reden, dass ich Feldstudien am lebenden Objekt betreiben kann und mir nichts aus den Fingern saugen muss. Viele bezichtigen mich des Verrats an einer wertvollen Pädagogik, weil ich Süßigkeiten für die Entwicklung eines Kindes für unabdingbar halte, als Zwischenmahlzeit sowieso, bis jetzt wurde ich jedoch nicht verhaftet und der Redakteur, der selbst Kinder hat, bedankt sich jedes Mal nach Abgabe herzhaft lachend, weil er wieder was dazu gelernt hat.
   Hoffentlich verscherze ich es ihm dadurch nicht bei seiner Frau, die stets darum bemüht ist, ihre identisch gekleideten Nicht-Zwillings-Mädchen mit allen verfügbaren Vitaminen am Markt, selbstredend saisonabhängig und mit dem Prädikat ernährungstechnisch wertvoll ausgewiesen, zu versorgen. Ich glaube, dass er ihr meine Kolumnen vorenthält. Ist sowieso besser, Arbeit und Privates zu trennen.
   Während meine Gedanken zum heutigen Thema »Lügen und Notlügen – Der feine Unterschied« abschweifen, fällt mir Henri wieder ein. Sofort greife ich zum Telefon, damit sie keine Dummheiten anstellt.
   Es bimmelt und bimmelt und bimmelt.
   Natürlich. Sie arbeitet. Eigentlich müsste sie doch Mittagspause haben? Ich simse kurz und schmerzlos.
   SCHEIDUNGSPARTY MIT MICK IST WICHTIGER, VERGISS DEN DOC. RUF MICH AN, LG D
   Ich setze mich zurück an den Artikel und erinnere mich an eine Million Notlügen aus meinen Kindertagen, von denen meine Jungs nie erfahren werden. Solange sie nicht fragen.
   Meine Mutter denkt bis heute, dass mir meine drei Blockflöten auf unerklärliche Weise abhandengekommen, und dass die teuren Markenjeans Nägeln auf dem Schulhof zum Opfer gefallen sind. Nägel auf dem Schulhof? Etwas Dämlicheres könnten mir meine Kinder nicht erzählen, sie hats damals allerdings geschluckt. Die Heimatorgel war leider zu schwer, als dass ich sie allein aus dem Haus hätte schleppen können. Böse Daisy.
   Mein Telefon klingelt. Henrietti Konfetti.
   »Hey, Süße. Was soll das? Abblasen. Mission Hirsch ist in vollem Gange und ich war sehr erfolgreich.«
   Henri gackert wie ein aufgescheuchtes Huhn, womit sie mir einen fürchterlichen Schrecken einjagt. Noch weiß ich nicht, was sie ausgeheckt hat.
   »Mach mir keine Angst, hast du ihn etwa gesehen?«
   »Auch.«
   »G E S P R O C H E N?«, kreische ich halb heiser bis ins sechs Kilometer entfernte Berlin-Mitte.
   »Jepp.«
   Ach du lieber Himmel. Hätte ich mir denken können, dass es peinlich wird. Bei den Promis auf dem roten Teppich hat sie ja auch keine Skrupel. Nur ungern erinnere ich mich an ihren ungeschickten Auftritt, als sie von einem Security-Mann von Harrison Ford weggezerrt werden musste, weil der Arme sich belästigt fühlte. Henri war daraufhin der Meinung gewesen, der Bodyguard hätte lediglich zu ihrem Schutz gehandelt.
   »Du hast ihn doch wohl nicht auf mich angesprochen?«
   »Nein. Er hat eines von meinen leckeren Sandwiches gekauft, die ich im Schweiße meines Angesichts und unter den zornigen Augen meines Chefs zubereitet habe. Freddy meinte, wenn ich so arbeiten würde, wie ich Brote schmiere, wäre er glücklicher. Schwester Irmi hat übrigens gleich zwei genommen.«
   Eins muss ich ihr lassen: Henri ist eine wahre Freundin. Peinlich hin oder her, dass sie sich derart für mich ins Zeug legt, rührt mich zutiefst und es hat bestimmt nichts damit zu tun, dass auf der Premiere in zwei Wochen niemand Geringeres als George Clooney erscheinen wird. Habe ich gestern in einem Ticker gelesen. Aber jetzt zum wichtigen Teil ihrer heiklen Unternehmung: Über was um alles in der Welt hat sie mit Dr. Sommerfeld gesprochen?
   Vorsichtig löchere ich sie mit weiteren Fragen, werde jedoch sofort beschwichtigt. Ich solle jetzt keine kalten Füße bekommen. Sie hätte vollkommen undercover gearbeitet und niemand könne sie mit einer Patientin in Verbindung bringen, die unter dem Brandenburger Tor Poller umfährt. Ihr Problem läge ganz woanders. Nämlich wie die 24,80 Euro zu versteuern sind, die sie während ihrer Mittagspause verdient hat?
   »Schwarz natürlich«, pflaume ich sie an. »Blöde Frage!«
   »Pst«, Henri wartet einen Augenblick. »Weißt du denn nicht, dass wir alle abgehört werden? Seitdem die Geschichte mit der Telekom aufgeflogen ist, kann man niemandem mehr trauen und bei diesen Codewörtern bimmeln bei denen alle Alarmglocken.«
   In diesem Augenblick wundert mich nicht, dass es die Männer nicht lange mit ihr aushalten, und wer sich am ersten Tag eines Harry Potter-Films in die Schlange stellt, ist sowieso anders. Zum Ausgleich der Gerechtigkeit bringe ich zwei Kinder mit in unsere Freundschaft, das ist auch nicht ohne.
   Nur in einen Potter-Film wird sie mich nie reinkriegen!
   Am Ende der endlos langen Ausführung ihrer Bauchladen-Aktion und wie schwierig es war, mit diesem Ding die Toilette zu besuchen, erfahre ich, dass Schwester Irmi aus dem Nähkästchen geplaudert hat. Der Herr Doktor geht jeden Montag einer schweißtreibenden Tätigkeit nach, bei der Henri und ich ihm nächste Woche Gesellschaft leisten werden: Squash.
   Ich bin wahrhaft keine Sportskanone und habe noch nie einen Squashschläger in die Hand geschweige denn das Wort in den Mund genommen, doch nachdem mir Henri auf Ralfs Arsch geschworen hat, dass es sich für den Doc wirklich lohnt, bin ich wieder Feuer und Flamme. Es kommt äußerst selten vor, dass wir beide auf denselben Mann anspringen und das will was heißen. Wahrscheinlich ist sie selbst scharf auf ihn, sonst würde sie mich nicht freiwillig in ein Sportzentrum begleiten. Und noch dazu Geld für eine volle Stunde Training ausgeben, das wir beide nicht besitzen.
   Ich bedanke mich für ihren selbstlosen Einsatz.
   »Na dann: Möge die Bessere gewinnen.«
   »Sweety, du glaubst doch nicht …?«
   »Das war ein Scherz. Vielleicht existiert sogar ein Zwillingsbruder? Den würde ich dir dann zur Verfügung stellen.«
   »Ha, ha, sehr witzig.«
   Wir legen auf. Outfit, Squashregeln und Uhrzeit können morgen auf Micks und meiner Party besprochen werden, denn da sehen wir uns sowieso. Derweil kann sie sich in aller Ruhe darüber Gedanken machen, wie es mit einem zweiten Standbein in Sachen Pausenversorgung in Krankenhäusern aussieht.
   Freitags ist immer ein schöner Tag. Nicht ausschließlich, weil es der letzte Tag in der Woche ist. Ich habe mit den Kindern ein Ritual eingeführt, dem wir alle bereits am Morgen entgegenfiebern. Nach der Schule, wenn ich die beiden abgeholt habe, gehen wir zusammen einkaufen und überlegen, was wir kochen wollen. Mir war bislang nicht bewusst, was ich für zwei talentierte Hobbyköche zu Hause habe. Die Küche sieht danach zwar jedes Mal aus, als hätte eine Bombe eingeschlagen, und nicht immer gelingen die Gerichte, die uns in Büchern und Farbe schmackhaft gemacht werden, aber das wird unter einkalkuliertem Risiko verbucht. Wenn alle Stricke reißen, schmeißen wir den Ofen an, um die neuste Tiefkühlpizza zu probieren. Geht immer.
   Als mir die zwei Schulstress-Geläuterten mitteilen, dass sie heute keine Zeit zum Kochen haben, wundere ich mich schon, die Begründung klingt allerdings plausibel: Die Vorbereitungen für die morgige Party sind noch in vollem Gange und da könnten sie unmöglich in der Küche helfen.
   Da ich sowohl ihre Kreativität, als auch die Vorfreude auf das Fest nicht schmälern möchte, werde ich die Lasagne eben allein zubereiten. Es bedeutet mir außerordentlich viel, dass Bruno und Otto sich auf die Feier freuen. Wenn ich ehrlich bin, mache ich das nur für sie.
   Mick fiel neulich mit der Idee ins Haus, eine Scheidungsparty zu feiern. Sehr amerikanisch, für meine Begriffe, und anfangs fand ich den Vorschlag ziemlich blöd. Da die Jungs jedoch sofort Feuer und Flamme waren, stimmte ich zu.
   Was mir bei dem Ganzen ein besonderes Vergnügen bereitete, war die Versendung der Einladungskarten, auf denen wir vier von hinten Hand in Hand und mit Sonnenbrillen in den Haaren abgebildet sind. Mir gefällt die Aussage dieses Fotos.
   Der empörte Anruf meiner Mutter ließ nicht lange auf sich warten und eigentlich hatte ich mit einer vernichtenden Absage gerechnet. Doch die Aussicht, ihre Enkel mit diesem Quatsch allein zu lassen, ließ sie aus reiner Berechnung zusagen. Schade.
   Für sie war bereits die Hochzeit von Mick und mir der blanke Horror gewesen. »So viele Haare, Kindchen. Und das Schwarz«, hatte sie gewettert und in ihrer direkten Art damit deutlich gemacht, was sie von dem Rocker hielt. Dass der zukünftige Schwiegersohn keine adäquate Wahl für ihre Tochter sei und ich etwas Besseres verdient hätte, stand für sie außer Frage.
   Mein Vater hatte die Sache immer anders gesehen: Für ihn zählte, dass ich glücklich bin. Und das war ich die ersten Jahre unserer Ehe.
   Wahrscheinlich hat meine Mutter es geahnt, dass ihr Mann und Mick manchmal heimlich einen trinken gegangen sind, und jetzt bereitet ihr der Umstand Sorgen, dass die Freaks von damals erscheinen und ihr Mann mit seinem Ex-Schwiegersohn auf der Scheidungsparty über die Stränge schlägt. Als angesehener Architekt hat er nämlich einen guten Ruf zu verlieren und die Nachbarschaft ihres spießigen Zehlendorfs dann einiges zu tuscheln haben.
   Arme Mama, wenn sie doch endlich mal sie selbst sein könnte. Mit dem Geld ihres Mannes wurde sie nämlich nicht geboren.

Während des Essens wird viel gelacht. Die zwei stecken unentwegt ihre Köpfe zusammen und machen sich über mich lustig, weil sie genau wissen, dass ich es kaum aushalte. Was hecken sie nur aus? Schneller, als ich gucken kann, ist die Lasagne verputzt. Gutes Zeichen, dann hat es ihnen geschmeckt. Wortlos verschwinden die zwei in ihren Zimmern. Hm?
   Ich gebe zu, ich bin neugierig. Was treiben die da bloß?
   Spätestens morgen werde ich es erfahren.
   Am Abend, nachdem endlich Ruhe eingekehrt ist, denke ich im Bett über das Ende meiner Ehe nach, das morgen gefeiert werden soll. Seltsame Vorstellung. Ich gebe mich mit dem Gedanken zufrieden, dass nur ein Lebensabschnitt beendet ist, aber viele andere auf uns warten. Also: auf zu neuen Ufern!

Ich hätte mir gern eine längere Nachtruhe gewünscht, doch um neun ist es damit vorbei. An unserer Haustür klingelt es Sturm und die Kinder flitzen kreischend durch den Flur.
   Kurz darauf höre ich »Papa, Papa«-Schreie, die mich leider davon abhalten, mich noch einmal auf die andere Seite zu drehen.
   Wenn Mick in Berlin ist, schläft er bei einem Freund; das ist wichtig, um die Kinder nicht zu verwirren. Dass er trotzdem bei uns vorbeikommt und mit uns frühstückt, ist Ehrensache und nicht zuletzt der Mediatorin zu verdanken, die uns über eine lange Zeit hinweg durch die schwere Trennungsphase begleitet hat. Selbstverständlich ist Sabine heute Abend mit von der Partie.
   Ich fand schon immer, dass der Name Sabine eine gewisse Lösung für Probleme impliziert. Vor allem, wenn Sabine Familientherapeutin und Heilpraktikerin ist und die Buchstaben unserer Vornamen tanzen kann.
   Wir werden in einem kleinen Bistro eines Freundes feiern, das eigentlich nur ein Stehimbiss ist, und zirka zwanzig Personen fasst. Das Charmanteste an dem Laden ist die schmale Treppe, die zu einer Galerie nach oben führt, wo sich noch einmal zwei Tische befinden. Ein netter Ort, um mit allen, die unserer Familie zur Seite gestanden haben und stehen, nach vorn zu blicken. Mick und ich haben das zwar schon vor Jahren getan, doch andere Personen hatten mit unserem Aus weit mehr Probleme. In erster Linie natürlich die Kinder.
   Da, wo wir uns heute befinden, kann uns nichts mehr erschüttern. Die Jungs haben verstanden, dass Mama und Papa für immer ihre Eltern sind, und das sogar besser, als vorher.
   »Hallo, Frau Gause.«
   Den Spitznamen hat Mick mir verpasst. Weil er weiß, dass ich gern Nachrichtensprecherin geworden wäre.
   »Das mit der Frisur hat aber nicht ganz geklappt, oder? Hat die nicht so nen komischen Pagenkopf?«
   Ich habe ihm schon während unserer Ehe oft verboten, diesen bescheuerten Namen ins Spiel zu bringen. Trotzdem hält sich die Mistmade einfach nicht daran.
   »Ich warne dich! Wenn du das heute bringst, werde ich mit deinem richtigen Namen um die Ecke kommen. Und im Familien- und Freundeskreis mit Gernot angesprochen zu werden, musstest du ja wohl das letzte Mal in deiner Schulzeit über dich ergehen lassen, nicht wahr?«
   Meine Augen funkeln angriffslustig. Selbst mir hat er sich damals mit Mick vorgestellt und bis heute wissen die wenigsten, dass das in Wirklichkeit ein Künstlername ist.
   »Hey, sag schon, willst du mich scharfmachen oder was hat es mit der neuen Frisur auf sich?«
   Blödmann. Ich grinse triumphierend, denn wenn es ihm nicht gefallen würde, hätte er kein Wort darüber verloren. So gut kenne ich ihn.
   »Der komische Arzt hat ihr die Haare abrasiert. Mama ist in den verknallt.«
   Otto steht mit schelmischem Blick in der Tür und stützt die Arme in die Hüften, als ob er ein Geheimnis lüftet.
   Hat er ja auch! Woher weiß er das schon wieder?
   Ich atme tief durch und schalte auf Unschuldsmiene.
   »Aha … Gibt es da etwas, das ich wissen sollte?«
   Mick zwinkert mit den Augen, als ob er Zuckungen hat. Leider auch, weil er mich gut kennt. Nie im Leben hätte ich mich freiwillig von meinen langen Haaren getrennt. Warum sagt denn keiner was? Ich erröte. Auch das noch!
   Um mich aus der Schusslinie zu nehmen, und weil er mich später wie eine Zitrone ausquetschen wird, präsentiert Mick stolz einen Kuchen, den er allen voran in die Küche trägt. Wir folgen. Er stellt ihn auf unseren kleinen Tisch, an dem ich jeden Morgen mit den Kindern frühstücke. Bruno und Otto hängen ihrem Vater am Rockzipfel wie Schmeißfliegen und scharen sich neugierig um das Objekt der Begierde.
   »Seht mal, das ist Mamas und meine Scheidungstorte.« Stolz betrachtet er sein Kunstwerk.
   Mick ist berüchtigt für seine Extravaganz, und dass die manchmal mit ihm durchgeht, macht ihn für seine Kinder noch interessanter. Blöd nur, wenn die Babsi, Hanna, Kerstin, Angel und so weiter heißen. Mehr fallen mir jetzt gerade nicht ein. Nicht zuletzt waren diese nämlich der Hauptgrund für unsere Trennung. Ich weiß, dass er ein prima Vater ist und nichts auf seine Kinder kommen lässt, aber in langen Tourneenächten hat mein Vertrauen in Treue etliche Bruchlandungen erlitten.
   Der Kuchen. Sieht ganz danach aus, als ob er ein Hochzeitsfoto von uns rausgesucht und auf Zucker drucken lassen hat. Dann ist er mit der Schere gekommen und hat das Bild in der Mitte in Zickzackmuster durchgeschnitten, um die beiden Einzelteile auf der Marzipantorte zu drapieren. Mick, Mick …
   Wenn die Kinder seinen Humor nicht von Geburt an kennen würden und ich ihm seine hundert Affären nicht längst verziehen hätte, würde ich mich jetzt in eine Ecke setzen und heulen. Stattdessen staunen wir gemeinsam über eine Zeit, in der sich selbst Mick in einen Smoking hat zwängen lassen. Weitere harte Fakten bleiben den kritischen Kinderaugen natürlich ebenso wenig verborgen. Mir läuft das Wasser im Mund zusammen. Die Torte hat Mick nur deshalb ausgewählt, weil Marzipan zu meinen Leibspeisen gehört. So ist er halt.
   »Papa, du siehst ja komisch aus«, meint Bruno amüsiert.
   »Mama sieht jung aus«, sagt Otto verwundert.
   Bingo. Papa geht zum Fasching, Mama macht auf jung.
   Sehr nett. Aus der Sicht meiner Kinder bin ich steinalt, habe vor einer Ewigkeit ihren Vater geheiratet, gehöre damit automatisch zum alten Eisen, und werde es in diesem Leben wohl nicht mehr schaffen, sie vom Gegenteil zu überzeugen. Papa dagegen ist cool, angesagt und ein toller Musiker, der sich überhaupt nicht verändert hat. Auch, weil er es ihnen ständig einredet. Ungerecht geht die Welt zugrunde.
   Wir sitzen eine Weile zusammen, hören uns das neuste Demotape von Mick an, mit dem er zum x-ten Mal ganz groß rauskommen will, und tanzen vergnügt durch die Wohnung. Mein Bald-Exmann genießt die lockere Atmosphäre genauso wie wir alle. Ihm habe ich es zu verdanken, dass wir die 4-Zimmer-Altbauwohnung in Schöneberg nicht aufgeben mussten. Seine Schecks kommen zwar unregelmäßig, sorgen aber immer für einen kurzfristigen Ausgleich meines Kontos, sodass wir uns seit Jahren wacker in unserem Wahlbezirk halten können. Was will ich mehr? Meine Mutter findet zwar, dass die Kinder in Armut aufwachsen und was wir ihnen bieten, sei zu wenig.
   Doch bei solchen Aussagen höre ich einfach weg. Sie kann nichts dafür. Irgendwann hat das Menschlichkeitsgen bei ihr aufgehört zu existieren und jetzt schwebt sie in höheren Sphären. In ihrem Kosmos sind alle reich, gut aussehend und intelligent. Schade nur, dass sie selbst kein einziges Kriterium davon erfüllt. Und gut, dass sie aufgrund ihres fortgeschrittenen Alters die Fortpflanzungsebene bereits verlassen hat.

Am Nachmittag habe ich ein wenig Zeit für mich. Mick ist mit den Jungs in den Volkspark Fußballspielen gegangen und will mich danach abholen. Eine klassische Notlüge, die ich mir später anhören werde, ist, dass sie die Tiere, die sie zu Untersuchungszwecken fangen, wieder freigelassen haben. Ich möchte nicht wissen, was sie wirklich mit ihnen anstellen. Na und. Jetzt ist es raus. Ich bin ein Weichei und fahre mit dem Fahrrad sogar einen Bogen für Feuerkäfer. Was die Männer untereinander aushecken, will ich gar nicht genau wissen.
   Nach einem kurzen Schönheitsschlaf, um meine Jugend wiederzuerlangen … dass ich nicht lache … scheitert mein dritter Versuch, in eine hautenge Jeans zu schlüpfen, die ich letzte Woche noch getragen habe. Kann es sein, dass die mit der Zeit von allein kleiner werden? Genau aus diesem Grund wasche ich die Hose kaum, damit so etwas nicht passiert, aber heute scheint aus der Röhre eine Pipette geworden zu sein. Um keinen Frust aufkommen zu lassen, kicke ich die Hose in die Ecke. Kackding!
   Vielleicht switche ich lieber auf eine schwarze Leggings plus Longbluse um, dann kann der breite Gürtel meine Taille in Wespenform zurren … komm schon! mmhh … auaaa … so. Kaschiert! Ob ich damit beim Essen Luft bekomme? Zur Not kann ich immer noch heimlich um ein Loch erweitern.
   Ohne zu atmen, stakse ich zur anderen Seite meines Kleiderschrankes. Nicht, dass wir uns falsch verstehen: Es gibt keine Trennung zwischen »passt«, »passt nicht mehr« oder »passt eventuell irgendwann mal wieder«.
   Und wenn, würde ich das jetzt nicht zugeben.
   Es geht nur um mein Brautkleid. Andere Seite.
   Es fühlt sich nämlich komisch an, zu einer Hochzeit-Stornierungs-Feier zu gehen. Mir kommt eine gute Idee. Ich werde mein Brautkleid bei Ebay einstellen und an die meist Bietende versteigern. Es wird bestimmt ein kleines Vermögen dabei herausspringen, denn meine Mutter hat es ein großes gekostet. Das Geld investiere ich in ein neues Fahrrad mit Distance Control für herumliegende Hinkelsteine.
   Während ich letzte Drehungen vor meinem Ganzkörperspiegel vollführe, wobei der Gürtel schon jetzt verdächtig nach mehr Leine schreit, nehme ich mein neues Ich unter die Lupe. Wie eine Frisur Menschen verändert.
   Was ich sehe, gefällt mir, und wenn Toben in einem halben Jahr mit Extensions kommt, werde ich definitiv ablehnen.
   Mein neuer Look ist verdammt cool.

Karsten hat das Bistro für uns liebevoll hergerichtet. Vor der Tür steht eine Tafel: Geschlossene Gesellschaft.
   Bestimmt gefällt das meiner Mutter.
   Ich kann gar nicht sagen, wie ich mich fühle, irgendwie aufgeregt. Wie vor meiner Hochzeit, obwohl heute nichts Schlimmeres passiert. Mick und den Kindern geht es da ganz anders. Die hatten ihren Rasen beschmierten Hosen nach zu urteilen am Nachmittag eine Mordsgaudi.
   »Hättest du die Kinder nicht umziehen können?«
   Meine Mutter und ihr Kostüm rümpfen die Nase. Ich bin schon wieder bedient. Henri geht dazwischen.
   »Monika, für die Kinder ist das heute ein normaler Tag, an dem sie mit ihrem Vater Fußball gespielt haben, und gleich mit der ganzen Familie zusammen essen werden. Ich finde, das ist ein gutes Zeichen, und wir sollten daraus nichts anderes machen, hm?«
   Danke! Danke, dass es dich gibt und dass du meine Mutter besser ertragen kannst als ich! Ich habe ihr mal vorgeschlagen zu tauschen, denn ich verstehe mich blendend mit ihrer Mutter. Aber darauf wollte sie dann doch nicht eingehen. Henri sieht heute richtig süß aus in ihrem geblümten Pettycoat-Kleid. Meine Mutter verstummt. Ich flüchte nach drinnen.
   Als die letzten Freunde eintreffen – ich betone Freunde, die Statisten von einst haben wir ausgeladen – winkt Mick mich zu sich herüber. Er greift nach meiner Hand und zieht mich einige Stufen der kleinen Treppe nach oben. Dann wird er plötzlich feierlich.
   »Hi allerseits«, begrüßt er die bunte Meute. »Schön, dass ihr alle gekommen seid.«
   Das Bier in seiner Hand schwappt verdächtig stürmisch von rechts nach links und meine Mutter verdreht das erste Mal die Augen. Wahrscheinlich hat ihr Toben von einer Hefespülung abgeraten.
   Mick wendet sich mir zu. Bevor er weiterspricht, schaut er mir tief in die Augen.
   »Schöne Frau, möchten Sie mich noch einmal heiraten?«
   Weil ich ihn kenne, gehe ich gar nicht erst darauf ein und boxe ihm stattdessen mit meinem Ellenbogen in die Seite.
   »Schon gut. Schon gut«, murmelt er und hustet in seinen Bart. »So ein Glück hat man nur einmal im Leben und ich habs vergeigt. Schön, dass du die Mutter dieser zwei Helden bist.« Mick deutet auf unsere Kinder, mir schenkt er einen Handkuss.
   Ich mag seine Art und ich erinnere mich genau, warum ich mich damals in ihn verliebt habe. Seine Worte treiben mir eine Träne ins Auge und den Jungs, die nur auf Opas Bitte hin ihr Versteckspiel für einen Moment unterbrochen haben, ein breites Grinsen ins Gesicht. Otto, der seine Chance gekommen sieht, verbeugt sich in einer theatralischen Geste.
   Ein Schauspieler, wie er im Buche steht.
   »Unsere Eheringe gibt es ja nun nicht mehr. Schaut mal, Jungs, was wir damit gemacht haben.«
   Mick holt zwei Goldmünzen hervor, die wir aus den Ringen haben fertigen lassen, und hält sie Bruno und Otto hin. Die beiden kichern verlegen, als die Umstehenden Beifall klatschen.
   »Wir haben auch was für Papa«, rufe ich ihnen zu.
   Freudig kommen sie die Treppe raufgestürzt und reißen mir die bunten Bänder aus der Hand, die ich letzte Woche mit ihnen geflochten habe.
   »Als Zeichen, dass wir unzertrennlich und eine starke Familie sind«, erkläre ich Mick und knote ihm eins ums Handgelenk. Die Kinder können sich wie immer nicht einigen, wer welche Farbe nimmt, obwohl wir das gestern ausführlich besprochen haben. Das Gerangel nimmt seinen Lauf.
   Mick nutzt die Gunst der Stunde: »Willst du es dir nicht noch mal überlegen?« Er kann es einfach nicht lassen. Wir haben das Thema hunderttausendmal durchgekaut.
    »Papa«, höre ich Bruno sagen, der sich schützend vor mir aufbaut. Mein kleiner Held!
   Ich schüttele lachend den Kopf, meine Kinder fallen über ihren Vater her und meine Mutter genehmigt sich ihren ersten Kurzen. Vermutlich nur aus einem einzigen Grund: »Das wäre geschafft!« Allein ihretwegen hätte ich gern länger durchgehalten.
   Nächste Woche ist die Scheidung auf dem Papier formell rechtskräftig. Die Party heute haben wir deshalb vorgezogen, weil Mick am Montag zurück in die Staaten fliegt. Neue Gigs, neue Mädels – so läuft das Leben.
   Nach dem offiziellen Teil beginnt die Stimmung, an Fahrt aufzunehmen. Karsten hat sich mit kleinen Hors d‘œuvres ins Zeug gelegt und für jeden Geschmack ist etwas dabei.
   Ich beobachte Mick, wie er neben meiner Mutter steht, und ihr einen Hochprozenter nach dem anderen unterjubelt. Er hat die Sache immer locker gesehen und vermutlich macht er sich gerade einen Spaß daraus, sie abzufüllen. Das scheint auch zu funktionieren, denn ihr verkniffenes Lächeln wandelt sich mehr und mehr in ein lustig benebeltes. Sie greift gerade nach einem weiteren Glas, um mit ihrem Gott-sei-Dank-Ex-Schwiegersohn anzustoßen, als der sie kurzerhand in den Schwitzkasten nimmt. Der hat vielleicht Nerven.
   Während das Scheitern meiner Ehe munter vor sich hin plätschert, kündigen Bruno und Otto von der Galerie aus einen weiteren Programmpunkt an.
   »Mama! Papa!«, grölen sie im Chor. »Wir haben auch was vorbereitet!«
   Meine Süßen. Mir wird warm ums Herz.
   Stolz wie Bolle suche ich mir den besten Platz, um die Vorstellung aus erster Reihe zu verfolgen und trete dabei Frank, einem Schrank von Mann, auf die Füße. Er verzieht keine Miene. Was war bloß mit der Jeans vorhin los?
   Plötzlich ertönt Musik. Aus ihrem uralten Kassettenrekorder dröhnt Mick mit einem seiner Demo-Tapes in voller Lautstärke. Bruno und Otto scheinen sich noch nicht einig darüber zu sein, wer anfängt, sodass sich der Beginn ihrer Aufführung verzögert. Es fliegen Fäuste.
   Kinder, Kinder. Die Jungs aus Micks Band lachen.
   Gespannt warten wir auf die zwei Streithähne, die sich gegenseitig irgendetwas aus den Händen reißen, bis die Show endlich beginnt.
   Wir bekommen Bilder präsentiert, die sie selbst gemalt haben. Auf dem ersten ist, wie sollte es anders sein, ihr Vater dargestellt, mit langen schwarzen Haaren, Lederjacke und Motorrad.
   Das zweite zeigt mich … in jungen Jahren … huäh … auch mit langen Haaren, aber blond.
   Auf dem nächsten stehen viele Leute zusammen, die Mick auf der Bühne bewundern. Ein Pfeil deutet auf eine Frau in der Zuschauermenge, über ihr eine Sprechblase: »Toller Tüp!«
   Hat wohl Otto geschrieben.
   Dann folgt eins, das die Situation beschreibt, wie ich Mick kennengelernt habe. Ich war Anfang zwanzig und mit Henri im tiefsten Osten Berlins unterwegs. Es war die Zeit, als die Wessis den Osten eroberten, und abends im dunklen Teil der Stadt um die Häuser zogen. Nach einigen Barbesuchen gerieten wir unfreiwillig in einen Pulk von Leuten, die in diesen Club drängten. Alle waren gut drauf und die Stimmung ausgelassen. Das durften wir uns auf keinen Fall entgehen lassen. Neugierig schlossen wir uns ihnen an. Die Musik drinnen stellte sich als befremdlich heraus, wohingegen das männliche Publikum gar nicht so übel zu sein schien. Also blieben wir. Bis zu diesem Zeitpunkt konnte keiner ahnen, dass ich hier den Vater meiner Kinder treffen würde. Besser gesagt: er mich. Nach einer Stunde Konzert, die Menge kochte, Schweiß tropfte von den feuchten Kellerwänden und wir hatten uns gerade einigermaßen akklimatisiert, machte der Sänger der Band sich auf, mit einem Satz von der Bühne zu hopsen. Stagediving war mir bis dahin ausschließlich durch MTV ein Begriff gewesen.
   Ich, vom Gruppenzwang überrumpelt, reckte mit allen anderen meine Arme in die Höhe, um den Verrückten vor einem Sturz zu bewahren. Leider brach das meinem Handgelenk das Genick. Mit einem lauten Krachen verabschiedete es sich für die nächsten paar Wochen, doch der Sänger der Gruppe The Snakes begrüßte mich als neuen Fan. Wenige Monate später steckte er mir einen Ring an die gesundete Hand.
   Bruno und Otto müssen kurz Pause machen, weil auch hier die Meute tobt. Zugaberufe, Applaus und Pfiffe lassen ihre Kinderaugen strahlen. Die Vorführung ist ein voller Erfolg.
   Dann geht es weiter.
   Zu sehen sind jetzt zwei Strichmännchen, die wild miteinander kopulieren, wobei Micks Geschlechtsteil … wie ich finde … zu seinem Vorteil skizziert ist. Ihn scheint es zu freuen, was er durch ein unüberhörbares »Yeah!« zum Ausdruck bringt. Das »Hä?« von den anderen überhört er geflissentlich.
   Ich frage mich, woher die Kinder wissen, wie wir dabei aussehen?
   Das nächste Bild zeigt natürlich wen: Bruno!
   Mein Großer.
   Nicht seine Zeichnung lässt meine Augen feucht werden, sondern die Erinnerung an ganz unvergessliche Momente. Unser erstes Kind, das Mick und mich nicht hätte stolzer machen können.
   Anschließend dürfen sich meine Mutter und alle anderen noch einmal über die Strichmännchen freuen, die von Otto diesmal nicht unkommentiert bleiben. »Mama und Papa beim Bumsen.« Seine Großmutter greift sofort zu einem weiteren Kurzen.
   Zum Glück steckt Micks Penis nicht in meinem Mund. Man weiß ja nie! Dann wäre sie mit Sicherheit kollabiert.
   Otto post unterdessen wie Schwarzenegger in seinen besten Zeiten. Ein Macho steckt doch wirklich in jedem Mann.
   Henri findet auch einen Platz in der Dokumentation meiner Kinder. Sie sitzt in der Mitte eines Blattes und um ihren Kopf schwirren lauter Männer. Aber das ist noch nicht alles. Die Schlauberger haben unten rechts ihre Handynummer hingekrakelt für den Fall, dass heute Abend jemand auf der Suche nach einer Singlefrau ist. Sie wird kreidebleich, ich packe mich weg.
   Weiter geht es mit Oma und Opa, die in ihrem schicken Auto sitzen, für das Bruno extra zwei Blätter aneinander geklebt hat. Er ist schwer beeindruckt von Opas silbernem Mercedes, und wenn er wüsste, dass er ihn damit Montag von der Schule abholt, würde er jetzt Luftsprünge machen.
   Zum Schluss kommt noch eine Überraschung. Ein Bilderrätsel. Ich bin sofort im Bilde: Brandenburger Tor plus ich auf einem Fahrrad plus Erste-Hilfe-Kreuz gleich Mann im weißen Kittel und ganz viele kleine Herzchen.
   Danke Jungs. Vielen Dank! Ab jetzt nur noch abhörsichere Wände!
   »Mh-hm«, macht es neben mir. »Das ist also des Rätsels Lösung,« Mick lächelt unfreiwillig. Des Einen Leid ist des Anderen Freud. Auch wenn er mich oft hintergangen hat, gehörte sein Herz immer mir.
   Meine Mutter ist krampfhaft darum bemüht, sich einen Reim aus der Sache zu machen. Sie wird mit Sicherheit keine Gelegenheit auslassen, die Kinder später zu diesem Thema in die Mangel zu nehmen.
   Ich mache mich blitzschnell aus dem Staub, damit sie ja nicht auf die Idee kommt, mir schon im Vorfeld zu gratulieren. Denn gegen einen Arzt hätte sie bestimmt nichts einzuwenden. Das würde ich ihr glatt zutrauen.
   Henri ist felsenfest davon überzeugt: »Mission Hirsch wird ein voller Erfolg.« War das ein Wunsch oder ein Versprechen?
   Als ich von der Toilette zurückkomme, trifft mich fast der Schlag.
   Was ist da denn los? Ich meine, … meine Mutter tanzt! Wahrscheinlich hat sie schon mal getanzt, aber nicht in diesem Leben und nicht, dass ich es wüsste! Kann das mal jemand für die Nachwelt festhalten? Angestrengt suche ich nach Mick, der die Kamera längst draufhält. Unfassbar. Schade, dass mein Vater gerade verstecken spielt, sonst könnte er die Frau erleben, die er vor über dreißig Jahren geheiratet hat.
   Die Scheidungsparty geht bis in die frühen Morgenstunden, keiner will als Erster gehen. Gut, dass ich mich habe scheiden lassen.
   Merke: Kleine Pimpfe von elf und acht Jahren sind Menschen mit Augen, Ohren und einem Mund, den sie durchaus benutzen. Sieben Musiker in schwarzen Lederhosen haben sich heute Abend halb schlapp gelacht, während sich meine Mutter einen Kurzen nach dem anderen hinter die Binde gekippt hat, um anschließend die Party mit hochgekrempelten Ärmeln zu rocken.
   Die Kinder durften die ganze Nacht wach bleiben und ich habe, wenn Mick gerade mal nicht mit der Kellnerin geflirtet hat, zufrieden zu ihm hinüber geschaut, um mich mit ihm gemeinsam über unsere tollen Kinder zu freuen.
   Sein Augenzwinkern hat mich an früher erinnert, doch die Zeiten, in denen ich schwach geworden bin, sind vorbei.
   Heute überlege ich zweimal, wann ich die Hände ausstrecke.

Au Backe!

In diesem Moment ärgere ich mich unendlich, dass ich den Stecker in den frühen Morgenstunden nicht gezogen habe. Das Telefon foltert mich mit einem nervtötenden Klingeln und liegt dummerweise auch noch direkt neben mir auf dem Nachttisch. Beim gefühlten zehnten Klingeln gehe ich ran. Jetzt will ich wissen, wer es wagt …
   Wenn es meine Mutter ist, drehe ich ihr den Hals um!
   »Ja-ha«, sage ich schnaubend wie ein Stier, der den Torero am anderen Ende gleich auf die Hörner nimmt.
   Es ist Henri. Sie wünscht mir einen guten Morgen.
   Halb blind taste ich nach meiner Armbanduhr, die sich, kaum, dass ich sie zu fassen bekomme, unters Bett verabschiedet. Shit!
   »Wie spät ist es überhaupt?«, krächze ich in den Hörer und versuche mich zu beherrschen, nicht gleich hinterher zu springen.
   »Halb zehn. Warum willst du das wissen?«
   »Weil ich daran ausmache, wie viele Punkte du auf unserer Freundschaftsskala verlierst! Grmpf.« Ich klinge echt böse.
   »Hm.« Meine Busenfreundin lässt sich nicht aus der Ruhe bringen. »Ich würde mal sagen, plus hundert, wenn du bitte berücksichtigst, dass ich mich vorbildlich an unsere Abmachung halte. Morgen ist Showdown, Süße, und rate, wer dich dafür fit macht?«
   »Ich nehme mir einen Tag frei«, knurre ich todmüde.
   Henri hat gut lachen, schließlich hat sie gestern keinen einzigen Tropfen Alkohol angerührt. Ich werfe meine Stirn in Falten. Wobei … mehr geht eigentlich nicht.
   Wenn ich an morgen denke, wird mir und meinem verkaterten Kopf noch schlechter. Weil es bedeutet, dass ich bis dahin wiederhergestellt sein und mir eine Sportart angeeignet haben muss, von der ich nicht den geringsten Schimmer habe.
   »Sei mir nicht böse«, versuche ich es auf die Mitleidstour, »aber ich bin jetzt wirklich nicht in der Stimmung für ein Pläuschchen und schon gar nicht für irgendwelche Trainingseinheiten in einer Gummizelle. Wenn ich morgen eine gute Figur abgeben will, brauche ich dringend mehr Schlaf. Bleibt es bei 18 Uhr?«
   »Mann, bist du alt geworden!« Die Enttäuschung ist nicht zu überhören. Eine beleidigte Henri legt auf und ich rolle mich erleichtert auf die andere Seite des Bettes zurück.
   Die kriegt sich wieder ein.
   Ein Segen, dass ich große Kinder habe, die mich nicht beim Schlafen stören. Alles eine Frage der frühkindlichen Erziehung.
   Der Sonntag, den meine Jungs dann doch viel zu früh neben mir im Bett vor dem Fernseher verbringen, verstreicht ohne weitere Vorkommnisse. Zwei prophylaktische Aspirin und die Zubereitung einer Tütensuppe nicht mitgezählt. Einzig das Telefonat am Nachmittag mit meinem Vater irritiert mich ein wenig. Er erkundigt sich nach meinem Wohlergehen, sagt, dass er den gestrigen Abend sehr genossen hat, und entschuldigt meine Mutter als unpässlich. Sie wird doch nicht …?
   Da er ein Gentleman ist, verliert er kein Wort über die Angelegenheit und schweigt. Keine Antwort ist auch eine Antwort. Mick hat offensichtlich ganze Arbeit geleistet. Ha.
   Wir verabreden, dass mein Vater die Kinder morgen von der Schule abholt und mit ihnen einen schönen Tag verlebt, was so viel heißt wie McDonalds, anschließend Spielplatz und, wenns irgendwie reinpasst, Hausaufgaben. Und das alles, damit ich einen wichtigen Auftrag erledigen kann.
   Im Erfolgsfall wird er von mir die Wahrheit erfahren. Aber ausschließlich dann.
   Otto und Bruno sind hellauf begeistert von meinem Vorschlag. Hauptsache, ich hole sie nicht ab. Kinder! Gegen Opas Flitzer habe ich keine Chance. Fragt sich nur, woher ich das Geld für eine Reparatur meiner Klapperscheese nehmen soll?
   Am Abend schaut Mick noch einmal bei uns vorbei. Er hat Pizza und einen Stick mitgebracht und gemeinsam sehen wir uns die Fotos von der Party auf dem Rechner an. Auf einem Bild sieht man, wie wir uns die Armbänder anlegen. Die bunten Erkennungszeichen, die wir alle um die Handgelenke tragen, sehen richtig toll aus. Hoffentlich halten sie ein Leben lang. Nach weit über der Hälfte der Fotos erleiden die Kinder einen Kulturschock.
   »Nein!«, ruft Otto irritiert. »Oma!« Er ist völlig aus dem Häuschen. »Die hat ein Kopftuch um. Häh, Mama, wann war das denn?«
   Ich bemühe mich darum, das Eisen aus dem Feuer zu holen. »Da hast du schon geschlafen, mein Schatz …«
   Egal, was ich von meiner Mutter halte, das hier hätte ich ihr gern erspart. Ich kann es immer noch nicht fassen. Was ist bloß in sie gefahren?
   »Oma hat getanzt?«, fragt Bruno nach, der nicht glauben kann, den besten Teil des Abends verpasst zu haben.
   »Quatsch«, sagt sein kleiner Bruder, »kann sie nicht.«
   Richtig ist, dass Clive und John aus Micks Band ihr gezeigt haben, wie man Luftgitarre spielt und das ist, was sie daraus gemacht hat. Die Einlage fand zu fortgeschrittener Stunde statt, als die Kinder sich bereits in einen Nebenraum zum Schlafen zurückgezogen hatten. Auf einmal waren sie weg und ihre Oma voll da.
   Bevor Mick von seinen Kumpels abgeholt wird, lädt er uns das Foto, auf dem er mit mir zusammen auf der Treppe steht, als Bildschirmschoner hoch. Dann drückt er den Kindern hunderttausend Küsse auf und mir ein paar Scheine in die Hand. Was für ein Segen. Die kommen gerade wie gerufen.
   Es folgt ein Abschied auf unbestimmte Zeit, denn niemand weiß genau, wann er das nächste Mal in Berlin sein wird. Unser Leben ist eben anders als andere.
   Beim Zubettgehen plagt mich ein schlechtes Gewissen, worauf ich Henri eine versöhnliche SMS schicke:
   PSST! STOP HALLO STOP GIFTZWERG AN WOHLTÄTERIN STOP MISSION HIRSCH GEHT SELBSTVERSTÄNDLICH MORGEN IN DIE NÄCHSTE RUNDE STOP IN VORFREUDIGER ERWARTUNG AUS DER SCHALTZENTRALE STOP
   Es kommt zwar keine Antwort, weil Henri noch schmollt, oder schon schläft, ich weiß allerdings sicher, dass sie sich über die Nachricht freuen wird.

Montag. Zerknirscht kritzele ich mit einem Edding im Wandkalender ein dickes Kreuz über die zwei Buchstaben des heutigen Wochentages. Soll heißen: »Das macht uns nichts.« Was natürlich nicht stimmt.
   Denn was kann es für eine Mutter Schlimmeres geben, als seinem verzweifelten Kind auf dem Weg (!) in die Schule die deutsche Rechtschreibung einzutrichtern, weil es vergessen hat, dass ein Diktat ansteht?
   Sehr richtig. Nichts!
   Über die Vorbereitungen zur Scheidungsparty hat mein kleiner Kämpfer das Üben vernachlässigt, was ich ohne Weiteres nachvollziehen kann, bei seiner Lehrerin wird das jedoch nicht gut ankommen.
   Nervös hoch zehn trabe ich neben Otto her und buchstabiere langsamer als Frau Rutkowski Luft holen kann, damit aus Mick ein toller »Typ« und die Klassenarbeit kein Totalausfall wird. Ich bin zwar weit davon entfernt, ihn meine Panik spüren zu lassen, doch am liebsten würde ich heute neben ihm die Schulbank drücken, um bei dieser schwierigen Aufgabe zu helfen. Und das, obwohl ich mir geschworen habe, nie wieder freiwillig einen Fuß in ein Schulgebäude zu setzen. Almut, die Mega-Streberin aus dem Jahrgang 90/91 – du lieber Himmel, voriges Jahrhundert! – macht das mit Sicherheit heute noch. Wahrscheinlich veranstaltet sie alle paar Wochen ein Kaffeekränzchen mit unseren alten Lehrern. Es hatte ihretwegen mal eine Konferenz gegeben nur, weil sie in einem Fach eine zwei bekommen sollte. Ist das zu glauben?
   Okay, okay. Ich muss zugeben, ich habe sie gegoogelt und weiß jetzt, dass sie Wirtschaftsprüferin ist. Pure Neugier. Na und. Passt zu ihr, zwischen den ganzen staubigen Büchern.
   Immerhin weiß mein Kind, dass Störche keine Babys bringen. Das ist doch schon was. Und zur Not muss er eben Deutsch mit Sexualkunde ausgleichen.
   Schweren Herzens lasse ich ihn beim letzten Klingeln ziehen und bete zu Gott, dass er ihm heute die Feder führt. Dann verschwindet ein riesiger Tornister auf zwei Beinen gefolgt von Bruno mit einem ebenso großen Schulranzen in dem großen hölzernen Schultor.
   Wie bestellt und nicht abgeholt stehe ich eine lange Weile hinter dem Zaun und starre auf den leer gefegten Hof der Folteranstalt. Arme Hasen. Um die heil zu überstehen, hilft nur eins: Süßes. Viel Süßes. Deshalb haben beide Kinder ausreichend Schokolade an Bord, versteckt in einem Geheimfach. Damit es die anderen Kinder nicht finden. Das kenne ich noch aus meinen Zeiten. Gemüse, Obst und Vollkorn werden mitgegeben, um in der Schule gegen Nutellabrot, Gummibärchen und Kaugummis eingetauscht zu werden. Bei dem Gedanken an Brunos und Ottos Extraration geht es mir direkt viel besser. Ich werde es ihnen gleich tun und mir meine Kalorien in Form eines Eiweißschocks im Café um die Ecke genehmigen. Kleiner Vorschuss für heute Abend sozusagen.
   Als ich das Robbengatter betrete, stelle ich fest, dass sämtliche Berliner ihren Frust im Quark ersticken. Ziemlich voll. Zudem der perfekte Ort, um Feldstudien zu betreiben, denn hin und wieder laufen mir Geschichten für meine Kolumne über den Weg. Oft bringe ich Stunden vor meinem Laptop zu und fahre anschließend in die Redaktion, um tonnenweise Material abzuliefern. Das Leben schreibt nun mal die besten Geschichten.
   Auch heute werde ich gut unterhalten. Eine Mutter, ungefähr mein Alter, erscheint mit zwei kleinen Mädchen. Sie ist hübsch, hat das attraktive Gesicht vor dem Verlassen der Wohnung in matten Brauntönen geschminkt und ist top gestylt. Hut ab. Ich frage mich immer, warum andere Frauen diesen Spagat viel besser hinbekommen als ich. Wenn ich mit den Jungs morgens die Wohnung verlasse, dann im Sauseschritt und mit wehenden Fahnen. Sie nehmen drei Tische weiter am Fenster Platz. Nett anzuschauen, die drei, doch der Schein trügt. Schon wenige Minuten später kippt die Situation. Die Kinder fangen an zu zanken, ziehen sich an den Haaren und schaffen es binnen kürzester Zeit, das fröhliche Lächeln ihrer Mutter aus dem Gesicht zu verbannen. Mir scheint, als blickte ich in einen Spiegel. Der ganz normale Wahnsinn.
   Vorwurfsvolle Blicke der Nachbarn, eine Kellnerin, die den Tisch absichtlich meidet, Appetit, der längst verflogen ist. Als meine so klein waren, kam mir in diesen Momenten ununterbrochen der Gedanke, es war keine so gute Idee, die Monster mit in die Öffentlichkeit zu nehmen. Zu Hause einsperren, bis sie ein ausgehfähiges Alter erreicht haben.
   Die hohe Stimme meiner Leidensgenossin, die in Sphären driftet, für die Whitney Houston vor ihrer Drogenkarriere bekannt war, lässt erahnen, wie sehr sie bereut, im Robbengatter vorbeigeschaut zu haben. Die Auslöser sind, so weit ich das erkennen kann, zwei heiße Schokoladen, die vor den Mädchen auf dem Tisch stehen, von denen sich die Hälfte jedoch bereits auf einem der schicken Kleidchen befindet. Der andere droht in dem Handgemenge ebenfalls drauf zu gehen.
   Das Puterrot in dem hübschen Gesicht der Mutter lässt mittlerweile sämtliches Make-up blass aussehen. Nebst Wangenpartie haben sich die hektischen Flecken auf Hals und Dekolleté verteilt.
   Ich darf an dieser Stelle klugscheißen: Bei andauerndem Stress durch die ständig erhöhte Adrenalin- und Noradrenalinausschüttung steigt der Blutdruck, was ein Verfärben der Haut mit sich bringen kann.
   T’schuldigung, aber das war ein Artikel von mir.
   In diesem Fall ist die Arme im Gesicht außerdem übersät von kleinen Stresspusteln, die sich an die Hautoberfläche vorgekämpft haben. Kommt durch vermehrtes Transpirieren. Von den Schweißflecken unter ihren Achseln mal abgesehen. Ihr speckiger Teint erinnert in diesem Stadium an Miss Piggy. Von ihrem ersten Eindruck auf mich ist nichts geblieben.
   Während ich den letzten Rest meines Eiweißschocks aus dem Becher kratze, überlege ich kurz, ob ich Hilfestellung leisten sollte?
   Ich entscheide mich dagegen. Das käme nicht gut. Stattdessen gebe ich vor, als würde ich von der Dauerbelastung nichts mitbekommen und genieße meinen Vormittag. Die Lösung ist doch simpel: Schlaf, Entspannung, Sport.
   Dauerbelastung zwei hat Dauerbelastung eins gerade an den Haaren gezogen und dabei den Rest des Kakaos über den gesamten Tisch verteilt.
   Jepp. So viel dazu. Um diesem Wahnwitz entgegenzuwirken, bin ich heute Abend in einem Sportzentrum unterwegs. Apropos. Mit einem Mal bekomme ich Muffensausen.
   Was habe ich mir da bloß eingebrockt?
   Während meines zweistündigen Aufenthaltes im Robbengatter ist es natürlich nicht bei einem Eiweißschock, wie ich mir fest vorgenommen hatte, geblieben. Hinzu kamen zwei Latte macchiato, ein Stück Apfelstrudel, den hat mir die Kellnerin wirklich wärmstens empfohlen!, und na ja …
   Zum Abschied schenke ich Miss Piggy als Zeichen tiefster Solidarität und eines grenzenlosen Verständnisses mein herzlichstes Lächeln und rolle zuckergeschockt und meinen Adrenalinspiegel im Auge behaltend aus dem Café.
   Feste Vorsätze für die nächsten Tage: Sport, um die Nerven prophylaktisch zu schonen und Sport, um mich wieder leicht wie eine Feder zu fühlen.
   Bevor ich nach Hause fahre, schaue ich bei der Berliner Presse vorbei und versorge den Redakteur mit neuem Zündstoff. Der bedankt sich und sagt, ich hätte einen Milchbart. Daran erkennt man: Wer Gutes sät, wird Gutes ernten.
   Den Heimweg verbinde ich mit einem Einkauf. Drei volle Tüten mit Getränken, Lebensmitteln und Süßigkeiten bringen mich schließlich bis an die Vorstufe von puterrot.
   Daisy, Daisy! Wer im Glashaus sitzt …
   Zuhause eingetrudelt verstaue ich die Geldscheine von Mick, die immer noch mutterseelenallein auf dem Wohnzimmertisch vor sich hin dümpeln, vorn im Parfum, das Buch, zu dem ich den Kinofilm lieber hätte auslassen sollen. Noch so eine Schwachsinnsidee von Henri.
   Zurück zum Plan: Was um Himmels willen zieht man zum Squash an?
   Zum Googlen bleibt keine Zeit mehr, und da ich weder vorhersehen kann, wie ich mich anstellen werde, noch, was andere Frauen bei diesem Sport tragen, entscheide ich mich für eine schwarze Radlerhose. Ein Basic, das in jede Garderobe gehört. Korrigiere: Das in den 80ern in jede Garderobe gehörte. Jetzt kann ich von Glück reden, dass ich sie habe. Und so, vor dem Spiegel, muss ich sagen … Macht einen schlanken Schuh. Der dehnbare Stoff schmiegt sich würdevoll um Frauchens Problemzonen und lässt meine Waden in einem neuen Licht erstrahlen. Die Fahrten auf Brunos Rad haben sich bezahlt gemacht. Abgesehen von den kleinen Hautformationen, die sich auf beiden Seiten oberhalb des viel zu engen Gummizugs abzeichnen … den kann ich ja eventuell noch ein Stück dehnen … ratsch. Verdammt! … blödes Ding … schlage ich meine anfänglichen Zweifel, ich könnte dem sportlichen Dresscode heute nicht standhalten, in den Wind.
   Vorhang auf, ich komme!
   Na ja, nun vielleicht nicht gerade im BH.
   Obenrum könnte das grüne Polokleid infrage kommen … wo hab ich das bloß gelassen?
   Ich wühle mich durch die Massen von … Nein!, mein alter Jeansrock! … Klamotten, die rechts und links in hohem Bogen an mir vorbeifliegen, und liege Hals über Kopf in meinem Schrank. Am Ende finde ich das Polokleid, aus dem ein Poloshirt geworden zu sein scheint und mich kurz überlegen lässt.
   Bist du bescheuert, Daisy! Mach mal halblang!
   So einen Aufwand zu betreiben, weil ich Squash spielen gehe. Wenn ich den zwei Quadratmeter-Haufen vor meinem Kleiderschrank betrachte, wird mir ganz schlecht, denn wer soll den bitte schön wieder einräumen? Erschöpft lasse ich mich auf mein Bett fallen und amüsiere mich über das Tohuwabohu. Möglicherweise hat die Kopfverletzung doch mehr Schaden angerichtet, als der Doc zugeben wollte?
   Spielt keine Rolle. Jetzt, wo ich nicht mehr in meine Röhre passe, muss ich den Inhalt meiner Garderobe sowieso überdenken, beruhige ich mich. Im Handumdrehen sortiere ich nach vier Kriterien: teuer, billig, Basics, Altkleidersammlung. Klasse gemacht, Frau Piepenbrink. Vor allem, weil der Altkleiderhaufen der kleinste ist.
   Zum Schluss schnalle ich meine Taille mit einem breiten schwarzen Gürtel auf die imaginäre Konfektionsgröße 36. Never change a winning team! Hat auf der Scheidungsparty gut funktioniert, warum nicht auch heute? Fertig.
   Weil es warm genug ist, werde ich mich mit dem Abschleppen zusätzlicher Klamotten nicht belasten und werfe nur Turnschuhe und Stulpen – sind jetzt wieder voll in – Handtücher, Waschlappen, Anticellulite-Handschuh für die Sauna, Duschcreme, Shampoo, Spülung, Bodylotion, Kamm, Gel, Haarspray, Schminktäschchen, Handy, Portemonnaie und eine Rittersport – eine Sportschokolade! – drei Apfelschorlen, Gummibärchen für den Knochenaufbau, Chips zum Wiederherstellen des Salzhaushaltes, Salzstangen, weil ich Laugengebäck liebe, und … ach ja, hätte ich beinahe vergessen … einen Apfel in die ultra große Reisetasche, die ich normalerweise als Koffer benutze. Es kann losgehen!

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