Anderen Lebewesen am Hinterteil riechen? Das machen doch nur Hunde! Und Eltern! Mia lernt nach der Geburt ihres Sohnes, dass ihr Plan, das Leben mit Kind auf gar keinen Fall kompliziert werden zu lassen, nur eine schöne Illusion war. Und das liegt nicht nur an dauerhaft schlaflosen Nächten, ausgeprägter Stilldemenz und der Tatsache, dass die kinderlosen Freunde die Nase rümpfen, wenn die Beschaffenheit von Windelinhalten zum abendfüllenden Gesprächsthema wird. Vielmehr kämpft Mia damit, ihrer Mutter den offensichtlichen Heiratsschwindler als neuen Lebensgefährten auszureden und ganz nebenbei möglichst spielend zehn bis zwanzig Kilo Schwangerschaftsspeck zu verlieren. Da sag noch mal jemand, Mütter hätten nichts zu tun!

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Printausgabe: 12,99 €

ISBN: 978-9963-52-781-6

Seiten: 318

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Vanessa Richter

Vanessa Richter
Vanessa Richter, Jahrgang 1979, studierte Germanistik und Anglistik und versucht seitdem, mehr oder weniger begeisterungsfähigen pubertierenden Halbwüchsigen die Feinheiten der deutschen und englischen Sprache näher zu bringen. Sie lebt mit Kind und Kegel zwischen Ruhrpott und Münsterland.

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ERSTER MONAT
VIERZIG WOCHEN VORBEREITUNG FÜR DIE KATZ!




Der Nabel der Welt


Ich war zum Kleiderständer degradiert worden. Mein Leben als Mutter hatte gerade erst begonnen und meine einzige Aufgabe bestand darin, unter einem Stapel von Jacken und Mänteln keinen qualvollen Erstickungstod zu erleiden. Während ich versuchte, meine Hände freizukämpfen, stand eine undefinierbare Masse von Besuchern um das Bett meines Sohnes herum und gab quietschende und gurrende Laute des Entzückens von sich.
   Wieder ging die Tür meines Krankenhauszimmers auf. Zwischen einem dicken Wollschal und einem groben Strickmantel hindurch sah ich meine Mutter den Raum betreten.
   »Jetzt macht mal alle Platz. Ich bin schließlich die Oma.« Auftritt Hausdrache!
   Sie zog ihren Parka aus und warf ihn zu all den anderen Kleidungsstücken auf mein Bett, genauer gesagt auf mich. Er roch ziemlich streng nach Schwein, was kein Wunder war, denn meine Mutter lebte mit allerlei ländlichem Getier mitten in der tiefsten Einöde.
   Meine Kindheit an diesem Ort hatte mich so nachhaltig geprägt, dass ich mit Anfang zwanzig Landflucht begangen hatte und seitdem glücklich als kosmopolitisches Stadtweibchen lebte. Gerade eben hatten Nils und ich ein neues Haus in bester Lage gefunden, das ich möbliert allerdings noch nicht kannte. Vor unserem Umzug war mir schlichtweg eine Geburt dazwischen geraten. Fruchtblasen platzten bekanntlich zu den ungünstigsten Gelegenheiten. An Supermarktkassen, bei geburtsfördernden Sexeinlagen, in Straßenbahnen oder über dem handgeknüpften Perserteppich der Schwiegermutter. Ein Glück, dass meine – fast schon unspektakulär – auf Mutters Hof kurz vor unserem Umzug das Zeitliche gesegnet hatte. Die Fruchtblase, nicht die Schwiegermutter. Letztere lebte erfreulicherweise weit weg in ihrem mallorquinischen Rentnerparadies und stellte keine akute Bedrohung für mein Nervenkostüm dar.
   »Mia, rück gefälligst rüber, siehst du nicht, dass ich mich setzen will?«
   Schade, dass Mutter sich nicht auch in unser siebzehntes Bundesland absetzen wollte. Seufzend gab ich eine Ecke meines Bettes frei, was unter der Last der vielen Jacken gar nicht so einfach war. Dass ich als frischgebackene Mutter eigentlich diejenige war, die ein gebührendes Maß an Aufmerksamkeit und ansonsten absolute Ruhe brauchte, darüber musste ich mit dieser Frau nicht diskutieren. So viel hatte ich in meinen sechsunddreißig Lebensjahren gelernt.
   »Wann gibt es Mittagessen?« Mutter reckte den Hals und griff sich schließlich die Menükarte von meinem Nachttisch.
   »Au ja, ich könnte auch etwas vertragen.« Meine Schwester Molly löste sich aus dem Besucherklumpen, der immer noch meinen kleinen Felix bewunderte, und lehnte sich ans Fußende des Bettes. Sie schnappte sich die Karte, zog nach kurzer Studie derselben die Nase kraus und schüttelte missbilligend ihren blonden Schopf. »Die vegetarische Alternative ist Spaghetti mit Tomatensoße. Wie originell.«
   »Bio-Dinkelnudeln mit veganer Tofu-Bolognese waren leider aus!« Ich rollte mit den Augen. Molly war nicht bloß Vegetarierin, sie war ein lebendig gewordenes Öko-Siegel.
   »Papperlapapp! Ich nehme sowieso den Schweinebraten«, erklärte Mutter.
   »Das ist ein Krankenhaus, kein Restaurant. Wenn hier jemand etwas zu essen bekommt, dann bin ich es.« Schmollend schob ich meine Unterlippe nach vorn.
   »Du hast doch wohl genug Fettreserven angelegt. Schau dir deine Schwester an. Die Zwillinge sind erst sechs Wochen alt und sie ist bereits wieder rank und schlank. Glaub nicht, das sei möglich, wenn man wie du hemmungslos alles in sich hineinstopft, was einem vorgesetzt wird.«
   Ah! Salz in meine Wunde! Wer hatte eigentlich behauptet, es sei eine wundervolle Erfahrung, parallel mit der eigenen Schwester schwanger zu sein?
   Molly zuckte entschuldigend mit den Schultern, als ob das die Worte unserer Mutter irgendwie schmälern könnte. Das Schlimme war, dass sie tatsächlich aussah, als wäre sie nie schwanger gewesen. Und zu allem Überfluss aß sie entgegen Mutters Behauptung wie ein Scheunendrescher. Ihre Babys hingen an ihren Brüsten wie zwei kleine Milchvampire, sodass sie mit der Kalorienzufuhr nicht hinterherkam. Dass Fenja und Frieso Kinder Nummer drei und vier waren, die ihrem Körper entschlüpft waren, würde niemand glauben, der es nicht besser wusste. Ich griff mir schuldbewusst an das Doppelkinn, das ich mir in den vergangenen Monaten angefressen hatte. Hoffentlich würde Stillen bei mir ebenfalls schnell dazu führen, dass die Kilos wegschmolzen wie Butter auf der Herdplatte. Die Hoffnung starb bekanntlich zuletzt.
   Und wo wir beim Thema waren: Mein Sohn hatte nun länger nicht mehr zu meiner Fettverbrennung beigetragen. Mussten Babys nicht am laufenden Band essen und ihre stillenden Mütter in null Komma nichts in elfengleiche Wesen verwandeln?
   Ich schob ein paar Jacken zur Seite und machte einen langen Hals, um einen Blick auf Felix zu erhaschen. Außer dem breiten Hinterteil meiner Arbeitskollegin Linda Gräulich und den drei etwas schmaleren Exemplaren meiner ehemaligen Schulfreundinnen Lotte, Becca und Sanne konnte ich jedoch nichts weiter erkennen. Die vier gurrten mein vermutlich schlafendes Baby weiterhin in schönstem hormonverseuchtem Singsang an.
   Erneut öffnete sich die Zimmertür. Bitte nicht noch mehr Besuch! Meine Kapazität für zusätzliche Winterbekleidung war eindeutig erschöpft. Doch statt weiterer Frauen mit Hormonstau steckte jemand anderes den Kopf zur Tür herein: die Stationsschwester, von mir auch liebevoll Schwester Rabiata genannt. Ein wenig erinnerte sie mich an Mutter. Vielleicht waren sie bei der Geburt getrennt worden.
   »Besuchszeit ist beendet. Frau Vomhoff bekommt jetzt ihre Thrombosespritze.«
   In den Oberschenkel gejagt. Ohne Erbarmen. Definitiv kein Grund zur Freude. Zumindest würde ich aber den Status Kleiderständer wieder ablegen.
   Die Weiberschar verabschiedete sich mit ein paar letzten Quietschlauten. Nur Mutter grummelte wie gewöhnlich eine ihrer Nettigkeiten. »Unsereins hat damals nicht tagelang ein Krankenhausbett blockiert. Wir haben unsere Kinder bekommen und sind am nächsten Tag wieder arbeiten gegangen! Kein Wunder, dass die Krankenversicherungsbeiträge immer weiter steigen.«
   Damit schloss sich die Tür und Schwester Rabiata blickte mich mit einem diabolisch anmutenden Grinsen an. Beim Anblick der Spritze hoffte ich, dass der Eindruck täuschte.
   Eine grauenvolle Injektion später – ich hatte ein Kind zur Welt gebracht, empfand Spritzen dennoch als Tor zur Nahtoderfahrung – war ich endgültig allein. Nun ja, nicht ganz: Mein Sohn lag schlummernd in seinem winzigen Bettchen neben mir. Ein entzückendes Besuchervorzeigebaby, das den Tag damit verbrachte, zu schlafen und bewundert zu werden.
   Im Gegensatz zu mir, der Frau, die dieses komplette Menschenkind vierzig Wochen mit sich herumgetragen und unter größten Schmerzen aus sich herausgepresst hatte. Ich wurde bisher von allen Besuchern nur als notwendiges Übel wahrgenommen, das auf dem Weg zum Kinderbett überwunden werden musste. Gratulation zur überstandenen Geburt, Küsschen links und rechts, aufmunternde Worte zu Dammrissen und Schwangerschaftsstreifen. War dies erst einmal geschafft, galt alle Aufmerksamkeit Felix. Ich dümpelte währenddessen etwas nutzlos vor mich hin. Ich wollte auch verhätschelt werden. Wo steckte eigentlich die Person, die dafür zuständig war? Mein mich liebender Ehemann war vor einer gefühlten Ewigkeit nach Hause gefahren, um sich umzuziehen. Wieso dauerte das so lang? Wollte er in Smoking und Zylinder wiederkommen, um die Geburt seines Sohnes standesgemäß mit einer fetten Zigarre zu feiern?
   Seufzend lehnte ich mich zurück auf mein steifes Krankenhausbettkissen und starrte entrückt auf das schlafende Bündel im Bett neben mir, seine winzige Steckdosennase, die vollen Lippen und flusigen braunen Haare. Da öffnete sich zum wiederholten Male an diesem Tag die Tür. Ein riesiger flacher Karton schob sich durch den Türspalt, gefolgt von Nils’ dunkelgelocktem Kopf und einem unwiderstehlichen Duft.
   »Abendessen!« Er hielt mir eine Pizza entgegen. Gott, ich liebte diesen Mann!

An: c.meyerhofen@web.de
Abs.: miamia@planettel.com
Betreff: Aufmunterung gesucht

Liebe Caro,

du bist meine beste Freundin, also sag mir gefälligst, dass ich immer noch die Alte bin, auch wenn ich nun zur Spezies der Mütter gehöre! Jetzt! Sofort!

Küsschen
Mia


An: miamia@planettel.com
Abs.: c.meyerhofen@web.de
Betreff: Re: Aufmunterung gesucht

Mia, Liebes!

Ich würde gern etwas für dein Seelenheil tun, aber seien wir ehrlich: Du bist ausgeleiert, fett, hast Ringe unter den Augen und trägst seit Wochen nur noch den Schlabberlook. Gianni Versace würde sich im Grabe umdrehen!
   Tröstet es dich, dass ich die Hoffnung trotzdem nicht aufgebe, dass wir irgendwann wieder in einem Café sitzen und Latte macchiato schlürfend unsere neuen Louboutins bewundern?

Küsschen
Caro


Morgenstund hat Pech im Mund


Ein Morgen im Krankenhaus begann vermutlich überall identisch. Egal, ob man mit entfernter Gallenblase, verdoppelter Körbchengröße nach Busen-OP, achtfach genageltem Schienbeinbruch oder als frischgebackene Mutter mit Säugling in den Genuss des Rundumservice der Heilanstalt geraten war. Einer störte immer.
   Schlaftrunken blinzelte ich in die Dunkelheit meines Zimmers. Auf dem Flur herrschte bereits ameisenemsiges Treiben.
   Die Tür wurde aufgerissen und in hellem Neonschein schlich eine Krankenschwester nach dieser Lärmbelästigung betont leise herein. »Guten Morgen, ich wollte nur schauen, ob bei Ihnen alles in Ordnung ist«, raunte sie mir in einem Tonfall entgegen, der mich an meine Kosmetikerin während einer Spa-Gesichtsbehandlung erinnerte.
   Den Flüsterton hätte sie sich sparen können. Wach war ich sowieso. Ich warf einen glückseligen Blick in das Bettchen an meiner Seite.
   Felix schlummerte friedlich. Nur einmal hatte er mich in der vorangegangenen Nacht geweckt. Das Leben als Mutter war viel einfacher, als ich geglaubt hatte. Worüber regten sich andere frischgebackene Mütter eigentlich immer auf? Ich nickte dem Wecker auf zwei Beinen zu und sie verschwand zufriedengestellt.
   Gerade war ich wieder eingeschlafen, als die Tür erneut aufflog. »Ich wisch hier kurz durch. Ist es okay, wenn ich das Licht anmache?«
   »Klar! Ich lasse einfach die Augen zu, dann bleibt es ja dunkel.«
   Die Neonröhre erhellte flackernd den Raum. Auf Basis von Ironie würden wir wohl keine Freundinnen werden.
   In diesem Moment gab Felix ein angestrengtes Grunzen von sich. Ich schnupperte. Mein Sohn war einen Tag alt und bisher hatte ich mich erfolgreich vor dem Wickeln gedrückt. Diese Aufgabe hatte ich an Nils und die Nachtschwester delegiert. »Können Sie zufällig auch wickeln?« Ich warf der Putzfrau ein, wie ich meinte, entwaffnendes Lächeln entgegen, erntete statt einer Antwort aber nur eine gekräuselte Stirn. Die Tatsache, dass die Frau offenbar südländischer Herkunft war, hatte vermutlich nichts damit zu tun, dass ich auf meine Frage keine Antwort bekam. Das waren Verständigungsprobleme auf ganz anderer Ebene, die ich da hervorrief. Ich war vierfache Tante. Man sollte also meinen, ich wäre ein Vollprofi im Versorgen von Babys. Jetzt, da ich mit meinem eigenen Sohn hier auf der Entbindungsstation lag, musste ich jedoch feststellen, dass mein Wissen genau in dem Augenblick endete, wenn es um die Wurst ging. Im wahrsten Sinne des Wortes. Glänzten meine Nichte und Neffen mit vollen Windeln, glänzte ich mit sofortiger Abwesenheit.
   Nun konnte ich mich vor dieser ehrenvollen Angelegenheit offenbar nicht mehr drücken. Felix lag vor mir auf dem Wickeltisch und knötterte unwillig vor sich hin. Wieso hatte Nils, der Verräter, sich nur nach Hause verdrückt?
   »Glaub mir, ich will das genauso wenig wie du.« Ich friemelte unbeholfen an den Knöpfen im Schritt seines Strampelanzuges herum.
   Felix krähte widerwillig, als wollte er sich über die Unterbrechung seines angepeilten Zwanzigstunden-Schläfchens beschweren.
   »Ich beeile mich ja«, säuselte ich in sein Ohr. Er war noch so jung und musste bereits miterleben, dass seine Mutter an einer akuten Wickelschwäche litt. Wie sollte das bloß werden, wenn wir erst zu Hause waren? Ich pellte ihn aus den Stoffschichten und widmete mich der nächsten Hürde. Ich zog die Klebestreifen ab und öffnete die Windel. Hm! So ein winziger Schrumpelpopo produzierte glücklicherweise genauso winzige Mengen von Stoffwechselendprodukten. Ich schnappte mir ein Feuchttuch und begann zu wischen. Wieso klebte das so? Hatte ihm heimlich jemand Kaugummi zu essen gegeben, oder Alleskleber?
   »Zeit zum Blutdruckmessen.« Schwester Rabiata stand plötzlich neben mir. Klopfte die eigentlich niemals an?
   »Öhm, können Sie vielleicht später wiederkommen? Ich bin gerade beschäftigt.«
   »Glauben Sie, ich habe sonst nichts zu tun? Ich kann hier doch nicht auf die Wünsche jedes Einzelnen eingehen. Wir sind schließlich kein Fünf-Sterne-Hotel!«
   Richtig, eher ein Frauenknast! Aber da sie nun ganz offensichtlich nicht gehen wollte, konnte sie mir vielleicht sogar helfen. Fragend zeigte ich auf den Windelinhalt. »Ist das normal, dass das so klebt?«
   Rabiata machte eine abwinkende Handbewegung. »Keine Panik, junge Frau, das bleibt so nicht. In den kommenden Tagen wird sich seine Verdauung regulieren, wenn er beginnt, Muttermilch zu trinken.«
   »Aber er trinkt doch an der Brust.« Pure Irritation auf meiner Seite.
   Ich wurde mit einem grunzenden Lachen bedacht. »Nur Vormilch, der Milcheinschuss kommt erst noch, Sie werden sehen. Und nun wickeln Sie ihn fertig. Jetzt wird Blutdruck gemessen!«
   Milcheinschuss? Wie groß sollten meine Brüste denn werden? Ich warf einen Blick auf die Rocky Mountains, die sich unter meinem T-Shirt abzeichneten. Eigentlich hatte ich gedacht, das wäre längst das Ende der Fahnenstange! Ob es angebracht war, spontan in Panik zu geraten? Gab es Frauen, die umgefallen waren, weil das Gewicht ihrer Brüste sie im Zuge der Erdanziehungskraft einfach nach vorn gezogen hatte? Abgesehen von Barbie.
   Erneut enterte jemand den Raum. War mein Zimmer ein offizieller Durchgangsbahnhof? Oder glaubte das halbe Krankenhaus, ich hätte etwas zu verschenken?
   Das schweinchenrosafarbene Oberteil kennzeichnete den neuen Eindringling als Schwesternschülerin. »War die Putzfrau schon da? Dann fülle ich nämlich die Regale im Wickeltisch auf.« Sie wackelte heftig mit dem Kopf auf und ab.
   War das arme Ding total übernächtigt? Die Putzfrau stand direkt neben ihr, unverkennbar auszumachen an ihrem Wischmopp. Zugegeben benutzte sie ihn gerade nicht. Dafür schien mein Gespräch mit Rabiata zu interessant gewesen zu sein.
   Rabiata klopfte ungeduldig auf ihre Uhr. »Blutdruck! Sie sind hier nicht die einzige Patientin«, bellte sie mich an.
   Reizende Frau. Sie hatte so gar nicht den Beruf verfehlt.
   »Guten Morgen Frau Vomhoff, Sie können zum Frühstücksbuffet gehen, falls Sie mögen.« Störenfried Nummer Vier betrat die große Showbühne. Man hätte meinen können, sämtliches Stationspersonal wäre einzig und allein für mich zuständig. Ich sollte vorsichtig nachhaken, ob in meiner Akte versehentlich vermerkt worden war, ich sei privat versichert. Wenn mir jetzt noch jemand die aktuelle Tageszeitung und einen seidenen Bademantel reichte, wäre es nur logisch, diese Theorie zu überprüfen. Vier Augenpaare bohrten sich in meinen Rücken, als ich die frische Windel unter Felix’ Popo legte, zumindest bildete ich mir ein, dass alle mich beobachteten.
   Ein Räuspern neben mir. »Falsch rum!« Rabiata zog die Augenbrauen bis zum Haaransatz hoch und schob mich dann etwas unsanft zur Seite. »Lassen Sie mich das machen, sonst warte ich heute Abend nach wie vor darauf, Ihnen den Blutdruck messen zu können.«
   Eigentlich hätte ich mich darüber freuen sollen, dass mir wieder einmal jemand diese Aufgabe abnehmen wollte. Aber dieses Mal war es mir eher unangenehm, vor so vielen Anwesenden meine Inkompetenz zu demonstrieren, noch dazu vor Frauen. Wurde es unserem Geschlecht nicht angeblich in die Wiege gelegt, die perfekte Hausfrau und Mutter zu sein? Vielleicht hätte ich mit der Putzfrau tauschen sollen, denn Putzen gehörte zu den Dingen, die ich wirklich Eins-A beherrschte! Neben Klamotten shoppen natürlich. Zählte das eigentlich gar nichts? Ich bekam das akute Gefühl, vollkommen nichtsnutzig zu sein. Ich hatte jeden Schwangerschaftsratgeber gelesen, den der Markt hergab, auf das, was danach kam, hatte ich irgendwie vergessen, mich vorzubereiten.
   Als ich sah, wie diese unsympathische Rabiata die nackten zarten Beinchen meines Kindes berührte, führte das zu einem, mir bisher unbekannten, Magengrummeln. Waren das die Muttergefühle, über die ich so viel gelesen hatte?
   »Den Rest schaffe ich selbst!« Mit einer Mischung aus Muttertierinstinkt und Restwürde übernahm ich das Anziehen meines Sohnes. Ich bereute es auch nur ein klitzekleines Bisschen, eingegriffen zu haben. Nämlich als ich versuchte, das Flügeljäckchen faltenfrei unter dem Strampler zu verstauen. Das war keine Säuglingsbekleidung, das war Origami für Fortgeschrittene.
   Das Ergebnis der Blutdruckmessung fiel ein wenig erhöht aus, was bei dem ganzen Stress am frühen Morgen kein Wunder war. Ich warf mir meinen Frotteebademantel über und schob Felix in seinem gläsernen Bett auf Rollen zur Tür hinaus. Er hatte sich bereits wieder ins Land der Träume verabschiedet. Stolz marschierte ich Richtung Frühstücksraum.
   Mir war klar, dass hier zig Frauen mit einem breiten Grinsen im Gesicht ihre Sprösslinge durch die Gegend schoben und dabei glaubten, ihr Kind sei die ultimative Schöpfung. Aber Felix war wirklich dermaßen niedlich, dass ich am liebsten an jede Zimmertür geklopft hätte, um ihn zu präsentieren. Aus Rücksicht ließ ich es jedoch bleiben, ich wollte den anderen Müttern mit ihren weniger hübschen Babys schließlich keine Wochenbettdepressionen bescheren.
   »Wann ist es denn so weit?« Soeben war eine Frau aus dem Fahrstuhl getreten, deren Frisur ein wenig an ein zerrupftes Huhn erinnerte. Vermutlich war sie gerade ihrem Bett entstiegen, typische Krankenhausfrisur.
   Ich sah mich suchend um. Außer mir war weit und breit niemand zu sehen. Sprach sie etwa mit mir?
   »Lang kann es ja nicht mehr dauern.« Sie lächelte mich aufmunternd an.
   Noch einmal warf ich einen Blick über meine Schulter, bis ich die Wahrheit realisierte. Hallo? Mein Kind lag direkt vor mir in seinem rollbaren Bett. Ich fuhr hier schließlich keinen Chihuahua spazieren. Sie glaubte doch wohl nicht, ich sei nach wie vor schwanger! Was sollte ich darauf antworten? Sie haben recht, der Zwilling kommt in einer Woche? »Ähm, ich habe bereits entbunden«, stammelte ich perplex.
   »Oh! Dafür haben Sie ganz schön was auf den Rippen, meine Liebe. Also ich war ja nach der Geburt meiner drei Kinder bereits im Kreißsaal wieder schlank. Vielleicht haben Sie ja schlechte Gene. Alles Gute dann!« Damit drehte sie sich um und verschwand.
   Ich sah entsetzt an mir hinunter. Mein Bauch hatte tatsächlich beachtliche Ausmaße. Das würde sich doch aber alles zurückbilden, oder? Offensichtlich hatte ich zwar ein entzückendes Kind, gab bisher jedoch keine so attraktive Mutter ab. So viel zu den Wochenbettdepressionen. Wieso hatte sie mir nicht gleich eins mit der Keule übergebraten? Statt Salami und Käse landete auf jeden Fall eine magere Scheibe Kochschinken auf meinem Brötchen. Den Pfunden würde ich es zeigen!

An: miamia@planettel.com
Abs.: c.meyerhofen@web.de
Betreff: Re: Rollbraten

Hallo Liebes,

bei mir brauchst du keinen Trost zu suchen, ich habe dir gleich gesagt, ein Kind vermatscht deine Figur. Aber du hast ja nicht hören wollen!

Küsschen
Caro


Ohne Vorwarnung


Die Sonne schickte ein paar letzte Strahlen durchs Fenster. Außer dem leisen Ticken meines Weckers auf dem Nachttisch herrschte absolute Ruhe.
   Nils saß an mich gekuschelt neben mir auf dem Bett und streichelte zärtlich über den Kopf unseres Sohnes, der in meinen Armen lag. Krankenhausidylle. »Morgen nehme ich euch endlich mit nach Hause. Ich bin gespannt, wie dir alles gefällt.« Behutsam pflückte er eine kleine Fluse aus dem dunklen Babyhaar.
   Ich überlegte einen Moment. Nils und ich hatten von jeher einen ähnlichen Geschmack, was die Einrichtung unseres Zuhauses anging. Im Zweifelsfall würde ich eben alles wieder umdekorieren. Ich lächelte bei dem Gedanken an das neue Haus glücklich in mich hinein. Unsere alte Wohnung war ein echtes Schmuckstück gewesen, aber mit dem Haus waren wir platzmäßig definitiv besser gewappnet für ein Familienleben zu dritt.
   »Was soll es schon für einen Grund geben, wieso es mir nicht gefallen könnte?«
   »Einen gibt es vielleicht tatsächlich.« Nils rutschte plötzlich unruhig auf dem Laken hin und her und meine Mundwinkel gingen automatisch nach unten.
   In meinem Hirn ratterten mögliche Gründe im Schnelldurchlauf vorbei. Eine Studenten-WG als Nachbarn, die jede Nacht eine Party schmiss? Mangelnde Parkplätze vor der Tür, die mich dazu nötigen würden, Felix ständig kilometerweit durch die Gegend zu schleppen? Balkon mit Aussicht auf die Müllhalde? Ach was! Wahrscheinlich ertrug ich alles, Hauptsache, wir drei waren allein in unserem Heim.
   Ein neuer hässlicher Gedanke sprang in meine Überlegungen. »Nein!«
   Nils neben mir sah so aus, als wollte er sich am liebsten unter dem Bett verstecken. »Sie hat gesagt, es sei ihre Mutterpflicht, uns die erste Zeit zu unterstützen.«
   »Nein, nein, nein! Mutter zieht nicht bei uns ein.« Um mich herum blinkten wie wild imaginäre rote Lämpchen. Alarmstufe rot, Alarmstufe rot!
   »Nur vorübergehend.« Jetzt rückte er sogar ein Stück näher zur Bettkante, bereit zur Flucht.
   »Auf gar keinen Fall! Sie wird in unserer Besucherritze schlafen wollen und jeden Tag Kartoffeln kochen und uns mit selbst angesetztem Ziegenmilchjoghurt füttern. So etwas tut sie! Morgens wird sie dir deine Krawatte fürs Büro binden, und zwar so fest, dass du kaum noch Luft bekommst. Sobald du die Tür hinter dir zugezogen hast, werde ich ganz allein mit ihr sein. Und weißt du, was das bedeutet? Dass du eines Abends aus der Kanzlei kommst und ich ein Fall für die Psychiatrie sein werde. Oder noch schlimmer, dass du mich, deine eigene Frau, vor Gericht vertreten musst, weil sie einen hässlichen kleinen Mord begangen hat. Willst du das? Willst du das wirklich?« Ich schnappte nach Luft. Tief ein- und ausatmen.
   Nils grinste schief. »Sorry! Sie ist deine Mutter. Du weißt, wie sie ist. Was sie sich einmal in den Kopf gesetzt hat, das zieht sie durch.«
   Ich seufzte. Da hatte er leider recht. Ich blickte mich um. Die Einrichtung meines Zimmers war nicht die modernste, aber man musste schließlich lernen, Abstriche zu machen. Vielleicht sollte ich einfach im Krankenhaus bleiben. Für immer. Viel schlimmer konnte das auch nicht sein. Nicht mal mit Schwester Rabiata!
   Nils ergriff den kurzen Augenblick meiner geistigen Abwesenheit und hüpfte vom Bett. »So, ihr zwei. Ich fahre jetzt und bereite alles für eure Ankunft morgen vor.«
   Mutter als Paket verschnürt mit einer fetten Briefmarke drauf per Luftpost nach Sibirien. Mehr brauchte er für meinen Geschmack überhaupt nicht vorzubereiten.
   Verräter! »Lass mich ruhig mit diesen tollen Neuigkeiten allein.« Gefrustet biss ich auf meine Unterlippe. »Sei wenigstens so lieb und kauf einen großen Topf Nussnugatcreme. Und Tiefkühlpizzen. Und Soßenpulver aus der Tüte.« Ich würde dafür sorgen, dass Mutter es so schrecklich bei uns fand, dass sie bald wieder das Weite suchte. Was Convenience-Produkte anging, schlugen sie und Molly nämlich in dieselbe Kerbe. Im Gegensatz zu mir, ich hatte gegen ein wenig Glutamat und Formfleisch nichts einzuwenden, wenn es mir dabei half, eine Mahlzeit möglichst unkompliziert auf den Tisch zu bringen.
   In diesem Moment ging die Zimmertür auf. Ein Zustand, an den ich mich langsam, aber sicher gewöhnt hatte. Eine ganze Armada von Schwestern ergoss sich in meinen Raum, in ihrem Schlepptau befand sich ein Bett mit einer hochschwangeren Frau.
   »Tach, auch! Ich bin die Brigitte.« Ihre Raucherstimme klang, als wäre sie die Tochter von Bonnie Tyler und Rod Stewart höchstpersönlich. »Ich krich morgen mein Kind. Geplanter Kaiserschnitt. Der Sascha sacht immer, er hätte keinen Bock drauf, dat es sich beim Sex nachher so anfühlt, als würd er ‘ne Salami in den Hausflur werfen. Kannste verstehen, woll?«
   Zu viele Informationen. Deutlich zu viele Informationen! Nils stand mit halb geöffnetem Mund neben mir und starrte Brigitte an. Ich versuchte verzweifelt, meine Mimik unter Kontrolle zu bekommen.
   Eine der Krankenschwestern lächelte mich aufmunternd an. »Frau Vomhoff, leider können wir Ihnen kein Einzelzimmer mehr gewähren, wir sind komplett belegt, aber Sie werden sicherlich toll mit Frau Paschulke zurechtkommen. Tratschen Sie ein bisschen, erzählen Sie von der Geburt.« Mit diesen Worten rauschte das Schwestern-Überfallkommando auch wieder ab.
   Brigitte hustete bellend, was sich nach zehn Jahren Raucherhusten anhörte. Bestimmt würden wir die besten Freundinnen. Ich lächelte gequält zurück.
   »Ja, erzähl ma. Wie is dat denn so ohne Kaiserschnitt? Biste jetzt unten rum ganz ausgeleiert?« Brigitte blickte mich an, als wäre sie ernsthaft an einer Antwort interessiert.
   Nils küsste Felix auf die Stirn, dann mich auf den Mund. »Es ist nur für eine Nacht. Bleib tapfer und viel Glück!«, raunte er in mein Ohr. Mit diesen Worten verließ er zusammen mit den Krankenschwestern das Zimmer. Glücklicher Bastard, ich wollte auch nach Hause!
   Ehe Brigitte weiter nachhaken konnte, erlöste Felix mich, indem er erst begann, quäkend mit den Ärmchen zu fuchteln, und anschließend in ein herzerweichendes Gebrüll ausbrach. Ich knöpfte mein Nachthemd auf und er suchte sofort nach meiner Brustwarze.
   »Mördermöpse! Wenn dat der Sascha sieht, dann …«
   Was Brigitte noch Unqualifiziertes zu meiner Oberweite sagen wollte, ging glücklicherweise in einer weiteren Schreiattacke meines Sohnes unter. Die angebotene Brustwarze war augenscheinlich nicht die Lösung seines Problems. Sie wurde kurz angenuckelt und danach angebrüllt. Ich stand auf und trug Felix zum Wickeltisch. Was hatten Babys, wenn sie keinen Hunger hatten? Die Hose voll! Hätte Nils nicht fünf Minuten länger bleiben können? Ich entledigte mein Kind mühevoll all seiner Kleiderschichten. Und mit welchem Fazit? Die Windel war leer und er brüllte weiter.
   »Ach, du Scheiße! Is dat immer so ‘n Schreihals?« Brigitte versuchte, mit steigender Lautstärke ihrerseits den besagten Schreihals zu übertönen.
   Ich ignorierte sie, lief mit Felix schuckelnd den Raum auf und ab, machte Sch-Laute und überlegte krampfhaft, wieso er nicht aufhören wollte, zu weinen. Man konnte fast meinen, er hätte ein besonders feines Menschengespür und eine angeborene Abneigung gegen Brigitte. In meiner Not drückte ich den Knopf an meinem Nachttisch.
   Kurz darauf knisterte eine männliche Stimme aus einem kleinen Lautsprecher: »Schwester Bärbel?«
   Offenbar meldete sich die Rufbereitschaft immer mit demselben Namen. Allerdings trug meine Vorstellung von einem Pfleger mit breiten Schultern und Vollbart, der sich Bärbel nannte, nicht dazu bei, dass ich das Gefühl hatte, mir könnte ernsthaft geholfen werden.
   »Ähm, mein Sohn hört nicht auf, zu weinen. Könnte freundlicherweise jemand kommen und mir helfen?«
   »Wie bitte?«, knisterte es wieder.
   »Mein Sohn …«, wollte ich gerade mein Sprüchlein erneut aufsagen, als die männliche Bärbel mich unterbrach.
   »Entschuldigen Sie, aber Ihr Kind schreit so laut, ich kann Sie nicht verstehen.«
    »Das ist ja mein Problem«, brüllte ich nun meinerseits in die kleine Sprechanlage.
   »Vielleicht schicke ich Ihnen einfach eine Kinderkrankenschwester vorbei.« Knister.
   Da hatte sich allerdings bereits jemand anderes des Problems angenommen. Brigitte hatte sich aus dem Bett gewuchtet und rief nun zur geöffneten Zimmertür hinaus. »Kann ma einer herkommen? Dat Kind kommt ja hier gar nich mehr zum Luftholen, so wie dat kreischt. Nich, dat mir gleich noch die Fruchtblase platzt davon, woll?«
   »Der hat Hunger«, lautete die Diagnose der herbeigeeilten Krankenschwester.
   »Er hat bereits an der Brust gesaugt, beruhigt hat ihn das nicht.«
   »Also den Sascha hätte dat bestimmt glücklich gemacht.« Brigitte kicherte.
   Die Schwester war so freundlich, meine Zimmernachbarin zu ignorieren. »Zeigen Sie mal.«
   Wieder öffnete ich mein Nachthemd, wieder wackelte Felix angestrengt mit dem Köpfchen, dockte an, saugte, ließ los und brüllte weiter. Langsam, aber sicher begannen meine Brustwarzen zu schmerzen und meine Ohren auch!
   »Ihr Sohn wird vermutlich nicht mehr satt von der Vormilch. Wenn erst der Milcheinschuss erfolgt ist, wird er zu seiner guten Laune zurückfinden.« Sie tätschelte mir aufmunternd die Schulter.
   Und so lange würde er weiter weinen? Fantastische Aussichten! Und was sollte wieder dieses unheilvolle Gerede vom Milcheinschuss?
   »Ham Se zufällig Ohrstöpsel?« Brigitte beugte sich zur Krankenschwester und flüsterte anschließend immer noch so laut, dass ich jedes Wort verstand. »Oder noch besser ‘n anderes Zimmer?«
   Was folgte, war die Nacht des Grauens. Zwar schlief Felix immer wieder ein, doch seine Wachphasen verbrachte er mit exzessivem Brüllen. Irgendwann trug ich ihn nur noch mechanisch schuckelnd über den Krankenhausflur, nachdem Brigitte mir ausgesprochen deutlich nahegelegt hatte, ihn verdammt noch mal endlich ruhigzustellen. Woll? Am nächsten Morgen war ich lange wach, bevor der erste Störenfried des Tages mein Zimmer betrat. Und Felix hatte zwei neue Freundinnen. Meine Brüste waren von jetzt auf gleich prall und viereckig geworden und voll Frühstück. So ein Milcheinschuss konnte sehr glücklich machen. Alle Beteiligten.

An: miamia@planettel.com
Abs.: c.meyerhofen@web.de
Betreff: Re: Mördermöpse

Okay, jetzt bin ich vielleicht doch neidisch. Bleiben die so riesig?

Erstaunte Grüße
Caro

Einziehen für Fortgeschrittene


»Hol uns sofort ab. Dein Sohn hat gesagt, das Krankenhausessen schmeckt scheiße.« Mit diesen Worten legte ich den
   Telefonhörer auf die Gabel und wippte ungeduldig hin und her. Felix und ich hatten alle Abschlussuntersuchungen erfolgreich hinter uns gebracht. Jetzt wollte ich nur noch nach Hause.
   Er schmatzte leise. Seit die Milchbar offiziell eröffnet worden war, hatte er sich zum Traumkind zurückentwickelt. Schlafen, essen, schlafen! So lautete sein derzeitiger Plan des Tages. Ich betrachtete meine quadratischen Brüste, die kurz davor waren, den Still-BH zu sprengen. Meiner Meinung nach war es durchaus wieder Zeit für eine Mahlzeit.
   Allerdings ratzte der junge Herr gemütlich vor sich hin. Wenn ich an die vergangene Nacht dachte, hatte er aber auch viel nachzuholen. Vielleicht sollte ich ihn dennoch wecken. Noch trug er nämlich den Unisex-Krankenhausstrampler.
   Diesen Zustand wollte ich jetzt ändern.
   Aus meiner Kliniktasche fischte ich einen entzückenden dunkelgrünen Nickianzug, der mich ein halbes Vermögen gekostet hatte. Babyboutiquen würden auf Dauer zum Grund unseres finanziellen Ruins werden.
   Ich hob das schlafende Bündel aus seinem Bett und brachte ihn zum Wickeltisch. An- und Ausziehen gehörte definitiv zu den Dingen, die ich als Mutter noch sehr oft würde üben müssen. Meine Stärken lagen eher im stolzen Anschmachten. Wie gut, dass Brigitte inzwischen abgeholt worden war, um ihr persönliches Wunder des Lebens in Empfang nehmen zu dürfen. Auf ihre Kommentare konnte ich gut und gern verzichten. Woll nicht?
   Felix beäugte mich unfokussiert aus seinen großen Kulleraugen, als ich begann, ihm sein neues Outfit überzuziehen. Leichter gesagt als getan. Ich schob und zog, zwängte und stopfte. Er zog die Stirn kraus. Jetzt nur nicht heulen. Damit meinte ich mich, nicht ihn. Ich war den Tränen nahe. Er passte nicht hinein. Wie konnte so eine Handvoll Menschenkind nicht in diesen Strampler passen? Ich würde mein Baby nackt nach Hause bringen müssen. Das Jugendamt würde postwendend auf mich aufmerksam werden, weil ich meinen Erstgeborenen im November, nur mit einer Windel bekleidet, durch die Gegend trug. Ich hatte nicht einmal einen Stall und eine Krippe zu bieten, geschweige denn Stroh. Für mein halb nacktes Kind würde niemand Myrrhe, Gold und Weihrauch vorbeibringen. Vor meinem inneren Auge sah ich bereits die Schlagzeile in der Bild-Zeitung: Deutschlands größte Rabenmutter! Und schon liefen die Tränen.
   »Mia, was ist los?« Nils kam soeben zur Tür herein und wurde direkt blass.
   »Ich bin die schlechteste Mutter der Welt«, schluchzte ich und wahre Sturzbäche bahnten sich ihren Weg über meine Wangen.

Eine halbe Stunde später saßen wir im Auto. Felix trug wieder die Krankenhauskleidung, die Schwester Rabiata persönlich als Leihgabe abgesegnet hatte. Ich zog nur noch von Zeit zu Zeit die Nase hoch. Wie gut, dass ich für rationales Denken meinen Ehemann hatte. Mir war diese Fähigkeit mit der Befruchtung meiner Eizelle irgendwie abhandengekommen.
   »Da sind wir.« Nils parkte vor der zweigeschossigen Altbauvilla.
   Die Fassade war hellblau gestrichen, die Holzfensterrahmen weiß und die dunkle Eichentür war mit diversen Intarsien verziert. Beinahe hätte ich vergessen, weiter zu atmen! Wunderschön! Es war ein wahrer Glücksfall gewesen, dass ausgerechnet wir dieses Haus mitten in der Stadt gefunden hatten. Weniger schön war das, was sich zeigte, als sich die Tür öffnete. Ich überlegte einen Moment lang, für den Rest meines Daseins im Auto sitzen zu bleiben.
   Mutter trug eine Küchenschürze und stemmte die Hände in die Hüften. »Bringt das Kind rein, der holt sich doch den Tod.«
   Unnötiges Bohren in meiner Wunde.
   Während Nils die Babyschale mit Felix und meine Kliniktasche ins Haus trug, zwängte ich mich ballastfrei an Mutter vorbei in mein neues Heim. Ich stromerte aufgeregt durch jedes Zimmer. Es sah wundervoll aus. Nils hätte nicht Anwalt, sondern Innenarchitekt werden sollen! Alles passte perfekt zu den Besonderheiten des Hauses, den hohen stuckverzierten Decken, abgeschliffenen Dielenböden und alten schweren Holztüren. Ich fühlte mich sofort wohl. Ich schlenderte ins Wohnzimmer. In der Mitte erblickte ich das Prunkstück des Hauses, einen wunderschönen Kamin. An der linken Wand entdeckte ich allerdings etwas, das ich mir nicht so recht erklären konnte.
   »Was macht dieses schäbige Sofa hier?« Ich betrachtete das braun gesprenkelte klobige Ungetüm.
   Mutter betrat den Raum. »Schäbig? Sei gefälligst nicht so undankbar. Das habe ich für euch im Möbeldiscount neu gekauft. Als Einzugsgeschenk.« Sie schob beleidigt die Unterlippe vor.
   Wenn ich jetzt gewusst hätte, welche positive Eigenschaft sich auf schäbig reimte, hätte ich die Situation vielleicht elegant retten können. Doch etwas anderes erregte bereits meine Aufmerksamkeit. Ich hatte soeben einen Blick in den Garten geworfen. Stand da allen Ernstes eine Ziege auf der Wiese?
   »Mutter, was macht das Tier dort?« Ich war nicht sicher, ob ich die Antwort hören wollte.
   »Rosalinde hat Durchfall. Eventuell hat sie sich Darmwürmer eingefangen. Da konnte ich sie nicht auf dem Hof lassen. Hinrichs versorgt zwar meine Tiere, solange ich bei euch bin, aber ein krankes Tier wollte ich ihm nicht dalassen. Also habe ich sie mitgenommen.«
   Kommst du nicht zum Bauernhof, kommt der Bauernhof zu dir.
   Einatmen. Ausatmen. Nicht brüllen. Meine Mutter brachte ein verwurmtes Stalltier in mein neues Zuhause, in das ich soeben mit einem Neugeborenen gezogen war. Trotzdem versuchte ich, ruhig zu bleiben. Wenn ich jetzt aus der Haut fuhr, war der Tag gelaufen. So wollte ich meinen Einzugstag nicht in Erinnerung behalten. Außerdem konnte sie sich nicht ewig hier aufhalten. Irgendwann würde sie zurückkehren müssen auf ihren Hof. Om, es ist nur eine Phase!
   Nils war neben mich getreten. »Sei froh, dass das Vieh im Garten steht. Ursprünglich wollte sie es in die Küche stellen, weil es dort wärmer sei«, flüsterte er.
   Om! Ich nahm Nils die Babyschale ab. »Komm Felix, ich zeige dir dein Zimmer.«

Der Nachmittag verlief erstaunlich harmonisch. Nils hatte den Kamin angefeuert und wir saßen gemeinsam auf dem braunen Ungetüm, Mutter strickend, ich stillend. Bald würde sie merken, dass wir sie nicht brauchten, und unser Familienleben zu dritt konnte beginnen. Felix hatte gerade an der zweiten Brust abgedockt und war in eine Art Fresskoma gefallen, als Mutter die Idylle jäh störte.
   »Du gehst jetzt ins Bett. Wenn das Kind schläft, muss die Mutter auch schlafen.«
   »Ich bin überhaupt nicht müde. Leg du dich doch ein wenig hin.« Ich ließ mich nicht zum Zwangsschlafen nötigen.
   Felix bekam plötzlich einen hochroten Kopf und sah mehr als nur angestrengt aus. Windel-Time! Ich witterte meine Chance. »Oder noch besser, übernimm du bitte das Windelwechseln.«
   »Kind, ich bin nur zu deiner moralischen Unterstützung hier, wickeln musst du selbst.« Sie schnalzte mit der Zunge.
   Moralische Unterstützung? Und die bestand darin, mich in der Gegend herumzukommandieren? Was hatte ich falsch gemacht, dass ich diese Frau einfach nicht loswurde?
   »Wieso unterstützt du nicht lieber Molly? Die hat immerhin vier Kinder und nicht nur eins.« Meine Schwester könnte ruhig auch mal den Kopf hinhalten.
   »Eben! Jemandem mit vier Kindern muss ich nichts mehr erklären. Du beweist mir doch gerade, dass du ohne mich aufgeschmissen bist. Wir sprechen uns morgen früh wieder, wenn du vor mir zu Kreuze kriechst, weil du jetzt nicht schlafen gegangen bist.« Mit diesen Worten stand sie auf und verließ den Raum.
   Willkommen in meinem neuen Leben!

An.: c.meyerhofen@web.de
Abs.: miamia@planettel.com
Betreff: Illegal

Kennst du jemanden, den man engagieren kann, damit er nachts in Häuser einbricht und Dinge klaut? Sofas zum Beispiel?

110, 112, Notruf, bitte kommen!


Rums! Dröhn. Der Fuß des Staubsaugers knallte zum wiederholten Mal gegen die Schlafzimmertür. Ich sah den Lack vor meinem inneren Auge regelrecht absplittern. Draußen war es noch dunkel. Rums! Felix schmiss die Ärmchen in die Höhe und begann zu meckern. Ich schwang mich aus dem Bett, stapfte zur Tür und riss sie schwungvoll auf.
   »Mutter, muss das ausgerechnet jetzt sein?« Ich schaltete den Sauger mit einem wütenden Tritt auf den Schalter aus.
   »Wenn ich hier nicht sauber mache, kommen wir doch im Dreck um. Du machst es ja nicht.«
   »Du saugst seit einer Woche jeden Morgen. So viel Schmutz könnten nicht einmal deine gesamten Schweine, Ziegen und Hühner zusammen produzieren, dass das nötig wäre. Felix war gerade erst eingeschlafen. Wir hatten eine furchtbare Nacht und du weckst ihn auf.« Noch ein falsches Wimpernzucken von ihr und es herrschte Explosionsgefahr!
   »Der schläft schlecht, weil er nicht in seinem eigenen Zimmer übernachtet. Ihr habt damals sofort durchgeschlafen.« Mit diesen Worten schmiss sie den Staubsauger wieder an und drehte sich um.
   Ihr Glück, so konnte sie nicht hören, welche Schimpfworte ich ihr hinterherschleuderte. Übel gelaunt ging ich zurück ins Schlafzimmer. Felix lag in seinem Beistellbett und motzte ebenfalls vor sich hin. Im Stundentakt hatte er mich die Nacht zuvor geweckt. Nils war nach dem dritten Weckruf ins Kinderzimmer umgezogen und hatte auf dem Flokati geschlafen. Im Gästezimmer hatte Mutter sich häuslich eingerichtet. Ich wusste langsam nicht mehr, wie spät es war, geschweige denn, welchen Wochentag wir hatten. In den Spiegel guckte ich lieber erst nicht. Dort gab es nichts Erfreuliches zu entdecken. Es sei denn, rote Zombieaugen und dunkle Ringe unter selbigen waren inzwischen der neue Chic geworden. Wie konnte ich jemals behaupten, das Mutterdasein sei ein Klacks? Ich nahm Felix auf den Arm, ging die Treppe hinunter und klemmte mir das Telefon zwischen Schulter und Ohr. Die Nummer meiner Nachsorgehebamme hatte ich mir auf die Kurzwahltaste gelegt.
   »Jördis! Hilfe! Er will nicht schlafen, meine Brustwarzen drohen abzufallen und ich stehe kurz vorm Nervenzusammenbruch«, sprach ich statt einer Begrüßung in den Hörer.
   »Guten Morgen, Mia. Was ist das denn für ein Krach bei dir?« Jördis klang ziemlich verschlafen. Es musste wirklich noch sehr früh sein.
   »Mutter!« Mehr brauchte ich nicht zu sagen. Sie hatte sich schon davon überzeugen können, womit ich gesegnet war. Bei ihrem ersten Besuch hatte Mutter ihr direkt erklärt, keine Frau bräuchte nach der Geburt eine Hebamme. Sie würde höchstpersönlich jeden Handschlag begutachten, damit Jördis mir nicht unnötig Geld aus der Tasche ziehen würde. Der Hinweis, dass die Krankenkasse für die Betreuung aufkam, hatte sie nur weiter aufgebracht. Denn das bedeutete schließlich, dass sie für diese unnütze Geldverschwendung mit ihren Beiträgen auch mit aufkommen musste. Die beiden verstanden sich also blendend.
   »Ich komme heute Nachmittag vorbei.« Jördis gähnte laut.
   »Aber das dauert so lang.« Ich schniefte.
   »Na gut, ich komme so früh ich kann«, versuchte sie mich zu vertrösten.
   Am liebsten wäre es mir gewesen, sie wäre direkt bei uns eingezogen. Am besten anstelle von Mutter.
   Felix begann zu schmatzen. Ein Zeichen, das ich inzwischen zu deuten wusste. Er hatte Hunger. Wir flohen vor dem Staubsaugerlärm ins Wohnzimmer. Die Ziege glotzte zum Fenster hinein. Mutter hatte ihr einen Heizpilz aufgestellt und mindestens vier Ballen Stroh auf der Terrasse verteilt. Es war nur eine Frage der Zeit, wann unser Zuhause in Flammen aufgehen würde.
   Nils kam aus der Küche, in der Hand eine Tasse Kaffee. »Soll ich den Staubsauger heimlich manipulieren? Vielleicht könnte ich ihn dazu bringen, zu pusten, statt zu saugen.«
   »Dann pustet sie den Staub von den Möbeln. Oder leiht sich einen Presslufthammer und beginnt, das Pflaster vor der Garage aufzustemmen. Irgendetwas wird sie finden, um uns zu nerven.« Ich setzte mich auf das Ungetüm von Couch und legte Felix an, der gierig zu trinken begann. »Wie spät ist es eigentlich?«
   »Halb sieben. Ich fahre gleich in die Kanzlei, schon vergessen? Heute ist mein erster Tag nach dem Babyurlaub.«
   Ich bekam Schweißausbrüche. O mein Gott! Er konnte mich nicht allein lassen mit dieser Wahnsinnigen und einem Baby. »Ist es tatsächlich Montag?«, quiekte ich eine Nuance zu schrill.
   Nils nahm einen Schluck Kaffee und nickte. »Du schaffst das.«
   Kurzwahltaste! Wieso tutete das so lange am anderen Ende der Leitung? »Jördis? Nils geht wieder arbeiten. Ich brauche Hilfe beim Kampf gegen den Hausdrachen. Kannst du wirklich nicht eher kommen?«
   Jördis erklärte, sie habe noch einen weiteren Termin, würde danach aber sicher sofort vorbeischauen. Ich brauchte hier dringend Verstärkung für das Team ‚Mia‘. Felix dockte ab, bekam diesen verklärten Gesichtsausdruck und befüllte seine Windel.
   »Nils, die gehört dir.« Ich hielt ihm seinen Sohn entgegen.
   »Sorry, ich muss los. Ich liebe dich.«
   Über das Timing der Windelbefüllung musste ich mit Felix noch mal in Ruhe reden. Er konnte doch nicht immer warten, bis sein Vater das Kampffeld räumte und mich mit der Bombenentschärfung allein ließ.
   Nils grinste entschuldigend, stellte seine Tasse in die Spüle und verabschiedete sich mit zwei Küssen.
   Ich trug den Windelbomber die Treppe hoch und huschte dann schnell ins Kinderzimmer, vorbei am Schlafzimmer, das soeben ausgiebig von imaginärem Schmutz befreit wurde.
   Ich platzierte Felix auf dem Wickeltisch, öffnete, fast ein wenig geübt, den Body und erschrak. Die Klemme samt Nabel lag plötzlich neben meinem Kind, anstatt daran festzuhängen. Und nun? Was tat ich jetzt mit dem Nabelstück? Klebte man es in ein Erinnerungsalbum? Verbuddelte man es im Garten und pflanzte einen Baum darauf? Auf jeden Fall sollte ich ein Foto davon machen. Und was passierte mit dem Bauchnabelloch? Musste ich es eincremen, abbinden, lufttrocknen lassen? Ich legte Felix auf die Babydecke auf dem Fußboden, damit er mir nicht vom Wickeltisch fiel, raste die Treppe herunter und griff nach dem Telefon. Kurzwahltaste.
   Jördis meldete sich gar nicht mehr mit Namen. »Mia, sollen wir vielleicht eine Standleitung einrichten?«
   »Puh, das wäre super!«
   »Was kann ich für dich tun? Ich habe dir versprochen, ich komme nachher vorbei.«
   »Der Nabel ist abgefallen.«
   »Das ist prima.«
   In diesem Moment hörte ich Mutter von oben herunterrufen. »Soll ich deinen Sohn aufsaugen oder wieso legst du mir den auf den Fußboden? Huch!«
   Huch? »Jördis, ich ruf gleich noch mal an.« Ihren Versuch eines Einwandes, dass ich dies wirklich nicht tun müsse, überhörte ich geflissentlich und legte auf. Im Schweinsgalopp jagte ich die Treppe hoch. »Was genau meintest du mit ‚huch‘, Mutter?«
   Sie hatte den Sauger inzwischen ausgeschaltet und hielt Felix im Arm. »Ich hab da was weggesaugt. Keine Ahnung, was das war. Hat auf jeden Fall geklackert im Rohr.« Sie zuckte mit den Schultern und reichte mir meinen Sohn. »Der braucht eine frische Windel.«
   Wäre ich allein gar nicht drauf gekommen. Ich sah mich suchend um und dann wurde mir klar, was im Staubsauger zwischen Wollmäusen und Spinnweben verschwunden war. Das Nabelstück samt Klemme. War also nichts mit der Erinnerung für die Ewigkeit. Vielleicht konnte ich den kompletten Staubsaugerbeutel im Garten vergraben und einen Baum darauf pflanzen. Oder machte man das nur mit der Plazenta?
   Ich musste Jördis anrufen! Erneut trabte ich ins Erdgeschoss zurück und griff nach dem Mobilteil. Ich sollte es mir an einer Schnur um den Hals hängen. Es tutete abermals eine gefühlte Unendlichkeit. Aber Jördis ging einfach nicht ans Telefon. Dabei war das ein absoluter Notfall!
   Mutter steckte den Kopf um die Ecke. »Was willst du eigentlich heute kochen?«
   Entgeistert blickte ich sie an. »Wieso ich? Ich denke, du bist hier, um uns zu helfen.« Als hätte ich gerade keine anderen Probleme.
   »Wie bereits gesagt, bin ich mehr für die moralische Unterstützung anwesend.« Was im Klartext bedeutete, sie wollte sehen, ob ich fähig war, ein Kind zu versorgen. Im Zweifelsfall konnte sie es mir dann aufs Brot schmieren, wenn sie anderer Meinung war.
   Wann lernte ich es endlich, mich gegen diese Frau zu behaupten? In ihrer Gegenwart wurde ich wieder zum Teenager.
   Eine Stunde später klingelte es an der Tür. Jördis umarmte mich zur Begrüßung. »Ich bin so schnell gekommen, wie ich konnte. Ehrenwort. Wie kann ich dir helfen?«
   Ich räusperte mich. Felix lag schlafend in seinem Stubenwagen. Sein Nabel hatte bei näherer Betrachtung keinerlei weiterer Behandlung bedurft. Mir ging es rein körperlich blendend. Genau genommen brauchte ich keine Hilfe mehr. Zumindest keine einer Hebamme. »Kennst du dich mit nervenden Müttern aus?«
   »So furchtbar bist du nun auch nicht.« Sie tätschelte mir freundschaftlich den Rücken.
   Also wirklich! »Eigentlich dachte ich an meine Mutter.«
   »Oh!« Ihre Wangen erröteten und sie brachte ein schiefes Grinsen zustande. »So schlimm?«
   Ich seufzte. »Ich weiß nicht, wie ich sie los werden soll. Ich wünsche mir einfach ein Leben zu dritt ohne ihre ständige Anwesenheit. Ich habe jedoch keinen Plan, wie ich ihr das verklickern kann, ohne dass es gleich wieder im Desaster endet.« Ich ließ mich aufs Sofa plumpsen und nahm mir ein Stück Schokolade vom Couchtisch. Nervennahrung!
   Jördis knabberte an einem ihrer Fingernägel. »Deine Mutter braucht eine andere Aufgabe.«
   »Sie hat einen Bauernhof mit Schweinen, Ziegen und Hühnern. Das müsste genug Arbeit sein, um sich ausgelastet zu fühlen.«
   »Vielleicht fehlt ihr menschlicher Kontakt. Hat sie keinen Mann?«
   Ich pustete spöttisch Luft durch die Nase. »Wer würde freiwillig mit ihr zusammen sein wollen?«
   »Sie braucht einen Mann!« Jördis nickte vehement.
   »Ich wüsste nicht, wo wir so ein Exemplar finden sollten.« Wusste ich wirklich nicht. Dennoch nistete der Gedanke, Mutter zu verkuppeln, sich in meiner Hirnrinde fest. Ich müsste bei Gelegenheit mit Molly darüber sprechen.

An: miamia@planettel.com
Abs.: c.meyerhofen@web.de
Betreff: Re: Mutter zu verschenken

Liebste Mia,

beschwer dich ruhig, aber denk daran: Jede von uns hat ihr eigenes Scherflein zu tragen. Meine Mutter fragte mich bereits Anfang zwanzig, ob ich nicht langsam darüber nachdenken wolle, ein paar meiner Eizellen einfrieren zu lassen. Sie mache sich Sorgen, dass sie niemals Enkelkinder haben würde.

Küsschen
Caro


ZWEITER MONAT
PLANEN KANN MAN JA MAL




Stoffwechselendprodukte und anderer unnützer Ballast


»Achtzehn!« Ich sprach das Wort aus wie ein Kind, das darüber berichtete, dass es ein Kilo Rosenkohl hatte essen müssen.
   »Verteilen sich doch ganz gut.« Molly pikste mir in die linke Brust.
   »Haha.« Ich zeigte ihr den Mittelfinger und warf Caro einen warnenden Blick zu.
   Die ließ sich aber nicht beeindrucken. »Liebes, seien wir ehrlich, du bist fett. Von den achtzehn Kilo Übergewicht, die du seit der Geburt mit dir herumträgst, hängen höchstens zwei in deinen Brüsten. Die restlichen sechzehn haben es sich in Bauch, Beinen, Kinn und Arsch gemütlich gemacht.«
   Warum musste sie auch immer so entwaffnend offenherzig sein? Und mir zu allem Überfluss auch noch ihre schlanken Endlosbeine präsentieren? Das Einzige, das mich tröstete, war, dass ich mir sicher sein konnte, dass für Caros Traumkörper auch der ein oder andere Beauty-Doc Rechnung trug. Frustrierend war es trotzdem.
   »Na danke.« Ich betrachtete mich im Spiegel. Ganz unrecht hatte sie dummerweise nicht. Dabei fühlte ich mich, als hätte ich zehn Kilo verloren. O. k., ich hatte zehn Kilo verloren. Es faulenzten leider nach wie vor genug weitere in meinem Fettspeicher herum. Die ließen mich aussehen wie Reiner Calmund nach dem Genuss von zwanzig Doppelwhoppern. »Ich werde anfangen, daran zu arbeiten.« Seufzend trank ich einen Schluck Malzbier.
   »Dann solltest du vielleicht weniger hiervon trinken.« Caro deutete auf die Flasche in meiner Hand.
   »Das soll angeblich gut für die Milchbildung sein«, versuchte ich mich zu rechtfertigen.
   Molly nickte. »Ist es auch. Bei einem Blick auf deine Brüste gehe ich davon aus, dass du eher kein Problem mit fehlender Milch hast.«
   »Ja, klar. Aber nur weil ich Malzbier trinke.« Störrisch nahm ich einen besonders großen Schluck.
   »Das Zeug hat mehr Kalorien als Cola«, klugscheißerte Caro weiter. »Wenn ich in ein paar Monaten von meinem USA-Trip zurück bin, hast du auf diesem Weg auf jeden Fall noch kein Gramm abgenommen.«
   »Erinnere mich nicht daran, dass du mich so lange verlässt. Du bist außer Molly die Einzige, die so flexible Arbeitszeiten hat, dass sie auch unter der Woche für ein Hausmütterchen wie mich Zeit zum Tratschen und Kaffeetrinken hat.« Ich dachte mit Sehnsucht an meinen Job in der Werbeagentur. Wir waren vermutlich die mieseste Agentur der Stadt und einigen meiner Kollegen hätte ich am liebsten in Dauerschleife in den Hintern getreten, aber ich vermisste regelmäßige Arbeitszeiten und Gespräche, bei denen mein Gegenüber nicht mit einem Bäuerchen antwortete. Oder in Mutters Fall mit Beleidigungen.
   Caro zuckte mit den Schultern. »Irgendwo muss das Geld für freischaffende Journalistinnen wie mich herkommen. Der Job in den Staaten in Verbindung mit der Recherche für den neuen Reiseführer ist das beste Angebot, das ich seit Langem hatte. Sorry, Liebes.« Sie warf mir eine Kusshand zu. »Wir schreiben weiterhin E-Mails. Versprochen!«
   »Ich sorge dafür, dass du dich nicht langweilst.« Molly lächelte mich aufmunternd an.
   »Na ja, du als Vierfachmutter bist bestimmt die meiste Zeit zu beschäftigt.« Ich schmollte.
   »Kannst du nicht in diese Pinkelkurse gehen, und da andere Frauen mit vermatschter Figur kennenlernen?« Caro knibbelte am Etikett meiner Malzbierflasche herum.
   »Du meinst, Krabbelgruppen? O Gott, ich weiß nicht. Singen und Namen tanzen oder was man da so macht, das ist eher nichts für mich.«
   »Noch ist Felix viel zu klein. Ich kann gar nicht verstehen, dass du dich langweilst, obwohl du kaum aus dem Krankenhaus entlassen wurdest. Ich bin seit über fünf Jahren zu Hause und habe immer etwas zu tun.«
   Meine Schwester hegte auch Begeisterung für diverse Handarbeitshobbys. Nähen, Filzen und seit Neustem Töpfern. Hinzu kam, dass sie als ausgesprochener Öko sogar die Windeln ihrer Kinder selbst wusch. Damit konnte man sich natürlich beschäftigen.
   »Apropos Langeweile. Mutter ist vergangene Woche wieder zurück auf ihren Bauernhof gezogen.«
   Caro schüttelte grinsend den Kopf. »Ich kann immer noch nicht glauben, dass sie wirklich hier gewohnt hat. Als wäre deine Rollbratenfigur nicht schon Strafe genug, musst du dich auch noch mit deiner Mutter rumschlagen.«
   »Mama wollte nur helfen.« Molly ignorierte den Giftpfeilblick, den ich ihr zuwarf.
   »Sie schläft jetzt wieder in ihrem eigenen Bett. Das hält sie dennoch nicht davon ab, trotzdem jeden Tag ihre Zelte hier aufzuschlagen und mich mit ihren semi-klugen Ratschlägen zu nerven. Wenigstens hat sie das Ziegenvieh mitgenommen. Ich werde noch wahnsinnig. Nachts macht Felix mir das Leben zur Hölle, und wenn er tagsüber seinen Schönheitsschlaf nachholt, nervt Mutter.«
   »Hast du keine Idee, wie du sie anderweitig beschäftigen kannst?« Caro nahm einen Schluck von meinem Malzbier und schmatzte zufrieden.
   »Das hat meine Hebamme auch vorgeschlagen. Sie ist der Meinung, Mutter braucht einen Mann.«
   Molly prustete los und lachte dann glucksend. Ich knuffte sie in die Seite. »Lach nicht. Ich habe tatsächlich darüber nachgedacht, ob wir sie nicht ernsthaft verkuppeln sollten.«
   Molly begann, beinahe hysterisch zu gackern. Sie bekam sich überhaupt nicht mehr ein. Nach Luft schnappend wischte sie sich die Lachtränen von der Wange. »Diese Frau ist seit Jahrzehnten Single und das nicht ohne Grund«, brachte sie japsend hervor.
   »Jetzt hör zu. Ich habe mich im Internet informiert. Es gibt hier in der Stadt eine Partneragentur, die darauf spezialisiert ist, Frauen und Männer fünfzig plus zu vermitteln.«
   »Klar! Und die finden bestimmt einen Mann, der schon immer auf einem Bauernhof mit einem störrischen besserwisserischen Esel zusammenleben wollte.«
   Caro kicherte. »Esel sucht Mann. Schickt eure Mutter doch zu diesem TV-Format, wo diese schrägen Bauern verkuppelt werden.«
   Ich nahm ihr die Flasche ab und trank den Rest gluckernd auf Ex. »Ich habe Muttergefühle. Das bedeutet, ich habe das Gefühl, dass Mutter mich in den Wahnsinn treibt. Wenn ich sie nicht bald los werde, gibt es Tote. Vergangene Woche hat sie die Strampler und Jacken, aus denen Felix herausgewachsen ist, zur Altkleidersammlung gebracht. Da waren richtig teure Teile dabei. Das wollte ich noch behalten. Und ständig versucht sie mir vorzuschreiben, wann ich Felix zu stillen habe und um wie viel Uhr er wie lange schlafen muss. Als würde er sich daran halten.« Ich tippte mir an die Stirn. »Vorgestern hat sie ihm seine Haare abgeschnitten, weil die dann angeblich dichter nachwachsen. Und das, obwohl er doch sowieso nur ein paar Flusen hat. Ich bin fast ausgeflippt.« Bei dem Gedanken daran kämpfte ich fast wieder mit den Tränen.
   Felix im Stubenwagen neben uns begann, sich zu regen. Der Verräter verpennte den ganzen Tag und wurde nur kurzzeitig wach, um zu trinken oder seine Windel zu befüllen. Dabei war er der Grund, wieso seine Oma nun schon seit Wochen unser Haus bevölkerte und mich nervte.
   »Da ist ja der kleine Scheißer.« Caro beugte sich über den Stubenwagen. »Sein neuer Haarschnitt steht ihm aber astrein.«
   Ich warf ein Kissen nach ihr.
   »Ach Molly, wo er gerade wach wird, brauche ich deinen Rat. Kannst du dir nachher mal sein Aa angucken. Ich finde, es sieht irgendwie komisch aus.«
   »Sicher. Was gefällt dir denn nicht daran? Ist es vielleicht grün? Das ist ein Zeichen, dass du zu viel Zucker zu dir nimmst!«
   »Du meine Güte!« Caro steckte sich die Finger in die Ohren. »Es ist also wahr, was man über Mütter sagt. Das Einzige, worüber ihr redet, ist Scheiße.«
   »Aa!« Ich hob den Zeigefinger. »Es war fast schwieriger, eine Bezeichnung für Babystuhlgang zu finden als einen Namen für das Kind selbst. Die Auswahl ist riesig. Aa, Kacke, Bumpi, Haufen, Stuhlgang, Schitterchen, Spritzstuhl.«
   Caro zeigte mir einen Vogel. »Und am Ende des Tages ist und bleibt es Scheiße.«

An.: c.meyerhofen@web.de
Abs.: miamia@planettel.com
Betreff: Zoll-Schmuggel

Hey Caro,

da unter der Hülle der Mutter nach wie vor mein altes Ich steckt, sei doch so lieb und bring mir etwas Schönes aus den Staaten mit. Ich lechze nach ein paar Designerschuhen! (Auch wenn meine Füße vermutlich erst wieder nächstes Jahr hineinpassen werden.)

Mia


Ich schaff das, ich schaff das, … ich schaff das nicht!


Der Schokoladennikolaus grinste mich hämisch an. Als könnte ich etwas dafür, dass sogar er schlanker war als ich. Ich rächte mich und biss ihm den Kopf ab. Stillzeit war schließlich keine Diätzeit. Im Gegenteil! Mein Körper musste schließlich mit vielen nahrhaften Dingen gefüllt werden, damit ich weiter Sahne für mein Baby produzieren konnte. Redete ich mir jedenfalls ein.
   Felix räkelte sich im Stubenwagen. Wie er so dalag mit seinen Pausbäckchen, den flaumigen Haaren, der kleinen Steckdosenstupsnase und seinem dicken Windelpopo. Ich hätte vor lauter Liebe fast zerfließen können. Nachts hatten sich meine Entzückungsanfälle allerdings mal wieder in Grenzen gehalten. Er war einmal wach und das war immer. Ab und zu hatte er sich dazu hinreißen lassen, auf meiner ausgepackten Brust zu schlafen. Ich lag währenddessen steif wie ein Brett da und traute mich nicht, nur einen Finger zu krümmen, aus Angst, er könne aufwachen. Das war jedoch nicht das Schlimmste nach solchen Nächten. Richtig deprimiert wurde ich erst, wenn eine gut gelaunte und ausgeschlafene Molly mir am nächsten Tag berichtete, ihre Zwillinge Fenja und Frieso hätten zwölf Stunden geschlafen. Das hatte Felix auch, nur nicht am Stück.
   Ich schlurfte in die Küche auf der Suche nach etwas Essbarem. Die Schokolade hatte sich als Magenöffner erwiesen. Mein Körper schrie nach mehr. Ich öffnete den Kühlschrank. Außer einem welken Salatkopf, diversen Gläsern voll Senf und Mayonnaise und einem stinkenden Blauschimmelkäse fand ich nichts. Ein Blick in den Vorratsschrank brachte ebenfalls keine befriedigenden Ergebnisse. Die vergangenen Wochen hatte ich Nils zum Einkaufen geschickt, allein hatte ich mich mit Felix noch nicht vor die Tür getraut. Nun gab es zwei Möglichkeiten. Hungern oder einen Ausflug mit Kind in den Supermarkt wagen. Ausgerechnet an diesem Tag blieb Mutter wie vom Erdboden verschluckt. Typisch! Ständig lungerte sie hier herum und trieb mich in den Wahnsinn, doch wenn ich sie wirklich brauchte, steckte sie mit den Gummistiefeln zentimetertief im Schweinemist oder Hühnerdreck oder wo auch immer. Also musste ich ran.
   »Ich schaffe das, ich bin eine erwachsene Frau«, murmelte ich vor mich hin. Was sollte passieren? Volle Windeln? Hungriges Kind? Falls Felix die Windel volldonnerte, würden wir schnell nach Hause laufen. Ich würde ihn vorher stillen, sodass er unterwegs keinen Hunger bekam. Das Zeitfenster sollte groß genug sein, um zum Supermarkt und wieder zurück zu gelangen. Perfekter Kampfplan, alles machbar.
   Ich ging ins Schlafzimmer und öffnete meinen Kleiderschrank. Ich hätte niemals geglaubt, dass diese Worte meinen Mund verlassen würden, aber ich hasste meinen Kleiderschrank! Seit der Geburt lief ich in ausgeleierten, aber bequemen Jogginghosen herum. Für einen Aufenthalt zwischen Couch und Wickeltisch genau das Richtige. Anders sah es im Bestand der Kleidungsstücke aus, mit denen man das Haus guten Gewissens verlassen konnte. Das Leben einer Frau, die relativ frisch entbunden hatte, war bekleidungstechnisch ein Graus. Ich passte in kein Teil, das ich vor der Schwangerschaft getragen hatte, und die Umstandsmode war mir zu groß. Nach einigem Probieren streifte ich mir dennoch eine Jeans mit breitem Gummibund über. Sie rutschte, aber für kurze Zeit musste das gehen.
   Felix durchlief das volle Still- und Wickelprogramm, bevor ich ihn in seinen Schneeanzug stopfte. Passform: suboptimal! Nicht nur ich schien unter Figurproblemen zu leiden. Felix’ Arme und Beine standen steif vom Körper ab und reichten nicht einmal bis zum Ende des Anzugs. Dafür bekam ich den Reißverschluss über dem Bauch kaum zu.
   Er protestierte. Sein Meckern schwoll zu einem ausgewachsenen Wutgebrüll an, als ich ihm die Mütze aufsetzte und Creme gegen die Kälte auf die Wangen schmierte. Er erinnerte mich stark an das Michelin-Männchen.
   Auf meiner Stirn hatten sich bereits die ersten Schweißtropfen gebildet. Mutprobe Spaziergang mit Säugling. Ich legte das brüllende Kind in den Kinderwagen und zwängte mich in meine Jacke, die ich trotz des nicht mehr vorhandenen Babybauches immer noch nicht zubekam. Verdammte Dolly Buster-Brüste! Anschließend schob ich den Wagen wagemutig vor die Tür. Kaum waren wir in Bewegung, hörte das Protestgeschrei auf. Erschrocken blickte ich in den Wagen. Atmete er? Handauflegen. Alles in Ordnung. Trotzdem hielt ich alle paar Meter an, um zu überprüfen, ob sich sein Brustkorb tatsächlich hob und senkte. Die plötzliche Stille war mir nicht geheuer. War es normal, als Mutter immer einen Hauch paranoid zu sein? Wenigstens konnte ich diese Pausen dazu nutzen, meine rutschende Hose wieder hochzuziehen. Nach einem zwanzigminütigen Marsch durch die verschneiten Straßen, der ohne Unterbrechungen höchstens zehn Minuten gedauert hätte, erreichten wir den Supermarkt. Ein Gefühl, als wäre ich viel umjubelt zu Fuß zum Nordpol gelaufen. Wie beflügelt schwebte ich in den Laden, schob den Kinderwagen durch die Gänge und warf ab und an ein Tetrapack Milch oder eine Schlangengurke in dessen Korb. Wer hätte gedacht, dass es so einfach war, sich vor die Tür zu trauen?
   »Die ist ja niedlich. Wie heißt sie denn?« Eine ältere Dame, Typ Klorollen-Umhäklerin, beugte sich über den Kinderwagen: den blauen Kinderwagen, in dem mein Sohn in seinem blauen Schneeanzug unter seiner weiß-blau-karierten Decke lag.
   »Felix.« Das sollte ihren Irrtum aufklären.
   »Das ist aber ein ausgefallener Mädchenname.« Die Oma lächelte mich durch ihre Glasbausteine an.
   Offensichtlich war es Zeit für noch stärkere Brillengläser. »Ein Junge, es ist ein Junge!« Tief einatmen.
   »Ach so?« Sie lachte, als hätte ich einen wirklich guten Witz gemacht. »Und wie alt ist er denn?«
   Wieso stand ich mitten im Supermarkt mit einer wildfremden Frau, mit der ich mich im Normalfall niemals unterhalten hätte? War das das Los einer Mutter? Ich seufzte. Ruhig und freundlich bleiben. »Er ist fünf Wochen alt.«
   »Ach, und dann sind Sie schon wieder in anderen Umständen. Das ist aber mutig.«
   Argh! Falls mir das noch einmal passierte, würde ich das Haus nie im Leben mehr verlassen. »Ja, wir dachten, es wäre schön, wenn die Geschwister einen geringen Altersabstand haben. Sie entschuldigen mich?« Ich lächelte gequält, drehte mich um und ergriff die Flucht. Dabei versuchte ich verzweifelt, meinen Mantel zumindest unterhalb der Brüste zuzuknöpfen, um meinen ausladenden Post-Schwangerschafts-Schwabbel-Bauch zu verdecken. Außerdem zog ich mir erneut die Hose hoch. Wenn die rutschte, konnte ich so dick nicht sein. Trotzdem nahm ich den Schokopudding aus dem Wagen und stellte ihn ins Regal zurück.
   Auf zur Fleischtheke. Nils hatte vergangene Woche gefragt, ob es bald mal wieder etwas Warmes zu essen geben würde, das nicht vom Bestellservice kam, und sich ein paar böse Blicke eingefangen. Daraufhin hatte er immerhin angeboten, das Kochen zu übernehmen. Mein Job bestand nur noch darin, die Zutaten zu besorgen.
   »Darf es denn schon ein Stück Fleischwurst?« Die Fleischereifachverkäuferin, die selbst ein wenig an eine dicke, grobe Leberwurst erinnerte, strahlte mich an. Mit ihrer Pronomenwahl bewegte sie sich immerhin auf der sicheren Seite.
   Ich warf einen Blick auf meinen zahnlosen Säugling. »Nein, danke.«
   Während ich mich durch die Wurstauslage kaufte, schlug Felix die Augen auf. Als ich gerade Richtung Kühlabteilung schob, begann er zu hüsteln.
   Kein gutes Zeichen. Dem Hüsteln folgte sein berühmt-berüchtigtes Doppelhüsteln, das unweigerlich kurz darauf in Kampfgebrüll enden würde. Ich schuckelte den Wagen, doch da fing Felix bereits an, zu weinen. Schnell versuchte ich, ihn mit seinem Nuckel zu beruhigen. Der flog im hohen Bogen postwendend heraus. »Sch!« Wieso glaubte man eigentlich, dass dieser Zischlaut irgendwie dazu beitrug, ein heulendes Michelin-Männchen wieder glücklich und zufriedenzustellen? Eine Frau im Hosenanzug und perfekter Hochsteckfrisur ging mit hochgezogenen Augenbrauen an mir vorbei. In ihrem Einkaufswagen entdeckte ich ein stilles Mineralwasser und einen Salatkopf.
   Kaum merkbar schüttelte sie den Kopf.
   Déjà-vu! Genauso hatte ich vor einem Jahr gedacht. Da hatte auch ich all die Mütter verurteilt, deren unerzogener Nachwuchs mit Wutattacken auf dem Fußboden zwischen den Überraschungseiern und den Schokoküssen lag oder die Sirene im Kinderwagen anwarf. Ich lief rot an. Plötzlich überrollte mich eine Panikattacke. Ich wollte nicht als unfähige Mutter abgestempelt werden. Erst recht nicht von kopfschüttelnden Karrierefrauen. Egal, ob es dafür einen Grund gab oder nicht. Ich drehte mich um. Wenn ich jetzt kurz so tat, als würde ich das heulende Kind nicht kennen, und da vorn im Regal angestrengt Verfallsdaten von Sauerkrautdosen studierte, vielleicht verginge der Moment, Felix hörte auf zu weinen und alles wäre gut.
   Ich rannte los. Nach drei schnellen Schritten verfing ich mich in meiner herunterrutschenden Hose. Klatsch! Der Länge nach fiel ich auf den Supermarktfußboden. Meine Knie schmerzten, mein Hirn auch. Der Aufprall brachte mir meinen Verstand zurück. Was tat ich hier eigentlich? Wieso floh ich vor meinem Sohn? War ich ein Fall fürs Jugendamt oder doch eher für die Psychiatrie? Inzwischen hatte sich eine kleine Menschentraube gebildet, die tuschelnd von mir, mit meinen heruntergelassenen Hosen, zum Kinderwagen zeigte, aus dem nach wie vor exzessive Brülllaute drangen.
   Jemand beugte sich zu mir herunter. »Kindchen, Sie müssen vorsichtig sein in Ihrem Zustand.« Es war die Klopapierrollen-Umhäklerin.
   »Ich bin nicht schwanger«, brüllte ich. Dann rappelte ich mich auf, zog meine Hose hoch, stapfte zu Felix’ Kinderwagen und schob ihn mit geducktem Haupt Richtung Kasse. Ich hatte noch nicht alles gekauft, was ich brauchte, aber mein einziges Ziel bestand jetzt darin, möglichst würdevoll nach Hause zu kommen. Für die Zukunft musste ich mir wohl einen neuen Supermarkt suchen.

An: miamia@planettel.com
Abs.: c.meyerhofen@web.de
Betreff: Erstes Lebenszeichen

Good Morning, Liebes!

Mein Übergepäck und ich sind sicher in New York gelandet. Der Transfer vom JFK Airport zum Hotel war nervenaufreibend lang. Mehr stop als go! Diese Stadt schläft wirklich nie. Mein Zimmer ist keine Luxussuite, aber erträglich. Dank der Zeitverschiebung lag ich ewig hellwach in meinem Bett und habe die Decke angestarrt. Und heute geht es bereits mit dem ersten Rechercheauftrag los.
   Da würde ich das Arbeitsleben doch wenigstens gern für einen Tag gegen dein Mutterdasein tauschen. Bis in die Puppen ausschlafen, eine Runde mit dem Kinderwagen durch die Stadt flanieren und Kaffee schlürfen. Hach Liebes, genieße es!

Küsschen
Caro


Pinkelparty


»Zuerst die gute oder die schlechte Neuigkeit?« Mutter steckte den Kopf zur Schlafzimmertür hinein.
   »Pst! Felix ist gerade eingeschlafen«, flüsterte ich ihr vom Bett aus zu. Was machte sie eigentlich hier? Ich hatte gehofft, dass sich die Stundenzahl ihrer täglichen Anwesenheit drastisch verringern würde, wenn sie Haus und Hof wieder selbst bewirtschaften musste. Offensichtliche Fehleinschätzung meinerseits.
   »Dann komm mit ins Wohnzimmer«, sagte sie immer noch viel zu laut und genervt.
   Ich seufzte. »Er hängt an meiner Brust. Wenn ich ihn jetzt abdocke, wacht er bestimmt auf«, erwiderte ich im erneuten Flüsterton.
   Sie zeigte mir einen Vogel. »Er ist total verwöhnt!«
   »Gar nicht. So kleine Babys kann man überhaupt nicht verwöhnen.« Dezent beleidigter Unterton. »Er ist bloß wohlfühl-orientiert.« Ha!
   Niemals hätte ich zugegeben, dass sie vermutlich sogar recht hatte. Mein kleines Schlaf-Ungeheuer hatte nach einer miesen Nacht die meiste Zeit des Tages zur Mamakampfzone erklärt. Für jede Minute, die er wenigstens tagsüber schlief, war ich mehr als dankbar.
   Felix vertrat die Meinung, es sei vollkommen angebracht, spätestens alle anderthalb Stunden von mir druckbetankt zu werden. Nebenbei trainierte er ausgiebig und hingebungsvoll für die Verdauungsweltmeisterschaften, deren Titel er mit Sicherheit problemlos erlangen würde. Mein ultra-moderner Anti-Stinkewindel-Geruch-Eimer platzte bereits aus allen Nähten und sein Inhalt strömte im Gegensatz zu seinem Namen einen zweifelhaften Duft aus. Zwischen Druckbetankung und Fließbandwindelwechseln fand Felix es in seiner Wiege darüber hinaus ziemlich langweilig, sodass er seine fünf Kilo Lebendgewicht die meiste Zeit auf meine Arme und Hände verteilte. Wer brauchte schon Krafttraining? Trendsportgerät, Babyhanteln!
   Mutter stapfte zu uns herüber, tauschte mit jeglicher Abstinenz von Berührungsängsten Brustwarze gegen Nuckel.
   Tatsächlich schlief mein Sohn nach einem kurzen Grunzen einfach weiter. Wie schaffte sie das bloß? Wenn ich das probiert hätte, wäre er bestimmt aufgewacht. Ich rollte mich aus dem Bett, zog mein Schlabbershirt hinunter und folgte ihr schwerfällig schlurfend ins Wohnzimmer. Der Baby-Nicht-Schlaf-Rhythmus machte mich fertig.
   Mutter sah mich erwartungsvoll an. »Und? Welche nun zuerst?«
   »Welche was?« Ich sah mich ahnungslos im Zimmer um.
   »Neuigkeit!« Sie rollte theatralisch mit den Augen.
   »Ach so. Öhm. Die schlechte?« Die war entweder so unsagbar schlecht, dass ich mich sowieso vom Dach des nächsten Hochhauses stürzen wollte, oder sie erwies sich als erträglich schlecht, was wiederum bedeutete, dass eine gute Nachricht mich danach wieder aufmuntern konnte.
   »Du musst eine Pinkelparty veranstalten. Das ist längst überfällig.«
   Musste ich das? »Was genau ist da zu tun?« Ich kratzte mich irritiert am Kopf.
   »Da begießt man den neuen Erdenbürger mit reichlich Alkohol. Das könnt ihr gleich mit einer Einweihungsfeier verbinden.«
   »Und was ist die gute Neuigkeit?« Ich griff beherzt in die Schale mit Dominosteinen vor mir. Wenn sie meinte, sie müsse eine Party schmeißen, dann sollte sie das bitte auch organisieren.
   Ihre Mundwinkel zogen sich für ihre Verhältnisse ziemlich weit nach oben. »Ich habe mit deinen Schwiegereltern telefoniert. Sie reisen aus Mallorca an. Eigentlich wollten sie erst im Sommer kommen, wenn es hier wärmer wird. Aber sie möchten ihren Enkelsohn endlich kennenlernen. Ich habe ihnen gesagt, sie brauchen sich kein Hotel zu nehmen. Ihr habt schließlich genug Platz.«
   Fast wäre mir der Dominostein unzerkaut im Hals stecken geblieben. »Und was ist die gute Neuigkeit?«, hustete ich.
   Ich wiederholte mich nur ungern, aber das konnte sie unmöglich gewesen sein. Erschrocken schob ich zwei weitere Dominosteine nach. Lieber schnell in den Mund stopfen, bevor ich noch etwas Falsches sagte. Und wieso rief sie bei Klothilde und Paul an? Sie hatte Nils’ Eltern das letzte Mal zu unserer Hochzeit gesehen und das war mehr als sechs Jahre her.
   »Du freust dich doch?« Ihr Tonfall ließ erahnen, dass die Stimmung zu kippen drohte.
   »Ungemein.«
   »Dann ist doch alles prima!« Ironie war ein an Mutter verschwendetes Stilmittel.
   »Weiß Nils von seinem Glück?« Mein Ehemann pflegte kein zerrüttetes, jedoch auch kein besonders inniges Verhältnis zu seinen Eltern.
   »Wir wollen ihn überraschen«, sagte sie fast ein wenig aufgeregt. »Wir schalten das Licht aus und alle schreien, dass es eine Überraschung ist.« Sie schien geradezu überwältigt von ihrer eigenen Idee.
   Vor meinem inneren Auge sprangen meine Schwiegereltern aus einer Sahnetorte. Mit Stringtangas, Bunny-Ohren und Partytröten. Ich musste dringend mit dieser Tagträumerei aufhören. »Ich dachte, es wird eine Party, um die Geburt unseres Kindes zu feiern.« Ich zog die Augenbrauen hoch. Worum ging es hier eigentlich?
   »Ach, ist doch egal.«
   Ja, das Gefühl hatte ich allerdings auch. Ich aß lieber noch einen Dominostein.

Mit der Überraschung wurde es dann glücklicherweise nichts. Jedenfalls nicht in der Form, die Mutter geplant hatte. Meine Schwiegereltern fielen nämlich mit Pauken und Trompeten bereits einen Tag später bei uns ein. Das kam selbst für mich ziemlich plötzlich.
   Klothilde, genannt Tilla, begrüßte mich überschwänglich. »Mimi, gordita mia! Gut schaust du aus. Endlich hast du was auf den Rippen.« Ihre Körperfülle war ebenfalls nicht zu unterschätzen und ich bekam kurzfristig eine Panikattacke, als sie mich an ihre Brust drückte. Ich hasste es, wenn sie mit spanischen Kosenamen um sich warf. Obwohl sie seit vielen Jahren auf Mallorca lebte, beherrschte sie die Landessprache fast nicht.
   Mein Schwiegervater schlug mir freundschaftlich auf den Rücken. »Gordita, Dickerchen, das passt ja! Das Mädel sieht so aus, als hätte sie schon wieder ‘nen Braten in der Röhre, nicht wahr, Tilla?« Er lachte röhrend.
   Einatmen! Nicht vergessen, auszuatmen.
   Sie sahen genauso aus wie das letzte Mal, als ich sie gesehen hatte. Ihre Haut hatte den Status braun gebrannt deutlich überschritten. Sie ähnelte eher zerknittertem Backpapier, das man bei zu starker Hitze zu lang im Ofen gelassen hatte. Gekleidet waren sie im Partnerlook. Weiße Polohemden mit passenden Shorts. Ein irritierender Anblick mitten im kalten Dezember-Deutschland.
   »Wo ist denn der kleine Hosenscheißer?« Tilla stürmte an mir vorbei und blickte suchend durch jede Tür.
   »Was glaubst du, Mimi? Meint sie Felix oder Nils?« Paul grunzte lachend.
   »Mama?« Der größere der beiden Hosenscheißer kam soeben die Treppe herunter und wurde sogleich mit einer innigen Umarmung bedacht.
   Tilla war eindeutig das emotionale Gegenteil meiner Mutter.
   »Nille, mein Großer! Du bist ja so hager geworden. Bekocht Mimi dich nicht ordentlich?« Mit besorgtem Blick griff sie ihm zuerst an den Bauch und dann an die Wangen. Ich fand nicht, dass er besonders abgemagert aussah. Wie auch? Bei den vielen Pizzen und Nudeln, die wir uns vom Bestellservice liefern ließen! Und wieso war es überhaupt meine Aufgabe, dafür zu sorgen, dass Nils gut genährt ausschaute? Er war schließlich ein ausgewachsenes Menschenkind. Mal ganz davon abgesehen, dass er besser kochen konnte als ich.
   Paul legte den Arm um meine Schulter. »Wo ist denn deine Frau Mutter? Sie hat versprochen, uns ein ordentliches deutsches Mittagessen zuzubereiten, wenn wir kommen.«
   Ich war versucht, ihm vorzuschlagen, dafür dann zu ihr zu fahren. Welcher kosmischen Fügung hatte ich es eigentlich zu verdanken, dass ich nun, statt wie gewünscht allein mit Mann und Kind, neben meiner Mutter zusätzlich noch meine Schwiegereltern ertragen musste? »Ich kann mir vorstellen, dass es nicht lang dauert, bis sie hier auftaucht.« Konnte ich bei ihrer derzeitigen Frequentierung unseres Hauses wirklich nicht!
   Nils stand nach wie vor etwas verdattert im Flur. Er ließ sich an den bierfassähnlichen Bauch seines Vaters drücken, als Felix sich lautstark meldete.
   »Euer Enkelsohn ist wach. Ich hole ihn.«
   »Ach, was. Ich komme gleich mit.« Tilla hakte sich bei mir unter und so eierten wir dann nicht ganz im Gleichschritt zusammen die Treppe nach oben.
   Ich hob Felix aus seinem Beistellbett und im selben Moment wurde er mir bereits entrissen. Wie ich es hasste, wenn das geschah.
   »Da ist ja el bebé. Und was für ein Mops. Du bekommst im Gegensatz zu deinem Papa wohl mehr zu essen!« Tilla lachte grunzend.
   Felix war vor lauter Schreck tatsächlich verstummt.
   »Braucht er eine neue Windel? Ich habe so lang kein Baby mehr gewickelt. Darf ich es machen, bitte, bitte?«
   Ich unterdrückte ein Seufzen. »Tu dir keinen Zwang an.« Ich führte sie ins Kinderzimmer, wo der Wickeltisch stand.
   Behände hatte sie ihren Enkelsohn ausgezogen. Sie stellte sich deutlich geschickter an als ich. Vielleicht war es beim Wickeln wie mit dem Fahrradfahren. Was man einmal gelernt hatte … Als sie die Windel öffnete, warf ich direkt eine Mullwindel über den nackten Schniedel.
   »Glaubst du, er schämt sich, oder wieso machst du das?« Es folgte ein erneuter tierischer Lachgrunzer.
   »Vertrau mir einfach. Ich wurde diese Woche schon mehrfach angestrullert. Sobald sein bestes Teil Frischluft wittert, legt er los.« Ich hatte das Wickeln diesbezüglich perfektioniert, nachdem mein Sohn mich, den Fußboden und auch sich im hohen Bogen bewässert hatte. Das Prozedere sah folgendermaßen aus: Popo in Blitzaktion säubern, Schniedel abdecken, dann erst die Windel auseinanderfalten, unter den Po schieben, Tuch wegziehen und Windel umklappen. Fertig und trocken geblieben. Aber falls meine Schwiegermutter der Meinung war, sie wüsste es besser als ich, bitte sehr!
   »Ach Quatsch. So genau kann ein kleines Kind das doch nicht steuern.« Mit diesen Worten zog sie die Mullwindel weg und Felix pieselte seiner Oma zielsicher ins Gesicht. Treffer! Versenkt!
   Wenn das mal keine Pinkelparty war!

An: c.meyerhofen@web.de
Abs.: miamia@planettel.com
Betreff: Auswandern

Hey Caro!

Wie läuft der neue American Way of Life? Hast du schon die 5th Avenue im Big Apple unsicher gemacht?
   Ich wäre jetzt gern bei dir. Das Platzangebot bei uns hat sich radikal verschlechtert. Nils’ Eltern sind hier eingefallen. Wusstest du, dass fast dreiviertel aller Männer jenseits der fünfzig an einer vergrößerten Prostata leiden? Mein Schwiegervater hat uns beim Abendessen ausführlich über sein nächtliches Wasserlassen informiert.
   Auswandern scheint mir plötzlich eine recht erstrebenswerte Idee!

Kuss
Mia


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