Sanne gehts gut: Endlich ist ihr Zeichenatelier fertig, die Schwiegereltern wohnen wieder im eigenen Haus und mit den beiden Kindern und ihrem Mann läuft es prima. Doch dann häufen sich die Ereignisse. Schwiegermama freut sich darauf, ihren siebzigsten Geburtstag in Sannes Haus zu feiern. Fortan beherrscht der große Tag das Leben der gesamten Familie. Dass die Zahl der geladenen Gäste täglich wächst, ist noch zu verschmerzen. Schwiegerpapa Matthias jedoch, der in dem Trubel immer ungehaltener wird, bereitet Sanne Sorgen. Plötzlich taucht auch noch Sannes kleine Schwester mit Kind und Hund auf, nistet sich bei ihr ein und fordert Aufmerksamkeit. Und Sannes Mutter? Sie hat nichts anderes im Kopf als ihren neuen Lebensgefährten. Sanne flüchtet, indem sie ein virtuelles Tagebuch im Internet beginnt – sie bloggt. Natürlich muss sie auch ihre Illustrationen fristgerecht abliefern. Bald entgleitet ihr die Kontrolle über das Familienchaos. Wie soll sie da noch Zeit für die Liebe finden?

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ISBN: 978-9963-52-751-9

Seiten: 316

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Angelika Lauriel

Angelika Lauriel
Angelika Lauriel, geboren im Saarland, studierte Übersetzen/Dolmetschen Englisch und Französisch. Während des Studiums und danach lebte sie zeitweise in Frankreich, England und Italien. Mit dem Schreiben begann sie, als ihre drei Söhne aus den Windeln herausgewachsen waren. Seit sie mit dem Schreibvirus infiziert ist, kann sie nicht mehr davon lassen. Seit 2010 wird Angelika Lauriel veröffentlicht. Ihre Bibliographie umfasst mittlerweile sieben Titel: „Schüssel mit Sprung“, Mom-Lit bei bookshouse 2014 „Genießen in Saar-Lor-Lux. 66 Lieblingsplätze und 11 Genusstipps“, Reiselesebuch bei Gmeiner 2014. „Der Tod steht mir nicht“, Chicklitkrimi bei Gmeiner 2014. „Bei Tränen Mord“, Chicklitkrimi bei Gmeiner 2012. „Frostgras“, All-Age bei Schwarzkopf & Schwarzkopf 2013. „Double crime/Doppeltes Verbrechen“, deutsch-französischer Kinderkrimi bei Langenscheidt 2011. „Le secret du bunker/Das Geheimnis des Bunkers“, deutsch-französischer Kinderkrimi bei Langenscheidt  2010 und 2013 Angelika Lauriel über sich selbst: „Ich schreibe, seit ich einen Stift halten kann.“ Das wäre schamlos gelogen. Ich habe immer vom Schreiben geträumt, aber lange nicht damit angefangen. Wieso eigentlich? Erst, als es in meinem Leben hoch herging, ließen sich die Szenen aus meinem Kopf nicht mehr vertreiben, ich setzte mich hin - völlig ohne Plan - und schrieb sie endlich auf. Schnell hintereinander entstanden so zwei Fantasy-Romane für Jugendliche. Sie schlafen auf meiner Festplatte einen Dornröschenschlaf. Danach kam Struktur in mein Schreiben (durch viel Arbeit, ja), trotzdem verlor und verliert es nie seine Faszination und seine Magie für mich. Wenn der Schreibflow mich erfasst, dann kann und will ich nicht mehr aufhören. So wurde aus dem Schreiben ein Lebenselixier. Ich schreibe, also bin ich.

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Leseprobe

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... oder sofort „hineinschnuppern“

1
Alles neu

»Mama-a?«
   »Hm?« Verschlafen öffne ich ein Lid und sehe das Gesicht meiner Tochter in Übergröße
   vor mir. Sie genießt es in den Sommerferien, morgens zu mir ins Bett zu kriechen, bevor sie in die Welt der Großen startet und eingeschult wird.
   »Ich weiß jetzt, wer von euch beiden älter ist!«
   Hä?
   Meine Gehirnwindungen sind nach den anstrengenden drei Wochen, die ich bis vor Kurzem mit meinen Schwiegereltern verbringen musste, noch ziemlich verkatert und erfassen nicht, was mein Mausezähnchen meint. »Von uns beiden? Wen meinst du?«
   »Na, dich und die Oma natürlich.«
   Ich stöhne. Hatten wir das Thema nicht schon mal? »Und, wer ist es?«
   »Die Oma. Die hat nämlich so ein Schlabberkinn.«
   Ich pruste und öffne endlich beide Augen, ziehe meine Tochter an mich heran, um ihren Honigduft zu inhalieren. »Lass das lieber nicht die Oma hören, okay?«, murmle ich in ihr zerzaustes Haar.
   »Welche?«
   »Ähm … beide. Welche hast du denn eben gemeint?«
   »Deine Mama natürlich, Oma Hilde. Aber weißt du …«, sie schiebt einen Arm unter meinen Hals und zwirbelt mit der anderen Hand eine meiner Locken um den Finger. »Die Oma Rosemi hat auch so einen Schlabber am Kinn. So erkenne ich jetzt immer, ob jemand schon uralt ist oder nur alt … wie du.«
   Mit einem Knurren schiebe ich sie von mir weg. »Na, vielen Dank. Du bist wirklich die charmanteste Tochter, die man sich nur wünschen kann.«
   Lina kichert. Aha! Ich ahnte schon, dass sie längst nicht mehr so unbedarft-unschuldig ist, wie sie sich immer gibt. Immerhin geht meine süße Kleine in einigen Tagen in die Schule. Kurz zieht sich mein Mutterherz zusammen. So schnell werden sie groß! Aber mein Illustratorinnenherz jubelt auf: So schnell werden sie groß! Die Kinder werden in Zukunft beide morgens um halb acht aus dem Hause sein.
   Keanu, mein Ältester, muss sogar noch früher los als Lina, weil er zum Gymnasium in die Stadt fährt. Ich schlucke. Achte Klasse! Mein Sohn, den ich doch vor Kurzem erst gestillt und gewickelt habe, kommt jetzt schon in die Mittelstufe. Das war damals, als Axel ihn mir im Krankenhaus in den Arm legte, noch Äonen weit weg. Jetzt ist er mir längst über den Kopf gewachsen – seiner Ansicht nach in mehrfacher Hinsicht. Das zeigt mir sein übliches Stöhnen, als ich ihn etwas später beim Tischdecken frage, wann er den Schlafanzug aus- und die Arbeitskleidung anziehen will. Es ist immerhin schon fast elf Uhr.
   »Boah, Mam, ich habe Ferien! Jetzt chill mal!«
   Uff, immer diese neuen Formulierungen. In letzter Zeit benutze ich sie selbst, wie ich immer öfter bemerke. Statt »diffamieren« sage ich nur noch »dissen«, und »gechillt« hat in meinem Kopf »entspannt« schon fast verdrängt. Dabei weiß ich noch allzu gut, wie ich es damals als Jugendliche verabscheute, wenn mein Vertretungsvater – seit ich weiß, dass Manfred mein leiblicher Vater ist, habe ich Schwierigkeiten, die beiden im Kopf richtig zu betiteln – sich mit mir verglich und sich allen Ernstes als »Popper« bezeichnete, ohne auch nur die geringste Ahnung zu haben, was einen Popper ausmachte. Heutzutage ist mir diese Episode meiner Jugend peinlich, und ich versuche, die Erinnerung daran zu verdrängen. Der lange Pony mit Seitenscheitel hat bei mir eh nie richtig gelegen, weil sich meine Haare trotz all meiner verzweifelten Versuche, sie zu glätten, widerspenstig kringelten. Damals fand man noch keine guten Glätteisen in den Läden.
   Wie auch immer, die Arbeitshose, die wir Keanu vor zwei Wochen gekauft haben, damit er nicht sämtliche Jeans und Jogginghosen beim Renovieren versaut, hasst er. Am ersten Tag fand er sie noch cool, aber inzwischen assoziiert er nur Arbeit damit. Was letztendlich auch der Sinn einer solchen Hose ist, wenn wir ehrlich sein wollen.
   »Kee, wie du weißt, darfst du dir, wenn wir fertig sind, zur Belohnung einen Tablet-PC aussuchen.«
   »Pah, den kriege ich eh erst zum Geburtstag. Ich kapiere nicht, wo da der Zusammenhang zu eurem blöden Umbau ist. Den braucht kein Mensch.«
   »Hm …« Wie mache ich diesem widerwilligen Halbstarken klar, was wir ihm schon seit Wochen zu vermitteln versuchen? »Du hast doch miterlebt, wie das war, als Opa Matthias und Oma Rosemarie für ein paar Wochen hier wohnten …«
   Er verdreht die Augen. »Mam, der alte Herr ist nicht in der Nähe, du kannst ruhig die Abkürzungen benutzen.«
   »Schon gut, also Opa Matz und Oma Rosemi mussten ja im Gästezimmer schlafen.«
   »Logisch, dazu ist so ein Gästezimmer da.«
   Lina kichert, enthält sich aber jeden Kommentars und stopft sich mit Cornflakes voll.
   Ich nippe an meinem Kaffee. »Schon, aber du weißt nur zu gut, dass ich das Gästezimmer davor als Atelier benutzt habe, weil dort das große Fenster zur Südseite geht.«
   Keanu nickt kauend. »Klar weiß ich das.«
   »Aber du begreifst nicht, wie sehr ich ein Atelier brauche, oder?«
   Tatsächlich ist Keanus Begeisterung für meinen Beruf schon wieder abgeflaut, die vor einigen Wochen kurz aufflackerte, als er für mich eine letzte Illustration malte, während ich im Krankenhaus lag. Bei der Aktion half er mir sehr aus der Patsche, inzwischen belächelt er meine Kinderbuchbilder eher. Er muss cool sein, versuche ich immer, mir einzureden. Vor mir kann er nicht verbergen, dass er trotzdem am Illustrieren interessiert ist, zumal er offensichtlich mein Talent zur bildlichen Darstellung geerbt hat. Jetzt markiert er allerdings den Desinteressierten. Zugegeben, ein winziges bisschen verletzt mich das. Also muss ich meine Taktik ändern. Er wünscht sich einen super Tablet-PC, und er soll auch einen bekommen, zum Geburtstag. Er hat natürlich recht, so ist es schon längst ausgemacht gewesen, bevor Axel und ich über eine Runderneuerung des Gästezimmers und den Ausbau des Dachgeschosses zu meinem neuen, lichtdurchfluteten Atelier überhaupt nachdachten. Keanu pochte ganz legitim auf sein Recht auf große Ferien, als wir mit unserer Bitte um Hilfe beim Renovieren an ihn herantraten. Um ihn trotzdem für die Arbeit im Hause zu begeistern, kam ich auf die glorreiche Idee, den Tablet-PC, den er zum Geburtstag bekommen sollte, als Trumpfkarte einzusetzen. Arbeitet er gut mit, winkt ihm der Porsche unter den Tablets, verweigert er sich, bleibt ihm die Nuckelpinne, sozusagen. Die Karte spiele ich jetzt natürlich aus.
   »Tja, du kannst selbst entscheiden – entweder du hilfst mit und suchst dir deinen Wunsch-Tablet-PC aus oder du lässt es bleiben und bekommst den, den ich dir aussuche. Und du weißt, die Rache einer verschmähten Mutter ist fürchterlich …«
   Ich lächle süffisant und beiße mit Genuss in mein Brot. Hm, wie der Quark und die Marmelade auf meiner Zunge zergehen, während der missmutig Knurrende seine Waffen streckt und die Hose von der Rückenlehne seines Stuhls angelt, um sich meinem Willen zu beugen.
   »Ich will auch helfen, Mama!« Lina verzieht den Mund zu einem niedlichen Flunsch.
   »Ich weiß, Mäuslein. Sieh mal, was wir bisher geschafft haben, war einfach noch keine Arbeit für ein kleines Mädchen wie dich.«
   Sie funkelt mich an. »Ich bin kein kleines Mädchen, ich gehe bald in die Schule!«
   Lina freut sich auf die Schule, und vor allem fiebert sie dem Tag entgegen, an dem sie ihre selbst gebastelte Piratenschultüte mit sich herumtragen darf. Die musste ich vor ihr in Sicherheit bringen. Wir hatten Mühe, sie im Kindergarten genau nach Linas Vorstellungen zu basteln. Schon nach wenigen Tagen verloren die ersten Piraten ihre Kopftücher oder Augenklappen und wirkten auf einmal gar nicht mehr finster. Lina war kreischend zu mir gekommen, und ich machte ihr mit tröstenden Worten klar, dass eine Schultüte eben für den ersten Schultag gedacht sei und sich zum Transportieren von Spielsachen aller Art nur bedingt eignete. Sie zeigte zum Glück Einsehen, nachdem wir alle verloren gegangenen Einzelteile gefunden und wieder an Ort und Stelle angepappt hatten. Jetzt liegt die Tüte unberührt auf ihrem Regal, sodass sie sie jederzeit bewundern kann.
   Ich zwinkere ihr zu, während Keanu sein Frühstück verdrückt, als befürchte er, heute nichts mehr zu essen zu kriegen. Er trägt jetzt den Blaumann … Habe ich schon erwähnt, dass er mir längst über den Kopf gewachsen ist und ganz und gar nicht mehr wie ein knapp Dreizehnjähriger aussieht?
   »Linamaus, du kannst mir morgen beim Streichen im Atelier helfen.« Das sage ich zwar nicht mit echter innerer Überzeugung, weil ich mir das Chaos lebhaft vorstellen kann, das sie verursachen wird, wenn sie Malerpinsel und Farbe zu ihrer freien Verfügung hat, aber mein Herz erträgt ihre große Enttäuschung sonst nicht. Das Gästezimmer muss nach der Renovierung den Ansprüchen meiner peniblen Schwiegermutter und ihres nicht weniger peniblen Gatten, des Deutschlehrers a. D., voll und ganz genügen.
   In meine Gedanken hinein, mit welchen Farben ich das Atelier streichen will, schrillt das Telefon. Lina und Keanu rennen um die Wette. Der Größere gewinnt natürlich. Seltsam, in letzter Zeit will er immer als Erster rangehen. Früher hat ihn das Telefon nicht interessiert.
   »Hallo? Äh, Keanu. Ach Opa, du erkennst mich doch an der Stimme …«
   Keanu kommt mit dem Hörer unseres neuen, schnurlosen Telefons am Ohr in die Küche, deutet eine Bewegung wie mit einer Handkurbel an und grinst schief. Schon klar, wer da dran ist. Jemand, der ihm erst mal sagt, dass er sich mit seinem ganzen Namen melden soll. Mein Vater, Manfred, – dem er mit diesem schiefen Grinsen wieder mal verblüffend ähnlich sieht – wird das kaum sein, sondern der andere Opa. Der Deutschlehrer a. D., dem zuliebe wir den nervigen Umbau des Gästezimmers auf uns genommen haben. Er war es, der mehr oder weniger dezent einen neuen Anstrich forderte und nebenbei erwähnte, wie klug man diese Gelegenheit nutzen könne, um einen Wasseranschluss herüberzulegen. Schließlich könne man ein älteres Ehepaar nicht nötigen, sich gemeinsam in ein kleines Bad zu drängen, und die Treppe zum Familienbadezimmer im oberen Stockwerk sei im Grunde unzumutbar. Ich hätte beinahe laut aufgelacht. Als ob Opa Matz nicht jede Gelegenheit genutzt hätte, um oben genauso wie unten im Keller »nach dem Rechten« zu sehen! Nicht mal unser Schlafzimmer hat er ausgespart. Wobei ich eingestehen muss, er tat das nicht aus Bosheit oder Neugier, sondern aus einer unschuldigen Ignoranz heraus. Seine Frau Rosemarie hat hingegen aus Gutmütigkeit mein gesamtes Haus vom Keller bis zum oberen Stock gründlich auf den Kopf gestellt, geputzt, aufgeräumt und »verschönert«, als ich die paar Tage im Krankenhaus lag. Na ja, geistig wische ich mit der Hand durch die Luft. Schnee von gestern. Axel stimmte seinem Vater zu, eine Renovierung könne nicht schaden, und mich überzeugte er natürlich sofort mit der Idee des Ateliers unterm Dach.
   Dieser Opa, Matthias Weiler, muss jedenfalls gerade am anderen Ende der Leitung sein. Ich mache Keanu ein Zeichen, damit er mit seinem respektlosen Gestikulieren aufhört, und übernehme den Hörer, nachdem er »Gut Opa, nächstes Mal melde ich mich richtig« gemurmelt hat.
   »Susanne Weiler, schönen guten Morgen, Matthias, was gibt es denn?« Die korrekte Begrüßung ist ihm wichtig; so viel Zeit muss sein.
   »Ach, guten Morgen, Schwiegerkind. Ich habe Keanu gesagt, es gehöre sich nicht, sich nur mit Hallo zu melden. Sag du ihm das bitte auch noch einmal.«
   Keanu feixt, anscheinend sieht er meinem Gesichtsausdruck an, wie das Gespräch beginnt.
   Ich schiele zur Zimmerdecke. »Mache ich. Gibt es einen Grund, weshalb du anrufst?«
   »Also deine Schwiegermutter ist gerade zum Einkaufen, deshalb wollte ich mit dir reden. Sag mal, ist dir auch aufgefallen, wie nervös sie in letzter Zeit wirkt? Es wird immer schlimmer.«
   »Hm, nein, eigentlich nicht.« Oma Rosemi war ein wenig geknickt, als sie mit ihrem Mann wieder ins eigene Haus ziehen musste, nachdem dort alles fertig war. Glücklicherweise erholte sie sich schnell und pflegt nun ihre Kontakte zu ihren Freundinnen, dem Chor und der Patchworkgruppe wieder. Ich habe sie in den drei Wochen, die sie bei uns wohnte, wirklich lieb gewonnen, trotz ihrer fast krankhaften Putzsucht. Sie hat es nicht immer leicht mit ihrem etwas despotischen Mann. Aber auch ihn habe ich durch die gemeinsamen Wochen erst richtig kennengelernt, und ich schätze sein wahres Wesen sehr. Schade, dass er es so selten hervorblitzen lässt.
   »Die Frau raubt mir manchmal den letzten Nerv.« Nanu? Solche Worte bin ich vom politisch korrekten Matthias nicht gewohnt.
   »Wieso das? Was macht sie denn?«
   »Sie ist ständig in der Stadt zum Bummeln, und wenn sie nach Hause kommt, klagt sie darüber, wie sehr die Arbeit sie anstrengt. Außerdem verlegt sie meine Sachen. Nichts ist mehr dort, wo es früher war.«
   »Matthias, ihr habt euer Haus gerade erst komplett renoviert. In neuen Schränken sucht man erst mal. Rosemi …«, rasch korrigiere ich mich, »ich meine Rosemarie hat alles neu einräumen müssen. Wirklich, es ist normal, dass man sich nicht erinnert, wo man jedes einzelne Teil hingelegt hat.«
   Er hustet kurz und entschuldigt sich dafür, bevor er weiter spricht. »Meinst du?«
   »Natürlich. Was macht deine Grippe?«
   Wieder hustet er kurz. »Ich fürchte, es geht gerade erst richtig los. Sommergrippen sind wirklich die Schlimmsten. Mit Kopfweh, Verspannung im Nacken, das volle Programm.«
   »Das tut mir sehr leid. Hast du denn Medizin zum Einnehmen?«
   »Ja, ja, wir haben alles da. So eine Grippe braucht ihre Zeit, daran kann man nichts ändern. Aber dieser steife Hals ist wirklich lästig.«
   »Willst du nicht zum Arzt gehen?«
   »Nein, das ist nicht nötig.«
   »Wie du meinst.« Diese Haltung hat Axel von seinem Vater übernommen.
   »Was ich dir noch sagen wollte, liebes Schwiegerkind, mir hat es bei euch so gut gefallen … Ich bin richtig froh über euren Entschluss, das Gästezimmer auszubauen. So haben wir bald eine Anlaufstelle.«
   Ähm … Was für Anwandlungen hat er denn jetzt? Immerhin wohnen die beiden in der nächsten Stadt, es ist nur eine Fahrt von zwanzig bis dreißig Minuten, je nach Tageszeit und Berufsverkehr. In meinem Kopf wird irgendwo eine neuronale Verknüpfung aktiviert, allerdings so subtil, dass ich nur davon ahne und das leichte Unwohlsein beiseite wische, das sie mit sich bringt.
   »Ja, es war schön, euch hier zu haben«, höre ich mich sagen, während Keanu, der sein restliches Frühstück verspeist, mir entgeistert einen Vogel zeigt. Ich schlucke. Letzten Endes habe ich wirklich Glück gehabt, dass sie da waren. Es bedeutete einerseits Stress pur, andererseits haben wir uns erst in dieser Krisenzeit wirklich kennengelernt. Für Keanu gilt das ebenfalls, selbst wenn er es anfänglich mit dem Deutschlehrer a. D. am schwersten hatte. Linamaus hat ihrerseits die Zeit mit den Großeltern in geradezu salomonischer Gelassenheit genossen. Von ihr könnte ich wahrscheinlich noch einiges lernen.
   Ich höre am anderen Ende der Leitung ein Schlucken. Erstaunt identifiziere ich es als eine gerührte Reaktion und bin froh, diese Worte gesagt zu haben. Trotzdem kann ich es mir nicht verkneifen, noch etwas hinzuzufügen in der Hoffnung, keine falschen Vorstellungen zu wecken. »Aber vorerst wird das ja nicht nötig sein. Euer Haus ist wunderschön geworden, ihr fühlt euch sicher pudelwohl.«
   Er räuspert sich. »Schön ist es durchaus … Ich kann mich nur nicht an das Suchen gewöhnen. Gerade eben habe ich etwas gesucht – was war es gleich? … Ach, Rosemarie kommt, ich muss auflegen. Tschüss!«
   Klick, hat er aufgelegt. Ich drücke auf die Taste und starre das Telefon an. Was war an diesem Anruf so merkwürdig? Er lässt mich mit einem winzigen Unbehagen zurück, das ich nicht näher bestimmen kann. Opa Matz hat nie »Tschüss« als Abschiedsfloskel benutzt … Ach, was solls. Er ist nicht mehr der Jüngste. Vielleicht weicht er die Verkrustungen seiner Korrektheit langsam doch noch auf.
   »Mami, wann darf ich dir denn im Atelier helfen?«
   »Sobald wir das Gästezimmer eingeräumt haben, machen wir uns an die Arbeit, versprochen!«
   Keanu hat sich leicht geduckt und schielt mich aus dem Augenwinkel an wie ein Hund, der etwas angestellt hat. Es wirkt so wie damals in der Schule, wenn wir Schüler uns vor dem Lehrer am liebsten unsichtbar machen wollten.
   »Hilfst du mir bitte mit den Möbeln, Kee?«, wende ich mich trotzdem an ihn.

Wir haben gestern gründliche Vorarbeit geleistet. Das große Bett, das mit einer Plastikplane bedeckt mitten im Raum stand, während wir die Wände anstrichen, mussten wir zurück an die Wand schieben. Ich habe mir dabei nur leicht den Rücken gezerrt, und Keanu hat überhaupt keine Blessuren. Den neuen schwedischen Unterschrank für das Waschbecken haben wir im Zimmer zusammengebaut, das hat prima funktioniert. Der riesige Schlafzimmerschrank und die Kommode stehen noch im Flur, die müssen wieder ins Gästezimmer hinein. Diese wirklich schweren Teile hatten wir erst mal stehen lassen in der Hoffnung, Axel würde bald Zeit finden, sich darum zu kümmern.
   Tja, anscheinend geht es in der Firma gerade hoch her. Die scheinen auf meinen Mann einfach nicht verzichten zu können. Ständig ist er unterwegs, kommt erst spät oder gar nicht nach Hause. Ich weiß wirklich nicht, wann er zum letzten Mal so viele Termine in anderen Städten hatte. Dagegen war sein Indien-Trip eine Kleinigkeit. Von dem wussten wir wenigstens früh genug Bescheid … Gut, er wusste früh genug Bescheid, mir sagte er es erst, nachdem längst feststand, dass seine Eltern genau dann für drei Wochen bei uns wohnen würden.
   Ich seufze – unisono mit Keanu, worauf wir uns angrinsen und einträchtig zum Gästezimmer dackeln, Lina biegt ab und läuft die Treppe hoch zu ihrem Zimmer. Wenigstens habe ich das Gefühl, meinem mir entwachsenden Sohn wieder näher zu sein, auch wenn ich nicht begreife, was in ihm vor sich geht. Muss eine Mutter verstehen, wohin sich ein Dreizehnjähriger in der Pubertät entwickelt?
   Im Flur stehen die exakt zwei Meter hohen Teile des Kleiderschranks. Ich sehe daran entlang und in Keanus Gesicht, der fragend die Brauen hebt.
   »Tja, Mam, die sind ein bisschen höher als du. Willst du das wirklich ohne Paps versuchen?«
   Hm, immerhin ist er selbst schon deutlich an der Zwei-Meter-Grenze, womit sein Abstand zur Oberkante der sperrigen Holzteile bei Weitem nicht so groß ist wie meiner.
   »Traust du dich nicht?«, frage ich.
   »Ich schon … aber du musst am anderen Ende angreifen, und für Zwerge war der Schrank nie ausgelegt.« Er kichert.
   Ich gehe am Kleiderschrank vorbei zur ebenfalls auseinandermontierten Kommode. Welch ein Glück, dass unsere Möbel allesamt massive Schreinerarbeit sind. Dafür hat mein Vertretungsvater – also derjenige, den ich fast vierzig Jahre für meinen Paps hielt – gesorgt, als Axel und ich heirateten. Paps war im Herzen ein Schreiner, auch wenn er seinen Beruf in einem Büro im Rathaus ausübte. Er hat Holzarbeiten geliebt. Meinen Zeichentisch hat er damals gebaut, und da wir uns auf sein Urteil verlassen konnten, war es mir wichtig, die Möbel für Axel und mich gemeinsam mit ihm auszusuchen. Ich nehme die Kommode nochmals ins Visier. Die ist nicht so hoch … Und die einzelnen Schubladen entsprechen gerade noch meiner Gewichtsklasse. Ach, welch eine Erleichterung, wenn die Möbel endlich wieder aus dem Flur verschwinden.
   »Komm, lass uns mit der Kommode anfangen. Die schaffen wir.«
   »Okay.« Keanu nimmt die beiden Seitenteile und trägt sie ins Gästezimmer, ohne zu murren. Beinahe sieht es aus, als mache ihm die Arbeit Spaß. Komisch.
   Eine halbe Stunde später fluche ich darüber, dass wir den Korpus der Kommode überhaupt auseinandergeschraubt haben. »Warum waren wir nur so bescheuert? Wir hätten doch die gesamte Kommode in den Flur stellen können.«
   »Nee, da stand schon der große Schrank. Die Kommode passte nicht hinein.«
   Typisch. Er weiß es immer besser.
   Ich schnaube, während ich mich abmühe, das Seitenteil weiter senkrecht zu halten, damit Keanu es an der Rückwand festschrauben kann. Welcher Idiot hat damals nur diese Massivholzmöbel angeschafft?
   »Dann hätten wir den Schrank eben in den Keller tragen müssen.«
   Keanu mustert mich, die Augen zusammengekniffen, sodass ich sofort wieder an meinen echten Vater Manfred denken muss, und legt einen »Typisch-Frauen«-Ausdruck in seinen Blick. »Da unten steht dein Maltisch. Und das ganze Chaos, das du dort angerichtet hast, bevor Oma und Opa zu uns kamen, ist ebenfalls noch nicht wieder zurückgebaut.«
   Ich puste mir eine nervige Locke von der klebrigen Stirn. »Pah!«
   »Oma Rosemi hat echt versucht, Ordnung zu schaffen, aber die Sachen wegzuschmeißen, die keine Sau mehr braucht, das hat sie sich nicht getraut. Da hat sie zu große Angst vor dir.«
    Ich glaube, ich höre nicht richtig! »In dem Ton hast du nicht mit mir zu reden, junger Mann!«
    Er stöhnt. »Mam, mein Ton war völlig in Ordnung. Dich stört viel mehr der Inhalt. Halt fest«, ruft er und dreht am unteren Ende die nächste Schraube ein.
   Eine Sekunde schweige ich beeindruckt. Das Grinsen, das sich bei meiner fehlenden Antwort auf sein Gesicht stiehlt, erinnert mich jedoch daran, wie wichtig eine schlagfertige Antwort ist, sonst stehe ich hier auf verlorenem Posten. »Äh …«
   Er lacht auf.
   Wenig später haben wir es geschafft: Beide Seitenteile, Oberteil und der Boden sind an der Rückwand montiert, im rechten Winkel und auf den richtigen Seiten. Wir gehen in den Flur, um die restlichen Teile zu holen. Mit einem betonten Blick in Keanus Richtung kicke ich seine Schuhe zur Seite, die er wie immer mittendrin hat liegen lassen, und greife nach der untersten Schublade, er nimmt sich die anderen beiden.
   Keanu grinst. »Mam, mich hat Oma Rosemis Putzfimmel tierisch genervt, das weißt du. Aber im Keller war definitiv kein Platz, um die Möbel abzustellen. Deshalb haben wir die Kommode auseinandergelegt, genau wie den großen Schrank.«
   Das Klingeln des Telefons bewahrt mich davor, eine passende Antwort zu suchen. Keanu geht zurück ins Gästezimmer, um die Kommode fertig zu bauen, wofür ich ihm wirklich dankbar bin.
   »Weiler?«, melde ich mich.
   »Lina, bist du das, mein Schatz?« Zunächst erkenne ich die Stimme gar nicht, die Frau scheint schwer an den Polypen erkrankt zu sein. Erst während sie die Nase hochzieht, blitzt die Erkenntnis auf, denn dieses Geräusch ist mir aus meiner frühesten Kindheit vertraut.
   »Nein, Moni, hier ist Sanne.«
   »Ach, du bist es, umso besser.« Meine Schwester hört sich grauenvoll an. Sofort zieht sich mein Magen zusammen. Da ist was passiert. Mama? Ihr kleiner Sohn Tim? Gunnar, ihr Mann?
    »Was ist denn, Moni, geht es dir nicht gut?«, frage ich gepresst.
   Sie heult los, und ich verstehe nur einzelne Worte: »Furchtbar … so schlimm … Tim … Gunnar, der … nur tun?« Sie hechelt beim Heulen immer noch wie früher, so wie man es von kleinen Kindern kennt. Ich kann mir auf das, was sie zusammenstammelt, keinen Reim machen. Wie bei Lina, muss ich sie dazu bringen, ruhig zu sprechen.
   »Moni, jetzt noch mal von vorn, ich habe dich nicht verstanden. Versuch, gleichmäßig zu atmen.« Das Hecheln hört auf, ihr Atem beruhigt sich.
   »So, probiers noch mal, Schwesterherz. Alles wird gut.«
   »Gunnar, der Arsch!«
   »Was ist passiert? Hat er dich etwa sitzen lassen?«
   »Quatsch, das doch nicht! Aber er ist schon wieder weg, ich weiß nicht wo, Tim tanzt mir auf der Nase herum, und der Kaffeeautomat hat den Geist aufgegeben!«
   Ich spüre, wie die Übelkeit, die ihr erster Ausbruch in mir auslöste, nachlässt. »Moni? Was ist das mit Gunnar und dir? Was heißt, er ist weg?«
   »Na, der muss jetzt immer öfter auf diese beschissenen Lehrgänge, Managementseminare oder so’n Scheiß.«
   Ich zucke. Meine kleine Schwester hat früher schon mit diesen unflätigen Wörtern um sich geworfen, wenn sie sich in ihren Nesthäkchenärger hineinsteigerte. Insbesondere, wenn sie ihrer Ansicht nach zu wenig Aufmerksamkeit bekam. Dass ich nicht lache! Zu wenig Aufmerksamkeit … Ich als Sandwichkind hatte es viel schwerer als sie, bloß glaubt mir das keiner.
   »Moni, geht es vielleicht zur Abwechslung ohne Fäkalsprache?« Innerlich zucke ich schon wieder zusammen, dieses Mal wegen meiner Ausdrucksweise. Ich höre meinen Schwiegervater heraus. O Graus, ich werde meinen Mund mit Seife auswaschen müssen. Reden wie der Deutschlehrer a. D.: Das geht gar nicht!
   »‘Tschuldige«, murmelt Moni. »Ich bin ein bisschen durch den Wind. Tim probt den Zwergenaufstand, weil er unbedingt jetzt schon in den Kindergarten will, dabei wird er im Oktober erst drei.«
   »Na ja, das ist in wenigen Wochen, Moni. Hast du mal nachgefragt, ob er früher kommen kann?«
   »Gunnar hat das getan«, faucht sie. »Der Kleine hat das mitgekriegt. Jetzt muss ich mir jeden Morgen das Geschrei anhören.« Sie schraubt ihre Tonlage in höchste Höhen, um ihren kleinen Jungen nachzuäffen. »Mami, is will in den Tinderdarten. Is will, is will, is will!«
   Ich schließe die Lider.
   »Wer ist denn dran?« Lina kommt die Treppe herunter, setzt sich neben mich und plappert auf mich ein, während ich den Hörer mitsamt meinem Kopf höher hebe, damit ich aus der Reichweite ihrer Arme komme. Keanu lehnt im Türrahmen zum Gästezimmer und beobachtet interessiert die Szenerie.
   »Moni«, sage ich zu Lina und meiner Schwester gleichzeitig, »die meisten Mütter freuen sich, wenn ihr Kind in den Kindergarten kommt. Du gewinnst Zeit, in der du etwas Sinnvolles machen kannst.«
   »Ach, hör auf. Das sagt jeder. Darauf pfeife ich. Tim ist mein Baby, und ich will nicht, dass er in den Kindergarten zu all den frechen Gören geht!«
   Typisch Moni, sie weiß mal wieder nicht, was sie will. Wenn sie sonst keine Probleme hat …
   »Außerdem habe ich Angst im Haus, so allein.«
   »Was?« Ich lache.
   »Lach nicht. Du weißt doch, was für ein uralter Kasten das ist, in dem wir wohnen. Hast du dir jemals unseren Keller angeschaut? Gunnar, der … Zuerst zwingt er mich, in diese alte Hütte zu ziehen, und dann lässt er mich allein!«
   Die »alte Hütte« ist ein stabiles Bauernhaus, wie man sie in vielen saarländischen Orten findet. Natürlich ist das Haus ein wenig rustikal, aber auf eine bezaubernde, geschmackvoll hergerichtete Art. Mein Schwager Gunnar hat es komplett modernisieren lassen und mit den luxuriösesten Feinheiten ausgestattet, wie Fußbodenheizung, Sauna und Pool. Außerdem ist es nach neuestem Stand der Technik isoliert, alle Fenster sind erneuert, das Dach neu gedeckt und mit einer Solaranlage versehen worden. Kurz und gut, von der alten Hütte können die meisten nur träumen und kaum jemand könnte sie sich leisten. Hier, im Stuttgarter Raum, hat Gunnar nicht bleiben wollen oder können, wegen seiner Arbeit in dem kleinen Bundesland an der französischen Grenze. Wenn ich noch daran denke, wie schwer sich Moni die Entscheidung damals gemacht hat … Die große Liebe heiraten und dafür in das kleine, hinterwäldlerische Bundesland ziehen, von dem man nichts wusste, außer Kohle und Stahl oder im geliebten Ländle bleiben, in oder um Stuttgart herum, und alles an Einkaufsmöglichkeiten finden, was das Herz begehrte? Natürlich fiel ihre Entscheidung zugunsten von Gunnar, und nachdem wir alle die beiden in ihrem Heim besucht hatten, waren auch wir davon überzeugt, dass sie in dem beschaulichen Land sehr wohl glücklich werden konnte. Die Saarländer reden Deutsch, nicht Französisch, an Shoppingmöglichkeiten ist alles vorhanden, die Region ähnelt ein wenig unserem Ländle, und Essen ist dem Saarländer offenbar ein Lebenselixier. Ich habe nirgendwo sonst so gut gegessen wie in Monis neuer Wahlheimat. Bisher hat sie sich nie beklagt, deshalb falle ich aus allen Wolken bei ihren Worten.
   »Schwesterlein, dein Gunnar ist kein Arsch, und das weißt du. Und dass er öfter mal beruflich unterwegs sein muss, war von Anfang an klar. Du bist selbst schon viel gereist für und mit deinem Chef.«
   »Das ist was ganz anderes. Damals hatten wir ja noch kein Kind!«
   »Ach? Heißt das, wenn dein Chef nach deinem Wiedereinstieg in den Job seine wichtigste Sekretärin bittet, für ihn in Deutschland herumzureisen, schlägst du ihm das aus?«
   Sie zieht schniefend die Nase hoch. »Natürlich nicht.« Ihre Stimme nimmt einen träumerischen Klang an. »Waren das noch Zeiten! Überhaupt weiß ich gar nicht, wie ich das auf die Reihe kriegen soll. Gunnar hat schon gesagt, er könne seine Termine kaum mit meinen abstimmen, er muss einfach flexibel bleiben.«
   »Das wusstest du vorher.«
   Sie seufzt. »Sag mal, ihr habt doch jetzt das Gästezimmer renoviert und oben ein Atelier eingerichtet … Da hast du bestimmt im Notfall mal eine Anlaufstelle für mich und Tim, oder?«
   Ich halte erschrocken die Luft an, doch Tim rettet mich unerwartet. Im Hintergrund höre ich seine helle Kinderstimme. »Tim! Hör sofort auf! Lass das! … Sanne, ich muss Schluss machen, Tim hat aus Versehen die Saftkaraffe umgekippt, die Küche ist überflutet …« In meinen Ohren klingelt Monis Geschrei schmerzhaft. Klick, hat sie aufgelegt.
   Keanu ist neben mich getreten. Er muss ihr lautes Kreischen gehört haben. Außerdem hat er wohl mitgekriegt, dass ich bei Monis Frage die Farbe gewechselt habe.
   »Was ist denn mit meiner Tante los?«
   Ich verwuschle nachdenklich meine Haare im Nacken. Sicher reagiere ich mal wieder über, alles ist gut. »Ich weiß auch nicht. Sie klingt ziemlich ungechillt.«
   Lina greift nach meiner Hand und knetet sie mit ihren kleinen Fingern. Sie liebt Moni, aber bei Tim ist sie skeptisch. Das mag daran liegen, dass sie immer die Schuld zugeschoben bekommt, wenn der kleine Sonnenschein etwas anstellt. Moni hält ihren Sohn für das bravste Kind der Welt und alle anderen Kinder für Gören. »Was hat sie denn gesagt, Mami? Kommt sie uns bald besuchen?«
   »Gott behüte. Ich bin froh, wenn wir ein paar Wochen Ruhe haben!«
   Keanu nickt wie ein weiser, alter Mann. »Ich auch. Warum ist Moni denn so ungechillt?«
   »Gunnar ist auf Geschäftsreise, und Tim will unbedingt schon ein paar Wochen eher in den Kindergarten.«
   Lina verkrümelt sich bereits wieder in ihr Zimmer. Keanu zieht die Brauen hoch. »Ist also alles ganz normal, oder?«
   Ich lache. »Schon. Aber der Schweizer Kaffeevollautomat ist auch noch kaputt.«
   »Ach so! Nee, dann ist klar.«
   Ich starre meinen Sohn an. Manchmal ist er mir unheimlich.
   »Ey, wenn sie ihren Kaffee nicht kriegt, verstehe ich alles.« Er grinst dämonisch. »Schließlich ist sie deine Schwester.«
   Ich tue so, als ob ich dem langen Lulatsch eine Backpfeife geben wolle, und kann mir ein Grinsen dabei nicht verkneifen. »Na komm, machen wir den Rest fertig.«
   Er verschränkt die Arme. »Nee du, für heute habe ich Feierabend. Für den großen Schrank brauche ich Paps. Außerdem will ich noch weggehen.«
   Ich sehe auf die Uhr. »Du gehst weg? Wir haben noch gar nicht zu Mittag gegessen. Triffst du dich mit jemandem?«
   Erstaunlicherweise färben sich Keanus Wangen tomatenrot. Aha! Da ist was im Busch, und ich habe es noch nicht mitgekriegt.
   »Äh, ja, ich treffe mich mit ein paar Kumpels.«
   »Dann brauchst du doch nicht so rot anzulaufen …«
   Die Farbe seiner Wangen vertieft sich womöglich noch. »Äh, nein, schon gut. Sag mal, hat die Rektorin sich schon gemeldet?«
   Keanu hat vor Ende des letzten Schuljahres einen Antrag gestellt, in die Parallelklasse zu wechseln. Die Direktorin konnte ihm so schnell nicht sagen, ob das möglich ist, und versprach, weil er bei ihr einen Stein im Brett hat, sie wolle sich noch in den Ferien melden. Wahrscheinlich wird das kein Problem sein, aber man kann sich in Schulangelegenheiten nie wirklich sicher sein. Keanu hat jedenfalls meine Gedanken von dem Treffen mit den Kumpels erfolgreich abgelenkt.
   »Nein, ich habe noch nichts gehört. Sag mal, warum willst du unbedingt aus deiner alten Klasse raus? Im Grunde hast du dich doch mit allen gut verstanden.«
   »Nach der Internetsache fühle ich mich einfach nicht mehr wohl dort. Hoffentlich meldet die Schule sich bald.«
   Die Internetsache passierte vor einigen Wochen, gerade, als in unserem Hause das Schwiegerelternchaos am größten war. Keanu war in eine Cybermobbinggeschichte verwickelt worden und galt als der Urheber der ganzen hässlichen Angelegenheit. Zum Glück hatten wir alles aufklären können. So richtig nachvollziehen kann ich deshalb seinen Wunsch nach einem Klassenwechsel nicht.
   »Ich bin weg, Mam.«
   Er verschwindet nach oben ins Bad. Okay, also essen Lina und ich etwas später allein. Auch nicht schlecht.

Wir haben uns gerade gesetzt und die ersten Happen im Mund, da klingelt das Telefon wieder.
   Lina springt auf und meldet sich mit »Hallo!«. Sie lauscht. »Wir essen gerade. Weiß nich, hab nich auf die Uhr geschaut. Ist das wichtig? Ach so. Nudeln mit Tomatensoße. Ja, mach ich, wenn ich mit Essen fertig bin.«
   Ich habe längst den Kopf in die Hand gestützt, weil ich weiß, wer sich da nach unseren Essgewohnheiten erkundigt: meine Mutter. Sie hat einen inneren Radar dafür, wann wir essen. Egal, wie unmöglich die Zeit ist, zu der wir uns am Tisch niederlassen, an drei von fünf Tagen ruft sie ausgerechnet dann an und spart nie mit ihrer Ansicht zur Uhrzeit. Meistens ruft sie mich an den Apparat …
   »Mama, die Oma will mit dir reden«, sagt Lina, obwohl sie wissen sollte, wie sehr ich es hasse, wenn wir beim Essen gestört werden.
   Seufzend nehme ich den Hörer. Ich verabscheue kalte Nudeln. »Hallo, Sanne hier«, sage ich. Wenigstens soll sie nicht denken, ich bin innerlich zu diesem Gespräch bereit, deshalb benutze ich die Kurzform meines Namens, die sie noch nie hören mochte.
   »Hallo, Susanne, Lina sagt, ihr seid gerade beim Essen …«
   »Ja«, schmatze ich, damit sie merkt, dass ich gern weiter essen will.
   »Wie oft in der Woche kochst du eigentlich Nudeln, Kind?«
   »Weiß nicht, so zwei bis drei Mal am Tag.« Ich feixe.
   Für eine Sekunde schweigt meine Mutter, bevor sie zurück feuert. »Du weißt aber schon, wie wichtig ein fester Tagesrhythmus für Kinder ist?«
   »Ich weiß, um zwölf wird gegessen. Bei uns aber nicht, Mutsch, und daran wirst du nichts mehr ändern. Laut Kinderarzt ist Lina kerngesund, Keanu fehlt es auch an nichts, also erspar mir in Zukunft einfach deine Ansichten zur Essensfrage, okay?« Warum ich so überzogen reagiere, weiß ich nicht genau. Vielleicht liegt es am Hunger. Handwerkliches Arbeiten macht mich immer sehr hungrig.
   »Na gut …«
   Nanu? Sie lenkt so schnell ein?
   »Du wirst sehen, was du davon hast.«
   Ich verstehe nicht, warum sich meine Mutter am Telefon immer als eine solche Zicke aufführt. Von Angesicht zu Angesicht macht sie das eigentlich nicht. Nun gut, nicht so oft. Vor allem, seit sie mit Manfred zusammenlebt, hat sie sich geändert. Da dämmert es mir: Vielleicht steht sie unter Druck. Meistens gibt es eine tiefere Ursache, wenn sie die Oberzicke herauskehrt. »Weshalb rufst du denn an, Mutsch?«
   »Es ist nicht so wichtig. Vielleicht kannst du nachher zurückrufen? Bis später.« Sie legt auf.
   Nachdenklich esse ich meine lauwarmen Nudeln auf.
   Lina beobachtet mich. »Mami, geht es der Oma gut?«
   Sofort klopft mein Herz schneller. Hat sie ebenfalls etwas Eigenartiges gespürt? »Warum fragst du, Schatz?«
   »Die Oma hat so eine traurige Stimme gehabt.«
   Tatsächlich, das hatte sie. Ich schlinge den Rest hinunter und räume mit meiner Tochter gemeinsam die Spülmaschine ein.
   »Ich rufe sie gleich zurück, einverstanden?«
   Einen Moment später halte ich das Telefon in der Hand und wähle Mutters Nummer. Lina steht neben mir und lauscht auf das Freizeichen. Ihr zuliebe habe ich das Telefon auf Freisprechen geschaltet.
   »Schellenberg?« Nein, in der Stimme liegt nichts Ungewöhnliches.
   »Hallo, ich bins. Wir sind fertig mit Essen. Weshalb hattest du denn angerufen?«
   »Vier Uhr nachmittags ist wirklich eine sehr eigene Zeit, Liebes … Ich hatte nur so angerufen, nichts Wichtiges.«
   »Warum sollte ich dich denn dann zurückrufen?« Versteh einer die Generation Ü-60!
   »Solltest du gar nicht.« Ihre Stimme klingt unschuldig-erstaunt. »Aber da wir gerade miteinander reden. Wie weit seid ihr denn mit den Zimmern?«
   »Morgen darf ich mit Mami das Atelier anmalen«, kräht Lina dazwischen.
   »Ach, seid ihr mit dem Gästezimmer fertig?«
   »Ja, nur der große Schrank fehlt noch, den packt Mami nicht. Keanu hat gesagt, sie ist ein Zwerg.«
   Mama lacht ihr ‚Ich-liebe-meine-Enkeltochter‘-Lachen, ich stimme ein.
   »Na, wo er recht hat, hat er recht.« Und das von einer Frau, die meine einsfünfundsechzig noch unterbietet!
   »Musst du gerade sagen! Dir konnte ich doch mit dreizehn schon über den Kopf spucken, trotz hochgetürmter Haare.«
   »Tja«, kontert sie fröhlich, »das kann dein Sohn bei dir auch. Und er ist nicht mal dreizehn.«
   »Und sogar, wenn Mami einen Hut aufhat«, hakt Lina wieder ein.
   Da sind die beiden sich wieder mal einig. Sie gackern wie die Hühner.
   »Jedenfalls finde ich es gut, dass ihr das Zimmer jetzt als reines Gästezimmer benutzen wollt. Es ist ein beruhigendes Gefühl, im Notfall bei euch eine Anlaufstelle zu wissen.«
   In meinem Kopf meldet sich die neuronale Verbindung von heute Morgen wieder. Hat der Deutschlehrer a. D. nicht etwas ganz Ähnliches gesagt? »Wie meinst du das? Denkst du, dass du eine Anlaufstelle brauchst?« Meine Mutter wohnt nur eine Straßenecke weiter.
   »Ach, das habe ich nur so dahingesagt, Kind. Susanne, soll ich deinen Vater vorbeischicken? Er kann mit dem großen Schrank helfen.«
   Wie leicht ihr »dein Vater« über die Lippen kommt. In mir zuckt immer noch etwas, wenn sie das so sagt. Zwar mag ich Manfred wirklich gern, – ich hätte mir keinen liebevolleren Mann als Vater wünschen können – aber mein Vertretungspaps, mit dem ich aufgewachsen bin im Glauben, er sei mein leiblicher Vater, genau wie der meiner Schwestern, hat mich mindestens so sehr geliebt wie meine Mutter, und ich ihn. Deshalb tue ich mich trotz aller Zuneigung immer noch schwer, die Tatsache zu akzeptieren, dass sie mich mit einer solch gewaltigen Lebenslüge haben aufwachsen lassen. Ich seufze.
   »Keanu ist jetzt nicht da, er trifft sich mit Kumpels, und mit mir allein wird es nicht gehen. Vielleicht kommt ihr heute Abend vorbei, dann ist Axel von der Arbeit zurück.«
   Lina hüpft sofort vor Freude auf und ab.
   »Okay, gern. Ich bringe einen Salat mit.«
   So hatte ich das nicht gemeint, aber was solls? Für eine Sekunde blitzt in meinem Kopf die Vision meines Maltischs auf, der darauf wartet, im Atelier endlich wieder aufgebaut und seiner wahren Bestimmung zugeführt zu werden. Die Deadline für einen Illustrationsauftrag nähert sich langsam, aber stetig. In dieser Umbauzeit konnte ich mich nicht dazu aufraffen, mit den Zeichnungen zu beginnen. Warum ich ausgerechnet jetzt daran denke, weiß ich zwar nicht, aber soeben habe ich die Hammeridee für das erste Bild. Ein Haus voller Umzugskisten, dazwischen heilloses Chaos an Gegenständen, und die ganze Familie wimmelt darin herum.
   »Gut, ich gehe gleich das Fleisch kaufen. Freue mich, Mutsch«, beende ich hastig das Gespräch.
   Wie immer, wenn die Muse mich mit einer neuen Idee beglückt, werden in meinem Körper Endorphine freigesetzt. Ich spüre das innere Kribbeln. Nun werde ich die Stunden zählen, bis ich endlich wieder am Maltisch sitzen werde. Der Küchentisch ist einfach kein guter Ersatz, und Keanu wird überglücklich sein, wenn ich nicht mehr seinen PC benutze, um meine elektronische Post zu erledigen. Die frische Energie der neuen Idee pumpt durch meinen Körper. Gerd Fröhlich, mein Verleger, wird begeistert sein, ganz sicher. Lina lässt sich von meiner Freude anstecken, und gemeinsam erledigen wir den Einkauf.

Trotz meiner Freude schleichen sich immer wieder seltsame Gedanken in meinen Kopf. Auch am frühen Abend, beim Vorbereiten eines Kartoffelsalats – wenn Mama einen Salat bringt, meint sie damit Rohkost aus dem Garten, egal welcher Art – frage ich mich zum wiederholten Male, wieso heute gleich drei Leute von einer »Anlaufstelle« in unserem Gästezimmer gesprochen haben. Ich bin überglücklich, dass wir unser Haus wieder ganz für uns haben und ich tun und lassen kann, was mir gefällt. Vor allem für mein Zeichnen ist es einfach besser, wenn ich völlig allein arbeiten kann. Ich lasse meine Gedanken laufen und komme doch immer wieder an diese eine, unbewusste Stelle in meinem Hirn zurück, die mir einen zarten, fast nicht wahrnehmbaren Warnton zupiept. War es wirklich der pure Zufall, der Schwipa, Moni und Mama mein Gästezimmer mit demselben Wort bezeichnen ließ? Oder steckt da ein tieferer Sinn dahinter? Vielleicht auch kein Sinn, sondern ein Jemand … Axel! Er war es, der hinter meinem Rücken die Sache mit dem Schwiegerelternaufenthalt in unserem Haus eingefädelt hatte. Ihm ist zuzutrauen, dass er längst haufenweise Einladungen in unser Gästezimmer ausgesprochen hat. Ich fülle den Salat in meine Lieblingsschüssel, die mit dem Sprung, die so viel über unsere Familie zu erzählen wüsste, wenn sie sprechen könnte, und beschließe, ihn heute Abend auf dieses Thema anzusprechen.

Wir sitzen gemütlich auf der Terrasse und genießen die warmen Sonnenstrahlen. Der Altweibersommer sendet seine Boten in Form von langen Spinnweben, die bis zu unserem Tisch geweht werden, wo Lina sie mit Todesverachtung kappt. Wir genießen ein herrlich entspanntes Essen. Axel und Manfred verstehen sich so super, als wären sie schon seit langen Jahren befreundet. Für Axel hat es natürlich auch eine Umstellung bedeutet, von heute auf morgen einen neuen, lebendigen Schwiegervater vorgesetzt zu bekommen. Da Manfred sich sofort mit viel Großmut um Keanus Schulärger und um meine eigenen Schwierigkeiten in Sachen elektronischer Neuausstattung gekümmert hat, fiel es ihm unerwartet leicht, ihn in unserer Familie willkommen zu heißen. Am heutigen Abend ist meine Mutter mal wieder die Einzige, die Grund zum Nörgeln findet. Während sie sich Kartoffelsalat aus meiner Schüssel nimmt, zieht sie die Brauen hoch.
   »Susanne, diese Schüssel mit dem Olivendesign passt nicht zu dem Geschirr, das du heute benutzt.«
   Pah, Oliven passen zu allem, ist meine Ansicht, also werfe ich ihr lediglich einen finsteren Blick zu und äußere mich nicht weiter. Sie schiebt sich eine Gabel Kartoffeln in den Mund und kaut darauf herum.
   »Die sind nicht ganz durch. Kennst du denn nicht meinen Kartoffeltrick?«
   »Ich habe selbstverständlich mit der Gabel hineingepikt, um den Gar-Grad zu überprüfen. Die Kartoffeln sind durch, vielleicht ist eine einzige darunter, die noch ein wenig fest ist. Das kann bei den neuen Kartoffeln schon mal vorkommen.«
   Sie kräuselt die Stirn. »Und die erwische ich natürlich, wie immer … Manfred, sind die Kartoffeln wirklich weich?«
   Manfred hat sich schon zum zweiten Mal von meinem Salat aufgeladen. Ich bereite ihn nach dem Rezept meiner Mutter, und er mag ihn sehr. Nur sie findet immer was zu meckern.
   »Schie schind gantsch prima.« Er kaut und grinst.
   »Na, dann«, sagt Mutter mit gespitzten Lippen und spießt ein Blatt ihres köstlichen Kopfsalats auf.
   Eine halbe Stunde später beneide ich die Männer darum, im Gästezimmer den Schrank aufbauen zu dürfen, während ich mir anhören muss, wie meine Mutter am besten ihr Geschirr sauber bekommt und welches Spülmittel sie benutzt. Selbst beim Einräumen der Spülmaschine besteht sie darauf, ich müsse eine andere Ordnung einführen. Heute Abend geht sie mir wirklich auf den Geist. Sie steht Rosemi in nichts mehr nach. Ich nutze die nächstbeste Gelegenheit, um zu den Jungs zu flüchten und frage, ob sie einen Kaffee möchten.
   »Au ja«, sagt Manfred, während er am Schrank fuhrwerkt. Er steht zwischen Keanu und Axel und hält die Zwei-Meter-Wand fest. Keanu – er ist der Größte der drei – dreht dort oben eine Schraube fest, Axel in mittlerer Höhe.
   »Machst du mir auch einen, Liebes? Bitte schwarz.«
   »Und für mich einen, Mam!«
   Ich war schon auf dem Weg nach draußen. »Du magst einen Kaffee?« Was ist denn in meinen Sohn gefahren? Bisher hat er nichts als abfällige Bemerkungen für das schwarze Gebräu übrig gehabt.
   »Ja, einen koffeinfreien.«
   Axel und Manfred lachen kurz auf. Schnaufend schieben sie den Schrank an die Wand. Das Gerüst steht, es fehlen noch die Trennwände und die Einlegeböden. Und natürlich die Türen. Ich sehe mich im Zimmer um. Schön ist es geworden, wahrhaftig. Über dem kleinen Retro-Waschtisch hängt bereits der Spiegel mit dem schmiedeeisernen Jugendstilrahmen. Ich seufze. Kaum zu glauben, heute wird das Gästezimmer fertig! In meiner Brust kribbelt es wieder. Morgen kann ich das Atelier streichen und in wenigen Tagen werde ich es endlich benutzen können.
   »Wolltest du uns den Kaffee heute Abend noch bringen oder lieber erst zum Frühstück?« Axel zwinkert mir zu. »Du freust dich, habe ich recht?«
   »Ja«, schwärme ich, »es ist wirklich schön geworden.«
   Plötzlich zieht mir ein Duft von Kaffee in die Nase, ich eile durch den Flur zur Küche.
   »Ich habe einfach eine Kanne aufgesetzt. Bestimmt haben die Jungs Kaffeedurst, und ich freue mich so auf einen richtigen Kaffee.«
   Meine Güte, Mutsch hat den Handfilter herausgekramt und einen klassischen Bohnenkaffee gekocht. Das Pulver muss noch von Rosemi übrig gewesen sein. Ich stöhne innerlich. Keiner von uns anderen mag diesen Kaffee, aber Mutter will das einfach nicht akzeptieren. Und das, obwohl sie sich zu Hause inzwischen an den Sensibla-Pad-Kaffee gewöhnt hat …
   Na ja, die Männer zeigen sich großzügig, und mit warmer geschäumter Milch schmeckt eigentlich jeder Kaffee. Es ist spät geworden, als Manfred und Mutter sich verabschieden. Lina ist längst ins Bett gekrochen und eingeschlafen, obwohl sie sich lange standhaft dagegen gewehrt hat. Keanu verkrümelt sich ebenfalls mit einem Gähnen, und Axel hilft mir noch, die Tassen wegzuräumen. Erst jetzt fällt mir das Wort »Anlaufstation« wieder ein, das ich heute mehrfach gehört habe.
   »Sag mal, hast du unsere Verwandten allesamt eingeladen, um das Gästezimmer einzuweihen, oder so?«
   Er sieht mich fragend an. »Nö, wieso?«
   »Ganz sicher? Auch nicht aus Versehen?«
   Er grinst. »Auch nicht aus Versehen. Warum fragst du?«
   »Ach … weil mich heute schon drei Leute angerufen haben und meinten, es wäre schön, so eine Anlaufstation bei uns zu haben.« Lauernd sehe ich ihm zu, wie er die Maschine zuklappt, dann einschaltet und wieder aufsteht. Er dreht sich zu mir, legt mir den Arm um die Schulter, und führt mich wie früher in den Flur und die Treppe hinauf.
   »Sei froh, wenn sie gern zu uns kommen, das ist ein gutes Zeichen, Liebes.«
   Wir gehen gemeinsam ins Bad und putzen an den beiden Waschbecken unsere Zähne. »Klar, aber isch bin froh, wenn isch jetscht erscht mal Ruhe habe.« Ich spucke die Zahnpasta aus und spüle nach.
   »Die wirst du haben, nur keine Angst. Warum sollte irgendjemand jetzt zu Besuch kommen? Die Ferien gehen zu Ende, und meine Eltern waren ja erst da.«
   Im Schlafzimmer ziehen wir uns um und steigen ins Bett. Ein wenig beruhigt rutsche ich zu Axel und kuschle mich an ihn. Er streicht über meinen Schopf. »Alles gut, Sanne, mach dir keine Sorgen.«
   Ich schmiege mich noch enger an ihn. Hm, wie gut mein Mann riecht! Ich verteile zarte Küsschen auf seinen Hals, während er mit den Fingerspitzen meinen Oberarm streichelt. »Dann ist es gut.«
   Er küsst meine Stirn. »Die Feier haben wir ratz-fatz organisiert, du wirst sehen.«
   Ich schnurre wie ein Kätzchen. Ja, die Feier … Welche Feier? Der Alarm in meinem Kopf schrillt los. Ich schrecke hoch und starre Axel an. Er lächelt noch voller Vorfreude, allerdings bemerkt er bei meinem Gesichtsausdruck wohl, dass ich meine Freude gerade verloren habe.
   »Was ist denn los, Liebes?«
   »Welche Feier meinst du? Die Einschulungsfeier?« An Keanus erstem Schultag haben wir die Großeltern eingeladen, um den Tag würdig zu begehen, und für Lina wollen wir das natürlich genauso machen. Ich lehne mich wieder an Axels breite Schulter. Natürlich meint er die Einschulungsfeier. Die ist kein großer Akt, kaum der Rede wert.
   Jetzt ist es allerdings an ihm, mich ein Stück wegzuschieben, um in meine Augen sehen zu können. »Nein, Liebes, ich meine die Geburtstagsfeier.«
   »Keanus? Er will kein großes Fest.«
   Axel schüttelt den Kopf. »Nein, ich meine natürlich die meiner Mutter.«
   »Die betrifft uns doch nur peripher. Natürlich werde ich ihr bei allem helfen, aber das große Tohuwabohu wird Gott sei Dank in deren Haus stattfinden.«
   »Ähm …«
   Endlich schwant mir, wie zuverlässig mein innerer Alarm funktioniert.
   »Spucks aus.«
   »Ich habe meiner Mutter angeboten, ihren Siebzigsten bei uns zu feiern.«
   »Du hast was?«, quieke ich. Wir hatten Rosemi bereits ein vorgezogenes Geburtsgeschenk gemacht, indem sie und Matthias während ihres Hausumbaus drei lange Wochen bei uns wohnen durften. Zumindest hatte Axel mir das Ganze so verkauft.
   Er setzt sich mit dem Rücken gegen das Kopfteil des Bettes, ich rutsche ebenfalls nach oben.
   »Sieh mal, Schatz …«
   Wenn er schon mit »Sieh mal« anfängt und auch noch »Schatz« anhängt, in diesem Ton … Ich könnte speien!
   »Meine Mutter ist einfach überfordert mit diesem riesigen Geburtstag.«
   »Das glaubst du ja selbst nicht«, fauche ich. Rosemi liebt Feierlichkeiten. Wenn sie so etwas vorbereiten kann, ist sie in ihrem Element. Je mehr Menschen, desto besser.
   »Dann ist es eben mein alter Herr.«
   Lächerlich! Matthias bezeichnet sich gern als Organisationsguru. Und der soll sich durch eine runde Geburtstagsfeier überfordert fühlen? Niemals!
   »Axel, du spinnst! Haben deine Eltern diesen Vorschlag gemacht?«
   »N-nein … Aber da meine Mutter hier im Haus alles so gründlich aufgeräumt und geputzt hat, fand ich, dass wir ihr das irgendwie schuldig sind. Sie hat sich zuerst geziert, also habe ich darauf bestanden.«
   Er hat darauf bestanden!
   Axel will mich an sich ziehen, ich lasse es nicht zu.
   »Sanne, wir haben genug Platz. Nun stell dich nicht quer. Schließlich musst du das nicht allein machen.«
   Ich schnaube und drehe mich ohne ein weiteres Wort auf die Seite. Schlaf finde ich so schnell nicht, während von Axels Seite unerhörterweise schon bald ein leises, zufriedenes Schnarchen erklingt.
   Frechheit!
   Ich wälze mich von einer Seite auf die andere und halte es schließlich nicht mehr aus. Meine Gedanken drehen sich wie ein Karussell, und aus leidvoller Erfahrung weiß ich bestens, wie aussichtslos es ist, auf diese Weise Schlaf zu finden. Axel wiederum würde es stören, wenn ich jetzt das Licht einschalte, um zu lesen, und das will ich nicht. Er muss früh aufstehen.
   Ich schnappe mir meinen funkelnagelneuen Laptop und schleiche damit in die Küche. Einen Internetanschluss habe ich dank meiner Abneigung gegen Elektrosmog hier zwar nicht, aber das macht nichts. Meine Homepage kann ich einfach vom Rechner aus öffnen und bearbeiten. Hochladen kann ich die Änderungen morgen immer noch. Dummerweise habe ich mir eine Homepage ausgesucht, bei der ich noch fast alles von Hand machen muss. Das heißt, meine beste Freundin Claudia musste mir erst mal Stylesheets erstellen – sie kennt sich damit aus. Ich musste mir mühsam ein paar rudimentäre Kenntnisse in HTML und CSS aneignen, um den Mut zu finden, die Homepage selbst mit neuen Inhalten zu füllen. Eigentlich hat sie die ganzen Seiten aufgebaut und mir erklärt, wie ich damit zu verfahren habe. Ich fuhrwerke deshalb meist nur in den HTML-Dateien herum, in die ich die Texte und Bilder einfüge. Man muss dabei höllisch aufpassen, dass man nicht irgendwo Anführungszeichen oder einen Slash vergisst. Zum Glück habe ich im Laufe der Zeit gelernt, damit umzugehen. Warum ich mich ausgerechnet jetzt, mitten in der Nacht, hinsetze und eine ganz neue Seite für meine Homepage bastle? Mir ist in all dem Gedankengewusel nach Axels Offenbarung über Schwimas Geburtstag ein Blitz durch den Kopf geschossen, und da er sich ähnlich elektrisierend angefühlt hat wie meine neue Illustrations-Idee, sehe ich keinen Grund, mit der Umsetzung zu warten. Zum Malen bevorzuge ich Tageslicht. Also warum nicht ein wenig experimentieren?
   Es gelingt mir, eine neue Seite zu erstellen, für die ich eine meiner älteren Zeichnungen als Titelbild benutze. Sie zeigt ein aufgeschlagenes Notizbuch und eine Schreibfeder. Ich überprüfe das Ergebnis. Ja, das gefällt mir. Das Ganze hat mich locker zwei Stunden gekostet, wie ich mit einem Blick auf die Uhr erkenne. Trotzdem kann ich es dabei nicht belassen. Jetzt habe ich mir diese Blogseite gebastelt und soll aufhören?
   Wieder durchströmt mich das Musenkribbeln, und mit fliegenden Fingern beginne ich, meinen Text zu schreiben, jeden Absatz in eine neue Klammer.
   Liebe BesucherInnen meiner Homepage, dies ist neu: Ab sofort führe ich einen Blog, in dem ich für Sie Gedanken, Ideen oder kleine Anekdoten aus meinem Leben als Illustratorin, Schwiegertochter und »working mom« festhalten werde. Sie sind herzlich eingeladen, gelegentlich vorbeizuklicken.
   So, wie fange ich an? Was will ich denn eigentlich? Vorhin, als ich neben Axel schlaflos im Bett lag, schoss mir der Gedanke durch den Kopf, dass ich irgendwie den Druck ablassen muss, der sich in mir so oft durch die Konstellationen in meiner Familie aufbaut. Ich liebe sie alle – bei diesem Gedanken muss ich grinsen – aber manchmal fühle ich mich einfach wie der Depp vom Dienst. Schon will ich aufschreiben, was mein Göttergatte jetzt wieder angestellt hat, da zögere ich. Vielleicht ist das alles viel zu privat und viel zu aktuell. Ich stütze mein Kinn auf. Schreiben muss ich jetzt irgendetwas. Meine Erinnerung geht ein paar Wochen zurück, zu dem Tag, an dem das Schwiegerelternchaos seinen Anfang nahm. Ich wachte morgens auf … Nein, ich wachte nicht auf, ich wurde geweckt. Ganz klar, jetzt weiß ich, wie ich anfangen werde. Ich beschließe allerdings, meinen Protagonisten andere Namen zu geben.
   »Mama-a?« Kiras Zeigefinger malt sachte eine Linie von meiner Augenbraue bis zum Mundwinkel.
   »Hm?« Verschlafen öffne ich ein Auge und sehe das Gesicht meiner sechsjährigen Tochter in Übergröße vor mir auf dem Kopfkissen. Ich lächle und ziehe sie an mich. Sie fühlt sich warm und weich an und duftet so gut.
   »Wer ist eigentlich älter – du oder die Oma?«
   Ich muss schmunzeln. Fast ohne nachzudenken, fliegen meine Finger über die Tasten, und ich schreibe einen langen Absatz. Zufrieden lese ich ihn anschließend noch mal durch und muss ein paar Mal laut lachen. Das könnte den Leuten da draußen gefallen. Ich denke mir noch eine Überschrift zu dem eben Geschriebenen aus, speichere das Ganze ab und klappe meinen Laptop zu. Ich werde morgen entscheiden, ob ich es wirklich auf meine Homepage stellen will oder nicht. Ich werde keine große Werbung machen. Wer weiß, ob es überhaupt jemand lesen möchte.
   Ich gähne und werfe einen Blick auf die Uhr. Schon nach drei! Das wird ein harter Tag morgen.
   Ich gehe nach oben, fünf Minuten später ziehe ich mir die Bettdecke über die Schultern und schlafe sofort ein.

2
Einfach mal Neues wagen

Am nächsten Morgen löse ich mein Versprechen bei Lina ein. Bewaffnet mit weißer Wandfarbe und allem, was wir brauchen, steigen wir unter das Dach. Den Boden habe ich komplett mit einer Plastikplane bedeckt und an den Rändern sorgsam abgeklebt.
   Die Dachschräge bleibt, wie sie ist, mit Holzvertäfelung. Lina lasse ich an die kurze Wand unter der Schräge, und sie stellt sich sehr geschickt an, wie ich nach einigen bangen Minuten feststelle. Mit Hingabe rollt und pinselt sie die Farbe auf den Putz. Ich nehme die übrigen Wände in Angriff. Die Farbe haftet wunderbar, und ich bin überglücklich: Endlich klappt mal etwas problemlos!
   Irgendwann taucht Keanu auf, um sich zu verabschieden, nicht ohne noch mal nach der Schule und der anderen Klasse zu fragen. Leider habe ich noch immer keine Nachricht vom Direktorium bekommen. Beim Anblick der neuen Farbe hebt er einen Daumen.
   »Sieht cool aus, Mam.« Dann verschwindet er.
   Ich male versonnen weiter und lasse bei der beruhigenden, etwas eintönigen Arbeit vor meinem inneren Auge die neuen Illustrationen entstehen. Die Geschichte handelt von dem Umzug einer chaotischen Familie. Ich sehe die Eltern, die abgedrehte Tante und die beiden Kinder vor mir. Dazu eine zahme Ratte und ein Huhn, das am liebsten an der Leine läuft. Ja, das wird ein schönes Bilderbuch werden.
   Ich gerate in diesen abwesenden Zustand, der mich beim Illustrieren meistens überkommt. Zum Glück werde ich schon bald mit der Arbeit beginnen können. In meinem neuen Atelier. Ich freue mich so darauf!
   Nachdem ich im Kopf einen Schwung Bilder für das Buch bereits skizziert habe, erinnere ich mich urplötzlich daran, dass ich vergangene Nacht auch in diesem Zustand war. Mein Text für die Homepage fällt mir wieder ein. Ob ich den Blog tatsächlich veröffentlichen soll? In meinem Kopf höre ich ein Geräusch, wie wenn der Rechner Dateien hochlädt. Wie ich merke, bin ich ganz begierig darauf, den Blog ins Leben zu rufen. Noch immer höre ich dieses Geräusch, und erst nach einigen Momenten erkenne ich die Stimme meiner Tochter.
   »Mama!«
   Ich wirble zu ihr herum und lächle beim Anblick der Farbkleckser auf ihrer Stupsnase und ihrem alten T-Shirt. Sie stemmt die Hände in die Hüften und grinst fast so altklug wie ihr großer Bruder. Mit ihrem Blick deutet sie Richtung Tür. Was meint sie nur?
   RING, höre ich da endlich das Telefon. Und sprinte los. Im Augenwinkel sehe ich noch, wie Lina den Kopf schüttelt und sich wieder ihrer Wand zuwendet. Meine Güte, wie ähnlich sie manchmal ihrem Opa sieht … dem Deutschlehrer a. D..
   »Sanne Weiler, hallo?«, hauche ich atemlos in den Hörer, nachdem ich die zwei Treppen hinunter gehechtet bin. Ob ich mir irgendwann angewöhnen werde, das Telefon mit nach oben zu nehmen?
   »Hi Sanni, hier ist Kai. Wie gehts dir?«
   Obwohl ich es wirklich unangemessen finde, durchläuft mich ein wohliger Schauder bei Kais Stimme. Dr. Kai Schöller, mein Kindheits- und Jugendfreund und … hm, Beinahe-Liebhaber, als ich dachte, Axel hintergehe mich in Indien mit einer blonden, amerikanischen Traumfrau. Hat sich alles als Irrtum herausgestellt. Axel hatte nichts mit Lillian, ich hatte nichts mit Kai … Also alles prima. Ich wusste jedenfalls nach der Sache wieder ganz sicher, dass ich keinen anderen will als Axel. Deshalb begreife ich einfach nicht, wieso da trotzdem so ein versteckter kleiner Körperteil auf Kais Stimme reagiert. Das kann doch nicht wahr sein!
   »Hi, wie gehts?« Ich bleibe völlig gelassen.
   »Das habe ich dich gerade gefragt. Ist dein Fuß wieder ganz intakt? Vielleicht sollte ich vorbeikommen und ihn untersuchen. Ich habe morgen in Stuttgart zu tun.«
   Soeben kommt Lina vom Speicher in den ersten Stock, von hier unten kann ich ihre Füße sehen. Sie hat die Schlappen oben gelassen. Innerlich jubiliere ich: Meine kleine Tochter hat begriffen, dass sie mit den Pantoffeln Farbe ins ganze Haus tragen könnte, und sie deshalb ausgezogen. Kluges Kind.
   »Danke, das ist nicht nötig«, sage ich auf Kais Angebot. »Mir gehts super. Ich habe bloß keine Zeit. Mein Atelier wird gerade fertig, und ich muss schleunigst mit einem Illustrationsauftrag anfangen.«
   Schon höre ich Lina wieder nach oben steigen.
   »Schade. Ist da wirklich nichts zu machen?« Kais Stimme wird noch einen Tick dunkler. Er hat es echt drauf. Meine ungewollte körperliche Reaktion bestärkt mich aber noch in meiner Absage.
   »Nee, nichts zu machen.«
   »Okay, dann eben nicht.« Er klingt jetzt wieder ganz normal, na Gott sei Dank. »Was für ein Auftrag ist es denn? Ein Bilderbuch?«
   »Ja, genau, eine witzig-chaotische Geschichte einer befreundeten Autorin. Ich habe schon die Entwürfe im Kopf.«
   »Prima.«
   »Dann wünsche ich dir mal viel Spaß in Stuttgart.«
   »Danke. Und denk daran: Ich warte auf dich, wenn du jemals deine Meinung ändern solltest.«
   Ohne eine Antwort abzuwarten, legt er auf. Er kann es also immer noch nicht lassen. Dabei habe ich ihm versucht klarzumachen, dass da nichts laufen wird zwischen uns. Und Axel hat es ihm mit schlagkräftigen Argumenten nahegelegt. Wobei mir einfällt, dass ich Kai nicht mal nach dem Zustand seines Unterkiefers gefragt habe. Ob man die Narbe von der plastischen OP noch sehen kann? Ungewollt muss ich kichern.
   Ich setze meinen nackten Fuß auf die unterste Stufe der Holztreppe, da ruft mich das Telefon ein zweites Mal zurück. Und wieder hatte ich vergessen, dass ich den Hörer einfach mitnehmen könnte. Andererseits ist mir klar, wo das enden wird: Eine vierköpfige Familie sucht permanent das ganze Haus nach dem klingelnden Telefon ab. Von daher ist es eh besser, ich stelle den Hörer immer in die Basisstation zurück. Ich war ohnehin gegen die Anschaffung dieses Telefons.
   Aber Axels Argument, dass ich es mit unters Dach nehmen kann, wenn ich arbeite, ist nicht von der Hand zu weisen. Vielleicht war es noch mehr Keanus Hinweis, wie dringend er sich beim Telefonieren zurückziehen können müsse.
   Schließlich könne er nicht im Flur stehend mit Kumpels oder so reden, wo Lina oder andere Feinde immer mithörten. Außerdem sei es schlimm genug, dass er keine Flatrate für sein Smartphone habe, womit er echt ein Dino unter seinen Kumpels sei.
   »Ich komme schon.« Im gleichen Atemzug hebe ich ab. »Weiler?«
   »Hi Sanne, ich bins. Ich wollte mal hören, wie es bei euch so läuft.« Claudia, meine Freundin.
   »Hallo, super, dass du gerade anrufst. Ich habe heute Nacht eine neue Seite für die Homepage gebaut, und jetzt bin ich mir nicht sicher, ob ich sie hochladen soll. Vielleicht kannst du erst noch drüber sehen?«
   »Du weißt doch, wie einfach du das nachprüfen kannst. Wenn du die Seite so siehst, wie du sie wolltest, ist sie in Ordnung. Was hast du denn gemacht, neue Illus?«
   »Nein, einen Blog. Und nun bin ich mir echt unsicher, ob ich ihn starten soll. Ich weiß nicht, ob ich jeden Tag was reinschreiben kann.«
   »Einen Blog auf deiner Homepage? Warum nicht? Was hast du denn geschrieben?«
   »Ein bisschen was aus meinem chaotischen Alltag. Um ehrlich zu sein, ich habe angefangen, die Geschichte über die Wochen mit den Schwiegereltern im Haus aufzuschreiben.«
   Claudia lacht. »Hey, das ist eine super Idee. Lass mich mal sehen. Lade es einfach hoch, dann kann ich es lesen und gleich gucken, ob du alles richtig gemacht hat.« Sie lacht wieder. »Wenn ich noch an deine Panik vorm Besuch der Senioren denke. Und wie tatsächlich ein Chaos auf das andere gefolgt ist.«
   »Okay, ich lade es später hoch, wenn ich im Atelier fertig bin. Lina und ich streichen gerade die Wände an. Es wird so schön!«
   »Ach so, prima. Du, ich wollte dir noch erzählen, dass wir aus dem Urlaub zurück sind. Einfach herrlich. Meine Eltern haben sich den lieben langen Tag um Yanik gekümmert, und ich konnte auf der Liege im Schatten lesen, was das Herz begehrt.«
   Claudia fährt seit Jahr und Tag nach Südfrankreich in den Urlaub, wo ihre Eltern eine kleine Ferienwohnung inmitten der Natur haben. Obwohl sie im normalen Leben eine immer perfekt gestylte Frau ist, verzichtet sie im Urlaub auf alles, was ihr sonst wichtig ist. Sie latscht nur in Hängerchen und Flip-Flops herum, lässt die Schminke im Schrank und faulenzt. Ich bin fast ein bisschen neidisch auf sie, wenn sie daraus tiefenentspannt zurückkommt. Aber gut, man muss auch gönnen können. Dafür hat sie es nicht leicht, so als alleinerziehende Geschäftsfrau. Wenn sie ihre Eltern nicht in der Hinterhand hätte, würde sie auf ziemlich verlorenem Posten stehen.
   »Das freut mich für dich! Nächste Woche sehen wir uns am ersten Schultag, oder?«
   »Bestimmt. Mein Großer spielt bei der Einschulungsfeier in der Flöten-AG mit. Ich habe ihm versprochen, dass ich komme, um ihn zu hören.«
   »Ganz bald kommst du auf eine Tasse Kaffee vorbei, okay?«
   »Worauf du wetten kannst. Dein Atelier will ich unbedingt sehen. Und das Gästezimmer.«
   Bei der Erwähnung des Gästezimmers muss ich komischerweise wieder an Axels Geständnis von gestern Abend denken. »Weißt du, was Axel sich wieder geleistet hat? Er hat seiner Mutter versprochen, deren siebzigsten Geburtstag hier bei uns zu feiern. Hast du da noch Worte?«, platze ich heraus, ohne nachzudenken.
   »Äh … Ja, wieso?«
   Echt jetzt! Das hätte ich wissen müssen. Claudia mit ihren Rund-um-die-Uhr-Versorge-Eltern kann einfach nicht verstehen, wie überfordert ich manchmal mit meinen eigenen Eltern und Schwiegereltern bin.
   »Tolle Sache«, fährt sie fort, »das ist echt lieb von Axel. Und wenn wir mal ganz ehrlich sein wollen – Rosemi hat dir das ganze Haus durchgeputzt, während du im Krankenhaus mit deinem Kai Händchen gehalten hast. Da hat sie sich die Feier redlich verdient.«
   Ich sehe nur noch rot. Manchmal weiß ich wirklich nicht, warum ich mit ihr befreundet bin!
   »Ich muss jetzt Schluss machen. Denk an die Homepage, ich bin schon gespannt. Wusste gar nicht, dass du auch schreiben kannst.«
   »Hm!« Ich lege auf und atme langsam ein und aus. Ganz langsam. Ein. Aus. Ein. Aus.
   Ich steige die Treppe hoch. Eins ist klar: Claudia wird nicht auf die Feier eingeladen!
   Ein. Aus.
   Von der Holztreppe stürze ich beinahe ab, weil mein Blick immer noch mit roten Schlieren durchzogen ist. Das Alpenweiß im Atelier hat einen ganz anderen Ton als vorher. Nur langsam verziehen sich die Zorneswolken, sodass ich wieder Einzelheiten wahrnehme. Die Farbe an den Wänden normalisiert sich und ist immer noch genau so, wie ich sie mir vorgestellt hatte.
   »Schön, Mama, oder?«
   Endlich kann ich wieder lächeln und drehe mich zu meiner Zuckerschnute um. Mein Blick haftet einen winzigen Moment am Rucksack auf dem Boden. Sie muss ihn komplett ausgekippt haben. Mindestens eine Million Farbstifte sind verstreut. Filzmaler, Wachskreiden, Holzstifte und die verdammten, wasserfesten Marker, die sie neuerdings so liebt. Ich hasse die Dinger. Wo die mal drauf sind, braucht man nichts mehr zu putzen. Zwecklos, die Farbe wieder entfernen zu wollen.
   Einen dieser Stifte hält Linamaus in der Hand. Einen schwarzen. Ich kneife die Augen zusammen.
   »Was machst du denn da, verdammt?«, brülle ich.
   Sie fährt zusammen und zieht den Stift von der Wand zurück. Dann streckt sie den Rücken durch. »Du hast zu mir gesagt, dass ich die kleine Wand bemalen darf, ganz allein.«
   Mir fällt darauf keine passende Antwort ein. Von Linas Wand starren mich Strichmännchen an, die runde, ausgearbeitete Köpfe und Kleider haben. Finstere Gesellen betrachten mich mit grimmigen Mienen – ihre geliebten Piraten. Interessanterweise entdecke ich noch andere Gestalten. Das Männlein, an dem sie gerade arbeitet, trägt eine eigenartige Rüstung, oder was soll das sein? Ich bücke mich unter die Schräge und gehe dichter ran.
   Lina zuckt zurück und reißt die Lider auf. Meine Güte, als ob ich mein Kind jemals geschlagen hätte! In mir meldet sich sofort das schlechte Gewissen, weil ich sie eingeschüchtert habe. »Hast du etwa Angst vor mir, Lina?«
   »Äh, ich habe gerade gedacht, du bist jetzt echt sauer.« Ihr Gesicht läuft puterrot an. Wenn ich nicht so wütend wäre, könnte ich sie auf der Stelle knuddeln!
   Ich räuspere mich. »Bin ich eigentlich auch. Es war nicht ausgemacht, dass du die Wand mit Malereien verzierst.«
   Sie lässt den Kopf hängen, schweigt und stöpselt den vermaledeiten, wasserfesten Stift zu. Ich zögere, dann ziehe ich sie an mich, weil ich ihrer reumütigen Miene einfach nicht widerstehen kann. Beide setzen wir uns auf den Boden und betrachten die wenigen Männchen. Im Grunde zeigt sie ein Gespür für Formen und Farben. Das Schwarze und Reduzierte ihrer Figuren hat sie mit den Grundfarben – sehr sparsam hier an einer Augenklappe, da an einem Stirnband, dort an einem Helm angebracht – ein wenig aufgepeppt. Ich schlucke meinen Ärger hinunter, denn diese Figuren haben einen eigenen Reiz.
   »Liebes, wir lassen das jetzt so, wie es ist, einverstanden? Die anderen Wände bleiben aber einfach weiß. Du hast schön gemalt.«
   Ihre Pupillen weiten sich. »Wirklich?«
   »Wirklich. Es ist zwar nicht okay, dass du das gemacht hast, ohne zu fragen, aber schön geworden ist es. Was sind das hier rechts denn für Gestalten? Die sehen nicht wie Piraten aus.«
   »Das sind Krieger aus The Clone Wars. Piraten sind eigentlich out, weißt du?«
   Nee, das wusste ich nicht.
   »Und was ist jetzt mit deiner Piratenschultüte?«
   Sie winkt ab. »Die benutze ich trotzdem. Die anderen Kinder wissen das bestimmt noch nicht. Hat Keanu jedenfalls gesagt.«
   Ach, deshalb. Ob er ihr einen Tipp bezüglich der Wandbemalung gegeben hat? Ich lasse den Raum auf mich einwirken: Zwei große Dachflächenfenster sorgen für ideales Licht, trotz Nordseite. Das Atelier erstreckt sich über zwei der darunterliegenden Zimmer, bietet also definitiv reichlich Platz, obwohl durch die Schräge natürlich einiges verloren geht. Ich weiß schon, dass ich meinen Tisch unter das eine Fenster stellen werde, den kleinen Sekretär mit PC, Scanner und Drucker unter das zweite. Ein Internetkabel hat Axel mir auch bis hier oben gelegt.
   Was an diesem Atelier noch anders ist als vorher: Ich kann endlich eine Staffelei aufstellen. Meine Illustrationen habe ich bisher fast ausschließlich an meinem gigantischen Tisch gemalt, aber schon seit einiger Zeit spüre ich Lust, es mal wieder mit größeren Formaten und im Stehen zu probieren. Keine Ahnung, warum ich es all die Jahre nicht getan habe. Ich weiß, dass es als nicht sehr künstlerisch gilt, im Sitzen auf einem flachen Tisch zu malen. Geistig zucke ich mit den Schultern. Egal. Das Ergebnis zählt. Genau wie mit diesem Raum, und das Ergebnis kann sich sehen lassen. Inklusive Linas Männchen. Sie geben ihm sogar eine besondere Note. Ja, eigentlich hat sie alles richtig gemacht.
   Wir prüfen noch mal nach, ob wir keine Ecke vergessen haben. Geschafft! Kaum zu glauben. Euphorisch sammeln wir alle Arbeitsutensilien und Linas Stifte zusammen. Die Malersachen schaffe ich in den Keller. Ich muss also mit dem Farbeimer, der Rolle, in eine große Plastiktüte gewickelt, und den Pinseln drei Treppen hinunter. Meine Latschen lasse ich lieber stehen, weil ich mir nicht sicher bin, ob sie noch Farbspuren auf dem Teppich hinterlassen könnten. Nach kurzem Nachdenken befinde ich es weise, erst mal nur mit dem Farbeimer weiterzugehen. Die anderen Sachen lege ich lieber ab. Trüge ich Socken, würde ich nämlich in hohem Bogen hinuntersegeln. Mit den nackten Füßen kann ich mich gerade noch halten, als ich eine der Stufen zu knapp nehme. Es gibt einen saftigen Stich im Knöchel, diesmal auf der anderen Seite als damals, als ich mir das Band gerissen habe.
   »Hi, Mam«, höre ich von der zweiten Treppe aus Keanu, der gerade nach Hause gekommen sein muss. Ich lächle ihm zu und stolpere über seine wie üblich ausgekickten Schuhe. Ich habe nicht mit einem Hindernis in meinem Weg gerechnet. Wirklich, gar nicht. So kommt es, dass ich ins Kippen gerate, mit rudernden Armen versuche, irgendwo Halt zu bekommen, den Farbeimer, den ich natürlich sorgsam verschlossen hatte, dabei weit von mir schleudere, und trotz all dieser Versuche mit der Nase voran auf dem neu ausgelegten Flurboden lande.
   »Ups«, sagt Keanu.
   Ja. Ups. Mit einem leisen Fluch auf den Lippen rapple ich mich wieder auf und sehe meinen Sohn an, dessen Gesicht immerhin das blanke Schuldbewusstsein zeigt. Besorgt beugt er sich zu mir, um mir unter die Arme zu greifen.
   »Mama, alles okay? Tut mir leid.«
   Ich streiche meine alte Hose glatt und sehe an mir hinunter, dann funkle ich Keanu wütend an. »Deine verflixten Schuhe! Wie oft muss ich dir noch sagen, dass du sie gefälligst in den Schuhschrank stellen sollst oder wenigstens ordentlich auf die Seite!«
   Er nimmt sie und stellt sie parallel nebeneinander in die Ecke. Ich nicke mit gerunzelter Stirn.
   »Ist dein Fuß okay?«
   »Scheint noch mal gut gegangen zu sein. Zum Glück ist der Farbeimer fest verschlossen.«
   Wie auf Kommando drehen wir uns zu dem Eimer um, der bis zur Haustür geflogen ist. O nein!
   Der Deckel hat sich geöffnet, und in geschmeidigen Wellen suppt die restliche Farbe auf den neuen Teppich. Keanu ist vor mir an der Unfallstelle und reißt den Eimer herum. Reste laufen aber weiterhin daran hinunter.
   »Keanu, da muss eine Tüte drum!«, schreie ich, worauf er hastig – mit dem Eimer – die paar Schritte zur Küche macht und hineinläuft. Nein!
   Er reißt die Schublade mit den Müllsäcken auf und schafft es nach endlos scheinenden Minuten, das Tröpfeln zu stoppen. Das Corpus delicti trägt er nach draußen. Ich verfalle in Aktionismus. Mir schwant, dass ich mit dem Teppich nicht viel Glück haben werde, aber den Küchenboden kann ich noch retten!
   Während ich fieberhaft die Farbstraße entferne, kommt Lina herunter. Sie schlägt sich die Hand vor den Mund.
   »Oh, oh … was wird Oma Rosemi dazu sagen?«
   »Tja, Linakind, shit happens. Ich kann nichts dafür.«
   »Was heißt’n das?«
   »Scheiße passiert«, übersetzt Keanu, der die Flasche mit dem Waschbenzin aus der Garage geholt hat und im Flur mit den Reinigungsarbeiten beginnt.
   »Scheiße passiert«, wiederholt Lina andächtig. »Ähm, das ist keine Scheiße, sondern Farbe.«
   »Ja, Sis, das sagt man nur so.«
   »Und was heißt Sis?«
   »Das ist die Abkürzung für Sister und bedeutet Schwester.«
   Lina strahlt. »Cool, Bruder.«
   Keanu blickt kurz auf und grinst. »Bro.«
   Ich widme mich wieder den restlichen Farbspuren auf dem Küchenboden. Es gelingt mir tatsächlich, den Schaden rückgängig zu machen.
   Also nehme ich anschließend Keanu den Lappen und den Reiniger aus der Hand. »Ich mache hier weiter. Danke, Keanu.«
   »Kommst du mit hoch?«, fragt Lina ihren großen Bruder. »Ich zeige dir meine Wand.«
   Keanu sieht mich fragend an, ich nicke.
   »Mam, gibt es noch was zu essen? Ich habe Kohldampf. Hatte kein Mittagessen.«
   Ich schnaube. »Wir auch nicht. Ich mache gleich noch was.«
   Die beiden entschwinden nach oben. Ich rubble und reibe, so viel ich kann. Leider bleibt ein blasser Fleck zurück, und daran wird sich nichts mehr ändern. Ich seufze. Mir ist klar, dass sich ärgern jetzt überhaupt nichts bringt. Mit hängenden Schultern gehe ich in die Küche, feure den Lappen in den Mülleimer und verschließe die fast leere Flasche Waschbenzin. Die Kiddies lassen sich mit der Ateliersbesichtigung Zeit. Mit einem Blick zur Uhr bemerke ich, wie hungrig ich bin. Wir haben durch das viele Malern die Zeit vollkommen vergessen. Also sehe ich im Vorratsschrank nach, was noch an Lebensmitteln vorhanden ist. Hm, viel ist es nicht gerade. Aber hatte ich nicht sowieso gesagt, dass ich nur etwas Kleines mache? Also, Topf mit Wasser auf den Herd, Nudeln gekocht, Pesto erwärmt und fertig. Nach zwanzig Minuten rufe ich meine beiden Augensterne.
   Ich ziehe eine Braue hoch beim Anblick von Keanu in seinem Blaumann. Wir haben uns soeben zum Essen hingesetzt, da klingelt das Telefon. Lina ist Erste.
   »Oma!«, ruft sie begeistert. »Die ist da, wir essen gerade. Nudeln mit Pesto, lecker! Okay, ich geb sie dir. Tschüss, Omi!«
   Ergeben nehme ich den Hörer. Keanu saugt eine Riesenladung Spaghetti von seiner Gabel in den Mund und schafft es irgendwie, dabei noch zu grinsen.
   »Hallo, Mutter, was gibts?«
   »Heute seid ihr ja noch später mit dem Mittagessen dran! Oder ist das schon ein vorgezogenes Abendessen?«
   Ich kaue auf den Spaghetti herum, die ich mir während ihrer Begrüßung in den Mund geschoben habe. »Dasch isch unscher Mittageschen. Wir haben das Atelier gestrichen.«
   »Und schon wieder Nudeln.«
   »So ist es. Was wolltest du, Mutsch?«
   »Nur mal hören, wie es euch geht. Ich habe extra bis fünf Uhr gewartet, damit ich euch auf keinen Fall beim Essen störe.« Sie zieht die letzten Worte in die Länge. Ach, soll sie mir den Buckel runterrutschen. Ich lade meinen Mund mit einer weiteren Portion Spaghetti voll.
   »Tscha«, sage ich bloß.
   »Ihr habt das Atelier schon angestrichen? Alle Achtung, da habt ihr an den letzten beiden Tagen wirklich gut gearbeitet. Ich hatte so meine Bedenken.«
   »Welche Bedenken denn?«
   »Ob du nicht aus lauter Bequemlichkeit doch wieder im Gästezimmer malen würdest. Aber so ist es ja gut.«
   Ich verstehe die Welt nicht mehr. Meine Mutter kann gelegentlich schon ein wenig nerven, aber was sie die letzten Tage abliefert, geht auf keine Kuhhaut.
   »Nein, ich male im Atelier, sonst nirgendwo. Es ist schön geworden.« Meine Stimme hat einen sehr eigenen Klang. Ob sie es wahrnimmt?
   »Schon gut, Liebes. Ich bin gespannt darauf. Machst du eine kleine Einweihungsfeier?«
   Ich lasse die Gabel sinken, die ich gerade zum Mund führen wollte. Höre ich hier nur noch Feier, Feier, Feier? Vielleicht gesteht man mir irgendwann das Recht auf meine Arbeitszeit zu? Ich drehe sowieso schon am Rad, weil ich seit Wochen nicht mehr malen durfte. Das bisschen Blog-Schreiben hat mir geholfen, war jedoch nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Geistig notiere ich auf meinen To-do-Zettel Blog hochladen mit drei Ausrufezeichen. Vielleicht habe ich dabei sogar Gelegenheit, noch ein paar Sätze hinzuzufügen. Meine Mutter wartet noch immer auf meine Antwort. Mir kommt der rettende Gedanke.
   »Wir verbinden das mit dem ersten Schultag, okay? Ich lade dich und Manfred ganz herzlich zum Kaffee ein. Nächsten Montag, zu Linas Einschulung.«
   Mutter erklärt sich begeistert einverstanden, wir beenden endlich das Gespräch, und ich wische mir den Schweiß von der Stirn, bevor ich mir eine weitere Ladung Spaghetti aus meiner Lieblingsschüssel schöpfe.
   »Wie findest du das Atelier, Keanu?«
   Er hebt den Daumen. »Ziemlich genial. Und mit Linas und meinen Akzenten ist der Raum unschlagbar geworden.« Er hebt eine offene Hand Richtung Lina, sie schlägt ab, während ich hustend versuche, wieder zu Atem zu kommen.
   »Was?« Ich spucke die Nudelstückchen auf den Teller, springe auf und renne hoch, zwei Stufen auf einmal nehmend. Nur am Rande registriere ich die schnellen Schritte meiner mir nachfolgenden Kids. Ein fieses Kichern begleitet das Geräusch. Mir schwant unterdessen, weshalb Keanu seine Arbeitshose angezogen hat, und im Nachhinein registriere ich auch die schwarzen und braunen Farbkleckse von Acryl darauf. Dass ich die nicht sofort gesehen habe!
   Ich stürze auf der obersten Stufe beinahe – also, mit dieser Treppe muss ich mir einen anderen Umgang angewöhnen – und reiße die Tür auf. Ein lichtdurchfluteter Raum. Herrlich. An der kurzen Wand mir gegenüber stimmungsvolle Piraten und Clone-Wars-Figuren. Auch gut. Ich atme erleichtert aus. Die beiden hohen, dreieckigen Wände strahlen in Weiß, sonst nichts.
   »Na, was sagst du?«
   Ich wirble herum zu Keanu, der in der Tür steht, Lina neben sich. Sie wirken mit sich und der Welt zufrieden. Ich erstarre: Keanu hat mit Acrylfarben von einer Zimmerecke ausgehend ein überdimensionales Spinnennetz gemalt, das sich über die Hälfte der Wand spannt. Schräg oberhalb der Tür lauert eine grausige Riesenspinne, gerade so, als warte sie nur auf Beute, die hereinkommt.
   Ich verfalle in Schnappatmung. Die Gesichter meiner Kinder verziehen sich schuldbewusst, während ich »Was, was, was« hechle und dabei in die Augen der Spinne starre. Das Netz ist sorgfältig ausgearbeitet, und die Spinne ist mit einer anspruchsvollen Technik gemalt, die ich selbst nicht besonders gut beherrsche. Beeindruckend! Beim genauen Hinsehen erkenne ich auf dem Leib des Riesenviehs verschnörkelte Rankenmuster, mit Braun vom Schwarz nur leicht abgesetzt, aber deshalb umso interessanter. An allen acht Beinen winden sich die Ranken bis hin zu den Enden. Wirklich interessant. Und ziemlich genial …
   Mir kommt ein unartikuliertes Geräusch über die Lippen, das ich selbst nicht einordnen kann. Ist es Ausdruck von Wut oder Bewunderung? Ich fasse nicht, dass beide Kinder mir ohne zu fragen in mein Atelier hineingepfuscht haben.
   Ich stemme die Hände in die Hüften. »Keanu, was soll das?«
   Keanu kauft mir meine Empörung nicht ab. Er lehnt sich salopp gegen den Türrahmen und verschränkt die Arme. »Just my fifty cents, Mom.«
   »Sag mal, gehts noch? Wie kommst du auf den Gedanken, diese Wand anzumalen? Die sollte weiß bleiben. Einfach weiß.« Ich stampfe mit dem Fuß auf.
   »Äh, Moment mal, Mam. Lina darf Piraten und Krieger malen, aber ich nicht? Kann ja wohl nicht sein!«
   Du lieber Himmel, fängt der Bursche jetzt eine Diskussion wie zu Kindergartenzeiten an?
   Er ist selbst noch ein Kind, fällt mir gerade noch ein, bevor ich ausfallend werde. Und er leidet manchmal darunter, dass seine kleine Schwester als Jüngste so viele Dinge darf, die er in ihrem Alter nicht durfte.
   Ich lasse die Luft aus meinem aufgepumpten Körper wieder raus und betrachte nochmals Keanus Spinne. Sie ist ein Meisterwerk. Und sie verunstaltet auch nicht mein Atelier. Warum rege ich mich eigentlich auf? Mein Sohn tritt neben mich, Lina auf meine andere Seite. Mit schief gelegten Köpfen betrachten wir eine Weile die Wandmalerei.
   »Sie ist schön, Keanu. Du musst mir zeigen, wie du das gemacht hast.«
   Er legt den Arm um mich. »Mache ich, Mam.«
   Nach diesem produktiven Nachmittag komme ich gegen Abend endlich dazu, meinen Blog hochzuladen. Im Atelier stöpsle ich meinen Laptop einfach an die Internetleitung und setze mich gemütlich auf den Boden, den Klein-PC auf dem Schoß. Ich lese den Text nochmals durch und beschließe, noch ein paar erklärende Worte voranzustellen. Mir ist nämlich soeben die Idee gekommen, zwischendurch kleine, losgelöste Mini-Anekdoten einfließen zu lassen. Meine Kinder sind ja gelegentlich für die witzigsten Äußerungen gut … Also schreibe ich unter den einleitenden Absatz:
   Für alle, die Fortsetzungen lieben, erzähle ich eine Geschichte, die so oder so ähnlich passiert sein könnte. Aber daneben möchte ich Ihnen ein gelegentliches Bonbon reichen, wie meine Kinder es manchmal für mich bereithalten.
   Lesen Sie also die Geschichte »Meine Schüssel, meine Schwiegereltern und ich« oder Kurzes aus der Rubrik »Kindermund«, ganz wie es Ihnen gefällt.
   Hm, okay, so könnte es gehen. Ich lade, mit Datum versehen, erst mal den Text von gestern hoch, und forsche in meinem Gehirn nach einer dieser typischen Lina-Äußerungen, die mich schon so oft zum Lachen brachten, und erinnere mich an eine Geschichte, die kurz vor den Ferien im Kindergarten passierte.

Kindermund

Kira, noch im Kindergarten, erzählt: »Das neue Mädchen hat gerufen, dass einer kommen soll. Dann sagt die, ich soll ihr den Popo abwischen, weil sie das selbst noch nicht kann und ich ja schon ein Schulkind bin. Aber ich mache so was nicht!«
   »Das brauchst du auch nicht«, sage ich. »Wenn du selbst mal Mama bist, dann kannst du das bei deinen Kindern machen.«
    Kira nickt. »Und außerdem weiß ich gar nicht, wie sauber der ihr Popo sein muss.«


Ich erinnere mich noch gut, wie Lina die Hände in die Hüften stemmte, als sie mir das erzählte, und schmunzle, während ich es aufschreibe. Dann greife ich nach dem Telefon, um Claudia zu sagen, dass sie endlich meinen Blog online sehen kann.
   »Hallo Sanne.« Sie muss meine Nummer auf ihrem Display erkannt haben.
   »Hallo. Wollte dir sagen, du kannst jetzt nach dem Blog sehen.«
   »Warte eine Sekunde, ich bin gerade online. Ah, hier habe ich dich …«
   Anscheinend liest sie den Text. Sie lacht laut auf. »Hey, das gefällt mir! Gute Idee, wirklich. Die Leute werden das lieben. Den musst du unbedingt auf Facebook verlinken.«
   »Ach … nö.« Facebook habe ich bisher gemieden. Natürlich finde ich das Internet eine geniale Institution und liebe die Erleichterungen, die es mit sich bringt. Früher hat alles viel länger gedauert. Wenn ich noch daran denke, wie umständlich es war, meinem Verleger Gerd Fröhlich, der in Berlin sitzt, die ersten Entwürfe meiner Illustrationen zu zeigen. Heute schicke ich sie ihm als Dateianhang, und er kann mir sagen, ob ich auf dem richtigen Wege bin oder nicht. Außerdem finde ich das Kinderbuchforum, in dem sich außer mir noch andere Illustratorinnen und Autorinnen tummeln, eine echte Bereicherung. Viele interessante Kontakte habe ich so schon schließen können. Aber für Facebook habe ich mich nicht erwärmen können. Ich habe einfach keine Lust darauf, noch mehr Zeit ins Internet zu stecken. Vielleicht steht mir auch bloß diese gewisse Trägheit im Wege, die mich hindert, neue Elektrogeräte zu mögen, neue PC-Programme zu lernen – oder mich eben auf neue Plattformen im World Wide Web einzulassen.
   Claudia weiß anscheinend wieder mal genau, was in meinem Kopf vor sich geht. »Du bist ein Angsthase, weißt du das?« Sie spricht weiter, ohne auf meine Antwort zu warten. »Dabei ist es eine super Werbeplattform. Du brauchst dort nur das preiszugeben, was du wirklich willst. Du kannst dir eine Seite als Illustratorin einrichten und dein privates Leben außen vor lassen. Du brauchst nur Kontakte zu den Menschen zu akzeptieren, die du wirklich kennst.«
   Ich kratze mich am Kopf. »Ich weiß nicht …«
   »Du würdest dich wundern, wen du dort alles triffst. Weißt du überhaupt, dass Keanu auf Facebook ist?«
   »Ja, ich habe es ihm erlaubt. Für den Notfall haben wir seine Passwörter, und das weiß er auch. Hast du ihn unter deinen Kontakten? Benimmt er sich anständig?« Seit dieser Internetmobbingsache ist bei mir ein unterschwelliges, flaues Gefühl zurückgeblieben. Trotzdem wollte ich Keanu nicht verbieten, weiterhin online aktiv zu sein.
   »Ja, du kannst ganz gechillt sein«, sie kichert bei dem Wort, »er fällt unter den anderen Jugendlichen positiv auf. Er schreibt sogar ganze Sätze. Ganz im Ernst, willst du nicht mal vorbeischauen?«
   Vielleicht hat sie recht. Weshalb sträube ich mich so? Ist es meine Angst vor der eigenen Unfähigkeit, den Schließen-Button zu benutzen und das Ganze einfach auszuschalten?
   »Okay, ich mache es. Jetzt gleich. Mein Blog gefällt dir also?«, frage ich nach, um das Gespräch zu einem Ende zu bringen. »Sind die Formulierungen okay?«
   »Ja, Sanne, dein Blog ist prima. Mach so weiter. Würde mich nicht wundern, wenn du ein paar Fans gewinnst.«
   Ich lege auf und tippe www.facebook.de in die Browserzeile. Mit wenigen Klicks habe ich mich angemeldet. Durch die vielen Warnungen in Fernsehen, Zeitungen, auf Elternabenden und Infoveranstaltungen aufmerksam gemacht, finde ich die Häkchen, die man setzen kann, um seine Privatsphäre zu schützen. Möglicherweise verhalte ich mich leicht paranoid, aber so fühle ich mich sicher. Als Profilbild stelle ich eine meiner unveröffentlichten Illustrationen ein, die bisher keine Verwendung fand. Sie zeigt ein schwarzlockiges Mädchen mit Stupsnase und riesigen grau-blauen Augen. Die Zunge zwischen die Lippen geklemmt, malt sie konzentriert mit einem Pinsel auf ein Blatt Papier. Ich.
   Dann suche ich den Namen meines Sohnes, kann ihn allerdings nicht finden. Ich schließe daraus, dass er sich nicht einfach Keanu Weiler genannt, sondern vielleicht einen Fantasienamen genommen hat. Aber wie hat Claudia ihn dann finden können?
   Sie wiederum entdecke ich rasch, weil sie unter ihrem vollen Namen angemeldet ist. Ob sie die Hunderte »Freunde« auf ihrer Liste kennt? Ich lese ein paar Einträge an ihrer Pinnwand und hinterlasse einen Gruß. Meine Freundschaftsanfrage muss sie erst noch bestätigen. Offensichtlich hat sie ihr Profil für alle offen eingestellt, sonst könnte ich ja nicht darauf herumstöbern. Nach kurzer Zeit wird mir klar, weshalb: Neben ihren Freunden tauscht sie sich auch mit vielen beruflichen Kontakten aus. Auf ihrer Pinnwand finde ich ein paar Informationen, die sich auf ihren Job und die Firma beziehen und im Grunde wie Werbung funktionieren. Vielleicht kriege ich das auch hin. Sofort beschließe ich, einige meiner veröffentlichten Illustrationen, die ich für meine Homepage verwenden darf, hochzuladen, sodass man sich, wenn man mich gefunden hat, gleich ein Bild über meine Arbeit machen kann. Eben wie auf meiner Homepage.
   Plötzlich öffnet sich ein kleines Fenster. Ich sehe Claudias Namen, einen grünen Punkt daneben, und ihre Begrüßungsnachricht. Sie ist gerade online und hat meine Anfrage bereits bestätigt.
   Na, hast du mich gefunden? Braves Mädchen. Sieh dich um und such nach deinen Bekannten.
   Ich sehe eine Zeile, in der ich antworten kann. Gut gelandet. :) Wie finde ich Keanu?
   Hihi, er hat sich ein wenig versteckt. Such mal nach Kee Schellenberg.
   Unter dem Nachnamen meiner Mutter? Erstaunt gebe ich diesen Namen in die Suchen-Leiste ein, und siehe da, eine ganz besondere Spinne blickt mir als Profilbild entgegen. Keanu muss bereits ein Foto seines Kunstwerks gemacht und es hochgeladen haben. Wann bloß? Ich sende eine Freundschaftsanfrage an meinen eigenen Sohn.
   Dann schreibe ich Claudia noch eine Nachricht. Habe ihn gefunden, warte auf seine Antwort.
   Soll ich dich meinen Freunden vorschlagen?
   Ne, lass mal. Ich muss mich erst mal umschauen.
   Du kannst meine Liste durchgehen und anklicken, wen du kennst.
   Gut, mache ich. Dass mir davor graut, so viele Namen und Gesichter durchzugehen, behalte ich für mich.
   Muss jetzt los, c u!
   Und schon wechselt das grüne Pünktchen zu Grau.
   Indessen öffnet sich ein neues Dialogfeld, und Keanu meldet sich. Ich juchze auf. Ich habe begriffen, wie es läuft!
   Hi Mam, du auch hier???
   Tja. ;)
   Oje, muss ich jetzt aufpassen, was ich schreibe?
   Gute Idee. Big sister is watching you.
   Autsch!
   Cooles Profilbild!
   Danke :D
   Damit reicht es, denke ich. Sicher hat der Jungspund andere Kontakte zu pflegen als ausgerechnet den zu seiner Mutter. Ich klicke auf seine Profilseite und finde dort interessanterweise eine ordentliche Zahl Bilder vor. Ich blättere hinein. Seine Handschrift im Zeichnen unterscheidet sich grundsätzlich von meiner. Er hat viele Tribalmotive hochgeladen, außerdem verschlungene Ranken und Pflanzen mit Schriftzügen, wie sie sich für Tattoos eignen. Am meisten überrascht mich eine Anzahl kleiner Cartoons, die im Mangastil gezeichnet sind und einen besonderen Humor zeigen. Hach, was habe ich für einen begabten Sohn!
   Gespannt gehe ich seine Freundesliste durch. Die meisten sind Jugendliche und besuchen dieselbe Schule wie er. Viele von ihnen kenne ich persönlich. Ich lasse die kleinen Fotos an mir vorbeirauschen. Dann stutze ich. Da war ein älterer Mensch dazwischen. Jemand, den ich gut kenne. Ich scrolle zurück. Tatsächlich: Da prangt ein kleines Foto von Manfred. Perplex klicke ich es an. Ich fasse es nicht. Mein Vater ist auf Facebook aktiv! Auf seinem Profil finde ich keine weitere Information als seinen Namen. Er hat also seine Einstellungen privat gehalten. Ich wusste doch, warum ich ihn mag. Irgendwie finde ich es klasse, ihn hier zu finden, inmitten all des Jungvolks. Zurück auf Keanus Pinnwand sehe ich, dass die beiden sporadisch Kontakt halten. An diese Seite des sogenannten Social Network hatte ich noch nie gedacht. Das eröffnet neue Möglichkeiten. Nach ein wenig Suchen finde ich auch meinen Schwager Gunnar unter Keanus Kontakten, meine große Schwester Tina und Axels kleinen Bruder Thomas.
   »Susanne, bist du da oben?«, höre ich Axels Stimme und stelle überrascht fest, dass ich schon weit mehr als eine Stunde im Internet verbracht habe. Ich wusste es!
   »Ja. Komm mal eben!« Ich logge mich aus und schließe den Laptop.
   Die Tür öffnet sich. »Wow! Das ist super …« Er hält inne, weil er offenbar gerade Linas Zeichnungen entdeckt hat. »War das so geplant?«, fragt er im Näherkommen, bückt sich und zeigt auf die Strichmännchen.
   Ich rapple mich auf und schüttle die Beine aus, die vom langen Hocken steif und ungelenk geworden sind. »Ne, ursprünglich nicht. Aber …«, ich zucke mit den Achseln, »es passt irgendwie, oder?« Ich gebe ihm ein wenig Zeit, die Piraten und Clone Wars-Figuren genau zu betrachten.
   »Und jetzt dreh dich mal zur Tür um.«
   Ich beobachte, wie er zurückgeht und sich unter der Dachschräge umdreht. Seine Brauen wandern nach oben, dann zieht sich zuerst ein Mundwinkel hoch, und schließlich grinst er mich so an, wie er es tat, als ich mich in ihn verliebte.
   »Keanus Werk?«
   Ich nicke und lege den Arm um seine Hüften, gemeinsam bestaunen wir die Rankenspinne.
   »Nicht übel.«
   »Und genauso ungeplant wie die Strichmännchen. Aber es passt, nicht?«

Etwas später sitzen wir auf der Terrasse beim Abendessen – herrlich entspannt. Nur Axel, die Kinder und ich. Es ist derzeit recht schwül und deshalb abends noch lange warm. Wie ich diese Ruhe genieße!
   »Mam, hat die Direx noch immer nicht geschrieben? Am Montag geht es doch schon los!«
   Lina streckt den Rücken durch und strahlt. »Am Montag gehe ich zur Schu-ule, juhu!«
   Ich grinse Lina zu und schüttle auf Keanus Frage den Kopf. »Nein, leider noch keine Mail.«
   Er runzelt die Stirn und flucht leise.
   »Warum ist es dir denn bloß so wichtig?« Axel setzt seine Bierflasche ab.
   Keanu zerrupft ein Basilikumblatt über seinem Teller. »Na, weil ich mich in der alten Klasse nicht mehr wohlfühle seit der Internetsache.«
   »Aber das habt ihr doch alles aufgeklärt.« Axel wendet sich mir zu. »Dein Vater hat sich doch um die Sache gekümmert.«
   Ich nicke. Keanu senkt den Blick. Errötet er etwa?
   »Trotzdem ist es nicht mehr so wie vorher«, murmelt er.
   Dagegen lässt sich nicht viel sagen. Ich gieße mir ein Glas Wasser voll. In dieser Schwüle ist es kaum noch auszuhalten. Am Himmel rotten sich schwarze Wolken zusammen. Ein Gewitter würde guttun.
   »Vielleicht ist morgen eine Mail in der Post. In der Schule haben die Lehrer sicher jetzt schon viel zu tun … oder zumindest die Sekretärinnen und die Direktorin.«
   Lina springt auf. »Das ist Opas Wagen!« Sie muss gute Ohren haben.
   Ich seufze. Vorbei der ruhige Abend unter uns.
   Lina läuft durch die Garage nach vorn, und ich höre jetzt die schwere Tür des Mercedes, den der alte Herr seit Jahr und Tag fährt. Erst, als ich auch seinen Stechschritt vernehme, fällt mir auf, dass nur eine Tür geschlagen hat.
   »Hol bitte für Opa ein Bier aus dem Keller«, fordert Axel Keanu auf, als er und Lina schon um die Ecke biegen.
   Das muss man dem Deutschlehrer a. D. lassen: Er sieht immer gut aus. Groß wie eh und je, hält er sich so gerade, als hätte er einen Stock im Allerwertesten. Wenn ich noch daran denke, wie scharf Axel beim ersten Mal die Luft eingesogen hat, als ich meine Beobachtung in noch bildhafteren Worten ausdrückte …
   Auch jetzt marschiert er also wie ein General aus dem Altpreußischen Infanterieregiment der »Langen Kerls« an Linas Hand auf die Terrasse. Auf den zweiten Blick erkenne ich allerdings, dass sein Gesicht die selbstsichere Haltung Lügen straft. Es muss etwas vorgefallen sein. Innerlich sofort Abbitte leistend für meine genervte Reaktion auf seine bloße Ankunft, stehe ich auf und begrüße ihn mit herzlichem Handschlag, biete ihm das kühle Bier an, das Keanu gerade bringt.
   Er zieht die Braue über dem rechten Adlerauge hoch. »Um diese Zeit schon Bier?« Missbilligend lässt er seinen Blick über den Tisch schweifen. »Nein, Schwiegerkind, ich trinke lieber ein Wasser, wie immer.«
   Verwirrt schenke ich ihm ein Glas ein. Sonst sagt er immer, Wasser sei was für Hunde und Frauen.
   Axel mustert ihn. »Was gibts? Wollte Mutter nicht mitkommen?«
   Mit einem Stöhnen lässt Matthias sich auf den freien Stuhl sinken und schüttelt den Kopf. Er setzt das Glas an, trinkt es in einem Zug aus und schaudert, als wäre es bittere Medizin. Dann streicht er sich mit der Hand über die Stirn.
   »Rosemi ist im Krankenhaus.«
   Diese Auskunft lässt meine Knie wabbelig werden. Nicht nur, dass er ein Wort benutzt, das ich aus seinem Munde niemals gehört habe – Rosemi – auch die Nachricht, meine Schwiegermama liege im Krankenhaus, lässt sofort schreckliche Horrorszenarien in meinem Kopf entstehen. Eine blasse, entkräftete Rosemi in einem weißen Bett, verkabelt, an jeder Seite eine Infusion und neben dem Bett ein Gerät, das mit leisem Piepen den Herzschlag misst.
   Axel kommt mir zuvor. »Was ist passiert?«
   Matthias richtet den Blick auf ihn, als komme er aus weiter Ferne. »Eigentlich nichts.« Er verzieht den Mund.
   Was soll das denn heißen? Bevor ich nachhaken kann, wird er von einem Hustenanfall geschüttelt. Danach spricht er weiter in einer reservierten Stimmlage, als gehe ihn das alles nichts an. »Sie war so nervös in letzter Zeit. Heute Nachmittag ist sie aus den Latschen gekippt.« Aus den Latschen gekippt? Was für eine undenkbare Floskel. Der alte Herr ist offensichtlich viel mitgenommener, als sein Ton glauben lässt.
   »Was meinst du damit?«, insistiert Axel.
   »Ach.« Matthias fährt auf und blitzt uns abwechselnd mit seinem stechenden Schuldirektorenblick an. »Sie hat geheult und gejammert und behauptet, sie fühle sich schwindlig. Dann hat sie verlangt, ich solle den Arzt anrufen. Sie legte sich auf das Sofa und stand nicht mehr auf. Ließ mich alles regeln …« Er schüttelt erbost den Kopf. »Manchmal stellt sie sich wirklich an. Habe ich euch schon erzählt, dass sie alles im Hause verlegt hat? Nichts findet man mehr. Nicht mal mein Feierabendbier kann ich finden.« Er hebt sein Glas und stellt es wieder ab, wirft einen Blick auf Axels Bierflasche. »Wieso muss ich hier Wasser trinken? Ich bin empört.«
   Ich bin hingegen perplex. Matthias‘ Ansage löst in meinem Innern einen Angststurm aus. Wie geht es Rosemi wirklich? Was hat dieser Ignorant ihr angetan? Wieso reagiert er dermaßen widerwillig, anstatt seiner Frau liebevoll zur Seite zu stehen? Sein Benehmen ist beleidigend. Axel wirkt genauso verunsichert, wie ich mich fühle. Er greift rasch zur Flasche, die Keanu vorhin gebracht hat, öffnet sie und gibt sie seinem Vater.
   »Opa, willst du was essen?«
   Verdutzt sehe ich meinen Sohn an. Hat er als Einziger kapiert, dass der alte Herr wahrscheinlich noch kein Abendessen hatte? Und vielleicht auch kein Mittagessen, wenn Rosemi schon früh am Tag nach einem Arzt verlangt hat?
   Dankbar nickt Opa Matz und lässt sich von Keanu ein Brot schmieren. Nachdem Matthias die Hälfte des Bieres getrunken und zwei kräftigende Brote gegessen hat, entspannt er sich und gleicht wieder ganz dem Schwiegervater, den ich kenne. Bereits während des Essens hat er häppchenweise erzählt, dass Rosemi einen Schwächeanfall hatte. Anscheinend steckt die Aufregung vor ihrem runden Geburtstag dahinter. Normalerweise kenne ich meine Schwiegermama als patente Frau, die sich nach außen hin in den Schatten ihres Mannes stellt, während sie heimlich den Laden schmeißt. Es schockiert mich, dies von ihr zu hören.
   Matthias nickt. »Ja, so war das. In zwei Tagen kommt sie wieder nach Hause. Ihr graut jetzt schon davor, die Einladungen schreiben zu müssen.«
   »Wenn es weiter nichts ist. Das kann ich für sie machen«, höre ich mich sagen.
   Axel lächelt mir dankbar zu.
   Mist …
   »Opi, bist du jetzt ganz allein?« Lina legt einen Finger an den Mund.
   Kind, tu es nicht!
   »Du kannst bei uns schlafen!«, sagt sie im nächsten Moment die verhängnisvollen Worte. Wenn Matthias zwei Nächte bei uns schläft, ist die restliche Ferienzeit, die uns noch bleibt, hinüber! Nichts sehne ich mehr herbei als einen völlig normalen, weitgehend eltern- und schwiegerelternfreien Alltag. Dies ist der erste Abend, den wir nur für uns hatten, und an dem wir endlich die Gedanken an die noch nötigen Arbeiten im Hause hinter uns lassen konnten. Bei aller Liebe zu den Senioren – kurze Stippvisiten gern, aber bitte keine Übernachtungsgäste der Generation Ü-60 mehr! Zumindest vorerst nicht. In ein paar Wochen … Monaten … Jahren können wir darüber wieder nachdenken.
   Nun ist es zu spät, Lina hat die Einladung bereits ausgesprochen, und ich würde dem alten Herrn vor den Kopf stoßen, wenn ich sie zurücknehmen würde. Im Grunde hat Lina sogar recht. Matthias ist nicht gewohnt, ohne seine Frau im Haus zu wohnen.
   Der Deutschlehrer a. D. lächelt Lina zu, sodass seine Augen nichts Adlerhaftes mehr an sich haben. Im Gegenteil, sie leuchten wie die meines Lieblingshumoristen Loriot.
   Axel legt mir eine Hand auf den Unterarm und drückt ihn kurz. »Ja, Vater, möchtest du im Gästezimmer übernachten? Gestern ist es fertig geworden.«
   Mit klopfendem Herzen warte ich auf seine Antwort.
   »Ach, das wäre in der Tat zauberhaft. Ein sehr freundliches Angebot. Danke!«
   Ich rapple mich auf, mit ein wenig Wehmut um den Rest des entspannten Abends im Herzen. »Ich beziehe dir ein Bett. Du kannst einen von Axels Schlafanzügen tragen, und unbenutzte Zahnbürsten haben wir auf Vorrat im Haus.« Ich werfe Axel einen Blick zu. »Notierst du bitte Rosemaries Zimmernummer?«
   Meine Kinder fordere ich auf, den Tisch abzuräumen.
   »Ich habe erst gestern den Tisch abgeräumt«, motzt Keanu.
   Lina funkelt ihn an. »Und ich habe heute Morgen das Geschirr in die Spülmaschine getan.«
   »Ich habe vor drei Wochen erst …«
   »Stop!«, unterbreche ich die beiden. Matthias verfolgt den Disput der Kinder entgeistert. Er deutet ein Kopfschütteln an. Natürlich, so etwas hat er mit seinen eigenen Söhnen damals nie erlebt.
   Ich seufze. »Ende der Diskussion. Keanu, Spülmaschine. Lina, Lebensmittel. Dalli jetzt. Das Essen verdirbt sonst, und die schmutzigen Teller ziehen Wespen an.«
   Widerwillig beugen die beiden sich meinen Anweisungen. Im Hineingehen höre ich, wie Axel seinen Vater nach Einzelheiten von Rosemis Krankenhauseinweisung befragt, und krame aus dem großen Schrank im Gästezimmer Wäsche für ein Bett hervor.
   Ich lege sie auf der Kommode ab und beuge mich über das Bett, um die annähernd tausend Socken mit einer ausholenden Armbewegung in einen Korb zu schieben, dann umfasse ich den Berg ungebügelter Hemden und lege – viel mehr stopfe – ihn obenauf und dazwischen. Wie gut, dass sich erst diese beiden Wäscheladungen hier ansammeln konnten. Den Korb trage ich nach oben in unser Schlafzimmer, in dem noch immer zwei Stapel mit originalverpackter Herrenunterwäsche einer weiteren Verwertung harren. Rosemi hatte diese Weihnachtsgeschenke unten im Keller in den Vorratsregalen gefunden und mir hier herauf getragen, damit ich entscheiden könne, was damit geschehen soll. Dabei hat sie augenzwinkernd hochheilig versprochen, Axel nie wieder lange Unterhosen und Feinrippunterhemden zu schenken. Bei dem Gedanken an Rosemi setzt mein Herz einen Takt aus. Ich werde sie morgen im Krankenhaus besuchen und ihr sagen, dass sie sich um ihre Gästeliste keine Sorgen zu machen braucht.
   Wenig später ist die eine Seite des großen Ehebetts zum Einsatz bereit, die andere habe ich gelassen, wie sie war. Ich stelle mir vor, wie Matthias hereinkommt und das Bett betrachtet. Es kostet mich nicht mal zehn Minuten, das zweite Bett auch noch zu beziehen.
   Ich gehe wieder nach draußen. Irgendwo entlädt sich offenbar ein Gewitter, denn am dunklen Himmel leuchtet es gelegentlich auf. Ich liebe diese Stimmung und zünde zwei Citronellakerzen an.
   »Ich mache mich mal auf den Weg, ihr Lieben. Susanne, ich bin froh, dass du dich um die Einladungen kümmern willst. Rosemarie kann mir morgen sagen, wo sie die vorläufige Liste hingelegt hat.« Er steht auf und streckt sich. »Danke für das Bier und das Abendbrot.« Er macht Anstalten, durch die Garage zu seinem Auto zu gehen.
   »Halt!« Verdutzt sehe ich Axel an, der die Schultern hochzieht. Matthias dreht sich wieder um.
   »Ja?«
   »Du … du wolltest doch hier schlafen, damit du nicht allein ins leere Haus musst.«
   Er winkt ab. »Ach was, ein alter Mann schläft am besten im eigenen Bett. Trotzdem danke für das Angebot, Schwiegerkind.«
   Er wirft seiner Enkelin eine Kusshand zu. Sie fängt den Kuss kichernd auf und schickt einen zurück. Zu Keanu hebt der alte Herr in einer anerkennenden Geste den Daumen. Dieser legt grinsend den Kopf schief. Dann verschwindet Matthias, und kurz darauf hören wir, wie der Motor seines Wagens angelassen wird und das tiefe Brummen sich langsam entfernt.
   Ich stemme die Hände in die Hüften. »Was war das denn?«
   Axel steht auf und legt mir einen Arm um die Schultern. »Ich weiß nicht. Langsam wird er alt, mein Vater. Er hat es sich einfach wieder anders überlegt.« Er grinst. »Vielleicht ist es besser so.«
   Ja. Vielleicht schon.

Kindermund

Worte einer Fünfjährigen an einem heißen Septembertag:
   Mama-a, ich will ein Hängerkleid anziehen. Es ist volle Pulle heiß draußen, und dann kommt das bis unten hin, und es zieht überall an mich dran, und dann … ERHITZE ich!


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