Als wäre es nicht schon schwierig genug gewesen, überhaupt schwanger zu werden, steht Mia Vomhoff zwar endlich mit einem positiven Schwangerschaftstest da, doch ein Happy End ist trotzdem nicht in Sicht. Weil ihre geliebte Stadtwohnung einem Brand zum Opfer fällt, ziehen Mia und ihr Mann Nils zu ihrer Mutter aufs Land. Nur vorübergehend, versteht sich, denn Schweine, Hühner und eine Mutter, deren trockene Art jeden normalen Menschen auf die Palme bringt, will sich ein Stadtweibchen wie Mia nicht länger als nötig zumuten. Die kommenden Monate verbringt sie damit, nach einer neuen Bleibe zu suchen, in Hechelkursen mit ihrem imaginären Bauchnabelpinsel Achten auf den Fußboden zu malen und ihrem Bauch und Doppelkinn beim Wachsen zuzuschauen. Eigentlich hätte sie damit ja genug zu tun, doch dann muss sie sich plötzlich auch noch die Frage stellen, ob Nils sie betrügt. Wem würde da nicht die Fruchtblase platzen?

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ISBN: 978-9963-52-543-0

Seiten: 305

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Vanessa Richter

Vanessa Richter
Vanessa Richter, Jahrgang 1979, studierte Germanistik und Anglistik und versucht seitdem, mehr oder weniger begeisterungsfähigen pubertierenden Halbwüchsigen die Feinheiten der deutschen und englischen Sprache näher zu bringen. Sie lebt mit Kind und Kegel zwischen Ruhrpott und Münsterland.

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... oder sofort „hineinschnuppern“

Komm raus, du bist umzingelt

Hier lag ich und versuchte, eine Wassermelone herauszupressen. Ich verfluchte innerlich jede Frau, die im Duzi-Duzi-Tonfall mit einem Strahlen in den Augen vom Wunder der Geburt berichtet hatte. Was sollte überhaupt dieses Gerede, Babys seien klein und zart? In Anbetracht der Schmerzen, die ich erlitt, konnten diese Attribute auf das Kind, das soeben probierte, Kopf voran meinen Körper zu verlassen, unmöglich zutreffen. Ein Blick auf die Uhr verriet mir, dass ich bereits seit zwei Stunden im Krankenhaus war. Wo zum Teufel steckte der betrügerische Mistkerl von Ehemann, der mir das alles eingebrockt hatte?
   »Schätzchen, du darfst nicht verkrampfen. Immer schön mit den Wehen atmen.«
   Die Beleidigungen, die ich der zutraulichen Hebamme an meinem Fußende in diesem Moment gern entgegenschmettern wollte, konnte ich nicht in Worte fassen. Ja, ich wollte ein Kind und mir war bewusst, dass eine Geburt mit Schmerzen verbunden war … theoretisch! Praktisch wünschte ich mir in diesem Augenblick, zur obersten Liga der Hollywoodstars zu gehören und einen Martini schlürfend, entspannt einer Leihmutter beim Gebären meines Kindes zuzuschauen.
   Apropos Mutter! Bevor ich noch einen Tag länger mit ihr unter einem Dach wohnte, zog ich lieber mit Sack und Pack ins Krankenhaus. Betten gab es hier immerhin zur Genüge.
   »Aaargh!«
   »Du tönst ganz fantastisch, Schätzchen. Lass uns an deinem Schmerz teilhaben. Treibe dein Kind auf den Wellen der Wehen hinaus in die Welt.«
   Bis eben hielt ich diesen Raum für einen Kreißsaal, inzwischen zweifelte ich, ob ich nicht versehentlich an einem Meditationskurs teilnahm. Und außerdem: Ich tönte nicht, ich zelebrierte einen ausgewachsenen Nervenzusammenbruch!
   Wie war ich eigentlich hier gelandet?




SCHWANGER WERDEN IST NICHT SCHWER?
Von zweien, die auszogen, ein Kind zu zeugen




Vorspiel

Ich erinnere mich lebhaft an den Tag, an dem Mutter meine kleine Schwester Molly und mich aufklärte. Wir saßen in der Badewanne, während sie uns die Anatomie der Frau anhand unserer Körper erläuterte. Es wäre um einiges leichter gewesen, anschließend ebenso anschaulich zu verdeutlichen, wo die Babys herkamen, wenn eine von uns ein Junge gewesen wäre. Wir nackten Mädchen boten zunächst nur ein sehr einseitiges Bild bei der Darstellung dessen, was Mann und Frau zur Fortpflanzung benötigten. Zu allem Überfluss fehlte in unserer Familie nicht bloß ein Bruder, sondern auch ein Vater. Praktisch schon so lange, dass uns gar nicht klar war, dass die Väter unserer Freundinnen durchaus noch andere Aufgaben hatten, als die Brötchen zu verdienen und zu schimpfen, wenn sich die Kinderzimmer wieder Messie ähnlichen Zuständen näherten.
   Dafür schaffte unsere Mutter es erstaunlich gut, ihre neugierigen Töchter weitestgehend jugendfrei in die Notwendigkeit des Liebesaktes einzuführen, ohne dabei auf die Raffinessen einzugehen. So saßen wir schließlich mit rauchenden Köpfen im kalten Badewasser, aber wir fühlten uns gerüstet, um am nächsten Tag die Kinder im Kindergarten ausführlich über die Funktion eines Penis zu informieren. Die Erzieherinnen und insbesondere die anderen Mütter waren darüber not amused. Die 70er Jahre zeigten sich weit weniger aufgeklärt und emanzipiert, als man gemeinhin denkt.
   Gute dreißig Jahre später – ich hatte mich inzwischen mehr als ausgiebig davon überzeugt, dass ein Mann und sein Penis durchaus noch andere Qualitäten aufwiesen – wurde das Thema plötzlich wieder aktuell. Ich wollte ein Kind und in Erinnerung an meine Jahre andauernde Aufklärung durch Mutter, Dr. Sommer und meine reichhaltigen Erfahrungen war ich der Meinung: Nichts leichter als das!

Denkste!

Tausendmal probiert

Der Dielenboden unter meinen Füßen knarzte, als ich die Küche betrat. Nils blieb bei meinem Anblick fast das Müsli im Hals stecken. Mein zerknautschter Gesichtsausdruck sprach offensichtlich Bände.
   »Wieder nichts?«
   »Hmpf!«
   An meinem fünfunddreißigsten Geburtstag hatten Nils und ich feierlich beschlossen, dass das Lotterleben ein Ende haben sollte und wir uns der Herausforderung stellen wollten, Eltern zu werden. Das war sieben Monate her und ich war immer noch höchst unschwanger. An diesem Tag hatte ich erneut in der leisen Hoffnung, es könnte geklappt haben, einen Schwangerschaftstest verbraten. Das ging auf Dauer ziemlich ins Geld. Ich hatte mir das definitiv alles anders vorgestellt. Mir schwebten die Horden von Teenagermädchen vor Augen, die reihenweise schwanger wurden, wenn ihnen ein Milchbubi gleichen Alters nur auf die Brüste schaute. Sex ohne Verhütung war für mich bisher gleichzusetzen mit prompter Schwangerschaft. Wieso hatte ich eigentlich jahrelang akribisch die Pille genommen, wenn ich offensichtlich sowieso nicht schwanger wurde? Das entbehrte jeglicher Logik. Ich lehnte mich gegen das alte Küchenbuffet. Ein bisschen abgeblätterter Lack pikste mich in den Arm. Ich nahm mir ständig vor, es aufzuarbeiten. Eine Baustelle mehr in meinem Leben. »Nils, vielleicht sind deine Schwimmer zu langsam. Das hört man andauernd.«
   »Schwimmer?« Er blickte von seiner Zeitung auf und sah mich irritiert an. Mein Mann hatte das Thema Schwangerschaft offenbar bereits wieder abgehakt.
   »Sagt man doch so zu Spermien. Und wer weiß, ob deine nicht vergessen haben, ihre Ultra-High-Speed-Synthetik-Badehosen anzuziehen, bevor sie ins Rennen gehen. Und sich die Brusthaare zu rasieren!«
   Nils zeigte mir einen Vogel und nahm einen weiteren Happen von seinem Müsli. »Mia, meine Schwimmer könnten bei Olympia antreten und würden sogar ohne Schwimmanzug und mit starker Brustbehaarung jeden Michael Phelps und Paul Biedermann dieser Welt im Schongang bezwingen«, erwiderte er noch kauend. »Möglicherweise machen wir irgendetwas falsch.«
   »Deine Selbsteinschätzung in allen Ehren, aber du kannst gar nicht wissen, ob deine Schwimmer zu langsam sind. Und was sollten wir falsch machen? Bei biederem normalem Blümchensex kann man nichts verkehrt anstellen. So werden andere auch schwanger.« Ich stemmte die Hände in die Hüften.
   »Wir können auch gern das Gegenteil von Blümchensex probieren, wenn es dann besser klappt.« Nils strich sich eine dunkle Locke aus dem Gesicht und lächelte etwas dümmlich. Ich konnte förmlich sehen, wie sich das Porno-Gedankenkarussell in seinem Kopf drehte.
   Mir war jegliche Lust auf Stellungskonversation vergangen. Frustriert ließ ich mich auf unsere Ledercouch in der Küche fallen und knibbelte an meiner Unterlippe. Es nutzte alles nichts. Ich würde wohl oder übel den Weg zu meiner Frauenärztin einschlagen müssen. Ein Besuch dort war bei mir fast so beliebt wie ein Termin beim Zahnarzt. Außer der jährlichen Krebsvorsorge hatte es bisher keinen Anlass gegeben, der mich dorthin getrieben hätte. Mir schauderte es schon vor den unzähligen Schwangeren, mit denen ich viel zu viel Zeit im Wartezimmer verbringen musste. Das hieß bei meiner Ärztin nicht ohne Grund so. Ich konnte mir förmlich ausmalen, wie sie da saßen mit ihren dicken Bäuchen, über die sie ständig geistesabwesend streichelten. Zum ersten Mal in den sieben Monaten, die wir versuchten, ein Kind zu bekommen – oder wie Nils es charmant nannte, mir einen Braten in die Röhre zu schieben – war ich wirklich niedergeschlagen.
   Wenigstens blieb ich vom familiären Druck befreit. Meine Mutter Eva ging vollkommen in ihren großmütterlichen Pflichten für die beiden kleinen Satansbraten meiner Schwester Molly auf. Nur kurz nach unserer Hochzeit vor fünf Jahren hatte sie eine Phase des exzessiven Drängens. In der erklärte sie uns bei jeder Begegnung, die logische Konsequenz einer Eheschließung sei eine Schwangerschaft. Nachdem Molly dann in Vorleistung gegangen war, schlief ihre Penetranz bei uns glücklicherweise ein. Der Besuch bei meiner Frauenärztin würde es hoffentlich auch unnötig machen, das Thema Kinderwunsch jemals in unserer Familie breittreten zu müssen.

Familienbande

»Kaffee?«
   »Nein danke. Ein Mineralwasser wäre nett.« Ich zog die Beine an und setzte mich auf
   der hölzernen Küchenbank in den Schneidersitz. Schon als Kind saß ich so am liebsten.
   »Mit Milch und Zucker?«
   »Mutter, ich möchte bitte ein Mineralwasser.«
   »Die Dame stellt Ansprüche? Hier hast du ein Glas, bedien dich am Wasserhahn.«
   Ich seufzte. Nur vierzig Minuten Fahrtzeit trennten unsere Altbauwohnung im Herzen der Stadt und das kleine Bauernhaus meiner Mutter am Rande des Waldes voneinander. Doch gefühlt lagen Welten dazwischen. Ich war kein ausgesprochenes Luxusweibchen, aber ich liebte die angenehmen Dinge des Lebens. Ob Eierkocher, Lockenstab oder Trockner, ich besaß jedes noch so unnötige Gadget. Außerdem konnte ich Stunden in Designerboutiquen verbringen. Gepflegte Garderobe, teure Schuhe, beheizbare Eisportionierer, das war nichts, das meine Mutter zu beeindrucken vermochte. Minimalistischer als sie konnte man nicht leben.
   »Möchtest du einen Joghurt?« Sie wischte sich die Hände an der Schürze ab und hielt mir eine Schüssel hin.
   »Was ist da drin?« Trotz besseren Wissens hoffte ich auf Obst, Puffreiskügelchen oder Schokoladenstücke.
   »Der ist aus Ziegenmilch. Selbst angesetzt.«
   Urgs! Ich hätte es mir denken können. Ziegen, Schweine, Hühner, auf dem Hof tummelte sich allerlei ländliches Getier. »Ich verzichte. Laktoseintoleranz.« Nichts gegen die kleinen Lügen des Alltags.
   »Neumodischer Schnickschnack. Du solltest vernünftig essen. Nicht immer diesen Fertigkram. Du siehst blass und abgespannt aus.«
   Einen Moment lang überlegte ich, ob ich ihr von unserem unerfüllten Kinderwunsch erzählen sollte. Doch auch wenn diese Frau in ihrem klitzekleinen bäuerlichen Mikrokosmos lebte, so nannte sie ein abgeschlossenes Psychologiestudium ihr Eigen. In alter Analytikermanier würde sie sicherlich eine psychische Blockade dafür verantwortlich machen, dass wir immer noch kinderlos waren und mich zu peinlichen Entspannungsübungen nötigen. Darauf verzichtete ich liebend gern. Sie hielt mir nach wie vor die Schüssel unter die Nase. Hätte sie bloß nicht angefangen, von Fertigessen zu sprechen. Nun bekam ich Hunger auf eine Pizza mit Frühlingsrollengeschmack. Ich war einfach zu sehr Werbejunkie, um mich solchen Neuerungen der Lebensmittelindustrie zu entziehen.
   »Wo bleibt deine Schwester? Bestimmt stillt sie wieder stundenlang. Ich sehe es kommen. In einigen Jahren sitzt sie in der Schule bei einem Elternsprechtag und die Lehrerin wird erstaunt dabei zusehen, wie ein Siebenjähriger nuckelnd an Mollys ausgepackter Brust hängt.«
   Ich glaubte zwar nicht, dass es so weit käme, würde aber auch keine größeren Geldsummen auf diese Ansicht verwetten. Nachdem mein Hunger nun geweckt war, starrte ich auf den Ziegenjoghurt, entschied mich jedoch in Gedanken an Muttermilch endgültig dagegen.
   »Ruf sie an. Oder schrei einfach rüber. Bei deinem Organ wird sie dich über die paar hundert Meter Distanz ohne Probleme hören.« Meine Schwester war so freundlich gewesen, den Part der guten Tochter zu übernehmen und in Mutters Nähe zu ziehen. So musste ich mich nicht allzu oft dazu genötigt fühlen, Pumps gegen Gummistiefel zu tauschen.
   »Vielleicht filzt sie wieder Pantoffeln.«
   »Sie filzt Seifen ein, Mutter.«
   »Was auch immer, deine Schwester ist ein Sonderling.«
   Sprach die studierte Psychologin, die auf einem Bauernhof lebte und Joghurt selbst ansetzte. Aber zugegeben: Molly ging sehr in ihrem Ökodasein auf. Sie mahlte sogar ihr Mehl in einer Getreidemühle selbst und bekam nach eigenen Angaben von Geschmacksverstärkern Lippenherpes. Den Frischkäse mit Schokoladengeschmack, den ich zum Frühstück verspeist hatte, würde man in ihrem Kühlschrank niemals finden.
   »Huhu!« In diesem Moment betrat die verlorene Tochter die Küche, auf ihrem Rücken befand sich mein zweijähriger Neffe.
   »Ist das etwa wieder neu?«, fragte Mutter mit Blick auf das maisgelbe Tragetuch, in das Fokko eingebunden war.
   »Dir auch einen guten Tag, Mama. Und ja, das ist neu. Die Farbe fehlte mir noch für meinen Regenbogenstapel.« Molly strahlte, als hätte sie soeben einen Millionengewinn im Lotto verkündet.
   Was ich für Designerkleidung ausgab, investierte Molly in Tragetücher. Ihre Söhne waren bald viel zu schwer, um sie damit durch die Gegend zu schleppen. Aber meine Schwester war eine A.T.T.A. – eine anonyme Tragetuchabhängige. Bei ihr in den Schränken stapelten sich mehr Tücher als bei anderen Leuten Unterhosen.
   Ein schlammverkrusteter Fietje tauchte hinter ihr auf.
   »Gibt es bei euch zu Hause keine Dusche?« Ich rümpfte die Nase.
   »Schmutz ist wichtig für die Abwehr.« Mutter und Molly unisono.
   Ich glaubte das ohne Weiteres. Doch wenn ich mir Mollys Haus ansah, das von der Haustür bis zum letzten Zimmer mit Fußtapsen, abgelegter lehmiger Kleidung und Sandspielzeug dekoriert war, packte mich das kalte Grausen. Ich liebte Ordnung und Sauberkeit. Meine Kinder würden später unsere Wohnung nur durch eine Schleuse betreten dürfen, in der sie alles ablegen mussten, das zu chaotischen Zuständen führen konnte.
   Fietje sah mich erstaunt an. »Was machst du denn hier, Tante Mia?«
   Ich war wirklich zu selten da, wenn schon einem Vierjährigen meine Anwesenheit spanisch vorkam. Und ehrlich gesagt kannte ich selbst keine befriedigende Antwort auf seine Frage. Ich hasste das sogenannte Idyll meiner Kindheit mit einer Mutter, deren spröde Direktheit jeden normalen Menschen auf die Palme brachte. Die Ruhe und Abgeschiedenheit mitten in der grünen Pampa waren mir ein Graus. Ich war ein Stadtmensch durch und durch. Ich genoss die fußläufige Nähe zu Supermärkten, Friseuren und anderen Dienstleistern, ich liebte sogar den Verkehrslärm, der mich abends in den Schlaf brummte. Unsere Altbauwohnung aus dem letzten Jahrhundert mit ihren hohen stuckverzierten Decken und knarzenden Dielenböden war einzigartig, so etwas konnte man auf dem Land nicht finden.
   Dann dämmerte es mir. »Ich bin hier, weil ich deine Oma und deine Mama lieb habe und sie sich im Großstadtdschungel verlieren würden, wenn man sie dort allein ließe.«
   Mein Neffe nickte zufriedengestellt, griff sich den Ziegenjoghurt, um ihn genüsslich in sich hineinzulöffeln. Ich betrachtete das kleine Schmuddelkind liebevoll und mir wurde bewusst, dass man seine Familie nehmen musste, wie sie war: nur eben wohldosiert.

Man wird alt wie eine Kuh und lernt immer noch dazu

Am Ende eines Mittwochs im Oktober traf mich die Erkenntnis, dass manche Männer tatsächlich mehr über uns Frauen wussten, als wir selbst. Meine Frauenärztin war ein Mann. Zumindest an diesem Tag. Denn als ich nach gefühlten vierzig gelesenen Klatschzeitschriften, von denen mindestens die Hälfte aus einer Zeit stammte, als Charles und Diana noch glücklich verheiratet waren, das Behandlungszimmer betrat, begrüßte mich nicht meine mir bekannte Frauenärztin. Stattdessen saß dort ein wirklich junger Mann – Typ Doogie Howser – anscheinend der Vertretungsarzt. Er blätterte in meiner eher übersichtlichen Akte.
   »Wie kann ich Ihnen helfen, Frau Vomhoff?«
   Geh zur Schule und mach deinen Abschluss!
   Meine Hände wanderten umher und fanden keinen Platz. »Ich versuche seit einiger Zeit, bisher erfolglos, schwanger zu werden und brauche Ihre Hilfe.«
   Doogie grinste. Konnte das sein? Grinste der Typ mich jetzt tatsächlich breit an?
   »Also nicht von Ihnen persönlich, ähm, obwohl doch irgendwie. Wo steckt Frau Doktor Springer?«
   Gott, ging’s noch peinlicher?
   »Sie verprasst ihre Millionen in Las Vegas. Ich bin ihre Vertretung.«
   »Millionen? Vegas?« Allmählich verwirrte mich dieser Mann.
   »Ein Scherz. Frau Doktor Springer macht Urlaub in der Uckermark, sie führt einen Esel durch die Landschaft, wenn ich das korrekt verstanden habe.«
   Mein Gesichtsausdruck musste Bände sprechen, denn er beeilte sich, hinzuzufügen: »Das ist jetzt wirklich ernst gemeint. Ich hätte auch Las Vegas vorgezogen. Aber kommen wir zu Ihrem Problem und halten ein paar Eckdaten fest. Haben Sie einen regelmäßigen Zyklus mit Eisprung?«
   »Öhm, ich bekomme meine Periode, also habe ich auch einen Eisprung, oder?«
   »Nein, das ist nicht unbedingt gesagt. Führen Sie keine Temperaturkurven oder machen Ovulationstests?«
   Die Fragezeichen in meinem Gesicht wurden immer größer. Wovon sprach der gute Mann da? Und wie schaffte ich es, mir nicht die Blöße geben zu müssen, dass ich null Ahnung hatte?
   »Mmh, natürlich … also vielleicht … eher doch nicht.«
   Nicht so gelungen.
   »Wenn Sie nicht wissen, wann Sie Ihren Eisprung haben, ist die Wahrscheinlichkeit, den richtigen Tag für Geschlechtsverkehr zu treffen, sehr gering.«
   Geschlechtsverkehr? Bei diesem Wort stellte ich mir meine Oma in Liebestötern und meinen Opa im Feinrippunterhemd vor. Und wieso gab es richtige und falsche Tage, um ein Kind zu zeugen? Hatte ich so wenig im Biologieunterricht aufgepasst? Sicherlich hatte ich von einem Eisprung gehört. Aber in meiner Vorstellung sprang das Ei am Anfang des Monats und wartete dann einige Wochen darauf, befruchtet zu werden. Ich sah Doogie leicht verzweifelt an. »Hilfe, bitte?«
   Nach einer kurzen Untersuchung, bei der er auf den ersten Blick zumindest rein körperlich nichts an meinem gebärfähigen Mittdreißigerkörper zu beanstanden hatte, hüpfte ich erleichtert wieder vom Stuhl.
   Doogie lächelte aufmunternd. »Ich gebe Ihnen jetzt ein paar Broschüren zur natürlichen Familienplanung mit. Später gehen Sie in die Apotheke und besorgen sich Ovulationstests, mit denen Sie bestimmen können, wann Sie Ihren Eisprung haben. Anschließend timen Sie den Geschlechtsverkehr auf Ihre fruchtbaren Tage. Sie haben doch einen Mann? Ohne den geht es nämlich nicht.«
   Ob ich einen Mann … ob ich einen Mann …? Jetzt machte er sich endgültig über mich lustig. »Und wenn nicht? Stellen Sie sich dann zur Verfügung?« Touché!
   Aber der Arzt, von dem ich mir nicht vorstellen konnte, dass ihm viele Frauen vertrauten, lachte nur. »Wenn es innerhalb eines Jahres nicht geklappt hat, sehen wir weiter.«
   »Wie meinen Sie das? Innerhalb eines Jahres? Wieso sollte es so lange dauern?«
   »Die Chance, selbst bei bester Zeitplanung, schwanger zu werden, beträgt gerade mal fünfundzwanzig Prozent. Da ist es normal, dass es sich eine Weile ziehen kann.«
   Hmpf! Erstaunlich, dass die Menschheit noch nicht ausgestorben war. Etwas desillusioniert verließ ich die Praxis. Immerhin um die Erkenntnis reicher, dass die Zeiten, in denen Nils und ich aus Spaß an der Sache miteinander geschlafen hatten, vorerst vorbei waren. Dass das monatliche Zeitfenster, um schwanger zu werden, deutlich kleiner war, als von mir angenommen. Dass manche Männer offenbar über die primären und sekundären Geschlechtsmerkmale einer Frau mehr wussten als diese selbst. Und schließlich, dass man in der Uckermark mit Eseln wandern gehen konnte.

Tina, wat kosten die Kondome?

Kondome, die Pille, Tampons, all das waren Dinge, die ich grundsätzlich nicht gern einkaufte. Angeborene Scham? An meiner Erziehung konnte es eigentlich nicht liegen. Meine Mutter hatte aus Mangel an Luftballons an einem unserer Geburtstage sogar Kondome aufgeblasen. Meine Schwester Molly realisierte das erst zwanzig Jahre später, als wir durch ein Fotoalbum blätterten. Vielleicht war aber auch gerade meine Erziehung der Grund dafür, wieso mir der Kauf von Hygieneartikeln und Verhütungsmitteln so unangenehm war. Quasi ein Fremdschämen für meine Kindheit. Also schickte ich für gewöhnlich Nils in den Drogeriemarkt. Das führte zwar mitunter dazu, dass ich Tampons in Größenordnungen erhielt, von denen ein Exemplar für eine ganze Woche reichte, doch diese kleinen Fehleinkäufe nahm ich hin.
   An diesem Tag wollte ich über meinen Schatten springen, falls ich mehr Fragen haben sollte, als Nils mir beantworten konnte. Ich gestand es mir selten ein, aber ohne meinen Ehemann war ich in vielen Belangen nicht lebensfähig. Verliebt hatte ich mich in ihn ganz oberflächlich wegen seines guten Aussehens. Jedoch liebte ich ihn dafür, dass er meinem chaotischen Wesen Halt gab. Er war der einzige Mensch, der es schaffte, mir meine unüberlegten Hirngespinste auszureden. Wie damals, als ich unser gesamtes Erspartes dafür verwenden wollte, das marode Freibad am Stadtrand zu kaufen und wieder auf Vordermann zu bringen. Ich hatte mich bereits als Großgrundbesitzerin im Bademeisteroutfit gesehen. Nils konnte leider einige schlagende Argumente gegen meine Idee aufweisen, obwohl ich bis heute der Meinung war, dass ich es hätte schaffen können. Und ich liebte ihn dafür, dass es ihn tatsächlich glücklich machte, mir unangenehme Dinge abzunehmen.
   Hier stand ich also in der Apotheke meines Vertrauens, oder wohl eher Nils’ Vertrauens, und kaute auf der Unterlippe herum. Der Bubi-Arzt hatte mich mit einem Haufen Broschüren versorgt und mir sogar einige Stellen darin mit einem Textmarker angestrichen. Darin lesend wartete ich hinter einer älteren Dame, die sich ausführlich über Inkontinenzprodukte informieren ließ. Ich stellte mir einen ergrauten Nils vor, wie er dort in fünfzig Jahren mit seinem Rollator für mich stehen würde, um mir überdimensionale Damenbinden zu kaufen. Dann spielte es zumindest keine Rolle mehr, ob er wieder die falsche Größe kaufte.
   Die ältere Dame zog offensichtlich zufrieden mit einem Paket Binden mit Flügeln so groß wie Dumbo-Ohren ab und ich war an der Reihe.
   »Ich hätte gern einen Eisprungtest«, flüsterte ich.
   »Wie bitte? Könnten Sie ein wenig lauter sprechen?«
   Ich blickte mich um und räusperte mich: »Einen Eisprungtest, bitte.«
   »Sie meinen einen Ovulationstest?«
   »Ja.«
   »Möchten Sie einen herkömmlichen Streifentest oder die digitale Variante?«
   Hilfe! Es ging schon wieder los. Ich fühlte mich zum zweiten Mal an diesem Tag wie ein Volldepp. Ich konnte die gute Frau nur nett anlächeln und fragend mit den Schultern zucken. Sie fühlte sich gleich darin bestärkt, den Beraterton anzuschlagen und mich mit Informationen zu überschütten.
   »Ich würde Ihnen den digitalen Test empfehlen. Sehr zuverlässig und es gibt kein Rätselraten. Bei den normalen Streifentests müssen wie bei einem Schwangerschaftstest zwei Linien erscheinen, jedoch wird ein Eisprung erst dann angezeigt, wenn beide Linien gleich dick sind. Da kann man schon einmal unsicher werden. Bei dem digitalen Test blinkt ein hübsches kleines Ei auf dem Display. Idiotensicher!«
   Ich hätte gern beleidigt reagiert, aber in meinem Fall war idiotensicher höchstwahrscheinlich die beste Wahl, die ich treffen konnte. »Dann den digitalen Test.«
   Inzwischen hatte ein junger Mann die Apotheke betreten, der gleich so überwältigend laut schniefte, dass kein Zweifel daran bestand, was er kaufen wollte. Vermutlich keine Ovulationstests. Die Apothekerin tippte in ihrem Computer herum und lächelte mich schließlich an.
   »Mein Computer spuckt mir gerade die Preise nicht aus, aber meine Kollegin weiß das bestimmt. Einen Moment bitte.«
   Und dann sah ich wie in Zeitlupe, wie sich ihr Mund öffnete und sie in wenig diskreter Lautstärke rief: »Frau Schmidt, weißt du, was die digitalen Ovulationstests kosten?« Ich fühlte mich schmerzlich an die Anti-Aids-Kampagne mit Hella von Sinnen erinnert und hoffte darauf, dass sich entweder sofort ein Erdloch auftun würde, in dem ich versinken konnte, oder dass der Schnupfentyp neben mir genauso viel Ahnung von Babymach-Hilfsmitteln hatte wie ich. Doch der grinste mich mit seiner leicht rot umränderten Nase tatsächlich breit von der Seite an. Erdloch, Erdloch, Eerdloch, wo blieb dieses verdammte Erdloch?

Fünf Minuten später kam ich mit hochrotem Kopf durch mein Erdloch aus der Apotheke gekrochen. In meiner Tüte Ovulationstests im Wert von schlappen dreißig Euro. Außerdem eine Packung Folsäure, die laut der Apothekerin notwendig für die gesunde Entwicklung des Kindes war. Ich fragte mich ernsthaft, wieso es wichtig war, dass ich etwas einnahm für ein Kind, das wir noch nicht einmal gezeugt hatten. Aber da die kleine Broschüre vom Frauenarzt dasselbe behauptete, fühlte ich mich ausnahmsweise nicht übers Ohr gehauen. Zusätzlich hatte ich ein Fieberthermometer erworben, natürlich auch digital, das mir, mit zwei Nachkommastellen, als der Porsche unter den Kinderwunsch-Thermometern angepriesen worden war. Genauer ging es angeblich nicht. Ich hatte das untrügliche Gefühl, zu viel Geld ausgegeben zu haben. Ob mich das alles schneller schwanger werden ließ, sei dahingestellt. In meinem nächsten Leben würde es hoffentlich Universitäten geben, die im Fernstudium Seminare zum Thema Kinderwunsch anboten. Für mein jetziges Leben hatte ich auf jeden Fall beschlossen, ab sofort nur noch in Onlineapotheken einzukaufen.

Murphy’s Law

Morgenheimer Marzipan – Männer mögen mehr Mandeln!«
   »Dein Ernst?« Ich zog die Nase kraus.
   Meine Kollegin Linda Gräulich zuckte mit den Schultern. »Alliterationen ziehen immer. Ich dachte, wir machen dazu Fotos von einem muskelbepackten, nackten Beau in einem Haufen Mandelkernen.«
   Ich kicherte. »Das spricht aber eher die weibliche Klientel an.«
   »Unterschätze niemals die Masse der schwulen Marzipanliebhaber.« Sie zeigte mir grinsend den Mittelfinger.
   Jedes Mal, wenn ich neue Leute traf und man sich im üblichen Small Talk Geplänkel über seine Jobs austauschte, bekam ich anerkennende Blicke. Ich arbeitete als Werbetexterin. Andere Menschen verbanden das offenbar sofort mit höchster Kreativität und einem Arbeitsleben zwischen Telefon, Promis, Latte macchiato und den schönsten Schauplätzen der Welt. Tatsächlich arbeitete ich aber in keiner der renommierten, großen Agenturen der Stadt, sondern in einem relativ mittelmäßigen, kleinen Unternehmen. Offiziell waren wir gar nicht so miserabel, immerhin gab es uns seit vielen Jahren. Intern nannten wir uns dennoch gern selbst die mieseste Agentur jenseits des Universums. Es lag weniger an den Mitarbeitern, sondern eher an unserem Chef, Clemens Meyer, der einfach kein Gespür für gute Aufträge hatte. So quälten wir uns die meiste Zeit mit regionaler Plakat- und Radiowerbung herum. Nils fragte mich häufig, wieso ich mich nicht woanders bewerben wollte. Dafür reichte mein Ehrgeiz jedoch schlichtweg nicht. Ich verdiente bei Meyer & Meyer ordentliches Geld und außerdem würde ich sowieso erst einmal zu Hause bleiben, wenn ich endlich Mutter geworden war. Falls das jemals klappen würde. Aber seit Neuestem war ich bekanntlich mit allen Mitteln gewappnet.
   »Wie wäre es mit ‚Jungs haben Nüsse, echte Männer haben Mandeln – iss Morgenheimer Marzipan‘?«
   Ich zeigte Richtung Tür. »Apropos echte Männer, was ist denn mit unserem Kollegen Clausfeld los?«
   Unser Praktikant, der sonst gut gelaunt jeden Raum geradezu enterte, schlurfte kalkweiß zu seinem Schreibtisch.
   »Clausi, was ist los? Hat die Alte dich rausgeschmissen?« Linda Gräulich schob ihren Schreibtischstuhl schwungvoll zurück. »Ich koch mal Kaffee. Sieht so aus, als wäre ich nicht die Einzige, die einen gebrauchen kann.«
   Claus Clausfeld starrte nur aus großen Augen zu mir. Der machte mir wirklich Angst. Ich stand auf und ging zu ihm hinüber. »Du siehst aus, als wäre dir mindestens eine peruanische Springbeutelratte über die Leber gelaufen. Hast du Redebedarf?«
   »Ich bin zweiundzwanzig.« Mehr brachte er nicht heraus.
   »Angenehm. Ich bin fünfunddreißig.«
   »Ich habe nicht einmal einen Job.« Er schluckte.
   »Na ja, so schlimm ist es hier nun nicht, dass man es als arbeitslose Grauzone bezeichnen müsste. Und mit Anfang zwanzig muss man noch nicht den Beruf fürs Leben gefunden haben.«
   »Ich verdiene so gut wie nichts«, stammelte er.
   »Richtig, verdienen tust du nichts, wenn du heute so weiterarbeitest. Aber bekommen wirst du vermutlich trotzdem was.« Ich zwinkerte ihm zu. Das arme Würstchen musste doch aufzumuntern sein.
   »Ich werde Vater.« Mit diesen Worten stützte er sein Kinn auf die Hände und starrte ins Leere.
   »Ähm, Glückwunsch?« Nun war auch ich beinahe sprachlos.
   Da hatte es wieder zugeschlagen: Murphy’s Law. Ich mühte mich mit Mitte dreißig ab, schwanger zu werden, um die Welt mit künftigen finanzkräftigen Rentenkasseneinzahlern zu bevölkern. Und der Storch suchte erbarmungslos abermals nur die heim, die sich ihre Lebensplanung gerade ganz anders vorgestellt hatten. Frechheit! Der Tag war gelaufen.

Schneeweißchen und Rosenrot

Molly und ich waren so grundverschieden, dass man sich fragte, wie es sein konnte, dass wir im selben Haushalt aufgewachsen waren. Mutter war zwar recht unbefangen, was Sexualität betraf, doch im Hinblick auf ihre Lebensumstände tatsächlich weder das eine noch das andere Extrem. Sie war einfach nur ein typisches Landei. Aber da sie uns immer schon machen ließ, wie wir wollten, ohne uns einen Stempel aufzudrücken, war es vielleicht gar nicht so ungewöhnlich, dass wir so unterschiedlich waren.
   Allerdings erfüllte Molly nicht jedes Klischee einer Ökotussi. Sie besaß trotz aller Leidenschaft für ihren alternativen Lebensstil eine große Schwäche für Ikea, die keiner in unserer Familie so recht verstand. Sie konnte Ewigkeiten Sofas Probe sitzen und Betten testliegen. In der Lampenabteilung bekam sie im wahrsten Sinne des Wortes leuchtende Augen und in der Stoffabteilung war sie vermutlich die beste Kundin des Standortes. Wenn man sie aufzog, dass sie unmöglich bei Ikea einkaufen könnte, allein die Massen von Kerzen, die dort angeboten würden, sprang bei ihr sofort der Verteidigungsmechanismus an. Nur 0,1 % der weltweiten Palmölproduktion würden für Ikeakerzen benötigt und dieses Palmöl sei nachhaltig produziert worden.
   Wir nickten schmunzelnd ab, wie sie sich den Schweden schönredete und da ich auch gern zu Ikea fuhr, hatten meine liebe Ökoschwester und ich schließlich auch etwas gemeinsam. Seit Ikea vegetarisches Bio-Essen anbot, stromerten wir so oft durch diesen Laden, dass ich mir manchmal abends in unserem Wohnzimmer gar nicht mehr so sicher war, ob wir nicht vielleicht immer noch in der Möbelausstellung saßen.

Ich stocherte etwas lustlos in meinem Biopfannkuchen herum, den Molly mir schöngeredet hatte, obwohl ich im Schwedenshop lieber einen Hotdog gegessen hätte, während sie ihre Stoffausbeute auf dem Tisch verteilte und begutachtete. Das Neonlicht verlieh ihren blonden Haaren einen Gelbstich und ich fragte mich, ob meine genauso aussahen.
   »Hieraus nähe ich eine Latzhose für Hauke.« Sie tippte auf einen Stoff mit lauter grusligen Menschenköpfen darauf.
   »Molly, dein Mann ist vierzig Jahre alt. Meinst du nicht, er ist ein bisschen zu alt dafür?«
   »Quatsch, das ist doch total retro.«
   Ich stellte mir Hauke in seiner selbst genähten Gruselgesichter-Stofflatzhose vor, wie er ein Meeting mit lauter Anzugträgern leitete. »Und wofür ist der hier?« Ich zeigte auf einen Stoff mit Hasen und Igeln und malte mir vor meinem inneren Auge ein Hemd mit gestärktem Kragen dazu aus, das Hauke dann unter seiner Latzhose tragen konnte.
   »Das verrate ich nicht.« Molly lächelte mich geheimnisvoll an.
   »Los, rück raus!« Ich vermutete gerade mit Entsetzen, dass ich nächsten Sommer ein Hase-und-Igel-Kleid tragen würde. Schnell trank ich einen Schluck Wasser. Ich wollte nicht in Versuchung geraten, meine ehrliche Meinung zu solch einem Projekt abzugeben.
   »Ich nähe etwas für dein Baby. Verdirb mir nicht die Freude.«
   Doch kein Kleid! Erleichterung hat viele Gesichter. Bei mir äußerte sie sich mit einem lauten Pffff-Laut, den Molly offenbar missverstand.
   »Mia, nicht verzweifeln, das klappt schon bald. Wenn ich gewusst hätte, dass du bisher so unbedarft an die Sache rangegangen bist, hätte ich dir längst auf die Sprünge geholfen. Immerhin habe ich bereits zwei Kinder. Jetzt bist du gut gerüstet und es wird nicht lange dauern, bis du schwanger wirst. Und dann kann ich meinen Neffen oder meine Nichte einkleiden.«
   Ich war gar nicht verzweifelt, sondern eher das erste Mal seit Langem hoch motiviert und auch sehr sicher, dass ich nun nicht mehr endlos auf unser Wunschkind warten musste. Dass ausgerechnet Molly mir Nachhilfe geben wollte, brachte mich zum Kichern. »Meine liebe Schwester, du und Hauke, ihr seid so fruchtbar wie die Trapp-Familie. Du konntest gar nicht so schnell gucken, wie dein Mann dich geschwängert hat. Das würde ich gern sehen, wie du Nils und mir auf die Sprünge hilfst.« Ich schob mir lachend einen weiteren Bissen meines Pfannkuchens in den Mund und überlegte, wie er wohl schmecken würde, wenn er nicht aus Bioprodukten hergestellt worden wäre.
   Molly schnaubte. »Papperlapapp! Hauptsache, du legst bald nach. Die Jungs sind sonst zu groß, um mit ihrem Cousin oder ihrer Cousine zu spielen. Und ich gedenke nicht, nur deinetwegen noch ein Kind in die Welt zu setzen.«
   »Nicht? Denk an die vielen Tragetücher, die du noch kaufen könntest, wenn du wieder ein Baby hättest.«
   Sie bekam große Augen und raffte ihre Stoffsammlung zusammen, um sie in die gelbe Tüte zurückzustopfen. »Sei lieber froh, dass wir die Familienplanung abgeschlossen haben und ich daher Zeit finde, klitzekleine Pucksäcke für deinen zukünftigen Nachwuchs zu nähen«, sagte sie bestimmt.
   Ach, wenn sie nur recht behielte.

Storchenmonopoly

Eines Abends spielten wir Monopoly. Während sich Nils, Molly und ihr Mann Hauke voller Eifer um die Schlossallee und Bahnhöfe zankten wie drei Zehnjährige, malte ich mir im Kopf neue Ereigniskarten aus. Mein Leben war zum Storchenmonopoly geworden.
   »Holen Sie den besoffenen Storch aus der Kneipe, lesen Sie ihm § 1 der Storchenordnung vor: Du sollst Kinder bringen. Schmeißen Sie eine Ladung Folsäure ein. Legen Sie sich entspannt zurück und warten Sie, bis er (ob Mann oder Storch bleibt hier Ihrer Fantasie überlassen) seinen Pflichten nachkommt.«
   Wenn es nur so einfach wäre. Unsere bisherigen Bemühungen, ein Kind zu zeugen, waren folgendermaßen abgelaufen: Wir hatten Sex, wie wir seit jeher Sex gehabt hatten, nur dass wir nicht mehr verhüteten. Das hatte uns bis dato genau null Babys gebracht. Statt Spielspaß, bei dem ungewiss war, ob man damit gewinnen könnte, musste jetzt also ein Plan her für einen Arbeitssieg. Es war, als hätten wir bisher zwar viele Straßen beim Monopoly gekauft, aber nur solche Verliererstraßen wie die Badstraße. Ich hatte immer wieder die schlimmste Storchenmonopolykarte des Jahres gezogen:
   »Sie kriegen Ihre Periode, Sie kriegen sie sofort. Sie gehen nicht über das SCHWANGER-FELD, Sie ziehen keine Schwangerschaftshormone ein.«
   Nun war ich gewappnet mit neuen kleinen Hilfsmittelchen. Seit zwei Wochen schluckte ich täglich Folsäure und maß jeden Morgen brav meine Temperatur. Ein sichtbarer Anstieg sollte anzeigen, dass ein Eisprung stattgefunden hatte. Blieb die Temperatur dann mehr als zwei Wochen in Hochlage, bestand die Möglichkeit einer Schwangerschaft. So viel hatte ich inzwischen verstanden. Das Messen selbst erwies sich jedoch als zweifelhafte Wissenschaft. Die Vorgabe lautete, direkt nach dem Aufwachen zu messen und sich dabei möglichst nicht unter seiner warmen Bettdecke hervorzupellen, da dies sofort die Temperatur beeinflussen könnte. Ich hatte das Thermometer also auf meinen Nachttisch gelegt, sodass ich noch im Bett liegend messen konnte. Das Einzige, wogegen ich mich standhaft weigerte, war die Empfehlung des Messortes. Das genaueste Ergebnis sollte es für Körperöffnungen geben, in die ich nicht bereit war, ein Thermometer zu schieben. Allein die Eventualität, dass Nils es sich bei der nächsten Grippe in den Mund schob, schloss dies aus. Direkt am zweiten Tag tastete ich beim Weckerklingeln nach dem Lichtschalter meiner Nachttischlampe. Es gab einen Knall und statt Licht umhüllte mich weiter Dunkelheit. Und nun? Ich sollte doch mein Bett nicht verlassen, aber im Dunkeln konnte ich unmöglich das Display des Thermometers erkennen. Wenn ich nun ganz schnell aus dem Bett hüpfte, mit dem Schalter an der Tür die Deckenlampe anknipste und wieder zurücksprintete, dürfte das doch eigentlich keinen Unterschied für die Temperatur machen. Ich warf also die Bettdecke zurück, hechtete los, rannte Richtung Tür und knallte mit voller Wucht gegen die offene Schranktür, die Nils mal wieder nicht zugemacht hatte. Ich sah Sterne. Bislang hatte ich das für einen Mythos gehalten, aber ich sah sie tatsächlich. An diesem Morgen sparte ich mir das Messen, denn ich kühlte mit einer Kühlkompresse nicht nur das Hörnchen auf meiner Stirn, sondern vermutlich auch meine Temperatur herunter. Ich war schon froh, dass mir der Zusammenstoß nicht auf dem Rückweg passiert war. Dann hätte ich bestimmt noch einen hübschen Fettabdruck am Spiegel hinterlassen, wie eine Taube, die gegen ein Fenster flog.
   Aber ich tat das als Startschwierigkeit ab. Bald würde ich hoffentlich die beste Storchenmonopolykarte des nächsten Jahres ziehen können:
   »Sie kriegen ein Baby, Sie kriegen es in neun Monaten, gehen Sie über die Felder morgendliche Übelkeit, Gefühlsschwankungen und geschwollene Füße und dann ins Krankenhaus. Gehen Sie direkt dorthin und nehmen Sie Ihr Baby entgegen. Sie haben das Spiel gewonnen.«

Übers Ziel hinausgeschossen

Ich matschte Hackfleisch mit aufgeweichten Brötchen zusammen und summte den Babysitter Boogie vor mich hin. Nils schien so viel Lebensfreude an einem Montagabend suspekt zu sein.
   »Du musst dir bald jemand anderen zum Kinderzeugen suchen!« Er legte den Kopf auf den Küchentisch, drückte sich die Nase platt und fügte näselnd, aber mit Nachdruck hinzu: »Ich kann nicht mehr!«
   Dass ich mich darüber fast totlachte, fand er offenbar nicht lustig. Sein dunkler Lockenkopf bebte.
   »Liebe Mia! Ich bin jenseits der dreißig. Genau genommen bin ich sogar jenseits der fünfunddreißig. Und so gern ich mit dir schlafe und dir den Sexkraftprotz spielen möchte, aber diesen Sexmarathon halte ich nicht mehr lange aus. Außerdem kann ich mir nicht vorstellen, dass Quantität irgendwann noch mit Qualität gleichzusetzen ist. Mein Sperma besteht vermutlich nur noch aus Suppe. Wenn überhaupt!«
   »Ist doch nur für diesen Monat. Vielleicht hat es bereits geklappt, dann brauchen wir nie wieder miteinander zu schlafen.« Ich klatschte eine fertige Frikadelle auf einen Teller.
   »Also so hatte ich das nicht gemeint.« In Nils’ grasgrünen Augen blitzte ein Funken Panik.
   Ich grinste ihn an, dabei war das kein Scherz. Ich fragte mich häufig, wie Molly es fertiggebracht hatte, ein zweites Kind zu bekommen. Sie hatte nach der Geburt des ersten an der Grenze zum Nervenzusammenbruch erklärt, sie wisse schon gar nicht mehr, wie sich Schlaf anfühle. Zwischen Wickeln, Stillen und Kindbespaßung sei sie sich sicher, viel zu erschöpft zu sein, um je wieder Sex haben zu können. Wenn ich darüber nachdachte, fragte ich mich, wieso ich eigentlich Kinder wollte.
   »Ich habe den gesamten Monat über meine Temperatur gemessen und weiß, wann ich ungefähr meinen Eisprung im Zyklus habe. Falls ich diesmal erneut nicht schwanger geworden bin, kann ich nächstes Mal den Zeitraum etwas eingrenzen und du musst dich nicht mehr ganz so verausgaben«, beruhigte ich ihn.
   Nils sah mich zweifelnd an. Ich hatte den armen Kerl die vergangenen Wochen täglich, teilweise mehr als einmal, auf seine Pflichten hingewiesen, es grenzte an Hochleistungssport. Er war glücklicherweise schon mit wenig Aufwand zu verführen. Viel Geld für Dessous musste ich jedenfalls nicht ausgeben. Nackte Brüste oder eine eindeutige Berührung im Vorbeigehen reichten schon, um all seine Müdigkeit von jetzt auf gleich verschwinden zu lassen. Für wenig romantische Stimmung sorgte allerdings, dass ich mich hinterher direkt in Kerzenposition mit nach oben gestreckten Beinen neben ihn ins Bett legte. Es sollte schließlich alles ans Ziel kommen. Kuscheln verboten, ich war im Zeugungsfieber.
   Ich stellte mir den Wecker immer um dieselbe Zeit, um meine Temperatur zu messen, auch am Wochenende. Wenn wir dann schon mal wach waren, konnten wir die Zeit auch gleich nutzen. Matratzensport Sonntag morgens um sechs Uhr. Über so viel sexuelle Zuwendung sollte sich ein Mann freuen und nicht jammern.
   Ich wusch mir die Hände, ging zu Nils und schlang die Arme von hinten um ihn. Dabei ließ ich meine Finger nach unten wandern. »Ist es wirklich so schlimm, mit mir zu schlafen?« Ich griff tief in die Trickkiste weiblicher Überzeugungskunst.
   Nils schloss die Augen. »Mia, du weißt, wie heiß du mich machst.« Falls ich das richtig interpretierte, hatte ich sogar mit Küchenschürze eine verführerische Wirkung.
   »Ich möchte doch einfach nur schwanger werden. Es tut mir leid, wenn es dir zu viel wird.«
   Mein Mann zog mich rittlings auf seinen Schoß. »Ich werde dafür sorgen, dass wir unser Baby kriegen.« Dann küsste er mich fordernd. Unglaublich, wie schnell seine sexuelle Erschöpfung verflogen war.
   Sollte es diesen Monat wieder nicht klappen, musste ich ein ernstes Wörtchen mit Adebar sprechen. Gab es Storchenfleisch eigentlich beim hiesigen Metzger?

REZEPT FÜR STORCHENFRIKADELLEN

Zutaten:
1 Storch
2 Brötchen
1 kleine Zwiebel
Senf
Salz und Pfeffer

Zubereitung:

Man nehme die Zwiebel, teile sie in zwei Hälften und halte die eine davon dem Storch unter die Augen, bis er anfängt, zu heulen.
   Dann reibe man ihm den Senf unter den Schnabel, sodass die Schärfe seine Sinne ordentlich durchpuste.
   Anschließend lässt man ihn ERST MAL wieder fliegen.
   Sollte sich daraufhin keine Babylieferung einstellen, schneide man dem Storch eine Kralle ab und schicke sie mit einer Mitteilung, die die Aufforderung zu sofortiger Babylieferung enthält, an seine Familie!
   Sollte sich auch dann noch nichts tun, drehe man den Storch mit Genugtuung durch den Fleischwolf, vermenge ihn mit den übrigen Zutaten, brate daraus ein paar Frikadellen, die man als Babydisiakum zum Mittag verspeist.
   Guten Hunger und viel Erfolg!

Die Pipi-Obsession

Ich fütterte die Internetsuchmaschine. Diese spuckte 35.100.000 Ergebnisse aus. Schwanger werden war offenbar ein beliebtes Thema in der Onlinegemeinde.
   Der zweite Monat war vergangen, seit der Bubi-Arzt mich darüber aufgeklärt hatte, dass ich vom Kinderzeugen keine Ahnung besaß. Zweimal hatte ich mir diverse Schwangerschaftssymptome eingebildet, die keine waren, aber ich war nicht völlig entmutigt. Immerhin hatten die digitalen Ovulationstests zuverlässig ein Ei angezeigt. Allerdings erst, nachdem ich schon etliche davon umsonst verschleudert hatte. Ich musste meine Strategie ändern. Das wurde einfach zu teuer. Ich klickte mich auf der Suche nach den günstigeren Streifentests durch das Angebot einer Onlineapotheke.
   »Was machst du?« Nils kam ins Wohnzimmer.
   »Ich arbeite an einem Plan.« Ich betrachtete meinen virtuellen Einkaufskorb. Ganz ohne rote Ohren. Ich liebte die anonymen Möglichkeiten des Onlineshoppings!
   »Die Weltherrschaft zu übernehmen?« Er küsste mich in den Nacken.
   »Sozusagen. Ich sorge dafür, dass wir eine Armee gründen, die das für uns erledigen kann.«
   Er guckte über meine Schulter. »Ovulationstests? Was können die?«
   »Kochen, Toiletten putzen und Wäsche waschen. Ach ja, und sie sagen mir, für welchen Tag im Monat du dir deine ganze Manneskraft aufsparen kannst.«
   »Ich bin der größte Sparfuchs aller Zeiten. Ich habe schon als Kind sämtliche Preise beim Prämiensparen abgeräumt. Was für eine Belohnung gibt es denn fürs Spermasparen?« Er grinste anzüglich.
   »Nachwuchs!«

Als meine Onlineeinkäufe bei mir eintrafen, musste ich feststellen, dass Ovulationstests eine Wissenschaft für sich waren. Es gab wie beim Schwangerschaftstest eine Kontrolllinie und eine zweite Linie, die anzeigte, dass ein Eisprung anstand. Dies war aber erst der Fall, wenn beide Linien gleich stark waren. Ob es Volkshochschulkurse zu diesem Thema gab?
   Die größte Schwierigkeit tat sich allerdings beim richtigen Zeitpunkt auf, wie ich einige Tage später feststellen musste. »Nutzen Sie Ihren Nachmittagsurin, da dann die Konzentration des luteinisierenden Hormons am höchsten ist«, las ich im Beipackzettel. Nun gehörte ich zu dem Teil der arbeitenden Bevölkerung, der nachmittags in seinem Büro saß. Mit rotem Kopf zog ich also einen Teststreifen aus meinem Portemonnaie, nachdem ich mich mehrfach davon überzeugt hatte, dass mich niemand beobachtete, und machte mich auf in Richtung Damentoilette. »Tauchen Sie das Teststäbchen für ca. zehn Sekunden in den Urin.« Tja, ich hatte natürlich kein passendes Gefäß dabei. Aber nun war ich schon mal hier. Es musste doch möglich sein, treffsicher auf das Stäbchen zu pieseln. Die Aktion endete unter: Versuch macht klug. In meinem Fall musste ich mir sehr lange die Hände waschen, der Test war überwiegend trocken geblieben. Am nächsten Tag war ich schlauer und schnappte mir eine Kaffeetasse aus der Büroküche, die ich möglichst unauffällig mit zur Toilette schmuggelte. Schmeckt nicht – ich trink’s trotzdem! stand darauf. Die gehörte Kollege Wittkowski. Ich schaffte es, halbwegs unfallfrei in den Becher zu machen, hielt das Stäbchen hinein, starrte es mit hypnotischem Blick an, bis ich mit gutem Willen eine zweite Linie erkennen konnte. Laut Beipackzettel stand ein Eisprung jedoch erst bevor, wenn beide Linien gleich stark waren. Also musste es noch ein paar Tage dauern. In dem Moment fiel mir auf, dass ich zwar diesmal den Test richtig angewandt hatte, aber was sollte ich nun mit der Tasse anstellen? Wittkowski benutzte immer dieselbe, er würde es merken, wenn sie plötzlich verschwunden wäre. Aber selbst wenn ich sie spülte, war es an der Grenze des Zumutbaren, sie einfach wieder in den Schrank zu stellen und zuzusehen, wie der Kollege seelenruhig seinen Kaffee daraus trank, oder? Allerdings war Wittkowski ein überhebliches Arschloch und vielleicht wäre es sogar ein Vergnügen, ihm dabei zuzuschauen, wie er aus meinem Pipibecher trank. Ich spülte die Tasse im Handwaschbecken mit Wasser und Seife, die nach Orangen duftete, und schleuste sie zurück in die Küche. Den ganzen Abend auf der Couch und die Nacht durch bis zum nächsten Morgen quälte mich das schlechte Gewissen. Da ich wusste, dass Wittkowski früh ins Büro kam, hastete auch ich in Rekordzeit dorthin, aber es kam, wie es kommen musste.
   »Nein!«, hörte ich mich selbst in dem Moment wie in Zeitlupe mit verzerrter Computerstimme rufen, als ich die Kaffeeküche betrat und sah, wie Wittkowski die Tasse zu seinen Lippen führte. Dieser sah mich nur leicht irritiert an.
   »Mia, ist alles in Ordnung?«
   »Äh ja, natürlich. Aber du solltest nichts von dem Kaffee trinken.«
   »Und wieso nicht?«
   Ja, wieso eigentlich nicht? Jetzt kam wohl die Stelle, an der mir eine gute Ausrede einfallen musste. Die Wahrheit, die da lautete »Ich habe gestern in deine Tasse gepinkelt und sie anschließend wieder in den Schrank gestellt«, konnte ich wohl kaum aussprechen.
   »Mia?« Wittkowski hauchte seiner Stimme einen Anflug von Ungeduld ein. Ich grübelte einfach zu lange.
   »Zitronen!« Ha! Das war die Lösung.
   »Wie bitte?« Wittkowskis Stirnfalte wurde immer tiefer.
   »Ich habe gestern die Kaffeemaschine mit Bioentkalker entkalkt und vergessen, sie noch einmal durchlaufen zu lassen. Nun schmeckt der Kaffee bestimmt nach Zitronen. Die gesamte Kanne ist für den Ausguss!« Wenn erst einmal die zweite Kanne durchlief, konnte ich seinen Becher immer noch unauffällig fallen lassen. Und er würde hoffentlich niemals überprüfen, ob die Maschine wirklich entkalkt worden war. Ich war mir sicher, dass dies in all den Jahren, die sie hier stand, noch nie jemand getan hatte, was man ihr auch deutlich ansah.
   Wittkowski zuckte aber nur die Schultern. »Ich habe bereits davon getrunken. Der Kaffee schmeckt ganz normal. Vielleicht hat einer der Kollegen die Maschine gestern durchlaufen lassen.« Damit nahm er einen weiteren Schluck, drehte sich um und ging.
   Schmeckt nicht – ich trink’s trotzdem! Der Spruch bekam ganz neue Dimensionen.

Nichts als die Wahrheit

Caro zu beschreiben, war nicht allzu schwierig. Man nahm sich die Titelblätter der FHM und des Playboys und bastelte sich aus den vorhandenen Männerfantasien einen Traumkörper zusammen. Das Ergebnis paarte man mit allem an Fashion und Beauty, das Vogue und Cosmopolitan zu bieten hatten und fertig war ihr Abbild. Wir waren Freundinnen, seit Caro in unserer Werbeagentur ein Praktikum als Quereinsteigerin absolviert hatte. Nach einer Weile stellte sie fest, dass sie Journalistin aus Leidenschaft war und mit unserem »verlogenen Gewerbe« (O-Ton Caro) nichts anfangen konnte. Sie verschwand, unsere Freundschaft blieb.
   »Liebes, wir haben uns ewig nicht gesehen. Was gibt es Neues in deinem Leben? Hast du bereits ein Schmuckstück aus der aktuellen Louis Vuitton Kollektion?«
   Wir saßen in einem Café am Marktplatz und schlürften einen Hugo. Prosecco mit Holunderblütensirup, Limette und Sodawasser. Für mich eine Neuheit, für Caro bereits ein alter Hut.
   »Nils und ich versuchen, ein Baby zu bekommen.« Ich war gespannt auf ihre Reaktion.
   »Macht ja nichts.« Sie tätschelte meinen Arm. »Ich habe längst befürchtet, dass du irgendwann so einen kleinen Schreihals haben willst.«
   »Möchtest du denn niemals Mutter werden?«
   »Bist du verrückt? Damit mir so ein Scheißerchen nachts den Schlaf raubt und tagsüber auf die Manolo Blahniks kotzt? Du solltest es dir auch wirklich gut überlegen. Du hast so wundervolle Schuhe.« Sie seufzte theatralisch.
   »Du darfst dir ein Paar aussuchen, wenn es endlich klappt. Wir warten schon zu lange.«
   »Liebes, wie viel Zeit hast du heute noch?« Caros Augen begannen zu leuchten.
   »Ich habe mir den Rest des Tages für dich freigenommen.«
   »Wunderbar. Wir gehen zu Elvira. Ich rufe sie sofort an.« Sprachs und zückte ihr Handy.
   »Stopp! Wer soll das sein und wieso fahren wir zu ihr?«
   »Pscht! Es tutet schon. Elvira, Darling? Ich bin’s, Caro. Küsschen, Küsschen. Hast du Zeit für eine liebe Freundin von mir? Gut, wir kommen in einer Stunde.«
   »Caro?« Ich wollte Antworten.
   Sie klappte das Handy zusammen und ließ es wieder in die Tasche fallen. »Elvira ist eine Heilpraktikerin, Schrägstrich Wahrsagerin. Sie wird dir sagen können, wieso du noch nicht schwanger bist und wann es so weit sein wird.«
   »Eine Wahrsagerin? Caro, du weißt genau, dass ich an so etwas nicht glaube.« Ich verschluckte mich fast an meinem Hugo.
   »Du hast nichts zu verlieren. Vertrau mir, sie ist sagenhaft. Den One-Night-Stand, den ich letzte Woche hatte, hat sie mir vorhergesagt und die Blockaden, die ich im Beckenbereich danach hatte, hat sie im Nu gelöst.«

Eine Stunde später saß ich in einem roten Plüschsessel, vor mir Elvira. Die sah weder wie eine Zigeunerin noch wie meine alternative Ökoschwester aus, eher wie eine zweite Caro. Meine Vorurteile wurden zwar nicht bestätigt, meine Skepsis blieb aber.
   »Lehn dich zurück und schließe die Augen. Entspann dich und reiche mir deine Hand.« Ihre tiefe Raucherstimme wirkte erstaunlich einschläfernd. Ich tat wie geheißen.
   »Deine Hand ist der Spiegel deiner Seele. Ich sehe Schmerz und dennoch Hoffnung.«
   Ich hoffte vor allem, die Sitzung würde mich nichts kosten, denn diese Weisheiten hätte ich mir auch so zusammenreimen können.
   Ich hörte Caro. »Kannst du sehen, ob sie schwanger wird?«
   »Oh, ich sehe sogar zwei Kinder. Einen Jungen und ein Mädchen.« Sie strich an zwei verschiedenen Stellen über meine Hand.«
   »Hast du das gehört, Mia? Sogar zwei Hosenscheißer.«
   »Aber du musst Geduld haben. Dein Geist ist nicht frei, dein Körper noch nicht bereit für eine Schwangerschaft.« Elvira begann, monoton zu summen.
   War ich eigentlich die Einzige, die das hier als Zeitverschwendung empfand?
   »Ich taste jetzt noch nach energetischen Quellen.« Sie legte die Hände auf meinen Kopf und arbeitete sich abwärts. Ob ich nach einer Rückenmassage fragen sollte?
   »Mhm. Ein Schlüssel zu deinem Glück ist Urin. Das spüre ich ganz deutlich.«
   Sicher. Wenn ich auf einen Schwangerschaftstest pinkelte und der positiv ausfiel.
   »Du solltest über eine Eigenurintherapie nachdenken.«
   Eher nicht!
   »Hier ist eine tief verankerte Blockade.« Sie drückte auf mein Brustbein. »Hast du ein schwieriges Verhältnis zu einer weiblichen Person in deiner Familie?«
   Jetzt wurde es doch noch spannend. »Ja.«
   »Es ist deine Mutter.« Feststellung. »Du musst das Urvertrauen zu ihr neu aufbauen, dann erst wirst du bereit sein, selbst Mutter zu werden.«
   Meine Hoffnungen auf ein Kind wurden soeben dramatisch mit Füßen getreten. Eine Aroma- und Farbtherapie später standen Caro und ich wieder auf der Straße. Tatsächlich war die Behandlung, oder wie auch immer man es nennen sollte, kostenlos gewesen. Elvira wollte mit ihrer Gabe kein Geld verdienen, wie sie sagte.
   »Und? Ist sie nicht wundervoll?« Caro hatte gleich drei Termine für den nächsten Monat mit ihr vereinbart.
   »Es war, öhm, interessant.«
   »Lös einfach all deine Mutterkomplexe und zack, bist du schwanger.«
   »Sobald ich einen Jungen und ein Mädchen habe, kriegst du meine komplette Schuhkollektion.«
   »Mach keine Versprechungen, die wahr werden könnten.« Sie verabschiedete sich mit diversen Küsschen von mir.

(Schwanger) sein oder nicht sein – das ist hier die Frage!

Findet ihr, ich sehe anders aus als sonst? Männer haben doch ein Gespür dafür.« Ich drehte mich im Kreis und schüttelte
   meine Haare, so gut man kurze Haare eben schütteln konnte.
   Ich erntete fragende Blicke aus weit aufgerissenen Augen.
   »Kein besonderer Glanz, der von mir ausgeht? Dicke Brüste? Etwas in der Art?«
   Die beiden starrten mich weiterhin an, als hätten sich Alf und E.T. in einer Person in mir vereint. Meine vier und zwei Jahre alten Neffen wollten partout nicht dazu beitragen, mir meine Schwangerschaftsanzeichen schönzureden. Ich tätschelte Fix und Foxi, wie ich die Jungs liebevoll nannte, den Kopf. Die um fünf Generationen zurückliegende friesische Abstammung von Mollys Mann Hauke zählte für mich nicht als Grund, seine Kinder mit Namen wie Fietje und Fokko zu vergewaltigen.
   Als der Ovulationstest endlich zwei gleich starke Linien anzeigte, hatten Nils und ich den Eisprung ausgiebig genutzt. Durch mein fleißiges Messen wusste ich, dass sich die Temperatur seit einigen Tagen in Hochlage befand, alles bestens. Abstriche gab es erneut beim Schamesröte-Faktor. Da sich unser Internet zu Hause komplett aufgehängt hatte, musste ich die Temperaturwerte morgens online im Büro eingeben. Ich blickte mich vorher, wie unter Verfolgungswahn leidend, zwanzig Mal um, redete mir das Programm als Exceldatei schön und leerte den Cache jedes Mal prompt. Es war nicht so, dass nicht die meisten Kollegen während ihrer Arbeitszeit privat im Internet surften. Über Kollegin Meyer-Wiedenstock munkelte man sogar, sie schreibe einen erotischen Roman und würde dafür auf Pornoseiten recherchieren. Das Risiko, eines Tages mit der Frage zum Chef zitiert zu werden, wieso ich mich auf Kinderwunschseiten herumtrieb, beabsichtigte ich jedoch, nicht einzugehen.
   Fietje räusperte sich. »Mama hat dickere Brüste als du, Tante Mia.«
   Na herzlichen Dank. Das wollte ich hören. »Dafür hängen die Brüste von deiner Mama aber auch schon ziemlich tief.« Begab ich mich gerade auf das Ätschi-Bätschi-Niveau eines Vierjährigen hinunter? Mit Genugtuung beobachtete ich, wie er sich unablässig an den Armen kratzte. Mollys Vorliebe für reine Schafswolle schien bei ihren Söhnen nicht auf Gegenliebe zu stoßen.
   »Aber glänzen tust du!« Er strahlte mich an. Ob ich wirklich glänzte? Sagte man Schwangeren das nicht nach? Vielleicht hatte der kleine Bursche wahrhaftig einen siebten Sinn dafür.
   »Tatsächlich?«
   »Ja, tust du. Da!« Er fuhr seinen knubbligen Zeigefinger aus und pikste mich in die Stirn.
   »Oh.« Tja, der Glanz kam vermutlich eher von überschüssiger Fettproduktion in Verbindung mit zu wenig Puder. Verdammt! Na ja, vielleicht gab es diesen besonderen Glanz auch erst bei Hochschwangeren. Ich bildete mir zumindest bereits seit Tagen diverse Schwangerschaftssymptome ein. Doch genau genommen befand ich mich auch in der irrationalen zweiten Zyklushälfte. Der total durchgeknallten, hormongesteuerten emotionalen Phase, in der jedes Ziepen, jede Übelkeit, jeder Schwindel und jedes Unwohlsein trotz besseren Wissens genauestens unter die Lupe genommen werden musste.
   Molly war noch nach dem dritten positiven Schwangerschaftstest tagelang heulend durch die Gegend gelaufen, da sie sicher war, dass etwas nicht stimmen konnte. Nur weil sie so gar keine Schwangerschaftsanzeichen hatte. Frauen, die erst einmal nur hofften, schwanger zu sein, dachten jedoch, dass es das untrügliche Anzeichen gab, das ihnen wild blinkend, am besten schon einen Tag nach dem Eisprung vor der Nase herumtanzte und ihnen sagte: Jaaa, du bist schwanger! Dummerweise gab es das nicht und so reimte man sich eben zusammen, dass jedes Zipperlein bedeutete, dass ein Kind unterwegs war.

- mir ist schlecht: schwanger
- ich hab Unterleibsziehen: schwanger
- mir ist schwindlig: schwanger
- ich muss häufig aufs Klo: schwanger
- meine Brust tut weh: schwanger
- ich bin immer so müde: schwanger

… doch eigentlich sah es meist folgendermaßen aus:

- mir ist schlecht: en Masse Schokolade gegessen
- ich hab Unterleibsziehen: zu viel Sex
- mir ist schwindlig: zu schnell aufgestanden
- ich muss häufig aufs Klo: zu viel Kaffee getrunken
- meine Brust tut weh: Mann hat zu heftig daran rumgefummelt
- ich bin immer so müde: hätte den Film, der bis drei Uhr nachts ging, nicht mehr gucken sollen

Natürlich konnten alle diese Anzeichen bedeuten:

Juchhu schwanger!

Aber in den meisten Fällen musste man sich spätestens nach dem dritten negativen Schwangerschaftstest eingestehen, dass auf die emotionale ganz schnell wieder die rationale Phase folgte.

Manchmal verliert man und manchmal gewinnen die anderen

Wieder einmal war ich nicht schwanger geworden. So langsam hatte ich den Kaffee auf. Nicht schwanger konnte ich auch ohne Temperaturmessen, Ovulationstests und Sex auf Kommando werden. Wo war mein ganzer Optimismus geblieben? Das gedankliche Pompon-Wedeln, die übersprühende Energie, alles zu tun, um ein Kind zu bekommen?
   Nils lud mich zum Trost zum Chinesen ein. Nach einem opulenten Frustfressen inklusive Peking-Gulasch-Suppe, Frühlingsrolle und einem süßsauren Fleisch-Reis-Gemansche, dessen hervorstechendste kulinarische Eigenschaft seine Unmenge an Backteig war, gönnten wir uns als Abschluss noch eine gebackene Banane mit Honig. Zu der wurde ein Glückskeks serviert. Ich fühlte mich langsam selbst wie frittiert und fragte mich, was wir Europäer eigentlich an diesem pseudo-chinesischen Essen so lecker fanden. Die Chinesen untereinander rümpften bei dem Anblick vermutlich die Nase mit den Worten: »Das ist nicht zum Essen, das ist nur zum Verkaufen!«, bevor sie uns lächelnd unsere Portion an den Tisch brachten.
   Ich knackte den Keks und zog den Zettel heraus. Kurzfristig überlegte ich, den Keks zu verspeisen, aber das würde meinen Magen wohl endgültig verkleben. »Hoffnung ist wie der Zucker im Tee: Auch wenn sie klein ist, versüßt sie alles«, las ich den Spruch laut vor. Jetzt musste ich doch lächeln. Sollte so ein blöder Glückskeks mir tatsächlich neue Motivation für den nächsten Monat geben?
   Nils brach seinen Glückskeks auseinander und schob sich zunächst einmal genüsslich die zerbrochenen Hälften in den Mund. Wie konnte er nach diesen Massen an Essen immer noch mit solch einer Hingabe zulangen? Als wäre das kein Industriebackwerk, sondern ein Wildlachs-Canapé, das zur Vorspeise bei einem vornehmen Empfang gereicht wurde!
   Kauend las er den Spruch vor: »Ein blindes Huhn findet auch mal ein Korn.«
   Nun musste ich wirklich lachen. »Ja, dass auf deinem Zettel nicht ‚Jeder Schuss ein Treffer‘ steht, hätte ich jetzt auch nicht erwartet.«
   »Freu dich lieber über die positiven Neuigkeiten, die die Glückskeksindustrie für uns bereithält. Stell dir vor, wir wären stattdessen beim Griechen essen gewesen. Die griechische Finanzkrise steht momentan eher nicht für rosige Zukunftsaussichten.« Nils grinste breit.
   »Klar, und wenn wir beim Italiener gewesen wären, würde unser zukünftiges Kind ein Macho oder wie?«, schnaubte ich zurück.
   »Ich weiß aber, wieso du diesen Monat schwanger wirst. Abgesehen davon, dass meine Spermien die letzten Wochen für Olympia trainiert haben und nun so schnell sind, dass dein Ei überhaupt keine Chance hat, zu entkommen. Dein Doc hat doch gesagt, die Erfolgsaussicht, schwanger zu werden, liegt bei 1:4. Und der nächste Zyklus ist unser vierter offizieller Versuch, schwanger zu werden, wenn wir die Zeit nicht mitrechnen, in der wir keinen straff durchorganisierten Sex hatten. Also muss es diesmal klappen.« Nils legte seine Hand auf meine und sah mir in die Augen. Mein Herz machte einen Hüpfer und ich befand mich in der Schwebe zwischen dem Gefühl, geradewegs ein zweites Mal mit diesem Mann vor den Traualtar treten zu wollen und dem Wunsch, sofort mit ihm einen Quickie zwischen Golddrache und Buddhafigur einzulegen. Erschrocken stellte ich fest, dass sich unser Sexualleben wirklich nur noch zum Zweck des Kinderzeugens abspielte. Wenn kein Eisprung anstand, sah ich überhaupt keine Notwendigkeit mehr, mich meinem Ehemann hinzugeben. Das war mir gerade bewusst geworden.
   »Nils?« Ich fuhr unter dem Tisch mit meinem Fuß sein Bein hoch.
   »Ja?« Er bekam große Augen.
   »Ich glaube, wir müssen für den Ernstfall proben!« Mit diesen Worten stand ich auf, legte fünfzig Euro auf den Tisch und zog ihn zur Tür hinaus.

Warten auf Godot

Monate zählte ich inzwischen nicht mehr in Tagen. Mein Kalender bestand nur noch aus zwei Zeitzonen: vor und nach dem Eisprung. Während man in Zeitzone eins rückwärts zählte, bis man endlich mit den Ovulationstests beginnen konnte, wartete man in Zeitzone zwei darauf, endlich einen Schwangerschaftstest machen zu können. Diese Warterei war das Schlimmste. Ich war mittlerweile mal wieder bei Tag 2 nach Eisprung: Langeweile pur!
   Es gab so schöne Dinge, die man tun konnte!
   Man konnte hemmungslos eine Zigarette nach der anderen rauchen. Man konnte so viel Alkohol trinken, bis man den eigenen Ehemann mit falschem Namen ansprach. Man konnte sich mit dem Kater danach und einer ordentlichen Ladung Aspirin ins Bett legen. Man konnte riesige Berge von rohem Mett essen, bis es einem zu den Ohren wieder herausquoll. Man konnte so dermaßen ungesund leben, wenn man nicht schwanger war.
   Wieso aber lebte die Nichtschwangere im Allgemeinen dann so ein Askeseleben, wenn sie gar nicht schwanger war?
   Ganz einfach: Sie könnte es ja sein!
   So wurde also spätestens ab Eisprung die Moralkiste geöffnet und da lag ganz oben ein kleiner Zettel, auf dem geschrieben stand:
   LEBE WIE EINE NONNE … NUR MIT SEX!
   Also taten wir das.
   So barg der Kinderwunsch offenbar einen grundsätzlich sehr positiven Nebeneffekt: Man lebte viel gesünder!
   Aber gesund war so langweilig!

Technik, die begeistert?

Vernunft ist ein Arschloch! Wieso? Weil es gute Gründe gibt, vernünftig zu sein und diese gefallen selten. Dummerweise war ich viel zu neugierig, um vernünftig zu bleiben. Seit wir versuchten, ein Kind zu zeugen, hatte ich viel zu viel Geld in unnötige Schwangerschaftstests investiert. Die warben alle damit, schon mehrere Tage vor erwarteter Periode sicher anzuzeigen, ob man schwanger war oder nicht. Und so kam es, dass Neugier gepaart mit chronischer Ungeduld mich immer wieder dazu verführte, vorzeitig zu testen.
   Zwar sagte die Vernunft: Lass es bleiben, du bist nur enttäuscht, wenn das Ergebnis negativ ist. Doch das Herz funkte dazwischen: Los, los, mach den Test, du willst jetzt sofort und auf der Stelle wissen, ob es geklappt hat. Herz siegte über Vernunft, ich testete und danach wünschte ich mir jedes Mal, ich hätte meinen Verstand walten lassen.
   Nun saß ich wieder einmal vor einem digitalen Schwangerschaftstest, der unerbittlich ‚nicht schwanger‘ anzeigte. Ich hatte so viele Schwangerschaftsanzeichen gehabt in den vergangenen Tagen: Ich musste häufig zur Toilette, mir war übel geworden, als ich rohes Fleisch zubereitete, und es zog und zwickte überall. Wieso war dieser bescheuerte Test negativ? Irgendwie konnte ich mich damit nicht zufriedengeben. Wie funktionierte so ein digitaler Schwangerschaftstest eigentlich? Ich lief in die Küche, griff mir ein spitzes Messer aus der Küchenschublade und rammte die Spitze in die Naht zwischen den beiden Plastikhälften, die den Test zusammenhielt. Nach einigem Ruckeln zerfiel der Test in seine Bestandteile. Außer irgendwelchem elektronischen Zeugs, mit dem ich nichts anzufangen wusste, befand sich darin auch ein Streifen. Als ich diesen sah, traute ich meinen Augen nicht. Ganz ruhig bleiben, Mia. Ich sah eindeutig zwei Striche. Zwei Striche bedeuteten, dass ich schwanger war. Der Test hatte aber behauptet, ich wäre es nicht. Mein Herz pochte bis zum Hals! Wieso hatte ich dieses verdammte Teil geöffnet? Das war wie die Büchse der Pandora. Zeigte nun die Digitalanzeige falsch an? War die Menge des Schwangerschaftshormons noch nicht hoch genug, um anzuzeigen, dass ich schwanger war? Was fing ich nun mit diesem kaputten Test und seinem diffusen Ergebnis an? Zum Herzklopfen gesellten sich inzwischen Schweißausbrüche.
   Ich warf den Computer an, das allwissende Internet sollte mir weiterhelfen können. Mein erster Weg führte auf die Herstellerseite des Tests. Da stand es. Haben Sie weitere Fragen? Kontaktieren Sie eine Digi-Preg-Expertin. Es folgte eine kostenpflichtige Telefonnummer. So what? Das hier war lebenswichtig. Ich wählte und wurde von einer freundlichen Computerstimme begrüßt.
   »Herzlich willkommen bei Digi-Preg. Wir freuen uns, dass Sie sich für eines unserer Produkte entschieden haben. Wenn Sie Fragen zu unseren Fertilitätsmonitoren haben, drücken Sie bitte die Eins.«
   Fertilitätsmonitore? Mmh! Wieso hatte ich so etwas eigentlich noch nicht?
   »Wenn Sie Fragen zum Thema Kinderwunsch haben, drücken Sie bitte die Zwei.«
   Hätte ich diese Hotline vielleicht schon vor einem Jahr anrufen sollen?
   »Wenn Sie Fragen zu unseren digitalen Schwangerschaftstests haben, drücken Sie bitte die Drei.«
   Na endlich. Ich drückte wie verlangt.
   »Sie werden mit dem nächsten freien Mitarbeiter verbunden.«
   Was sollte ich dem nächsten freien Mitarbeiter eigentlich erzählen? Ich traue Ihrem Produkt nicht und habe es mutwillig zerstört? Noch bevor ich mir das richtig überlegt hatte, hörte ich es auch schon tuten und ich wurde durchgestellt.
   »Willkommen bei Digi-Preg, mein Name ist Birte Krokeschinski, was kann ich für Sie tun?«, ratterte die Dame am anderen Ende ihren Standardsatz herunter.
   Na toll! Jedes Mal, wenn ich eine Hotline anrief, wartete ich minutenlang und ausgerechnet jetzt bekam ich sofort jemanden ans Ohr? Verdammt!
   »Äh, ja, also … guten Tag erst einmal.« Sehr einfallsreich.
   »Guten Tag, wie kann ich Ihnen helfen?« Noch geduldig.
   »Ich, äh, ich habe, ähm, einen Ihrer Tests gemacht und jetzt habe ich eine Frage dazu.«
   »Ja?« Immer noch recht geduldig.
   »Wie funktioniert der eigentlich?« Ha! Das sollte mein Dilemma klären.
   »Wenn Sie schwanger sind, bildet Ihr Körper ein Schwangerschaftshormon. Unser Digi-Preg-Test weist dieses in Ihrem Urin nach«, säuselte Frau Krokeschinski mir die Information entgegen. Leider waren das keine Neuigkeiten für mich.
   »Aber wie funktioniert das im Detail? Woher weiß der Test, was er anzeigen muss?«
   »Ein optisches Lesegerät im Inneren des Testes wertet das Ergebnis für Sie aus und zeigt es in Worten an: ‚schwanger‘, beziehungsweise ‚nicht schwanger‘, wenn kein Schwangerschaftshormon nachgewiesen werden konnte.« Bildete ich mir einen Hauch Ungeduld ein?
   »Und wenn der Test ‚nicht schwanger‘ anzeigt, aber zwei Striche zu sehen sind?«
   »Wie? Zwei Striche? Das ist eine Digitalanzeige!« Irritation bei der sogenannten Expertin.
   Meine Güte, nun wurde es tatsächlich peinlich. »Und wenn man das Gehäuse knackt und auf dem Teststreifen zwei Striche sind?« Stille am anderen Ende der Leitung. Nun hielt sie mich für bescheuert. »Sind Sie noch da?«, hakte ich eingeschüchtert nach.
   »Ja, ja, natürlich. Ich blättere gerade in meinem Handbuch. Es tut mir leid, aber das ist mir noch nie untergekommen. Sie wollen mir also sagen, die Digitalanzeige des Testes zeigte an, dass Sie nicht schwanger sind. Dann haben Sie den Test geöffnet und auf einem Streifen im Inneren erkannten Sie zwei Striche?«
   »Genau.« Gut, dass dies hier kein Bildtelefon war. Ich musste inzwischen dunkelrot angelaufen sein.
   »Können Sie einen Moment in der Leitung bleiben? Ich rufe den technischen Support an und frage nach, wie das zu erklären ist.«
   »Ja, kann ich. Das wäre sehr nett von Ihnen.« Ich hörte, wie Frau Krokeschinski erneut murmelte, dass ihr so eine Frage noch nie untergekommen sei, dann wurde ich in die Warteschleife gelegt. Es lief One wild night von Bon Jovi. Interessante Liederauswahl bei einer Hotline für Kinderwunschprodukte. Nach einer gefühlten Ewigkeit – ich mochte gar nicht an unsere Telefonrechnung denken und vor allem daran, Nils den Posten erläutern zu müssen – meldete sich die Dame zurück.
   »Hören Sie? Ich muss Sie leider enttäuschen, Sie sind wirklich nicht schwanger. Der Streifen im Inneren des Testes hat immer zwei Striche, egal, ob Sie schwanger sind oder nicht. Ich hoffe, ich konnte Ihnen weiterhelfen.«
   »Ja, danke.« Ich legte auf. Offenbar hatte es seinen Grund, wieso man erstens nicht vor der erwarteten Periode testen sollte und zweitens digitale Schwangerschaftstests nicht dafür gemacht waren, sie auseinanderzubauen. Geknickt warf ich das Telefon aufs Sofa. Ich hoffte inständig, dass das soeben stattgefundene Gespräch nicht aus Gründen der Qualitätssicherung aufgezeichnet worden war und nun zu Schulungszwecken zum Thema »Die dümmsten Fragen in unserer Hotline« verwendet wurde.

Storchenstreik

Caro und ich lagen jeweils in einer Badewanne voller Schlamm. Im Hintergrund dudelten leise orientalische Klänge.
   »Hast du endlich deine Mutterkomplexe gelöst? Sie hob den Fuß, was in der Moorpackung unter ihr ein schmatzendes Geräusch erzeugte.
   »Ich habe kein Problem mit meiner Mutter. Wir sind einfach sehr verschieden.«
   »Denk an Elviras Worte, Liebes. Du musst erst mit ihr ins Reine kommen, sonst wird das nichts mit der vermatschten Figur und den Ringen unter den Augen.«
   Es war immer wieder wunderbar zu hören, wie positiv Caro das Wunder des Lebens umschreiben konnte.
   »Wenn du wüsstest, was ich alles tue, um schwanger zu werden, du hieltest mich bestimmt für verrückt.«
   »Erzähl! Ich erkläre dir dann, wieso du mein Leben vorziehen solltest.« Sie kicherte.
   »Also gut, aber lach nicht.«
   Sie zog ihre Hand aus dem Schlamm. »Großes Indianerehrenwort.«
   »Morgens stecke ich mir ein Fieberthermometer in die wildesten Körperöffnungen, obwohl ich gar kein Fieber habe.«
   »Erspar mir die Details, Liebes.«
   »Am Wochenende stehe ich um sechs Uhr auf, weil das meine übliche Messzeit ist.«
   »Kein Wunder, dass du schon so viele Falten hast. Wir sind Luxusfrauen, wir brauchen unseren Schlaf. Und wenn wir den nicht bekommen, benötigen wir zumindest einen kompetenten Schönheitschirurgen.«
   »Für den hätte ich kein Geld. Folsäure, Ovulationstests, Schwangerschaftstests, das kostet mich locker fünfzig Euro im Monat.«
   »Bist du verrückt?« Fast hätte sich Caro an die Stirn getippt, zog ihre schlammverschmierte Hand aber rechtzeitig zurück. »Denk nur an die Schuhe, die du kaufen könntest, wenn du das sparst.«
   Ich ignorierte ihren Einwand. »Manchmal halte ich an, wenn ich Pipi muss, weil es noch nicht Zeit für meinen Ovulationstest ist.«
   »Liebes, lass einfach mal wieder kommen. Nur nicht hier im Moorbad.«
   Ich streckte ihr die Zunge raus. »Und wo wir beim Thema sind. Ich nutze fremder Leute Kaffeetassen als Pipiauffangbehälter.«
   »Igitt! Dich lasse ich nie mehr allein in meiner Küche.«
   »Mein Bücherstapel zu Hause beschränkt sich auf Kinderwunschliteratur.«
   »Lies doch lieber das Kamasutra. Da wird sich mit Sicherheit auch der ein oder andere Tipp finden.«
   »Apropos Kamasutra. Nils und ich haben nur noch Sex auf Knopfdruck. So richtig Spaß macht das inzwischen auch nicht mehr.«
   »Wie wäre es denn mit Druck auf den Sexknopf?« Caro gluckste.
   »Ich meine es ernst. Ich mag nicht mehr. Mein Leben richtet sich nur noch nach meinem Zyklus. Das ist deprimierend. Ich glaube, ich gehe in den Storchenstreik.«
   »Liebes, genau das solltest du tun. Entspann dich, lass mal wieder alle Fünfe gerade sein.« Sie begann, mit einem scheußlich falschen holländischen Akzent zu singen. »Lass dich überraschen, schnell kann es geschehen, dass auch deine Wünsche in Erfüllung gehen. Lass dich überraschen, gleich, das ist ganz klar, werden Wunder Wirklichkeit, werden Träume wahr.«
   Ich warf einen Matschklumpen zu ihr hinüber und bekam direkt die doppelte Ladung zurück. Nach kurzer Zeit hatten wir den kompletten Raum in ein einziges Moorbad verwandelt. Man bat uns höflichst, das Spa zu verlassen.

Das Treffen mit Caro hatte mir gutgetan. Vier verdammte Monate waren vergangen, ohne dass sich eines von Nils’ Spermien dazu bemüßigt gefühlt hätte, eines meiner Eier zu befruchten. Jetzt war Schluss. Wenn der Storch mich bestreikte, dann beruhte das ab sofort auf Gegenseitigkeit. Trotz aller Glückskeksversprechungen. Ich hatte keine Lust mehr auf das Gehampel, entweder es klappte diesen Monat oder nicht.
   Ich würde ab sofort wieder leben wie ein Mensch und nicht wie ein aufgescheuchtes Huhn, dessen Gedanken sich nur noch um den eigenen Körper drehten. Ich würde ein Glas Wein trinken oder vielleicht auch eine ganze Flasche, nur noch auf die Keramik meiner Toilette pinkeln und alle Thermometer aus unserer Wohnung verbannen.
   Auf dem Weg nach Hause piepte mein Handy. Eine Mail von Nils, die mir nach der Schlammschlacht mit Caro endgültig gute Laune verschaffte. Es war eine Spammail für einen Viagraersatz mit dem Titel »Wir verstehen, was Frauen wollen«, deren Inhalt lautete:
   »Die Nebenwirkungen sind minimal: manchmal eine verstopfte Nase, kurzzeitig ein roter Kopf - kein Kopfschmerz, sondern das Gefühl, als würde man eine Flasche eiskalte Cola in einem Zug trinken.«
   Gut zu wissen, dass es Männer gab, die offenbar noch viel größere Probleme hatten, als »nur« schwanger zu werden!

Das Orakel von Delphi

»Mehr Schorle?« Ich hielt Molly die Flasche hin. Sie saß im Schneidersitz auf einem unserer Küchenstühle, in den Händen einen
   Maßkrug, in dem noch ein Rest Apfelschorle vor sich hin dümpelte. Nils fuhr jedes Jahr mit seinen Freunden zum Oktoberfest, um dort ein paar Tage in inniger Männerfreundschaft mit Alkoholfahne, Knoblauchausdünstungen, Schweißgeruch und unrasiertem Kinn zu verbringen. Über den genauen Ablauf dieser Ausflüge sprachen wir nicht, als einziger Hinweis, dass sie tatsächlich beim Oktoberfest gelandet waren, zeugte immer wieder ein neuer Maßkrug. Nils behauptete in kindlicher Freude, die Krüge seien geklaut und unter größtem Aufwand aus den Zelten geschmuggelt worden. Ich vermutete inzwischen, dass sie die Dinger einfach irgendwo kauften.
   Molly schüttelte ablehnend den Kopf. »Ich muss sowieso schon ständig aufs Klo. Momentan ist es wirklich wie verhext. Ich habe eine Sextanerblase.«
   »Du bist bestimmt schwanger«, witzelte ich.
   Ihre Gesichtsfarbe wechselte zu aschfahl.
   »Molly?« Ein unangenehmer Druck legte sich auf meinen Magen.
   »Mia, ich bin nicht schwanger. Also, vermutlich nicht.«
   »Definiere ‚vermutlich‘!«
   »Na ja, Hauke und ich, wir haben letztens nicht so richtig aufgepasst. Aber es wird schon nichts passiert sein«, versuchte meine Schwester, mich zu beschwichtigen. Dabei friemelte sie so nervös in ihrem blonden Haarputz herum, dass man merkte, dass sie es selbst kaum glaubte.
   »Molly! Du bist schlimmer als jeder Teenager. Nur weil ich nicht schwanger werde, heißt das nicht, dass du es nicht ungeplant werden kannst. Hast du einen Test gemacht?«
   »Es wäre noch zu früh, aber wie gesagt, ich glaube nicht, dass etwas passiert ist. Und wenn, meine Güte, Mia, ich würde mich so schlecht fühlen. Wir planen eigentlich kein drittes Kind und du versuchst so sehr, eines zu bekommen«, antwortete sie kleinlaut.
   Erstaunlicherweise traf mich die Möglichkeit einer ungeplanten Schwangerschaft meiner Schwester auf den zweiten Blick weit weniger, als ich zunächst gedacht hatte. Es öffnete mir im Gegenteil die Tür zu einer Welt, in die ich zugegebenermaßen auch lieber gestern als heute eintreten würde, doch die Aufregung und den Zauber einer Schwangerschaft konnte ich so ebenfalls miterleben. Außerdem lenkte es mich von meinen Fehlversuchen ab. Wenn ich selbst nicht schwanger wurde, konnte ich mein ganzes neu erworbenes Wissen wenigstens an ihr austesten. Über Mollys bisherige Schwangerschaften hatte ich mich zwar gefreut, aber wirklich brennend interessiert hatten sie mich nicht. Das lag vermutlich daran, dass ich zu dem Zeitpunkt das Thema Kinderplanung noch ganz tief in der Schublade meines Lebens versteckt gehalten hatte.
   »Ach, Hauptsache eine von uns. Ob geplant oder nicht spielt keine Rolle. Hast du schon einmal orakelt?« Ich konnte die Fragezeichen in Mollys Augen regelrecht blinken sehen. »Okay, also noch nie orakelt. Ich auch nicht, aber ich habe viel darüber gelesen. Man nimmt einfach Ovulationstests und die können wie Schwangerschaftstests schon zu einem frühen Zeitpunkt anzeigen, ob man schwanger ist. Allerdings können sie auch falsch positiv anzeigen, weswegen oftmals davon abgeraten wird. Willst du es probieren? Mehr als umsonst schockiert kannst du nicht sein.« Ich kicherte.
   Molly war offenbar zu überrumpelt von meinem Eifer und der fehlenden Entrüstung aufgrund ihres Geständnisses, um Nein zu sagen. So saßen wir wenige Minuten später in meinem Badezimmer. Ich hielt ihr einen Waschmitteldosierbecher hin.
   »Was soll ich damit?« Molly legte die Stirn in Falten und sah mich verwirrt an.
   »Reinpinkeln!« Ich hüstelte verlegen.
   »Nicht dein Ernst!« Verwirrtheit wechselte zu Erstaunen.
   »Na ja, ich hatte da so ein Tassenfiasko, reden wir nicht drüber und danach brauchte ich für zu Hause eben ein passendes Gefäß. Und ich dachte, Waschmittel ist doch irgendwie selbstreinigend, dem macht es nichts aus, in einem Pipibecher zu liegen.«
   Molly schüttelte belustigt den Kopf, nahm den Becher und strullerte zielsicher hinein.
   Wieso klappte das bei ihr bloß so unfallfrei? Ich war schwer beeindruckt. Ich hätte längst Nachhilfe bei ihr nehmen sollen. Sie reichte mir den warmen Becher. Ich sagte mir mantramäßig immer wieder in Gedanken vor: »Es ist nur warme Apfelschorle, es ist nur warme Apfelschorle, es ist nur warme Apfelschorle« und hielt den Ovulationstest hinein. Anschließend legte ich ihn zum Trocknen hin, doch wir sahen recht schnell, dass sich zwei Linien gebildet hatten.
   »Und was heißt das jetzt?« Molly schluckte mehrmals.
   »Na ja, so richtig bedeutet das vorerst gar nichts. Du musst morgen erneut einen machen, und wenn die Linie stärker wird, besteht eine Chance von 70 %, dass du wahrhaftig schwanger bist. Wann müsstest du denn deine Periode kriegen? Ab dem Tag kannst du einfach einen richtigen Schwangerschaftstest machen.«
   »Ich weiß es nicht genau. Ich stille Fokko so viel, da kommt sie sehr unregelmäßig, aber ich denke, es müsste noch eine Weile dauern.«
   »Du denkst? Du denkst?« Unfassbar. Diese Frau war wirklich ein wandelnder Haufen Unbekümmertheit. Das hatte sie de facto von unserer Mutter geerbt. »Wir machen jetzt direkt einen Schwangerschaftstest hinterher. Vielleicht bist du schon längst überfällig, du Heldin!«
   Also packte ich einen Schwangerschaftstest aus und tauchte ihn in den Becher. Es war ja nicht so, als wäre ich nicht gut eingedeckt. Und während ich noch dachte: Komisch, die Kontrolllinie ist doch eigentlich links, wurde mir klar, dass die Linie, die anzeigte, dass der Test positiv war, schneller erschienen war, als die Kontrolllinie selbst. Diese Frau war nicht nur schwanger, sie schwappte geradezu über vor Schwangerschaftshormonen.
   »O mein Gott, o mein Gott, o mein Gott. Jetzt brauchen wir einen Kombi.«
   »Wenn das deine einzige Sorge ist! Sei nur so lieb und nenn das Kind nicht Hein Blöd.« Ich drückte meiner Schwester einen Kuss auf die Stirn. Ich ging in den Storchenstreik und sie wurde schwanger. Verkehrte Welt war das, aber ich freute mich trotzdem.

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