Rebekka steht vor dem Ende ihrer Ehe. Um sich abzulenken nimmt sie einen neuen Job in Norwegen an. Dort kommt sie einer ungeheuerlichen Verschwörung auf die Spur. Wenn es Thor, dem erfolgreichen Pferdezüchter, und ihr gelingt, Beweise für ihren schrecklichen Verdacht zu finden, könnten sie damit nicht nur das Leben einer jungen Mutter retten, sondern auch ihr eigenes Glück.

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... oder sofort „hineinschnuppern“

Kapitel 1

»Entschuldigung! Darf ich kurz mal vorbei?« Eine ruppige Stimme riss mich aus meinen Gedanken.
   »Natürlich. Einen Augenblick.« Ich griff nach meinem Rucksack und meiner Handtasche, die ich zwischen den Beinen abgestellt hatte, und hob sie auf.
   »Geht das auch ein bisschen schneller? Dem Kind ist schlecht, verdammt!«
   Jetzt erst sah ich das kreideweiße Gesicht des kleinen Jungen, der sich halb hinter seinem Vater versteckt hatte.
   In diesem Moment ergoss sich ein Schwall aus halb verdauten Frühstücksflocken über das Deck.
   »O mein Gott, das tut mir leid.« Eine junge Frau, ungefähr Mitte zwanzig, war inzwischen ebenfalls zu unserer kleinen Gruppe gestoßen. In ihrer Hand hielt sie eine Brechtüte, die sie dem Kleinen gerade noch rechtzeitig vor das Gesicht hielt, ehe noch mehr Frühstücksflocken auf dem Riffelblech landen konnten.
   Der Kleine weinte herzzerreißend, während ihn sein Vater auf die andere Seite der Fähre trug.
   »Das ist mir so peinlich. Wirklich.« Die junge Frau, die mich mit deutlichem skandinavischem Akzent angesprochen hatte, lächelte scheu. Sie hatte einen angenehmen, offenen Blick, und obwohl sie fast zwanzig Jahre jünger als ich sein musste, strahlte sie etwas Beruhigendes, Mütterliches aus. Ich mochte sie auf Anhieb. »Haben Sie irgendetwas abgekriegt? Natürlich übernehmen wir die Reinigung. Es ist das erste Mal, dass es Tommy auf der Fähre schlecht wurde. Normalerweise hat er einen echten Wikingermagen.« Sie streckte mir ihre Hand entgegen. »Mein Name ist Ingrid.«
   Die Art und Weise, wie sie ihren Namen aussprach, der bei ihr eher wie »Ingeri« klang, überzeugte mich davon, dass sie tatsächlich aus Norwegen stammen musste.
   »Aber ich bitte Sie. Die See ist rau heute, und die Größe der Fähre lässt einen gern vergessen, dass auch sie im Vergleich zur Nordsee nur ein Spielzeugbötchen ist.« Ich streckte ihr die rechte Hand entgegen. »Rebekka.«
   Ihr Händedruck war warm und fest. »Ist Ihnen auch übel?« Ingrid musterte mich aufmerksam. »Ich meine, es ist eiskalt hier draußen, und das Wetter ist ja auch nur gerade mal so na ja …«
   »Nein.« Ich lachte. »Mir geht es gut. Ich muss meine Nase nicht in den Wind strecken. Mir ist es da drinnen einfach nur zu laut und zu voll.«
   Ingrid nickte. »Ja. Immer, wenn das Wetter schlecht ist, ist kaum jemand an Deck. Ich wollte eigentlich noch ein bisschen in den Duty-free-Shop, ein paar Geschenke einkaufen, aber da drin war es so voll, dass Tommy Angst bekommen hat. Die Leute sind sich gegenseitig fast auf die Füße getreten.«
   Ich konnte mir das lebhaft vorstellen. Auch ich hatte die Zeit der Überfahrt von Hirtshals nach Kristiansand nutzen und durch die kleinen Geschäfte an Bord der Fähre bummeln wollen. Aber obwohl ich aus Berlin kam und Gedränge mir durchaus nicht fremd war, war es auch mir zu viel geworden. Deshalb war ich trotz Kälte und Nässe, der Wellengang war stark, und der Wind blies mir die Gischt direkt ins Gesicht, in die Abgeschiedenheit des Vorderdecks geflohen.
   »Haben Sie wirklich nichts abbekommen? Auch nicht Ihr Rucksack oder Ihre Handtasche?«
   Ich verneinte abermals. »Nein. Ihr Mann hat mich gerade noch rechtzeitig gewarnt.« Ich warf einen Blick auf die andere Seite und sah Ingrids Mann auf einer der Bänke sitzen. Tommy hatte sich auf seinem Schoß zusammengerollt und schien angestrengt gegen seine Übelkeit anzukämpfen. »Ich glaube, ich habe eine Reisetablette bei mir. Möchten Sie Ihrem Sohn eine geben? Sie wird zwar nicht ganz helfen, aber vielleicht macht sie ihn müde genug, dass er den Rest der Überfahrt verschläft.«
   Ingrid strahlte und zeigte dabei eine Zahnlücke zwischen den beiden oberen Frontzähnen, die ihren skandinavischen Charme noch unterstrich. Im Gegensatz zu den meisten Norwegerinnen, die eher dunkelblond oder brünett waren, hatten ihre Haare das helle Blond, mit dem schon Agneta von Abba in meiner Jugend Jungs und Mädels verzaubert hatte.
   »Das wäre sehr nett von Ihnen. Danke.«
   Sie nahm die Tablette und den »Durstlöscher«, den ich ihr reichte. »Haben Sie auch Kinder? Ich meine, weil Sie so gut ausgerüstet sind. Ich bin gleich wieder bei Ihnen.«
   Ehe ich antworten konnte, ging sie auf ihren Mann und ihren Sohn zu. Nach ein paar Schritten drehte sich noch einmal um. »Laufen Sie nicht weg. Ich bin gespannt auf Ihre Antwort.«
   Ich lachte. »Keine Sorge. Ich werde schon nicht über Bord gehen. Und dort rein kriegen mich keine zehn Pferde mehr.«
   Ich beobachtete, wie Ingrid für ihren Sohn die Reisetablette in zwei Teile brach, damit er sie mühelos schlucken konnte, während ihr Mann den Trinkhalm in den Tetrapak stach.
   Nein, ich hatte keine Kinder. Ingrids Frage hatte eine heiße Welle voller Schmerz in meinem Körper in Bewegung gebracht, die mir die Luft zum Atmen zu nehmen schien. Ich klammerte mich an der Reling fest. Die Kälte, die meine Finger klamm und taub machte, wirkte wie ein Schwall Wasser auf das Feuer meines Kummers.
   Nein. Ich hatte keine Kinder.
   Kinder. Mit ihnen konnte alles möglich und ohne sie konnte alles unmöglich werden.
   Ich hatte Jan vor fünfzehn Jahren auf einer Party kennengelernt. Was folgte, war der Klassiker aus schlechten Liebesromanen. Wir verstanden uns gut, lachten viel, tranken ein bisschen, vielleicht ein bisschen zu viel, landeten im Bett und starteten eine heftige, intensive und romantische Beziehung. Vier Wochen später stellte ich fest, dass ich schwanger war.
   Zunächst lief alles gut. Jan stellte sich seiner Verantwortung, und als ich im vierten Monat war, heirateten wir. Das Kind sollte schließlich in geordneten Verhältnissen und mit dem Nachnamen des Vaters zur Welt kommen.
   Der Einfachheit halber zog ich in seine Wohnung, die zumindest in der ersten Zeit groß genug für unsere kleine Familie sein würde.
   Obwohl ich erst fünfundzwanzig Jahre alt war, galt meine Schwangerschaft aufgrund meines Alters schon als Risikoschwangerschaft. Und obwohl ich wusste, dass ich mich hätte dankbar und glücklich fühlen müssen, konnte ich mich mit dem Gedanken, Mutter zu werden, nur langsam anfreunden.
   Ich hatte gerade mein Studium als Sozialpädagogin abgeschlossen und wollte beruflich durchstarten, anstatt zu Hause Windeln zu wechseln. Aber Jan versprach mir, dass ich mich auch um meine Karriere kümmern könnte, sobald er sich beruflich etabliert hatte.
   Doch das Leben schreibt manchmal andere Geschichten als die, die wir gern lesen möchten.
   Ich verlor das Kind im fünften Monat.
   »Und?« Ingrid war zurück. »Haben Sie Kinder? Sind sie auch der Fähre?«
   »Wie geht es Tommy?« Ich versuchte, mit einer Gegenfrage Zeit zu gewinnen.
   »Es geht ihm besser. Er genießt es immer sehr, wenn er mal die volle Aufmerksamkeit seines Vaters hat. Jörg arbeitet sehr viel und kommt oft erst nach Hause, wenn Tommy schon im Bett liegt. In manchen Wochen sehen sie sich nur kurz beim Frühstück und am Wochenende. Das Beste ist, ich lasse die beiden jetzt eine Weile allein.« Sie zwinkerte mir zu. »Ich weiß, es ist laut und voll da drinnen, aber es gibt im Zwischendeck eine kleine, sehr exklusive Kaffeebar, die eigentlich immer ziemlich leer ist, weil sich die wenigsten die Preise leisten können. Darf ich Sie so lange auf einen Kaffee einladen? Sie würden mir eine sehr große Freude machen«, fuhr sie fort, ehe ich Widerspruch einlegen konnte. »Hier draußen ist es sehr kalt, und es gibt im Augenblick für mich nichts zu tun. Und ich sitze nicht gern allein in einem Café, da bin ich noch alte Schule.« Sie lachte ein freies, jugendliches Lachen, um das ich sie fast beneidete. Es war das Lachen einer Frau, die noch nicht viel Kummer gehabt hatte in ihrem Leben. »Also. Wie sieht es aus? Wollen Sie mich aus diesem Kühlschrank hier draußen erlösen?« Sie hakte mich unter, und ich ließ mich fast widerstandslos von ihr mitnehmen.

Kapitel 2

Ingrid behielt recht. Das Café mit dem klangvollen Namen »La Lounge« war fast menschenleer. Außer uns befanden sich noch fünf andere Gäste im Raum. Zwei davon sicher Geschäftsmänner, die ihre Laptops jeweils auf einem der winzigen Kaffeetische abgestellt hatten und in die Tasten hauten, als gäbe es kein Morgen.
   An einem anderen Tisch saß ein älteres Ehepaar. Dem Goldbehang der Frau und ihrer toupierten Dauerwelle nach zu urteilen, Amerikaner auf Europareise. Sie saßen jeder vor einem riesigen Stück Torte, die Kuchengabel in der einen Hand, die andere Hand unter dem Tisch verborgen.
   Der letzte Gast, ein Mann von ungefähr fünfzig Jahren, schien tief zu schlafen.
   »Habe ich Ihnen zu viel versprochen?«
   Ich lächelte. »Nein, haben Sie nicht. Ich hätte die Lounge hier nie gefunden, glaube ich.« Wir waren meinem Empfinden nach kreuz und quer über die Fähre gewandert, Treppe hoch, Treppe runter, mal hier durch, mal da durch. Jetzt saßen wir offensichtlich genau im Zentrum der Fähre, denn weit und breit war kein Fenster zu sehen. Wenn wir jetzt untergingen, wären wir aufgrund des Skagerraks, noch ehe wir die nächste Treppe erreicht haben würden. »Woher kennen Sie sich so gut hier aus?«
   Ingrid bestellte zwei Latte macchiato und zwei Stück Mandeltorte. »Nun, wir fahren regelmäßig mit der Color Line. Mein Mann, Jörg, kommt aus Deutschland, und die Tysker-Oma möchte ihren Enkel natürlich regelmäßig sehen. Deswegen verbringen wir die Feiertage so oft es geht in Hamburg.«
   Aus meinen früheren Urlauben in Norwegen noch an der Seite von Jan wusste ich, dass Tysker die norwegische Bezeichnung für Deutsche war. »Dann sind Sie jetzt auf dem Weg nach Hause, sozusagen?«
   »Genau. Wir mussten ein bisschen vor dem Ende der Sommerferien zurückfahren. Meine kleine Schwester heiratet bald, und ich möchte meiner Mutter ein bisschen mit den Vorbereitungen zur Hand gehen.«
   »Was für ein freudiger Anlass!« Ich erinnerte mich daran, dass Jan und ich aus Versehen auch einmal Teil einer norwegischen Hochzeit gewesen waren. Gott! Ich ärgerte mich über mich selbst. Musste ich wirklich jeden Satz, den jemand an mich richtete, mit einer Erinnerung an dieses miese Schwein verknüpfen? An diesen Verräter, der mich nach fünfzehn Jahren voller Schuld und Demütigung für eine andere verlassen hatte.
   »Ja.« Ingrid legte den Kopf schief. Es gibt nichts Schöneres auf der Welt, als wenn sich zwei Menschen finden. Was führt Sie nach Norwegen? Sie wirken nicht wie jemand, der in Urlaub geht.« Sie lehnte sich zurück und hob entschuldigend die Hände. »Es tut mir leid, wenn ich Ihnen zu nahe trete. Wenn Ihnen das zu persönlich ist, sagen Sie einfach: Ingrid, das geht dich nichts an. Dann bin ich sofort still.«
   Ich schüttelte den Kopf. Etwas in mir drängte nach außen. Wollte aus der Dunkelheit meines Herzens ans Licht, wollte sich nicht länger verstecken. Und noch ehe ich es verhindern konnte, hörte ich mich selbst reden. »Sie haben recht. Ich bin nicht auf dem Weg in den Urlaub. Ich bin auf dem Weg zu meiner neuen Stelle. Sozusagen auf dem Weg in ein neues Leben. Mein Mann hat mich mit einer anderen betrogen, weil ich keine Kinder bekommen kann. Und als sein Flittchen schwanger geworden ist, hat er mich sitzen lassen. Und das nach allem, was ich für ihn getan habe.«
   Ingrids Blick wurde weich. Sie griff nach meiner Hand. Wie war es möglich, dass ich bereit war, einer wildfremden Frau zu erzählen, worüber ich noch nicht einmal mit meiner Mutter oder Uli, meiner besten Freundin, hatte sprechen können?
   Irgendetwas an ihr wirkte wie ein Schlüssel ins Schloss zur Tür meiner Seele, hinter der all die gut gehüteten Geheimnisse meiner ganz privaten Leidensgeschichte schlummerten.
   »Das ist schrecklich unfair.« Ingrid drückte meine Hand. »Kinder zu haben ist zwar wunderschön, aber Kinder sind auch nicht alles.«
   »Nicht?« Ich zog die Augenbrauen nach oben. »Wenn Sie wüssten, was ich alles getan habe, um eins zu bekommen.« Ich schüttelte den Kopf. »Ich habe Bücher verschlungen, wie man eine Empfängnis fördern kann. Ich habe meine Ernährung umgestellt, nahm sieben Kilo ab. Ich bewegte mich ausgiebig an der frischen Luft, stählte meine Bauch- und Beckenbodenmuskulatur, stopfte mir, während wir miteinander schliefen, ein Kissen unter die Hüften und streckte danach fünf Minuten beide Beine in die Luft, damit die Schwerkraft dem tüchtigsten unter den kleinen Schwimmern helfen sollte, rechtzeitig an sein Ziel zu kommen.« Mein Lachen klang bitter. »Täglich habe ich meine Temperatur gemessen und rief Jan nach Hause, sobald das Thermometer mehr als 36,5 Grad anzeigte.« Ingrid unterbrach mich nicht. Sie schien zu spüren, dass, was ich jetzt nicht herauslassen konnte, ich nie wieder würde aussprechen können. »Während ich dann auf Jan wartete, schlüpfte ich in einen verführerischen Hauch aus Nichts und versuchte, gleich auf den ersten Blick zu erraten, welche Rolle ihn heute in die richtige Stimmung versetzen würde.« Ich spürte, wie mir das Blut in die Wangen schoss. »Weil er es schwierig und demütigend fand, auf Befehl seinen Mann zu stehen, musste ich mich mal in eine Krankenschwester, mal in eine sexy Büromieze verwandeln.« Ich hörte, wie meine Stimme zitterte. »Und danach, wenn er schon wieder auf dem Weg ins Büro war und ich meine Gymnastikübungen gemacht und die sexy Wäsche in die Waschmaschine gesteckt hatte, weinte ich stundenlang.« Ich schlug die Hände vor das Gesicht. »Gott. Ich habe mich in Grund und Boden geschämt.«
   Warme Finger berührten mich, und ich spürte, wie meine Hände sanft, aber unnachgiebig, nach unten gedrückt wurden, bis sie vor mir auf dem Tisch lagen. Ingrids Blick war voller Mitgefühl. »Das muss eine schreckliche Zeit gewesen sein. Aber es gibt nichts, wofür du dich schämen müsstest. Vielmehr müsste jemand diesem Jan mal ordentlich die Leviten lesen.« Sie klang aufrichtig empört. »So etwas Rücksichtsloses ist mir noch nie untergekommen.«
   »Wie war es bei dir?« Das Du kam mir so leicht über die Lippen, als wäre es schon immer so gewesen.
   »Bei mir? Alles total entspannt. Tommy kam quasi sofort. Gleich, nachdem ich die Pille abgesetzt hatte, war ich auch schon schwanger.«
   »Lucky you!«
   »Na ja … Jörgs Begeisterung hielt sich am Anfang in Grenzen. Er war gerade erst seit einigen Monaten mit der Ausbildung als Kfz-Sachverständiger fertig und im Begriff, sich auf die kriminaltechnische Untersuchung von Unfallfahrzeugen zu spezialisieren. Mittlerweile ist er einer der anerkanntesten Sachverständigen auf diesem Gebiet in ganz Norwegen. Meine Eltern waren damals auch nicht glücklich, als ich ihnen mitgeteilt habe, dass ich einen Deutschen heiraten würde. Meine Familie hat während des Zweiten Weltkriegs ganz schön unter den Deutschen gelitten. Aber als Tommy dann auf der Welt war, herrschte auf allen Seiten wieder eitel Sonnenschein.« Sie lächelte erinnerungsselig. »Tommy war ein perfektes Baby. Er lachte viel, schlief meistens durch und war immer gesund und proper.« Sie lachte, als sie meinen Gesichtsausdruck sah. »Ich weiß, die Cornflakes an Deck sprechen eine andere Sprache, aber es stimmt tatsächlich.« Ihr Blick wurde wieder ernst. »Wie ist denn dein Mann damit umgegangen, dass es einfach nicht geklappt hat?«
   »Jan? Er litt natürlich furchtbar, am meisten dann, wenn er viele Zuhörer hatte. Natürlich spielte er den Verständnisvollen. Betonte immer wieder, dass Kinder nicht das Wichtigste für ihn wären und dass er auch mit mir allein glücklich sein könnte. Aber ich sah seine Blicke, wenn wieder jemand aus dem Bekanntenkreis die frohe Botschaft verkündete. Da lag so viel Verachtung in seinem Blick. Irgendwann fing er an, mich wie ein Kleinkind zu behandeln. Ich versagte ja sogar bei der natürlichsten Sache der Welt. Der einzigen Sache, für die eine Frau keine besonderen Fähigkeiten mitbringen musste. Da war es ja klar, dass ich für alles andere auch nicht taugte. Ich war eine leere Hülle für ihn. Eine Muschel, in der keine Perle heranwachsen würde.« Das Gefühl, keine richtige Frau zu sein, war nach wie vor betäubend. »Ich glaube, es war der Vergleich mit der Muschel und dem Sandkorn, der ihn auf die Idee brachte, uns in einer Fachklinik für künstliche Befruchtung anzumelden.«
   Ingrid schüttelte den Kopf. »Hat er dich einmal gefragt, ob du das ganze Prozedere überhaupt durchmachen willst?
   »Nein.« Ich zog die Mundwinkel nach unten. »Nicht ein einziges Mal.« Ich erinnerte mich an das furchtbare Gefühl des Fremdgesteuertseins, das die Hormonspritzen, die meinen Körper empfängnistauglich machen sollten, hervorgerufen hatten. Hitzewallungen und Übelkeit waren die harmlosesten Auswirkungen der Fruchtbarkeitsbehandlung. Viel schlimmer aber waren die Vokabeln, mit denen ich konfrontiert wurde. Da war die Rede von Eizellentnahme und Embryotransfer, Behandlungszyklen und vielen anderen Begriffen, die rein gar nichts mit dem Wunder und der Liebe einer natürlichen Empfängnis zu tun hatten. Am schlimmsten aber war die Warterei. Das Bangen, ob aus der künstlich befruchteten Eizelle eine Schwangerschaft geworden war und ob das befruchtete Ei sich sicher einnisten, oder ob die nächste Monatsblutung wieder alle Hoffnungen und Träume hinwegspülen würde. »Es war eine schreckliche Zeit.«
   Ingrid nickte. »Das glaube ich sofort. Da muss ja zwangsläufig jedes Gefühl für den anderen auf der Strecke bleiben.«
   Ich nickte und suchte nach den richtigen Worten. Noch nie hatte ich irgendjemandem gegenüber über das gesprochen, woran ich im Augenblick zu ersticken schien. »Das Schlimmste an der ganzen Sache war aber, dass ich das Gefühl hatte, Jan würde, falls ich tatsächlich schwanger werden würde, das Kind gar nicht wirklich annehmen.«
   »Wie meinst du das?«
   »Es ist …« Ich brach ab. »Ich weiß nicht genau, wie ich es ausdrücken soll.« Mein Blick fiel auf die wunderschönen Perlenohrringe unserer amerikanischen Tischnachbarin. Und plötzlich wusste ich genau, was ich sagen wollte. »Perlen!«
   Ingrid schien mir nicht folgen zu können.
   »Ich habe doch vorhin erzählt, dass Jan schwangere Frauen als Muschelschalen für wertvolle Perlen betrachtete.« Ich hatte all die Jahre keine Ahnung gehabt, weshalb ich den Muschelvergleich immer als anstößig und demütigend empfunden hatte. »Wertvoll sind nur die echten Perlen. Die, die auf dem Grunde des Meeres auf natürlichem Wege entstanden sind. Denn nur diese Perlen sind selten, einzigartig und wirklich wertvoll. Der Rest ist Ramsch, der in riesigen Plantagen künstlich gezüchtet wurde und in irgendwelchen Drittländern zu billigem Modeschmuck für die Massen verarbeitet wird.« Ich nahm einen Schluck aus meinem Glas. Der Latte war mittlerweile kalt. »Wir hätten keine wertvolle Perle bekommen, nichts Eigenes, nichts Einzigartiges. Unsere Perle wäre eine billige Zuchtperle geworden.« Die Worte schmeckten wie Galle. Mir wurde übel. »Ich glaube wirklich, dass Jan unser Kind immer als ein Kind zweiter Klasse gesehen hätte. Ein Kind minderer Qualität und Güte, weil die Mutter nicht in der Lage war, ein Wunder zu vollbringen.« Tränen rannen über mein Gesicht. Ich konnte sie nicht aufhalten.
   Nichts in der Welt war in der Lage, diesen Damm, den ich jahrelang aufgebaut und nun an einem verregneten Vormittag auf einer profanen Autofähre mitten auf dem Skagerrak einer völlig Fremden gegenüber eingerissen hatte, wieder zu verschließen.
   Ingrid rutschte auf dem weinroten Ledersofa näher zu mir und nahm mich in die Arme. »Alt blir bra«, murmelte sie, während sie mich wiegte und mir über die wirren, vom Wind zerzausten Haare strich. »Alt blir bra.« Alles wird gut.
   Es dauerte eine Weile, bis ich mich wieder unter Kontrolle hatte. Plötzlich war es mir peinlich, dass ich mich hatte so gehen lassen. »Es tut mir leid. Ich weiß wirklich nicht, was über mich gekommen ist, dass ich dir hier was vorheule. Ich meine, du machst dir sicher Gedanken, wie es deinem Sohn geht, stattdessen heult dir eine völlig Fremde was über ihre fehlgeschlagenen Schwangerschaftsversuche und ihre gescheiterte Ehe vor.«
   »Ich bitte dich, Rebekka. Das macht doch nichts. Es gibt ein Sprichwort: Kleine Sorgen machen viele Worte, große sind stumm.«
   »Und was heißt das?« Ich schniefte und suchte in meiner Jackentasche nach einem Taschentuch.
   »Das heißt, dass dein Herz anfängt, zu heilen.«
   »Ich verstehe immer noch nicht.«
   Ingrid lachte. »Das macht nichts. Vielleicht ist es dafür auch noch ein bisschen zu früh. Aber ich kann dir versichern, dass es nicht mehr lange dauern wird, bis du weißt, was das Sprichwort für dich bedeutet.«
   Eine laute Stimme unterbrach sie. »Sehr geehrte Damen und Herren, wir werden in wenigen Minuten in Kristiansand anlegen. Bitte begeben Sie sich unverzüglich zu Ihren Fahrzeugen und warten Sie dort auf die Anweisung des Sicherheitspersonals. Wir hoffen, Sie hatten einen schönen Aufenthalt auf der MS SuperSpeed und reisen wieder mit uns.« Dieselbe Ansage folgte auf Englisch und Norwegisch.
   »Schade.« Ingrids Augen drückten ehrliches Bedauern aus. »Jetzt ist die Zeit schon wieder rum.« Sie kramte in ihrer Handtasche nach dem Portemonnaie.
   »Bitte, lass mich die Rechnung bezahlen.«
   »Das kommt ja gar nicht infrage.« Ingrid schüttelte ihre halblangen hellblonden Haare. »Ich habe dich eingeladen, und dabei bleibt es auch.«
   »Aber ich würde mich besser fühlen, wenn ich …«
   Sie brachte mich mit einer Handbewegung zum Schweigen. »Wir legen gleich auf norwegischem Boden an. Und ich kann dir eins versichern: Du wirst dich hier erst dann zu Hause fühlen, wenn du den deutschen Stock aus dem Popo nimmst und dich ein bisschen lockerer machst. Ich weiß, wovon ich rede.« Sie winkte die Bedienung heran. »Ich bin mit einem Deutschen verheiratet.«
   Nachdem sie unsere Rechnung beglichen hatten, folgte ich Ingrid zu den Parkdecks. »Wo hast du dein Auto geparkt?«
   »Auf dem dritten. Buchstabe G.«
   »Wir auch.« Sie lachte. »Als ob es Schicksal ist, oder?« Ingrid sah mich lächelnd an. »Ich schließe sonst eigentlich nicht schnell Freundschaft.«
   »Und ich kotze mich normalerweise auch nicht bei jedem x-Beliebigen aus.«
   Wir kicherten, während wir uns in den übervollen Fahrstuhl drückten, der uns ins dritte Unterdeck bringen würde.
   »Was das an- und auskotzen angeht, sind wir quitt, denke ich.« Sie sah mich nachdenklich an. »Was willst du jetzt tun?«
   Ich wusste, dass sie nicht meine Arbeit meinte. »Ich habe jetzt fünfzehn Jahre lang das gemacht, was andere von mir erwartet haben. Ob es darum ging, das Kind zu behalten oder Jan zu heiraten, obwohl wir uns kaum kannten. Oder bei ihm zu bleiben, obwohl er mich so gedemütigt hat. Selbst die Trennung war nicht mein Entschluss, sondern seiner und der seiner schwangeren kleinen Geliebten. Ich will jetzt endlich etwas machen, das ich will. Ob es klug ist oder nicht, werde ich erst hinterher wissen. Aber wie auch immer dieses Abenteuer enden wird, es war meine eigene Entscheidung, es einzugehen. Und ich werde die Konsequenzen tragen. Alle. Die Guten und die Schlechten. Denn es sind meine Konsequenzen.« Wir waren bei Ingrids Volvo XC angelangt.
   Der kleine Tommy saß schlafend in seinem Kindersitz, die Wangen vom Wind und vom Schlaf gerötet. Es war ein rührendes Bild. Jörg lehnte am Heck des Wagens und strich seiner Frau, während er sie zur Begrüßung küsste, eine strohblonde Haarsträhne hinter das Ohr. Als sich Ingrid zu mir umdrehte, legte er einen Arm um ihre Schultern.
   »Hattet ihr einen schönen Mittag?« Seine Stimme klang weder verletzt noch so, als wäre er eingeschnappt. Mit einem Lächeln streckte er mir die freie Hand entgegen. »Die Reisetablette hat Tommy sehr geholfen. Die Übelkeit ist verschwunden, und wenn er später wieder aufwacht, wird es ihm wieder gut gehen. Ich danke Ihnen für die Hilfe und dafür, dass Sie sich ein bisschen meiner Frau angenommen haben. Ingrid kann sich auf dem Schiff nirgends aufhalten, wo man das Wasser sehen kann. Ohne Sie hätte sie die lange Überfahrt allein verbringen müssen.«
   »Oh. Das wusste ich ja gar nicht.« Die Bemerkung berührte mich peinlich. Da hatte ich fast drei Stunden mit dieser freundlichen, offenen, jungen Frau verbracht, hatte ihr meine gesamte Lebensgeschichte aufgedrückt und von ihr selbst nichts, aber auch gar nichts erfahren.
   »Ich glaube, wir hatten Wichtigeres zu besprechen als meine Thalassophobie.« Sie zwinkerte mir verschwörerisch zu. Dann griff sie nach meinen Händen. »Ich wünsche dir aus ganzem Herzen, dass du hier dein Glück findest, Rebekka.«
   Die Lautsprecherstimme forderte die Passagiere zum dritten Mal auf, in ihre Autos zu steigen und sich bereit zu machen, die Fähre zu verlassen.
   Ingrid lachte. »Ich glaube, wir sollten jetzt wirklich gleich einsteigen.«
   Ich folgte einem Impuls und zog sie an mich. »Ich danke dir. Ich habe keine Ahnung, was mich geritten hat, dir meine gesamte Lebensbeichte aufzudrängen, aber ich habe im Augenblick das Gefühl, als hätte ich mir den ganzen Mist endlich von der Seele geredet.«
   »Gerade rechtzeitig, um die Vergangenheit mit der SuperSpeed wieder zurück nach Dänemark zu schicken.« Ingrid drückte mich herzlich. Dann streckte sie mir eine Karte entgegen. »Ich würde mich sehr freuen, wenn du es einrichten könntest, uns zu besuchen.«
   Ich betrachtete die Visitenkarte. Jörg Conrad, Kfz-Sachverständiger und eine Adresse aus Kristiansand. Ich spürte schon jetzt das Bedürfnis, neben Tommy auf den Rücksitz zu klettern und mich der kleinen Familie anzuschließen. Wenn es nach einer momentanen Stimmung ging, würde ich Ingrids Einladung sicher annehmen. Aber ich kannte mich. In ein paar Stunden, wenn ich wieder ich selbst sein würde, würde ich alles an dieser Bekanntschaft infrage stellen. Enden würden meine Gedanken mit dem Gefühl, dass ich Ingrid unheimlich auf die Nerven gefallen sein musste und dass die Freundlichkeit und Herzenswärme, diese unglaubliche Vertrautheit auf nichts anderem beruhte als auf der sprichwörtlichen skandinavischen Höflichkeit und Gastfreundschaft.
   Ich beobachtete, wie Ingrid ins Auto stieg, sich zu Jörg beugte und ihm einen leichten Kuss gab. Bereits als ich mich umdrehte, stellte sich ein Gefühl von Verlust ein.
   »Rebekka!«
   Ich blieb abrupt stehen.
   Ingrid schlängelte sich an den parkenden Wagen vorbei. »Irgendetwas sagt mir, dass du dich vermutlich nicht trauen wirst, dich bei uns zu melden. Und da meinte Jörg, dass es wohl besser wäre, wenn du mir auch deine Nummer und deine Adresse geben würdest, damit wir auch mit dir Kontakt aufnehmen können.« Sie grinste und warf Jörg eine Kusshand zu. »Er ist toll, oder?« Sie kicherte, während ich hastig meine Adresse und meine Handynummer auf einem Umschlag, den ich nach einigem Kramen in meiner Handtasche fand und den ich nicht mehr brauchte, kritzelte. »Ja. Ich glaube, das ist er.« Ich überreichte Ingrid den Umschlag, die sofort ihr Handy darauf richtete und meine Kontaktdaten abfotografierte. »Sicher ist sicher.«
   Im vorderen Bereich des Parkdecks wurden die Motoren angelassen. »Verflixt«, rief ich und drückte Ingrid noch einmal herzlich an mich. »Jetzt muss ich aber los und mein Auto suchen, bevor ich mein neues Leben mit einer saftigen Geldstrafe beginnen muss.«
   Als ich eine halbe Stunde später mit meinem roten Toyota die Fähre verließ, hatte ich beste Laune.

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