Wer kennt es nicht? Die wehmütigen Erinnerungen an eine verflossene Sommerliebe oder einen Exfreund, den man einfach nicht vergessen kann? Anna kennt das nur zu gut. Wie gern würde sie zu ihrem sechzehnjährigen Ich zurückkehren und ihr den Kopf waschen, dass sie ihre Sommerliebe Luis aufgeben hat. Oder zu ihrem neunzehnjährigen Ich, als sie sich von ihrem Freund Chris getrennt hat. Und für was? Dafür, dass sie jetzt mit Mike verheiratet ist, drei Kinder hat und die unnötigen Pfunde nach der dritten Schwangerschaft nicht mehr losbekommt. „Was wäre, wenn ... sie mit einem anderen Mann glücklicher geworden wäre? Genau dieser Frage geht Anna nach, als sie sich zusammen mit ihren Freundinnen auf die Suche nach ihren Exfreunden macht. Begleiten Sie Anna bei einer spannenden Reise zu sich selbst, zu der Illusion der Erinnerung und der Erkenntnis, dass man manchmal das Glück in der Gegenwart findet.

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ISBN: 978-9925-33-079-9

Seiten: 197

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Teresa Nagengast

Teresa Nagengast (25) lebt mit ihrem Lebensgefährten im ländlichen Bereich in Mittelfranken. Nach ihrem Journalismus-Studium arbeitete sie erst in einem Bildungsverlag und mittlerweile als Online-Redakteurin für eine Tageszeitung. Seit zwei Jahren veröffentlicht sie zudem mit Begeisterung ihre eigenen Romane. Die Sparte reicht hierbei von Frauenromanen über Dramen bis hin zu fantasievollen Jugendbüchern.

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... oder sofort „hineinschnuppern“

Prolog

»Mama, Mama … Stephan ist gemein zu mir!« Janina zupft an meiner Jeans, die Mundwinkel weinerlich nach unten gezogen.
   »Stephan!«, rufe ich laut und höre die polternden Schritte meines Sohnes.
   »Du alte Petze!«, sagt er wütend zu seiner Schwester, die ihm die Zunge rausstreckt und sich hinter meinem Hosenbein versteckt.
   »Was ist denn hier schon wieder los?«, frage ich genervt.
   »Stephan hat meiner Puppe die Haare abgeschnitten!«, platzt Janina heraus und zeigt mir ein Büschel blonder Puppenlocken in ihrer Hand.
   Mein Sohn blitzt sie nur böse an.
   »Und wieso hat Stephan das gemacht?«, frage ich nach. Schließlich bin ich lange genug Mutter, um zu wissen, dass hinter einem Streit meistens zwei stecken.
   »Ich habe ihm nur erzählt, dass Kim gesagt hat, seine Frisur sehe blöd aus.«
   »Das stimmt doch gar nicht. Du hast gesagt, ich sehe aus wie ein Mädchen!« Stephan schüttelt energisch seinen braunen Lockenkopf, der tatsächlich dringend mal wieder geschnitten werden muss.
   »Das habe ich gar nicht. Außerdem …«, beginnt Janina dagegen zu wettern.
   »So, Kinder. Ich habe jetzt genug von dem Zirkus. Entweder, ihr vertragt euch, oder ich fahre euch morgen nicht auf den Geburtstag! Und jetzt macht eure Hausaufgaben!«, fahre ich dazwischen.
   Schmollend verziehen sie sich wieder ins Esszimmer. Die Drohung hilft in den meisten Fällen.
   Seufzend blicke ich auf den Berg Wäsche, der noch immer zerknittert vor mir liegt und greife nach dem Bügeleisen, das ich bei Janinas Auftauchen zur Seite gestellt habe. Kaum sind drei Kleidungsstücke geschafft, als ich erneut Geschrei höre. Stöhnend stelle ich das Bügeleisen wieder zur Seite und warte, dass einer der Zwillinge hereinplatzt und mir erzählt, um was es jetzt wieder geht. Manchmal habe ich wirklich das Gefühl, im Irrenhaus gelandet zu sein.

Kapitel 1

Bei Mikes Heimkehr von der Arbeit haben die Zwillinge ihre Hausaufgaben beendet und spielen im Garten Verstecken. Durch das geöffnete Küchenfenster ertönt immer wieder ihr Kichern. Ich genieße den aktuellen Frieden, öffne den Deckel des Kochtopfes und steche mit einer Gabel in die Kartoffeln, um zu überprüfen, ob sie gar sind. Lange dürfte es nicht mehr dauern. Die Hähnchenschenkel, die ich vorbereitet habe, sind goldbraun und duften so köstlich, dass ich schon jetzt weiß, dass ich mich wieder nicht zusammenreißen kann und viel zu viel davon essen werde. Wehmütig blicke ich auf die kleine Speckfalte an meiner Hüfte, die ich seit der Geburt der Zwillinge einfach nicht mehr wegbekomme – weder mit Pilates, Yoga oder Joggen.
   »Hallo Anna, was gibt’s zu essen?«, höre ich Mike im Gang rufen. Seine tägliche Standardfrage.
   Ich verdrehe kurz die Augen, bevor ich ihm das Gericht zurückrufe. Ein zustimmendes Grummeln sagt mir, dass er mit dem Abendessen zufrieden ist. Wenn ich mir einmal herausnehme, eine Gemüsepfanne oder Spinat zu kochen, klingt sein Grunzen wie das eines sterbenden Schweins, als würde ich ihm Hundefutter oder so etwas vorsetzen.
   Ich gehe zurück zu meinem Topf Kartoffeln und steche noch einmal hinein. Jetzt sind sie perfekt! »Essen ist fertig!«, brülle ich, so laut ich kann, durch das gekippte Fenster und stelle den Topf und das Blech voller Hähnchenschenkel auf den Esstisch.
   Es dauert nicht lange, bis die Zwillinge hereingerannt kommen – natürlich ohne ihre Schuhe im Vorraum auszuziehen. »Janina, Stephan! Schuhe aus!«, sage ich warnend und rufe ihnen noch hinterher, dass sie sich die Hände waschen sollen. Kurz bin ich drauf und dran, auch Mike ins Bad zu schicken, doch ich schlucke den Satz hinunter. Ich weiß, er würde nur wieder den ganzen Abend schweigen. Nicht, dass es einen großen Unterschied macht, aber ich habe trotzdem keine Lust auf die eisige Wolke, die dann stundenlang über uns schwebt.
   »Wo ist Manuela?«, fragt er, als ihm der leere Platz neben ihm auffällt.
   »Im Schullandheim. Sie hat sich doch heute Morgen von dir verabschiedet«.
   Mike nickt. Es scheint ihm wieder einzufallen, dass seine älteste Tochter für eine Woche ausgeflogen ist.
   Schweigend essen wir, während die Kinder unentwegt plappern. Sie erzählen von ihrem Schultag, von dem neuen Klassenkameraden, der angeblich aus Syrien kommt und mit dem Boot über das Meer geflüchtet ist, und von dem Projekttag, der nächste Woche ansteht und für den sie noch einen Vulkan basteln müssen. Ich höre mit halbem Ohr zu, das haben sie mir alles schon heute beim Mittagessen erzählt, und schweife mit den Gedanken zu den Zeiten, in denen ich nur damit beschäftigt war, den Arbeitstag im Zeitungsverlag zu verbringen, mit interessanten Menschen zu telefonieren und Berichte über die aktuellen Themen der Welt zu schreiben. Das ist über dreizehn Jahre her, und obwohl ich mittlerweile wieder für ein paar Stunden wöchentlich bei der Wochenzeitung mithelfe, fehlen mir die stärkere Herausforderung bei einer überregionalen Zeitung, die Freiheit, nur für mich selbst verantwortlich zu sein und mein ehemals straffer Körper doch sehr.
   Natürlich darf ich so etwas nicht laut aussprechen, und selbstverständlich liebe ich meine Kinder über alles auf der Welt und würde sie auch nie wieder hergeben wollen. Doch manchmal frage ich mich trotzdem, was in den letzten Jahren alles schiefgelaufen ist. Eines weiß ich: So hatte ich mir mein Leben früher nicht vorgestellt.
   »Mama, Mama, dürfen wir aufstehen und den Fernseher anmachen?«, holt mich Janina aus den Gedanken und zupft ungeduldig an dem Ärmel meiner Bluse.
   »Ja, geht ruhig … aber erst werden die Teller abgeräumt.«
   Murrend beginnen die Zwillinge das Geschirr neben die Spüle zu stellen, bevor sie ins Wohnzimmer rennen, um einen ihrer Lieblingscartoons anzuschauen – irgendwas mit Chipmunks oder so.
   »Wie war die Arbeit?«, frage ich Mike, um eine Konversation ins Rollen zu bekommen und mich davon abzulenken, dass noch immer ein ganzer Haufen köstlich duftender Hähnchenschenkel vor mir steht.
   »Ganz gut.«
   »Hat sich das mit der falschen Bestellung wieder geklärt?«, frage ich nach.
   »Karl hat es jetzt einfach noch einmal neu bestellt. Bis morgen müsste es da sein.«
   Karl arbeitet mit Mike zusammen bei dem Elektrounternehmen, in dem Mike seit bald zehn Jahren als eine Art Hausmeister eingestellt ist.
   »Apropos, ich habe heute mitbekommen, dass sich Caren anscheinend von ihm trennen möchte. Hat Karl etwas erwähnt?«
   »Nein.« Mike holt sich noch einen Hähnchenschenkel vom Blech.
   Ich verfalle wieder in Schweigen. Mir fällt nichts mehr ein, was ich noch sagen könnte. Um etwas zu tun, beginne ich, die Krümel auf dem Tisch mit dem Finger zu zerdrücken. Dann fällt mir doch noch etwas ein. »Denkst du daran, dass ich mit den Kindern morgen Abend auf Kimmis Geburtstag bin? Es ist noch Rinderroulade vom Sonntag in der Gefriertruhe.«
   »Hm … okay.«
   »Du kannst dir einfach Pommes dazu machen.«
   Erneut bekomme ich nur unverständliches Gemurmel als Antwort. Ich gebe es auf und räume den Topf zusammen mit dem Geschirr in die Spülmaschine, die Mike vergangenes Jahr endlich gekauft hat, nachdem ich ihn jahrelang bekniet hatte, dass ich eine brauchen würde. Mike verabschiedet sich ins Arbeitszimmer, vermutlich, um in Ruhe seine Zeitung zu lesen oder am Computer irgendwelche unsinnigen Computerspiele zu zocken. Vielleicht auch, um ein schmutziges Filmchen zu schauen – was weiß ich schon. Sein Arbeitszimmer ist für mich Sperrzone, und um ehrlich zu sein, interessiert es mich auch schon lange nicht mehr. Immerhin verdrängt er die Kinder nicht vom Fernseher.
   Ich beginne, die Küche wieder auf Vordermann zu bringen und gehe dann ins Wohnzimmer, aus dem die quietschigen Stimmen der Zeichentrickfiguren erklingen. Ich schiebe Stephans Füße zur Seite – die beiden haben sich natürlich über das ganze Sofa ausgebreitet – und mache es mir am Rand mit meinem aktuellen Frauenroman bequem.
   Irgendein Schmöker von Nora Roberts, der mir wieder einmal unrealistische Vorstellungen der Liebe eintrichtern und mich dazu bringen wird, meine Ehe mit Mike zu hinterfragen. Jedes Mal endet es darin, dass ich überlege, wie ich alldem entkommen kann. Ich lese die Bücher trotzdem immer wieder und stelle mir vor, selbst in einem kleinen Cottage in Irland zu leben und jeden Tag auf die rauen Wellen blicken zu können – mit dem Wissen, dass ich vermutlich für immer in dem kleinen Reihenhaus wohnen, dreckige Wäsche zusammenlegen und zusehen werde, wie meine Kinder allmählich erwachsen werden, heiraten und die Welt erkunden.
   Bereits jetzt graust es mir vor dem Tag, an dem ich mit Mike allein in dem bis dahin wohl renovierungsbedürftigen Haus wohnen werde. Ich blicke auf meine Kinder, die gespannt in den Fernseher schauen, Stephan mit den Knien bis zum Kinn gezogen, Janina gedankenversunken am Finger knabbernd.
   Als der Abspann der Serie läuft, klappe ich das Buch zu und schnappe mir die Fernbedienung, um den Kasten auszustellen. »Schlafenszeit!«
   Widerwilliges Gemurre. Doch sie gehorchen. Ich gebe ihnen zehn Minuten, um Zähne zu putzen und in ihre Pyjamas zu schlüpfen. Dann gehe ich die Treppe hinauf zu ihrem Zimmer. Nächstes Jahr werden wir den Dachboden ausbauen, habe ich ihnen versprochen, sodass jeder ein eigenes Zimmer bekommt, doch bis dahin müssen sie mit dem Etagenbett vorliebnehmen.
   »Liest du uns noch etwas vor?«, bettelt Janina und blickt mich mit ihren großen braunen Augen, die sie von ihrem Vater geerbt hat, bittend an.
   »Na gut, aber nur ein Kapitel«, lenke ich ein und greife nach dem abgenutzten Harry-Potter-Roman. Ich hatte alle sieben Bände vor einigen Wochen auf einem Flohmarkt gekauft und den Zwillingen versprochen, dass ich ihnen die ersten beiden Bänder vorlese. Die übrigen würden sie erst zu Gesicht bekommen, wenn sie etwas älter als acht Jahre alt sind.
   Während ich lese, sind die Zwillinge mucksmäuschenstill und lauschen der Geschichte über den Zauberlehrling. Es ist so friedlich, dass ich sogar zwei Seiten weiterlese als ausgemacht, bevor ich das Buch zur Seite lege, beiden einen Gutenachtkuss gebe und das Licht ausschalte. Morgen werden sie wieder herumtoben, mich auf Trab halten und zur Weißglut bringen, doch am Abend, kurz vor dem Einschlafen, erinnern sie mich wieder an die kleinen Wesen, die ich nach der Geburt mit Tränen in den Augen im Arm hielt.

Kapitel 2

»Mama, komm endlich!«, rufen die Zwillinge fast synchron.
   »Eine Minute!«, brülle ich zurück und ziehe eine Strähne aus meinem Pferdeschwanz vorsichtig heraus. Ich möchte ja nicht aussehen wie eine dieser strengen Lehrerinnen mit ihren braunen Dutts und der großen Hornbrille. Nicht, dass ich eine Brille oder einen Dutt je tragen würde.
   Einigermaßen zufrieden betrachte ich ein letztes Mal mein Gesicht, das ich dezent geschminkt habe. Die blaugrünen Augen, die längst nicht mehr faltenfrei sind, die gerade Nase mit den leichten Sommersprossen, die ich früher gehasst habe, und die schmalen Lippen, die an einem kleinen Grübchen in meiner linken Backe enden.
   »Mama!«, brüllen die Kinder erneut, und ich wende mich endgültig ab, bevor sie noch ohne mich auf die Straße rennen.
   Die Autofahrt zu Kimmis Haus dauert nur fünf Minuten, doch schon nach dieser kurzen Zeit habe ich Kopfschmerzen von dem aufgedrehten Geplapper der beiden, die sich schon seit zwei Wochen auf den Geburtstag freuen. Kimmi ist Janinas beste Freundin, ein aufgewecktes Kind mit dunklen kurzen Locken und den hellsten Augen, die ich bei einem Menschen je gesehen habe. Ihre Mutter Jasmin ist seit der Schulzeit eine meiner besten Freundinnen, und obwohl wir so nahe beieinander wohnen, ist es auch schon wieder drei Wochen her, dass ich sie das letzte Mal gesehen habe. Irgendwie war in den vergangenen Tagen einfach zu viel los.
   Kaum habe ich das Auto vor der Garage geparkt, springen die Zwillinge auch schon raus und rennen zur Haustür, die mit zahlreichen Luftballons verziert ist. Ich greife nach dem Geschenk, das sie natürlich liegen gelassen haben, und folge ihnen. Kimmi öffnet die Tür, und schon sind die Kinder verschwunden und man hört nur noch ihr leiser werdendes Lachen, als sie Richtung Garten laufen.
   »Waren wir damals auch so?«, fragt Jasmin kopfschüttelnd und umarmt mich.
   »Ich hoffe nicht. Meine arme Mutter.«
   Jasmin lacht. Sie überragt mich um einen halben Kopf. Schon als Kind war sie immer größer als ihre Mitschülerinnen, und jetzt hat sie mit ihren 1,79 Meter eine stolze Größe für eine Frau.
   »Du kannst das Geschenk einfach hier ablegen.«
   Auf dem Esstisch liegt schon ein Stapel Päckchen, und ich lege das eingepackte »Topmodel-Sticker-Album«, das Janinas Aussage nach gerade total angesagt ist, dazu.
   »Ich brauch noch zwei Minuten, um den Geburtstagskuchen fertigzumachen, dann bin ich fertig. Geh aber gern schon raus«, sagt Jasmin beiläufig, während sie die zweistöckige Geburtstagstorte mit roter Speisefarbe bepinselt – Kimmis Lieblingsfarbe.
   Ich trete durch die offene Verandatür und blicke über den liebevoll angelegten Garten. Jasmins Gatte Markus ist Arzt, und demnach fehlt es ihnen nicht an Geld, was sich sowohl am Haus, dem Garten als auch in Jasmins Kleiderschrank widerspiegelt. Sogar eine kleine Hüpfburg steht angesichts Kimmis Geburtstag auf dem Rasen, in der die Kinder jauchzend herumspringen. Kein Wunder also, dass sich die Zwillinge so auf die Geburtstagsparty gefreut haben.
   Ich sehe Elisa und Lena auf zwei Liegestühlen sitzen, in Elisas Hand ein Getränk, das einem Mojito ziemlich ähnlich sieht. Elisa winkt mir zu, als sie mich entdeckt, und ich gehe auf sie zu. Auch sie sind Freundinnen aus Schulzeiten. Wir waren damals ein richtiges Vierergespann und haben täglich zusammengehangen, über Jungs gequatscht, uns die Haare gerichtet und unsere Tops ausgestopft. Natürlich haben wir uns, wie es sich für Teenager gehört, auch oft gestritten, aber das ist alles Schnee von gestern. Elisa hat nach dem Schulabschluss zusammen mit mir Journalismus studiert und Lena eine Ausbildung zur Krankenschwester gemacht. Ihr Mann David ist ebenfalls Krankenpfleger. Sie haben sich in ihrer Ausbildung kennengelernt, und Lena ist gerade mit ihrem dritten Kind schwanger. Elisa hat als Einzige von uns vieren keine Kinder – und manchmal beneide ich sie darum.
   »Hallo Anna«, begrüßen sie mich, und Elisa rutscht ein Stück zur Seite, um mir auf der Liege Platz zu machen.
   Sie trägt eine kurze Jeans mit zerfranzten Zotteln am Ende und ein so knappes Shirt, dass das Ende ihres flachen Bauches offenbart wird. Kurz blicke ich neidisch auf ihre tadellose Figur, bevor ich mich innerlich seufzend abwende.
   »Wie geht es dir?«, fragt Lena mich und lächelt mich an. Lena ist in etwa das komplette Gegenteil von Elisa. Sie ist die Kleinste von uns, hat ziemlich blasse Haut und runde Wangen. Ihre Haare trägt sie meist zusammengebunden, und ihre Kleidung besteht in neun von zehn Fällen ganz schlicht aus einem weißen T-Shirt und einer langen Jeans. Sie ist keine wirkliche Schönheit, doch sie strahlt so viel Ruhe und Zufriedenheit aus, dass sie das auch gar nicht nötig hat.
   »Ach, alles wie immer«, antworte ich und versuche, nicht allzu resigniert zu klingen. »Und selbst?«
   »Sehr gut, die Morgenübelkeit ist endlich verschwunden. Ich weiß gar nicht, was das dieses Mal war. Bei Mia und Julius hatte ich das nie.«
   »Wir werden einfach älter«, wirft Elisa seufzend ein, nuckelt an ihrem Strohhalm und blickt versonnen in den Himmel.
   Wie macht sie es nur, dass sie dabei immer gleich schrecklich sexy und anziehend aussieht? Wenn ich versuche, so zu schauen, wirkt das nur gekünstelt und schrecklich albern.
   »Da sagst du was«, antworten Lena und ich im Chor.
   Julius kommt angelaufen. Er ist ein Jahr älter als Kimmi und die Zwillinge und trotzdem noch einige Zentimeter kleiner. »Mama, darf ich auch ein Wassereis essen?«
   Die Kinder haben sich vor der Hüpfburg versammelt, und Kimmi verteilt lachend Cola- und Organgen-Lutschfinger.
   »Ja, aber am besten eines mit Cola. Du weißt, dass du Früchte nicht so gut verträgst.« Julius leidet an einer Fructose-Intoleranz. Er nickt und springt fröhlich zurück zu seinen Freunden, die roten Haare stehen wie Flammen von seinem Kopf ab.
   »Wie machst du das nur, dass Julius so brav und höflich ist?«, frage ich kopfschüttelnd. »Janina und Stephan sind teilweise unmöglich. Sie kämen nie auf den Gedanken, mich auf einer Geburtstagsparty zu fragen, ob sie ein Eis essen dürfen.«
   »Ach quatsch, deine Kinder sind doch wundervoll. Sie sind halt etwas aufgeweckter als Julius. Glaube mir, manchmal wünsche ich, Julius wäre ein bisschen mehr wie Stephan. Er ist teilweise richtig ängstlich. Ich hoffe, das legt sich irgendwann.«
   »Ich hole mir noch etwas zu trinken, sonst halte ich euer ganzes Kindergerede nicht aus. Möchtest du auch etwas, Anna?« Elisa verdreht gespielt die Augen. Sie ist Janinas Patin und liebt die Kinder abgöttisch, trotzdem tut sie manchmal so, als würden wir sie mit dem Gerede über unseren Nachwuchs zu Tode langweilen. Vielleicht tun wir das auch ab und an. Schließlich dreht sich bei uns wirklich viel um unsere Brut.
   »Ja, bring mir auch so einen mit, aber einen schwachen bitte«, sage ich und zeige auf den leeren Cocktail. Ich muss später schließlich noch heimfahren.
   »Ist Elisa noch mit diesem einen Unternehmer zusammen? Wie hieß er gleich noch mal. Lorenzo?«, frage ich Lena mit gesenkter Stimme, als Elisa außer Hörweite ist.
   »Das ist doch Schnee von gestern. Jetzt bandelt sie angeblich mit einem Eishockeyspieler an. Ich glaube, er spielt in Nürnberg, aber ganz sicher bin ich nicht.«
   »Wo lernt sie nur all diese Typen kennen?«, murmele ich ehrlich überrascht. Wenn ich mich einmal mit anderen Männern unterhalte, was schon selten vorkommt, sind das meistens irgendwelche stinklangweiligen Bankanstellte oder Immobilienmakler.
   »Wie läuft es denn mit Mike?«, wechselt Lena das Thema.
   Ich seufze leise. »Na ja, eigentlich wie immer. Aber irgendwie nervt er mich zurzeit ziemlich. Ich weiß auch nicht. Es ist nicht so, dass er groß etwas anderes macht, aber mich ärgern so viele Kleinigkeiten. Dass er nicht von selbst mal auf die Idee kommt, sich um die Wäsche zu kümmern. Oder dass er beim Heimkommen zuerst fragt, was es zu essen gibt, anstatt zu fragen, wie mein Tag war.«
   »Aber das ist doch ganz normal. Ihr seid ja schon so lange verheiratet. Dass es da zum Alltag kommt und nicht mehr alles so spannend und toll ist, das passiert doch jedem.«
   Ich wusste schon im Voraus, dass Lena so etwas sagen würde. So war sie eben. Doch ich weiß auch, dass ihre Ehe trotz allem noch voller Liebe und Hingabe ist. Ihr Ehemann David ist einfach ein Schatz und vermutlich neben Lena selbst der liebste Mensch auf Erden. Und genau das ist es, was mir in meiner eigenen Beziehung fehlt. Lena kann das einfach nicht verstehen. Wobei sie zudem noch voller Freude die Hausarbeit übernimmt. Sie liebt es, Hausfrau und Mutter zu sein – ich mag eigentlich nur Letzteres.
   Bevor ich etwas erwidern kann, erscheinen Elisa und Jasmin. Jasmin trägt vorsichtig die Torte zum Gartentisch, die mit acht Kerzen bestückt ist. Alle fangen an Happy Birthday zu singen, und schnell gehen Lena und ich zu der Meute, die sich um den Kuchen versammelt hat. Kimmi strahlt und versucht, die Kerzen mit einem Versuch auszupusten, was ihr nicht ganz gelingt. Dann verteilt Jasmin Kuchenstücke. Ich beobachte, wie Stephan Janina grob zur Seite schiebt, um vor ihr eines zu ergattern. Typisch. Glücklicherweise machen meine Kinder bei anderen Leuten selten einen Aufstand, was mich einerseits sehr beruhigt, mir aber auf der anderen Seite niemand abnimmt, wie sehr sie sich zu Hause teilweise streiten.
   Jasmin reicht uns auch einen Teller. Eigentlich wollte ich keinen Kuchen essen, das passt nicht zu meinem aktuellen Keine-Süßigkeiten-Plan, aber ablehnen kann ich ihn dann doch nicht. Und die Torte schmeckt wirklich köstlich.
   Wir setzen uns wieder auf die Liegen und schauen eine Weile zu, wie die Kinder erneut in der Hüpfburg verschwinden. Später hat Jasmin noch eine Schnitzeljagd geplant, die in einer Pizzeria enden wird. Ich traue mich nicht zu fragen, wie viel sie letztendlich für den Geburtstag ausgibt. Vermutlich mehr als ich für die Geburtstage meiner drei Kinder zusammen.
   »Wann kommt Markus heute heim?«, frage ich beiläufig.
   »Er konnte es noch nicht genau sagen, hofft aber, bis fünf Uhr rauszukommen.«
   Tja, das ist der Nachteil daran, einen Arzt zu heiraten, denke ich mir. Immerhin gibt es einen Nachteil.
   »Geht ihr auf das Klassentreffen nächste Woche?«, wirft Elisa ein. Sie hat ihren Cocktail bereits wieder ausgetrunken, während ich noch nicht einmal einen Schluck genommen habe. Vermutlich wird ihr Auto über Nacht hier stehen bleiben.
   Das Klassentreffen hatte ich ganz vergessen. »Ich weiß noch nicht, ob ich einen Babysitter finde«, sage ich ausweichend.
   »Ich denke, ich gehe hin. David hat frei und kann auf die Kinder aufpassen. Zumindest, wenn die Übelkeit nicht doch wieder zurückkommt«, sagt Lena und streicht über die kleine Kugel, die bereits unter ihrem weiten Shirt zu sehen ist.
   »Ich muss erst einmal schauen. Markus ist übers Wochenende auf irgendeiner Ärztekonferenz. Vielleicht bringe ich Kimmi zu meiner Mutter, dann komme ich mit.«
   Eigentlich gar keine schlechte Überlegung von Jasmin, vielleicht sollte ich die Kinder auch mal wieder für ein Wochenende zu den Großeltern bringen – und Mike am besten gleich mit.
   »Ach, kommt schon, wir müssen dorthin. Erinnert ihr euch etwa nicht mehr?«, fragt Elisa drängelnd.
   Lena, Jasmin und ich blicken uns fragend an. »Woran denn?«, antworten wir im Chor.
   Elisa stellt ihr Cocktailglas ab. »Ihr wisst es wirklich nicht mehr?«
   Sie blickt uns so schockiert an, dass ich augenblicklich ein schlechtes Gewissen bekomme.
   »An unserem Abschlussball haben wir uns vorgenommen, dass wir in zwanzig Jahren zurückkehren und schauen, ob unsere Ziele wahr geworden sind. Erinnert ihr euch nicht mehr daran, dass jede von uns dafür extra einen Zettel vollgeschrieben hat, in der Art: So sehe ich mich in zwanzig Jahren! Und wir diese nach der Zeremonie versteckt haben?«
   Allmählich dämmert es mir wieder. So etwas Ähnliches hatten wir damals in einem Teenie-Film gesehen und beschlossen, es ebenso zu machen. Wir hatten uns auch geschworen, für immer die besten Freundinnen zu bleiben. Zumindest das haben wir bislang geschafft.
   »Stimmt, ich erinnere mich. Aber ich weiß nicht, ob ich mir den Zettel wirklich anschauen möchte«, sagt Jasmin kichernd. »Wisst ihr noch, mit wem ich damals auf dem Abschlussball war?«
   Wir wussten es nur zu gut. Thorsten, der absolute Traumtyp der Schule, hatte Jasmin damals gefragt, und wir anderen sind vor Neid grün geworden. Jetzt ist Thorsten ein glatzköpfiger Mann mit Bierbauch, dessen einziger Erfolg es bislang ist, in der Spielbank, in der er die Nächte und oft auch Tage verbringt, einmal tausend Euro gewonnen zu haben. Das hat er natürlich sofort in den sozialen Netzwerken gepostet. Manuela hat mir den Eintrag gezeigt, es hat mich vor Widerwillen geschüttelt, als sie mir erzählte, dass er ihr eine Freundschaftsanfrage bei Facebook gestellt hat. Natürlich habe ich ihr verboten, diese anzunehmen.
   Bei dem Gedanken, was für verliebte Worte sie über Thorsten auf den Zettel geschrieben haben könnte, müssen wir lachen.
   »Na gut, ich versuche, zu kommen«, sagt Jasmin noch immer glucksend und steht auf, um die Kinder zur Schnitzeljagd zusammenzurufen.

Kapitel 3

Meine Mutter hat keine Zeit. Sie sind über das Wochenende auf einer Art Minikreuzfahrt, und sie ist schon schrecklich aufgeregt. Ich versuche, mich für sie zu freuen, doch wer passt jetzt auf die Kinder auf? Mike hat am Samstagabend Schafkopfrunde in der Kneipe, und das wird er nicht verpassen wollen. Schließlich geht er seit fünf Jahren jeden zweiten Samstag im Monat dorthin. Ich überlege, ob es an der Zeit ist, Manuela zum ersten Mal die Verantwortung Babysitten zu übertragen. Immerhin ist sie mittlerweile dreizehn Jahre alt. Ich wimmle meine Mutter am Telefon ab, die noch immer von der Kreuzfahrt plappert und gehe zu dem Zimmer meiner Großen. An der Tür hängt ein riesiges Ryan-Gosling-Poster, ihr aktueller Lieblingsschauspieler. Kurz halte ich inne und überlege, ob das wirklich eine gute Idee ist, doch dann zucke ich die Schultern. In dem Alter habe ich schließlich auch schon auf meine jüngere Schwester aufgepasst.
   »Manuela?« Ich klopfe an die Tür, bevor ich eintrete.
   Das Zimmer ist ein einziges Chaos. Auf der einen Hälfte des Bodens liegen Klamotten herum, auf der anderen Hälfte Schuhe, und das, obwohl sie erst vorgestern von der Klassenfahrt zurückgekommen ist. Meine Tochter steht mit einem dunkelblauen Kleid in der Hand, dem Boden nach zu urteilen wohl das letzte Kleidungsstück ihres Schrankes, vor dem Spiegel und hält es sich an die schlanke Figur.
   »Was gibt es?«, fragt sie, ohne sich umzudrehen. Sie schafft es, so gelangweilt zu klingen, dass ich mich automatisch fragen muss, was aus meinem süßen Mädchen geworden ist, das sich jahrelang an mein Bein klammerte und kaum von meiner Seite weichen wollte. Seit etwa einem Jahr scheint es verschwunden zu sein, und obwohl ich weiß, dass das natürlich an der Pubertät liegt, fehlt sie mir doch sehr.
   Ich bahne mir einen Weg durch die Klamottenhaufen und schiebe mir ein Stück auf dem Bett frei, das ebenfalls belagert ist. »Ich wollte dich fragen, ob du Samstagabend auf die Zwillinge aufpassen könntest.«
   Manuela wirft das blaue Kleid in hohem Bogen auf den Boden und greift nach einem anderen Kleidungsstück. »Was würde für mich dabei rausspringen?«, fragt sie schließlich.
   Ich starre sie kurz an. »Nun ja, beispielsweise, dass du deiner Mutter eine Freude machen würdest.«
   Widerwilliges Gegrummel. Ganz der Vater, schießt es mir durch den Kopf.
   »Na gut, was hast du dir als Belohnung vorgestellt?«, lenke ich ein.
   Manuela überlegt kurz. »Wie wäre es mit dreißig Euro Entschädigung?« Sie dreht sich zum ersten Mal zu mir um, und wieder einmal muss ich feststellen, wie sehr sie mir ähnelt. Die gleichen blaugrünen Augen, die gleichen Sommersprossen auf der Nase und die gleichen hellbraunen Haare mit einem leichten Rotstich.
   »Zehn Euro«, halte ich dagegen.
   Manuela zieht die Lippen nach unten. Genau der Gesichtsausdruck, den auch ich tausende Male vor meinen Eltern aufgesetzt habe und der meistens nur bei meinem Vater funktioniert hat.
   »Na gut. Du bekommst zwanzig Euro, aber nur, wenn wirklich alles funktioniert.«
   »Einverstanden.« Zufrieden dreht sich meine Tochter wieder um, und ich bahne mir kopfschüttelnd einen Weg zurück zur Tür. »Und das Chaos hier ist bis heute Abend beseitigt«, sage ich noch streng, bevor ich die Tür schließe und zum Telefon laufe, um meine Freundinnen anzurufen.
   Auch die anderen haben es hinbekommen, für Samstagabend einen Babysitter zu finden. Wir beschließen, uns für den Abend gemeinsam ein Taxi zu bestellen, schließlich kommt es selten vor, dass wir alle vier, nun ja, zumindest diejenigen, die nicht schwanger sind, die Möglichkeit haben, wirklich Alkohol zu trinken – zumindest, wenn man den Wein auf der Couch am Abend abzieht. Und da David und Lena nur ein Auto haben, ist es besser, David das Auto zur Sicherheit zu überlassen.
   Samstagnachmittag schreibe ich alle wichtigen Telefonnummern – Notarzt, Polizei, Mikes und meine Handynummer, die Nummer von Mikes Mutter und auch noch die Nummer von unserer Nachbarin auf einen Zettel und drücke ihn Manuela in die Hand.
   Den Tag hatte ich mit den Zwillingen vorsichtshalber auf dem Abenteuerspielplatz verbracht, um sie möglichst auszupowern, damit sie am Abend zu müde sind, um sich zu streiten. »Also, du rufst mich oder Daddy an, wenn etwas ist. Im Herd ist Lasagne, du musst sie nur noch warm machen. Und spätestens um neun Uhr bringst du die Zwillinge ins Bett.«
   »Jaja«, antwortet Manuela, während sie mit angezogenen Beinen in ihrem Bett liegt und nebenbei mit einem Ohr Musik hört.
   »Hast du mich verstanden? Ich möchte nicht, dass du den ganzen Abend fern schaust. Und spätestens um halb elf Uhr gehst du auch ins Bett, okay?«
   »Jaja.«
   »Gut, ich rufe später noch einmal an.« Ich gehe zu meiner Tochter und drücke ihr einen Kuss auf die Wange, den sie ausnahmsweise nicht wegwischt. Dann hat sie auch schon wieder ihren zweiten Ohrstöpsel in der Hand, um ungestört ihre viel zu laute und meiner Meinung nach auch zu aggressive Musik zu hören.
   Ich laufe ins Schlafzimmer und öffne die Schiebetür unseres gemeinsamen Kleiderschrankes. Die linke Seite des Schrankes gehört mir, die rechte Mike, obwohl dort nur ein paar Hemden und Shirts hängen und ich ein um das andere Mal mit dem Gedanken gespielt habe, einfach ein paar Jacken von mir dorthin zu hängen. Seufzend beginne ich, nach einem passenden Outfit zu suchen. Hauptsächlich nur einfarbige Pullover und Shirts, Blue-Jeans und Jogginghosen befinden sich in meiner Garderobe. Die teuren und farbenfrohen Kostüme und Kleider, die ich früher auf der Arbeit getragen habe, hängen daneben. Ich habe es bisher einfach nicht übers Herz gebracht, sie zu entsorgen, auch wenn ich seit Jahren nicht mehr hineinpasse beziehungsweise darin aussehe wie eine aufquellende Mettwurst. Bei den meisten der Kostüme kriege ich nicht einmal mehr den obersten Knopf zu.
   Eine halbe Stunde später habe ich noch immer nichts Passendes gefunden, und es sieht allmählich fast genauso aus wie in Manuelas Zimmer. Frustriert beginne ich die Kleidungsstücke wieder aufzusammeln und in den Schrank zurückzustopfen. Mike kommt ins Zimmer, um sich für den Schafkopfabend umzuziehen. Er greift einmal in den Schrank und zieht ein T-Shirt und eine saubere Hose raus. Ein Mann müsste man sein, denke ich verdrossen.
   »Wann musst du heute los?«, fragt er mich beiläufig, während er aus seiner Kleidung steigt.
   »Gegen sechs Uhr.« Ich beobachte ihn, wie er die getragenen Klamotten in die Ecke pfeffert, wo unser Wäschesack liegt. Die Unterhose behält er noch an. Vermutlich hat er Angst, dass ich sonst über ihn herfalle, denke ich sarkastisch und wende mich wieder meinen Anziehsachen zu.
   Mike verschwindet im Badezimmer, das direkt an unser Schlafzimmer angrenzt. Das war einer der großen Vorzüge, als wir das Reihenhaus damals besichtigten, es besitzt zwei Badezimmer. Ich ziehe schließlich eine weiße hoch geschlossene Bluse und meine einzige schwarze Stoffhose heraus. Zufrieden bin ich mit der Wahl zwar nicht, aber etwas Besseres finde ich nicht – und schwarz kaschiert wenigstens mein Hinterteil, das innerhalb einer Woche gefühlt erneut etwas größer geworden ist.
   Kurz überlege ich, nur so zum Spaß, nach Mike in die Dusche zu treten, so wie wir das früher gern gemacht haben. Ich könnte ihn verführen, während das heiße Wasser auf unsere Köpfe prasselt … und dann. Ich denke gar nicht weiter, weil Mike mich vermutlich aus der Dusche schubsen oder ich freiwillig herausstolpern würde, wenn ich diese Idee umsetze. Seufzend ziehe ich mich um und warte, bis Mike das Badezimmer verlässt.
   »Ich mache mich dann auf den Weg. Francis holt mich ab. Wir wollen noch das Fußballspiel sehen«, nuschelt er und gibt mir einen flüchtigen Kuss auf den Mund.
   »Okay, verabschiede dich noch von den Kindern. Und lass dein Handy laut, falls sie anrufen.«
   »Ja, viel Spaß heute Abend.«
   »Danke.«
   Ich höre, wie er zu Manuelas Zimmer geht und kurz darauf seine polternden Schritte auf den Treppenstufen, bevor er die Haustür zuknallt. Dann ist es still. Die Zwillinge sind damit beschäftigt, in ihrem Zimmer einen Zoo mit Kuscheltieren zu bauen, und ausnahmsweise habe ich bereits seit einer halben Stunde keinen Mucks von ihnen gehört. Hoffentlich hält das noch etwas an.
   Das Badezimmer ist voll Wasserdampf. Ich reiße das Fenster auf. Wie oft habe ich Mike schon gesagt, er solle es beim oder zumindest nach dem Duschen öffnen. Natürlich hat er auch die Fliesen der Dusche nicht trocken gerieben. Ich stecke den Lockenstab ein und trockne, während ich darauf warte, dass ich durch den beschlagenen Spiegel mein Gesicht wieder erkennen kann, die Dusche ab. Schon jetzt freue ich mich auf den Cocktail heute Abend.
   Als der Dampf endlich abgezogen ist, beginne ich, meine Haare mit dem Lockenstab zu bearbeiten. Dann lege ich Make-up auf und bin mit dem Ergebnis eigentlich zufrieden. Ich will gerade noch einen passenden Lippenstift aussuchen, als ich Geschrei höre. Langsam zähle ich von fünf runter. Als ich bei zwei ankomme, kommt bereits Janina ins Badezimmer gerannt. »Mama, Stephan hat meinen Streichelzoo umgeschubst«, brüllt sie zeternd, die Augen mit Zorntränen gefüllt.
   »Ja, aber nur, weil Janina den Hirsch geklaut hat. Das war meiner!« Stephan kommt angerannt.
   Wo ist nur mein Cocktail, denke ich seufzend und beginne, die Streithähne zu beschwichtigen.

Kapitel 4

»Wow, du siehst toll aus.« Mir bleibt vor Staunen der Mund offen stehen.
   Jasmin lächelt mir zu und setzt sich neben mich ins Taxi. Sie trägt ein bodenlanges dunkelblaues Kleid – und prompt fühle ich mich neben ihr wie ein unsichtbares hässliches Entchen.
   »Du siehst aber auch gut aus. Neue Bluse?«
   »Nein.« Ich zupfe an meinem Oberteil rum und wünsche, ich hätte wenigstens hohe Schuhe angezogen anstatt meiner silbernen Riemchensandalen. Wir halten vor Elisas frei stehendem Haus mit der großen Terrasse und dem Pool – genau so, wie wir uns das zu Studienzeiten immer vorgestellt hatten – und Elisa kommt uns winkend entgegen, natürlich ebenfalls in einer bezaubernden Robe.
   »Ich sage euch, das war heute vielleicht ein Drama. Mein Chef rief vorhin an und meinte, es gäbe ein Problem, und ich müsse umgehend ins Geschäft kommen. Ich hatte schrecklich Sorge, dass ich das Klassentreffen streichen kann, aber glücklicherweise bot sich meine Kollegin an, sich darum zu kümmern«, plappert Elisa bereits beim Einsteigen los. »Ach, ihr seht ja beide wunderschön aus. Tolle Frisur, Anna.«
   »Danke. Tolles Kleid.«
   Zum Schluss holen wir Lena ab. Wenigstens sie leistet mir Beistand und trägt auch eine Hose.
   Das Klassentreffen findet im großen Saal des Schulgebäudes statt, dort, wo auch unser Abschlussball war. Wir geben dem Taxifahrer ordentlich Trinkgeld, es war sicher nicht angenehm, vier aufgedrehte Frauen in mittlerem Alter herumzukutschieren, dann steigen wir aus.
   Fast direkt neben dem Schulgebäude befindet sich ein Friedhof. Früher fanden wir das aus irgendeinem Grund witzig und hatten beschlossen, die Dose mit unseren Zukunftszetteln dort zu verstecken. Jetzt bereue ich unsere Entscheidung. Es kommt mir schrecklich unpassend vor, in unserem Aufzug dort hineinzumarschieren und nach dem Behälter, den wir vor Jahren versteckt haben, zu suchen, während vielleicht gleich nebenan eine Witwe ihren verstorbenen Mann beweint.
   »Also, kommt schon. Bringen wir es hinter uns.« Elisa geht vorweg, ihre Stöckelschuhe klackern so laut über den Steinboden, dass ich mich immer wieder verlegen umblicke.
   Das rostige Tor zum Friedhof öffnet sich nur knarzend.
   »Wo genau haben wir die Dose noch mal versteckt?«, frage ich mit gesenkter Stimme.
   Da eigentlich ziemlich alle, die mir nahestehen, noch leben, war ich bisher nicht allzu oft auf einem Friedhof.
   Elisa überlegt kurz, dann deutet sie Richtung Kapelle. Dort befindet sich ein alter Baum, dessen Äste sich perfekt zum Klettern eignen würden. Vage erinnere ich mich, die Dose am Fuße des Baumes in einem kleinen Loch versteckt zu haben.
   Zu viert setzen wir uns in Bewegung. Wir nicken einer alten Frau zu, die an einem der Gräber kniet und einen Strauß Blumen hinlegt. Dann erreichen wir die Kapelle. Möglichst unauffällig sehen wir uns den Boden rund um den Baum genauer an.
   »Kommt schon. Sucht!«, fordert Elisa, ohne selbst Anstalten zu machen, mit ihrem teuren Kleid auf die Knie zu gehen.
   »Gut, ich schaue nach.« Lena lässt sich vorsichtig in die Hocke nieder und fährt mit den Händen über das hohe Gras. Gespannt schauen wir ihr zu. »Ich hab sie!«, sagt sie schließlich und zieht eine alte Kaffeedose hervor.
   »Sehr schön. Sollen wir sie gleich öffnen oder lieber später?«
   Ich blicke auf meine Armbanduhr. Es ist kurz vor sechs Uhr. »Lieber später, sonst kommen wir zu spät!«
   Vorsichtig befreit Lena die Dose mithilfe eines Taschentuches vom gröbsten Dreck und lässt sie in ihre Tasche gleiten. »Dann auf, ich habe Hunger!«
   Fast erwarte ich, dass Elisa tatkräftig in die Hände klatscht, doch angesichts des Ortes, an dem wir uns befinden, lässt sie es doch lieber bleiben. Mit ihren lauten Absätzen geht sie voran zum Schulgebäude.
   Es ist seltsam, die Schule wieder zu betreten. Tausende Erinnerungen kommen mir mit einem Mal in den Sinn: In dieser Toilette habe ich mich eingesperrt, als ich meine erste Vier bekam, und zwei Jahre später, als mein erster richtiger Freund mit mir Schluss gemacht hat, gleich noch einmal. In dem Klassenzimmer hatten wir in der siebten Klasse Bio, und Lena ist in einer Unterrichtsstunde zusammengebrochen, nachdem ihr Banknachbar bei der Arbeit mit dem Mikroskop ihr ein aufgeschnittenes Gummiauge draufgelegt hat, um sie zu erschrecken. In der Nische dahinten hat Elisa immer vor Unterrichtsbeginn mit Thorsten rumgeknutscht.
   Wir erreichen den Saal, in dem normalerweise die Theater-AG für ihre Schulaufführung übt.
   »Hallo, na, das ist ja eine Überraschung!« Mareike kommt auf uns zu, früher ein etwas pummeliges Mädchen, mit der wir ab und an die Pausen verbracht haben, heute eine noch pummeligere Frau mit roten Pausbacken und etwas zu stark geschminkten Augen.
   Sie umarmt uns der Reihe nach und drückt mir mit ihrem üppigen Busen fast die Luft ab.
   Es dauert gute zehn Minuten, bis wir sie wieder loswerden. Dann schaffen wir es endlich in den Saal und suchen uns einen Platz. Beim Anblick des üppigen Buffets knurrt bereits mein Magen, doch erst heißt es, dem Einführungsbericht zu lauschen, den – wie sollte es auch anders sein – Katharina abhält. Katharina war schon zu Schulzeiten Klassensprecherin, Jahrgangsbeste und eine riesige Nervensäge, die mit ihrer besserwisserischen Art und ihrem Image als Lehrerliebling nicht zu unseren Freundinnen zählte. Allem Anschein nach hat sie sich kaum geändert.
   Ihre blonden Haare sind noch immer schulterlang geschnitten, sie trägt ein Blümchenkleid, das absolut nicht ihrem Alter entspricht, und selbst die leicht nörgelnde Stimme hat sie behalten. »Es freut mich, dass ihr alle heute erschienen seid. Den Ablauf des Abends findet ihr auf den Flyern vor euch, ebenso wie eine Speisekarte. Alkoholfreie Getränke befinden sich in der rechten Ecke des Saals, die Cocktailbar links von mir. Ich hoffe, ihr genießt alle den Abend und lasst es auch schmecken.« Die letzten Worte gehen bereits in einem lauten Stühlerücken unter, als alle wie die Geier zum Buffet eilen.
   Schnell bildet sich eine Schlange, in der wir uns einreihen und ungeduldig warten, bis wir an die Reihe kommen. Dann kehren wir mit bis zum Anschlag gefüllten Tellern zurück an unseren Platz. Mittlerweile haben sich auch die letzten leeren Stühle gefüllt, fast alle aus unserer Jahrgangsstufe scheinen tatsächlich gekommen zu sein. Ich stoße Jasmin an und kann mir ein Kichern nicht verkneifen. Am Nebentisch sitzt Thorsten, tief über seinen Teller gebeugt, die Glatze bereits jetzt mit zahlreichen Schweißperlen übersät.
   Jasmin stößt mir in die Seite und funkelt mich böse an.
   Ich halte mir die Serviette vor den Mund, um nicht vollends loszuprusten.
   »Wer ist denn das da drüben?«, flüstert Elisa mir zu, und ich folge ihrem Blick.
   Am anderen Ende sitzt ein dunkelhaariger Mann mit Dreitagebart. Selbst aus der Entfernung ist nicht zu übersehen, dass er ausgesprochen attraktiv ist. Schnell lasse ich die Serviette sinken. Mein Lachanfall ist vorüber.
   Im Kopf rattere ich alle Jungen unserer und der Parallelklassen runter, doch so ganz scheint keiner zu dem hübschen Mann zu passen.
   »Das ist Elias«, mischt sich Lena flüsternd ein, die unserem schmachtenden Blick gefolgt ist.
   Elisa und mir fällt die Kinnlade herunter. »Elias …?«, stammeln wir synchron.
   »Ja.«
   »Woher weißt du das?«, fragt Elisa neugierig nach.
   Ich beuge mich näher zu den beiden, damit ich auch nichts verpasse.
   »Und … weißt du, ob er eine Familie hat?«, fügt Elisa neugierig hinzu, den Blick weiterhin auf Elias gerichtet, der gerade von Mareike vollgequatscht wird, die das Glück hat, neben ihm zu sitzen.
   »Er kommt manchmal ins Krankenhaus. Er arbeitet als selbstständiger Medizintechniker. Soweit ich weiß, hat er sogar ein Unternehmen.« Lena amüsiert sich sichtlich an unseren überraschten Gesichtern.
   Elias war von der sechsten bis neunten Klasse bei uns, bevor seine Eltern in eine andere Stadt zogen. Damals war er ein pummeliger mit Pickeln übersäter Junge, dem wir keine Beachtung schenkten, außer, wenn wir heimlich über seine Kleidung kicherten oder uns einen Spaß daraus machten, seine Pickel zu zählen.
   Lena beugt sich noch etwas näher zu uns, um zu vermeiden, dass andere Ohren zuhören können. »Soweit ich weiß, ist er geschieden, aber ganz sicher bin ich mir nicht.«
   Ein zufriedenes Lächeln huscht über Elisas Gesicht. Vermutlich überlegt sie bereits, wie sie es schaffen wird, ihn ins Gespräch zu verwickeln.
   Schweigend essen wir weiter. Nachdem ich etwa die Hälfte geschafft habe, merke ich, dass ich meinen Teller mal wieder zu voll habe und längst nicht mehr hungrig bin. Ich sollte dringend lernen, mir kleinere Portionen aufzuladen. Schließlich tadle ich auch immer meine Kinder, wenn ihre Augen größer sind als ihr Appetit. Während ich den halb leeren Teller wegschiebe, verabschiedet sich Elisa zu den Toiletten, vermutlich, um ihr Make-up aufzufrischen, bevor sie Elias ansprechen wird.
   Tatsächlich steuert sie drei Minuten später mit einem selbstsicheren Lächeln und frischem Lippenstift auf Elias zu. Ich sehe, wie sie etwas zu ihm sagt, woraufhin er sich freundlich zu ihr umdreht, den Arm lässig über die Lehne baumelnd.
   »Wie macht sie das nur?«, fragt Jasmin links von mir. »Sie wirkt immer so unglaublich locker.«
   »Ich habe keine Ahnung!«, gebe ich zu.
   Elisa hatte schon früher das Talent, jedes männliche Wesen in ihren Bann zu ziehen. Das war als Freundin teilweise ziemlich deprimierend gewesen.
   Kurz drauf zeigt sie mit dem Finger auf uns, und Elias hebt grüßend die Hand. Ertappt winken wir zurück. Wie peinlich, beim Starren entlarvt zu werden. Ich spüre, wie ich rot werde.
   Fünf Minuten später kommt Elisa gelassen zurück.
   »Und? Was hat er gesagt? Ist er Single?«, fragen wir neugierig.
   Elisa lächelt nur geheimnisvoll.
   »Jetzt rück schon raus!«
   Ich bin kurz davor, sie in die Seite zu boxen, doch wir sind leider keine Schülerinnen mehr, und außerdem habe ich Angst, dass mein Knopf an der Bluse sonst zerspringt. Nach dem üppigen Essen spannt sie etwas.
   »Lasst uns lieber was zu trinken holen«, sagt Elisa nur und steht auf.
   »Das macht sie doch absichtlich!«, flüstert Jasmin mir wütend zu, als wir ihr zur Bar folgen.
   »Natürlich, es gefällt ihr, dass wir an ihrem Haken hängen. Wir sollten so tun, als würde uns das gar nicht interessieren«, wispere ich zurück.
   Wir bestellen uns drei Mojitos, Lena holt sich eine Cola Light, und bleiben an der Bar stehen. Außer uns stehen nur noch Katharina und eine ihrer Freundinnen dort und kichern albern. Wir blicken uns an und schütteln nur den Kopf. Wissen sie eigentlich, wie affig sie wirken?
   »Also gut, ich erzähle euch, was Elias gesagt hat.« Elisa winkt uns näher heran, damit Katharina nicht lauschen kann. Auch ihr Blick wandert ungewöhnlich oft an den Tisch rechts außen, so wie vermutlich die Blicke aller weiblichen Anwesenden. Er ist mit Abstand der hübscheste Mann im Raum.
   »Nachdem er mit seinen Eltern weggezogen ist, begann er, sich für Outdoor-Sportarten zu interessieren. Er meldete sich in einem Kletterverein an, verlor die überflüssigen Pfunde und kurz darauf auch die Pickel. Nach dem Schulabschluss studierte er Medizintechnik und arbeitete für einige Zeit bei einem großen Unternehmen. Vor fünf Jahren machte er sich selbstständig.«
   »Wow, das klingt ja toll!«, murmele ich ehrfürchtig. Vielleicht hätte ich damals auf seinem Liebesbrief in der sechsten Klasse doch lieber »Vielleicht« ankreuzen sollen.
   »Und was ist mit seinem Beziehungsstatus?«, hakt Jasmin nach.
   Natürlich interessiert sie sein Beruf eher weniger, schließlich ist sie bereits mit einem erfolgreichen Arzt verheiratet.
   Genüsslich trinkt Elisa von ihrem Cocktail. »Geschieden. Eine kleine Tochter, die bei seiner Exfrau wohnt.«
   »Na, dann bin ich ja mal gespannt, was der Abend für dich bereithält«, sagte ich etwas säuerlich und proste Elisa zu, die wie ein Honigkuchenpferd grinst.
   Jasmin und ich werfen Elias einen wehmütigen Blick zu und entsinnen uns, dass wir verheiratet sind, Kinder haben und solche Schwärmereien nichts weiter bleiben werden, als eben Schwärmereien.
   Zwei Cocktails später spüre ich, wie mir schwummerig wird. Ich bin mehr als ein Glas Wein am Abend einfach nicht gewohnt.
   »Ich setz mich mal kurz hin«, murmele ich.
   Jasmin nickt und wendet sich wieder Elisa zu, die ihr gerade von einem neuen Auftrag ihrer Arbeitsstelle berichtet. Lena steht etwas entfernt von uns und unterhält sich mit Mareike. Wieder einmal frage ich mich, woher sie nur diese Geduld nimmt. Seit zwanzig Minuten hört sie ihr ohne Murren zu und wirkt immer noch schrecklich freundlich.
   Etwas unelegant lasse ich mich auf meinen Sitz plumpsen. Ich unterdrücke ein Gähnen und blicke auf die Uhr: halb neun. Ich hole mein Handy hervor und wähle die Nummer unseres Haustelefons. Zeit, meine Tochter anzurufen und zu fragen, ob bisher alles gut gegangen ist.
   Erst beim dritten Klingeln geht sie ran. »Hallo Manuela, hier ist Mama. Ich wollte nur fragen, ob die Zwillinge brav waren.«
   Im Hintergrund höre ich den Fernseher laufen. »Ja, passt alles«, antwortet Manuela kurz angebunden. Mehr als ein paar Worte kann man von ihr seit einem halben Jahr freiwillig nicht mehr erwarten.
   »Okay, habt ihr euch die Lasagne aufgewärmt?«
   »Ja.«
   »Und du denkst daran, die Zwillinge jetzt ins Bett zu bringen?«
   »Ja.«
   »Gut, ich ruf dich in einer Stunde noch mal an.«
   »Okay.« Manuela legt auf, und ich stecke das Handy zurück in die Tasche. Wie kann man nur einerseits so unkommunikativ sein und gleichzeitig eine horrend hohe Telefonrechnung bekommen?
   »Hallo Anna«, höre ich eine melancholische Stimme an meinem Ohr. Elias steht neben mir.
   Aus der Nähe sieht er noch besser aus, und ich spüre, wie mir das Blut in die Wangen schießt. Ich hoffe, es sind nur die Auswirkungen des Alkohols.
   »Hi«, stottere ich.
   »Darf ich mich setzen?« Er deutet auf den freien Platz neben mir.
   Ich nicke. Mist, wo sind bei mir die passenden Worte versteckt, die Elisa immer so locker rauszaubert. Im Moment fällt mir kein einziges ein.
   »Du siehst gut aus, aber das hast du ja schon immer«, höre ich ihn sagen.
   »Danke, du auch«, bringe ich gerade so heraus und werde noch röter. Ich fühle mich wieder wie die schüchterne Schülerin, die ich damals war.
   Elias lächelt, wodurch sich an seinem Kinn ein kleines Grübchen bildet. Hab ich schon erwähnt, dass ich Grübchen liebe?
   »Wie geht es dir so? Was treibst du?«
   Kurz strömen tausend Möglichkeiten durch meinen Kopf. Ich könnte ihm sagen, dass ich eine erfolgreiche Journalistin bin, oder dass ich gerade dabei bin, mein erstes Kinderbuch zu schreiben. Das hatte ich mir tatsächlich einmal vorgenommen, doch nie die Zeit gefunden, auch nur ein Wort aufzuschreiben. Ich könnte ihm auch sagen, dass ich vorhabe, mich ins Ausland abzusetzen. Ich stelle mir vor, wie er vor Bewunderung die dichten schwarzen Augenbrauen hochzieht. Doch ich bin kein guter Schwindler. Also erzähle ich ihm die Wahrheit, dass ich drei Kinder habe, mich um den Haushalt kümmere und nur zweimal die Woche für irgendein Käseblatt über Tupperabende und irgendwelche Dorfveranstaltungen berichte. Selbst mir schläft während des Erzählens der Mund ein.
   »Das klingt toll«, sagt Elias, als ich fertig bin. Er klingt richtig überzeugend.
   »Es ist grauenvoll.«
   »Ach quatsch. Kinder zu haben ist das Schönste auf der Welt. Ich sehe meine Kleine nur am Wochenende. Sei froh, dass du deine Kinder rund um die Uhr bei dir hast.«
   Ich blicke ihn skeptisch an. Vielleicht will er mich nur veräppeln, aber er scheint es wirklich ernst zu meinen. »Sag das mal meinem Mann. Er ist schon überfordert, wenn ich ihn nur eine Stunde mit den Kindern allein lasse.«
   Er lacht. Sein Lachen klingt schrecklich sexy, und ich kichere albern. Jetzt klinge ich schon wie Katharina, denke ich entsetzt und höre schnell wieder auf. Der Alkohol spielt in meinem Kopf allen Anschein nach immer noch Bongo – oder sind es die Hormone?
   »Dein Mann kann sich wirklich glücklich schätzen, dich zu haben.« Elias berührt kurz meine Schulter, dann ist er weg – und ich bleibe mit offenem Mund sitzen, starre diesem tollen Mann hinterher und versuche, meinen rasenden Puls wieder unter Kontrolle zu bekommen.
   »Was war das denn?« Jasmin taucht neben mir auf.
   »Ich habe keine Ahnung«, sage ich etwas atemlos.
   »Oh Mann, wieso habe ich mich nicht hingesetzt«, jammert sie voller Selbstmitleid und lässt sich auf den Platz, wo eben noch Elisas saß, plumpsen.
   »Ach, Quatsch, bringt doch eh nichts«, seufze ich.
   Die nächsten Stunden vergehen, und wir trinken noch zwei weitere Cocktails. Am Ende bin ich so beschwipst, dass ich mich sogar überreden lasse, zu tanzen. Elias scheint nach dem Gespräch mit mir gegangen zu sein, zumindest können wir ihn im Saal trotz unserer wiederholten Ausspähungen nicht mehr entdecken. Schade eigentlich.
   Irgendwann nach Mitternacht schlägt Lena schließlich vor, ein Taxi zu bestellen und sich auf den Heimweg zu machen.
   »Wegen mir gern«, sage ich etwas lallend. »Wo ist Elisa?« Ich blicke mich nach unserer Freundin um, doch sie scheint ebenfalls verschwunden zu sein.
   »Hat sich vermutlich mit irgendeinem Junggesellen abgeseilt «, spricht Jasmin aus, was wir alle denken.
   »Okay, dann lasst uns von hier verschwinden.«
   Während Lena beim Taxiunternehmen anruft, holt Jasmin eine Zigarettenschachtel heraus. Schon zu Schulzeiten rauchte sie ab und an, wenn sie Alkohol trank, und das hat sie sich noch immer nicht abgewöhnt. Markus hasst Zigaretten, deshalb raucht sie immer nur dann, wenn sie mit uns unterwegs ist.
   »Was meinst du? Sollen wir nachschauen, womit wir damals unsere Zettel bekritzelt haben?«, fragt sie und bläst den Rauch der Zigarette in die kohlrabenschwarze Nacht.
   »Ohne Elisa? Das wäre ihr sicher nicht recht. Wir sollten lieber warten, bis wir vollständig sind.« Auch wenn ich neugierig auf unsere jugendlichen Wahnvorstellungen bin, es wäre ohne Elisa einfach nicht dasselbe.
   »Ich probiere es noch einmal auf dem Handy.« Keine Reaktion. »Na gut, dann eben morgen«, stimmt Jasmin seufzend zu. Sie wirkt fast so betrunken wie ich und hat einen großen Fleck auf ihrem tollen Kleid, vermutlich von den Cocktails.
   »Das Taxi kommt in zehn Minuten.« Lena stößt zu uns, und während wir warten, fühlen wir uns fast wieder wie damals, als Jasmins Mutter uns nach dem Abschlussball abgeholt hat. Auch da war Elisa mit irgendeinem aus unserer Jahrgangsstufe verschwunden.

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