Lilly ist 27 und lebt seit sechs Monaten in London. Während sie ihr Volontariat bei einem kleinen Verlag absolviert, lebt und arbeitet ihr Freund Niels weiterhin in Deutschland. Als sie kurz vor Weihnachten von dessen Seitensprung erfährt, entscheidet sie kurzerhand, eine etwas ungewöhnliche Winterweihnachtsreise anzutreten. Die führt sie von London über Berlin nach Nürnberg und Straßburg direkt in ihre Heimatstadt. Begleitet wird Lilly dabei von einer immer größer werdenden Reisegruppe. Zu Ihrem Leidwesen besteht diese jedoch nicht nur aus Menschen, die sie gernhat, sondern auch aus Jan – einem arroganten und wortkargen Anzugträger.

Emilia Lindholz

Emilia Lindholz wurde 1991 im Süden Deutschlands geboren. Nachdem sie aufgrund ihres Pädagogikstudiums und später aufgrund ihres Berufs fast zehn Jahre in den unterschiedlichsten Städten Deutschlands lebte, kehrte sie schließlich zurück in die Heimat. Hier lebt sie nun mit ihrem Mann in einer Wohnung am Bodensee. Von ihrem Schreibtisch, an dem sie jede freie Minute mit dem Schreiben verbringt, blickt sie direkt auf das graublau schimmernde Wasser und lässt sich davon inspirieren.

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Leseprobe

Winter Wonderland
Lilly - London, 17. Dezember 2018, 14.25 Uhr

»Wirklich …, mach dir keine Gedanken, Kleines. Es ist vollkommen in Ordnung, wenn du nicht extra herfliegst.«
   Ich zögere. Der eisige Wind löst eine Haarsträhne aus meinem Zopf und bläst sie mir ins Gesicht. »Bist du sicher, Mama?«, frage ich, während ich mit dem Handy am Ohr abwechselnd von einem Fuß auf den anderen tänzle, um mich warmzuhalten.
   »Natürlich. Ich kann gut verstehen, dass du nicht ständig zwischen Deutschland und London hin- und herwechseln kannst oder willst. Schau, deine Geschwister sind auch alle verhindert oder haben ihre eigenen Pläne. Also machen wir es dieses Jahr eben einfach einmal ganz anders.«
   »Was sagt denn Papa dazu?«
   »Oh …, für ihn ist das natürlich auch in Ordnung. Richtig, Fred?«, höre ich meine Mutter zu meinem Vater hinüberrufen. »Es ist Lilly. Sie macht sich Sorgen, uns hier allein zu lassen an Weihnachten. Sprichst du mit ihr?«, flüstert sie ihm dann zu.
   Einer der klassischen roten Doppeldeckerbusse braust an mir vorbei, und so höre ich nur ein tiefes Brummeln und irgendetwas, das klingt wie »Keine Zeit« und »Lichter aufhängen«.
   »Lilly, Papa kann gerade nicht, aber du musst dir wirklich keine Gedanken machen. Du kennst ihn ja. Er hat zwar gern das Haus voller Menschen, aber er wird sich damit arrangieren. Es ist doch nur verständlich, dass du, jetzt, wo du in London wohnst, auch dort mit deinen Freunden feiern möchtest.«
   »Und was ist mit Oma?«, bleibe ich hartnäckig und versuche mir etwas ungelenk mit einer Hand, meine Wollmütze aufzusetzen.
   Was die Weihnachtsfeiertage anbelangt, so schlagen zwei Herzen in meiner Brust. Einerseits würde ich wie immer gern mit meiner Familie feiern, da ich sie seit dem Geburtstag meines Vaters vor drei Monaten nicht mehr gesehen habe, aber andererseits weiß ich, wenn ich komme und nach ein paar Tagen wieder gehen muss, ist es wie ein erneuter Abschied für Immer und das zehrt zunehmend an meinen Nerven.
   Als ich meiner Lieblingskollegin Laura erzählt habe, dass ich darüber nachdenke, über die Feiertage in London zu bleiben, hat sie mich kurzerhand eingeladen, mit ihr zu ihrer Familie nach Liverpool zu fahren. Und da ich in dem halben Jahr, in dem ich nun hier bin, vor lauter Arbeit London kaum verlassen habe, habe ich das Angebot dankend angenommen.
   »Zurzeit geht es Oma nicht so gut, dass wir sie wie sonst an Heiligabend zu uns holen könnten«, unterbricht meine Mutter meine Gedanken. »Aber wenn nicht, werden wir sie auf jeden Fall besuchen. Keiner von uns wird allein sein, Schatz. Genieß einfach die Zeit in London und bei deiner Freundin in Liverpool und schick uns Bilder vom Winter Wonderland.«
   Ich muss schmunzeln. Dafür, dass ihr Mann ein zwar ausgewanderter, aber waschechter Brite und pensionierter Englischlehrer ist, könnte die englische Aussprache meiner Mutter deutscher nicht sein.
   »In Ordnung, mache ich«, sage ich schließlich, obwohl ich nicht wirklich überzeugt bin. Da ich aber mittlerweile vor dem gigantischen Spielwarenladen am Piccadilly Circus angekommen bin, in dem ich mich mit Laura zum Geschenkeshoppen verabredet habe, und langsam meine Hand vom Festhalten des Telefons in der klirrenden Kälte ganz steif ist, belasse ich es dabei.
   »Also Mama, ich muss dann jetzt. Laura wartet wahrscheinlich schon auf mich.«
   »Ist gut. Sag ihr liebe Grüße. Wir hören uns.«
   »Richte ich aus und du sag welche an Papa. Bis dann.«
   In sechs Tagen ist Heiligabend, überlege ich, als ich das mehrstöckige Kinderparadies betrete, das über und über mit in silber und rot glitzernder Weihnachtsdeko geschmückt ist. Beinah habe ich das Gefühl, von all den Farben geblendet zu werden, die ganz im Gegensatz stehen zu dem trüben Wetter, das draußen herrscht. Wenn ich die Geschenke für meine Familie morgen früh zur Post bringe, sind sie auf jeden Fall rechtzeitig zum Fest bei ihnen. Meiner Mutter werde ich gleich im Anschluss noch bei Fortnum and Mason einen dieser sündhaft teuren, aber unfassbar leckeren und hübsch verpackten Tees besorgen und für den Rest der Familie habe ich alle Geschenke bereits seit Wochen beisammen. Ich frage mich jedes Jahr aufs Neue, wieso es für manche Menschen eine so große Herausforderung darstellt, für ihre Lieben etwas Passendes zu finden. Mir macht das Ganze irgendwie Spaß – durch die Stadt zu bummeln, in kleinen Läden herumzustöbern, so lange bis mich etwas anspringt. Und ganz besonders genieße ich es dabei zuzuschauen, wie jemand ein Geschenk auspackt, das ich ausgesucht habe und sich ein Strahlen auf dessen Gesicht ausbreitet. Rasch verdränge ich den aufkommenden Gedanken, dass ich in diesem Jahr wohl keines der strahlenden Gesichter sehen werde und winke Laura überschwänglich zu, die ich mittlerweile im Getümmel entdeckt habe. Sie lässt sich gerade von einem der Mitarbeiter einen leuchtenden Flummi vorführen. Zumindest sieht es danach aus.
   »Hey girl, are you ready to find some extraordinary Christmas presents?«, ruft sie mir entgegen, als sie mich kommen sieht.
   Ich muss lachen. »Do you really think we will find something here? There are only five floors, you know!”, entgegne ich mit vor Sarkasmus triefender Stimme.
   »I knooow, five floors with toys. That is crazy!”, bestätigt, sie und ihre Stimme klingt plötzlich eine Oktave höher.
   Dann stürzen wir uns auch schon in das klassische vorweihnachtliche Einkaufschaos und inspizieren jedes der fünf Stockwerke bis ins Detail.

Auf dem Weg zur U-Bahn, bepackt mit Tüten von Fortnum and Mason und Hamleys traditionsreichem Spielwarenladen, schaue ich auf mein Smartphone.
   In den letzten Tagen haben Niels und ich uns ständig verpasst und bis auf einige kurze Nachrichten, die mir verrieten, was er gerade tat, habe ich kaum etwas von ihm gehört. So sehr ich die Zeit hier in London genieße, gerade jetzt, in der Adventszeit vermisse ich es doch unheimlich, in seiner Nähe zu sein.
   Auch er war ein Grund, warum ich mich dagegen entschieden hatte, nach Hause zu fliegen. Er und seine Freunde hatten geplant, über die Feiertage dem Familienidyll (das bei ihm zugegebenermaßen immer etwas anstrengend war) zu entfliehen und zehn Tage nach Les Menuires in Frankreich Skifahren zu gehen. Zehn Tage – das konnte auch nur einem Haufen sportverrückter Kerle einfallen, seine Knochen und Muskeln so lange zu quälen.
   Gestern sind sie dort angekommen, so viel wusste ich immerhin. Mir ist natürlich klar, dass ich ihm diese Reise nicht verübeln darf, schließlich spielt sich sein Leben in Deutschland ab und er kann, nur weil ich derzeit in London bin, nicht alles nach mir richten. Eigentlich hatte ich aber trotzdem gehofft, dass wir uns wenigstens zu Weihnachten sehen – er nach England kommt oder ich nach Hause fliege. Natürlich hatte er mich gebeten, nach Frankreich mitzukommen, aber nach Hause zu fliegen, um dann weiter nach Frankreich zu fahren und meine Familie erst nicht zu sehen …? Nein. So war es doch für alle am besten. Außerdem konnte ich mir mit meinem Volontariatsgehalt ohnehin keine zehn Tage Skiurlaub leisten.
   Während ich in der U-Bahn sitze, auf dem Weg in mein vorübergehendes Zuhause, muss ich wieder an meine Eltern denken.
   Bestimmt war mein Vater enttäuscht, dass weder ich noch einer meiner Geschwister nach Hause kommt über Weihnachten. Dass meine älteste Schwester Ela und ihre Frau Tamara nicht kommen würden, darauf war er vorbereitet. Sie waren im vorletzten Jahr auf den Geschmack gekommen, die Weihnachtsfeiertage zu nutzen, um gemeinsam in irgendeinem Land, in dem aufgrund der Temperaturen gar nicht erst Weihnachtsgefühle aufkommen, Urlaub zu machen.
   Letztes Jahr waren sie für zwei Wochen nach Sri Lanka geflogen. Mal ehrlich! Sri Lanka? Ich meine, ich will unbedingt auch mal dorthin (sobald es mein Geldbeutel zulässt), aber um die Weihnachtszeit? Kein Schnee. Kein Christbaum. Keine klirrende Kälte, die einem nach einem Besuch auf dem Weihnachtsmarkt in den Knochen sitzt und erst dann langsam nachlässt, wenn man in eine Decke eingepackt auf dem Sofa sitzt und einen heißen Tee trinkt.
   Rafa, mein älterer Bruder, war, seit er vor einigen Jahren von zu Hause ausgezogen war, selten da an Weihnachten. Weil er stellvertretender Hoteldirektor in einem vier Sterne Hotel ist, das um die Weihnachts- und Winterzeit natürlich vollbelegt ist, ist es für ihn häufig schwierig, in solchen Stoßzeiten Urlaub zu nehmen. Dass er also dieses Jahr auch abgesagt hat, dürfte für Papa wenn auch enttäuschend, zumindest nachvollziehbar und wenig überraschend gewesen sein.
   Als ich meine Eltern jedoch vor drei Wochen anrief und erklärte, dass ich Weihnachten nicht nach Hause kommen würde, sondern bei meiner Kollegin Laura eingeladen bin, ging ich allerdings fest davon aus, dass meine ältere Schwester Micha, ihr Mann Leonard und ihre vier Kinder Paul, Katharina, Rosalie und Theo zu Weihnachten zu meinen Eltern nach Hause fahren würden. Die allerdings hatten sich entschlossen, Weihnachten nun mit ihrer eigenen Großfamilie in ihren neugebauten vier Wänden zu feiern. Zwar hatten sie unsere Eltern natürlich eingeladen, aber die würden auf keinen Fall unsere Oma über die Feiertage allein im Pflegeheim lassen und für eine mehrstündige Reise war diese definitiv nicht mehr fit genug.
   Also war es amtlich. Dieses Jahr feiert die Familie Bäumchen (ja, genau Bäumchen!) Weihnachten vollkommen getrennt und verteilt in alle Windrichtungen.
   Ich verziehe das Gesicht. Der Gedanke gefällt mir ganz und gar nicht.

Vor meinem Wohnhaus angelangt, krame ich einen übergroßen und damit unverlegbaren Schlüsselbund aus meiner Tasche und schließe damit die hässliche grüne Haustür auf. Mein kleines Apartment, das ich nur mithilfe meines Arbeitgebers ergattern konnte, liegt in einem zweistöckigen, eindeutig renovierungsbedürftigen Haus im Londoner Stadtteil Herne Hill. Doch trotz der bröckelnden Fassade und des scheppernden, nicht immer so zuverlässigen Boilers in meiner Dusche fühle ich mich darin mehr als wohl. Ich finde die Wohnung passt zu mir.
   Sobald ich meine Sachen abgelegt habe, setze ich mir heißes Wasser für einen Tee auf. Die Kälte steckt mir in den Knochen, und der beste Weg das zu beheben, sind meine kuscheligen Hausschuhe und eine Kanne Darjeeling. Mit einem kitschigen Weihnachtsroman, den mir Laura empfohlen hat, meinem Tee und einer Decke ausgestattet, setze ich mich in meiner kleinen Stube auf den grauen Ohrensessel, der im Licht der Stehlampe gemütlicher aussieht denn je.
   Genüsslich trinke ich einen Schluck des heißen Getränks und schließe meine Finger vorsichtig um die dampfende Tasse, die daraufhin sofort beginnen lebendig zu kribbeln.
   Als meine Finger genügend Zeit hatten aufzutauen, schreibe ich eine Nachricht an Niels.

Bin jetzt zu Hause. Hast du Zeit oder bist du schon beim Après Ski? ;) Vermisse dich, Kuss Lilly.

Da nach drei Kapiteln in meinem Buch noch immer keine Antwort von ihm gekommen ist, beschließe ich es auf gut Glück zu versuchen und ihn direkt anzurufen.
   Eine Weile klingelt es ohne Erfolg. Ich will schon wieder auflegen, als mein Anruf dann doch noch angenommen wird. Ich höre leise Stimmen, kann aber nicht wirklich etwas verstehen.
   »Niels?«, frage ich etwas lauter als gewöhnlich. Vielleicht liegt es an der Verbindung. Immerhin ist er irgendwo in den Bergen in Frankreich und ich bin in England. Da kann das schon mal schwierig sein, sich zu verstehen. »Bist du dran, Niels? Hörst du mich?«, frage ich erneut und nun werden die Geräusche etwas deutlicher. Ich reiße mir regelrecht das Telefon vom Ohr.
   Habe ich mich verwählt? Ich starre auf den Bildschirm und überprüfe panisch die Nummer. Was ich höre, kann ich nicht glauben. Nein. Das ist definitiv Niels Nummer. Noch einmal halte ich das Telefon an mein Ohr, und ich merke, wie mein Herz anfängt schmerzhaft zu pochen und meine Hände beginnen zu zittern. Ich habe das Gefühl, plötzlich nur noch schwer Luft zu bekommen. Dann drücke ich so schnell ich kann auf den roten Hörer und lege mein Telefon zur Seite, als wäre es ein hoch infektiöser Gegenstand. Sofort beginnen mir heiße, nasse Tränen die Wangen hinunterzurinnen.

Ich stelle meinen Tee, der mittlerweile ohnehin kalt ist, zur Seite und klappe einer plötzlichen Idee folgend meinen Laptop auf. Mein Telefon liegt noch immer dort, wo ich es vor ein paar Stunden angewidert abgelegt hatte. Ich tippe Ryanair London Heathrow nach Berlin Tegel in das Suchfenster ein. Mit unruhigem Blick überfliege ich die vielen Angebote. Eine Woche vor Weihnachten, sind natürlich selbst die sonst so unrealistisch günstigen Flüge von Ryanair kein Schnäppchen mehr. Aber was soll’s. Das hier ist sozusagen ein Notfall.
   Plötzlich kann ich den Gedanken nicht mehr ertragen, Weihnachten bei einer mir völlig fremden Familie zu verbringen. Weit weg von all denen, die mich kennen und lieben und die immer ein Lächeln für mich übrighaben. Ich sehe es förmlich vor mir, wie ich in Liverpool bei Lauras (da bin ich ziemlich sicher, super lieben) Familie am Tisch sitze und mir pausenlos erbsengroße Krokodils-Tränen die Wangen hinunterkullern. Und das nur, weil ich mich so einsam fühle.
   Ich schüttle den Kopf. Diese Reaktion, die im Übrigen mehr nach meiner kleinen Nichte Rosi, als nach einer siebenundzwanzigjährigen Hochschulabsolventin klingt, möchte ich mir, aber vor allem Lauras Familie, definitiv ersparen.
   Nach meiner kurzen Internetrecherche entscheide ich mich für einen Flug der gleich morgen zu einer unmenschlich frühen Zeit (5.35 Uhr) geht. Unter normalen Umständen würde mich nichts so früh aus meinem Bett bekommen, aber in diesem Fall …
   Während ich meine Daten eintippe, nehme ich immer wieder mein Telefon zur Hand, doch ich kann weder meine Schwester Micha noch ihren Mann Lenny erreichen. Wahrscheinlich sind sie im Weihnachtsstress und es ist auch schon recht spät, aber ich möchte es auf jeden Fall vermeiden, unangemeldet vor ihrer Tür zu stehen. Wenn ich meinen Plan wirklich in die Tat umsetzen will, muss ich strategisch klug vorgehen. Und Micha und Lenny sind meine erste Station.

Der holprige Anfang einer Winterweihnachtsreise
Lilly - London, 18. Dezember 2018 04.30 Uhr

Ich sitze mit halb offenen Augen auf einem der unbequemen Plastikwartestühle vor meinem Gate. Natürlich bin ich zu früh dran, aber das Risiko wegen eines Staus oder einer anderen unvorhersehbaren Hürde den Flug zu verpassen, war mir wie immer ein Antrieb. Gelangweilt blättere ich durch eine der mäßig interessanten Gratiszeitschriften die hier herumliegen und versuche meine Gedanken an Niels und den Anruf zu verdrängen. Das dümmliche Gekicher der Frauenstimme durch den Lautsprecher hallt noch immer in meinem Kopf nach.
   Micha konnte ich gestern nicht mehr erreichen, was bedeutet, ich werde mit der Bahn zu ihnen fahren müssen. Diese Variante ist nicht gerade verlockend, da ich mit Bus und Bahn statt der vierzig Autominuten zu ihnen nach Potsdam fast zwei Stunden brauche. Und das, ohne die obligatorische Verspätung, die man erfahrungsgemäß immer miteinrechnen sollte. Ich hoffe nur, sie sind überhaupt zu Hause.
   Gedankenversunken ziehe ich mein Smartphone aus der Jackentasche. Als ich darauf schaue, sehe ich eine Nachricht von gestern Abend. Sie ist von meiner Mutter. Da ich gestern Abend zeitig zu Bett gegangen bin, um in der Lage zu sein, heute so früh aufzustehen, war sie bislang von mir unbeachtet geblieben. Ich klicke sie an und ein Foto mit drei Gesichtern, die mich anlächeln, öffnet sich.

Hallo Lilly. Liebe Grüße von Oma, Papa und mir. Wir haben einen abendlichen Schneeausflug gemacht. Drück dich, Mama

Ich muss lächeln und gleichzeitig ist mir zum Weinen zumute, so sehr vermisse ich in diesem Moment meine Familie.
   Bemüht meiner Mutter keinen Anlass zur Sorge zu geben, tippe ich eine Antwort.

Hihi …, sieht ja süß aus. Oma scheint Spaß gehabt zu haben. Drück euch zurück. Liebe Grüße.

Während ich schniefend noch einmal das Foto betrachte kommt mir eine Idee. Ich tippe hastig Blablacar Berlin Tegel Flughafen nach Potsdam in mein Smartphone ein. Die Wahrscheinlichkeit, dass jemand diese Strecke angibt, und dann auch noch zu dieser Uhrzeit, ist zwar gering, aber man kann es ja zumindest einmal versuchen.
   Und tatsächlich. Eine einzige Fahrt ploppt auf: Jan Talfeld, neunundzwanzig Jahre, fünf von fünf Sternen bei vierzehn Bewertungen, Nichtraucher, Gesprächskategorie Bla (also keine Labertasche bei der man das Gefühl hat, beim Aussteigen nach der Fahrt fällt einem das linke Ohr augenblicklich ab). Perfekt. Die Rahmenangaben passen schonmal und auch das Foto sieht nicht gerade aus, als würde er mich entführen wollen. Genaugenommen sieht der Typ sogar ganz sympathisch aus.
   Obwohl ich in der Regel lieber mit Frauen fahre (Sicher ist nun mal sicher, oder »Safety first« wie meine Freundin Laura immer sagt), buche ich die Fahrt um neun Uhr nach Potsdam für sechs Euro. Mit der einen Stunde Zeitverschiebung nach vorn und meiner geplanten Ankunftszeit um ca. sieben Uhr passt das genau. So habe ich auch noch genug Zeit, mir irgendwo ein Frühstück zu suchen.
   Zufrieden über meinen Einfall stecke ich mir meine Kopfhörer in die Ohren, wähle das neue Paul McCartney Album aus und lehne meinen Kopf nach hinten.

Eine für diese Uhrzeit zu fröhlich gestimmte Lautsprecherstimme, die zu verstehen gibt, dass nun das »Boarding« beginnt, lässt mich aus einem unschönen Traum über Niels hochschrecken.
   »Autsch …«, motze ich vor mich hin, als ich mich aufrichte, denn mein Nacken schmerzt – so krumm, wie ich auf dem Stuhl eingenickt bin.
   Missmutig sammle ich Mantel, Schal und Mütze sowie meinen Rucksack zusammen und stelle mich in die perfekt aufgereihte Warteschlange. Einer der vielen Gründe, weshalb es mir in England so gut gefällt.
   Vom Flug kriege ich eigentlich kaum etwas mit. Sobald ich meinen Platz im Flugzeug eingenommen habe, stecke ich mir wieder meine Kopfhörer in die Ohren, schließe die Augen und bin auch schon weg. Wenn mir etwas nicht schwerfällt, dann ist es das Schlafen. Egal, ob die Position unbequem ist, ob um mich herum laute Stimmen plappern oder ob ich erst vor wenigen Stunden erfahren habe, dass mein Freund eine Affäre hat. Wenn ich müde bin, kann ich immer und überall schlafen.
   Erst, als der Flug etwas holperiger wird und mir damit verrät, dass wir uns im Anflug auf Berlin befinden, kann ich mich überwinden meine Augen aufzumachen und mich auf die Landung vorzubereiten.
   Wie üblich bei Ryanair Flügen applaudieren die Passagiere nach der erfolgreichen Landung. Als müssten wir dankbar sein, beim Flug nicht gestorben zu sein. Ich sehe das irgendwie eher als eine Art Selbstverständlichkeit an, wenn ich mich schon in ein Flugzeug begebe. Aber gut.
   Träge ziehe ich mein Smartphone aus der Tasche und schalte den Flugmodus aus. Ich hoffe mein Blabla-Car-Fahrer hat mir mittlerweile eine Nachricht mit dem Treffpunkt geschickt. Und genau so ist es. Erleichtert klicke ich die Nachricht an.

Hi! Treffpunkt Einfahrt zu P6. (dunkelgrauer Audi, Kennzeichen: B MB 6214) Jan

Offenbar kein Mann vieler Worte, geht es mir durch den Kopf als ich die kurze Nachricht mit maximalem Informationsgehalt durchlese. Aber das soll mir nur recht sein. Für die vierzigminütige Fahrt ist es mir ehrlichgesagt auch relativ egal, wer da neben mir sitzt, solange ich heil und ohne Verzögerungen ankomme.
   Ohne großen Stress schlurfe ich durch die Ankunftshalle, sammele meinen Koffer vom Gepäckband ein und begebe mich dann auf die Suche nach einem Café, bei dem man für eine vernünftige Tasse Tee und eine Brezel nicht gerade neun Euro bezahlen muss.
   Ironischerweise lande ich am Ende bei Starbucks. Einfach weil ich mittlerweile ziemlich dringend pinkeln muss und keinen Nerv mehr habe, weiter nach etwas anderem zu suchen. Mit einem simplen English Breakfast Tea, ohne viel Schnickschnack, außer einem Schuss Milch und einem ungesund glänzenden, aber lecker aussehenden Schokoladenmuffin ziehe ich mich in die hinterste Ecke des Cafés zurück um in Ruhe vor mich hin schniefen zu können.
   Ich trinke ein Schluck und glaube, mich gleich schon etwas ausgeglichener zu fühlen. Diese Wirkung hat Tee bei mir jedes Mal. Meine Schwester Micha zieht mich deswegen ganz gern auf. Ehrlicherweise muss ich aber auch zugeben, dass ich es manchmal etwas übertreibe mit meiner Tee-Begeisterung. Mein Vater sagt, das wären die britischen Gene, die da durchschlagen, und ich hätte das von ihm, was irgendwie witzig ist, denn er selbst kann Tee nicht leiden. Tee bedeutet Krankheit. Und Krankheit bedeutet Tee. Eine einfache Gleichung.
   Ich checke erneut mein Smartphone, auf dem aber keine neuen Nachrichten mehr eingegangen sind. Auch gut. Dann werde ich Micha eben überraschen.
   In dem Moment, als ich das Telefon wieder in meine Tasche packen will, vibriert es. Es ist eine Nachricht von Niels:

Guten Morgen Schatz. Ich kann dich irgendwie nicht erreichen. Geht’s dir gut? Was machst du gerade? Ich liege im Bett und denke an dich …

Mir wird übel, als ich die Zeilen lese, und ich frage mich unweigerlich, ob sie in diesem Moment noch neben ihm liegt. Ich versuche den stacheligen Klos hinunterzuschlucken, der sich in meinem Hals einzunisten versucht, doch es gelingt mir nicht. Was bleibt, ist ein fieses Stechen, das mir das Atmen schwermacht. Rasch schließe ich die Nachricht, packe den Rest der Schokibombe in meine Tasche und mache mich auf den Weg zum Parkplatz.
   Ich bin länger unterwegs als gedacht, denn die Parkplätze sind erschreckend weitläufig, doch schließlich stehe ich am verabredeten Treffpunkt. Das glaube ich zumindest, denn es ist schon viertel nach neun und bisher ist noch kein Audi zu sehen. Ich checke erneut mein Smartphone.
   Der Fahrer hat geschrieben:

Wo?

Mehr steht da nicht. Kann dieser Typ denn keine normalen Sätze formulieren? Schließlich zahlt man bei Nachrichten ja nicht pro Buchstaben. In meinem Kopf erklingt die theatralische Stimme meines ehemaligen Germanistik-Professors: »Es geht bergab mit der deutschen Sprache.«

Stehe wie vereinbart an der Einfahrt zu P5. Sehe dich aber nicht.

Ernsthaft? S.o. – bleib da, ich sammel dich auf!

Hä? Ich kratze mich wie eine begriffsstutzige Zeichentrickfigur am Kopf. Was habe ich denn jetzt schon wieder verschusselt? Ich suche die Nachricht, in der Jan mir den Treffpunkt schickt, und lese sie erneut durch. Auf einmal kriege ich ganz schwitzige Hände.
   »O nein«, murmle ich vor mich hin. Ist das peinlich. Wie verpennt war ich denn bitte heute früh, als ich seine Nachricht gelesen habe. Er schreibt ganz klar P6. Ich stehe am falschen Parkplatz. Ich tippe im Eiltempo eine Antwort.

O shit, sorry. War wohl noch nicht ganz wach heut Morgen …

Zehn Minuten später fährt besagter dunkelgrauer Audi vor.
   Ich habe ein bisschen Angst davor, wie dieser Jan reagieren wird. Möglicherweise hat er ja einen wichtigen Termin, zu dem er jetzt zu spät kommen wird, weil er mich extra hier abholen muss, und ist sauer. Andererseits tragen Leute, die wichtige Termine haben, eher keine Blabla-Car-Fahrten ein. Also was soll’s. Es sind nur vierzig Minuten, wie schlimm kann das schon werden.
   Meine Gepäckstücke hinter mir her hievend setze ich mich in Gang und gehe auf das Auto zu, als die Tür aufgeht. Jan sieht aus wie auf seinem Foto: braune Haare, glatt rasiert und extrem dunkle Augen. Was das Foto bei Blabla-Car nicht verraten hatte ist, dass er ein grimmig dreinschauender Anzugträger ist, der mich um etwa einen halben Kopf überragt. Als ich sein Gesicht genauer betrachte, überkommt mich ein Gefühl der Panik vor der nächsten halben Stunde mit ihm im Auto und ich könnte direkt schon wieder anfangen zu heulen. Seine linke Augenbraue ist hochgezogen, und sein Gesicht umspielt ein nur mit Mühe wahrnehmbares Lächeln, das mir wohl als Begrüßung genügen soll. Er scheint meine morgendliche Verplantheit wohl nicht mit Humor zu nehmen.
   Ich zucke entschuldigend mit den Schultern. »Hi«
   »Hi«, antwortet er, nimmt mir meinen schweren Koffer ab und verstaut ihn in seinem Kofferraum, ohne den abschätzigen Blick dabei von meiner in Mantel, Schal und Mütze eingepackten Person abzuwenden.
   »Oh, danke«, stammle ich. Irgendwie bin ich überrascht von diesem fast gentlemanartigen Verhalten, das so gar nicht zu seinem schroffen Auftritt passt. »Ich bin Lilly.«
   »Davon gehe ich aus«, entgegnet er kühl und nickt. »Jan. Können wir?«
   »Äh, ja, na klar«, stottere ich beim Einsteigen. »Und entschuldige nochmal meine Verplantheit.«
   »Passt schon«, entgegnet er großzügig, doch seine Stimme und die dunkelgrauen Gewitteraugen sagen etwas anderes.
   »Morgens bin ich nicht unbedingt zu Hochleistungen fähig. Aber dass es neuerdings nicht einmal mehr dazu reicht, eine fünf von einer sechs zu unterscheiden …, das ist mir auch neu.« Ich presse ein verlegenes Lachen hervor.
   Er bläst genervt die eisige Luft durch seine Zähne und schüttelt kaum merklich den Kopf als er den Motor anlässt.
   Wow – das kann ja heiter werden, denke ich. »Und? Was machst du in Potsdam?«, starte ich einen neuen Gesprächsversuch.
   »Arbeit«, antwortet er immerhin, aber da ist das Gespräch – wenn man es denn überhaupt so nennen möchte – auch schon wieder beendet.
   »Hast du was dagegen, wenn ich hier drin den Rest von meinem Muffin esse?«, frage ich, wie man das eben höflicherweise tut und zerre dabei schon die Tüte aus meinem Rucksack. Bei meinen bisherigen Fahrten hatte noch nie jemand etwas dagegen einzuwenden.
   Ich spüre seinen bohrenden Blick von der Seite. »Wir sind in fünfundzwanzig Minuten sowieso da. Kannst du so lange nicht warten?«
   Okay. Das verstehe ich dann mal als klares Nein, denke ich und stopfe den Muffin verschämt und möglichst geräuschlos wieder in meine Tasche.
   Ich sitze angespannt in meinem Sitz und starre auf die Uhr. Nur schwer widerstehe ich dem Impuls, in meinem Sitz hin und her zu rutschen, weil ich befürchte, auch das könnte ihn stören. Wer weiß, vielleicht drücke ich dadurch ja eine zu tiefe Mulde in die neuen Sitze – passe sie meinen Pobacken an. Man bedenke nur den horrenden Wertverlust, den eine solche Po-Verformung mit sich brächte. Bei dem Gedanken muss ich kurz grinsen.
   »Du warst also in London?«, ist er es schließlich, der das Schweigen zu meiner Überraschung durchbricht.
   »Ja. Wie kommst du darauf?«, frage ich irritiert.
   »Der Zettel an deinem Koffer – LHR. London Heathrow.«
   »Ach so«, sage ich nur, denn ich habe eigentlich keine große Lust mehr auf eine Unterhaltung mit diesem Griesgram. »Und du kannst alle Flughafenkürzel auswendig, weil?«, frage ich dann aber doch, weil es einfach nicht meinem Charakter entspricht, mundfaul zu sein.
   »Nicht alle. Nur die, die ich regelmäßig anfliege.«
   »Okay …, das heißt?«, frage ich vage.
   »Ich bin Syndikus – das heißt, ich bin Jurist in einem Unternehmen in Frankfurt, das unter anderem Sitze in London, China und Frankreich hat. Daher fliege ich regelmäßig geschäftlich dort hin«, erklärt er großspurig, und als wäre ich nicht gebildet genug zu wissen, was ein Syndikusanwalt ist.
   »Wow. Okay«, antworte ich trotzdem etwas eingeschüchtert und reagiere damit ungewollt genau so, wie ich eigentlich nicht hatte reagieren wollen. Sicher hatte der Anzugträger genau das beabsichtigt.
   Was für ein arroganter Fatzke. Hält sich wohl für etwas Besonderes – typisch Jurist. Schon an der Uni habe ich diese Art von Männern verabscheut. Schlimmer als Juristen waren nur noch Juristen, die in einer Studentenverbindung waren.
   »Du hast gefragt«, rechtfertigte er seine Erzählung mit einem überheblichen Schulterzucken.
   »Ich weiß, aber ich hatte eher damit gerechnet, dass du erzählst, wie du als kleines Kind keine Freunde hattest und deine Freizeit damit verbracht hast, in deinem Kinderzimmer zu sitzen und alle Flughafenkürzel dieser Welt auswendig zu lernen«, sage ich betont lässig, um ihm den Wind etwas aus den Segeln zu nehmen. Auch wenn er leider (das muss ich zu meinem Missfallen zugeben) nicht aussieht wie jemand, der als Kind keine Freunde hatte.
   Überrascht stelle ich fest, dass meine Bemerkung ihm ein kurzes Schmunzeln entlockt hat. »Und was machst du so an Weihnachten? Bist du bei deiner Familie?«, frage ich mit neuer Hoffnung, dass er vielleicht doch nicht so ätzend ist. Eine Unterhaltung mit ihm ist allemal besser, als mich mit den Gedanken an Niels auseinandersetzen zu müssen. »Also ich freue mich vor allem, mal wieder meine Schwestern und meinen Bruder zu sehen!«
   »Ich bin bei Freunden«, knurrt er und stellt dann das Radio lauter, um unmissverständlich klarzumachen, dass das nun genug des Small Talks war.
   O Mann. Wieso tragen solche Leute denn überhaupt Autofahrten ein, wenn sie es offensichtlich grässlich finden, sich mit anderen zu unterhalten. Des Geldes wegen wird das bei ihm, mit seinem perfekt sitzenden Hugo Boss Anzug ja wohl kaum sein. Dieser Kerl hat mir zu meinem Glück gerade noch gefehlt.

»So. Da wären wir. Hier ist die Bushalte«, durchbricht der griesgrämige Jurist meine immer noch anzugträgerfeindlichen Gedanken.
   Was soll’s, sage ich mir. Immerhin hat die Abneigung gegen ihn dazu geführt, dass ich die ganze Fahrt über kaum an Niels gedacht habe.
   »Das ging ja flott«, lüge ich, denn die Fahrt kam mir unendlich lang vor. »Vielen Dank fürs Mitnehmen und Aufgabeln«, ergänze ich und merke zu meiner Verärgerung, wie ich leicht erröte.
   »Den Koffer kriegst du ja sicher allein raus.« Es ist weniger eine Frage als eine Feststellung. Er kann es offenbar nicht erwarten, dass ich dieses Auto endlich verlasse.
   »Ja danke, das geht schon. Gut, dann mach ich mich mal auf die Socken«, verabschiede ich mich und frage mich gleichzeitig genervt, wann ich wohl das letzte Mal eine so altmodische Ausdrucksweise verwendet habe. Kaum habe ich die Kofferraumtür zugeschlagen, düst er auch schon mit einem Affenzahn davon. Komischer Kerl, denke ich mir und hake die Begegnung ab.

Der Bus hält praktischerweise fast genau vor Michas und Leonards Haus, sodass ich meinen Koffer nicht weit zu schleppen brauche. Als ich vor ihrer Tür stehe, an der ein Kranz aus Tannenzweigen hängt, sammle ich mich noch einmal kurz, setze ein fröhliches Gesicht auf und drücke dann den Klingelknopf.
   Ich höre wie es drinnen poltert, als würde gerade jemand die Treppe herrunterrennen, dann öffnet mir mein Schwager die Tür.
   »Lilly!«, ruft er voller Überraschung, aber nicht ohne dabei freudig zu strahlen. Ich bin mir sicher, nicht jeder Ehemann würde sich so über den unangemeldeten Besuch seiner Schwägerin freuen. Ich bin ihm dankbar für seine Reaktion, was mich gleichzeitig in meinem Vorhaben bestärkt.
   »Hi Lenny«, antworte ich in entschuldigendem Tonfall und umarme ihn.
   »Komm rein, komm rein! Wie geht’s dir? Was machst du hier? Wieso bist du nicht in London? Micha hat mir nicht gesagt, dass du kommst«, prasselt ein Schwall an Fragen auf mich ein. »Micha, Lilly ist da«, schreit er durch das Treppenhaus.
   »Oh, na ja, Micha weiß auch nicht, dass ich komme. Es ist sozusagen eine Überraschung«, erkläre ich mit einem unsicheren Lächeln.
   Micha kommt um die Ecke im Hausflur gehuscht auf mich zu und nimmt mich in den Arm. »Lilly! Hi! Wieso sagst du denn nichts, stell dir vor wir wären nicht zu Hause und du hättest vor verschlossener Tür gestanden. Wie schön, dass du da bist.« Im nächsten Moment schiebt sie mich weg und sieht mich genau an. »Warte, ist etwas passiert? Ist alles in Ordnung?«
   Ich lache. »O Gott, Leute, so viele Fragen wie ihr stellt, ich komme ja gar nicht hinterher, sie zu beantworten. Keine Sorge, es ist alles in Ordnung. Ich dachte nur …« Einen Moment befürchte ich, dass mich meine Schwester durchschauen wird, spüren wird, dass ich nicht nur einfach so hier bin. Doch schließlich lächelt sie mich an und nimmt mir meinen Rucksack ab.
   »Entschuldige – ich bin nur so überrascht. Komm rein, die Kleinen sind oben. Sie freuen sich sicher, dich zu sehen.«

Ein (nicht so ganz) ausgeklügelter Plan
Lilly

»Warte, was?« Micha schaut mich entgeistert an, als ich meinen ausgeklügelten Plan mit all meiner Überzeugungskraft zu Ende vorgetragen habe.
   »Na ja, es ist so: Ich hab’ nachgedacht darüber, dass wir dieses Jahr nicht gemeinsam Weihnachten feiern, und ich finde es ist keine gute Idee. Ich dachte, wir sollten alle zusammen feiern. Wer weiß, wie oft das noch möglich ist. Denk doch nur mal an Oma.« Die Oma-Karte jetzt schon auszuspielen, ist gewagt, aber ich muss es riskieren.
   Micha steht aufgebracht auf. »Du spinnst doch, Lilly. Und da dachtest du, wir fangen mal bei Micha und Lenny an, packen sie und die Kinder ein, fahren weiter nach Nürnberg zu Ela und Tamara, packen die ein, die nebenbei gesagt ihren Urlaub stornieren müssten, fahren weiter zu Rafa nach Straßburg, packen den ein und fahren dann weiter zu unseren Eltern und Oma. Insgesamt zwölf Stunden auf den Straßen? Mit kleinen Kindern? Zur Weihnachtszeit?«
   »Ähm, ja …« aus Michas Mund hört sich dieser Plan irgendwie etwas hirnrissig an, muss ich eingestehen.
   »Liliane, wie stellst n du dir das vor? Wir haben vier Kinder, die kann ich doch so lange nicht ins Auto einsperren. Die laufen mir ja Amok!«
   Oh! Wow! Jetzt benutzt sie sogar schon meinen vollen Namen. Dabei weiß jeder, dass ich es überhaupt nicht mag, Liliane genannt zu werden. Selbst meine Chefs bei der Arbeit nennen mich nicht so. Wie eine Schildkröte ziehe ich den Kopf ein. »Na ja, ich dachte …«
   »Und darüber hinaus haben wir ja schon Pläne für Weihnachten. Wir bekommen Besuch von Freunden. Die kann ich doch nicht einfach ausladen so kurz vor Heiligabend.« Micha redet sich total in Rage.
   »Okay, Liebling«, schaltet sich nun Lenny ein. »Ich glaube, Lilly hat deinen Standpunkt jetzt verstanden. Es gibt einige Hürden, was ihren Plan anbelangt.«
   Ich schenke Lenny ein dankbares Lächeln.
   »Hürden?« Michas Blick durchbohrt ihren Mann regelrecht. »Hältst du das etwa für eine gute Idee?«
   »Fangen wir mal so an: Ich weiß, dass die Kinder sehr traurig waren, als wir ihnen gesagt haben, dass wir dieses Jahr nicht mit Oma und Opa feiern werden. Und ich weiß auch, dass du in deinem Herzen gern nach Haus fahren würdest. Auch wenn du glaubst, Ehepaare mit vier eigenen Kindern müssten langsam anfangen, ihre eigenen Weihnachtstraditionen zu begründen und in ihrem eigenen Haus zu feiern …« Lenny macht eine Pause und ich merke, wie er wieder einmal die richtigen Worte für seine Frau findet. Vielleicht ist es berufsbedingt, denn als systemischer Berater ist wohl genau das seine Aufgabe – die richtigen Worte und Fragen zu finden, dass die Menschen selbst auf die Lösung kommen. Vielleicht liegt es aber auch einfach daran, dass die beiden seit über zehn Jahren ein Paar sind und er seine Frau abgöttisch liebt. »Liebling, ich sage nicht, dass Lillys Plan gut ist.« Er dreht sich zu mir und schüttelt beinah belustigt den Kopf. »Das ist er definitiv nicht«. Dann wendet er sich wieder seiner Frau zu. »Ich sage nur, frage dich, wo und mit wem du sein möchtest an Heiligabend.«
   »Glaub ich ja wohl nich’. Jetzt wendet der diesen Beratungsscheiß auch noch bei seiner eigenen Frau an …«, brummelt Micha vor sich hin.
   Obwohl Micha schimpft, sehe ich ihr an, dass sie überhaupt nicht sauer auf Lenny ist.
   »Ich geh mal den Kleinen Hallo sagen, ja? Dann könnt ihr ja noch mal reden«, mische ich mich kurz ein, denn ich glaube, es wäre besser, die beiden einen Augenblick allein zu lassen.
   »Gute Idee«, antwortet Lenny und zwinkert mir zu.

»Klopf Klopf?«, rufe ich, während ich die Tür zum Spielzimmer öffne. Paul und Kathi, die beiden ungleichen Zwillinge, die dieses Jahr in die Schule gekommen sind, sitzen am Tisch und malen vor sich hin. Theo, der älteste der Bande – er ist bereits ein stolzer Zweitklässler –, spielt mit Rosi Lego. Rosi ist erst vier und in meinen Augen noch immer ein kleines Baby. Die vier sind beinahe unreal brav, wie sie hier sitzen und sich selbst beschäftigen. Wenn ich da zurückdenke an mich und meine Geschwister, wäre hier sicher eine riesen Sauerei, weil irgendwo ein Wasserfarbenglas ausgelaufen wäre oder Rafa Michas Legoturm kaputtgehauen hätte.
   Jetzt haben die vier bemerkt, dass es eine ungewöhnliche Besucherin ist, die hier in ihrem Kinderzimmer steht.
   »Tante Lilly!«, ist es Theo, der mich als erstes begrüßt.
   »Hey ihr!« Ich drücke ihn und dann auch die anderen drei. »Geht’s euch gut? Ich hatte ein bisschen Sehnsucht nach euch, und da dachte ich, ich komme vorbei. Gute Idee?«, hole ich mir etwas Bestätigung ab.
   »Jajaja …«, ruft Kathi und hüpft um mich herum.
   »Bist du mit dem Flugzeug gekommen, Lilly?«, fragt Paul, der sich brennend für alles interessiert, das schnell von A nach B kommt.
   »Ähm …, ja. Also zumindest bis nach Berlin. Den Rest bin ich mit einer Mitfahrgelegenheit gefahren.«
   »Was ist das?«, fragt Kathi.
   »Nun, wenn jemand mit seinem Auto irgendwohin fährt und noch einen Platz frei hat, dann kann man nachfragen, ob man mitfahren darf. Sofern man in die gleiche Richtung muss. Dafür bezahlt man dann im Gegenzug ein paar Euro.«
   »Was für ein Auto hatte deine Mitfahrgelegenheit, Lilly?«, will Paul sofort wissen.
   »Oh, ich glaube es war ein Audi.«
   »Wow – die sind super schnell!« Er nickt anerkennend, als wüsste er genau Bescheid. »Das hat bestimmt Spaß gemacht, oder?«
   Ich grinse. »Das Auto war natürlich schon sehr toll. Der Mann, der es gefahren hat allerdings, der war … ein Dummkopf!« Das war das kinderfreundlichste Schimpfwort für einen solchen Kerl, das mir auf die Schnelle eingefallen ist. Trotzdem schauen mich die Kleinen mit großen Augen an. (Schimpfwörter sind im Haus meiner Schwester nicht gern gesehen.)
   »Wieso?«, fragt Rosi unschuldig.
   »Oh, na ja …, er war nicht gerade freundlich zu eurer Tante. Ich würde sagen, er war ein echter Miesepeter. Eben nicht so wie ihr fröhlichen Hühner«, versuche ich das unleidige Thema abzuschließen und kitzle Rosi ein bisschen aus.
   Ich spüre, wie sehr mir die Kleinen gefehlt haben. Rosi, mit ihren kurzen hellbraunen Schillerlöckchen, die sie eindeutig von ihrer Mutter hat. (Ganz anders als bei mir, bei der die Haare eher einer lockigen, aber vor allem ungezähmten Löwenmähne gleichen.) Oder Kathi, die immer ihre kleine Zunge zur Hilfe nimmt, wenn sie sich beim Malen versucht zu konzentrieren. Aber auch die Jungs, die ihrem blonden Vater erschreckend ähnlichsehen, habe ich fürchterlich vermisst. Allein um die vier wiederzusehen, hat sich die Reise auf jeden Fall gelohnt.

»Wie kommt Rosi darauf, dass du mit einem Dummkopf hierhergefahren bist?«, will Lenny wissen, als er wieder ins Wohnzimmer zurückkommt, nachdem er die Kinder ins Bett gebracht hat. Dort sitzen Micha und ich bereits auf dem Sofa und machen uns daran, eine Flasche Rotwein zu vernichten. Lenny schenkt sich ebenfalls ein Glas ein.
   Diese Plappermäuler. Jetzt darf ich mir sicherlich gleich eine Strafpredigt anhören, wieso ich den Kindern solche Wörter beibringe. »Oh, kann sein, ich hab’ da so was in die Richtung erwähnt. Meine Mitfahrgelegenheit war aber auch ein echter Dummarsch … Immerhin habe ich ein harmloseres Wort benutzt«, füge ich zu meiner Verteidigung an.
   Bevor sie darauf eingehen können, plappere ich weiter. Seit heut Morgen habe ich mich nicht mehr getraut, meinen Plan erneut anzusprechen. Aber selbst das ist besser als die drohende Predigt. »Hör mal, Micha, es tut mir leid, dass ich hier so überfallartig mit meinem Plan ankam. Ich saß in London und dachte plötzlich, was mach ich hier eigentlich. Weihnachten ohne die Familie – ohne euch –, das ist doch Mist. Ich weiß, ihr habt mittlerweile euer eigenes Leben.«
   »Was hast du denn jetzt vor?«, fragt mich Micha.
   »Ich hab’ mir gedacht, ich werde meine Missionierungsreise trotzdem durchziehen. Und selbst wenn sie Nein sagen, dann habe ich euch alle wenigstens mal wiedergesehen. Und am 27. muss ich ohnehin schon wieder nach London und zurück zur Arbeit.«
   »Was manchmal in deinem Kopf vorgeht, frage ich mich wirklich …« Micha lacht und zieht mich an meinem Pferdeschwanz. Dann nimmt sie den Hörer in die Hand und wählt. »Hallo Iris, hier ist Micha. Hast du kurz Zeit? Es geht um Heiligabend … Ja, super. Nein es ist nichts passiert … Hör zu …« Mit dem Telefon am Ohr zwinkert Micha mir zu und zieht sich in die Küche zurück, um in Ruhe das Telefonat führen zu können.
   »Was macht sie da?«, frage ich Lenny irritiert.
   »Ich nehme an, sie sagt unseren Gästen für Heiligabend ab«, schmunzelt er und nimmt zufrieden ein großen Schluck Wein.
   »Wirklich?«, quietsche ich euphorisch.
   »Ganz ehrlich, Lilly, so ein Plan kann auch nur dir einfallen.«
   »Ich weiß …«, entgegne ich nur ein kleines bisschen schuldbewusst, denn die Freude überwiegt.
   »Und selbst wenn du uns mit an Bord hast, hast du dir überlegt, wie du Ela und Tamara von ihrem Urlaub abhältst? Oder wie wir es schaffen sollen, dass Rafa frei bekommt?«
   Es ist nicht so, dass ich mir darüber keine Gedanken gemacht habe, aber zu einer Lösung bin ich trotzdem noch nicht gekommen. Ich dachte, es wird sich schon irgendwie fügen. Der Zauber der Weihnacht, die Überzeugung aller Geschwister zusammen, oder was weiß ich. Die Romantikerin in mir will einfach daran glauben, dass es dieses Jahr mal wieder ein gemeinsames Fest der Familie Bäumchen gibt.
   »Okay!« Micha steht in der Tür. »Das wäre schon mal geklärt.«
   »Oh, du bist die Beste! Die aller aller Beste! Ihr seid die Besten!«, juble ich und drücke meine Schwester so fest, dass sie sich nicht mehr rühren kann.
   »Beruhige dich, Lilly! Jemand muss ja auf dich aufpassen. Nicht, dass du es wieder mit Dummärschen von der Mitfahrgelegenheit zu tun bekommst. Und außerdem würdest du es allein niemals schaffen, Ela und Tamara zu überzeugen, ihren Urlaub sausen zu lassen. Da braucht es schon härteres Geschütz!«
   Lenny und ich schauen Micha fragend an.
   »Traurig! Schauende! Kinderaugen!«, enthüllt Micha ihre Geheimwaffe mit einer ausholenden Geste und nimmt dann triumphierend einen Schluck Rotwein.
   »Das ist meine Frau!«, ruft Lenny voller Stolz und gibt seiner Micha einen dicken Kuss, bevor wir alle beginnen herzhaft zu lachen.

Wiedersehen macht (nicht immer) Freude
Lilly - Potsdam, 19. Dezember 2018 8.36 Uhr

Ich werde von einem Sonnenstrahl, der mir ins Auge scheint, sanft geweckt. Durch die zwei Gläser Rotwein habe ich geschlafen wie ein Murmeltier, obwohl dieses Sofa nicht gerade dafür ausgelegt ist, Übernachtungsgäste zu beherbergen. Und dank des Rotweins hatte sogar nicht einmal Niels eine Chance, sich in meine Träume zu schleichen. Eine Weile bleibe ich noch liegen, weil mich dieses weihnachtlich geschmückte Wohnzimmer mit so viel Zufriedenheit erfüllt und es unter meiner Decke so herrlich warm ist.
   Verschlafen checke ich mein Smartphone und sehe, dass Niels versucht hat, mich anzurufen. Vielleicht sollte ich ihm antworten, nicht, dass er noch denkt, es sei etwas geschehen. Ich fange an, eine Nachricht zu schreiben, »Hallo Niels, es ist alles in Ordnung. Bitte ruf nicht mehr an …«, doch lösche meinen Text dann wieder Buchstabe für Buchstabe. Ich weiß einfach nicht, was ich ihm schreiben soll. Die Sache zu beenden, kommt mir irgendwie überflüssig vor, denn das hat er ja offenbar schon getan, ohne mich einzubeziehen. Und trotzdem kann es nicht ohne eine Aussprache bleiben. Das ist mir auch klar.
   »Lilly«, höre ich ein leises Flüstern. »Lillyyy.«
   Es ist Rosi, die durch die Tür schlüpft und sogleich auf meinen Bauch hüpft.
   »Uff …«, entfährt mir die Luft durch den Druck auf meinem Körper. »Was machst du denn schon so früh auf?«, frage ich überflüssigerweise, denn jeder weiß, dass kleine Kinder immer die ersten sind, die das Haus am frühen Morgen mit Leben füllen.
   »Ich muss doch packen«, entgegnet Rosi, als wäre es völlig selbsterklärend.
   »Ach so? Wofür denn?«, frage ich unschuldig.
   »Wir fahren zu Oma und Opa! Deswegen musst du jetzt auch endlich aufstehen. Wir haben einen sehr langen Weg vor uns«, erklärt Rosi altklug, und ich bin mir sicher, dass der letzte Satz exakt von Micha zitiert ist.
   »Na dann«, sage ich und hebe den kleinen Knirps in die Höhe. »Auf geht’s«

Ich komme mir vor wie im Film Kevin allein zu Haus, als alle Kinder inklusive deren Eltern wild durchs Haus rennen auf der Suche nach irgendwelchen Utensilien, die sie einpacken müssen, weil sie im Begriff sind, eine große Reise zu unternehmen.
   Es war mir nicht bewusst, wie viel Kram man braucht, wenn man mit vier Kindern reist. Am Ende muss ich wohl froh sein, wenn ich überhaupt noch in das Auto passe.
   Es klingelt an der Tür.
   »Lenny, kannst du mal hingehen? Das sind bestimmt die Nachbarn wegen des Schlüssels, um die Blumen zu gießen.«
   Lenny eilt zur Tür. Ich glaube, ich habe eine Schweißperle auf seiner Stirn gesehen. Der Arme. Ein paar kleine Schuldgefühle habe ich ja schon. Da ich im ganzen Pack-Chaos aber ohnehin nur im Wege stehe, habe ich mich in die Küche zurückgezogen und beobachte das Treiben nur aus der Ferne, während ich versuche, ein paar geschäftliche E-Mails zu beantworten.
   »Alter! Was machst du denn hier?«, höre ich, wie Lenny jemanden an der Tür völlig überrascht begrüßt.
   »Wie, was mache ich denn hier?«, antwortet eine andere Männerstimme. »Ihr habt mich eingeladen? Um nicht zu sagen genötigt … Mehrfach sogar.«
   »Ja, schon. Aber …, ich meine, klasse, dass du hier bist, doch wir wussten nicht, dass du wirklich kommst.«
   »Ich hab’ dir geschrieben.«
   »Wann?«
   »Na, nachdem du mich zweimal angerufen und nach einer Woche dann noch eine schriftliche Einladung per E-Mail geschickt hast.«
   »Kann nicht sein – ich hab’ meine Mails jeden Tag gecheckt. Du hast nur geantwortet, dass du die Mail bekommen hast. – Okay, okay, Leute. Danke für die Einladung. Bis bald. Reiter«, liest Lenny offenbar die Nachricht des Fremden vor.
   »Ja. Genau das. Okay, okay, wie ‚Okay, okay, ich gebe mich geschlagen, ich komme.‘ Und ‚Bis bald‘ wie ‚Bis bald an Weihnachten‘.«
   »Du verarschst mich doch, Reiter.« Lennys Stimme klingt zugleich entgeistert und amüsiert. »Du solltest echt anfangen, mehr Worte zu verwenden. Das kann doch keiner verstehen. Ich dachte das ‚Okay, okay‘ bezieht sich auf mein Angebot: Melde dich, wenn du Lust hast, wir würden uns freuen.«
    Ich rechne eigentlich damit, dass Lenny und der andere Mann, dessen Stimme mir aus unerklärlichen Gründen bekannt vorkommt, sich anfangen zu streiten. Stattdessen fangen sie an zu lachen, und ich höre ein dumpfes Klopfen, was nach einer typischen Männerumarmung klingt.
   »Ja, und jetzt? Lässt du mich rein oder nicht?«
   »Na klar, was denkst du denn – es ist nur so …«
   »Reiter?«, ruft Micha, die in diesem Moment um die Ecke biegt und ebenfalls den unverhofften Gast entdeckt hat. »Was machst du denn hier?«
   »Also langsam fange ich an, es persönlich zu nehmen. Hi Micha.«
   »Äh, Schatz«, höre ich Lenny, wie er sich einschaltet, »es gab da offenbar ein Missverständnis. Du erinnerst dich an die Mail von Reiter, die ich dir gezeigt habe?«
   Micha nickt.
   »Es war wohl doch mehr eine Zusage auf unsere Einladung als ein Danke, aber Nein Danke.«
   »Was? Siehst du? Ich habe dir gesagt, frag noch mal nach. Dass ihr Männer auch immer glauben müsst, mit einer minimalen Anzahl an Wörtern auszukommen.«
   »Leute, wenn es nicht passt, dann fahre ich wieder. Das ist kein Weltuntergang.«
   »Auf keinen Fall. Ich meine ja es passt nicht ganz, weil wir unsere Pläne kurzfristig geändert haben. Aber ich möchte nicht, dass du wieder fährst«, antwortet Micha geknickt.
   »Wirklich. Es ist kein Problem. Ist ja auch irgendwie meine Schuld. Das nächste Mal werde ich mich deutlicher ausdrücken. Ich fahr einfach wieder. Hab’ ohnehin einiges abzuarbeiten.«
   Micha wirft ihrem Ehemann einen bösen Blick zu. »Jetzt komm erst mal rein. Einen Kaffee wirst du ja wohl noch trinken. Wir haben spontanen Besuch bekommen musst du wissen. Von Michas kleiner Schwester«, erklärt Lenny beim Eintreten.
   Und plötzlich weiß ich, wieso mir die fremde Stimme so bekannt vorkam.

Jan

Scheiße, fährt es mir durch den Kopf.
   Das ist Lennys Schwägerin? Ausgerechnet sie? Das muss ein schlechter Scherz sein? Ich glaube, es gibt wohl kaum eine Frau, bei der ich in den letzten zehn, ach, was sag’ ich, zwanzig Jahren einen schlechteren Eindruck hinterlassen habe als bei ihr.
   Ich stehe zwischen Lenny und Micha in der Küchentür, während ich mir die Frau, die uns im Schneidersitz gegenübersitzt, genauer ansehe. Wie bei unserer ersten Begegnung auch, ist sie angezogen, als würden wir in der Antarktis leben. Sie trägt einen dicken, viel zu großen Pullover und eine Jogginghose, die – sehe ich das richtig? – in Rentier-Wollsocken steckt. Das nenne ich mal ein interessantes Outfit.
   Vielleicht erkennt sie mich ja gar nicht, versuche ich mir selbst Hoffnung zu machen. Immerhin sehe ich heute ganz anders aus als gestern, als ich sie am Flughafen abgeholt habe. Heute trage ich lässige Jeans und ein dunkelgraues Longsleeve. Ein Outfit, das mich (das rede ich mir zumindest ein) sportlich wirken lässt. Während mich die Anzüge, die ich trage, wenn ich berufliche Termine habe, mindestens fünf Jahre älter und ziemlich spießig erscheinen lassen. Außerdem habe ich mich heute Morgen nicht rasiert.
   »Reiter, das ist Lilly – meine kleine Schwester«, stellt Micha uns vor, während Lilly mich böse anfunkelt.
   »Reiter? Ich dachte dein Name ist Jan?«, stellt sie kühl fest und streckt mir ihre Hand entgegen.
   Na super. Da geht sie hin, meine Hoffnung.
   »Kennt ihr euch etwa?«, will Lenny überrascht wissen.
   »Hi«, ignoriere ich Lennys Frage, wende mich an meine Blabla-Car-Bekanntschaft und nehme ihre Hand, die trotz der dicken Wollschichten eiskalt ist.
   »Nicht wirklich«, beantwortet sie schließlich die noch immer offene Frage und klingt dabei genervt, was ich ihr nicht verübeln kann. »Er hat mich vom Flughafen mit hierher genommen. Es ist mehr oder weniger eine Vierzig-Minuten-Bekanntschaft.«
   »Blabla-Car«, ergänze ich wie immer wortgewaltig, wenn ich mich nicht so richtig wohlfühle, und weil ich ohnehin nicht weiß, was ich darauf erwidern sollte. Small Talk fällt mir nie besonders leicht, schon gar nicht mit Leuten, denen ich am Gesicht ablesen kann, dass sie mich ziemlich beschissen finden.
   »Wie witzig ist das denn?«, freut sich Micha über diesen Zufall und bekommt von der Antipathie zwischen ihrer Schwester und mir nichts mit. Andererseits ist es Micha, überlege ich kurz, vielleicht überspielt sie es auch einfach gekonnt, um die Situation zu entspannen.
   Micha klatscht in die Hände. »Ich sag’ so eine Floskel ja nur ungern, aber die Welt ist halt doch klein.«
   Aus den Augenwinkeln nehme ich wahr, wie Michas Schwester an ihrem zu großen Pulli herumzuppelt.
   »Moment«, platzt es jetzt lachend aus Micha heraus und sie flüstert Lilly etwas zu, das ich trotz ihrer Bemühung, leise zu sprechen, ohne Mühe verstehen kann. »Heißt das? Ist Reiter der Dummarsch von der Mitfahrgelegenheit?«
   Oh, wow! Ich scheine ja wirklich bleibenden Eindruck hinterlassen zu haben. Irgendwie amüsiert mich das Ganze schon fast wieder, vor allem, weil Michas kleine Schwester aussieht, als wollte sie im Boden versinken.
   Um es meiner Blabla-Car-Bekanntschaft nicht noch schwerer zu machen – die betrachtet mittlerweile konzentriert die Fliesen auf dem Boden, vermutlich um der peinlichen Situation zu entfliehen –, beschließe ich zum Wohle aller, Michas Bemerkung überhört zu haben.
   »Also?«, ergreife ich das Wort. »Bleiben, Gehen, Feiern, Nicht Feiern? Klärt mich auf.«
   Micha erzählt mir, wie sich ihre Pläne in der Zwischenzeit geändert haben und was sie vorhaben. Ich nicke freundlich interessiert, während ich mir schon überlege, wie ich stattdessen meine Zeit verbringe und was ich alles abarbeiten kann. »Komm doch einfach mit uns!«, schlägt Micha am Ende ihrer Berichterstattung aus heiterem Himmel vor, als wäre dies die beste Idee, die sie seit Jahren hatte.
   »Wie mit euch?«, frage ich etwas überrumpelt.
   Plötzlich scheint auch Michas kleine Schwester mit all ihrer Aufmerksamkeit dem Gespräch zu folgen, und sie sieht alles andere als glücklich aus.
   »Na, mit uns nach Hause. Ich meine, du bist ohnehin schon hier und hast Urlaub und keine Termine. Und wann hast du das letzte Mal eine Reise unternommen, die nichts mit deiner Arbeit zu tun hatte? Wir könnten den Weihnachtsmarkt in Nürnberg und den in Straßburg besuchen. Und …« Es sprudelt geradezu aus Micha heraus. Also entweder freut sie sich wirklich so sehr, oder sie hat Angst, mich um die Weihnachtszeit unbeaufsichtigt zu lassen.
   »Was sagst du?«, fragt Micha erneut, als ich nicht sofort reagiere.
   »Hör’ mal, Reiter, ich weiß das entspricht nicht unbedingt deinem Geschmack. Aber wir haben uns schon ewig nicht mehr gesehen. Wir könnten mal wieder zusammen ein paar Bierchen leeren und uns unterhalten. Ich wäre schwer begeistert, Unterstützung zu haben in Bäumchens-Weihnachtswahnsinn.«
   »Bäumchen?«, frage ich mit hochgezogener Augenbraue.
   »Mein Mädchenname«, erklärt Micha. »Ach, bitte … Meine Eltern haben genug Platz. Deswegen brauchst du dir also keinerlei Sorgen machen. Wir haben super oft Besuch.«
   »Komm schon, Alter! Wir machen auch eine Christbaumlobentour, wenn du willst«, bietet Lenny großzügig an und wippt verschwörerisch mit den Augenbrauen.
   Ich muss bei dem Gedanken an unsere verhängnisvolle Tour in den alten Zeiten und den anschließenden Kater lachen. Ich will nicht lügen, ich hätte wirklich Lust, mal wieder Zeit mit Lenny zu verbringen und ein paar mehr oder weniger sinnlose Männergespräche zu führen. Aber so ein Familienfest ist definitiv nicht mein Ding. Weihnachten bei Lenny und Micha zu feiern hatte mich ja schon Überwindung gekostet, aber bei völlig fremden Menschen zu Hause?
   »Hört mal, Leute, das ist wirklich nett von euch, aber …«, fange ich an und nehme aus Richtung der Rentiersocken erleichtertes Aufatmen wahr.
   »Tja. Bäumchens-Weihnachtswahnsinn ist nun mal nichts für schwache Gemüter!«, lässt Michas Schwester mich mit einem schwer zu deutenden Grinsen wissen, nur um dann sofort wieder auf ihren PC-Bildschirm zu starren.
   »Da hat sie definitiv recht! Aber es lohnt sich …« Lenny lacht, der wohl aus Erfahrung spricht.
   »Bäumchens-Weihnachtswahnsinn, hm?«, frage ich.
   »Ist das ein Ja?« will Micha sofort wissen. »Nur um weitere Missverständnisse vorzubeugen. Bitte antworte in einem ganzen Satz.«
   »Er überlegt noch Liebling. Du kennst ihn doch«, flüstert Lenny seiner Frau viel zu laut entgegen.
   »Was soll’s«, beschließe ich, einem plötzlichen Impuls folgend und beobachte dabei genau die Reaktion von Lennys Schwägerin. Ich bin, was Zwischenmenschliches anbelangt, vielleicht kein Experte, aber um zu erkennen, dass ihr meine überraschende Teilnahme an diesem Trip total gegen den Strich geht, brauche ich das auch nicht zu sein. Trotzdem oder vielleicht auch genau deswegen, bestätige ich noch einmal meinen Entschluss. »Wo ich schon mal hier bin. Ich komme mit.«

Eine wertvolle Geheimwaffe
Lilly

»Hättest du gedacht, dass er wirklich mitkommt?«, flüstert Micha Lenny zu. Vermutlich um die Kinder nicht zu wecken.
   Ich sitze hinten zwischen den Kleinen, die durch die lange Fahrt und die Aufregung des Tages alle im Halbschlaf liegen. Jan fährt mit seinem Mietwagen hinterher, denn trotz der Familienkutsche war nicht mehr genug Platz für ihn, worüber definitiv ich und vielleicht auch er ganz froh ist.
   Ich habe schon genug Probleme mit meiner Nicht-mehr-Beziehung, da brauche ich diesen Kerl nicht auch noch um mich herum zu haben.
   »Reiter? Niemals, ich hab’ ja noch nicht mal geglaubt, dass er überhaupt zu uns zu Besuch kommen würde«, gibt Lenny zu. »Ich dachte, er verkriecht sich wie letztes Jahr unter einem Haufen Akten und geht auf eine Stippvisite bei seiner Mutter vorbei.«
   »Das ist so untypisch für ihn … Aber na ja …, er war schon immer für Überraschungen gut.«
   »Woher kennt ihr euch eigentlich?«, frage ich nach vorn, denn meine Neugierde über das ungleiche Freundepaar lässt mir keine Ruhe. Lenny ist so ein lieber Kerl, und Jan so … so unnett eben.
   »Wir haben in Berlin während des Studiums fast drei Jahre in einer WG gewohnt. Die beste WG aller Zeiten«, schwärmt Lenny.
   »Wie kommt’s, dass ich ihn nicht kenne?«, frage ich.
   »Na ja, wie das halt manchmal so ist. Ich bin dann mit Micha zusammengezogen. Und seit wir kurz darauf Paul gekriegt haben und er schließlich auch mit seiner Freundin zusammenzog, sehen wir uns leider nicht mehr sehr häufig.«
   »Der hat eine Freundin?« Ich klinge gemeiner als beabsichtigt. Auch wenn ich diesen Kerl nicht mag, so ist er immerhin noch Michas und Lennys Freund, weshalb ich vielleicht etwas weniger voreingenommen sein sollte.
   »Ach, komm schon, Lilly. Gib ihm ’ne Chance. Er ist echt nicht so übel wie du glaubst«, verteidigt Micha den gemeinsamen Bekannten und lacht. »Man muss ihn eben erst etwas besser kennen, ehe man ihn lieben lernt.«
   »Hatte«, verbessert mich Lenny. »Er hatte eine Freundin.«
   »Na, das wundert mich nicht«, motze ich trotz meines eben gefassten Vorsatzes. »Was ist passiert?«, frage ich daher etwas versöhnlicher.
   »Wie das eben manchmal so läuft«, antwortet Lenny mit einem Seufzer. »Er arbeitete nach dem Studium sehr viel – war geschäftlich häufig unterwegs. Er hat nur noch seine Mutter, musst du wissen, und die kann aus gesundheitlichen Gründen schon lange nicht mehr arbeiten gehen. Sein Vater ist abgehauen, da waren er und sein Bruder noch klein. Darüber hat er aber nie viel erzählt. Genau weiß ich es also nicht. Jedenfalls, er hat sich sein gesamtes Studium über und natürlich auch danach selbst finanziert und dabei noch versucht, seine Mutter zu unterstützen. Na ja, und Sonja – seine Freundin – war wohl dann irgendwie …, wie soll ich sagen …, einsam …, hat sich vernachlässigt gefühlt.«
   »Einsam?« Ich glaube zu wissen, was Lenny mit dem Wort zu umschreiben versucht.
   Micha dreht sich zu mir nach hinten. »Seine Freundin hat ihn betrogen – mit seinem Bruder …«, klärt sie mich mit gedämpfter Stimme auf, in der jede Menge Mitleid, aber auch Verachtung für Jans Bruder mitschwingt.
   Bei dem Wort ‚Betrogen‘ spüre ich augenblicklich einen heftigen Stich in meinem Herz und muss an Niels denken. »Oh«, sage ich daher nur.
   »Ja. Oh«, stimmt Lenny zu. »Ich versteh’s ehrlich gesagt bis heut nicht. Klar, die Arbeit hat einen Großteil seiner Zeit in Anspruch genommen, aber er hat die Frau auf Händen getragen … ernsthaft! Wir haben damals jeden Augenblick mit einer Hochzeitseinladung gerechnet.«
   »Wann war das?«, will ich wissen.
   »Vor zwei Jahren – am Tag vor Heiligabend.«
   O mein Gott. Plötzlich überkommt mich eine Welle des Mitgefühls für diesen ätzenden Kerl. Ich weiß ganz genau, wie er sich damals gefühlt haben muss. Und dann auch noch der eigene Bruder, der einem so in den Rücken fällt. Kein Wunder, dass er so unausstehlich ist. Da habe ich bei unserer Fahrt ja punktgenau die richtigen Themen angesprochen. Geschwister und Weihnachten.
   Lenny durchbricht meine Gedanken. »Irgendwie Klischeehaft … Oder noch schlimmer, wie in diesem Kitschfilm Tatsächlich Liebe! In dem Collin Firth einen Schriftsteller spielt, dessen Freundin mit seinem Bruder schläft, während er auf einer Hochzeit ist.« Ich sehe im Rückspiegel, wie Lenny die Augen verdreht.
   »Lenny! Das ist der schönste Weihnachtsfilm aller Zeiten! Wie kannst du es wagen?«, platzt es aus Micha und mir heraus, ohne dabei die schlafenden Kinder zu berücksichtigen.
   »Jetzt geht das wieder los …«, murmelt er vor sich hin, in dem Wissen was kommt.
   Und er hat recht. Sofort fangen meine Schwester und ich an unsere Lieblingsszenen zu zitieren. Unsere Darbietung wird dabei unterstützt durch regelmäßige Qietschanfälle wegen irgendwelcher romantischen Szenen. Zum Glück lassen sich die Kleinen kein bisschen davon beeindrucken und schlafen seelig weiter.

Jan

O Mann, … was hab’ ich mir dabei nur gedacht?
   Ich sitze hinter dem Steuer meines Mietwagens und fahre Lennys Familienkutsche hinterher in Richtung Nürnberg. Ich weiß nicht, was mich geritten hat, aber irgendwas an Michas kleiner Schwester – ihrem Blick oder ihren Worten hat mich herausgefordert, und ich habe ohne weiter nachzudenken diesem Höllentrip zugesagt. Vielleicht um ihr zu zeigen, dass ich kein so übler Kerl bin, wenn ich nicht gerade einen stundenlangen Flug hinter mir habe, müde und hungrig bin, unter Zeitdruck stehe und mein cholerischer Chef seine schlechte Laune zuvor eine Stunde lang an mir ausgelassen hat, weil irgendjemand wieder wichtige Unterlagen nicht weitergeleitet hat (vermutlich war er es selbst) und ich deswegen mit fehlenden Informationen bei den Verhandlungen sitze und schlecht aussehe. Mal ganz unabhängig davon, dass meine grässliche Laune zumindest teilweise sogar berechtigt war, weil ich ihr hinterherfahren musste und deswegen zu spät zu meinem Meeting kam. Und weil sie mich dann auch noch zielsicher auf genau die Themen angesprochen hat, die ich seit zwei Jahren sorgfältig versuche zu umschiffen: Weihnachten und mein Bruder …
   Ich schalte die Freisprechanlage an und wähle die Kurzwahltaste zwei.
   »Hallo?«, höre ich die Stimme meiner Mutter.
   »Ja. Hi, ich bin’s. Ich wollte nur mal hören, ob’s dir gut geht? Ob sich dein Jüngster auch um dich kümmert oder ob er dir nur Arbeit macht?«, frage ich und vermeide es den Namen meines Bruders auszusprechen, denn ich befürchte nach wie vor, meine Mutter würde den Ärger in meiner Stimme bemerken.
   »Schön, dass du anrufst, Jan. Mir geht’s so weit ganz gut. Das Übliche eben, aber ich möchte mich nicht beschweren. Tomi ist gestern Abend angekommen. Und er hat seine neue Freundin dabei. Sie ist wirklich sehr nett. Anne heißt sie. Schade, dass du nicht auch hier bist, jetzt wo sogar Tomi mal zu Hause ist. Ich hätte euch gern wieder einmal gemeinsam hier.«
   Während meine Mutter spricht, versuche ich im Geiste zu überschlagen, die wievielte »neue« Freundin meines Bruders das mittlerweile ist, doch gebe das Unterfangen schnell auf.
   »Stell dir vor, sie sind gerade für mich einkaufen gefahren. Ich glaube, sie hat einen guten Einfluss auf deinen Bruder. Sie wollen sogar das Weihnachtsessen an Heiligabend für uns kochen, kannst du dir das vorstellen?« Ich höre die Freude in der Stimme meiner Mutter und bin wieder einmal froh, dass sie nichts von dem ganzen Schlamassel zwischen meinem Bruder und mir mitbekommen hat und ich ihr nie gesagt habe, wieso zwischen mir und Sonja Schluss war.
   »Klingt super«, versuche ich mich mit ihr zu freuen.
   »Gestern ist ein Paket von dir angekommen. Das ist aber sehr groß. Ist das wirklich für mich?«
   »Klar. Sag’ deinem Jüngsten er soll’s dir unter den Christbaum legen, damit das alles auch seine Ordnung hat«, erkläre ich und bin zufrieden, als ich das leise Lachen meiner Mutter vernehme.
   »Also wie gesagt, ich bin über die Feiertage bei Freunden – Lenny und seiner Frau, vielleicht erinnerst du dich ja noch an ihn. Wir haben zusammen in der WG gewohnt. Wie versprochen: keine Arbeit an Weihnachten«, füge ich hinzu und fühle mich kurz wieder wie ein kleiner Junge.
   »Das ist gut. Du solltest besser auf dich achtgeben, weißt du! «
   Wenn meine Mutter das sagt, dann meint sie damit immer, ich soll mir endlich wieder ein Privatleben zulegen. Ich für meinen Teil finde es aber ganz in Ordnung, wie es gerade ist.
   »Mach ich schon«, blocke ich das Thema ab, ehe es richtig zur Sprache kommen kann. »Also … Ich melde mich wieder – ich muss mich jetzt auf die Straße konzentrieren. Schöne Weihnachten euch drei!«
   »Danke, Jan. Das wünsche ich dir auch. Pass auf dich auf.«
Lilly
Nürnberg, 19. Dezember 2018, 19 Uhr

»Ja … Ela? Ja, ich bin’s. Micha … Ja …, nein, es ist alles in Ordnung. Du sag’ mal, wo seid ihr denn gerade? … Zu hause? Ja, das ist doch super. Denn …, also, es ist so … wie sag’ ich das jetzt am besten? Wir stehen vor eurer Tür …, ja …, oh, wir? Also, das bedeutet Lenny, die Kleinen, ich, Lilly und … Ja, Lilly …«
   Während Micha noch in ihr Telefon spricht, sehe ich Ela schon, wie sie in der Haustür steht und verwirrt in unsere Richtung schaut. Sie hebt die Hände in die Höhe und formt mit ihren Lippen: »Was um alles in der Welt?«
   Hinter ihr streckt jetzt auch Tamara ihren Kopf durch die Haustür, die sofort nach draußen huscht und unsere Autotür aufreißt.
   »Was macht ihr denn hier?«, ruft sie fröhlich. »Das ist ja eine riesen Überraschung.
   Ela, wusstest du das?« Ela steht immer noch etwas verdutzt in der Tür, kommt dann aber schließlich auch auf uns zu.
   »Hi Tamara, hi Ela«, sage ich kleinlaut in dem Wissen, dass ich und mein Plan der Grund für diese Aufregung sind.
   »Küken – hey, wie kommst du denn plötzlich nach Deutschland? Lass dich drücken!« Tamara schlingt ihre langen, dünnen Arme um mich, und ich bin einmal mehr froh, dass meine manchmal etwas mürrische Schwester Ela eine so herzliche Frau gefunden hat. Manchmal scheint es wohl zu stimmen, dass sich Gegensätze anziehen.
   Nachdem alle »Ist wirklich nichts passiert«- Fragen und freudigen Willkommensumarmungen ausgetauscht sind, sitzen wir auf dem riesigen Sofa in Elas und Tamaras Loft und erklären, wieso wir hier sind.
   Jan war zu einem Hotel gefahren, denn er war der Meinung bei so einem spontanen Überfall müsse nicht auch noch ein Fremder an Bord sein, womit er natürlich recht hat. Micha und Lenny hatten ihm aber das Versprechen abgenommen, noch gemeinsam eine Runde auf den Nürnberger Christkindelsmarkt zu gehen, nachdem sich alle Beteiligten entweder vom Schock oder der Reise erholt haben.

Ela reagiert genau wie Micha als sie zum ersten Mal von meiner Idee hörte.
   »Wir sollen was?« Energisch schiebt sie ihr geglättetes, dunkles Haar, das sie als Bob trägt, auf beiden Seiten hinter das Ohr.
   »Wir dachten, wir packen euch ein und ihr verschiebt euren Urlaub«, erklärt Micha gespielt leichthin.
   »Verschieben? Du meinst stornieren, Micha! Weißt du was das kostet? Allein die Flüge nach Fuerteventura für uns zwei kosten schon achthundert Euro. Das kann man doch nicht so einfach abblasen. Ich bin doch nicht Krösus!«
   »Ich weiß doch. Und glaub mir, wie Lilly plötzlich vor unserer Tür stand, habe ich genauso reagiert. Ich hatte schon alles geplant gehabt und Gäste eingeladen. Einen haben wir sogar mitgebracht.«
   Tamara fängt an zu lachen. »Ihr habt einen eurer Gäste dabei?«
   »Lange Geschichte. Später mehr«, erklärt Lenny und winkt ab.
   Jetzt schalte ich mich ein. »Ich weiß, Ela, dass das eine total bescheuerte Idee ist. Und ich weiß auch, dass ihr alle eure Pläne habt. Aber wann haben wir denn das letzte Mal alle gemeinsam Weihnachten gefeiert? Denk doch mal an früher – wie schön das war. Unsere Traditionen.«
   »Lilly, das ist ja wirklich süß von dir, aber wir sind mittlerweile alle erwachsen. Wir sitzen nicht mehr alle ungeduldig im Hausflur und warten, bis die Musik angeht und sich auf geheimnisvolle Weise die Tür zum Weihnachtszimmer öffnet.«
   Während Ela spricht, sehe ich das Bild, das sie malt, genau vor mir.
   »Du sagst das so, als würde das alles nichts mehr bedeuten, wenn man erwachsen ist. Doch was ändert sich denn? Nichts. Wir sind älter, ja. Aber wir wollen immer noch das Gleiche. Und das ist, mit allen, die wir lieben, gemeinsam Heiligabend zu verbringen. Ihr könntet doch den Flug einfach nach hinten schieben und später losfliegen, oder?«
   »Hm …, möglich wäre das sicher«, schaltet sich Tamara ein, die jedoch augenblicklich von ihrer Frau einen bitterbösen Blick erntet für diesen Hochverrat.
   »Ihr seid doch alle verrückt«, schimpft Ela, der zwar die Argumente ausgehen, die jedoch nicht gewillt ist, der Laune ihrer kleinen Schwester nachzugeben.
   »Hol die Geheimwaffen«, flüstere ich Micha zu.
   »Was?«
   »Du weißt schon. Deine vier Geheimwaffen«, gebe ich ihr einen neuen Hinweis und wippe dabei verschwörerisch mit meinen Augenbrauen.
   »Oh …, ja!«, haucht Micha, die augenblicklich aufsteht und ins Gästezimmer verschwindet. Während wir weiterargumentieren und, wie ich finde, große Fortschritte machen, da Tamara zu unserem Glück auf unserer Seite steht, (für spontane Ideen ist die sowieso immer zu haben), kommt Micha mit den vier Kindern die Treppe herunter.
   Ela ahnt noch nichts von der drohenden Attacke. Tamara dagegen hält sich ihre Hand vor den Mund, um ein Lachen zu unterdrücken.
   Ich würde zu gern wissen, was Micha den vieren gesagt hat. Rosi hüpft auf Elas Schoß. Theo und Paul setzen sich neben sie und Kathi setzt sich auf ihre Füße.
   »Oh, nein, nein, nein …, das könnt ihr vergessen!« Nun merkt auch Ela, was ihre Schwester geplant hat und versucht erfolglos aufzustehen. Mit ihren Lippen formt sie »Du Teufel« in Michas Richtung, damit es die Kinder nicht hören können.
   »Tante Ela«, beginnt Rosi nun unschuldig und formt mit ihren Händen einen Lautsprecher um ihren Mund in Richtung Elas Ohr.
   Irgendwie habe ich fast Mitleid mit Ela. Sie hat keine Chance mehr gegen die geballte Überzeugungskraft von vier süßen Kleinkindern.
   »Du musst mitkommen, denn weißt du …” Und dann fängt die Kleine an, das Lied Love Is All Around in der Version aus Tatsächlich Liebe zu singen und wackelt dabei mit Fingern und Zehen. Wir anderen stimmen automatisch mit ein.
   Micha ist wirklich noch gewiefter als ich dachte. Wenn es eine Sache gibt, die Ela an Weihnachten liebt, dann ist es der alte, abgewrackte Popstar aus Tatsächlich Liebe, der aus diesem zu Weihnachten umgetexteten Lied versucht einen Nummer-eins-Hit zu machen.
   »Ich glaub’s ja nicht. Ihr seid ja durchtrieben!«, ruft Ela, zerzaust Rosi das Haar und bricht dabei in schallendes Gelächter aus. »Vor euch muss man sich ja in Acht nehmen!«
   Lenny klatscht mit den vier Zwergen nach der getanen Arbeit ab, und wir stimmen in Elas Lachen mit ein.
   »Ich brauch ’nen Drink!«, ruft Ela theatralisch.
   »War das jetzt ein Ja?«, raune ich Tamara zu.
   »Gib ihr mal noch ’n paar Stunden, sich an den Gedanken zu gewöhnen«, entgegnet sie mit einem Zwinkern. »Ich für meinen Teil, pack schon mal meine leichten Sachen aus und dicke Klamotten ein.«
   »Jey«, quietsche ich und kneife Tamara wie ein kleines aufgeregtes Kind in ihren Arm.
   »Na los! Schnappt eure Sachen. Wir gehen jetzt Glühwein trinken«, befiehlt Ela und wendet sich dann mit einem Zwinkern an die Kleinen. »In eurem Fall Punsch, und wenn ihr versprecht, mich nicht mehr zu manipulieren auch ’ne Waffel.«

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