Laura hat zwei große Leidenschaften: Italienische Küche und Malen! Mit einem Job als Kellnerin in einem Ristorante hält sie sich finanziell über Wasser, die übrige Zeit opfert sie ihrem Studium an der Universität. In ihrer Familie gilt sie als schwarzes Schaf, das nur für sein Vergnügen lebt und mit familiären Pflichten nichts am Hut hat, bis ihre ältere Schwester Victoria im Krankenhaus landet. Können sich Pinseläffchen im echten Leben bewähren?

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Caroline Messingfeld

Caroline Messingfeld
Caroline Messingfeld lebt in einem gemütlichen Landhaus mit einem weitläufigen Cottage-Garten in der Nähe von Bad Nauheim in Hessen. Nach dem Abitur absolvierte sie eine kaufmännische Ausbildung und mehrere Studiengänge. Danach entschied sie sich für eine krisensichere Laufbahn im Öffentlichen Dienst. Neben ihrer wissenschaftlichen Arbeit schreibt sie in ihrer Freizeit heitere Liebesromane.

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... oder sofort „hineinschnuppern“

Kapitel 1

Punkt, Punkt, Komma, Strich. Fertig ist das Mondgesicht. Noch drei Haare oben dran, sieht es aus wie ein …
   »Was machst du eigentlich die ganze Zeit, Laura?« Fassungslos starrt meine Nachbarin auf meinen Skizzenblock. »Also, ganz ehrlich: Wie ein Akt sieht das nicht gerade aus.«
   »Ähm.« Peinlich berührt schlage ich die Augen nieder. Eigentlich sollte ich meinen Blick für die Facetten des menschlichen Körpers schärfen und mich im Zeichnen von Anatomie und Proportionen üben. Stattdessen habe ich nur Unfug im Kopf und munter vor mich hingekritzelt. Manchmal bricht mein Temperament mit mir durch. Dagegen ist nichts einzuwenden, wenn ich mich in meiner Freizeit austobe. Heute hocke ich mitten in der Pampa. Es ist bereits halb neun Uhr abends, und irgendwann sollte ich vom Campus nach Hause gehen. Möglichst, bevor es Mitternacht geworden ist und die Geister der verstorbenen Koryphäen durch ihren alten Wirkungskreis toben. Mit heißen Wangen konzentriere ich mich auf die vorgegebene Aufgabe. Wir sitzen in der Klasse von Professor Freitag und sollen einen weiblichen Akt zeichnen. Auf einem Podest liegt eine unbekleidete Frau und rührt sich nicht. Sie sieht ziemlich müde aus. Gerade steht sie auf und nimmt eine andere Pose ein. Wahrscheinlich sind ihr die Füße eingeschlafen. Vielleicht auch andere Körperteile. Auf jeden Fall ist das Lächeln auf ihrem Gesicht eingefroren, das ich gerade für die Ewigkeit oder zumindest für diese Unterrichtseinheit festhalte.
   Ein schrilles Klingeln reißt mich aus meinen Überlegungen. »Kommen Sie langsam zum Ende«, mahnt eine tiefe Stimme im Hintergrund und jagt mir eine Gänsehaut über den Rücken.
   Vor Schreck gerät mein Zeichenbrett ins Wackeln. O nein, habe ich die letzte Stunde vor mich hingeträumt? Ist es wirklich schon so spät? Mein Skizzenblock sieht so weiß aus wie die Haut des genervten Models. Ich muss diese Arbeit unbedingt fertigstellen, sonst habe ich ein Riesenproblem. Womöglich muss ich meine beste Freundin Pia bitten, die Hüllen für mich fallen zu lassen und auf dem Küchentisch zu posieren. Dieser Auftritt wäre mir peinlich. Ihrem Freund bestimmt auch. Wer möchte seine Liebste in der Öffentlichkeit sehen, nackt wie Gott sie schuf? Ein Shooting im »Playboy« ist in unserem Studienplan nicht vorgesehen. Auch wenn Pia locker als »schönste Studentin Deutschlands« durchgehen und für glänzende Augen bei allen Lesern der BLÖD-Zeitung sorgen könnte. Wir wollen unseren Weg weit weg vom »Bachelor«, »Big Brother« und »Dschungelcamp« machen. Trash-Sendungen sind nur was für gescheiterte Existenzen, die nichts in ihrem Leben auf die Reihe kriegen und von einem TV-Format zum nächsten durchgereicht werden. Wenn ich meine Arbeit nicht abgebe und eine Sechs kassiere, müsste ich mich wohl oder übel in dieses Lager einreihen. Also mach hinne, Laura, feuere ich mich an. So schwer ist das Aktzeichnen nicht. Jedenfalls nicht, wenn es um ein weibliches Modell geht. Du bist ein Mädchen. Also haste alles tausendmal im Spiegel gesehen. Busen, Bauch und Po - geschafft. Jetzt fehlen noch die Beine …
   Eifrig wische ich mit der Zeichenkohle über das Papier und kämpfe tapfer gegen meine aufsteigende Panik an. Menno, dieses durchdringende Klingeln macht mich nervös. »Ich brauch Ruhe, sonst wird das nix, verdammt noch mal!« Mit einem wütenden Schrei fahre ich in die Höhe und fuchtele mit den Händen in der Luft herum. Das erwartete Echo meiner Kommilitonen bleibt aus. Irritiert schaue ich mich nach allen Seiten um. Wo bin ich denn hier gelandet? Auf keinen Fall im überfüllten Zeichensaal, sondern in meinem gemütlichen Zimmer. Gott sei Dank, dann habe ich alles nur geträumt. Beruhigt lasse ich mich wieder in die weichen Kissen fallen, aber der Lärm lässt nicht nach. Auch wenn ich mir meine Decke über den Kopf ziehe, kann ich das permanente Klingeln an der Wohnungstür nicht überhören.
   Zeitgleich setzt das laute Schimpfen meiner besten Freundin Pia ein, mit der ich mir eine Bude in Berlin teile. »Bist du schwerhörig, Laura? Los, mach endlich die Tür auf!«
   »Warum machst du es nicht selbst?«, gebe ich schlecht gelaunt zurück und setze mich ein zweites Mal in meinem Bett auf. »Du scheinst ja schon auf den Beinen zu sein.«
   »Unmöglich. Ich stehe gerade unter der Dusche.«
   Tatsächlich. Wenn ich die Ohren spitze, höre ich das Wasser im Badezimmer rauschen.
   »Unser Besucher wird schon nicht blind werden, wenn er dich nackt sieht«, motze ich vor mich hin und werfe einen Blick auf meinen Wecker. Ich bin todmüde. Es ist Samstag. Neun Uhr morgens. Also mitten in der Nacht. Jedenfalls für eine wilde Studentin, die wieder mal die Nacht zum Tag gemacht hat.
   Die Antwort von Pia lässt nicht lange auf sich warten. »Bei dir hackt es wohl. Mach dich auf die Socken, oder du kannst was erleben.«
   Widerstrebend verlasse ich mein kuscheliges Bett und tapse mit nackten Füßen über den Flur. Vorsichtshalber lege ich die Kette vor, öffne die Tür einen winzigen Spalt breit und spähe mit meinen verquollenen Augen hinaus. »Ja, bitte?«
   »Guten Morgen.« Missbilligend schaut unser Postbote mich an. »Hab ich dich geweckt?«
   »Ja, mitten aus meinem Schönheitsschlaf«, gebe ich zu, entferne die Kette und öffne die Wohnungstür. »Jetzt sind Sie schuld, wenn ich den ganzen Tag mit dicken Rändern unter den Augen herumlaufen muss.«
   »In deinem Alter kann man diese Störungen verkraften.« Demonstrativ hält er mir einen dicken Brief unter die Nase. »Heute hab ich ein Einschreiben mit Rückschein für dich. Bitte hier quittieren.«
   Meine Neugierde ist geweckt. Sofort greife ich nach dem Kugelschreiber und kritzele meinen Namen auf das Formular. Laura Stegemöller. Hach, wenigstens weiß ich noch, wie ich heiße. Dann sind bei meiner letzten Aktion nicht alle Gehirnzellen auf einen Schlag abgestorben.
   »Sag mal, hast du heute Nacht durchgemacht?« Kritisch mustert er mich von oben bis unten, und ich zupfe verlegen an meinem verwaschenen Schlafshirt. Pia wäre garantiert eingeschnappt. Ich kann unserem Postboten seine unverblümten Worte nicht übel nehmen. Wir kabbeln uns immer, wenn wir uns über den Weg laufen. Ich mag unseren Postboten. Mit seinem runden Gesicht und dem stattlichen Schnurrbart erinnert er mich an ein dickes, gemütliches Walross, das nichts aus der Ruhe bringen kann.
   »Schön wäre es gewesen!« Ich stöhne dramatisch. »Ich habe geackert. Bis drei Uhr morgens war ich sprayen. In der Walachei, auf einem stillgelegten Fabrikgelände, wenn Sie es genau wissen wollen.«
   »Wie bitte?« Unser Postbote legt seine Stirn in Falten und sieht mich streng an. »Ist dir klar, dass diese Aktionen verboten sind?«
   Ich bin zwar blond, aber nicht blöd. »Na sicher. Eine wissenschaftliche Hilfskraft war übrigens auch dabei. Graffiti gehört zu meinem Studienplan.«
   »Du lernst merkwürdiges Zeug an der Universität.« Während er ungläubig seinen Kopf schüttelt, schnappe ich mir mein Handy, das noch auf der Garderobe im Flur liegt, und drücke wild auf den Tasten herum. Dann halte ich ihm mein Lieblingsspielzeug unter die Nase und zeige ihm meine Aufnahmen. »Wollen Sie mal gucken?«
   »Ja, klar.« Interessiert scrollt er sich durch alle Fotos, die meine Meisterleistungen als aufstrebende Graffiti-Künstlerin zeigen. Zunächst habe ich meinen Vornamen gesprayt. Er enthält nicht allzu viele Buchstaben, also hat mich diese Aufgabe nicht überfordert. Meine tanzenden Lettern im Ethno-Stil, die bekannte Motive aus dem Dschungelbuch aufnehmen, scheinen unserem Postboten zu gefallen. Ich ernte ein wohlwollendes Nicken. Nach dem Alphabet habe ich mich an andere Übungen gewagt. Der Blick unseres Postboten bleibt an einem Foto hängen, das das Gesicht einer jungen Frau zeigt. Um sich vor neugierigen Betrachtern zu schützen, trägt sie eine riesige pinkfarbene Sonnenbrille mit verspiegelten Gläsern. Ihr Gesicht habe ich in einem leichten Grünton gehalten, das mit dem satten Pink ihrer vollen Lippen kontrastiert. Ihre lila gefärbten Haare sind kurz geschnitten und flattern im Wind. Es ist mein Lieblingsbild, und ich bin sehr gespannt, wie die Meinung unseres Postboten ausfällt.
   »Hammer.« Er ist schwer beeindruckt. »Verrätst du mir den Titel?«
   »Pretty in Pink.«
   »Haste jut gemacht. Wie lange hält dat?«
   »Wenn ich Glück habe, bis zur nächsten Woche. Wahrscheinlich ist heute Abend Schicht im Schacht. Die nächste Gruppe kommt bestimmt.« Ich schneide ein finsteres Gesicht, und er nickt mir verständnisvoll zu.
   »Kunst ist wohl nicht für die Ewigkeit gemacht.«
   »Leider nicht«, gebe ich offen zu. »Wenigstens haben wir unseren Spaß.«
   »Das ist die Hauptsache, Kindchen. Ich muss weiter. Schönen Tag noch.«
   »Gleichfalls. Bis zum nächsten Mal.«
   Lässig lehne ich mich an die Wohnungstür und schaue unserem Postboten nach, wie er die Stufen ins Erdgeschoss hinabsteigt. Gleich wird er sich auf sein Fahrrad schwingen, zum nächsten Haus weiterradeln und mit einer anderen redseligen Bewohnerin ein Schwätzchen halten. Eigentlich hat er einen schönen Beruf. Er ist immer an der frischen Luft, kommt viel herum, und er kann was erzählen, wenn er wieder zu Hause ist.
   »Wer war das?«
   »Der Postbote.« Hastig schließe ich die Wohnungstür und drehe mich um. Hinter mir steht Pia, meine beste Freundin. Sie stammt aus Schleswig-Holstein, ist ein Jahr älter als ich und viel vernünftiger. Vielleicht liegt es daran, dass sie nach dem Abitur eine verkürzte Ausbildung zur Tourismuskauffrau gemacht hat. Ihre berufliche Karriere verfolgt Pia sehr zielbewusst. Sie möchte unbedingt im Tourismus-, Hotel- und Event-Management arbeiten. Deshalb hat sie sich für den entsprechenden Bachelor-Studiengang eingeschrieben. Später will sie das alteingesessene Strandhotel ihrer Eltern in St. Peter-Ording übernehmen. Ihre Zukunftsplanung ist glasklar, während für mich alles in den Sternen steht.
   Heute sieht Pia allerdings nicht seriös aus. Sie trägt einen weißen Bademantel und hat ein dickes Handtuch um ihren Kopf geschlungen. Unter ihrem Turban blitzen viele rosarote Papilloten hervor.
   »Bäh, willst du heute wieder auf Shakira machen?«, lästere ich. »Ist dieser Look auf dem Mist von Lennart gewachsen? Kannst du dir nicht einen Freund mit einem besseren Geschmack suchen?«
   Pia lässt sich nichts gefallen. Sie streckt mir die Zunge raus. »Dafür siehst du aus wie ein Wischmopp. Du machst gar nichts aus dir. Wenn ich so tolle Naturlocken hätte wie du, würde ich sie mir bis zur Hüfte wachsen lassen und …«
   »Dann würdest du jeden Tag heulen«, vollende ich den Satz. »Das Kämmen tut nämlich höllisch weh.«
   »Hast du es deshalb aufgegeben?«
   Fast. Was ein schickes Hairstyling angeht, bin ich ein hoffnungsloser Fall. Meine Mähne ist dick wie Pferdehaar und lässt sich schwer bändigen. Sie ist genauso widerspenstig wie ich. Wenn ich aus meinem Bett steige, ist es besonders schlimm. Dann stehen meine wirren Locken in alle Himmelsrichtungen ab.
   »Träumst du wieder im Stehen? Oder rückst du noch mal mit der Sprache raus?«, will Pia wissen und holt mich in die Gegenwart zurück. »Ist die Post für dich oder für mich?«,
   »Für mich.«
   »Was steht denn drin?«
   »Woher soll ich das wissen? Röntgenaugen hab ich nicht.«
   »Mensch, Laura. Was ist denn mit dir los? Brauchst du heute eine Extraeinladung?« Genervt verdreht Pia ihre Augen. »Los, guck schon nach!«
   »Okay.« Mit klopfendem Herzen öffne ich den dicken Umschlag und falte das Anschreiben auseinander. Meine Augen gleiten über den Text. Eine Minute später hüpfe ich ausgelassen durchs Zimmer. »Ich hab gewonnen.«
   »Schon wieder?« Pia kann es nicht fassen.
   Ich verstehe es ja selbst nicht, dass Fortuna mich als ihr liebstes Kind betrachtet. Seitdem ich vor einem halben Jahr ein schickes Hollandrad bei einer Geschäftseröffnung gewonnen habe, hat mich das Jagdfieber gepackt. Keine Illustrierte ist mehr vor mir sicher. Ständig mache ich bei interessanten Preisausschreiben mit und freue mich über die tollen Präsente, die uns ins Haus geliefert werden. Fast alles, was in unserer Bude steht, ist nicht gekauft, sondern gewonnen. Ein klitzekleiner Fernseher, ein Sandwicheisen, ein Staubsauger, mehrere Garnituren Bettwäsche und unsere neuen Bademäntel gehen auf mein Konto. Zu Weihnachten habe ich sogar ein nagelneues Kochtopfset für unsere Küche ergattert. Pia kann sich nicht beklagen. Meine finanziellen Mittel sind begrenzt. Trotzdem hübsche ich unseren gemeinsamen Haushalt auf. Sogar die drei Grünpflanzen auf dem Fensterbrett in meinem Zimmer habe ich bei einer Verlosung in einem Gartencenter abgeräumt. Inzwischen sehen sie etwas mickrig aus, weil ich nicht den grünen Daumen besitze. Trotzdem liebe ich sie heiß und innig.
   Nur unsere schlichten Möbel stammen aus einem bekannten schwedischen Möbelhaus. Lennart, Pia und ich haben sie im Schweiße unseres Angesichts aus dem Laden getragen, quer durch Berlin gefahren, in den ersten Stock geschleppt und unter vielen Verwünschungen in unserer Bude aufgebaut. Gemeinsames Leid verbindet. Deshalb verstehen wir uns glänzend, auch wenn wir ganz unterschiedliche Menschen sind.
   »Was steht drin?«, will Pia wissen. »Unsere Waschmaschine macht es nicht mehr lange. Hast du zufällig den ersten Preis in einem Elektrofachmarkt abgeräumt?«
   »Nein«, sage ich bedauernd. Wenn unsere Waschmaschine ihren Geist aufgibt, werden wir unsere Klamotten zum wunderbaren Waschsalon um die Ecke tragen müssen. »Diesmal hab ich einen Reiseveranstalter heimgesucht.«
   »Wie geil ist das denn?« Pia ist begeistert. »Ab in den Urlaub. Und wohin?«
   »In die Toskana. Zwei Wochen Agriturismo in Palaia.«
   »Also Urlaub auf dem Bauernhof.« Pia rümpft die Nase. »Wo liegt denn dieses Kaff?«
   »Keine Ahnung. Ich werde den Ort mal im Netz suchen.«
   Mein Zimmer ist ziemlich klein. Gerade mal acht Quadratmeter. Viel Platz hab ich nicht zur Verfügung, aber ich bin nicht anspruchsvoll. Bett und Nachtschränkchen nehmen die linke Seite meines Zimmers ein, auf der anderen stehen eine schmale Kommode, ein Bücherregal und ein Kleiderschrank. Meinen Schreibtisch hab ich direkt unter das Fenster geklemmt. Der Ausblick ins Grüne ist das Beste vom ganzen Raum. Ich schaue in einen gepflegten Garten, in dem ich den Wechsel der Jahreszeiten beobachten kann.
   Jetzt setze ich mich auf meinen Stuhl, rücke ihn an den Schreibtisch heran und schalte mein Laptop ein. Die Suchmaschine weiß alles. Auch heute enttäuscht sie mich nicht. Auf dem Monitor erscheint ein idyllisch wirkendes Bild. Ich erkenne ein rustikales Haus, das garantiert mehrere Jahrhunderte auf dem Buckel hat. Im Garten ist ein kleiner Pool. Ringsherum sehe ich eine herrliche hügelige Landschaft. Die satten, warmen Farben schlagen mich sofort in ihren Bann.
   »Fantastisch!«, hauche ich entzückt. »Davon hab ich immer geträumt.«
   »Ich nicht. Lass mal schauen.«
   Kritisch lugt meine beste Freundin über meine Schulter. »Etwas viel Gegend, findest du nicht auch?«
   »Nö. Ich finde die Toskana himmlisch. In diesen Ferien werde ich stundenlang in der Sonne sitzen und malen können.«
   »Und dir einen Sonnenstich holen.« Pia bleibt auf dem Teppich. »Nimm bloß einen vernünftigen Menschen mit, der gut auf dich aufpasst.«
   »Wie wäre es mit dir? Hast du Lust, mich nach Italien zu begleiten?«, frage ich hoffnungsfroh. »Wir sind ein tolles Team.«
   »Lust schon, aber keine Zeit.« Bedauernd schüttelt Pia den Kopf. »Mein Studium hat absolute Priorität. Gestern habe ich eine Zusage für einen Praktikumsplatz in einem Fünfsterne-Luxusresort in Dubai bekommen. Im Herbst geht es los. Bis dahin muss ich reinklotzen.«
   »Das hast du ja noch gar nicht erzählt.« Entsetzt starre ich sie an. »Wie lange bist du weg?«
   »Ein halbes Jahr. Die Vergütung ist gar nicht schlecht. Ich kriege zweihundert Euro pro Woche, Kost und Logis sind frei. Die Hoteliers haben Apartments für alle Angestellten in einem nahe gelegenen Hochhauskomplex angemietet.« Die Augen von Pia haben einen schwärmerischen Glanz angenommen. »Bald werde ich ein Märchen aus Tausendundeiner Nacht erleben.«
   »Während ich mir den Kopf zerbreche, wie ich die Miete für unsere Wohnung aufbringen soll«, motze ich beleidigt. »Dann müssen wir eine geeignete Untermieterin finden, die sich auf einen befristeten Mietvertrag einlässt. Was ist mit deinem Freund? Lässt du ihn einfach sitzen?«
   »Davon war nie die Rede«, weist Pia mich scharf zurück. »Wir haben unsere Bewerbungen zur gleichen Zeit eingereicht. Lennart wartet noch auf seine Zusage. Drück uns bitte die Daumen, dass alles so klappt, wie wir es uns vorgestellt haben.«
   »Mach ich«, verspreche ich. Es ist bestimmt toll, gemeinsam in die Vereinigten Arabischen Emirate zu reisen und Land und Leute kennenzulernen. Der einzige Haken an dieser Sache ist: Ich werde mir doppelt verlassen vorkommen, wenn Pia und Lennart nicht mehr in Berlin sind. Dann bin ich auf mich allein gestellt. Meine widerstrebenden Gefühle werde ich Pia nicht auf die Nase binden. Schließlich will ich ihr nicht die Vorfreude auf ihr großes Abenteuer in Dubai verderben.
   »Reisen macht hungrig.« Pia denkt praktisch. »Beim Frühstück erzähle ich dir mehr, einverstanden?«
   »Okay.«
   »Gut. Könntest du den Tisch decken? Dann haue ich was Gutes in die Pfanne.«
   »Klar.« Mit dieser Aufgabenverteilung bin ich einverstanden. Backen und Kochen zählen nicht gerade zu meinen Hobbys. Essen dagegen schon. Meine ausgeprägten weiblichen Kurven sprechen für sich.
   »Super. Wie wäre es mit Eiern und Speck?«
   »Gute Idee. Ich brauche eine solide Grundlage für den heutigen Tag. Sonst fallen mir die Teller aus der Hand.«
   »Musst du heute wieder schuften?«
   »Ja. Enzo hat eine geschlossene Gesellschaft.«
   »Puh. Dann bekommst du Kilometergeld.« Mitleidig sieht mich Pia an. Doch ich winke lässig ab.
   »Ach was. Jeder Gang macht schlank. Es könnte schlimmer sein. Wenigstens hab ich den Abend frei.«

Studentinnen dürfen nicht wählerisch sein. Deshalb bin ich heilfroh, dass ich einen gut bezahlten Job in der Gastronomie gefunden habe. Enzo Mancini ist ein ambitionierter Koch, der sein Handwerk in seiner italienischen Heimat von der Pike auf gelernt hat. In Berlin hat er seinen Traum von der Selbstständigkeit verwirklicht, die Gaststätte eines Tennisklubs gepachtet und die Sportler mit köstlichen Leckerbissen verwöhnt. In den letzten zehn Jahren ist er die Karriereleiter nach oben geklettert und hat den Sprung in die Haute Cuisine gewagt. Sein Ristorante liegt in einem noblen Viertel von Berlin. Glücklicherweise ist es nicht allzu weit von meiner Wohnung entfernt. Ein eigenes Auto kann ich mir nicht leisten. Mit den öffentlichen Verkehrsmitteln erreiche ich problemlos meinen Arbeitsplatz. Viele Gastronomiebetriebe setzen auf Convenience Food, in unserem Speiselokal kommen nur frische Zutaten auf den Tisch. Enzo ist ein hervorragender Koch, der seine Passion zum Beruf gemacht hat. Auch heute steht er wieder am Herd, summt leise vor sich hin und rührt mit einem entrückten Gesichtsausdruck in einem großen Topf. »Buon giorno, Laura. Come stai?«
   »Bene.«
   »Willst du mal probieren?«
   »Naturalmente.« Das lasse ich mir nicht zweimal sagen. Italienisches Essen ist meine Leidenschaft, und ich bin überglücklich, dass ich köstliche Spezialitäten zum Nulltarif probieren darf. Der Gegensatz zu den preiswerten Eintöpfen, die ich aus der Mensa kenne, könnte nicht größer sein. Ich gestehe es nicht gern ein, aber ich bin chronisch klamm. Glücklicherweise haben meine Eltern einen Dauerauftrag für Miete und Lebenshaltungskosten eingerichtet. Sonst hätte ich längst kein Dach mehr über dem Kopf und müsste mich bei allen Freunden durchfüttern lassen. Alles, was ich durch meine Nebenjobs verdiene, geht für mein Studium drauf. Künstlerbedarf ist teuer, und meine Familie hält meinen Berufswunsch für Spinnerei.
   »Nun?«
   »Perfetto.« Das ist nicht gelogen. Mein Chef hat sich selbst übertroffen. Die feine Füllung aus Ricotta und Champignons zergeht auf der Zunge.
   Die dunklen Augen von Enzo leuchten. »Grazie.«
   »Wie heißt diese Pasta?«
   »Torelli di Castagne con ripieno di funghi e ricotta.«
   »Ist das eine landestypische Spezialität?«
   »Si. Aus der Toskana. Dieses Gericht ist ideal für die Wintermonate. Man braucht Kastanienmehl, und das gibt es zu dieser Jahreszeit ganz frisch.«
   »Tatsächlich!« Begeistert klatsche ich in die Hände. Nichts geht über die Cucina Italiana. Hoffentlich werde ich in meinem Urlaub genauso genudelt. »Dieses Gericht wird der neue Renner auf der Speisekarte, wollen wir wetten?«
   »Dazu musst du einen Vermentino von der maremmanischen Küste genießen. Soll ich eine Flasche für dich aufmachen, piccolina?« Verschwörerisch grinst Enzo mich an, und ich wehre lachend ab.
   »Lieber nicht. Alkohol ist im Dienst verboten. Was soll denn deine Frau denken?«
   Wie alle italienischen Männer flirtet Enzo gern. Er ist glücklich verheiratet und würde seine Ehe niemals aufs Spiel setzen.
   »Niente.« Fröhlich pfeift Enzo vor sich hin. »Schließlich sind wir eine glückliche famiglia.«
   Besser kann man es nicht ausdrücken. Am Herd führt Enzo das Kommando, im Ristorante hat Paola das Sagen. Wir sind ein perfekt eingespieltes Team und verstehen uns hervorragend. Ab und zu springe ich als Babysitterin für ihre Bambini ein, wenn sich Paola und Enzo einen romantischen Abend zu zweit gönnen. »Davvero. E meglio mettersi al lavoro. Die Gäste kommen bald. Sie erwarten nicht nur ein wunderbares Menü, sondern auch einen perfekten Service. Schließlich wollen wir ihr Vertrauen nicht enttäuschen.«
   »Das ist die richtige Einstellung«, lobt mich Enzo und wirft einen prüfenden Blick auf seine Armbanduhr. »Ah, wir sind gut in der Zeit. Keine Panik, Laura. Wir schaffen das.«
   »Klaro!«

Die Geburtstagsfeier eines wohlhabenden Geschäftsmannes ist ein voller Erfolg. Der Gastgeber ist mehr als zufrieden und spendiert mir ein großzügiges Trinkgeld. Als ich müde, aber glücklich nach Hause zurückkehre, ist das Nest leer. Pia ist ausgeflogen. Wahrscheinlich ist sie mit ihrem Freund Lennart unterwegs, der ebenfalls auf die Karriereschiene abfährt und Englisch und Sportwissenschaften studiert. Mich erinnert er an den jungen Vitalij Klitschko. Er ist attraktiv, groß und stark wie ein Bär. Deshalb verdient er in den Semesterferien gutes Geld, wenn er als Sportanimateur in teuren Klubanlagen im Mittelmeer jobbt.
   Bald werden Lennart und Pia nicht mehr in Berlin sein. Vielleicht sollte ich mich rechtzeitig an das Alleinsein gewöhnen. Auf meinem Nachttisch liegt ein angesagter Bestseller, den ich mir aus der Bücherei ausgeliehen habe. Lesen macht Spaß. Wenn ich gründlich darüber nachdenke, möchte ich meine Freizeit lieber mit anderen Menschen verbringen. Deshalb gehe ich ins Bad, fahre mir mit dem Kamm durch meine widerspenstigen Locken und werfe einen prüfenden Blick in den Spiegel. Für meine Stammkneipe bin ich schön genug. Ich schnappe mir meine Jacke und meine Handtasche und mache mich auf den Weg.

Die kleine Kneipe am Ende der Straße hat ihre besten Tage längst hinter sich. Trotzdem oder gerade deswegen fühle ich mich dort wie Zuhause. Die Stühle und Tische sind blank gescheuert und weisen viele Macken und Schrammen auf. Auch die Gäste haben Ecken und Kanten und zählen zum echten Kiez von Berlin. Es ist das perfekte Ambiente für Künstlerinnen. Wie jedes Wochenende ist es gerammelt voll, und ich muss meine Ellenbogen einsetzen, um mich bis zu unserem Stammtisch in der Ecke durchzukämpfen. Dort ist eine zierliche junge Frau in ein angeregtes Gespräch mit einem lässigen Rastatyp vertieft, der sie fast um zwei Köpfe überragt. Sie hat ihre rotblonden Haare zu einem komplizierten französischen Zopf gebunden, der ihr bis zur Taille reicht, und trägt ein wadenlanges Zipfelkleid in kühlen blauen Farbtönen. Mona gehört zu meiner Fakultät. Sie hat ihr Examen längst hinter sich und arbeitet als wissenschaftliche Mitarbeiterin für einen angesehenen Professor.
   »Huhu.« Aufgeregt rudere ich mit den Armen. Wahrscheinlich sehe ich wie eine Windmühle aus, doch das ist mir völlig egal.
   Mona zuckt zusammen, dreht sich in meine Richtung, und ihr fein geschnittenes Gesicht leuchtet vor Freude. »Oh, Laura!«
   Niemand kann sich so freuen wie sie. Temperamentvoll fällt sie mir um den Hals und küsst mich auf beide Wangen. Der coole Rastatyp verhält sich zurückhaltender und hat ein Nicken für mich übrig. Mika studiert Politikwissenschaft. Seinen Lebensunterhalt verdient er als Schlagzeuger in einer Band. Auf einem Konzert sind wir uns nähergekommen. Leider ist es bei einem heißen Flirt geblieben, weil er nichts von festen Beziehungen hält, wie er mir im Laufe des Abends mitgeteilt hat. Dennoch kommen wir nach wie vor gut miteinander klar.
   »Ihr glaubt gar nicht, was heute passiert ist!«
   »Hast du eine gute Note für deine Graffitiaktion bekommen?« Erwartungsvoll schaut Mona mich an, und ich kann meine Freude nicht länger verbergen.
   »Viel besser!« Mit kurzen Worten erzähle ich meinen Freunden von meinem unerwarteten Gewinn. »Ist das nicht geil?«
   »Wow, ich freue mich für dich«, jubelt Mona. »Wann geht es denn los?«
   »Im Juli. Direkt nach dem Ende des Semesters.«
   »Besser geht es nicht.«
   »Ja, dann verpasse ich wenigstens nichts«, bestätige ich. »Diesen Urlaub werde ich genießen. Hast du schon Ferienpläne?«
   »Ach ja.« Hingebungsvoll nuckelt Mona an ihrer Cola. »Ich habe einen tollen Job für die gesamten Semesterferien bekommen.«
   »Raus mit der Sprache. Was machst du?«
   »Housesitting.«
   »Hab ich noch nie gehört. Erzähl mir mehr davon.«
   »Eigentlich ist es eine ganz banale Geschichte. Eine gute Bekannte meiner Oma will ihre Ersparnisse auf den Kopf hauen und eine mehrmonatige Kreuzfahrt um die Welt unternehmen. Deshalb hat sie händeringend nach einer Katzensitterin für ihren Siamkater gesucht, die ihre Koffer packen und in ihr Häuschen ziehen kann. Meine Oma hat sofort an mich gedacht – und so bin ich zu meinem Ferienjob gekommen.«
   »Klasse. Wo steht denn das Häuschen?«
   »An der Nordsee. Auf der wunderschönen Insel Amrum.« Die Stimme von Mona ist ein Wispern. »Es ist ein klitzekleines reetgedecktes Bauernhäuschen mit dunkelgrünen Sprossenfenstern und einer dunkelgrünen Tür. Eine zuckersüße Puppenstube mitten im Nirgendwo, nur wenige hundert Meter vom Strand entfernt.«
   »Cool.« Meine Fantasie läuft auf Hochtouren. Vor meinen Augen erscheint ein blau-weiß gestreifter Strandkorb. Von den Dünen genieße ich eine herrliche Sicht auf das tiefblaue Meer. Gedankenverloren wandere ich den schier endlosen Strand entlang, während die Wellen meine nackten Füße umspülen, und ich meine, den frischen Wind an meiner Haut zu spüren. Automatisch atme ich tief ein – und höre einen dummen Spruch, den sich mein Lieblingsbuddy Mika nicht verkneifen kann.
   »Schnappst du immer wie ein Karpfen nach Luft?«
   Am liebsten würde ich ihm meine Antwort ins Gesicht knallen. Na ja, es ist besser, auf dem Teppich zu bleiben. Eigentlich kann er ja nichts dafür, dass ich meine überschäumende Fantasie nicht im Griff habe und mit offenen Augen geträumt habe. Willkommen in der Wirklichkeit, Laura, ermahne ich mich und spüle meine Verlegenheit mit einem Schluck Radler hinunter, das Mika für mich organisiert hat. Wahrscheinlich habe ich zu viele bunte Reiseprospekte durchgeblättert, die ich immer in den Einkaufskorb werfe, wenn ich meine Runde im Discounter um die Ecke drehe. »Misch dich nicht ein, wenn sich Erwachsene unterhalten.«
   »Hab ich was verpasst?« Mika grinst frech und mustert mich von oben bis unten. »Seit wann bist du erwachsen?«
   Ich würdige ihn keines Blickes mehr und konzentriere mich auf Mona, die uns mit einem feinen Lächeln beobachtet hat. »Das ist genial. Dann kannst du jeden Tag malen. Fast wie ein Künstler in residence.«
   »In Italien ist es wärmer. Außerdem kannst du viele historische Orte besichtigen, von denen ich nur träumen kann. Florenz, Pisa, Lucca, Siena …«, zählt sie an den Fingern auf, und ich halte mir die Ohren zu. »Stopp. Mir wird schwindlig. Also dir geht’s gut, und mir geht’s gut. Lass uns auf unser Glück anstoßen.«
   »Auf Laura, meine principessa.« Bereitwillig hebt Mona ihr Glas. »Ich wollte, ich hätte so viel Glück wie du.«
   »Bei dir piept es wohl.« Ich lache ihr ins Gesicht. »Du hast einen Abschluss mit Summa cum laude in der Tasche, während ich kleine Brötchen an der Universität backe. Wer ist hier die Glückliche?«
   »Ihr seid zwei großartige Mädchen«, fällt Mika eine salomonische Entscheidung. »Ich liebe euch beide.«
   »Bitte nur platonisch. Auf Dreier stehen wir nicht.«
   »Auf was denn?«
   Ich beiße mir auf die Zunge. Mika hat Blut geleckt und lässt nicht mehr locker. »Komm schon, sag’s mir!«
   »Willst du wirklich meine schmutzigen Geheimnisse erfahren?« Verheißungsvoll klimpere ich mit den Augen und lecke mir lasziv über die Lippen. Der alte Trick zieht. Mika fallen fast die Augen aus dem Kopf. Zwischen uns läuft nichts. Dennoch lasse ich ihn nicht völlig kalt, wie mir seine Reaktionen verraten. Gleich wird er sabbern wie ein hungriges Hündchen, das ein Wiener Würstchen erspäht.
   »Ja. Was gefällt dir?« Seine Stimme ist ganz rau, und er rückt näher an mich heran. Wie ich ihn kenne, malt er sich gerade die wildesten Szenen aus.
   Berlin ist ein heißes Pflaster, und Mika hat in den letzten Jahren nichts anbrennen lassen. Sein schlechter Ruf eilt ihm voraus. Die Liste mit den Namen seiner Verflossenen soll länger sein als eine Klopapierrolle im Badezimmer.
   Ich genieße es, ihn zappeln zu lassen und senke meine Stimme zu einem geheimnisvollen Flüstern. »Also gut. Dir kann ich es ja sagen. Meine Kuscheldecke, heiße Schokolade und ein gutes Buch. Und wenn ich ganz kinky bin, nehm ich noch ’ne Wärmflasche mit ins Bett.«
   Die bittere Enttäuschung steht ihm ins Gesicht geschrieben. »Ich hätte es mir denken können.«
   »Eben nicht. Das können wir Frauen besser.« Ausgelassen verpasse ich ihm einen Rippenstoß, und er fällt fast vom Barhocker. »Habe ich dir schon erzählt, dass Mona ihre Bilder öffentlich ausstellen darf?«
   »Mona wird ein Superstar.« Mika staunt Bauklötze. »Du hast eine Vernissage? Wo denn?«
   »Laura übertreibt wieder maßlos«, wehrt Mona verlegen ab. »Ich darf einige Bilder in einem italienischen Schuhgeschäft präsentieren.«
   »Immerhin ist es ein Anfang. Der Laden liegt in einer beliebten Einkaufsstraße in Charlottenburg. Vielleicht werden alle Kunden auf dich aufmerksam, wenn sie sich mit der neuen Kollektion aus Bella Italia eindecken.«
   »Vergiss es.« Mona bleibt realistisch. »Wahrscheinlich schütteln sie bloß ihren Kopf und geben ihr Geld lieber für ihre sündteuren Schuhe aus.«
   »Setz bloß eine vernünftige Pressemitteilung auf und bring sie unters Volk. Denk dran: klotzen, nicht kleckern. Public Relation ist alles«, empfiehlt Mika. »Welche Bilder willst du zeigen? Hast du dir ein bestimmtes Motto überlegt?«
   »O ja.« Mona zieht ein spitzbübisches Gesicht. »Was Frauen wünschen.«
   »Und was ist das?«, will unser Buddy wissen. »Komm, Babe, verrat mir das große Geheimnis. Dann kann ich bei den Mädels punkten.«
   »Okay.« Mona und ich wechseln einen einzigen Blick und prusten laut los. »Farben. Leinwand. Papier.«
   »Wir sind wohl nicht der richtige Maßstab.« Mona seufzt, als wir uns wieder beruhigt haben. »Für die Reichen und Schönen habe ich mehrere Bilder ausgewählt, die hübsche Damen in schicken Kleidern und eleganten Schuhen zeigen. Dann habe ich eine faire Chance, dass tatsächlich mal der Rubel rollt und ein Kunstwerk verkauft wird.« Ein Schatten fliegt über ihr ausdrucksstarkes Gesicht. »Bei der letzten Gemeinschaftsausstellung bin ich leer ausgegangen.«
   »Weil du dein Bild verschenkt hast. Mach das niemals wieder«, warne ich sie eindringlich. »Du musst an deinen guten Ruf denken. Was nichts kostet, ist nichts wert.«
   Mona ist viel zu schüchtern und beherrscht nicht die Kunst der Selbstinszenierung. Klappern gehört zu unserem Handwerk. Wer sich nicht verkaufen kann, geht in der Masse unter. Diese simple Regel zeigt sich vor allem bei Gemeinschaftsausstellungen, die für mich ein zweischneidiges Schwert sind. Einerseits finde ich die Vernetzung von Künstlern wichtig, andererseits gibt es keine echte Solidarität. Jeder will ins Rampenlicht und kämpft für sich allein.
   »Versprochen.« Sie lächelt wieder, und ich hebe mein Glas.
   »Heute Abend feiern wir. Auf Mona!«
   »Auf Laura!«
   »Auf euch!«, fällt Mika ein. »Die nächste Runde geht auf mich. Cuba Libre ist bestimmt nach deinem Geschmack, Laura.«
   »Klar doch!« Kichernd proste ich ihm zu. Es wird nicht das letzte Glas am heutigen Abend bleiben. Das steht bombenfest.

Kapitel 2

Am nächsten Morgen bin ich angeschickert. Mein Kopf dröhnt, als ob Mika seine Künste am Schlagzeug zeigt. Der Trommelwirbel für Alkimäuse ist ein Happening der besonderen Art. Mitten in den Gig platzt ein merkwürdiges Geräusch, das nichts Gutes bedeuten kann. Mit zusammengekniffenen Augen greife ich zu meinem Handy auf dem Nachttisch und entziffere eine SMS von meiner großen Schwester: »Heute ist Familiensonntag. Wir sind um 12:30 Uhr verabredet. Hast du einen Blumenstrauß besorgt?«
   Natürlich nicht. Ich hab’s vergessen. Diesen Fehler muss ich Victoria nicht auf die Nase binden. Routiniert tippe ich zurück. »Klar. Ich komme.«
   Schlecht gelaunt schalte ich mein Handy aus. Mist. Ich kann nicht ausschlafen, sondern muss mein warmes Bettchen verlassen. Das Abschiedsessen meiner Eltern darf ich nicht schwänzen. Seitdem sie offiziell im »Unruhestand« sind, erfüllen sie sich ihre geheimen Wünsche und sind ständig auf Achse. Am liebsten verbringen sie ihre Freizeit auf Mallorca. Der nächste Urlaub steht unmittelbar bevor. Deshalb haben meine Eltern einen Tisch in einem spanischen Restaurant reserviert. Normalerweise lasse ich mich gern zum Mittagessen entführen. Unsere Familiensonntage mag ich nicht besonders. Das liegt weniger an meinen Eltern, als an meiner großen Schwester Victoria. Nomen est omen. Sie ist eine geborene Siegerin und sieht genauso aus. Für sie zählen nur materielle Werte. Zum Lachen geht sie in den Keller, genauso wie ihr Mann Robert, mit dem mich eine innige Feindschaft verbindet.
   Grummelnd mache ich mich auf den Weg ins Bad. Wenn ich nicht zu spät kommen will, muss ich einen Zahn zulegen. Die Location liegt am Arsch der Welt, und ich bin auf die öffentlichen Verkehrsmittel angewiesen. Ein Taxi kann ich mir nicht leisten. Meine letzte Kohle wird für die Blumen draufgehen. Hoffentlich kann ich einen vernünftigen Strauß am Bahnhof ergattern.

Mit hängender Zunge und welkem Blumenstrauß komme ich an dem vereinbarten Treffpunkt an. Victoria und Robert stehen vor der Eingangstür und warten ungeduldig auf mich. Statt einer freundlichen Begrüßung erwartet mich eine eiskalte Dusche.
   »Wie siehst du denn wieder aus, Laura? Benutzt du deine Haare zum Malen? Du siehst aus wie ein Pinseläffchen.«
   Angewidert schaut Robert an mir hinunter. Zugegeben, meine Aufmachung ist nicht comme il faut. Zum Föhnen hatte ich keine Zeit mehr, deshalb habe ich meine nassen Haare in aller Windeseile zu zwei Rattenschwänzchen geflochten und mir eine dicke Wollmütze auf den Kopf gestülpt. Was soll’s, ich bin das letzte Hippie-Kind. Deshalb hab ich mich für eine gewagte Kombination aus buntem Strickkleid, grauem Wintermantel und klobigen Halbstiefeln entschieden.
   Im Gegensatz zu meiner nachlässigen Aufmachung sieht mein Schwager aus, als ob er einen wichtigen Geschäftstermin wahrnimmt. Er trägt einen dunklen Anzug, ein weißes Hemd und eine dezente Krawatte. Seine schwarzen Schuhe sind frisch geputzt und glänzen im Sonnenlicht.
   »Immerhin habe ich noch Haare«, trumpfe ich auf. Diese Bemerkung ist gehässig, aber nicht gelogen. Robert glänzt mit ultrakurzen Haaren. Viel hatte er sowieso nicht mehr auf dem Kopf. Nun ist das letzte Bisschen noch spärlicher geworden. Dabei ist er noch nicht mal vierzig. »Nur kein Neid, bitte.«
   »Hahaha. Sehr witzig.«
   Robert ist pikiert, aber Victoria steht ihm nicht bei. Demonstrativ schaut sie auf ihre goldene Armbanduhr und verzieht ihr Gesicht. Wie immer ist sie wie aus dem Ei gepellt. Sie trägt ein streng geschnittenes graues Kostüm, das sie kalt und unnahbar erscheinen lässt. Auch ihre langen schwarzen Haare sind zu einem vornehmen Chignon gebändigt. Ihre Stimme ist kalt und schneidend wie Glas. »Hast du eigentlich eine Ahnung, wie spät es ist? Kannst du niemals pünktlich sein?«
   »Sorry, ich musste noch was erledigen …«, beginne ich. Sofort reißt sie mir meinen Blumenstrauß aus der Hand und schiebt mich in das Restaurant. »Los, rein mit dir. Mama und Papa warten schon auf dich. Sie sind stinksauer.«
   Mama und Papa sind bester Laune. Ihr lautes Lachen ist nicht zu überhören. Victoria und Robert wollen mir ein schlechtes Gewissen einreden und haben maßlos übertrieben. Wahrscheinlich haben meine Eltern mich keine einzige Sekunde lang vermisst. Erleichtert atme ich auf, schlüpfe aus meinem Wollmantel und hänge ihn an der Garderobe auf. Dann steuere ich unseren Tisch an, wo bereits mehrere Platten mit gemischten Tapas stehen. Der verführerische Duft von Datteln im Speckmantel und Gambas in Knoblauchsoße steigt mir in die Nase. Ich habe riesigen Kohldampf. Für ein Frühstück hatte ich keine Zeit mehr. Noch nicht mal eine Tasse Kaffee war drin. Mein Magen knurrt so laut und vernehmlich, dass es wahrscheinlich im ganzen Restaurant zu hören ist.
   Am liebsten möchte ich im Boden versinken. Es ist zu spät. Meine Eltern sind aufmerksam geworden. »Hallo, Kleine! Schön, dass wir uns endlich wiedersehen.«
   »Mama! Papa!«
   Wir umarmen uns flüchtig. Meine Eltern halten nicht viel von Gefühlsduseleien. Mein Papa war im Aufsichtsrat einer Versicherung; für ihn zählen nur Fakten und Zahlen. Meine Berufswahl hält er für pure Zeitverschwendung, auch wenn er sich höflich nach meinen Fortschritten erkundigt: »Was macht das Studium? Hast du viel um die Ohren?«
   »Es geht …«, antworte ich gedehnt. Mein Papa hört mir gar nicht richtig zu. »Setz dich, mein Kind, wir haben euch etwas Wichtiges zu erzählen.«
   Seitdem meine Eltern ihren Ruhestand genießen, sind sie nur noch selten zu Hause. Ihren Lebensabend wollen sie überwiegend im sonnigen Süden verbringen. Nun haben sie sich entschlossen, ihre Zelte in Deutschland abzubrechen. Nach langer Suche haben sie ein wunderschönes Stadthaus gefunden, das im Südosten der Insel liegt, genauer gesagt: in Santanyi.
   »Das ist nicht euer Ernst.«
   Victoria kann es nicht fassen. »Wie seid ihr nur auf diese bescheuerte Idee gekommen?«
   »Mallorca ist unsere Lieblingsinsel«, sagt mein Vater in einem ruhigen, bestimmten Tonfall. »Wir fühlen uns dort wohl.«
   »Ja, gegen einen mehrwöchigen Aufenthalt ist nichts einzuwenden. Warum wollt ihr unbedingt ins Ausland ziehen?«
   »Hast du Angst, dass wir dein Erbe verprassen?«
   Mein Vater ist eingeschnappt, und ich ziehe vorsichtshalber den Kopf ein. Auf einen Krach an einem Familiensonntag bin ich ganz bestimmt nicht scharf.
   »Ein Ferienhaus auf Mallorca ist eine vernünftige Kapitalanlage«, glättet Robert die Wogen. »Wenn ihr es selbst nicht mehr bewohnen könnt oder wollt, könnt ihr es problemlos vermieten. Mallorca ist nur wenige Flugstunden von Deutschland entfernt. Also der perfekte Urlaubsort, um dem Alltag zu entfliehen.«
   Beruhigend legt er meiner großen Schwester die Hand auf den Arm. »Außerdem wollt ihr ja euer Haus in Falkensee nicht aufgeben, sondern nur langfristig vermieten, wenn ich euch richtig verstanden habe. Dann stehen euch alle Optionen offen, wenn ihr nicht mehr von eurer Wahl überzeugt seid.«
   Robert betrachtet alles vom Kosten-Nutzen-Aspekt. Brr. Ich schüttele mich angesichts dieser nüchternen Lebenseinstellung. Victoria atmet beruhigt auf. »Vielleicht kommen wir euch mal in den Sommerferien besuchen, wenn euer neues Zuhause groß genug ist.«
   »Überlege es dir in aller Ruhe«, sagt mein Vater trocken. »Unser Stadthaus verfügt über 150 Quadratmeter. Wir haben drei Schlafzimmer. Außerdem gibt es zwei Badezimmer. Dann kommt man sich morgens nicht ins Gehege.«
   »Klingt gar nicht so schlecht. Wie alt ist das Gemäuer?«
   »Es stammt aus dem 19. Jahrhundert«, erzählt meine Mutter bereitwillig, kramt in ihrer Handtasche und zieht einen Packen Fotos hervor. »In den vergangenen Jahren ist es vollständig renoviert worden. Stellt euch vor, es verfügt sogar über Fußbodenheizung und Klimaanlage!«
   Hingerissen betrachte ich die Aufnahmen. Das mallorquinische Stadthaus ist eine gelungene Mischung von Tradition und Moderne. Mit seinen frischen, hellen Farben, den erhaltenen, rustikalen Steinwänden und den alten, dunklen Deckenbalken wirkt es sehr gemütlich. Die offene Küche und die Badezimmer sind in mediterranen Tönen gehalten und auf dem neuesten Stand der Technik. Das Wohnzimmer verfügt sogar über einen modernen Kaminofen. Am schönsten ist der üppig bepflanzte Innenhof mit Pool, der zu gemütlichen Grillabenden einlädt. Diese Immobilie ist perfekt. Hier fehlt es an nichts.
   »Sind die Möbel im Kaufpreis inbegriffen?«, erkundigt sich mein Schwager interessiert. »Die Sonneninsel auf der Terrasse sieht ziemlich teuer aus.«
   »Ja, wir haben das Haus komplett übernommen«, berichtet mein Vater. »Es hat uns auf den ersten Blick gefallen.«
   »Wenigstens habt ihr einen eigenen Swimmingpool, in dem ihr euch etwas abkühlen könnt«, stellt meine Schwester fest. »Im Sommer ist es auf Mallorca brütend heiß. Wie weit ist es bis zu den öffentlichen Stränden? Habt ihr eine vernünftige Busverbindung?«
   »Wir haben einen Wagen vor Ort und müssen nicht allzu weit fahren«, bleibt mein Vater freundlich. »Die Strände von Cala Santanyi, Cala Mondrago und Cala Llombards sind sechs bis zehn Kilometer von unserem Haus entfernt.«
   »Soso«, knurrt Victoria gallig. »Dann habt ihr ja das große Los gezogen.«
   »Natürlich ist noch nicht alles perfekt.« Meine Mutter strahlt, und ihre Wangen färben sich rosa vor Aufregung. »Ich freue mich schon, die Räume nach meinem persönlichen Geschmack zu gestalten.«
   Ich kann ein Lächeln nicht unterdrücken. Bis vor einigen Jahren hat meine Mutter halbtags in einem kleinen Geschäft für Haushaltswaren, Deko- und Einrichtungsgegenstände gearbeitet. Sie hat ein Faible für Vintage Stores und stöbert für ihr Leben gern in Antiquitäten-Läden und auf Wochen- oder Trödelmärkten herum. Wahrscheinlich habe ich diesen Spleen von ihr geerbt.
   »Hast du schon eine Ahnung, wo du diese Schätze findest?«, erkundige ich mich. »Gibt es eigentlich viele Wochenmärkte auf Mallorca?«
   »Mehr als man glaubt. Am liebsten bin ich sonntags auf dem Mercadillo de Consell«, erzählt Mama freimütig. »Das ist ein Flohmarkt, auf dem man echte Schätze entdecken kann. Wenn man auf Vintage steht, muss man dort vorbeischauen.«
   »Brr …«, meine Schwester schüttelt sich angeekelt. »Diesen Hang zum Secondhand werde ich nie verstehen. Ihr habt genug Geld, ihr könnt euch alles leisten. Laura ist ja eine arme Maus, die sicher froh ist, wenn sie etwas Guterhaltenes aus zweiter Hand bekommt. Ihr Strickkleid stammt bestimmt aus einem Sozialkaufhaus.«
   Am liebsten möchte ich ihr ein Glas Rotwein ins Gesicht schütten. Ich reiße mich zusammen, weil meine fünfjährige Nichte Maya mich mit offenem Mund anstarrt. Sie ist das Ebenbild meiner großen Schwester und wird sich in einigen Jahren zu einer vielversprechenden Schönheit entwickeln. Wie immer sieht sie aus wie aus dem Ei gepellt. Ihre dunklen Haare fallen in seidigen Locken auf ihre Schultern, und sie trägt ein piekfeines dunkelblaues Kleidchen, das garantiert aus einem teuren Fachgeschäft für Kinderbekleidung stammt. An ihrem rechten Handgelenk baumelt ein Armband von Pandora, an dem winzige Charms befestigt sind. Ich kneife die Augen zusammen und erkenne berühmte Disney-Figuren. Also muss es sich um die angesagte Märchen-Kollektion handeln. Ein teures Statement, das zu Maya passt. Irgendwie erinnert sie mich an eine lebendige Käthe-Kruse-Puppe. Sie ist zuckersüß, aber viel zu brav und still. »Also ich finde eure Idee klasse.«
   Meine Eltern sind glücklich. »Danke, Liebes.«
   »Laura träumt wohl von einem kostenlosen Urlaub auf Mallorca«, lästert meine große Schwester ungeniert. »Wie ich sie kenne, wird sie euch in ihren Semesterferien ständig auf die Pelle rücken. Vermutlich mit ihrer ganzen geliebten Künstler-Clique. Lasst euch bloß nicht auf ihre Bitten ein, sonst werdet ihr sie nie mehr los.«
   »Das geht zu weit.« Wütend zerknülle ich meine Serviette. »Hör auf!«
   »Warum regst du dich so auf? Ich sage nur die Wahrheit«, spielt Victoria die Ahnungslose. »Nach deinem Examen wirst du niemals auf einen grünen Zweig kommen. Warum hast du dich nicht für einen Lehramts-Studiengang entschieden? In der Primar- oder Sekundarstufe hättest du locker Kunst unterrichten können. Eine Beamtenlaufbahn ist zwar trocken, aber wenigstens gut bezahlt.«
   »Das kann Laura immer noch, wenn alle Stricke reißen«, will meine Mutter die Wogen glätten. »Lass sie in aller Ruhe ihr Studium beenden. Dann sehen wir, was kommt.«
   »Nach dem Examen kommt das böse Erwachen«, vollendet Victoria süffisant. »Von der Uni zu Hartz IV. Dann wird Laura einsehen müssen, dass man mit einem Hobby kein Geld verdienen kann.«
   »Wer im Glashaus sitzt, sollte nicht mit Steinen werfen«, mahnt mein Vater. »Wenn ich mich richtig erinnere, hast du ebenfalls den Weg in die freie Wirtschaft beschritten und deine Liebe zur Mode zum Beruf gemacht.«
   »Das ist ganz was anderes«, faucht Victoria empört. »Ich kann immer auf eigenen Füßen stehen. Meine Boutique ist etabliert und wirft genügend Geld ab.«
   Dann schießt sie ihren letzten Giftpfeil ab. »Jeder Mensch auf der Welt will anständig gekleidet sein. Außer Laura - natürlich.«
   Dieser Ausbruch ist sogar meinem Schwager peinlich. Kurz entschlossen reißt er das Wort an sich. »Wollen wir nicht auf euer glückliches Leben in Spanien anstoßen?«
   »Ja«, stimmt meine Schwester zu. »Auf Oma und Opa. Olé.«

»Nach diesem Spruch war die Stimmung im Eimer.«
   Zornig haue ich mit meinem Lieblingsbecher auf den Tisch. Am späten Nachmittag sitzen Pia und ich an unserem Küchentisch, gönnen uns Kaffee und Kekse und besprechen die Ereignisse der vergangenen Stunden. Der Kaffee schwappt auf die Tischdecke. Glücklicherweise ist sie aus Plastik und nimmt mir meinen Temperamentsausbruch nicht übel.
   »Das hört sich nicht gut an«, sagt Pia, während ich die verräterischen Spuren mit einer Serviette beseitige. Ihre Stimme ist voller Mitleid. »Dann war der heutige Tag ein Reinfall.«
   »Ein richtiger Griff ins Klo«, bestätige ich. »Victoria war so ekelhaft zu mir. Pausenlos hat sie sich über mich lustig gemacht. Als ich die Graffiti auf meinem Handy gezeigt habe, ist sie fast vor Lachen vom Stuhl gefallen. Sie sagte, ich solle froh sein, wenn ich nicht wegen Sachbeschädigung verklagt werde.«
   Pia entgleisen die Gesichtszüge. »Sag, dass ich mich verhört habe.«
   »Leider nicht.«
   »Blöde Kuh. Versteht sie überhaupt etwas von Kunst?«
   »Nö.«
   »Warum hält sie nicht ihre große Klappe und lässt dich einfach in Ruhe?«
   »Das weiß ich nicht«, seufze ich. »Sie konnte mich nie leiden. Dabei habe ich ihr nichts getan.«
   »Wie alt ist deine Schwester eigentlich?«, will Pia wissen.
   »Einunddreißig. Sie ist zehn Jahre älter als ich.«
   »Ein gewaltiger Altersunterschied.« Nachdenklich runzelt Pia die Stirn. »Bitte sei mir nicht böse, wenn ich so direkt frage: Bist du ein Wunschkind gewesen? Oder eher ein Betriebsunfall?«
   »Mit der zweiten Aussage triffst du den Nagel auf den Kopf«, bestätige ich. »Mama und Papa hatten ihre Familienplanung längst abgeschlossen. Eigentlich wollten sie nur ein einziges Kind. Ich war das Ergebnis einer feucht-fröhlichen Nacht.«
   »Also hast du Victoria die Rolle als Prinzessin auf der Erbse streitig gemacht.« Pia schlägt sich mit der Hand vor den Kopf. »Klarer Fall. Sie ist eifersüchtig auf dich.«
   Auf diesen Gedanken bin ich nie gekommen. Wenn ich gründlich darüber nachdenke, erscheint mir diese Überlegung nicht so abwegig. Trotzdem mache ich eine abwehrende Geste. »Das ist Quatsch mit Soße. Dazu besteht kein Anlass. Victoria ist immer das Lieblingskind gewesen. Sie ist viel klüger und schöner als ich.«
   »Soso. Schönheit liegt im Auge des Betrachters. Intelligenz lässt sich besser messen. Was macht sie denn beruflich?«
   »Victoria ist eine erfolgreiche Geschäftsfrau.«
   »Genauer bitte.«
   »Nach dem Abitur hat sie BWL studiert. Danach hat sie sich auf Beauty, Fashion und Lifestyle spezialisiert.«
   »Das ist für mich zu schwammig.« Pia lässt nicht locker. »Was verstehst du unter diesen Schlagworten?«
   »Victoria führt eine Boutique.«
   »Aha. Sie ist eine bessere Verkäuferin. Vergiss es.« Pia macht eine wegwerfende Handbewegung. »Heutzutage boomt das Online-Geschäft. Die meisten Kleingewerbetreibenden kämpfen ums nackte Überleben.«
   »Victoria hat keine finanziellen Probleme. Sie führt ein perfektes Leben. Als Studentin hat sie sich einen gut situierten Mann geangelt«, wende ich ein. »Robert ist selbstständiger Steuerberater und verdient eine Menge Kohle.«
   »Ph.«
   Pia schnaubt verächtlich. »Ein vermögender Ehemann ist kein Freifahrtschein für ein glückliches Leben.«
   »Eine süße Tochter hat sie auch.«
   »Nachwuchs ist eine Belastungsprobe für jede Beziehung. Heutzutage wird jede dritte Ehe geschieden.«
   »Du bist böse.«
   »Nein, nur realistisch.« Pia grinst mich an. »Eigenes künstlerisches Talent besitzt deine Schwester wohl nicht?«
   »Nein.«
   »Ha!«
   Triumphierend ballt Pia eine Faust. »Aus Victoria spricht der Neid der Besitzlosen.«
   »Ach, lass es gut sein. Diese Diskussion bringt nichts. Wechseln wir lieber das Thema. Über Kunst können auch Leute reden, die keine Ahnung haben.« Traurig starre ich in meinen Kaffeebecher. »Sogar auffällig oft.«
   »Du gibst doch nicht auf?«
   »Niemals.« Trotzig werfe ich den Kopf in den Nacken. »Ich lasse mich ganz bestimmt nicht kleinkriegen. Geld ist nicht alles im Leben. Ich werde meinen Weg finden, das verspreche ich dir.«
   Pia versteht, was ich sagen will. Sie greift nach meiner Hand und drückt sie. »Und ich wünsche dir einen riesigen Erfolg.«
   »Weiß ich doch. Trotzdem danke.« Schlecht gelaunt stemme ich mich von meinem Stuhl hoch. »Eigentlich muss ich einen Bericht über unsere Graffiti-Aktion schreiben. Ich glaube, ich schnappe mir ein Buch und lese erst mal eine Viertelstunde auf dem Balkon. Ich muss wieder runterkommen.«
   »Mach das.« Pia räumt das Geschirr zusammen und stellt es in die Spüle. »Den Kinderkram erledige ich schon.«

Nachdem ich die letzten Sonnenstrahlen in einer dicken Wolldecke eingemummelt auf unserem Balkon genossen habe, klappe ich mein Buch zusammen und verkrümele mich in mein Zimmer. Eine halbe Stunde opfere ich für meinen Bericht. Dann fällt mir nichts mehr ein. Entschlossen klappe ich das Laptop zu und läute meinen Feierabend ein. Jetzt ist Freizeit angesagt. Lernen ist gut, malen ist besser. In der nächsten Woche ist Valentinstag. Wenn ich meine finanzielle Lage verbessern will, muss ich mich ranhalten. Hingebungsvoll schnappe ich mir meine Aquarellfarben und entwerfe verschiedene Herzchen-Motive im Postkartenformat, die ich mit mehr oder weniger sinnvollen Sprüchen verziere. Pia rümpft die Nase, als sie mir über die Schulter sieht. »Du solltest lieber dein eigenes Liebesleben auf Vordermann bringen, Laura. Verschwende nicht deine Zeit, sonst gehst du selbst leer aus.«
   »Damit kann ich Geld verdienen«, protestiere ich. »Enzo hat mir gestern versprochen, dass ich meine Bilder in seinem Ristorante verkaufen darf.«
   »Na, klasse.« Sie ist noch nicht ganz überzeugt. »Hoffentlich geht dein Plan auf.«
   »Ach ja, wenn unsere Gäste ein exklusives Menü genießen, nehmen sie bestimmt ein Bild als Andenken mit.«
   »Ein Herz für Laura. Schön wär es.«
   Sie zeigt auf ein stilisiertes Herz aus lauter kleinen Röschen. »Das sieht niedlich aus. Einen Abnehmer hast du gerade gefunden. Wie viel kostet der Spaß?«
   »Natürlich nichts«, sage ich entrüstet. »Schließlich sind wir Freundinnen.«
   »Lieb von dir, aber so dicke hast du es nicht. Also?«
   »Dann sagen wir: einmal Flurwoche?«, schlage ich nach kurzem Nachdenken vor. Putzen hasse ich wie die Pest. Meiner Meinung nach ist Fensterputzen etwas für Menschen mit hübschen Nachbarn. Das Putzen im Hausflur ist genauso schlimm. »Beim letzten Mal sind mir die anderen Mieter in die Quere gekommen. Ich hasse es, wenn sie pausenlos die Treppe rauf und runter wetzen. Wenn ich mit dem Schrubber unterwegs bin, will ich meine Ruhe haben.«
   »Dann solltest du lieber nicht so spät aus dem Quark kommen«, kichert Pia. »Einverstanden.«

Der Valentinstag lässt sich gut an. Wir haben uns selbst übertroffen. Im Ristorante hängt ein großes Bild, das ich im Auftrag von Enzo gestaltet habe. Es gibt das Motto des heutigen Abends vor: »Happy Valentine«. Meine kühn geschwungenen Buchstaben werden von zahllosen Herzen und Blumenornamenten umrahmt. Alle übrigen Bilder sind an strategisch günstigen Stellen verteilt worden. Für meinen Geschmack ist es etwas too much. Enzo sieht es weit weniger pragmatisch. Wir müssen klotzen, nicht kleckern. Das Ristorante hat einen guten Ruf, aber die Konkurrenz schläft nicht. Deshalb haben wir weder Kosten noch Mühen gescheut, um unsere Gäste in einem ansprechenden Ambiente willkommen zu heißen. Auf den stilvoll eingedeckten Tischen stehen silberne Kerzenleuchter und zierliche Vasen mit frischen Rosen. Ihr süßer Duft erfüllt den Raum und lädt zum Träumen ein. Bevor ich völlig betäubt bin, gehe ich zu einer Anrichte und schnappe mir eine kleine Dose. Jetzt muss ich nur noch winzige Deko-Herzchen und zarte Blütenblätter verteilen. Mit dieser Methode treffen wir unsere Gäste mitten ins Herz.
   Auch das mehrgängige Gala-Menü kann sich sehen lassen. Nach einem Amuse gueule werden unsere Gäste mit einer gemischten italienischen Vorspeisenplatte verwöhnt. Als erster Gang folgt ein Risotto mit Ragusano-Käse, Hokkaido-Kürbis und gehobelten schwarzen Trüffeln. Zum zweiten Gang servieren wir geschmorte Kalbsbäckchen auf weißer Polenta und Borlotti-Bohnen. Alternativ können unsere Gäste Seeteufel-Medaillon im Wirsing- und Schinkenmantel mit Fenchel und Petersilienkartoffelragout wählen. Zum Dessert gibt es ein Sorbet und einen Ricotta-Cheesecake auf Himbeercreme mit kandierten Zitrusfrüchten, Mandeln und Pistazien. Zu allen Gerichten servieren wir eine passende Wein-Begleitung. Die Spezialitäten haben ihren Preis. 95,00 Euro pro Person sind eine Hausnummer, die sich nicht jedes verliebte Paar leisten kann. Ich wäre definitiv aus dem Rennen. Selbst wenn ich einen gut situierten Partner hätte, würde ich das Geld nicht zum Fenster rauswerfen wollen. Diesen stattlichen Betrag würde ich lieber in neue Farben und Leinwände als in meine Geschmacksnerven investieren. Eine mittellose Studentin ist kein gängiger Maßstab. Jeder muss und soll nach seinem Geschmack selig werden.
   Unsere vermögenden Stammgäste sind begeistert. Vor allem eine gut geliftete Blondine, die ihre üppigen Kurven in einen glitzernden Zweiteiler gequetscht hat, kann sich vor Begeisterung kaum halten, als ich sie nach ihren Wünschen frage. »Es ist wieder picobello bei euch. Diese neuen Bilder sind entzückend.«
   Für Lob bin ich empfänglich. Auch wenn das Kompliment aus dem Mund einer selbstständigen Kosmetikerin stammt, die von Kunst ungefähr so viel versteht wie ich vom Fußball. Automatisch wachse ich um einige Zentimeter. Meine schwarzen Schuhe mit den hohen Absätzen hätte ich mir heute Abend sparen können.
   »Vielen Dank, Frau Kröger. Haben Sie schon gewählt?«
   »Ja. Das Menü ist sehr schön. Mit der Vorspeise bin ich nicht zufrieden. Warum gibt es keine Brusch-Getta?«
   »Brusch-Getta?«, wiederhole ich fassungslos und kritzele auf meinen Block herum.
   »Sag ich doch.«
   Ihr streng geflochtener Zopf schwingt wie eine Peitsche hin und her, während sie mir einen bitterbösen Blick zuwirft. Ihr Begleiter schaut mich nicht an und spielt mit seinem Handy. Er ist mindestens zwanzig Jahre jünger als sie und nicht an einen gehobenen Lifestyle gewöhnt. Seine Manieren lassen jedenfalls zu wünschen übrig. Genauso wie die Intelligenz von Frau Kröger. Der Kunde ist König. Diese eiserne Regel habe ich von Enzo gelernt, und ich behandle unseren Gast mit vollendeter Höflichkeit.
   »Sehr wohl. Haben Sie schon zwischen Fleisch oder Fisch entschieden?«
   »Ja. Wir nehmen heute Fisch. Zu den Seeteufel-Medaillons möchten wir lieber Knokki. Das ist doch kein Problem?«
   »Nein. Knokki. Zweimal. Sehr gern.«
   Die Laute schmerzen in meinem Ohr. Bildung ist Glückssache. Doch ich will keinen Gast belehren. Vor allem, wenn er unserem Ristorante treu ist. Krampfhaft beiße ich mir auf die Lippen. Auf keinen Fall darf ich die Fassung verlieren und laut hinausprusten. Sonst bin ich geliefert.
   »Wenn es Ihnen recht ist, serviere ich Ihnen den Aperitif.«
   »Ja. Grazie.«
   Gnädig nickt Frau Kröger mir zu, und ich bin in Gnaden entlassen.
   Als ich die Bestellung wortwörtlich an Enzo weitergebe, kann ich mir ein Feixen nicht verkneifen. »Wir haben heute die falsche Musik gewählt, Enzo. Frau Kröger hat einen ganz besonderen Geschmack.«
   »Si, si.«
   Er zwinkert mir zu. »Das nächste Mal werde ich für Frau Kröger Titanium auflegen. Das ist nach ihrem Gusto.«
   »Warum willst du sie so lange warten lassen? Mach sie glücklich, geh zu ihrem Tisch und singe ihr was vor. No money, no love – darauf fährt sie bestimmt ab. Sonst hätte sie nicht ihren Toyboy mitgebracht. Ich gehe jede Wette ein, dass die Tinte auf seinem Abiturzeugnis noch nicht trocken ist.«
   »Du bist gehässig, Laura.« Die Schultern von Enzo zucken von unterdrücktem Lachen. »Vielleicht hat sie den Kleinen adoptiert.«

Mein Nebenjob könnte viel schlimmer sein. Wenigstens haben wir Spaß bei unserer Arbeit. Leider tun mir nach Feierabend die Füße weh. Das Laufen auf Stelzen will gelernt sein. Stöhnend ziehe ich meine schwarzen Pumps aus und kicke sie weit weg von mir. Dann lasse ich mich auf einen Stuhl fallen und verlange eine Erfrischung. »Ich will einen Prosecco, Enzo, sonst sterbe ich.«
   »Subito.«
   Enzo lässt sich nicht lumpen und kredenzt mir einen kühlen Drink. »Auf meine hervorragende Künstlerin.«
   »Auf meinen wundervollen Chef!«, sage ich erfreut. »Mit deinem südländischen Charme hast du alle Gäste um deinen kleinen Finger gewickelt und ihnen ein künstlerisches Andenken an den heutigen Abend aufgeschwatzt. Schau mal, kein einziges Bild ist übrig geblieben. Hey, ich bin über Nacht stinkreich geworden.«
   »Ah, ich habe ein Auge für Kunst. Deine Werke sind eine wertvolle Kapitalanlage.«
   Herausfordernd grinst Enzo mich an, und ich verschlucke mich an meinem Prosecco. »Bist du über Nacht blind geworden? Du meinst wohl Kitsch in Reinkultur.«
   »Alles eine Frage der Perspektive …«
   Stirnrunzelnd wirft Enzo einen Blick auf die Uhr. »Madonna, du musst ins Bett. Die Abrechnung machen wir morgen. Such deine Sachen zusammen, dann fahre ich dich nach Hause.«
   »Das ist nicht nötig. Ich kann mit der Bahn …«
   »Kleine Mädchen sollen sich nachts nicht allein auf der Straße rumtreiben. Das ist gefährlich. Du machst, was ich sage. Schließlich könnte ich dein Papa sein. Capito?«

Kapitel 3

nzwischen ist die dritte Februarwoche angebrochen. Draußen ist es nicht mehr kalt. Dafür schüttet es wie aus Eimern. Unsere stille Straße ist ein Meer aus bunten Regenschirmen. Warme Sonnenstrahlen sind mir lieber. Es macht so viel Spaß, an die frische Luft zu gehen und die ersten Boten des Frühlings im nahegelegenen Park zu bestaunen. Ich kann es nicht mehr erwarten, dass Schneeglöckchen, Märzenbrecher, Krokusse und Tulpen zum Leben erwachen.
   »Warum seufzt du so abgrundtief? Geht es dir nicht gut?«
   Pias helle Stimme reißt mich aus meinem Tagtraum. Mit rotem Kopf trete ich von meinem Lieblingsplatz am Küchenfenster zurück. Eigentlich sollte ich das schmutzige Geschirr vom Abendessen spülen, das sich auf dem Küchentisch stapelt. Tatsächlich hat Pia mich beim Träumen ertappt.
   »Doch.«
   Pia ahnt nichts von meinen trüben Gedankengängen. Sie trägt ihren dicken Anorak und macht einen unternehmungslustigen Eindruck. »Hast du dir schon Gedanken über dein Kostüm gemacht?«
   »Huch. Da sagst du was.«
   Mein schlechtes Gewissen meldet sich mit voller Wucht. An die bevorstehende Karnevalsparty habe ich noch keinen einzigen Gedanken verschwendet. »Ich werde gleich mal im Netz surfen.«
   »Leg mal einen Zahn zu. Du erledigst immer alles auf den letzten Drücker.«
   Diese Behauptung kann ich nicht auf mir sitzen lassen. »Dafür bist du deiner Zeit voraus.«
   »Genau.« Sie grinst zufrieden. »Mein Kostüm wird morgen von DHL geliefert.«
   Sie greift nach ihrer blau karierten Sporttasche und wirft sie sich lässig über die Schulter. »Deshalb kann ich heute ins Fitnessstudio gehen und mich richtig auspowern.«
   »Viel Spaß. Komm nicht unter die Räder.«
   »Das ist ausgeschlossen. Ich benutze das Laufband oder den Crosstrainer. Tschüss.«
   Mit einem Knall fällt die Tür hinter ihr ins Schloss, und ich bin allein in unserer gemütlichen Wohnküche. Nachdenklich starre ich auf den großen Wandkalender, den Pia mir zum vergangenen Weihnachtsfest geschenkt hat. Er ist ein richtiges Unikat und enthält tolle Schnappschüsse, die sie in ihrer Heimat Schleswig-Holstein geschossen hat. Pia kann gut mit ihrer Kamera umgehen. Ihre Bilder sind gelungene Momentaufnahmen, die den Zauber des Augenblicks einfangen. Vor allem ihre Aufnahmen von süßen Tierkindern gefallen mir. Wenn ich das winzige rot-weiß getigerte Katzenbaby betrachte, das sich hinter einem Heuballen auf einem Bauernhof versteckt hat, werde ich ganz sentimental. In meiner Kindheit habe ich von einem eigenen Haustier geträumt. Leider haben meine Eltern mir diesen Wunsch abgeschlagen, weil meine große Schwester Victoria auf Tierhaare allergisch reagiert.
   Diese traurigen Zeiten sind lange vorbei. Heute kann ich selbst über mein Leben bestimmen. Deshalb werde ich keinen einzigen Gedanken mehr an meine Vergangenheit verschwenden. Die Gegenwart ist wichtiger. Mist! In einer Woche steigt die Party des Jahres. Dann muss ich alles liegen und stehen lassen, mich hinter das Laptop klemmen und in die Tastatur hauen. Eigentlich mag ich Karneval nicht. Doch in diesem Jahr sind wir zu einer Party in einer angesagten Szene-Bar eingeladen. Es ist kein Motto vorgegeben, jeder Gast darf sein Kostüm frei wählen. Fasziniert starre ich in den Monitor und betrachte zahllose Aufnahmen von vergangenen Events. Rotkäppchen und der böse Wolf toben gemeinsam mit Mafia-Bossen und Charleston-Girls über den Bildschirm. Die Messlatte ist sehr hoch angesetzt. Wie soll ich mit meinen bescheidenen Mitteln hier mithalten können? Lange zerbreche ich mir meinen Kopf über eine passende Verkleidung. Bis es endlich Klick macht!
   In den nächsten Tagen ist harte Arbeit angesagt. Pia hat sich die Entscheidung wesentlich einfacher gemacht, in einem bunten Hochglanzkatalog geblättert und online eine Bestellung aufgegeben. Leicht kann jeder. Ich liebe Herausforderungen. Deshalb halte ich meinen Mund, schließe mich in meinem Zimmer ein, wühle nach den passenden Materialien in meinen Schränken, krame meine uralte Nähmaschine hervor und stichele stundenlang emsig an meinem Kostüm. Das Ergebnis kann sich sehen lassen, finde ich. Zwischendurch werfe ich immer wieder einen Blick auf mein Smartphone, das meine Verbindung zur großen weiten Welt darstellt. Meine Eltern haben sich gut in ihrer neuen Heimat eingelebt und halten mich per WhatsApp auf dem Laufenden. An das vertraute Plopp der eingehenden Nachrichten habe ich mich gewöhnt. Meine Mutter genießt ihre Freiheit und unternimmt viele Abstecher zu beliebten Wochenmärkten. Dort kauft sie frisches Obst und Gemüse ein und gönnt sich Churro und Chocolate in einem Straßencafé. Mein Vater werkelt fleißig in seinem neuen Heim und knüpft die ersten Kontakte zu seinen Nachbarn, die ihn in ihre elitären Golfclubs einführen. Wenn ich die farbenfrohen Bilder von der Trauminsel betrachte, spüre ich eine leise Sehnsucht in mir aufsteigen. Zu gern würde ich einen Abstecher nach Mallorca unternehmen und die malerische Umgebung mit meinen eigenen Augen sehen. Glücklicherweise habe ich keine Veranlagung zu einem Neidhammel. Ich gönne meinen Eltern ihr Glück. In den vergangenen Jahrzehnten haben sie es sich schwer erarbeitet. Meines muss ich mir selbst verdienen.
   Der große Tag ist gekommen. Pia fallen fast die Augen aus dem Kopf, als wir uns für die Party umkleiden. »Laura, das ist nicht dein Ernst. Für dieses Outfit brauchst du einen Waffenschein.«
   »Ich habe einen Stachel, das reicht mir.«
   Selbstbewusst mustere ich mich im Spiegel und rücke meine Krone zurecht, an der winzige Fühler aus Spiralfedern mit Pompons an den Enden befestigt sind. Mein schwarzes Minikleid habe ich mit gelben Streifen verziert, die ich mit Klebeband festgenäht habe. Auf die glitzernden Bienenflügel bin ich sehr stolz. Schließlich habe ich sie selbst im Schweiße meines Angesichts gebastelt. Meine Beine stecken in einer schwarzen Netzstrumpfhose, über die ich selbst gestrickte geringelte Stulpen gestreift habe. Auch wenn ich flache schwarze Ballerinas trage, komme ich mir wild und verwegen vor.
   »Willst du wirklich so ausfliegen?«
   Pia wirft mir einen kritischen Blick aus ihren dunklen Augen zu, die mit schwarzem Kajal dick umrandet sind. Ihr Kostüm kann sich sehen lassen. Sie hat sich für den Look der ägyptischen Pharaonin Cleopatra entschieden und trägt ein lose fallendes weißes Gewand, von dem sich ihre zahllosen Accessoires in schillernden Farben wirkungsvoll abheben. Ihre eigenen flachsblonden Haare hat sie zu einem Knoten gebunden und unter einer markanten schwarzen Perücke versteckt.
   »Klar.«
   »Dann ist es gut, dass wir einen berühmten Feldherrn an unserer Seite haben. Lennart und ich gehen im Partner-Look. An Cäsar kommt heute Abend niemand vorbei.«
   Entschlossen hakt sie sich bei mir unter. »Auf geht’s, mein Freund wartet unten mit dem Auto auf uns.«
   Partys sind mein Lebenselixier. Begeistert sauge ich die gelöste, heitere Atmosphäre auf. Alle Gäste stellen ihren guten Geschmack unter Beweis. Ihre Kostüme fallen aus dem Rahmen des üblichen. Neben japanischen Geishas in farbenfrohen Kimonos hüpfen in braune Kutten gehüllte Mönche und stolze Ritter in Kettenhemden über die Tanzfläche. Besonders gut gefällt mir der DJ, der sich ein aufwendiges Kostüm gegönnt hat. Mit seiner gepuderten Rokoko-Perücke und dem Spitzenjabot, das unter seiner Kostümjacke hervorblitzt, erinnert er mich an den Alten Fritz aus meinem Geschichtsbuch. Seine Musik stammt allerdings aus unserem Jahrhundert. Glücklicherweise werden nicht nur die üblichen Karnevalslieder, sondern auch angesagte Hits gespielt. Alles spricht für einen feuchtfröhlichen Abend.
   Von der Bar winkt mir Mika zu, der sich als kühner Freibeuter eine rassige Piratenbraut aufgerissen hat. Sie sieht hinreißend aus. Dennoch gerät mein Herz nicht aus dem Takt. Eifersucht gehört nicht zu meinen Lastern. Gut gelaunt werfe ich ihnen ein Kusshändchen zu, bevor ich mich in das Getümmel auf der Tanzfläche stürze. Im Laufe dieser Nacht muss ich mich unbedingt persönlich bei Mika bedanken. Er hat uns Freikarten für diese coole Party organisiert. Nichts geht über einen Bekannten mit guten Beziehungen, denke ich, während mich die Nebelschwaden einhüllen.
   »Was bist du denn für eine kesse Biene?«, raunt mir eine sonore Stimme ins Ohr. Der schwache Akzent, der in diesen wenigen Worten mitschwingt, löst ein angenehmes Kribbeln in mir aus. Langsam drehe ich mich um und blicke in die dunklen Augen eines flotten Franzosen, der seine schwarze Baskenmütze schräg auf seinen wuscheligen Locken trägt. »Vorsicht, ich kann böse zustechen.«
   »Das Risiko gehe ich ein«, gibt er zurück. »Zur Not schlage ich mit meinem Baguette zurück.«
   »Hast du deine Verpflegung vor deiner Abreise aus Paris gekauft?«
   Sein Lächeln ist entwaffnend. »Bien sur. Je m’appelle Yannik. Et toi?«
   »C’ est moi, Maya l’ abeille.«
   »Ah, je comprends!«
   Wie ich erfahre, ist Yannik dank eines Kulturaustauschstipendiums in Berlin gelandet. Entschlossen zieht er mich zur Bar, spendiert mir ein Glas Wein und verwickelt mich in eine angeregte Unterhaltung über Kunst, Literatur und Tanz, während sein Baguette vergessen an der Theke lehnt. Um nicht gegen die laute Musik anschreien zu müssen, rücken wir immer näher zusammen und arbeiten aktiv an der deutsch-französischen Völkerverständigung. Gerade als Yannik auf engere Tuchfühlung geht, klingelt mein Handy in meiner Handtasche.
   »Zut alors.«
   Yannik spielt mit meinen Locken, während ich mich an seine Brust schmiege und sein herbes Aftershave einatme. »Du riechst gut.«
   »T’ es jolie, Maya«, raunt Yannik mir ins Ohr. Mir läuft ein leiser Schauder über die Haut. Hach, dieser flotte Franzose weiß genau, was er tut. »Tu es magnifique.«
   Für schmeichelhafte Komplimente bin ich empfänglich. In diesem Punkt bin ich nicht allzu sehr verwöhnt. Gern möchte ich noch mehr süße Worte aus seinem Mund hören. Doch das Handy hört nicht auf zu läuten. Genervt verdrehe ich die Augen und löse mich von meinem Bekannten. »Excuse-moi …«
   »Non. Cela m’ énerve. Schalte das Ding einfach aus.«
   Ich denke über diese Option nach, schüttele den Kopf und greife nach meiner Handtasche. »Warte einen Augenblick. Es könnte ja was Wichtiges sein.«
   »Wichtiger als ich?« In Yanniks Stimme liegt ein leiser Vorwurf.
   »Hallo?« Die Verbindung ist schlecht. Sehr schlecht. Ich verstehe kein Wort. »Wer ist dran?«
   »Bestimmt hat sich jemand verwählt«, flüstert mir Yannik ins Ohr. »Schalte alles aus. Konzentrier dich auf mich. L‘ amour, c‘ est tout ou rien.«
   Als ich seinem klugen Ratschlag folgen und das Gespräch wegdrücken will, meldet sich eine sonore Stimme, die mir merkwürdig vertraut vorkommt. »Laura! Warum gehst du nicht ans Telefon? Wo steckst du bloß?«
   »Hi, Robert«, entgegne ich beleidigt. »Es ist Karneval. Ich bin auf einer Party. Ist das verboten?«
   »Nein.« Seine Stimme klingt verzerrt. »Hör zu, du musst sofort kommen.«
   »Warum?«
   »Victoria geht es schlecht.«
   »Das gibt es doch nicht.«
   Victoria geht es nie schlecht. Sie lässt sich nicht gehen, sondern bewahrt immer eine tadellose Haltung. Etwas stimmt hier nicht. Ich fühle mich, als ob man mir einen Schlag versetzt hätte. Mir wird ganz flau im Magen. »Sag mir die Wahrheit. Was ist passiert?«
   »Sie hatte einen Unfall. Mit ihrem Auto …«
   »Nein.«
   Ich muss losgeschrien haben. Der DJ reagiert, die Musik bricht ab, es wird ganz still. Alle Gäste starren mich an. Aus dem Handy höre ich Robert sprechen: »Komm zum Klinikum. So schnell du kannst. Bitte.«
   Er legt einfach auf, und ich lasse meine Hand mit dem Handy sinken. Wie aus dem Nichts ist Pia aufgetaucht und nimmt mich in den Arm.
   »Ganz ruhig, Laura. Atme tief durch. Du darfst nicht durchdrehen.«
   Lennart hat bereits unsere Mäntel von der Garderobe geholt. »Natürlich lassen wir dich nicht allein gehen. Wir fahren gemeinsam zum Krankenhaus.«
   Auch Yannik zeigt sein Mitgefühl. Sanft streicht er mir über die Wange. »Bonne chance, Maya l’abeille.«
   »Merci, Yannik. Au revoir«, piepse ich mit letzter Kraft. Meine Stimme lässt mich im Stich. Wahrscheinlich werde ich ihn nie wiedersehen. Wir haben keine Zeit, unsere Handynummern auszutauschen. Es spielt keine Rolle mehr.

Der Weg von Berlin nach Potsdam ist nicht weit. Trotzdem kommt es mir vor, als ob ich ein Rennen gegen die Zeit führe. Mir ist eiskalt. Meine Zähne klappern, und meine Hände hören nicht mehr auf zittern. Fürsorglich dreht Lennart die Heizung im Auto auf, während wir über die regennasse Fahrbahn gen Potsdam brausen. Pia und ich sitzen auf der Rückbank. Meine beste Freundin nimmt meine Hände und hält mich ganz fest. »Mach dich nicht verrückt, alles wird gut.«
   Als wir in die Notaufnahme stürmen, sorgen wir für Wirbel. Das diensthabende Personal starrt uns ungläubig an. Wahrscheinlich sind Cäsar und Cleopatra noch niemals zuvor mit einer Biene Maja zusammen unterwegs gewesen. Auch Robert kann es nicht fassen, als wir ihm gegenüberstehen. Die Augen fallen ihm fast aus dem Kopf, als er unsere Kostüme betrachtet. Es wäre zum Lachen, wenn uns nicht zum Weinen zumute wäre.
   »Wie siehst du denn aus?« Fassungslos schnappt er nach Luft. »So kannst du nicht draußen rumlaufen. Wo kommst du her?«
   Meine Fühler wippen zornig hin und her. »Hab ich dir am Telefon schon gesagt. Von einer Karnevalsparty.«
   Ich verstehe Roberts Reaktion nicht. Am liebsten möchte ich ihn anbrüllen. Meine derangierte, äußere Erscheinung ist völlig nebensächlich. Ich muss mich zusammenreißen. Verlegen nestele ich an meinen Flügeln, die sich gerade selbstständig machen wollen. »Wir wollten keine unnötige Zeit verlieren und sind direkt losgebraust. Sag mir lieber: Was ist passiert?«
   Robert holt tief Luft. »Victoria war auf dem Weg vom Fitnessstudio nach Hause. Ein hinter ihr fahrender Autofahrer hat die Kontrolle über sein Fahrzeug verloren. Er ist auf den Wagen von Victoria aufgefahren und hat sie von der Fahrbahn gedrängt. Bei dieser Aktion hat sich ihr Auto überschlagen. Es ist nur noch Schrott.«
   Seine nüchterne Schilderung klingt so irreal. Mein Hirn weigert sich zu verarbeiten, was ich gerade höre.
   »Was ist mit Victoria?«, flehe ich Robert an. »Ist sie schwer verletzt?
   »Ich weiß es nicht.« Robert wendet sich ab. Er ist ganz grau im Gesicht geworden und nestelt an seinem Sakko. »Wir müssen abwarten. Sie wird gerade operiert.«
   Mir wird schlecht. Alles dreht sich um mich, und ich habe Angst, dass ich ohnmächtig zu Boden sinke. Mit letzter Kraft lasse ich mich auf einen Stuhl fallen. »Wo ist Maya?«
   »Ihr geht es gut.« Die Stimme von Robert klingt gepresst. »Sie ist zu Hause und schläft friedlich. Ich habe eine Nachbarin gebeten, auf sie aufzupassen.«

Lennart und Pia haben sich diskret zurückgezogen. Robert und ich sind allein. Wir wechseln kein einziges Wort. Robert ballt die Fäuste und starrt auf die Uhr. Mein Kopf hämmert. Ich lege mein Gesicht in meine Hände und schließe die Augen. Meine Gedanken gleiten in die Vergangenheit zurück. Die Sache mit meiner Schwester nimmt mich mehr mit, als ich geglaubt habe. Victoria und ich stehen uns nicht allzu nahe. Unser Verhältnis war nie ungetrübt. Zu viel ist geschehen, was ich selbst in der Retrospektive nicht verstehen kann. Längst vergessene Erlebnisse blitzen wie Flashbacks in meinem Hirn auf.
   Fröhlich hopsend komme ich aus dem Kindergarten. Meine kleine Tasche schwingt bei jedem Schritt lustig mit. Ich kann es gar nicht erwarten, Victoria ein Bild zu zeigen, das ich mit Fingerfarben gemalt habe. »Guck mal, Vicky. Das will ich Mama und Papa schenken.«
   Mit spitzen Fingern nimmt Victoria das bunte Blatt Papier entgegen und betrachtet es mit einem finsteren Blick. Dann knüllt sie meinen Schatz zu einer Kugel zusammen und wirft sie entschlossen in den Papierkorb. »Dieses Gekritzel will niemand sehen. Du musst dich mehr anstrengen, Laura. Sonst wird nichts aus dir.«
   Der nächste Blitz setzt in meinem siebten Lebensjahr ein. Vergnügt sitze ich in meinem Zimmer und male mit Wasserfarben. Victoria steht hinter meinem Stuhl und schaut mir über die Schulter. Sie sagt keinen einzigen Ton. Meine Mutter ruft mich in die Küche. Ich knurre unwillig und stelle meinen Pinsel in ein Glas Wasser. Dann stehe ich vom Tisch auf und verlasse den Raum. Als ich eine halbe Stunde später zurückkomme, schaue ich entsetzt auf ein unbeschreibliches Chaos. Mein Wasserglas liegt auf dem Boden. Es ist leer. Mein Schreibtisch trieft vor Nässe. Auf dem Zeichenblock ist nichts mehr zu erkennen. Alle Farben sind zu einem undefinierbaren Mischmasch verlaufen.
   Fassungslos drehe ich mich zu Victoria um. Sie steht am Fenster, verschränkt ihre Arme und lächelt honigsüß. »Du bist zu huschelig, Laura. Der Becher ist umgekippt, als du rausgerannt bist. Ich habe alles versucht, aber ich konnte nichts mehr retten. Nun musst du alles noch mal machen.«
   Ich höre einen leisen Triumph in ihrer Stimme und glaube ihr kein Wort. Sie ist nicht unschuldig an diesem Malheur. Wie soll ich es ihr beweisen? Und wer wird mir glauben?
   Mit zusammengebissenen Zähnen hole ich mir einen Lappen aus der Küche und mache meinen Schreibtisch sauber. Ich erzähle meinen Eltern nicht, was geschehen ist. Nach dieser bitteren Erfahrung bin ich auf der Hut. Künftig male ich nur noch, wenn Victoria nicht im Hause ist, und ich suche mir ein sicheres Versteck für meine Kunstwerke in einem uralten Koffer auf dem Dachboden.
   Als ich aufs Gymnasium komme, hat Victoria ihr Abitur in der Tasche, schreibt sich an der Universität ein und zieht von zu Hause aus. Sie führt ihr eigenes Leben und kommt nur selten zu Besuch. Seitdem habe ich Ruhe vor ihr. Nein, das stimmt nicht. Sie zerstört nichts mehr, aber sie macht sich über meine schulischen Leistungen lustig. Wenn sie meine Eltern besucht, will sie meine neuen Arbeiten sehen. Dann bricht sie in höhnisches Lachen aus, lästert über meine Kunstwerke und demoliert mein Selbstbewusstsein.
   Tränen rinnen über meine Wangen. Victoria und ich sind kein Herz und eine Seele. Unser Verhältnis ist schwierig. Dennoch kann und will ich nicht auf sie verzichten. Ich falte meine Hände und schicke ein stummes Gebet zum Himmel. Bitte hilf uns, lieber Gott. Lass Victoria nicht sterben. Maya ist so klein. Sie braucht ihre Mutter – und ich will meine große Schwester behalten. Wenn du sie beschützt, werde ich alles machen, was Victoria und Robert sagen. Ich werde mich wie eine Erwachsene benehmen und nie mehr aus der Rolle fallen. Mein Ehrenwort!
   »Herr von Hohenfels?«, reißt mich eine fremde Stimme aus meinen Gedanken. Mit einem Schlag bin ich hellwach. Ängstlich springe ich von meinem Stuhl auf und starre den Arzt an.
   Auch Robert ist aufgeschreckt. »Ja?«
   »Die Operation ist gut verlaufen. Wir haben Ihre Frau auf die Intensivstation verlegt.«
   Der Arzt sagt noch eine Menge, aber ich höre nicht mehr hin. Ich schließe meine Augen und lasse meinen Tränen freien Lauf. Meine Gebete haben genutzt. Victoria wird nicht sterben. Das ist das Einzige, was für mich in diesem Augenblick zählt.
   »Fahr nach Hause.«
   Wir sind wieder allein. Der Arzt ist gegangen. Robert drückt mir einen Geldschein in die Hand. »Wasch dir die Schminke ab und nimm dir ein Taxi, so kannst du nicht unter die Leute gehen.«
   Vergiss es, will ich sagen. Dann schlucke ich meine Antwort hinunter und stecke das Geld in mein Portemonnaie. Ich will es nicht behalten. Lennart soll es bekommen. Er hat mich unterstützt, als ich seine Hilfe brauchte, und ich will ihm nichts schuldig bleiben. »Und du?«
   »Ich bleibe hier. Wenn Victoria aus der Narkose aufwacht, will ich an ihrer Seite sein.«
   »Dann bleibe ich auch«, entscheide ich spontan. »Ich lasse dich nicht allein.«
   »Das ist lieb von dir, aber lass es gut sein.« Fürsorglich legt Robert mir die Hand auf die Schulter. »Heute kannst du nichts für sie tun. Victoria ist in guten Händen. Geh ins Bett. Ich rufe dich morgen an. Okay?«

Lennart fährt uns wieder zurück nach Berlin. Er verliert kein Wort über den Unfall. Stattdessen zieht er mich an sich und drückt mich liebevoll, als wir uns voneinander verabschieden. Diese kleine Geste rührt mich mehr, als wenn er viele Worte verloren hätte. Als Pia und ich in unserer Wohnung sind, fühlen wir uns wie durch die Mangel gedreht. Wir sind erschöpft und todmüde. Trotzdem können wir nicht zu Bett gehen. Wir schlurfen in die Küche, und Pia drückt mich entschlossen auf einen Stuhl. »Ich brauch einen Kaffee. Du auch?«
   Sie wartet meine Antwort nicht ab, sondern macht sich an der Kaffeemaschine zu schaffen. »Läuft.«
   Dann lässt sie sich zu meinen Füßen nieder, greift nach meiner Hand und streichelt sie unentwegt. »Mach dich nicht verrückt. Alles wird wieder gut. Deine Schwester lebt. Das ist die Hauptsache.«
   Ihre sanfte Berührung tut mir gut. Meine Erstarrung beginnt sich zu lösen. »Ich habe solche Angst, Pia. Hoffentlich behält Victoria keine bleibenden Schäden. Wenn sie ein Leben lang im Rollstuhl sitzen muss …«
   »Nein. Das wird nicht geschehen. Sie wird wieder gesund. Denk positiv«, spricht Pia mir Mut zu. Sie füllt einen Becher mit Kaffee und drückt ihn mir in die Hand. »Trink, Laura. Der Kaffee wird dir guttun.«
   »Ja«, wiederhole ich mit einer ausdruckslosen Stimme. »Bestimmt.« Dann lasse ich die Tasse zu Boden fallen. Sie zerspringt in mehrere Stücke, und die dunkle Brühe schwappt über den Fliesenboden. Mit spitzen Fingern greife ich nach meiner selbst gebastelten Krone mit den Fühlern aus Pompons, werfe sie auf den Boden und stampfe mit den Füßen auf wie ein wütendes Kleinkind. »Schmeiß bloß dieses Dreckszeug weg! Ich will das verdammte Kostüm nie wieder in meinem Leben sehen.«
   »Hör auf.« Pia packt mich an den Schultern und hält mich eisern fest. »Reiß dich zusammen, Laura. Du darfst nicht durchdrehen.«
   »Warum?«, schluchze ich. »Kannst du mir sagen, warum dieser verdammte Unfall passiert ist?«
   »Nein. Ich weiß es nicht, Laura.«
   Voller Mitleid sieht Pia mich an. »Was geschehen ist, ist geschehen. Wir können nichts daran ändern. Aufgeben ist keine Option. Du darfst dich nicht gehen lassen. Wir schaffen es gemeinsam. Verstanden?«

In den nächsten Stunden schlafe ich nicht. Meine Gedanken drehen sich im Kreis. Unruhig wälze ich mich in meinem Bett hin und her. Mein Handy liegt auf meinem Kopfkissen. Immer wieder starre ich auf das Display und warte auf den Anruf von Robert. Warum meldet er sich nicht? Als es gegen acht Uhr klingelt, fällt mir ein Stein vom Herzen. Gleichzeitig fühle ich eine schreckliche Angst in mir aufsteigen.
   »Ja?«, krächze ich in den Hörer. »Wie geht es Victoria?«
   »Den Umständen entsprechend gut.«
   Robert redet um den heißen Brei herum. Ich hasse kryptische Antworten. »Ich verstehe dich nicht.«
   »Sie hat großes Glück im Unglück gehabt«, erläutert Robert. »Ihre Wirbelsäule ist verletzt, aber sie hat keine Querschnittslähmung davongetragen.«
   »Gott sei Dank«, atme ich auf. »Kannst du mir etwas über die Operation sagen?«
   »Sie war kompliziert. Das Ärzte-Team musste mehrere Stents setzen, um die Wirbelkörper wieder aufzubauen.«
   Mir läuft es eiskalt den Rücken hinunter. »Bleiben diese Teile für immer drin?
   »Nein. Wenn alles gut verheilt ist, kommen sie wieder heraus.«
   »Wann ungefähr?«, hake ich nach. Robert kann oder will diese Frage nicht beantworten.
   »Ich bin kein Hellseher. Die Ärzte tun, was in ihrer Macht steht. Wir müssen den Heilungsprozess in aller Ruhe abwarten und viel Geduld haben.«
   Ich wage einen neuen Vorstoß. »Wann kann ich Victoria besuchen?«
   Robert lehnt kategorisch ab. »Noch nicht.«
   »Warum nicht?«, wundere ich mich. »Ist Besuch auf der Intensivstation verboten?«
   »Victoria hat schwere Verletzungen«, erläutert Robert. »Nach der Operation haben die Ärzte sie vorübergehend in ein künstliches Koma versetzt.«
   Vor Schrecken fällt mir fast das Handy aus der Hand. »Was?«
   Robert bemerkt meine Panik. »Mach dir bitte keine Sorgen. Diese Vorgehensweise ist eine reine Routinemaßnahme bei schweren Unfällen.«
   Diese Worte können mich nicht beruhigen. »Wann darf ich sie sehen?«
   »Sagen wir: in einer Woche.« Robert scheint nachzudenken. »Vielleicht auch: zwei. Ich gebe dir Bescheid, wenn es so weit ist.«
   Warum will er mich von Victoria fernhalten? Ich verstehe ihn nicht. Ich wage keinen Widerspruch mehr. »Was macht Maya? Bleibst du bei ihr?«, stelle ich stattdessen die einzige Frage, die mir auf den Nägeln brennt.
   »Ja«, weicht Robert einer klaren Antwort aus. »Ich habe alle Termine abgesagt und kümmere mich um sie. Alles Weitere wird sich finden.« Er räuspert sich. »Ich ruf dich wieder an, Laura. Pass auf dich auf.«
   Es klickt in der Leitung. Robert hat unser Gespräch beendet und mich völlig durcheinander zurückgelassen. Vielleicht kann ich wieder klar denken, wenn ich mich unter die kalte Dusche gestellt habe. Entschlossen schwinge ich mich aus dem Bett und mache einen großen Bogen um das zusammengeknüllte Bündel auf dem flauschigen Bettvorleger, das vor wenigen Stunden mein wunderschönes Biene-Maja-Kostüm gewesen ist. Auf dem Flur treffe ich Pia, die genauso mies aussieht, wie ich mich fühle. Mit den dunklen Ringen unter ihren Augen macht sie einen erschöpften und müden Eindruck. Ihr hübsches Gesicht hat seine gesunde Bräune verloren. Sie wirkt so blass, dass ich sogar die Sommersprossen auf ihren Wangen zählen kann.
   »Wie geht es dir?«
   »Beschissen.« Lässig zucke ich mit meinen Achseln. »Siehste doch.«
   »Stimmt.« Pia versucht ein schiefes Lächeln. »Du warst schon mal hübscher. Wie wäre es mit einem Tee?«
   »Ich will Victoria sehen, aber Robert hat es verboten«, bricht es aus mir heraus, während sie nach meiner Hand greift und mich mit sich in die Küche zieht. »Eine Woche soll ich warten. Mindestens.«
   »Hm.«
   »Ich raffe es nicht«, rege ich mich auf. »Kannst du mir das erklären?«
   »So schwer ist das gar nicht.« Pia lässt meine Hand los und sieht mich an. »Wahrscheinlich will dein Schwager nicht, dass du deine große Schwester in diesem Zustand siehst. Entweder will er dir ein Trauma ersparen, oder er will sie vor den Blicken von anderen Menschen schützen. Vielleicht kann er kein Mitleid ertragen.«
   »Wir sind eine Familie«, entgegne ich fassungslos. »Jetzt sollten wir fest zusammenhalten.«
   »Sicher.« Pia hantiert ruhig in der Küche. »Wenn Robert und Victoria grünes Licht geben.«
   »Nein. Ich muss zu ihr. Sie braucht mich.«
   »Bist du dir sicher?«, fragt Pia und schenkt mir eine Tasse Tee ein. »Ich habe einen ganz anderen Eindruck. Deiner großen Schwester ist es wichtig, Haltung und Stärke nach außen zu demonstrieren. Du hast sie niemals krank und schwach erlebt. Wahrscheinlich kann sie es nicht ertragen, dass sie ans Bett gefesselt, mit Schmerzmitteln vollgepumpt und von anderen Menschen abhängig ist, während du gesund und munter bist und alles tun kannst, was du willst.«
   Von diesem Aspekt habe ich das Gespräch noch gar nicht betrachtet. Schweigend rühre ich mit einem Löffel in meiner Tasse herum.
   »Wer kümmert sich um Maya?«
   »Robert.«
   »Kann er diese Aufgabe allein stemmen?«
   »Keine Ahnung«, gebe ich widerwillig zu. »Maya geht in den Kindergarten. Trotzdem braucht sie eine zuverlässige Betreuung.«
   »Willst du deine Eltern um ihre Hilfe bitten?«
   »Ich weiß nicht, ob das eine gute Idee ist.«
   »Du willst ihnen doch nicht verschweigen, was gerade passiert ist?« Vorwurfsvoll sieht Pia mich an. »Das kannst du nicht machen, Laura.«
   »Natürlich nicht. Sie müssen Bescheid wissen. Doch sie sind gerade auf Mallorca angekommen und genießen ihre Freiheit in vollen Zügen. Hör dir bloß an, was meine Mutter mir vorgestern geschrieben hat.«
   Demonstrativ zücke ich mein Handy und lese laut vor: »Liebes, unsere neuen Nachbarn haben uns zu einer mehrwöchigen Kreuzfahrt überredet. Wir möchten uns Wind um die Nase wehen lassen. Gerade sind wir an Bord der AIDA gegangen. Das Leben ist so schön!«
   Niedergeschlagen schaue ich Pia an. »Wir können ihnen nicht ihren Urlaub verderben und sie wieder nach Deutschland zurückrufen.«
   »Verstehe.« Pia macht große Augen. »Also wird es an dir hängen bleiben.«
   »Ich denke schon.« Hastig nehme ich einen kleinen Schluck Tee und verbrenne mir prompt die Zunge. »Maya braucht mich. Für sie ist es viel schlimmer als für alle anderen.«
   »Auf jeden Fall.« Pia kaut auf ihrer Unterlippe. Das macht sie immer, wenn sie scharf nachdenkt. »Dein Schwager ist ein erfolgreicher Geschäftsmann. Vielleicht engagiert er eine Kinderfrau oder ein Au-pair-Mädchen?«
   »Theoretisch schon. Praktisch eher nicht.«
   Ich muss schlucken. »Ich glaube nicht, dass Maya mit einer wildfremden Frau klarkommt, die sie noch niemals in ihrem Leben gesehen hat. Diese Situation ist ohnehin schlimm genug für sie.«
   »Vielleicht können wir sie zu uns nehmen? Wir wechseln uns mit der Betreuung ab und passen auf die Kleine auf. Lennart kann gut mit Kindern umgehen. Er wird deine Nichte zu sportlichen Aktivitäten überreden. Bewegung tut immer gut. Was meinst du?«, schlägt Pia vor.
   Nach kurzem Nachdenken schüttele ich den Kopf. »Ausgeschlossen. Einen Umzug wird Robert niemals erlauben. Wir dürfen sie nicht aus ihrem gewohnten Umfeld herausreißen.«
   »Wir werden schon eine Lösung für dieses Problem finden«, erklärt Pia diplomatisch. »Aber nicht heute. Morgen ist auch noch ein Tag. Wenn wir durch den Wind sind, können wir niemandem helfen.«
   Ich zwinge mich zu einem Lächeln. »Stimmt.«
   »Und was Victoria betrifft …« Pia macht eine kleine Pause. »Ich kann dir nur einen guten Ratschlag geben: Hör auf deinen Schwager, Laura. Mach keine Extratouren. Tu einmal, was man dir sagt.«
   Damit hat sie einen wunden Punkt berührt. Schuldbewusst zucke ich zusammen. Ja, ich werde mein Versprechen halten, meine Nase in die Bücher stecken und mich auf mein Studium konzentrieren. Mit ihren Vorwürfen haben Robert und Victoria gar nicht so unrecht. In den letzten Wochen habe ich die Zügel schweifen lassen und das Leben von der lockeren Seite betrachtet. Damit soll nun Schluss sein. Ich werde mich hinter mein Laptop klemmen und die längst fälligen Hausarbeiten schreiben, damit ich sie zum vorgesehenen Termin im Sekretariat meines Professors abgeben kann.

In den nächsten Tagen behandeln mich Lennart und Pia wie ein rohes Ei. Sie bewachen unseren Festnetzanschluss und lassen mich mit niemandem sprechen. Lennart spielt meinen Bodyguard, begleitet mich zur Universität und blockt alle Nachfragen von besorgten Kommilitonen kategorisch ab. Genauso verfährt Pia, die alle neugierigen Besucher an unserer Wohnungstür abwimmelt. Sie kocht meine Lieblingsgerichte und übernimmt sogar alle notwendigen Einkäufe, damit ich die Wohnung nicht verlassen muss. Mit diesen Maßnahmen will sie erreichen, dass ich den schrecklichen Unfall von Victoria in aller Ruhe verarbeiten und neue Kräfte sammeln kann.
   Sie meinen es gut mit mir. Doch ich kann ihre Fürsorge nicht länger ertragen. Klammheimlich stehle ich mich aus dem Haus und mache mich auf den Weg zur Klinik nach Potsdam, während Pia und Lennart zum Training ins Fitnessstudio gegangen sind. Ich habe einen Riesenbammel vor diesem Besuch. Trotzdem kann und will ich nicht länger warten. Zwar hat Robert sein Versprechen gehalten und mich über den gesundheitlichen Zustand von Victoria auf dem Laufenden gehalten, aber seine spärlichen, gut dosierten Informationen reichen mir nicht. Angeblich liegt sie nicht mehr im künstlichen Koma, sondern ist auf dem Wege der Besserung. Was auch immer diese kryptische Aussage bedeuten mag. Noch ist Victoria nicht von der Intensivstation in ein normales Zimmer verlegt worden. Deshalb muss ich mich mit eigenen Augen davon überzeugen, dass alles in Ordnung ist.
   Glücklicherweise bin ich nicht auf den Mund gefallen. Nach einem kurzen Gespräch habe ich herausbekommen, wie ich zur Intensivstation komme. Sie liegt nicht in der Nähe der Notaufnahme, wie ich in meiner Naivität vermutet habe, sondern in einer der oberen Etagen des Krankenhauskomplexes. Zielsicher steuere ich den nächsten Aufzug an und drücke auf den Knopf. Während der Aufzug langsam nach oben fährt, rutscht mein Herz immer mehr in die Hose. Mir bricht der Schweiß aus, wenn ich an meine erste Begegnung mit schwerkranken Menschen denke. Ich will Victoria unbedingt sehen – gleichzeitig habe ich eine Scheißangst vor unserem Zusammentreffen. Soll ich lieber kneifen? Ach was, Bange machen gilt nicht, spreche ich mir selbst Mut zu. Was andere Menschen schaffen, sollte selbst ich hinbekommen. Der Eingang zur Intensivstation ist gut verschlossen. Unbefugte sollen um jeden Preis ferngehalten werden. Hoffentlich hat Robert nicht meinen Namen auf die Liste der unerwünschten Besucher setzen lassen. Diese Blamage wäre nicht auszudenken. Mit zitternden Fingern betätige ich die Klingel und spähe durch die Milchglasscheibe, kann aber nichts erkennen. Nach einer halben Ewigkeit öffnet eine Krankenschwester die Tür und fragt mich höflich nach meinem Namen. »Mein Name ist Laura Stegemöller«, stammele ich. »Ich möchte zu meiner Schwester Victoria von Hohenfels.«
   »Folgen Sie mir bitte ins Wartezimmer.«
   Wie ein gehorsames Hündchen dackele ich hinter der Krankenschwester her und richte mich auf eine längere Wartezeit ein, während meine dürftigen Angaben überprüft werden. Am Ziel bin ich noch lange nicht. Immerhin habe ich es auf die richtige Station geschafft. Hier ist es noch viel stiller als auf den anderen Stationen. Nicht ein einziger Laut ist zu hören. Gespenstisch!
   Kurze Zeit später werde ich von einem anderen Pfleger abgeholt und in das richtige Zimmer geführt. »Frau von Hohenfels schläft gerade. Sie können nach ihr schauen. Ich lasse Sie dann mal allein.«
   Beim ersten Blick in das Zimmer weiß ich definitiv Bescheid. Eine Intensivstation ist kein Ort, an dem ich es lange aushalten kann. Meine große Schwester liegt in einem Bett, unter einer weißen Decke, und rührt sich nicht. Die Szene hat etwas Surreales. Ihre Augen sind geschlossen, und sie sieht blass und kraftlos aus. Wahrscheinlich wird sie mit jeder Menge Medikamente vollgepumpt. Mein Blick fällt auf die vielen Kabel und Schläuche, und mir wird ganz mulmig zumute. Ich kann kein Leben in meiner großen Schwester erkennen, nur technische Geräte, die sie am Leben halten. Wird sie hier wieder gesund rauskommen? Diesen Gedanken möchte ich nicht zu Ende denken. Es ist schlimm. So schlimm. Viel schlimmer, als ich es mir vorgestellt habe. Mir wird schwarz vor Augen. Dann sehe ich nichts mehr.

Als ich wieder zu mir komme, liege ich auf einer Bank im Wartezimmer, und die nette Krankenschwester tätschelt mir die Wangen. »Was machen Sie denn für Sachen?«
   »Weiß nicht«, presse ich hervor und richte mich langsam auf. »Ich bin wohl ohnmächtig geworden. Das ist mir noch nie passiert.«
   »Haben Sie etwas gegessen?«
   »Nein«, gebe ich widerwillig zu. In den letzten Tagen habe ich kaum einen Bissen hinunterbekommen. »Ich hätte besser auf mich aufpassen sollen.«
   »Herr von Hohenfels kommt immer gegen 18 Uhr«, erinnert sich die Krankenschwester. »Er könnte Sie mit dem Auto nach Hause bringen. Möchten Sie auf ihn warten?«
   Das Blut schießt mir in die Wangen. Robert kommt in einer halben Stunde. Mit einem Schlag bin ich hellwach. Er darf mich unter keinen Umständen sehen. Dann ist hier der Teufel los. Ich muss so schnell und unauffällig verschwinden, wie es nur geht.
   »Auf gar keinen Fall«, lehne ich ausdrücklich ab. Mit letzter Kraft springe ich von der Bank auf und knüpfe meinen Wintermantel zu. »Mir geht’s prima. Ich komme gut allein zurecht. Dann mach ich mich mal auf die Socken. Auf Wiedersehen.«
   Wie ich wieder nach Hause gekommen bin, kann ich nicht sagen. Ich weiche den fragenden Blicken von Lennart und Pia aus, die bereits in unserer Wohnung auf mich gewartet haben. Wortlos gehe ich ins Bett, ziehe die Decke über meinen Kopf und schließe die Augen. Heute hab ich auf ganzer Linie Schiffbruch erlitten. Robert und Victoria haben recht behalten. Ich bin zu nichts zu gebrauchen. Ich bin noch nicht mal in der Lage, meiner kranken großen Schwester auf der Intensivstation zur Seite zu stehen. Mir reicht’s für heute. Ich will nur noch schlafen.

Kapitel 4

enige Tage später drehen Pia und ich eine Runde durch den weltberühmten Berliner Zoo, den ältesten Tiergarten der Welt. Ich muss frische Luft schnappen und auf andere Gedanken kommen, und es gibt keinen Platz auf der Welt, der besser für diesen Zweck geeignet wäre. Ich liebe Tiere und könnte sie stundenlang beobachten. Deshalb habe ich meinen eisernen Notgroschen in eine Jahreskarte investiert – eine erschwingliche Ausgabe, die sich für mich in jeder Hinsicht ausgezahlt hat. In den vergangenen Monaten habe ich zahllose Stunden im Berliner Zoo verbracht, viele Erinnerungsfotos mit meiner Kamera geschossen und alle dort lebenden Tiere in vielen Skizzen für die Ewigkeit festgehalten. Meine gesammelten Werke würden für ein dickes Buch reichen. Insgeheim liebäugele ich mit dem Gedanken, meinem Professor mein Hobby für meine Bachelor-Arbeit an der Universität der Künste Berlin schmackhaft zu machen. Er hat noch keine Ahnung von meinen konkreten Plänen. Ich vertraue einfach mal auf mein Glück, ihm dieses extravagante Thema in einem persönlichen Gespräch unterzujubeln.
   Pia und ich sind vor dem Affengehege angelangt. Mir haben es vor allem die Primaten angetan. Vielleicht liegt es daran, dass ich mich selbst zur biologischen Gattung der Pinseläffchen zähle, denke ich in einem Anflug von Galgenhumor und spähe zu den Baumwipfeln, wo die geselligen Bonobos gut gelaunt Blätter mampfen. Affe müsste man sein!
   »Was ist los mit dir?«, fragt Pia forschend. »Du bist so komisch.«
   »Nix«, stelle ich meine Stacheln auf. »Das bildest du dir nur ein.«
   »Doch.« Pia gibt nicht auf. »Hast du Muffensausen, weil du nachher deine große Schwester im Krankenhaus besuchen darfst?«
   Sie hat ins Schwarze getroffen. Heute Nachmittag ist mein erster Besuch in der Klinik. Jedenfalls mein erster offizieller, wenn man von meiner missglückten Extratour absieht, über den ich den Mantel des Schweigens ausgebreitet habe. Wenn es nach mir geht, wird niemand davon erfahren. Robert hat keine Ahnung, dass ich mich über sein Verbot hinweggesetzt habe und zur Intensivstation marschiert bin – oder er hat sich dazu entschlossen, sich nichts anmerken zu lassen. Heute Vormittag hat er mir grünes Licht gegeben. Victoria hat gute Fortschritte gemacht und ist von der Intensivstation auf eine »normale« Station verlegt worden. Ich zweifle nicht an ihrem eisernen Willen. Sie schafft alles, was sie sich vornimmt – während ich mit Pauken und Trompeten untergehe. Ich bin der geborene Loser. Zu vielem fähig, zu nichts zu gebrauchen.
   Mit einem brunnentiefen Seufzer wende ich mich meiner Freundin zu und ziehe mir meine Strickmütze tiefer in die Stirn. Es ist ziemlich frisch, und eine Erkältung darf ich mir auf keinen Fall einfangen. Sonst ist das Wiedersehen mit meiner großen Schwester in weite Ferne gerückt. »Bescheuert, oder?«
   »Nein, gar nicht«, behauptet Pia. »Ganz normal, wenn du mich fragst. Schließlich weißt du ja nicht, was dich erwartet.«
   Doch. Gerade deswegen habe ich ja Angst. Verlegen hake ich mich bei ihr unter und ziehe sie in Richtung Ausgang. »Genug gefroren. Lass uns nach Hause gehen. Ich brauch dringend einen heißen Tee. Oder einen Grog.«
   »Ich kann dir auch einen Tote Tante machen, wenn du willst«, bietet Pia mir eifrig eine Spezialität aus ihrer norddeutschen Heimat an. »Dann wird dir garantiert warm.«
   »Weil dieses Getränk Tote zum Leben erweckt?« Ich lache vergnügt. »Okay, ich bin einverstanden. Nur nicht in homöopathischen Dosen. Eine Buddel voll Rum kann heute nicht schaden. Meine Hände sind ganz klamm.«
   Am Nachmittag lache ich nicht mehr. Als ich das Krankenhaus betrete, fühlen sich meine Füße bleischwer an. Bereits der merkwürdige Geruch auf den Gängen löst die ersten Panikattacken in mir aus. Ich weiß nicht, ob meine Nerven diesmal mitspielen. Am liebsten möchte ich alles stehen und liegen lassen und einfach davonrennen.
   »Kann ich Ihnen helfen?«
   Eine hilfsbereite Krankenschwester kommt mir entgegen. Sie schiebt einen Wagen mit verschiedenen Medikamenten und sieht in ihrem weißen Kittel kompetent und zuverlässig aus.
   »Nein, es ist alles okay«, stammele ich und starre auf einen Zettel, auf dem ich mir alle wichtigen Angaben notiert habe. »Ich möchte nur meine Schwester Victoria von Hohenfels besuchen. Sie liegt auf der Privatstation, Zimmer 301.«
   »Das ist ganz einfach.«
   Das freundliche Lächeln auf dem Gesicht meiner Gesprächspartnerin verschwindet und macht einem professionellen Ausdruck Platz. »Zweimal rechts, dann geradeaus durch die Glastür.«
   Das klingt einfach. Ich liebe klare Ansagen. Erleichtert strahle ich die Krankenschwester an. »Danke schön.«
   Trotz dieser klaren Anleitung habe ich geschafft, mich einmal auf der weitläufigen Station zu verlaufen. Nach einer Viertelstunde habe ich das richtige Zimmer gefunden. Mein Herz klopft wie zum Zerspringen. Ich hole tief Luft, klopfe höflich an, drücke langsam die Klinke hinunter und riskiere einen vorsichtigen Blick in den Raum.
   Wie bei der letzten Begegnung liegt Victoria in einem blütenweißen Bett. Diesmal macht sie einen wesentlich lebendigeren Eindruck, auch wenn sie nicht geschminkt ist und in ihrem spitzenbesetzten Nachthemd zart und verletzlich wirkt. Ihr dichtes schwarzes Haar ist zu einem schlichten Pferdeschwanz gebunden, der ihr über die Schultern fällt. Ihre Augen sind gerötet, wahrscheinlich hat sie geweint. Von der selbstsicheren Geschäftsfrau auf dem Abschiedsessen meiner Eltern ist nichts mehr übriggeblieben. Bei ihrem Anblick zieht sich mein Herz vor Mitleid zusammen.
   »Was machst du denn für Sachen?«
   Impulsiv will ich ihr einen Kuss auf die Wange hauchen. Victoria verzieht ihr Gesicht und macht eine abwehrende Geste. Gefühle sind nicht in ihrem Betriebssystem vorgesehen. Sie funktioniert am besten bei einer konstant niedrigen Temperatur.
   »Ich habe gar nichts gemacht.« Ihre großen Augen sprühen Funken. »Frag mal lieber diesen Vollidioten, der mich von der Straße gedrängt und mir diese Zwangspause eingebrockt hat.«
   Plumps! Mir fällt ein Stein vom Herzen. Offensichtlich hat Victoria keinen ernsthaften Schaden genommen. Ihr loses Mundwerk funktioniert tadellos.
   »Der Typ muss einen an der Waffel haben. Stell dir vor, er hat in der Vernehmung zugegeben, dass er während der Fahrt an seinem Handy rumgefummelt hat. Dieses Benehmen hätte ich höchstens einem Spatzenhirn wie dir zugetraut.«
   Achtung: Meine große Schwester ist auf 180 und mit Vorsicht zu genießen. Ich mobilisiere meinen guten Willen, schlucke die böse Bemerkung hinunter und lasse mich auf einen Stuhl an ihrem Bett sinken. »Du hast riesiges Glück gehabt. Immerhin bist du glimpflich davongekommen.«
   »Ach, nee. Meinst du das im Ernst? Soll ich meinen Anwalt bitten, ein Dankschreiben an den Unfallverursacher aufzusetzen?«
   Ihre sarkastischen Worte sind wie eine Ohrfeige.
   »Dieser miese Typ hat mir das volle Unterhaltungsprogramm geboten. Mein Auto hat Totalschaden – und ich sehe nicht viel besser aus. Es wird Wochen dauern, bis ich wieder auf dem Damm bin. Bis dahin darf ich hier Däumchen drehen.«
   »Vielleicht tut dir ja eine Auszeit ganz gut«, wage ich einzuwenden. »In den letzten Jahren hast du pausenlos geackert. Wenn du so weitergemacht hättest, wäre ein Burnout vorprogrammiert gewesen.«
   »Spinnst du komplett?«
   Mit einer dramatischen Geste fasst sie sich an die Stirn. »Im Gegensatz zu dir lebe ich nicht von der Hand in den Mund. Ich bin eine hart arbeitende Geschäftsfrau und kann meine Boutique nicht so lange allein lassen. Sonst verliere ich meine Existenzgrundlage.«
   »Wenn alle Stricke reißen, bin ich für dich da.«
   In dem Moment, als ich die Worte ausspreche, weiß ich, dass ich einen schweren Fehler gemacht habe. Wenn man meiner Schwester einen kleinen Finger reicht, nimmt sie gleich die ganze Hand. Auch heute enttäuscht sie mich nicht.
   »Danke, Laura. Ich will dich um einen kleinen Gefallen bitten.«
   Für mich klingt es eher wie ein Befehl. Victoria hat einen scharfen Kasernenhof-Ton drauf, der mich strammstehen lässt. »Ja?«
   »Während ich mich auf meine Genesung konzentriere, musst du dich um alles kümmern.«
   »Wie bitte?«
   »Also: um meine Boutique, mein Haus, meine Tochter und meinen Mann«, präzisiert sie mit einer glasklaren Stimme. Die Reihenfolge gibt mir zu denken. Materielle Werte haben einen höheren Stellenwert als Menschen, die in ihrer Rangskala ganz hinten rangieren.
   »Wie soll ich das schaffen?«
   »Ganz einfach. Du packst deine Siebensachen zusammen und ziehst bei uns ein. Sind nicht sowieso gerade Semesterferien?«
   »Ja, bis April«, entschlüpft es mir, und im nächsten Moment weiß ich, dass ich lieber geschwiegen hätte.
   »Na also. Dann hast du sowieso nichts zu tun. Falls ich länger ausfalle, ist es auch kein Weltuntergang. Wenn du an der Uni schwänzt, fällt das nicht auf. Deine Kritzeleien kannst du auch an meinem Küchentisch erledigen.«
   »Wie stellst du dir das vor?«, wage ich einen schwachen Protest. »Ich kann nicht einfach von Berlin weg …«
   »Bist du in festen Händen und wirst schmerzlich vermisst?«, fragt Victoria mit einem lauernden Unterton. »Was dein Privatleben angeht, hüllst du dich ja immer in Schweigen. Gibt es etwas, was ich nicht weiß?«
   Mist, jetzt hat sie mich auf dem falschen Bein erwischt. Mit rotem Kopf schüttele ich den Kopf. »Nein. Ich bin solo.«
   »Sehr traurig. In deinem Alter war ich bereits in festen Händen«, weidet sich Victoria an meinem Elend. »Robert und ich haben uns auf einem wichtigen, gesellschaftlichen Event kennengelernt. Wenn man den perfekten Partner finden will, muss man eine kluge Auswahl unter dem vorhandenen Material treffen. Aussehen, Beruf, Herkunft, Status – alle äußeren Faktoren müssen stimmen. Dann klappt es mit der großen Liebe.«
   An einem Partner, der mehr als zwanzig Jahre älter ist als ich, bin ich definitiv nicht interessiert. Robert ist nicht der Traum meiner schlaflosen Nächte, und seinen Klon möchte ich nicht an meiner Seite wissen. Auf dieses häusliche Glück verzichte ich dankend. Lieber bin ich weiterhin als glücklicher Single unterwegs. »Ich verlasse mich lieber auf mein Bauchgefühl.«
   »Vergiss es. Du nutzt die falsche Methode. Schalte zur Abwechslung mal deinen gesunden Menschenverstand ein. Sonst wirst du wieder Schiffbruch in der Liebe erleiden.«
   Missbilligend zieht Victoria ihre perfekt gezupften Augenbrauen hoch. »In den letzten Jahren hast du einen schlechten Geschmack bewiesen, Laura. Du interessierst dich für Typen, die ich nicht mal mit der Kneifzange anfassen würde.«
   Victoria weiß genau, was sie tut. Sie hat meine schwache Stelle gefunden und schlägt erbarmungslos zu. Fassungslos starre ich sie an. Es ist gemein, sich in mein Liebesleben einzumischen und mir meine gescheiterten Beziehungen aufs Butterbrot zu schmieren. Zugegeben, die Barmixer, Diskjockeys und Rockmusiker, die ich in meinen Lieblingsclubs und American-Fast-Food-Restaurants kennengelernt habe, gehören ausnahmslos zur Kategorie »Griff ins Klo«. Sie kuscheln mit willigen Disco-Häschen, lassen nichts anbrennen und sind fürs schillernde Nachtleben, aber nicht für den grauen Alltag geeignet. Trotzdem möchte ich diese bitteren Erfahrungen nicht missen. Immerhin weiß ich nun, was ich garantiert nicht will.
   »Wenn du in Potsdam bist, wird alles anders. Am Wochenende kann Robert sich um dich kümmern und dich in unseren Tennis- oder Golfklub mitnehmen. Dann lernst du mal vernünftige Männer aus gut situierten Kreisen kennen«, schlägt Victoria einen gönnerhaften, versöhnlichen Ton an. »Es kann nie schaden, dem Schicksal auf die Sprünge zu helfen. Mach das Beste aus deinem Aufenthalt.«
   Der Himmel bewahre mich in Gnaden vor den geballten Verkupplungsversuchen von Victoria und Robert. Lieber bleibe ich allein. Von mir aus bis zum Rest meines Lebens. »Das schaffe ich nicht …«, bäume ich mich noch einmal auf. Meine große Schwester kennt kein Erbarmen.
   »Nichts einfacher als das, Kindchen. Verlass dich auf mich. Ich werde einen genauen Einsatzplan entwerfen. Leider bist du so desorganisiert. Ohne klare Anweisungen schaffst du nichts.«
   »Ich kann dich nicht in der Boutique vertreten«, protestiere ich. »Ich habe keine kaufmännische Ausbildung – und ich verstehe nichts von Mode.«
   »Stell dich nicht so an, Laura. Ich verlange nichts Unmögliches von dir. In erster Linie ist es wichtig, dass du meiner Angestellten auf die Finger siehst. Philippa ist ein nettes Mädchen. Leider hat sie zu viele Flausen im Kopf. Ständig hat sie ihr Handy in der Hand und knipst alberne Selfies …«
   »Von Kontrolle halte ich nichts, Victoria«, wende ich mit letzter Kraft ein. »Jeder Mensch arbeitet besser, wenn er in Ruhe gelassen wird …«
   »Papperlapapp.« Meine Schwester rollt mit den Augen. »Diese laxe Einstellung kannst du dir nur in deinem Studium erlauben. In der freien Marktwirtschaft wärst du rettungslos verloren.«
   Am liebsten möchte ich das Krankenzimmer verlassen und die Tür hinter mir zuknallen. Doch diese temperamentvollen Ausbrüche muss ich mir verkneifen. Victoria ist schwer verletzt und auf meine Unterstützung angewiesen. Deshalb beiße ich mir auf die Zunge und schweige vor mich hin, während Victoria zum letzten finalen Schlag ausholt. Kritisch betrachtet sie mich von oben bis unten.
   »In meiner Boutique führe ich viele angesagte Marken. Wenn dir etwas gefällt, darfst du es behalten. Schaden kann es auf keinen Fall. In deinen billigen Fummeln siehst du aus wie eine Vogelscheuche.«

Auf dem Rückweg mache ich einen Abstecher ins Ristorante. Ich muss meinen Brötchengebern Enzo und Paola reinen Wein einschenken. Das Geschäft brummt. Wie immer ist das Speiselokal bis auf den letzten Platz besetzt. Ausnahmsweise hat Enzo seinen Stammplatz am Herd dem jungen Nachwuchs-Koch überlassen und hält gut gelaunt Small Talk mit seinen Lieblingsgästen. Als er mich sieht, steht ihm die Überraschung ins Gesicht geschrieben. Mit einem hastig gemurmelten »Scusi« lässt er seine Bewunderer stehen, kommt mir mit ausgebreiteten Armen entgegen und drückt mich an seine breite Brust. »Piccolina! Wie geht es dir?«
   »Nicht so gut«, murmele ich. »Kann ich dich kurz sprechen?«
   »Si, si!«
   Entschlossen schiebt er mich in sein Büro und schließt die Tür hinter uns. »Was hast du auf dem Herzen? Hast du ein Problem? Können Paola und ich dir helfen?«
   »Ich muss meinen Job kündigen. In den nächsten Wochen kann ich nicht mehr im Ristorante arbeiten.«
   »Perché? Mia cara, wie kannst du uns das antun?«
   Verzweifelt ringt Enzo die Hände. Wie alle Italiener hat er einen ausgeprägten Hang zur Dramatik, über den ich mich immer amüsiert habe. Heute ist mir nicht nach Lachen zumute.
   »Meine Familie braucht mich«, stammele ich und kämpfe tapfer gegen die Tränen an, die mir in die Augen schießen. »Meine große Schwester hatte einen schweren Autounfall. Ich muss ihren Haushalt übernehmen und mich um ihre kleine Tochter kümmern.«
   Sofort unterbricht Enzo seine schauspielerische Leistung und ist voller Mitgefühl. »Ah, si, die famiglia geht immer vor. Wann musst du aufbrechen?«
   »Morgen früh. Bis nach Potsdam ist es nicht allzu weit. Die Strecke schaffe ich locker mit öffentlichen Verkehrsmitteln.«
   »No, no!« Energisch fuchtelt Enzo mit seinen Händen vor meinem Gesicht herum. »Du sollst keinen schweren Koffer schleppen, piccolina. Ich werde dich nach Potsdam fahren. Paola kommt gut allein zurecht.«
   »Grazie.«
   Eine Träne kullert mir über die Wange. Dann falle ich ihm spontan um den Hals. Liebevoll nimmt Enzo mich in die Arme und streichelt mir sanft über den Rücken. »Non aver paura. Alles wird gut, piccolina.«

Meine Selbstbeherrschung hält gerade noch, bis ich die Haustür hinter mir ins Schloss gezogen habe. In unserer Wohnung überkommt mich das heulende Elend. Meine Nerven liegen blank. Ich will nicht weg aus Berlin! Ich will nicht in einem Kaff leben! Ich will nicht am Herd stehen! Ich will nicht in einer Boutique jobben! Ich will nicht mit Robert unter einem Dach leben!
   Dann fällt mir meine Nichte Maya ein, die auf meine Unterstützung angewiesen ist. Eigentlich müsste ich mich in Grund und Boden schämen, schießt mir in einem klaren Augenblick durch den Kopf. Glücklicherweise ist Pia nicht zu Hause, sondern mit Lennart unterwegs. Sonst würde sie mir wohl gehörig den Kopf waschen. Mein Aufenthalt in Potsdam ist keine Verbannung auf Lebenszeit, sondern auf wenige Wochen begrenzt. Dann ist Victoria wieder gesund, und ich kann nach Berlin zurückkehren und mein sorgloses Leben weiterführen.
   Entschlossen greife ich mir ein Taschentuch und putze mir die Nase. Dann hole ich meinen Trolley und räume ganz mechanisch meinen Kleiderschrank leer. Viel einzupacken gibt es nicht. Meine Garderobe ist mehr als bescheiden. Mein Geld habe ich nicht in Markengarderobe, sondern lieber in die notwendigen Gegenstände für mein Studium investiert. Trotzdem ist mir meine äußere Erscheinung nicht vollständig gleichgültig, wie Victoria mir vorgeworfen hat. Meine Kleidung ist immer gepflegt und sauber. Nur halt nicht aus dem aktuellen Modemagazin. Vielleicht würde ich anders denken, wenn mein finanzieller Spielraum nicht begrenzt wäre. Vielleicht auch nicht. Jeder Mensch setzt andere Prioritäten in seinem Leben.
   Hinter mir höre ich ein leises Geräusch. Ganz von mir unbemerkt ist Pia von ihrem Rendezvous zurückgekommen. »Du packst deinen Koffer«, stellt sie nüchtern fest. »Also musst du in den sauren Apfel beißen. Wann geht es los?«
   »Morgen früh«, erkläre ich mit fester Stimme, und Pia schenkt mir ein aufmunterndes Lächeln. »Bange machen gilt nicht, Laura. Du schaffst alles, was du willst. Wir bleiben in Verbindung. Wenn alle Stricke reißen, sind Lennart und ich immer für dich da.«

Als ich an diesem Abend ins Bett gehe, werfe ich einen langen Blick auf unser Familienfoto, das auf meinem Nachttisch steht. Die Aufnahme ist anlässlich meines bestandenen Abiturs entstanden; sie liegt also schon drei Jahre zurück. Trotzdem spricht sie Bände über unsere familiären Beziehungen. Meine Eltern sitzen in der Mitte, links und rechts stehen Victoria und ich. Eine gewisse Familienähnlichkeit ist nicht zu leugnen. Meine große Schwester ist meinem Vater wie aus dem Gesicht geschnitten, ich komme ganz nach meiner Mutter. Wir stammen aus demselben Stall, wie man so schön sagt. Trotzdem sind Victoria und ich wie Feuer und Wasser. Meine große Schwester ist eine rassige, dunkle Schönheit und sieht aus wie ein Fotomodell. Sie ist sehr groß und schlank, hat eine tadellose Haltung und schaut selbstbewusst in die Kamera. An ihr ist nichts Nachgiebiges, sie ist straff gespannt wie eine Feder. Wenn ich ihr schönes Gesicht betrachte, erkenne ich Disziplin, Ehrgeiz und Streben nach Perfektion. Gegen diese Powerfrau habe ich nicht den Hauch einer Chance. Das gilt schon für meine äußere Erscheinung. Ich bin nicht dick, aber ich habe ausgeprägte weibliche Kurven. Außerdem bin ich kleiner als Victoria, ich messe gerade mal 168 cm, in Strümpfen wohlgemerkt. Mit ihren feinen, klassischen Gesichtszügen kann ich nicht dienen; ich bin hübsch, aber meilenweit von dem Begriff »schön« entfernt. Das Beste an mir ist wohl mein herzliches, offenes Lachen. Alles an mir ist lässig, nachgiebig und weich, was gewisse Rückschlüsse auf meinen Charakter erlaubt.
   Victoria habe ich noch niemals etwas entgegensetzen können. Als sie mich mal als einen »süßen Rauschgoldengel, der vom Krippenspiel übrig geblieben ist« bezeichnet hat, bin ich in einem Anflug von Verzweiflung zum Friseur gerannt und habe mir meine wilden blonden Locken auf Kinnlänge abschneiden und zwei Strähnen in einem ausgefallenen Blauton färben lassen. Das war der einzige Akt der Rebellion in meinem Leben, an den ich mich erinnern kann. Meine große Schwester weiß genau, wie sie mich in ihrem Sinne manipulieren kann. Selbst im Krankenhaus zieht sie die Fäden und lässt mich wie eine Marionette nach ihrem Willen tanzen. Nun muss ich sehen, wie ich meine neuen Aufgaben als Au Pair in einer Traumvilla und einer exklusiven Boutique in Potsdam bewältige. Ich habe eine böse Vorahnung, was die kommenden Wochen angeht. Maya ist pflegeleicht, während mein korrekter, strenger Schwager garantiert tagtäglich ein Haar in der Suppe finden wird, die ich in der Küche für seine Familie produzieren muss. Backen und kochen gehören nicht gerade zu meinen Stärken; alles, was ich weiß, habe ich von Pia gelernt. Hoffentlich geht alles gut, denke ich und lösche das Licht.

Kapitel 5

Wie versprochen holt Enzo mich am nächsten Morgen ab, um mich zu meinem neuen Lebensmittelpunkt zu bringen. Zwar mit einer gehörigen Verspätung von einer halben Stunde. Für diese Schwäche habe ich mehr als Verständnis. Lautstark lamentiert Enzo, dass sein schicker Range Rover nicht angesprungen ist, sodass er mich mit einem alten, zerbeulten Bulli, der ihm in der Vergangenheit gute Dienste geleistet hat, in der Welt der Reichen und Schönen abliefern muss. Mir ist die jeweilige Automarke vollkommen gleichgültig; ich kann es nicht nachvollziehen, dass manche Menschen ihren gesellschaftlichen Status an einem Fortbewegungsmittel festmachen. Dank niedriger Leasing-Raten kann jeder Auto-Freak sein Wunschmodell für eine begrenzte Zeit auf Pump fahren; dieses Prozedere ist vor allem unter mehr oder weniger erfolgreichen Geschäftsleuten weit verbreitet. Ganz ehrlich: Ich möchte nicht wissen, wer sein geliebtes Fortbewegungsmittel überhaupt bar bezahlen könnte.
   Victoria und Robert leben in Bornstedt, einem feinen Vorort, der etwas außerhalb vom Zentrum von Potsdam gelegen ist. Durch die lockere Bebauung mit Ein- und Mehrfamilienhäusern und die vielen Grünflächen herrscht hier eine angenehme, fast ländliche Atmosphäre. Als wir in die stille Anliegerstraße abbiegen, ist mir klar, dass wir Aufsehen erregen werden. Nicht im positiven Sinne. Enzo will die gedrückte Stimmung vertreiben und schmettert aus voller Kehle italienische Gassenhauer, während er unbekümmert die kiesbedeckte Auffahrt zur Villa meiner Angehörigen hinaufbrettert. Um seinem schlechten Benehmen die Krone aufzusetzen, drückt er laut und vernehmlich auf die Hupe, um meinem versnobten Schwager unser Kommen anzukündigen.
   »Hör auf!«, zische ich. Enzo hört mir nicht zu.
   Fröhlich tritt er auf die Bremse, und wir kommen direkt vor der Traumvilla zum Stehen. »Wir sind da, piccolina.«
   Das kann ja heiter werden, denke ich, hüpfe schnell aus dem Bulli und schnappe mir meinen Trolley. Zum Abschied drückt Enzo mich noch einmal an seine breite Brust und haucht mir einen Kuss auf die Wange. »So, Laura, ich muss wieder nach Hause. Paola wartet auf mich. Ruf uns an, wenn du Hilfe brauchst. Wir sind immer für dich da. Du schaffst es.«
   »Dein Wort in Gottes Gehörgang«, rutscht mir heraus. Dann verabschiede ich mich von Enzo und schaue mit einem dicken Kloß im Hals zu, wie er wieder in den Bulli steigt und die Tür hinter sich ins Schloss donnert, um in meine alte Heimat zurückzukehren.
   Der Kies spritzt auf, und Enzo verschwindet aus meinem Blickfeld. Resigniert nehme ich meinen Trolley in die Hand und schaue mich gründlich um. Die freistehende Stadtvilla muss aus dem letzten Jahrhundert stammen. Sie wirkt repräsentativ und ist viel zu kühl für meinen Geschmack. Der großzügig bemessene Vorgarten ist im Stil eines Kiesgartens angelegt worden. Frei nach dem Motto: modern, pflegeleicht und aufgeräumt, wie es in angesagten Zeitschriften angepriesen wird. Leider gefällt mir dieser Stil überhaupt nicht. Denn er erinnert mich an eine Steinwüste. Überall sehe ich feinen Zierkies in Marmor Carrara Weiß, der von sorgfältig gestutzten Buchsbaumkugeln durchbrochen wird. Hier hat die Natur keine Chance mehr. Wer möchte freiwillig so leben? Grässlich!
   Wenige Sekunden später wird die Tür aufgerissen, und mein Schwager Robert steht vor mir, schnaubend vor Wut. »Kannst du mir erklären, was dieser Auftritt sollte?«
   »Mi dispiace«, murmele ich halblaut. Stolze Italiener sind nicht leicht zu händeln. Robert gehört ebenfalls nicht zu den pflegeleichten Exemplaren.
   »Hast du uns etwas verschwiegen?«, will Robert wissen. »Hast du einen neuen Freund?«
   »Nein. Wie kommst du auf diese Idee?«
   Verblüfft schaue ich ihn an. »Enzo Mancini ist ein angesehener Gastronom. Ihm gehört ein bekanntes Ristorante in Berlin.«
   »Was hast du mit ihm zu schaffen?«
   »Er ist mein Chef«, erkläre ich. »Ab und zu darf ich im Service aushelfen.«
   »Bist du in deiner Freizeit als Kellnerin unterwegs?« Entsetzt schaut mein Schwager mich an. »Womöglich noch spät in der Nacht?«
   »Ja, sicher«, reagiere ich gereizt. »Ich bin froh, dass ich einen guten Nebenjob gefunden habe. Von irgendwas muss ich ja leben.«
   »Die nächsten Monate brauchst du dir keine Sorgen um deinen Lebensunterhalt zu machen. Wir zahlen dir ein anständiges Gehalt.«
   »Ach?«
   Diese Information ist für mich neu. Von einer Bezahlung war niemals die Rede. »An was habt ihr denn gedacht?«
   »Tausendfünfhundert Euro. Diesen Betrag halten Victoria und ich für angemessen. Schließlich wollen wir dich nicht ausnutzen.«
   Ich muss schlucken. So viel Geld habe ich noch nie in meinem Leben verdient. Wenn ich meine Kröten zusammenhalte, sind die nächsten Semester gesichert. Dann könnte ich an den Bachelor noch einen Master dranhängen. Robert ahnt nichts von meinen Gedankengängen. »Los, komm rein. Die Nachbarn müssen nicht alles wissen. Unsere Unterhaltung setzen wir drinnen fort.«
   Entschlossen nimmt er mir mein Gepäck ab, und ich folge ihm wie ein braves Hündchen. Nachdem ich meinen Wintermantel ausgezogen und auf einen Bügel an der Garderobe aufgehängt habe, schaue ich mich interessiert in meinem neuen Zuhause um. Ich bin lange nicht mehr in der alten Villa gewesen, die Robert von seinen verstorbenen Eltern geerbt und nach den Wünschen von Victoria zu einem hypermodernen Anwesen umgebaut hat. Mein neues Zuhause ist riesengroß und besticht durch eine offene Bauweise. Spontan fällt mir der bekannte Spruch ein: »Kochst du noch oder wohnst du schon?«
   Hier fällt mir eine scharfe Trennung schwer. Küche, Esszimmer und Wohnzimmer gehen nahtlos ineinander über. Der absolute Hingucker ist ein moderner Kaminofen, der sich um 360 Grad drehen lässt. »Wow! Ist der Kamin in Betrieb?«
   »Natürlich nicht«, zerstört Robert meine Illusionen. »Wir haben überall Fußbodenheizung.«
   Also handelt es sich um ein teures Dekorationsobjekt. Schade, ich hätte gern dem Knistern von Holzscheiten im Kamin gelauscht. Dabei hätte ich es mir denken können, dass Victoria keinen Schmutz in ihren vier Wänden duldet.
   »Wie gefällt dir unser Heim?«
   »Sehr edel …«, sage ich gedehnt. Die Traumvilla wird von einer einzigen Farbe dominiert, die mir nicht zusagt. Für mich ist Schneeweiß ein klassisches No-Go. Durch die bewusste Gestaltung in einer Nicht-Farbe wirkt die Traumvilla extrem steril. Nirgendwo liegt etwas herum. Das ist in unserer Studentenbude ganz anders.
   »Dir gefällt wohl Shabby Chic besser?« Robert hat meine zögernde Antwort bemerkt und zieht die richtigen Schlüsse. »Kann ich verstehen. Viele Künstler haben wenig Geld und lieben alte Schätzchen vom Trödel.«
   Deutlicher kann er mir nicht unter die Nase reiben, dass uns gesellschaftlich gesehen Welten trennen. Inzwischen sind wir im Wintergarten angelangt, der von mehreren langsam wachsenden Palmen in edlen Pflanzgefäßen beherrscht wird. Statt Robert die Meinung zu geigen, starre ich durch die deckenhohen Panorama-Fenster in den weitläufigen Garten. Auch hier ist nichts dem Zufall überlassen worden. Wahrscheinlich hat meine große Schwester stundenlang Fachzeitschriften gewälzt, um ihrem Garten einen modernen Look zu verpassen. Wieder hat sie sich für einen puristischen Look entschieden und auf die Farbkombination Weiß und Grau gesetzt. Auf der Terrasse stehen exklusive Outdoor Lounge-Möbel aus Aluminium, denen man auf den ersten Blick ansieht, dass sie nicht von einem preiswerten Gartencenter stammen. An strategisch wichtigen Punkten hat sie kubistische Pflanzkübel aus schwarzem Marmor platziert, in denen der obligatorische Buchsbaum gut zur Wirkung kommt. Natürlich darf ein dekoratives Wasserspiel mit einer Edelstahlkugel auf einer Stele nicht fehlen.
   »In unserem Haus darf nicht geraucht werden«, sagt Robert und sieht mich streng an. »Auch nicht auf der Terrasse, damit das klar ist. Falls du dich nicht beherrschen kannst, musst du in den Garten gehen.«
   Am besten bis zum Ende der Welt, damit er meinen Anblick nicht ertragen muss. Ich habe noch niemals in meinem Leben geraucht. In diesem Moment verspüre ich große Lust, Robert zu ärgern, mir ein Päckchen Zigaretten zu kaufen und seine vornehme Traumvilla vollzuqualmen. Das Schweigen ist gespenstisch. Robert und ich wissen kaum etwas miteinander anzufangen. In den letzten fünf Jahren haben wir uns höchstens zu besonderen Anlässen getroffen, und nun sollen wir für längere Zeit unter einem Dach leben. Er versucht, einen Hauch von Normalität in unsere Beziehung zu bringen. »Dann zeige ich dir mal die oberen Stockwerke. Sicher möchtest du wissen, wie dein Zimmer aussieht.«
   »Gern.«
   Er schnappt sich meinen Koffer und geht zu einer imposanten Wendeltreppe. »Unsere Villa ist sehr großzügig konzipiert. Auf jeder Ebene verfügen wir über hundert Quadratmeter Wohnfläche.«
   Mir bleibt die Spucke weg. Pia und ich leben auf fünfzig Quadratmetern in einer schlichten Zwei-Zimmer-Küche-Bad-Wohnung in einem Altbau. So unterschiedlich sind die Ansprüche von Menschen.
   Schweigend folge ich meinem Schwager bis zur ersten Etage. »Im ersten Stock befinden sich die Räume von Victoria und mir.«
   Robert spricht locker weiter, aber in dieser Bemerkung schwingt ein Ton mit, der mich aufhorchen lässt. »Natürlich haben wir getrennte Schlafzimmer. Manchmal sitze ich bis Mitternacht über meinen Akten. Wir wollen uns nicht stören.«
   Hm. Ich weiß noch nicht, wie ich diesen Sachverhalt einordnen soll. Wenn ich mich nicht verhört habe, legen Robert und Victoria gesteigerten Wert auf ihre Privatsphäre. Mir erscheint diese strikte Trennung der Lebensbereiche merkwürdig. Doch ich kenne mich nicht mit den Gepflogenheiten in gut situierten Familien aus. Also schenke ich mir jeglichen Kommentar und trabe weiter hinter meinem Schwager her.
   »Hier sind wir im Dachgeschoß angelangt.« Zuvorkommend öffnet Robert eine Tür. »Falls du mal schauen möchtest: Das ist Mayas Reich. Natürlich kann sie ein eigenes Badezimmer nutzen.«
   »Oh, ja.«
   Dankbar nehme ich dieses Angebot an. Ich bin neugierig, wie meine große Schwester das Zimmer von Maya eingerichtet hat. Mein Blick fällt auf einen Kleinmädchentraum, der ganz in Rosa, Pink und Mint gehalten ist. Die Wände sind in einem zarten Rose-Ton gestrichen, von dem sich die klassischen weißen Möbel wirkungsvoll abheben. Bettwäsche, Kuschelkissen und Lampe zeigen ein auffälliges Sternen-Muster, das die drei Farben Rosa, Pink und Mint geschickt miteinander kombiniert. Alle Spielsachen werden ordentlich in Flechtkörben in verschiedenen Größen verwahrt, die in einem satten Pink leuchten. Für den modischen Touch sorgt ein frisches Mint, das für die Schlaufen-Vorhänge und den Baumwollteppich vor dem Bett gewählt wurde. Natürlich fühle ich mich an die heile Welt von Barbie erinnert. Jedes kleine Mädchen wird von diesem zuckersüßen Stil begeistert sein.
   »Wie schön!«, sage ich spontan. »Hier kann man es aushalten. Am liebsten möchte ich meinen Koffer auspacken und hier einziehen.«
   Diese Antwort scheint Robert zu gefallen. Er lacht, und die kleinen Fältchen um seine Augen lassen ihn viel jünger und sympathischer erscheinen. »Mit deinem Zimmer kannst du zufrieden sein, Laura. Das verspreche ich dir.«
   Nur wenige Meter vom Kinderzimmer entfernt liegt das Gästezimmer. Es ist elegant eingerichtet und verfügt sogar über ein winziges Duschbad. Alles ist in den Farben Schwarz und Weiß gehalten. Meine Schwester hat auf einen klaren, modernen Look gesetzt und sich für hochwertiges Mobiliar entschieden. Der geräumige Kleiderschrank ist exakt an die schrägen Wände angepasst worden. Behutsam fahre ich mit der Hand über die teure Tagesdecke, die über das breite Boxspringbett gebreitet ist. Mit Sicherheit habe ich noch nie so elegant gewohnt. Dennoch liegt mir dieser gehobene Lifestyle nicht. Es ist mir zu kalt – wie das ganze durchgestylte Haus.
   »Ich lasse dich mal allein, damit du in Ruhe auspacken kannst«, wendet sich Robert zum Gehen. »Wenn du fertig bist, können wir in der Küche eine Tasse Kaffee trinken. Oder einen Cappuccino oder einen Latte macchiato – ganz wie du willst. Du kannst dir jeden Wunsch erfüllen. Wir haben einen guten Kaffeevollautomaten.«
   »Danke schön.«
   Eins ist sicher: Dieser Ferienjob wird kein Kinderspiel. Nachdenklich wuchte ich meinen Koffer aufs Bett und verstaue meine Habseligkeiten. Der Kleiderschrank wird nicht mal zur Hälfte voll. Meine Kleidung verliert sich in den maßangefertigten Einbauten. Ich werde das schlechte Gefühl nicht los, dass sie in diesem exklusiven Anwesen ebenso deplatziert ist wie ich. Wenigstens ist genügend Platz für meinen Künstlerkoffer und meine Skizzenblöcke vorhanden, tröste ich mich selbst und verstaue meine unverzichtbaren Arbeitsmaterialien in den geräumigen Schubladen des Kleiderschrankes. Genauso lebensnotwendig ist eine dicke Kladde mit meinen Lieblingsrezepten, die ich vor neugierigen Blicken in meinem Nachttisch verberge. Manche Menschen können nach Gefühl backen und kochen, ich brauche klare Angaben. Deshalb ist mir diese Gedächtnisstütze wichtig. Mit der Hilfe von Pia habe ich in den vergangenen Semestern alle Lieblingsrezepte aufgeschrieben, die wir in unserer Wohngemeinschaft ausprobiert und für gut befunden haben. Auch die weltberühmte cucina italiana fehlt nicht. Paola und Enzo haben mir einige Spezialitäten aus ihrer Heimat verraten, die sich kinderleicht nachmachen lassen.
   Meinen geliebten Reader habe ich ebenfalls mit nach Potsdam genommen. Vor meiner Abreise habe ich noch einige Bestseller heruntergeladen, die ich immer schon mal lesen wollte. Es ist eine reine Vorsichtsmaßnahme, um mich vor der gähnenden Langeweile an den kommenden Wochenenden zu schützen. Mit meinem lockeren Partyleben wird es bis auf Weiteres vorbei sein. Robert duldet bestimmt keine Schnapsleiche in seiner Traumvilla.
   Mit einem tiefen Seufzer klemme ich mir meine Kosmetiktasche unter den Arm und richte mich im Badezimmer häuslich ein. Ein angenehmer süßer, Duft heißt mich willkommen; auf die Duftstäbchen in einer schwarzen Vase ist Verlass. Mein Schwager hat an alles gedacht, stelle ich erfreut fest. Ein kuscheliges Badetuch hängt über einem raffinierten Design-Badheizkörper; mehrere Handtücher sind in einem schicken Regal untergebracht. Sogar ein ausgefallener Designer-Föhn steckt griffbereit in einer praktischen Halterung. Gut gelaunt verteile ich meine Siebensachen. Shampoo, Duschgel und Bodylotion finden ihren Platz in der Ablage in der Dusche. Alle anderen Gegenstände kann ich in den schicken Badmöbeln deponieren, die sogar über praktische Fächer für meine Schminkutensilien verfügen.
   Dann verlasse ich meine neue Bleibe und kehre wieder in die Küche zurück. Robert hat meine Abwesenheit genutzt, seine Nase in ein dickes Buch zu stecken. Überrascht schaut er von seiner Lektüre auf. Er kann seine Überraschung nicht verbergen. »Das ging fix.«
   Kunststück, ich bin ja keine Fashionista, sondern ein Pinseläffchen. Diese Weisheit muss ich ihm nicht unter die Nase reiben. Er weiß es selbst. »Ja, auf kurzen Strecken bin ich immer flott. Wie wäre es jetzt mit dem versprochenen Cappuccino?«
   »Gern.«
   Höflich legt Robert seine Lektüre zur Seite und macht sich an dem exklusiven Kaffeevollautomaten zu schaffen. Nach wenigen Minuten steht mein Lieblingsgetränk vor mir. Ach, dieses feine Spielzeug möchte ich gern in unsere Wohngemeinschaft nach Berlin entführen. Dann könnten Pia und ich vornehme Damen spielen und uns nach unserem anstrengenden Alltag mit unseren Lieblingsgetränken verwöhnen.
   »Wo ist eigentlich Maya?«, erkundige ich mich, während Robert sich einen Espresso gönnt. »Ich habe sie noch gar nicht gesehen.«
   »Sie ist im Kindergarten. Heute Mittag holen wir sie gemeinsam ab. Schließlich musst du den Weg dorthin kennenlernen.«
   Hingebungsvoll lasse ich den feinen Schaum in meinem Mund zergehen. »Fährst du heute nicht in die Kanzlei?«
   »Nein. Ich habe mich für Home-Office entschieden und werde einige Fälle in meinem Arbeitszimmer bearbeiten«, entgegnet Robert. »Du sollst dich in Ruhe akklimatisieren. Morgen kannst du in die Boutique schnuppern. Am Montag geht dann der Ernst des Lebens los.«
   Mich beschleicht eine böse Ahnung. »Was gehört denn zu meinen Pflichten?«
   »Das kannst du in aller Ruhe nachlesen. Victoria hat mein Diktiergerät genutzt und einen genauen Einsatzplan festgelegt. Meine Sekretärin hat ihn für dich ausgedruckt.«
   Robert öffnet eine Küchenschublade und drückt mir einen Schnellhefter in die Hand. »Heute Abend kannst du dir alles in Ruhe durchlesen. Außerdem haben wir ein Verzeichnis aller Kontakte zusammengestellt, die für dich wichtig sind. Falls du weitere Fragen hast, kannst du dich jederzeit an mich wenden.«
   »Danke. Sehr aufmerksam von dir«, sage ich spitz und blättere flüchtig in den Unterlagen, die mich an meinen Studienverlaufsplan erinnern. Nein, korrigiere ich mich. Im Studium kann ich selbst meine Schwerpunkte wählen. Diese Aufstellung trägt eindeutig die Handschrift von Victoria. Peinlich genau hat sie jeden Tag durchgeplant und den Beginn und das Ende meines Arbeitstages auf die Sekunde genau festgelegt. »Was für ein Mammutprogramm!«
   »Das kommt dir nur so vor«, sagt Robert gleichmütig. »Alle Eltern müssen strategisch planen. Sonst kann man Beruf und Familie nicht miteinander vereinbaren.«
   Über diesen Punkt habe ich mir noch niemals den Kopf zerbrochen. Karriere und Kinder sind für mich noch in weiter Ferne, und wie ich mich kenne, werde ich weder das eine noch das andere Ziel in meinem Leben erreichen. Mit großen Augen starre ich meinen Schwager an.
   »Natürlich musst du dich nicht um alles kümmern. Für die groben Arbeiten steht eine Putzfrau zur Verfügung. Auch der Garten gehört nicht zu deinem Aufgabengebiet. Wir haben einen zuverlässigen Gärtner engagiert, der in regelmäßigen Abständen nach dem Rechten sieht.«
   »Ja, hier ist alles sehr gepflegt«, rutscht mir gegen meinen Willen heraus. »Nur nicht kindgerecht.«
   »Diese dummen Bemerkungen kannst du dir sparen«, pflaumt Robert mich an. Haus und Garten scheinen sein ganzer Stolz zu sein. Ohne es zu wollen, bin ich mitten in ein Fettnäpfchen getreten. »Was verstehst du schon davon?«
   »Nichts.« Betont unbeteiligt zucke ich mit den Schultern. »Gar nichts.«
   »Du sagst es.«
   Zu meiner großen Erleichterung beruhigt sich Robert wieder. »Du hast keinen Grund, dich zu beklagen, Laura. Wir behandeln dich besser als ein Au-pair-Mädchen. Du hast ein schönes Zimmer mit eigenem Bad und bekommst ein ordentliches Gehalt. Außerdem steht dir ein eigenes Auto zur freien Verfügung.«
   Puh. Er tut so, als ob ich sechs Richtige im Lotto gewonnen habe. Gut, die äußeren Bedingungen für meinen Einsatz in diesem Hause stimmen. Auf den Familienanschluss möchte ich lieber verzichten. Robert ist nicht leicht zu handhaben, und Victoria zieht sogar vom Krankenhaus aus die Strippen, um mich wie eine Marionette in ihrem Sinne tanzen zu lassen. Um des lieben Friedens willen halte ich meinen Mund und werfe einen demonstrativen Blick auf meine Armbanduhr. »Ist es eigentlich weit zum Kindergarten?«
   »Zwanzig Minuten mit dem Auto.«
   Ich habe es geahnt. Also wird Maya keine Spielgefährten mit nach Hause bringen und enge Freundschaften schließen können. Wie ich meine große Schwester kenne, macht sie einen weiten Bogen um die öffentlichen Spielplätze. Fremde Kinder sind nicht in dieser exklusiven Umgebung erwünscht. »Und wie komme ich zur Boutique?«
   »Mit dem Auto. Die Fahrt dauert etwa fünfzehn Minuten«, erklärt Robert. »Kalkuliere etwas Zeit für die Suche nach einem Parkplatz ein. Die Boutique liegt in einer beliebten Einkaufsstraße in der Innenstadt.«
   Seine Augen funkeln unternehmungslustig. »Bist du schon neugierig? Wollen wir uns unsere Mäntel anziehen und deinen Wagen anschauen?«
   »Ich kann’s kaum erwarten«, murmele ich vor mich hin, während ich ihm in die Diele folge. Wie fast alle Jugendlichen habe ich meinen Führerschein mit siebzehn Jahren gemacht. Allerdings ist meine Fahrpraxis mehr als bescheiden. In Falkensee habe ich den Wagen meiner Mutter nutzen dürfen. Nach dem Abitur war es damit Essig. Glücklicherweise bin ich in Berlin nicht auf ein eigenes Auto angewiesen, sondern kann die öffentlichen Verkehrsmittel nutzen, die mich zuverlässig von einem Ort zum anderen befördern. Nun brechen wieder neue Zeiten für mich an. In jedem Punkt werde ich ins kalte Wasser geworfen. Hoffentlich geht alles gut.
   In der Garage wartet eine neue Überraschung auf mich. Robert und Victoria verfügen über einen richtigen Fuhrpark. Die offizielle Familienkutsche ist ein Luxus-Geländewagen, wie mir Robert erklärt. »Du darfst unseren Porsche Cayenne fahren.«
   Nobel geht die Welt zugrunde, denke ich und hüpfe bereitwillig auf den Beifahrersitz. Heute Morgen noch im Bulli, heute Mittag im Luxusschlitten. Mein sozialer Aufstieg vollzieht sich in einem atemberaubenden Tempo. »Womit fährst du zur Arbeit?«
   »Mit unserem Cabrio. Eigentlich hätte ich dir lieber den Mini von Victoria überlassen, aber dieses Auto ist ja Schrott«, antwortet Robert. »So, und jetzt pass gut auf, was ich dir erkläre. Dieses Fahrzeug ist ein Automatikwagen. Es gibt keine Gangschaltung. Bist du schon einmal mit einem solchen Modell gefahren?«
   »Du redest wie ein Fahrlehrer.« Ich kann ein Grinsen nicht unterdrücken. »Ganz ahnungslos bin ich nicht. Ich hatte Pflichtstunden in einem Schaltwagen, meine Fahrprüfung habe ich in einem Automatikfahrzeug abgelegt.«
   »Freut mich zu hören. Dann musst du nicht umdenken. Von Technik hast du ja normalerweise nicht allzu viel Ahnung«, sagt Robert trocken, legt den Sicherheitsgurt an und startet den Wagen. »Alle wichtigen Ziele habe ich bereits im Navi einprogrammiert.«
   »Also den Weg zum Kindergarten und zur Boutique?«, signalisiere ich ihm, dass ich seinen Ausführungen folgen und durchaus mitdenken kann.
   Robert nickt zufrieden. »Genau. Theoretisch kannst du dich nicht mehr verfahren.«
   Praktisch ist alles möglich. Diese Weisheit behalte ich lieber für mich. Sonst zweifelt Robert an meinem Verstand.
   Unser erstes Ziel ist nicht allzu weit entfernt. Der internationale Kindergarten liegt mitten in einem Villenviertel von Potsdam. Wider Willen bin ich von dem luxuriösen Ambiente beeindruckt. Fasziniert betrachte ich eine klassizistische Villa, die von einem weitläufigen Grundstück umgeben ist. »Ist das ein Märchenschloss für kleine Prinzen und Prinzessinnen?«
   »Nein, es ist ein bilingualer Kindergarten.«
   »Für die Elite«, beharre ich auf meiner Meinung. »Nicht für Kinder von Normalverdienern.«
   »So eng würde ich das nicht sehen.« Robert lässt sich nicht aus der Reserve locken, sondern bleibt gelassen. »Glaub mir, es ist nicht nur die High Society, die ihre Kinder hier unterbringt. Die meisten Eltern kommen aus dem gehobenen Mittelstand.«
   »Soso.« Ich bleibe skeptisch. »Also Menschen mit viel Geld und wenig Zeit für ihren Nachwuchs.«
   Robert bleibt mir die Antwort schuldig. Vermutlich hat er keine Lust auf eine verbale Auseinandersetzung. Stumm schreiten wir die breite gepflasterte Auffahrt entlang.
   Bevor wir das imposante Gebäude erreicht haben, bleibe ich stehen und schaue ihm direkt ins Gesicht. »Sag mal, warum habt ihr euch für diese Einrichtung entschieden?«
   »Das anspruchsvolle pädagogische Konzept hat uns überzeugt.« Lässig zuckt Robert mit den Schultern. »Victoria ist begeistert von den zahlreichen Bewegungs-, Musik- und Sprachangeboten.«
   Diese Antwort habe ich erwartet. »Wahrscheinlich orientiert sich die Erziehung an alten, konservativen Werten.«
   »Du sagst es«, stimmt Robert mir zu, stößt die wuchtige Tür auf und lässt mir höflich den Vortritt. »Eine gute Erziehung hat noch niemals geschadet.«
   Ich verkneife mir jeden Kommentar. Nachdenklich betrete ich den internationalen Kindergarten und schaue mich aufmerksam um. Was ich sehe, gefällt mir. Alle Räume sind in warmen Farben gehalten, an den Wänden hängen bunte Bilder, und die Kinder scheinen sich in dieser angenehmen Atmosphäre sehr wohlzufühlen. Auch die Angestellten zeigen sich von ihrer besten Seite und sind sehr freundlich zu mir, als Robert mich förmlich vorstellt.
   Maya hat in einem Gruppenraum auf uns gewartet. Sie ist wie eine süße Puppe angezogen und trägt ein rotes Samtkleidchen, das für meinen Geschmack viel zu fein für den Alltag ist. Wie immer verhält sie sich tadellos. Man muss sie nicht zum Aufräumen drängen. Brav stellt sie ihr Bilderbuch in ein Bücherregal, verabschiedet sich von ihren Spielgefährten und drückt der Erzieherin die Hand. Dann verlässt sie den Gruppenraum, wechselt die Hausschuhe gegen feste Schuhe und zieht ihren roten Wintermantel an. Ihr Outfit ist zauberhaft. Alles ist harmonisch aufeinander abgestimmt; sogar der rosafarbene Schal ist auf ihren rosafarbenen Rucksack abgestimmt. Ich habe keinen Zweifel mehr: Hier wächst eine zukünftige Fashionista heran.
   Auf dem Weg zum Parkplatz schaut Maya mich mit ihrem ernsten kleinen Gesichtchen an. »Bleibst du für immer bei uns, Laura?«
   »Nur bis deine Mama wiederkommt«, bleibe ich bei der Wahrheit. »Ab heute sind wir das neue Dream-Team. Wir werden viel Spaß zusammen haben.«
   »Nicht zu viel Spaß«, kommentiert Robert, die alte Spaßbremse. »Wir wollen gut miteinander auskommen. Deshalb müssen wir uns an gewisse Spielregeln halten.« Ich ziehe ein Gesicht. Glücklicherweise bemerkt Robert es nicht. »Ab Montag wird Laura dich in den Kindergarten bringen und wieder abholen. Du musst ihr alles erklären, wenn sie etwas nicht weiß.«
   »Ja«, nickt Maya ernst. »Du kannst dich auf mich verlassen, Papa.«
   »Gut«, lobt Robert, holt den Autoschlüssel aus seiner Manteltasche und drückt auf einen Knopf. Ein leises Klicken verrät mir, dass wir ins Auto einsteigen können. »Rein mit euch. Wir müssen los.«
   Eigentlich habe ich erwartet, dass wir uns schnurstracks auf den Heimweg machen. Bald werde ich eines Besseren belehrt. Robert duldet keine Ausnahme von der Regel, sondern zieht das Programm für Maya knallhart durch. Nach dem Kindergarten ist Sport angesagt. Genauer gesagt: eine Unterrichtsstunde in einer renommierten Reitschule, die zentral in der Mitte von Potsdam gelegen ist.
   »Hast du schon mal den Begriff Voltigieren gehört?«, testet Robert meine Allgemeinbildung.
   »Gehört schon«, gebe ich zu und strenge meine Gehirnzellen an. »Ich glaub, es geht um Turnen auf dem Pferd …«
   »Genau. Voltigieren ist eine eigenständige Sportart. Man schult Balance, Haltung und Körpergefühl. Es ist der ideale Einstieg in den Reitsport.«
   »In dem feinen Kleidchen kann Maya nicht …«, stammele ich verblüfft.
   »Natürlich nicht«, ergänzt Robert trocken. »Für das Training muss man die Kleidung wechseln. Deshalb habe ich heute Morgen ihre Sporttasche gepackt und in den Kofferraum gepackt. Ab der nächsten Woche übernimmst du diese Aufgabe.«
   »Natürlich«, murmele ich beklommen. Wenn ich mich richtig erinnere, bekommt Maya Ballett-, Reit- und Schwimmunterricht. Hoffentlich hat Victoria eine Checkliste für die jeweils vorgeschriebene Ausrüstung zum Abhaken erstellt. Sonst vergesse ich die Hälfte und werde öffentlich zur Minna gemacht.
   In der Reitschule herrscht ein lebhaftes Treiben. Voltigieren wird in altersgemischten Gruppen erteilt, und viele Kinder zwischen 5 und 10 Jahren toben über das weitläufige Gelände. Zielsicher steuern Robert und Maya ein großes Gebäude an, wo sich die Umkleideräume und sanitären Anlagen befinden. Dort tauscht Maya ihre feine Garderobe gegen einen warmen Pullover, eine Leggings und feste Schuhe. Dann machen wir uns auf den Weg zur Reithalle. Maya ist uns immer einige Schritte voraus. Sie macht einen pflichtbewussten Eindruck und trägt ihre Gymnastikschläppchen für den Unterricht in der Hand.
   Zu meiner großen Freude darf ich beim Training zuschauen. Ich stehe an der Bande und beobachte fasziniert, wie die Kinder nach dem Aufwärmen auf einem hölzernen Übungspferd trainieren, bevor sie ihre Übungen auf einem echten Pferd wiederholen. Maya macht eine gute Figur. Sie folgt allen Anweisungen, zeigt keine Angst und ist gelenkig wie ein kleiner Affe. Robert steht ein ganzes Stück von mir entfernt und spricht leise mit den anderen Eltern. Von der Unterhaltung kann ich kein einziges Wort verstehen. Trotzdem ahne ich instinktiv, dass sich das Gespräch um mich dreht. Ich spüre die neugierigen Blicke wie Nadelstiche in meinem Rücken und fühle mich nicht wohl in meiner Haut. Wahrscheinlich muss er alle anderen Menschen informieren, dass ich keine durchgeknallte Stalkerin bin, sondern offiziell zu seiner Familie gehöre. Mit dieser Maßnahme will er verhindern, dass die Gerüchteküche weiterbrodelt. Ich kann seine Reaktion verstehen. Leider macht es die Sache nicht leichter für mich.
   Nach einer Weile spüre ich meine Füße nicht mehr. Sie fühlen sich an wie Eisklumpen. Meine Winterstiefel halten nicht richtig warm. Künftig werde ich auf eine dünne Feinstrumpfhose verzichten und immer eine dicke Wollstrumpfhose anziehen, wenn ich mir die Beine in den Bauch stehen muss. Außerdem habe ich einen Bärenhunger. Seit dem Frühstück habe ich nichts mehr gegessen. Robert hat das Mittagessen ausfallen lassen, Maya erhält ihre ausgewogenen Mahlzeiten im Kindergarten, und nach meinen Bedürfnissen kräht kein Hahn. Wenigstens habe ich noch eine Tüte Fisherman’s Friend in der Tasche meines Wintermantels gebunkert. Verstohlen schiebe ich mir ein Stück in den Mund und lasse es mir auf der Zunge zergehen. Satt werde ich nicht, aber es lenkt mich wenigstens von meinem knurrenden Magen ab.
   Als die Unterrichtseinheit nach 60 Minuten pünktlich beendet wird, bin ich überglücklich. Leider zieht sich die Fahrt nach Hause wie Kaugummi. Ich sitze auf dem Beifahrersitz, direkt neben Robert, und fühle mich fehl am Platze. Niemand spricht ein einziges Wort. Maya ist müde und schaut aus dem Fenster, und Robert konzentriert sich auf den zäh fließenden Verkehr. Wahrscheinlich werden wir jedes Mal in die Rushhour geraten, denke ich und nehme mir im Stillen vor, genügend Zeit für die An- und Abfahrt einzukalkulieren und nicht mehr auf den letzten Drücker loszudüsen, wie es mir in Berlin zur lieben Gewohnheit geworden ist.
   Mit einer gehörigen Verspätung kommen wir wieder zu Hause an. Ich hole tief Luft, reiße die Beifahrertür auf und hüpfe aus dem Wagen. Dann öffne ich die hintere Tür und sehe Maya auffordernd an. »Los geht es! Wer als Erster an der Tür ist, hat gewonnen. Wetten, dass wir schneller sind als dein Papa?«
   Mit meiner kleinen Nichte an der Hand renne ich zur Haustür. Natürlich hat Robert das Nachsehen, weil er nicht mit meinem Manöver gerechnet hat.
   »Siehste!«, triumphiere ich, während mein Schwager die Haustür aufschließt. »Wir haben gewonnen, Maya. Frauen an die Macht!«
   Mit einem zufriedenen Grinsen dränge ich mich an Robert vorbei und schäle mich aus meiner warmen Verpackung. Dann nehme ich Maya ihren Wintermantel ab, hänge ihn auf einen Bügel und stelle ihren Rucksack auf einer Kommode ab. »So, jetzt machen wir es uns richtig gemütlich.«
   Mit diesen Worten will ich sie hinter mir herziehen. Maya leistet Widerstand. »Wir müssen unsere Schuhe ausziehen. Sonst ist Mama böse.«
   »Alles klar.«
   Diese Erklärung leuchtet mir ein. Victoria legt großen Wert auf Sauberkeit. Meine schmutzigen Winterstiefel könnten Spuren auf dem hellen Fußboden hinterlassen. Schließlich bin ich nicht nur auf der Straße, sondern auch im Stall unterwegs gewesen. Widerstrebend nehme ich mir ein gutes Beispiel an meiner kleinen Nichte. Temperamentvoll schleudere ich meine Schuhe in die nächste Ecke und will auf meinen Socken weiterlaufen.
   »Hier geblieben«, donnert Robert, der uns wie ein getreuer Schatten folgt. »Hast du keine Pantoffeln?«
   Verlegen schüttle ich den Kopf. »Ich besitze nur Badelatschen. Sie stehen oben in meinem Zimmer.«
   »Hm.« Prüfend lässt Robert seinen Blick auf meine Füße gleiten. »Welche Schuhgröße hast du?«
   »Neununddreißig.«
   »Dann kannst du ein altes Paar von Victoria tragen.« Robert wirkt erleichtert. »Schau mal im Schuhschrank. Ihr habt dieselbe Größe.«
   Aber nicht denselben Geschmack. Mir liegt eine böse Bemerkung auf der Zunge, als ich in kuschelige Hausschuhe einer australischen Luxus-Marke schlüpfe. Luxus ist ein Privileg, das Studentinnen nicht zusteht. An ein Leben als Prinzessin auf der Erbse darf und will ich mich nicht gewöhnen.
   »Vergiss nicht, deine Stiefel zu putzen«, ermahnt mich Robert, als ob ich seine kleine Tochter wäre. »Mit dreckigen Schuhen kannst du dich nirgends sehen lassen.«
   »Mach ich. Später.«
   Dieser übertriebene Reinlichkeitswahn geht mir auf den Keks. In unserer WG kann niemand vom Fußboden essen, aber das ist auch nicht nötig. Schließlich besitzen wir Tisch und Stühle.

Beim Abendessen tappe ich in das erste Fettnäpfchen. An meinem ersten Tag übernimmt Robert die Rolle des Küchenchefs. Unsere Mahlzeiten nehmen wir glücklicherweise nicht auf den unbequemen Barhockern an dem modischen Bar-Tresen in der Küche, sondern an einem »richtigen« Tisch mit bequemen Stühlen ein. Vor meiner Nase stehen ein Körbchen mit frischem Vollkornbrot, eine Platte mit verschiedenen Sorten Käse und zwei Schalen mit Karotten- und Gurkenscheibchen. Ich möchte mich nützlich machen. »Möchtest du lieber Bier oder Wein trinken?«
   »Zum Abendessen gibt es nur stilles Wasser«, lehnt Robert ab. »Wir wollen mit gutem Beispiel vorangehen.«
   »Okay.«
   Wenn wir das wollen, dann muss ich wohl auch. Auch wenn ich lieber ein Glas Wein genossen hätte. Immerhin beginnt heute das Wochenende, und ich lebe nicht gern abstinent.
   Schlecht gelaunt mümmele ich an meinen Karotten. Die Mahlzeit ist ausgewogen. Doch mir fehlt noch etwas zu meinem Glück. »Wie wäre es mit einem Eis? Zur Feier des Tages?«
   Entgeistert schaut Robert mich an. »Maya darf keine Süßigkeiten essen. Sie soll keine schlechten Zähne bekommen. Darauf legt Victoria großen Wert.«
   »Ach so.«
   Meine Wangen werden brennend heiß. Gesunde Ernährung ist wichtig. Muss man alles verbieten, was Spaß macht? Was hat man dann noch von seinem Leben?

Abends liege ich in meinem Bett und lese mir den Stundenplan mit wachsendem Entsetzen durch. Mein Leben ist von morgens bis abends durchgetaktet. Für Spontaneität ist kein Platz mehr. Künftig wird mich mein Wecker gegen 6:30 Uhr aus dem Schlaf reißen. Wenn ich mich geduscht und angezogen habe, muss ich Maya wecken. Um 7:30 Uhr hat das Frühstück auf dem Tisch zu stehen. Anschließend muss ich die Kleine in den Kindergarten bringen, während sich Robert auf den Weg in die Kanzlei macht. Die verbleibende Zeit ist für Einkäufe im Supermarkt reserviert. Natürlich legt Victoria großen Wert auf eine ausgewogene Ernährung und hat mir die Adresse von verschiedenen Geschäften aufgeschrieben, in dem sie ihre Lebensmittel erwirbt. Einmal wöchentlich bekommen wir eine Abo-Kiste mit frischem Obst und Gemüse von einem renommierten Bio-Hof ins Haus geliefert. Aus diesen Vorräten soll ich ein gesundes Essen für meine neue Familie zaubern. Hoffentlich kenne ich alle gelieferten Erzeugnisse, sonst müssen wir uns auf eine experimentelle Küche gefasst machen.
   Ich krause die Stirn und lese weiter. Ab 9.30 Uhr ist Dienst nach Vorschrift in der Boutique angesagt. Gegen 14 Uhr soll ich die Kleine vom Kindergarten abholen. Danach stehen wechselnde Aktivitäten für Maya auf dem Programm: Ballett, Kindertanz, Klavierstunde, Reiten und Schwimmschule. Die Kleine hat ein strammes Programm zu absolvieren, fast wie ein Mini-Manager. Nach dem vorgeschriebenen Freizeitvergnügen darf ich meine häuslichen Pflichten erfüllen. Um 18:00 Uhr ist das gemeinsame Abendessen angesetzt. Wenn ich die Kleine ins Bett gebracht habe, muss ich die Küche aufräumen und die Wäsche erledigen. Danach habe ich offiziell Feierabend und darf meine Striche aufs Papier machen, wie Victoria süffisant auf dem Papier festgehalten hat. Mir schwirrt der Kopf. Entnervt lege ich den Schnellhefter zur Seite, lösche das Licht und rolle mich in meinem Bett zu einer Kugel zusammen. Morgen steht der Antrittsbesuch in der Boutique auf dem Programm. Meine erste Schnupperstunde in der freien Marktwirtschaft, wenn man so will. Ich kann nur beten, dass es kein totaler Reinfall wird.

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