Welch eine Hiobsbotschaft: Sanne, glücklich verheiratete Mutter zweier Kinder, muss für drei Wochen die Schwiegereltern aufnehmen, weil deren Haus renoviert wird. Ex-Schuldirektor Matthias plant alles generalstabsmäßig durch und reagiert auf Unvorhergesehenes nervös, während Rosemi ihren Putzfimmel in vollen Zügen auslebt. Beide Eigenschaften liegen der künstlerisch arbeitenden Sanne nicht sehr. Wirklich kritisch wird es, als ihr Mann Axel plötzlich auf Geschäftsreise muss. Wie soll sie bloß zwischen den Hardcore-Alpinisten, ihrer eifersüchtigen Mutter und den meuternden Kindern heil hindurchnavigieren? Das Chaos wächst, weil ihr ein arbeitsreicher Illustrationsauftrag erteilt wird. Unter solchen Umständen kann sie unmöglich auch noch Hausputz machen. Als ein Unfall Sanne zu ein paar Tagen Ruhe im Alpiklinikum zwingt, denkt sie zuerst an einen Segen, wäre da nicht ihre Jugendliebe, die nun auch noch ihre Gefühlswelt auf den Kopf stellt. Ist Kai der edle Ritter, der zu ihrer Rettung aus dem Durcheinander eilt?

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ISBN: 978-9963-52-373-3

Seiten: 276

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Angelika Lauriel

Angelika Lauriel
Angelika Lauriel, geboren im Saarland, studierte Übersetzen/Dolmetschen Englisch und Französisch. Während des Studiums und danach lebte sie zeitweise in Frankreich, England und Italien. Mit dem Schreiben begann sie, als ihre drei Söhne aus den Windeln herausgewachsen waren. Seit sie mit dem Schreibvirus infiziert ist, kann sie nicht mehr davon lassen. Seit 2010 wird Angelika Lauriel veröffentlicht. Ihre Bibliographie umfasst mittlerweile sieben Titel: „Schüssel mit Sprung“, Mom-Lit bei bookshouse 2014 „Genießen in Saar-Lor-Lux. 66 Lieblingsplätze und 11 Genusstipps“, Reiselesebuch bei Gmeiner 2014. „Der Tod steht mir nicht“, Chicklitkrimi bei Gmeiner 2014. „Bei Tränen Mord“, Chicklitkrimi bei Gmeiner 2012. „Frostgras“, All-Age bei Schwarzkopf & Schwarzkopf 2013. „Double crime/Doppeltes Verbrechen“, deutsch-französischer Kinderkrimi bei Langenscheidt 2011. „Le secret du bunker/Das Geheimnis des Bunkers“, deutsch-französischer Kinderkrimi bei Langenscheidt  2010 und 2013 Angelika Lauriel über sich selbst: „Ich schreibe, seit ich einen Stift halten kann.“ Das wäre schamlos gelogen. Ich habe immer vom Schreiben geträumt, aber lange nicht damit angefangen. Wieso eigentlich? Erst, als es in meinem Leben hoch herging, ließen sich die Szenen aus meinem Kopf nicht mehr vertreiben, ich setzte mich hin - völlig ohne Plan - und schrieb sie endlich auf. Schnell hintereinander entstanden so zwei Fantasy-Romane für Jugendliche. Sie schlafen auf meiner Festplatte einen Dornröschenschlaf. Danach kam Struktur in mein Schreiben (durch viel Arbeit, ja), trotzdem verlor und verliert es nie seine Faszination und seine Magie für mich. Wenn der Schreibflow mich erfasst, dann kann und will ich nicht mehr aufhören. So wurde aus dem Schreiben ein Lebenselixier. Ich schreibe, also bin ich.

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Leseprobe

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... oder sofort „hineinschnuppern“

1
Die Wanderschuhe


   »Mama?« Linas Zeigefinger malt sachte eine Linie von meiner Augenbraue bis zum Mundwinkel.
   »Hm?« Verschlafen öffne ich ein Auge und sehe das Gesicht meiner sechsjährigen Tochter in Übergröße vor mir auf dem Kopfkissen. Ich lächle und ziehe sie an mich. Sie fühlt sich warm und weich an und duftet so gut.
   »Wer ist eigentlich älter, du oder die Oma?« Lina nimmt den Finger aus meinem Gesicht, schiebt ihren Arm um meinen Hals und kuschelt sich noch enger an mich.
   Bis eben habe ich ihre Liebkosungen genossen, aber jetzt sickert ihre Frage in mein Hirn und löst Abwehrreaktionen aus. Unsanft schiebe ich sie zur Seite und springe aus dem Bett.
   »Mama? Was ist denn? Ich will doch noch kuscheln!«
   »Geh zur Oma kuscheln!« Ich gebe zu, mich durchzuckt der Gedanke, dass es vielleicht unfair ist, eine Sechsjährige die Probleme ausbaden zu lassen, die man selbst mit dem Älterwerden hat. Aber irgendwo gibt es eine Grenze, oder?
   Lina tapst hinter mir her zum Badezimmer. Ich schließe die Tür von innen ab. Ob ich älter bin oder die Oma. Ich schnalze empört mit der Zunge.
   Von unten höre ich Axel rufen. »Na, wo sind denn meine Mäuse?«
   »Hier«, singt Lina und hüpft die Treppe hinunter.
   »Nicht da«, grummle ich und beuge mich vor zum Spiegel. Das verschlafene Gesicht darin zieht prüfend die Brauen hoch und zeigt mir allzu deutlich, was ich überhaupt nicht sehen will: wie straff oder weniger straff sich meine reife Haut ab vierzig über die Wangenknochen spannt. Gar nicht mal übel heute. Da kann das Gesicht im Spiegel auch wieder lächeln. Ich erschrecke: Tausend Fältchen lassen die Haut um die Augen herum in Splitter zerspringen. Erkenne ich darin meine Mutter wieder?
   »Das sind Lachfältchen«, tröste ich mich. »Axel hat dich deswegen geheiratet.« Hat er tatsächlich. »Warum wolltest du mich eigentlich?«, fragte ich ihn vor dreizehn Jahren nach dem Standesamt.
   »Weil mich dein Lächeln umgehauen hat«, antwortete er.
   Ich erledige schnell meine Morgentoilette und gehe hinunter in die Küche. Axel und unser Großer, Keanu, beenden gerade ihr Frühstück. Sie müssen früher los als Lina und ich. Im Gehen küsst Axel mich. »Du weißt ja, ich bin erst in drei Tagen wieder zurück.«
   Mist. Das habe ich vergessen. Er fährt auf Geschäftsreise. Drei Tage ohne Mann, ohne Papa. Das bedeutet, morgens schon um sechs aufstehen statt um halb sieben. Das heißt aber auch, freie Wahl des abendlichen Fernsehprogramms. Ich umarme meinen Mann. »Gute Reise und viel Erfolg.«
   Während Lina ihr Müsli in sich hineinschaufelt, werfe ich einen Blick auf den Wandkalender. Heute um halb sieben Elternabend im Gymnasium, morgen Nachmittag Schultütenbasteln im Kindergarten. Da haben wir den Salat. Zwei Termine, für die ich meine Mutter brauche. Heute Abend zum Babysitten und morgen, um Keanu zum Handballtraining zu bringen. Bei dem Mistwetter will ich ihn nicht mit dem Rad fahren lassen. Tja, und heute muss ich unbedingt noch den letzten drei Illustrationen für das Kinderbuch vom Schweinchen mit den grünen Streifen den Feinschliff geben. Also wird Mama Lina vom Kindergarten abholen, damit ich den Vormittag zum Arbeiten habe. Wenigstens das ist schon geregelt.
   »Lina, ich rufe noch schnell Oma Hilde an.«
   »Ich will auch mit ihr reden.«
   Ich stehe schon am Telefon und höre das Freizeichen. Mit schlechtem Gewissen schiele ich auf meine Armbanduhr. Halb acht. Hoffentlich hole ich sie nicht aus dem Bett. Jetzt noch aufzulegen, wäre ja Quatsch. Es hat schon zwei Mal geläutet. Erst nach dem sechsten Klingeln hebt sie ab.
   »Schellenberg?« Wie immer legt sie einen Schlenker in den Namen und geht am Ende mit der Stimme hoch. Nur meine Mutter kann so viel in ihren Namen stopfen: Einen wunderschönen guten Tag. Ich weiß zwar nicht, wer mich gerade stört, aber ich hoffe, Sie haben einen guten Grund dafür. Also, worum geht es denn?
   »Guten Morgen, Mama, hier ist Sanne.« Ich zucke schon zusammen, bevor sie antwortet.
   »Dein Name ist Susanne. Das predige ich dir seit vierzig Jahren.«
   Mist, da habe ich ihr doch glatt den Tag versaut. Hektisch winke ich Lina herbei. »Komm Maus, sag der Oma Hallo«, flüstere ich ihr zu. Lina hopst mit leuchtendem Gesicht zur Telefonbank und nimmt den Hörer. Ich drücke auf die Lautsprechertaste.
   »Oma«, ruft Lina, und sofort lässt meine Mutter ihr gurrendes Ich-liebe-meine-Enkelin-Lachen hören. Erleichtert atme ich aus.
   »Guten Morgen, mein Schatz. Na, wie geht es dir?«
   »Prima. Oma, ich habe Mama gefragt, wer älter ist, sie oder du, aber sie hat mir keine Antwort gegeben. Wer ist denn nun älter?«
   Das Lachen, das meine Mutter jetzt ausstößt, gurrt noch mehr. »Sag mal, habt ihr den Lautsprecher eingeschaltet?«
   »Ja.«
   »Dann schalt den doch mal aus, Linaschatz.«
   »Okay.« Nichts zu machen. Lina drückt auf den Knopf. Er hört auf, zu leuchten, und sie hält ihre Hand darüber. Ein Handgemenge mit meiner kleinen Tochter will ich mir nicht liefern. Das kriegt Mama mit. Meine Mutter kriegt ziemlich oft ziemlich viel mit. Immer schon. Aber das hat auch Vorteile. Sie ist keine dieser Mütter, die ab sechzig ständig gepampert werden wollen. Ich beobachte meine süße, blond gelockte Tochter, die das Näschen kräuselt und kichert.
   »Okay, ich geb dir wieder die Mama«, sagt sie und flitzt ins Gäste-WC, wo sie sich gründlich Hände und Gesicht wäscht, wie ich durch die halb offene Tür sehen kann. Das schafft auch nur meine Mutter.
   »Du hast doch bestimmt einen Grund, weshalb du anrufst? Dass ich Lina heute abhole, hatten wir ja schon besprochen.«
   »Ja, Mama. Axel muss kurzfristig für drei Tage auf Geschäftsreise. Heute Abend findet im Gymnasium ein Elternabend statt, und morgen Nachmittag muss ich zum Schultütenbasteln in den Kindergarten.«
   »Hm.«
   »Kannst du heute Abend babysitten? Du weißt, Keanu will nicht mit seiner Schwester allein im Haus bleiben.«
   »Der Junge ist wirklich groß genug, Susanne. Als du zwölf warst, bist du mit deinen Schwestern auch schon allein zu Hause geblieben.«
   Jetzt fängt die Leier wieder an. Ich verdrehe die Augen vor dem Garderobenspiegel. Wir haben kein schnurloses Telefon, deshalb telefonieren wir im Flur, wo die Telefonbank neben der Garderobe steht. »Ja, Mama, ich weiß. Aber Keanu …«
   »Keanu ist noch dazu ein Junge. Du verwöhnst die Kinder viel zu sehr.«
   »Also kommst du oder nicht?«
   »Wenn du die Kinder nicht erst so spät gekriegt hättest, dann wären sie jetzt schon viel größer.«
   Ich lasse meine Stirn gegen die Holzumrandung des Spiegels sinken.
   »Und dann auch noch mit sechs Jahren Abstand. Was ist das für ein Geräusch, Susanne?«
   »Das ist nur mein Kopf, den ich gegen die Wand haue.« Schweigen. »Mama? Kommst du heute Abend?«
   Ein Räuspern. »Na gut, ich komme. Die Kinder können ja nichts dafür. Und was ist mit morgen Nachmittag? Nachmittags wird Keanu doch keinen Babysitter brauchen?«
   »Nein, aber er muss zum Handballtraining. Und bevor du jetzt wieder loslegst: Nein, ich will nicht, dass er bei diesem Regen mit dem Fahrrad fährt. Und eine Busverbindung gibt es nicht.«
   Meine Mutter lacht. Nanu? »Gut, ich bringe ihn hin. In Ratzenbach wollte ich eh noch was erledigen.«
   In Ratzenbach? In dem Kaff will Mama was erledigen? Dort gibt es doch nichts außer ein paar Häuschen und der großen Mehrzweckhalle. Ich zucke die Schultern. Kann mir ja egal sein. Jedenfalls wären die Termine damit organisiert. Ich kann Lina schnell zum Kindergarten bringen und mich dann meiner Arbeit widmen.

Hochkonzentriert bin ich dabei, dem Schweinchen seine grünen Streifen zu verpassen, als das Telefon klingelt. Ich schrecke auf und sehe zur Uhr. Schon fast zwölf. Mist, das letzte Bild ist noch nicht fertig. Und das Grün kriege ich mit den Aquarellfarben im Leben nicht mehr so hin.
   Ich renne in den Flur und nehme den Hörer ab. »Hallo?«
   »Guten Tag, liebe Susanne. Hier ist der Matthias.«
   Mein Schwiegervater. Mit seiner kernigen Stimme stößt er die Wörter aus, als wären es polierte Edelsteine. Ein Überbleibsel aus seiner Zeit als Deutschlehrer. Er war einer der alten Schule – streng aber anspruchsvoll. Eine saubere Aussprache geht ihm über alles. Und er legt Wert auf eine angemessene Begrüßung.
   »Guten Tag, Matthias. Wie geht es dir?« Was er wohl will?
   »Mir geht es gut, danke. Und dir?«
   »Auch gut, danke. Was kann ich für dich tun?« Damit ist dem Ritual Genüge getan, und er kann den netten Typen herauskehren, den er irgendwo tief im Innern unter Verschluss hält.
   »Hör mal, Susanne. Wegen des Umbaus …«
   »Ja?«
   Wegen des Umbaus? Opa Matthias hatte kürzlich einen Wasserrohrbruch, was etliche Reparaturmaßnahmen mit sich brachte. Da das untere Stockwerk auf dem Kopf stand, beschloss er, gleich das ganze Haus umbauen zu lassen. Neue Fenster, neue Bäder und eine neue Heizung müssen her. Bis zu Oma Rosemis Siebzigstem im Herbst soll alles fertig sein. Ich bewundere meine Schwiegereltern für ihren Tatendrang. Sie werden einiges aushalten müssen, solange sie in einer Baustelle wohnen.
   »Also, ich weiß nicht genau, ob meine Wanderschuhe noch gut sind. Deine Schwiegermutter meint, ich müsse mir neue kaufen. Was denkst du?«
   Schwerfällig setzen sich die Rädchen in meinem Kopf in Gang. Wanderschuhe? Was haben die mit dem Umbau zu tun? Und was mit mir? Ist Opa Matz (so dürfen ihn natürlich nur die Kinder nennen) wirr? Nein, das kann nicht sein. Ein fieses Grummeln tief in meinem Bauch sagt mir, dass da etwas nicht stimmt. Und dieses Etwas könnte sich als Problem herausstellen. Die Rädchen in meinem Kopf drehen sich und drehen sich, aber sie bringen nichts hervor, was ich meinem Schwiegervater antworten könnte.
   »Susanne?« Er klingt besorgt.
   »Siehst du, ich habe dir ja gesagt, du solltest besser Axel fragen.« Ich höre die Stimme meiner Schwiegermutter im Hintergrund.
   »Hm, tja, also, ich weiß nicht. Wollt ihr denn in die Berge?« Meine Stimme klingt gepresst. Das macht dieses sichere Gefühl eines Tsunamis, der unaufhaltsam näher kommt, und von dem ich noch nichts sehen kann.
   »Wir sind wegen des Umbaus beim Aussortieren, weißt du? Meine Wanderschuhe sind alt, und deine Schwiegermama fordert, dass ich sie wegwerfe.«
   »Ja, wenn sie meint.« Ich atme auf. Was hat mir mein Unterbewusstsein da für einen Fehlalarm geschickt?
   »Wir müssen ja einen Teil des Gepäcks mit zu euch bringen«, sagt Matthias mit fröhlicher Stimme. »Und die Wanderschuhe nehmen so viel Platz weg.«
   Mir wird schlecht. »Wie bitte?«, frage ich.
   Im Hintergrund quiekt es. Ich habe eine bildhafte Vorstellung vor Augen: Oma Rosemi schlägt sich die Hand vor den Mund. Das tut sie immer, wenn sie sich verplappert und etwas Richtiges zum falschen Zeitpunkt ausposaunt. Ich liebe sie für ihre Ehrlichkeit. Doch dieses Mal ist es wohl mein Schwiegervater, der etwas zum falschen Zeitpunkt verrät. Also hat mein Unterbewusstsein recht gehabt. Ich sehe im Spiegel, wie die Farbe aus meinem Gesicht weicht. Was zur Hölle hat Axel hinter meinem Rücken eingefädelt?
   »Aber liebste Susanne, wir ziehen doch für die Zeit des Umbaus zu euch.« Der Satz hallt im Flur wider, als hätte ich ihn mit hundertfacher Verstärkung über den Lautsprecher gehört. Was?
   »Äh, ja, ach so. Dann kauf dir am besten ein Paar neue Wanderschuhe, wenn die anderen schon so alt sind.« Total konfus schießen mir allerlei Horrorbilder durch den Kopf. Wir alle sechs beim gemeinsamen Essen, beim Fernsehen, abwechselnd vor der Badezimmertür. O Gott, was hat sich Axel dabei gedacht? Mechanisch lege ich den Hörer auf und ignoriere absichtlich Schwiegervaters Susanne-Rufe. Wie eine Schlafwandlerin schlurfe ich zurück in mein »Atelier« (auch als Gästezimmer verwendbar) zu den Schweinchen und nehme mir den Pinsel. Das Schweinchen mit den grünen Streifen bekommt ein entsetztes Gesicht. An diesem Ausdruck habe ich so lange gefeilt, jetzt passt er. Das Schweinchen ist auf eine Party eingeladen worden, und man hat ihm gesagt, es solle sich verkleiden. Aber als es auf der Party ankommt, hat es sich als Einziges lustig herausgeputzt.
   Ich lege den Pinsel zur Seite und verschließe alle Farben. Die Gedanken lassen mich nicht mehr los. Meine Schwiegereltern hier bei uns. Für die Zeit des Umbaus. Mindestens drei Wochen.
   Mein Mann Axel wird zum Filius, sobald seine Eltern in der Nähe sind. Keanu, unser Sohn, ist in einem kritischen Alter. Er versteht sich zwar gut mit seinen Großeltern, aber sein Benehmen sorgt regelmäßig für Anstoß. Anscheinend haben Matz (es bereitet mir eine gewisse Genugtuung, ihn in Gedanken bei dem verhassten Spitznamen zu nennen) und Rosemi vergessen, wie sich Axel und sein Bruder als vorpubertierende Kinder gebärdet haben. Lina, das süße Nesthäkchen der Familie, ist ein pflegeleichtes Kind. Offenbar haben wir bei ihr alles richtig gemacht.
   Und ich will unbedingt wieder voll einsteigen, mehr Aufträge für Illustrationen an Land ziehen. Auf allzu viel Verständnis treffe ich nicht in meinem Umfeld. »Illustratorin? Vorzugsweise für Kinderbücher? Ach, wie süß. Dann können Sie schön zu Hause inmitten Ihrer Kinderschar sitzen und Bilder für die Kleinen malen. Ich muss ja immer zur Arbeit fahren.« Leider kann ich nur dann wirklich konzentriert arbeiten, wenn das Haus absolut leer ist. Deshalb bin ich meinen Schwiegereltern überaus dankbar, dass sie freitags beide Kinder nehmen. Sie kommen extra aus der Stadt, um die beiden von Kindergarten und Schule abzuholen. Abends bringen sie sie wieder nach Hause, und zwar nach dem Essen. So habe ich den Freitag immer komplett zum Arbeiten. Axel geht freitagabends mit seinen Kumpels Musik machen. Es ist normalerweise mein wichtigster Tag in der Woche. Nur richten sich die Verlage, meine Auftraggeber, mit den Erscheinungsterminen ihrer Bücher nicht immer nach meinen Freitagen. So arbeite ich oft nachts, was wiederum unser Liebesleben leiden lässt.
   Bin ich undankbar? Wieso stört mich der Gedanke, dass meine Schwiegereltern für ein paar Wochen hier wohnen werden, so sehr? Das wird wohl zu schaffen sein.
   Aber drei Wochen. Am Stück. Meine Freitage kann ich dann ja wohl vergessen. Und nicht nur die Freitage. Ich stelle mir vor, Opa Matz und Oma Rosemi sind genau jetzt hier. Sie schlafen im Gästezimmer. Ich muss mich setzen. Gibt es eine Steigerung von Horror?
   Nach einem Moment der Trauer um meine Freitage rapple ich mich wieder auf und wähle die Nummer von Axels Handy.
   »Sanne? Was ist denn? Ich bin in einer Besprechung.«
   Hätte ich auch wissen können. Aber ich muss es loswerden, es duldet keinen Aufschub. »Sag mal, hast du deine Eltern eingeladen, während des Umbaus bei uns zu wohnen?«
   Axel stöhnt. »Ja klar, das haben wir doch besprochen.« Das haben wir besprochen? Das wüsste ich. Mir fällt darauf keine Antwort ein. »Sanne? Bist du noch dran? Ich muss jetzt Schluss machen. Lass uns darüber reden, wenn ich wieder zu Hause bin.«
   »Wie wäre es mit heute Abend?« Ich will den Elternabend eh so früh wie möglich verlassen.
   »Nein, wir gehen essen, ich habe keine Zeit zum Telefonieren. Übermorgen. Ciao, Küsschen.«
   Ich schmatze ins Telefon und lege auf.

Die letzte Illustration zu malen kostet mich mehr Nerven als alle vorherigen zusammen. Immer wieder erhält das veräppelte Schweinchen mein Gesicht, und alle anderen Schweine sehen aus wie der Rest der Familie. Der schadenfrohe Gastgeber gleicht Axel. Auwei, das werden sie nicht mögen, wenn sie es sehen. Also knülle ich den teuren Aquarellbogen zusammen und werfe ihn in den kalten Kamin. Verbissen mache ich einen neuen Anlauf. Es bleibt nur noch wenig Zeit, bis Keanu nach Hause kommt und ich Lina bei meiner Mutter abholen muss. Außerdem schließt die Postfiliale schon um halb fünf. Endlich gelingt mir das letzte Motiv – mehr schlecht als recht. Aber ich habe keine Wahl, keine Zeit mehr. Es muss ja auch noch trocknen.
   Hastig krame ich den Föhn aus dem Badezimmerschrank und puste das Bild trocken. Es wellt sich. Jetzt noch rasch einscannen. Wäre nicht das erste Bild, das auf dem Postweg verloren geht. Mir ist das noch nie passiert, aber ich habe schon Horrorgeschichten von geplatzten Aufträgen gehört. Bis der Rechner endlich hochgefahren ist, vergehen Stunden. Oder sind es doch nur ein paar Minuten? Der Scanner spielt verrückt. Mir bricht der kalte Schweiß aus.
   Am Ende bin ich total verschwitzt, also springe ich unter die Dusche. Als ich meine Haare föhne, beglückwünsche ich mich, wie so oft, zu dem Bubikopf, den ich mir nach Linas Geburt habe schneiden lassen. Wieder mal sehe ich aus wie Papageno, meine Lieblingsfigur aus der Zauberflöte. Ich summe ein paar Takte, da höre ich auch schon Keanus Schritte auf der Treppe.
   »Mam? Ich bin da.«
   »Ich bin noch im Bad. Alles klar bei dir?«
   »Ja, alles prima.«
   Ich gehe auf den Flur und schiele über das Treppengeländer, nur um zu sehen, wie er seine Turnschuhe und seine Jacke zu einem kreativen Muster auf dem Teppich arrangiert, indem er sie großflächig verstreut.
   »Kee«, rufe ich aus und eile hinunter, mir die leichte Regenjacke überziehend.
   »Jaja, schon gut«, murmelt er und schiebt mit den strumpfsockigen Füßen alles zu einem Haufen in einer Ecke zusammen. Ich habe nicht den Nerv, ihn zu maßregeln, und lasse die Sachen liegen. Er will sich gleich in sein Zimmer verdrücken, doch ich halte ihn am Arm zurück.
   »Komm mal eben mit in die Küche.«
   Ich setze mich auf die Stuhlkante und bedeute ihm, sich ebenfalls hinzusetzen.
   Er macht ein fragendes Gesicht. »Was ist denn? Habe ich was angestellt?« Wieso denkt er als Erstes an so etwas?
   »Nicht, dass ich wüsste. Aber sag mal, weißt du etwas davon, dass Oma und Opa während des Umbaus bei uns wohnen werden?«
   Er runzelt die Stirn. Seine Stimme bekommt diesen respektlosen, genervten Unterton, den ich für einen Zwölfjährigen absolut verfrüht finde. »Ja klar.« Er macht eine ausschweifende Bewegung mit dem linken Arm. »Du hast nichts dagegen gehabt. Und mich hat keiner gefragt.«
   Ich falle aus allen Wolken. »Wie, ich habe nichts dagegen gehabt?« Meine Stimme wird leicht schrill. »Ich weiß überhaupt nichts davon!«
   »Boah, Mam, Papa hat doch Lina geschickt, um dich zu fragen.«
   Mein Gehirn fängt an, zu rattern. Lina geschickt? Mich zu fragen? Verdammt. Lina plappert den lieben langen Tag. Und sie bettelt ständig um irgendwas. Mit Vorliebe, wenn ich telefoniere, zum Beispiel mit einem Verlag oder einem Kinderarzt oder einer Freundin, die mir ihr Lebenschaos beichtet. Ich habe es längst aufgegeben, immer genau auf das zu hören, was Lina mir erzählt. Lediglich am Tonfall erkenne ich, wenn sie mir eine Frage gestellt hat. »Sag mal, Mama … jetzt sag doch mal …, darf ich …?« Das zieht sie so lange durch, bis ich total entnervt nur noch abwesend lächelnd nicke und sie liebevoll zur Seite schiebe.
   »War ich am Telefon, als sie mich danach fragte?«
   »Nein«, sagt Keanu, »aber es war an dem Tag, an dem du nachmittags gemalt hast und wir alle zu Hause waren.«
   Noch schlimmer. Hatte ich erwähnt, dass ich zum Arbeiten absolute Konzentration brauche? Obwohl ich eine Frau bin, bin ich nicht hundertprozentig multitaskingfähig, das gebe ich zu meiner Schande zu. Ich glaube, dieses blöde Multitaskinggerücht hat sowieso ein Mann in die Welt gesetzt, um sich an den Frauen für irgendwas zu rächen. Und wir müssen das jetzt ausbaden. Wenn Lina mich also beim Malen angesprochen hat, dann ist alles klar. Dann habe ich nicht mitgekriegt, dass sie mich vor eine lebenswichtige Entscheidung gestellt hat. Und das Schlimmste: Axel hat das ganz genau gewusst, wenn nicht gar geplant.
   Mir steigt die Hitze in die Wangen. So ein Judas. Das habe ich also von seiner ehelichen Solidarität zu halten. Schade, dass ich die Illus jetzt alle fertig habe. Ich hätte dem fiesesten Fiesling der Geschichte sonst konsequent Axels Gesicht verpasst. »Na warte, wenn der mir nach Hause kommt …«, presse ich hervor.
   Keanu lacht sichtlich freudlos. »Mam, das hast du dir ganz allein zuzuschreiben. Du hörst eben nie zu. Weder Lina noch mir.«
   Das sitzt. Umso mehr, als er nicht ganz unrecht hat. Noch dazu benutzt er eins zu eins meine eigenen Worte, die meine Kinder fast täglich zu hören bekommen. Eine innere Stimme piepst in meinem Ohr. Wiesu denn bluß? Seit ich mit Keanu und ein paar Jahre später mit Lina Ronja Räubertochter von Astrid Lindgren wiederentdeckt habe, meldet sich in meinem Kopf ein kleiner Rumpelwicht und flüstert in Momenten des größten Chaos seine Fragen.
   Ich sehe zur Uhr. O Gott, höchste Zeit. Ich springe auf und rolle die fertigen Bilder zusammen, packe sie in die Versandröhre und klebe das Adressetikett auf. Neben meinem Absender prangt eine Miniaturausgabe des grün gestreiften Schweinchens.
   »Kee, ich muss los, kommst du mit?«
   »Nein, du bist ja gleich wieder da, oder?«
   »Ja, ich bringe nur die Illus zur Post und hole Lina bei Oma ab.«

Lina öffnet mir die Tür. »Mama«, ruft sie in ihrer freudigsten Stimmlage und wirft sich mir in die Arme.
   »Vorsicht, Schatz, ich bin klatschnass. Mistwetter.« Ich stelle den Schirm neben die Haustür und trete in den Flur. Meine Mutter kommt aus der Küche.
   »Hallo Susanne. Na, hast du deine Illustrationen fertig gekriegt?«
   Ich gehe an ihr vorbei in die Küche und setze mich auf meinen ehemaligen Platz auf der Eckbank. »Machst du mir noch schnell einen Kaffee?«
   Mama zieht die Brauen hoch und holt einen Filter aus dem Oberschrank. Ich stöhne und werfe einen verstohlenen Blick auf die Sensibla-Maschine. Sie steht neben der uralten klassischen Kaffeemaschine in der Ecke auf der Arbeitsplatte, glänzend und unbenutzt wie an dem Tag, an dem ich sie ihr geschenkt habe.
   »Lass mal, Mama, ich mache mir selbst einen. Wo hast du denn die Kaffeepads?«
   Sie schnaubt und angelt aus der hintersten Ecke des Schranks die Packung mit den Pads hervor. Ich schalte die Maschine ein. Der Tank ist natürlich leer. Also halte ich ihn unter den Wasserhahn und lasse ihn bis zur Markierung volllaufen.
   »Was ist denn nun? Bist du fertig geworden?«
   »Hm?« Ach ja, die Illus. Die habe ich mit dem Abgeben auf der Post in die Welt des Vergessens entsandt. »Ja, ich habe sie schon weggeschickt. Nimmst du auch eine Tasse?«
   »Nein, du weißt, dass ich das Gebräu nicht mag. Ist mir viel zu bitter.«
   Also setze ich den Träger für ein Pad ein, fülle ihn und brühe mir eine herrlich duftende Tasse Kaffee auf.
   »Hast du noch etwas auf dem Herzen, mein Mädchen?«
   Das ist die Mutter, die ich liebe. Gerade heute brauche ich ihr Verständnis. »Ja, da ist tatsächlich etwas. Stell dir vor, Axel hat seine Eltern eingeladen, für die Zeit der Renovierung bei uns zu wohnen«, platze ich heraus und komme zu spät auf den Gedanken, dass das etwas heikel sein könnte. Schließlich ist sie meine Mutter. Sie würde gern mehr Zeit mit den Kindern verbringen. Wie wird sie es auffassen, wenn meine Schwiegereltern so lange rund um die Uhr mit uns leben werden?
   Sie lacht auf, ein wenig abgehackt.
   Lina springt herbei und setzt sich auf Omas Schoß. »Ja, stell dir nur vor, Opa Matz und Oma Rosemi wohnen bei uns. Willst du auch?«
   Mir wird heiß und kalt. Das fehlte noch. »Lina, geh du mal deine Schuhe und deine Jacke suchen.« So schicke ich den kleinen Sonnenschein nach draußen. Obwohl, diese kindliche Frage wird meine Mutter doch nicht ernst nehmen. Wird sie doch nicht?
   »Bei mir hängt sie ihre Jacke immer ordentlich an die Garderobe, wie es sich gehört, und ihre Schuhe stellt sie immer auf die Schmutzfangmatte. Das weißt du doch.« Ihr tadelnder Unterton sagt mir, dass ich das als Vorstand meines eigenen Haushaltes wesentlich weniger gut im Griff habe als sie. Aber das liegt sicher daran, dass ich viel zu spät die Kinder gekriegt habe. Und dann noch mit sechs Jahren Abstand.
   Ich seufze. »Jetzt sag doch mal was dazu.« Ich nippe am Kaffee. »Igitt, der ist ja total bitter.« Die Kaffeepads sind schon vor einem Jahr abgelaufen, wie mir ein Blick auf die Packung verrät.
   »Sage ich doch. Jetzt gibst du es endlich selbst zu. Und zu der anderen Sache, was soll ich denn dazu sagen? Das ist doch ganz normal. Übrigens haben deine Schwestern mich auch schon mal zu sich eingeladen, für eine Woche jeweils. Das hat uns allen sehr gefallen damals.« Mist.
   »Au ja, Omi, ich will, dass du bei uns wohnst. Darf sie, Mama?« Mist. Mist. Klar, meine Schwestern haben sie schon zu sich eingeladen. Kunststück – die wohnen ja auch ziemlich weit weg. Es wäre ja wohl absurd, wenn meine Mutter zu uns in die Nachbarstraße in Urlaub käme. »Hm, ja, ich weiß. Linamaus, geh, zieh doch schon mal deine Jacke und die Schuhe an.«
   »Nur keine Bange, mit euch allen würde ich eh nicht zusammenwohnen wollen. Viel zu viele Leute. Mit euch vieren allein, ja, das könnte ich mir schon eher vorstellen.« Ihr Blick wird wehmütig, und sie tut mir leid. Ich stehe auf und drücke ihr einen Kuss auf die Wange.
   »Vielleicht ein andermal. Bis später dann, ja?«
   Sie nickt und begleitet mich zur Haustür. Lina hat sich ihre Sommerjacke über gezogen, springt in der Einfahrt herum und schwenkt meinen Schirm. »Wie bär, wie bär rock ju«, singt sie dabei aus voller Kehle.
   Obwohl es mir mies geht, denn nun hat mich auch noch das schlechte Gewissen in den Klauen, muss ich bei ihrem Anblick lächeln. Meine Mutter winkt Lina zu und geht ins Haus.
   »Mama?«, rufe ich. Sie öffnet die Tür, die sie schon geschlossen hatte, und späht durch den Spalt.
   »Ja?«
   »Alles klar?«
   »Klar. Weißt du, du bist mir ähnlicher, als du denkst. Ich verstehe dich.« Sie lächelt und schließt die Tür.
   »Mama, ich finde, Oma Hilde sollte auch mal bei uns wohnen«, sagt Lina, als wir in meine alte Ente einsteigen.

2
Guter Rat

»Na, hast du dich von dem Schock erholt?«, fragt meine Mutter, als sie nur eine Stunde später zu uns kommt, damit ich pünktlich zum Elternabend entschwinden kann.
   »Hm, na ja«, murmle ich, drücke meinen Kindern einen Kuss auf die Wange und sage ihnen, dass sie auf Oma hören sollen.
   »Du weißt doch, dass ich keine Probleme mit ihnen habe. Ich habe ja selbst drei von der Sorte aufgezogen.«
   Keanu verdreht hinter ihrem Rücken die Augen, Lina schiebt ihre kleine Hand in die ihre und strahlt sie von unten an. »Omi, liest du mir noch aus dem Karatehamster vor? Bitte.«
   »Sobald du deine Zähne geputzt hast und fertig fürs Bett bist, mein Linaschatz.« Sie dreht sich zu mir. Siehst du, so geht das, sagen ihre Augen.
   »Ich darf Jauch sehen und danach noch eine CD hören«, erklärt Keanu kategorisch.
   Meine Mutter mustert ihn mit gerunzelter Stirn. Dann wirft sie mir einen vielsagenden Blick zu. Bei uns hätte es das ja nicht gegeben, aber wenn du deine Kinder so erziehen willst, darfst du dich später nicht beklagen.
   »Und überhaupt habe ich sie ja viel zu spät erst gekriegt«, raune ich, nicke Keanu bestätigend zu und flüchte durch die Haustür nach draußen, bevor sie auf meine Frechheit reagieren kann. Dort wartet Claudia bereits in ihrem weißen Mini Cooper mit schwarzen Streifen auf der Motorhaube und Formel-1-kariertem Dach und Rückspiegeln.
   Keanu huscht heraus und reißt die Beifahrertür auf. »Wow, geiles Geschoss. Wie viel PS hat der denn?« Seine Augen leuchten.
   »Tja, ist ein Mini Cooper S. Zweihundertzwanzig PS, glau-be ich jedenfalls, da müsste ich mal meinen Bruder fragen.«
   Keanu schüttelt grinsend den Kopf. Ich hasse seinen abgeklärten Blick, mit dem er offensichtlich ausdrückt, wie wenig Frauen seiner Meinung nach von Autos verstehen.
   »Sie hat jedenfalls einen«, feixe ich.
   Keanu reagierte stinksauer, als ich mir die uralte Ente zum Zweitwagen auserkor. Inzwischen habe ich den Entschluss längst bereut. Zwar liebe ich meine lila-schwarze Ente, aber sie lässt mich manchmal im Stich. Deshalb holt Claudia mich auch immer ab, anstatt mit mir zu fahren. Das hat sie ein Mal getan. Da haben wir eine ganze Stunde im Freien gestanden, nach einem Elternabend im Winter. Im kältesten Winter der vergangenen zehn Jahre. Ja, wen wundert es, dass meine Ente fror? Am Ende hatte Axel kommen und uns Starthilfe geben müssen. Den Abend werde ich nie vergessen.
   Mein charmanter Sohn lacht zu meiner Bemerkung, geht ins Haus und schließt die Tür vor meiner Nase. Ich steige in den Mini und lasse mich in den Sitz fallen. Ganz neu riecht das Auto noch. Es ist wirklich schnucklig und überraschend geräumig. Ich beuge mich zu Claudia, hauche ihr ein Küsschen auf die Wange, lehne mich mit einem tiefen Seufzer zurück und schnalle mich an.
   Claudia lacht auf. »Was ist denn los? Stress?«
   Ich winke ab. »Das glaubst du nicht: Axels Eltern lassen ihr Haus renovieren, und weil das so wahnsinnig viel Dreck macht, wollen sie für drei Wochen bei uns wohnen.« Ich warte auf ihre geschockte Reaktion. Doch meine angeblich beste Freundin starrt geradeaus, ohne etwas zu sagen. Als sie sich in den Verkehr eingefädelt hat, wirft sie mir einen Seitenblick zu. »Und weiter?«
   Das ist alles. Und weiter. Fassungslos fixiere ich sie von der Seite. Anscheinend vergesse ich, den Mund zuzuklappen, denn sie ahmt augenzwinkernd einen Fischmund nach. Ich presse die Lippen zusammen. Versteht meine beste Freundin nicht, was für ein Horrorszenario mich da erwartet?
   »Deine Schwiegereltern sind wirklich nett, Sanne. Ich weiß nicht, was du hast. Das ist doch die beste Lösung.«
   »Ja, natürlich sind sie nett, vor allem, wenn sie bei sich zu Hause sind. Aber rund um die Uhr mit uns zusammen, überleg doch mal.«
   »Pah«, macht die Verräterin, die mich mit ihrem schicken Auto wohl beeindrucken will. »Das ist doch ideal: Sie werden dir die Kinder vom Hals halten.«
   Ich beiße mir auf die Unterlippe. Anscheinend sieht sie die Sache ganz pragmatisch. Da fällt mir ein, dass sie meistens mit ihren Eltern gemeinsam verreist. Aber bei ihr liegt der Fall ja auch anders, sie ist alleinerziehend. Obwohl, verstanden habe ich das trotzdem noch nie. Wenn ich keinen Mann hätte, würde ich doch erst recht ohne Großeltern verreisen. Oder? Verwirrt drehen sich meine Gedanken im Kreis. Wir bleiben vor einer roten Ampel stehen, und der Motor erstirbt. Erschrocken halte ich die Luft an. Ist der Mini schon im Eimer? Sie legt mir die Hand auf den Oberschenkel. »Du wirst sehen, das wird eine gute Zeit für euch alle.«
   Die Ampel wechselt auf Grün, Claudia tritt die Kupplung, und das Auto schaltet sich mit einem weichen Schnurren wieder ein. Wie blöd war ich doch, mir eine klapprige Ente anzuschaffen, die bei jedem Anfahren stottert und hustet.
   »Ach, du verstehst das nicht.« Ich verschränke die Arme vor der Brust und starre nach draußen. Ihr Autochen summt mit einem tiefen Ton. Ich spüre, wie mein bestgehasster Feind in mir aufwacht und schon die Zähne fletscht. Der Neid.
   Den Rest der Fahrt schweigen wir. Claudia summt die Lieder von Vonda Shepard mit. Ich beherrsche mich, um nicht einzustimmen.
   Der Elternabend verläuft ruhig und langweilig. Nichts von Bedeutung kommt auf den Tisch. Na ja, ich bin froh, dass sich Keanu in seiner Schule wohlfühlt, und dass die Klasse keine Probleme hat. Die Lehrerin beendet das Treffen schon um halb neun.
   »Gehen wir noch irgendwo etwas trinken?« Jörg, der Vater von Justina, sieht Claudia und mich fragend an. Ich sehe auf die Uhr. Warum nicht? Eine Stunde kann ich meiner Mutter noch zumuten. Claudia hat auch Lust, und so laufen wir ein paar Hundert Meter weiter zur Stadtkneipe. Meine Stimmung bessert sich bei der Aussicht auf ein alkoholfreies Weizenbier.
   Als ich bestellen will, sieht Jörg mich an. »Du musst doch nicht mehr fahren, oder?«
   »Nein, ich fahre«, sagt Claudia.
   »Komm, dann lade ich dich zu einem richtigen Weizenbier ein. Und du, Claudia?«
   »Für mich ein Radler.«
   Kurz darauf hebe ich das große Glas an die Lippen.
   »Stopp«, ruft Jörg. »Willst du uns nicht zuprosten? Und du weißt ja, schön in die Augen sehen dabei.«
   Er stößt mit Claudia an, beide lächeln sich zu, dann stupst er den Fuß seines Glases gegen meines und lässt seinen Blick sekundenlang auf meinem Gesicht ruhen. Jörg ist ein echt netter Kumpel, aber seine Augen haben es in sich. Schnell ziehe ich mein Glas weg und stoße mit Claudia an.
   »Prosit«, sagt sie. »Du weißt ja, es bedeutet sieben Jahre schlechten Sex, wenn man sich dabei nicht ansieht«, fügt sie flüsternd hinzu.
   »Boah, hör doch auf«, murmle ich. »Dieser blöde Spruch. Außerdem wäre es mir grade scheißegal.«
   »Was wäre dir scheißegal?«, fragen Jörg und Claudia wie aus einem Mund. Flammende Hitze steigt in mir empor.
   »Ach nichts, gar nichts. Ich habe nur über etwas nachgedacht.« Ich trinke einen Schluck und pruste, als er mir in den falschen Hals läuft.
   »Ich hatte vorhin schon den Eindruck, dass du abwesend bist«, sagt Jörg.
   »Ja, das kann schon sein«, druckse ich herum. Nach Claudias Unverständnis auf der Herfahrt zögere ich, meinen Ärger auszudrücken. Doch Jörg sieht mich unverwandt fragend an.
   »Es ist, weil ich heute Nachmittag erfahren habe, dass meine Schwiegereltern übergangsweise bei uns wohnen werden, bis ihr Haus renoviert ist.«
   »Autsch.«
   Ich strahle. Jörg versteht mich! Betont sehe ich zu Claudia, die in ihr Glas lächelt. »Siehst du, ich bin doch nicht die Einzige, die das nicht toll findet.«
   »Na ja, klar, die Schwiegereltern im Haus, sogar in derselben Wohnung, das kann schon ganz schön anstrengend werden. Wann geht es denn los mit dem Umbau?«, fragt Jörg.
   »In zwei Wochen.«
   »So bald schon? Und du hast heute erst davon erfahren? Wie kommt das?«
   »Axel hat das eingefädelt, ohne dass ich es mitgekriegt habe.«
   »Hm, das ist aber seltsam.« Jörg runzelt die Stirn und nimmt noch einen Schluck aus seinem Glas. »Das passt nicht zu ihm.«
   »Anscheinend haben sie mich gefragt. Angeblich.«
   »Wie jetzt? Haben sie dich gefragt oder nicht?« Claudia kann manchmal echt nerven.
   »Na ja, Lina muss wohl was davon gesagt haben. Als ich gerade bei der Arbeit war.«
   Jetzt lacht Jörg laut auf. »Heißt das beim Zeichnen? Dann ist mir alles klar. Wenn ich daran denke, wie die Hoffmann verzweifelte, wenn sie dich fünf Mal aufrief und du einfach nicht reagiertest.«
   Ich stimme in sein Lachen ein. Richtig, schon in der Schule kam es manchmal vor, dass ich über dem Zeichnen meine Umwelt komplett vergaß. Meine Deutschlehrerin bat deswegen mehr als einmal um ein Gespräch mit meinen Eltern. Wie gut, dass sie nicht so war wie mein Schwiegervater. Bei ihm hätte ich nichts zu lachen gehabt.
   Womit wir wieder beim Thema wären. Werde ich in den nächsten Wochen etwas zu lachen haben?
   »Jedenfalls hat mich mein Schwiegervater heute angerufen und gefragt, ob er sich neue Wanderschuhe kaufen soll. So ist es herausgekommen.«
   »Wanderschuhe?«, fragen Claudia und Jörg wie aus einem Mund. Ich muss lachen.
   »Ja. Die beiden machen in ihrem Haus jetzt erst mal Tabula rasa. Alles fliegt raus, was nicht mehr gebraucht wird.« Ich grinse. Oma Rosemi hat einen Putzfimmel. Sie ergreift die Gelegenheit echt beim Schopfe. »Und da müssen die Wanderschuhe wohl auch dran glauben. Wenn es nach meiner Schwima geht.«
   »Ich sehe immer noch keinen Zusammenhang.« Jörg lehnt sich zurück und streicht sich durch die kurzen hellen Haare.
   »Durch diesen Anruf hat sich mein Schwiegervater halt verplappert. Wahrscheinlich gingen die beiden davon aus, dass ich Bescheid weiß.« Schon wieder werden meine Wangen heiß. »Hätte ich ja eigentlich auch müssen. Wie auch immer, so habe ich es eben erfahren.«
   »Halb so wild, deine Schwiegereltern sind wirklich nett.« Claudia wieder.
   »Ja, schon, aber …« Ich nehme einen großen Schluck Weizenbier. Mein Kopf fühlt sich angenehm leicht an. Seit dem Frühstücksmüsli habe ich nichts Nennenswertes mehr zu mir genommen.
   »Ich gebe dir einen guten Rat, Sanni.« Jörg ist der Einzige, der mich so nennt. Der Einzige, der noch in meiner Nähe wohnt. Kai hat mich natürlich auch Sanni gerufen. Jörg Berg, Kai Schöller und ich, wir waren das kreativ-chaotische Kleeblatt. Bis zum Abi, dann gingen wir getrennte Wege. Kai hat es nach dem Medizinstudium irgendwo in die Walachei verschlagen, und Jörg hat seine Kreativität in eine Werbeagentur gesteckt, die er erfolgreich führt.
   Jetzt, wo Jörg mich Sanni nennt, werde ich fast sentimental. Alkoholfreies Weizenbier steht mir besser. Verträumt lächle ich meinen alten Schulfreund an und warte auf seinen weisen Rat.
   »Nutz das doch aus.«
   »Wie denn?«, fragt Claudia, offensichtlich neugierig geworden.
   »Lass die beiden babysitten. Du kannst in Ruhe arbeiten, sie kümmern sich um die Kids. Deine Schwima ist bestimmt eine tolle Köchin.« Nicken meinerseits. Schwimas Kochkünste können sich wirklich sehen lassen. »Überlass ihr die Küche.« Ich schlucke. Die Herrschaft in meiner eigenen Wohnung soll ich aufgeben? »Und dann schickst du sie alle, die Kinder, Axel und die Alten, zum Wandern in die Berge und machst dir selbst einen schönen Tag im Garten.«
   Obwohl ich bei Jörgs sorglosem Gebrauch des Worts Alte zusammenzucke, wenn ich mir vorstelle, meine Schwiegereltern würden uns belauschen, lasse ich mich von seiner Stimme einlullen. Ich male mir aus, wie ich unter strahlendem Himmel im Garten einen Cappuccino genieße und dabei einen Schmöker lese. Traumhaft. Ich versinke im tiefen Blau von Jörgs Augen und denke an den Himmel, wie ich ihn sehe, wenn ich unter den hohen Bäumen liege.
   »Siehst du, alles halb so wild. Die drei Wochen vergehen wie im Flug, du wirst sehen.« Claudia holt mich zurück in die Wirklichkeit. Lächelnd ziehe ich den Kopf zurück, den ich dicht vor Jörgs Gesicht geschoben habe. Er grinst. Ich knuffe ihn in den Oberarm.
   »Autsch. Wofür ist das denn jetzt?« Er reibt sich den Bizeps. Sein Grinsen wird noch frecher, und ich lächle ihn an.
   »Weißt du, was schlimmer wäre, als Schwiegereltern im Haus zu haben?« Er trinkt den letzten Schluck aus seinem Glas und winkt die Bedienung herbei. Ich warte. »Wenn deine Mutter euch auch noch die Türe einrennen würde.«

3
Wanderschuhe, die Zweite

Ich habe einen anstrengenden Vormittag hinter mir. Steuererklärung. Wir machen sie immer selbst. Das heißt, ich versuche verzweifelt, Ordnung in das Sammelsurium von Belegen zu bringen, bevor ich mich mit Axel zusammen daran setze, die Formulare auszufüllen. Nichts hasse ich mehr als die Steuererklärung. Den ganzen Vormittag habe ich damit verbracht, an den ewig gleichen Plätzen nach den Quittungen zu suchen. Ich verstehe nicht, wieso immer, jedes verdammte Jahr, ein Teil der Quittungen an einem ganz neuen Platz gelandet ist, den ich erst finden muss. In unserem Haus lebt ganz sicher irgendwo ein boshafter Dschinn.
   Der ist es sicherlich auch, der immer, bei jeder verdammten Wäsche, eine Socke verschwinden lässt. Oder er stellt vor großen Familienfeiern eines der zwölf gleichen Salatschälchen an einen anderen Platz. Mir persönlich wäre es ja vollkommen schnuppe, wenn wir verschiedene Salatschälchen benutzen würden. Aber meinem peniblen Schwiegervater und meiner bestens organisierten Mutter fallen solche Dinge grundsätzlich unangenehm ins Auge. Und da sich beide offenbar nicht damit plagen, über die Befindlichkeiten ihrer Mitmenschen groß nachzudenken, kriege ich das dann aufs Brot geschmiert.
   Und auch für andere nervende Kleinigkeiten ist der boshafte Dschinn immer zu haben. Er trinkt zum Beispiel meinen Topfpflanzen das Wasser weg. Anders ist es nicht zu erklären, dass sie alle nacheinander verdorren und eingehen. Manchmal aber, und das finde ich besonders perfide, gibt er ihnen viel zu viel Wasser. Dann gehen sie auch ein.
   »Sanne hat keinen grünen Daumen«, erklärt Axel dann und grinst mich mit blitzenden Augen an. Ich liebe seine grauen Augen, aber in solchen Fällen würde ich am liebsten beide Daumen hineindrücken, ob sie nun grün sind oder nicht.
   Heute habe ich also den lieben langen Vormittag nach Belegen gesucht. Bis ich sie endlich gefunden habe, ist es höchste Zeit, Mittagessen zu kochen. Zu allem Überfluss bin ich noch nicht dazu gekommen, die Waschmaschine zu leeren. Und es regnet ununterbrochen in Strömen. Gleich muss ich Lina abholen. Jetzt noch zu kochen, dazu ist es zu spät. Also gehe ich in den Keller und leere die Maschine aus. Und was ist? Ganz genau, eine Socke fehlt. Und zwar eine von Axels neu gekauften Sportsocken.
   Wiesu denn bluß?
   Hätte es nicht gereicht, die Quittungen zu verstecken?

»Was gibt’s heute, Mami?«
   »Es muss schnell gehen. Ich mache Mehlknödel, dazu Apfelmus.«
   »Igitt. Die mag ich nicht, das weißt du genau.«
   »Wieso, die hast du doch immer gern gegessen.«
   »Ne, Keanu isst die gern. Ich nicht. Menno, Mama. Oma weiß genau, was ich mag, du nicht.«
   Ich seufze. Meine Mutter hat tatsächlich immer genau gewusst, welches meine oder die Lieblingsspeisen meiner Schwestern waren.
   »Was möchtest du denn?«, frage ich Lina. »Wir haben nicht so viel Zeit, weil wir heute Nachmittag noch in den Kindergarten müssen, zum Schultütenbasteln.«
   Ihre Augen leuchten auf. »Also Mama, dann mach doch die Knödel. Ich esse die ja auch, nur eben nicht so furchtbar gern, verstehst du?«
   Ich muss über die gewählte Ausdrucksweise meiner Tochter lachen und rühre rasch den Teig zusammen.
   Um zwei ruft meine Mutter an. »Wieso bist du denn noch zu Hause? Du hast doch jetzt Schultütenbasteln.«
   Versteh einer die Logik der Ü-60-Generation. Wieso ruft sie mich an, wenn sie doch davon ausgehen muss, dass ich in der Kita bin?
   »Wir sind auf dem Sprung. Was gibt’s denn?«
   »Um wie viel Uhr beginnt noch mal Keanus Training?«
   »Um halb vier.«
   »Ist er denn dann schon aus der Nachmittagsbetreuung zu Hause?«
   »Ja, Mama, er ist kurz nach drei zu Hause. Wie jeden Dienstag.«
   »Gut, und jetzt mach mal, ihr kommt viel zu spät.«

Um viertel nach fünf bringt Mama Keanu aus dem Training.
   »Kommst du noch herein?«, frage ich sie. »Lina will dir unbedingt noch ihre Schultüte zeigen.«
   Lina ist schon in ihr Zimmer gerannt und hat sich die Schultüte geschnappt. Zuerst hält sie diese ihrem großen Bruder unter die Nase. »Sieh mal, Keanu, gefällt sie dir?«
   Er schiebt sie ein Stück zurück, damit er die Tüte eingehend betrachten kann. »Alter. Die ist richtig cool.«
   Meine Tochter strahlt wie die Sonne. Das ist das höchste Lob, das sie von ihrem Bruder bekommen kann. »Oma, gefällt sie dir auch?«
   Mama verzieht den Mund.
   Ich grinse. »Auf Rosa steht deine Enkelin nicht«, erkläre ich ihr.
   »Aber auf Schwarz, und üble Gesellen sind das.«
   »Boah, Oma, das sind doch Piraten, die müssen so aussehen. Du hast vom Basteln wirklich keine Ahnung. Ich glaube, Mama ist doch jünger als du. Die kann das voll gut.«
   »Linaschatz, da hast du recht. Es muss ja auch etwas geben, worin deine Mama voll gut ist.« Sie zwinkert mir zu. Nach all den Jahren kann sie mich immer noch überraschen, meine Mutter.
   »Ich glaube, die Oma ist heute gut drauf. Sie hat sich mit jemandem getroffen, während ich im Training war. Gell, Oma?« Keanus Stimme springt von den tiefsten Tiefen in die höchsten Tonlagen. Ich muss mich beherrschen, um nicht zu lachen. Aber was erzählt er da? Fragend sehe ich meine Mutter an. Und da überrascht sie mich erneut. Sie errötet bis unter die Haarwurzeln. Interessanter Kontrast zu ihrem silber gesträhnten Haar.
   »Äh, ja, ich habe eine alte Bekannte getroffen.«
   »Hm, durch die gelbe Glastür sahen die Konturen eher nach einem Mann aus, Oma.« Keanu grinst breit. »Ich geh dann mal duschen.«
   Ich ziehe die Augenbrauen hoch. »Alte Bekannte also?«
   »Ich habe jemanden von früher getroffen. Stört es dich?«
   »Nein, im Gegenteil. Ich finde, du könntest noch mehr Freunde haben, mit denen du dich triffst.«
   »Mama, kann die Oma zum Abendessen bleiben?«, fragt Lina.
   Sie bleibt. Kurz vor acht Uhr ruft Axel an, aber er will nicht mit mir über seine Eltern reden. »Das hat Zeit, bis ich wieder zu Hause bin, Liebes.«
   Liebes. Ich fühle mich eher wie ein Böses. Aber egal. Mama geht, während ich noch telefoniere. Dann bringe ich rasch Lina zu Bett, sehe mit Keanu noch Galileo zu Ende und freue mich auf Dr. House.
   Um neun ist definitiv Ruhe im oberen Stockwerk, und ich hole mir eine Flasche Rotwein. Ein Glas Wein bei meiner Lieblingssendung, völlig ungestörter Fernsehgenuss. Das habe ich mir heute verdient.
   Gerade bricht die Werbepause an, als es an der Tür klingelt, nur einmal kurz. Ich erschrecke. Wer steht denn so spät noch vor meiner Haustür? Da klingelt es wieder, zweimal kurz. Ach du Schande. So läutet nur der Deutschlehrer a. D.
   Ich spiele für eine Sekunde mit dem Gedanken, mich tot oder wenigstens taub zu stellen. Aber das geht nicht. Mein Schwiegervater Matthias weiß ja ganz genau, dass ich da bin. Meine Ente parkt vor der Tür. Außerdem wird er sonst noch die Kinder aus dem Bett klingeln. Ich werfe die von Oma Rosemi gehäkelte Decke von meinen Beinen und haste auf Socken zur Haustür. Zum Glück habe ich mich noch nicht fürs Bett umgezogen. Vor der Tür höre ich einen geraunten Wortwechsel.
   »Ich klingle jetzt noch mal.«
   »Nein, vielleicht ist sie schon im Bett.«
   »Ach was, doch nicht um diese Zeit. Du weißt doch, dass unsere Schwiegertochter eine Nachteule ist.«
   »Vielleicht hat sie Besuch von einer Freundin.«
   »Ach was, die guckt doch dienstagabends immer diesen amerikanischen Schwachsinn.«
   Wenn Matthias wüsste, wie ähnlich er Dr. House in mancher Hinsicht ist. Ich öffne die Tür und heuchle Überraschung. »Ach, hallo, was macht ihr denn hier, zu so später Stunde?«
   »Guten Abend, liebes Schwiegerkind, dürfen wir hereinkommen?«
   Matthias schiebt mich zur Seite und geht zielstrebig durch den Flur ins Wohnzimmer. Er erweckt den Eindruck, als suche er etwas. Mit einem Blick scheint er alles zu erfassen, die gestapelten Quittungen auf dem Sideboard, Linas Piratenfiguren auf dem Wohnzimmertisch, Keanus hingeschleuderten Sportrucksack, diesmal neben dem Sessel, auf dem er am liebsten sitzt. Und mein Weinglas.
   Gerade eben geht die Werbepause zu Ende.
   House steht ganz dicht vor Cuddy, und die erotische Spannung knistert bis in den hintersten Winkel des Wohnzimmers.
   »Wir bleiben nicht lange, Susanne. Wir waren einkaufen, dann essen, und deshalb ist es etwas später geworden. Ich hoffe, wir stören nicht?«
   »Wie kommst du denn darauf? Trinkt ihr ein Glas Rotwein mit?« Zähneknirschend schalte ich den Fernseher ab. Verdammt, dass wir nicht dieses Home-Entertainment haben, für das immer Werbung gemacht wird. Dann könnte ich die Pausetaste drücken. So aber läuft House ohne mich weiter. In der Sekunde, in der ich ausschalte, küsst er Cuddy. Zum ersten Mal. Ein kleines Stöhnen bricht aus ihm heraus – aus dem unterkühlten und beherrschten Dr. House. Und das verpasse ich jetzt.
   »Ach ja, ein Gläschen Wein könnten wir noch trinken, nicht wahr, Rosemarie?«
   »Au ja, gern, aber für mich bitte nur bis ans …«
   »… Muster, ich weiß schon.« Ich lächle meiner Schwiegermutter herzlich zu. Sie ist so eine liebenswerte Person. Matthias ja auch, aber er macht es einem manchmal schwer.
   Als ich die Gläser mit dem Muster herausgenommen und nach ihren Wünschen gefüllt habe, setzen wir uns gemütlich hin. Erwartungsvoll sehe ich von Rosemi zu Matthias. Sie haben doch sicher einen Grund, so spät noch herzukommen.
   Beide lächeln mich an wie Backfische. Ihre fast kindliche Vorfreude wärmt mir das Herz. Bestimmt werden die Wochen mit ihnen nur halb so schlimm wie befürchtet.
   »Na, was wolltet ihr mir sagen?«
   Matthias räuspert sich. Er wirkt geradezu verlegen. »Rosemarie meinte, du hättest überrascht geklungen gestern am Telefon.«
   Da hatte sie wohl recht. Oma Rosemi hat feine Antennen.
   »Ach was«, wiegle ich ab. »Das hat sich nur so angehört. War ja eigentlich beschlossene Sache, nicht?«
   »Bist du dir auch wirklich sicher, dass dir das recht ist, Sanne?«
   Matthias zuckt, als seine Frau meinen Namen abkürzt, aber er beherrscht sich. Schon drollig, dass er das Bilden von Spitznamen genauso kategorisch ablehnt wie meine Mutter. Gott sei Dank hat Axel diesen Tick nicht übernommen.
   »Ja, Rosemi, kein Problem.« Ich kann ja schlecht zugeben, dass ich null Bock habe, die beiden hier wohnen zu haben. Drei Wochen lang. Rund um die Uhr. Ich trinke einen Schluck.
   »Siehst du, das habe ich dir doch gesagt, Rosemarie. Susanne ist natürlich damit einverstanden. Liebes Schwiegerkind, deine Schwiegermama freut sich über dieses vorgezogene Geburtstagsgeschenk wirklich außerordentlich. Da habt ihr beide eine sehr gute Idee gehabt, du und Axel.«
   Jetzt fällt es mir wie Schuppen von den Augen. An dem Tag hampelte Lina um mich rum und sprach vom siebzigsten Geburtstag der Oma Rosemi. Da ich hoch konzentriert am Zeichentisch bei der Arbeit saß und der Geburtstag erst Anfang Oktober ansteht, nickte ich nur abwesend. Ihre Sätze drangen nicht bis zu meinem Wachbewusstsein vor, sondern blieben irgendwo auf dem Weg zwischen meinen Ohrmuscheln und meinem Hirn hängen. Sie sprach zwar von einem megacoolen Geschenk, aber da es ja noch monatelang Zeit hat, bemühte ich mich nicht darum, die Informationen aus meiner äußeren Hirnrinde weiterzuleiten. So ist der ganze Schlamassel also passiert.
   Ich betrachte Rosemi, deren Augen bei den Worten ihres Mannes leuchten, und meine Mundwinkel ziehen sich von allein nach oben. Sie rückt näher und legt ihre trockene, warme Hand auf meine, und da hat sie mich auch schon eingewickelt. Niemand kann Rosemi böse sein. Zumal sie ja nicht mal etwas angestellt hat. Das war ihr Sohn Axel.
   »Ich freue mich so darauf, bei dir und den Kindern zu sein, Sanne.«
   Wieder zuckt der Deutschlehrer a. D., aber er lächelt wohlwollend. »Susanne, du wirst kaum bemerken, dass wir da sind«, erklärt er in jovialem Ton. Ich schweige und lächle.
   Jetzt kommt Leben in Matthias. Er hebt eine Plastiktüte auf seinen Schoß, die er die ganze Zeit neben seinen Füßen hat stehen lassen. Daraus zieht er einen großen Schuhkarton hervor.
   »Sieh mal, Susanne, das hier sind meine neuen Wanderschuhe. Wie findest du sie?«
   Er zieht ein Paar offensichtlich sündhaft teurer Wander-schuhe hervor und streicht liebkosend mit der Hand über das weiche Leder. Sie sind ganz klassisch geschnitten, wie früher, aber doch mit den neuesten Hightechmaterialien verarbeitet, wie ich feststellen kann, als ich einen Schuh in die Hand nehme. Innen mit atmungsaktiver Mikrofaser, das Fußbett mit Gelpolstern, die Sohlen ebenfalls atmungsaktiv und doch wasserdicht.
   »Wow.«
   Er lacht geschmeichelt. »Weißt du, ich hebe auf jeden Fall meine alten Wanderschuhe noch auf. Wenn ich diese nicht trage, dann kann Axel sie haben. Er hat die gleiche Größe.«
   Rosemi rollt mit den Augen. Ich habe Matthias’ alte Wanderschuhe schon gesehen und alle Geschichten gehört, die es darüber zu erzählen gibt. Zum Beispiel, dass er hineingepinkelt hat. Weil die Soldaten das im Ersten Weltkrieg so gemacht haben, um das Leder weicher zu bekommen. Diese Theorie gibt Matthias immer wieder gern zum Besten.
   Axel lacht jedes Mal laut auf, wenn die Rede darauf kommt. »Papa, du warst nie Soldat. Du bist ein weißer Jahrgang. Also warst du nicht mal bei der Bundeswehr.« Ich liebe Axel dafür. Ab und zu holt er den alten Herrn von seinem Ross. Matthias’ Augen strahlen dann verschmitzt auf, und sie sind von Lachfältchen umkräuselt. Dafür liebe ich ihn wiederum. Denn Humor hat er.
   Jedenfalls folgt der Soldatengeschichte unausweichlich die Geschichte davon, wie Axels kleiner Bruder in seiner höchsten Not in der Berghütte, in der sie mal übernachteten, mangels eines Indoor-Klos Papas Wanderschuhe benutzte. Immerhin hatte Papa ja selbst schon hineingepinkelt. Dann würde ein bisschen Kinderpipi sicher nicht schaden. »Und die haben dicht gehalten bis zum nächsten Morgen.«
   Kurz und gut, diese alten Wanderschuhe haben Matthias schon mehr als die Hälfte seines Lebens begleitet, und er tut sich offensichtlich schwer damit, ihnen den Dienst zu kündigen. Rosemi liegt ihm schon seit Jahrzehnten in den Ohren, er solle sich neue kaufen. Nun hat er es also getan.
   Matthias sitzt im Sessel und riecht an den Schuhen, dreht sie um und fährt mit den Fingern über das Profil, dann knickt er die Sohle.
   »Sie sind hervorragend verarbeitet. So etwas findet man heute kaum noch«, murmelt er. Dann stellt er sie auf den Couchtisch und sieht seine Frau entschlossen an. »Weißt du, Rosemarie, ich werde meine alten Schuhe noch mal neu sohlen lassen. Nur zur Sicherheit.«
   Rosemi nimmt einen Schluck Wein, schüttelt den Kopf und lächelt. »Axel wird sicher froh mit den neuen Schuhen sein«, sagt sie bloß.
   »Und jetzt noch was anderes, liebes Schwiegerkind. Ihr habt doch so viele Reiseführer von den Alpen. Könntest du mir die mal mitgeben? Ich würde gern schon mal einen Plan machen.«
   »Plan machen?«, echoe ich, nichts Gutes ahnend.
   »Ja, ich suche schon mal Wanderrouten für uns aus. Wenn wir hier bei euch wohnen, machen wir es endlich wahr und fahren in die Berge zum Wandern. Schließlich liegen sie gleich um die Ecke.« Eindringlich sieht er mich an. Ja, wir haben schon oft davon gesprochen, an den Wochenenden gemeinsam wandern zu gehen. Aber bisher haben wir den Plan noch nie umgesetzt. Ich weiß nicht genau, ob ich froh darüber sein soll. Keanu und Lina sind nicht die wahnsinnigen Lauffreaks, und Matthias ist als sehr ausdauernder Wandersmann bekannt.
   Er deutet mein Schweigen wohl als begeisterte Zustimmung und legt mir die Hand auf das Knie. »Du wirst sehen, das werden die besten Bergtouren, die du je erlebt hast. Gar nicht zu vergleichen mit den Urlauben, die ihr sonst immer macht.«
   Er meint unsere abwechselnden Meer- und Bergurlaube. Axel hat die Liebe seines Vaters zum Bergwandern geerbt. Aber mit uns zusammen gibt er sich doch mit kindgerechten, kleineren Touren zufrieden. Zum Glück. Matthias hat mir nie ganz verziehen, dass ich meinen Mann davon abbrachte, jedes Jahr in dasselbe Bergdorf zu fahren, wo sie früher immer ihre Ferien verbracht haben.
   »Wenn ich die Bergtouren plane«, fährt er fort, »dann hat das Hand und Fuß. Man kann nicht viel Schlechtes über Axel sagen, aber dazu hat er kein Talent. Völlig orientierungslos, der Arme.«
   Rosemi wendet den Blick nach oben, und auch ich halte meinen Mund.
   »Ich suche dann mal die Reiseführer zusammen«, murmle ich. Zehn Minuten später überreiche ich sie meinem Schwiegervater. Endlich stehen beide auf, um zu gehen. Ich schiele zur Uhr, halb elf. Mist. Dr. House hat längst fertig praktiziert.
   Als beide schon in der Haustür stehen, dreht sich Matthias noch einmal zu mir um. »Wäre eigentlich sehr schön, wenn deine Mutter auch noch mitwandern könnte, nicht wahr, Susanne?«
   Ich bleibe ihm eine Antwort schuldig.

4
Schwesterherzen

Überraschend haben meine Schwestern Moni und Tina einen Wochenendbesuch bei unserer Mutter angesagt. Moni bringt ihren kleinen Sohn Tim mit, Tina regelt die Kinderbetreuung mit ihrer Schwiegermutter. Sie kommen am Donnerstag und wollen am Sonntag wieder heimfahren.
   »Habt ihr Lust, heute Nachmittag Oma zu besuchen?«, frage ich meine beiden Augensterne am Donnerstagmorgen beim Frühstück. »Eure Tanten sind da, und der kleine Tim ist mitgekommen.«
   »Hurra«, ruft Lina.
   »Ach ne, lass mal.« Keanu grunzt.
   »Also, ich gehe heute Nachmittag hin. Ich möchte mit meinen Schwestern sprechen. Bleibst du dann allein zu Hause, Keanu?«
   »Hm, wird ja eh fast fünf, bis ich da bin. Ich kann ja dann noch ein bisschen an den PC. Oder?«
   »Ja, aber bleib aus dem Internet draußen. Klar?«
   »Mama, der wählt sich immer ins Internet ein, auch wenn er nicht darf. Echt.« Lina streckt ihrem Bruder die Zunge raus, der verpasst ihr quer über den Tisch eine Luftohrfeige.
   »He, jetzt mal langsam«, schilt Axel, der gestern von seiner Geschäftsreise zurückgekommen ist. »Lina, ich möchte nicht, dass du petzt. Und Keanu, ich möchte nicht, dass du dich ins Netz einwählst, wenn keiner von uns da ist.«
   »Jaja, alles klar.« Keanus Ton ist so unverschämt, dass Axel hochfährt. »Ich checke doch nur meine Mails und gehe kurz auf Facebook und Schüler-VZ«, fügt Kee hinzu.
   Die beiden stehen auf und sammeln ihre Sachen zusammen. Ich überlasse die weitere Diskussion Axel. Das Internet ist ein heikles Thema. Wenn nur die Großeltern nicht erfahren, dass wir Keanu schon den Höllengefahren von PC und World Wide Web aussetzen.
   
   Zum Glück hat sich das Wetter in den vergangenen Tagen endlich gebessert. Lina und Tim können in Mamas Garten spielen.
   Meine Schwestern haben den Gartentisch hervorgekramt und die dazugehörigen Stühle geputzt. Ich habe die Sensibla-Maschine runter in die Waschküche geholt und eine Packung frischer Pads mitgebracht.
   »Ach, Susanne, ich habe doch viel schneller eine Kanne Kaffee aufgegossen.«
   »Ne, Mama, lass mal.«
   Zum Glück sieht Tina das genauso wie ich. »Ich mag auch lieber Sensibla. Der schmeckt doch viel besser.«
   Moni nickt dazu, also gibt Mama sich geschlagen. Seufzend lässt sie sich auf einen der Stühle fallen und überlässt es mir, für alle eine Tasse Kaffee aufzubrühen.
   »Hast du Milch da, Mama?«
   Sie springt auf. Ich stöhne. »Bleib sitzen. Sag mir, wo sie ist.«
   »Im hinteren Kühlschrank.« Wozu meine Mutter im Keller zwei Kühlschränke stehen hat, werde ich nie begreifen. Beide sind im Sommer eingeschaltet, und seltsamerweise sind auch beide gefüllt. Ich suche und finde die Milch, erwärme sie auf dem alten Herd und richte jeder von uns einen leckeren Milchkaffee her.
   »Hm, das tut gut.« Tina seufzt.
   Mama nippt an ihrem Kaffee, verzieht das Gesicht und stellt die Tasse wortlos in die Mitte des Tischs.
   Inzwischen habe ich auch Monis und meinen Kaffee fertig. Ich probiere, ja, schmeckt hervorragend.
   Moni trinkt einen Schluck. »Puh, wie bitter, der schmeckt mir nicht.«
   Mama lächelt, als Monis Tasse neben ihre wandert. Unnötig zu erwähnen, dass beide unberührt stehen bleiben, bis der Kaffee kalt ist. Tina und ich trinken hingegen noch einen weiteren Milchkaffee. Tja, so teilen sich die Menschen in Filter- und Brüh-Typen. Und dann gibt es natürlich noch die Vollautomaten-Typen.
   »Also, der beste Kaffee ist immer noch der von Hand aufgegossene«, sinniert Moni. »Und am allerbesten ist er, wenn man ihn vorher frisch mahlt.«
   Mama lächelt selig. Wahrlich, Kaffee ist ein Thema für sich.
   »Ach ne«, zischt Tina, »wer mahlt denn bei euch den Kaffee? Du, dein Göttergatte oder vielleicht der kleine Tim?«
   »Äh …« Moni errötet. »Also, mein Gunnar mag ja keinen Filterkaffee. Wir haben seit Neuestem so einen Vollautomaten.«
   »Der Automat mahlt den Kaffee.« Ich lache.
   Tina stimmt in mein Lachen ein, während Mama und Moni den Mund zusammenkneifen.
   »Seht mal her, was Tim schon kann«, ruft Lina in dem Moment, und wir sehen zur Schaukel. Tim sitzt oben auf der Stange. Lina hält von der zweiten Stufe der Leiter aus mit einer Hand sein Beinchen, während der Zweieinhalbjährige fröhlich winkt und dabei bedenklich in Schräglage gerät.
   »Mach was, Sanne«, ruft Moni, springt auf und rennt wie von Furien gehetzt zur Schaukel.
   »Lina, halt ihn mit zwei Händen fest«, rufe ich und bleibe sitzen. Mama wirft mir einen tödlichen Blick zu und läuft hinter Moni her.
   Tina legt beide Füße auf den frei gewordenen Stuhl und grinst. »Die wird auch noch ruhiger.«
   »Wen meinst du«, frage ich, »Mama oder Moni?«
   »Moni. Bei Mama ist Hopfen und Malz verloren. Und dabei hat sie sich früher, bei uns, nie so angestellt. Komisch.«
   Nach der heroischen Rettungsaktion kommt meine Schwester mit Tim auf der Hüfte zurück zum Tisch. Lina, die eine gehörige Strafpredigt hat über sich ergehen lassen müssen, trottet bedröppelt hinterher. Sie rutscht auf meinen Schoß und verbirgt das Gesicht an meinem Hals.
   Monis Blicke schießen scharf. Sie ist völlig außer sich. »Deine Tochter ist ja lebensgefährlich für so ein kleines Kind.«
   Lina zuckt an meinem Hals, und ich spüre, wie meine Bluse feucht wird.
   »Sie hat Tim bestimmt nicht da raufgehoben«, murmle ich.
   »Ach ne«, braust Moni auf.
   »Ne, Tim leine tlettert.« Der Kleine strahlt.
   »Aber das darfst du doch nicht.«
   Lina löst sich von mir und sieht in die Runde. Tina wirft ihr eine Kusshand zu. Da kann sie wieder lächeln und nimmt sich ein Stück Marmorkuchen.
   »Habt ihr schon gehört, dass Susannes Schwiegereltern für ein paar Wochen bei ihr einziehen?«, lässt meine Mutter beiläufig fallen. Ich sehe sie überrascht an. Was bezweckt sie mit dieser Frage? Wieso überlässt sie es nicht mir, das zu erzählen?
   »Im Ernst? Der Deutschlehrer a. D.? Na, dann viel Spaß.« Tina zwinkert mir zu. Vielen Dank auch.
   »Ach, du Arme.« Moni wirft mir einen mitleidigen Blick zu. Sie merkt offensichtlich nicht, wie Tim von ihrem Schoß rutscht, Lina bei der Hand nimmt und mit in den Garten zieht. Aber da sieht man es mal wieder: Meine große Schwester verarscht mich, die Kleine hat Mitleid.
   »Na sagt mal, was sind das denn für Bemerkungen? Opa Matthias ist doch ein ganz netter Mensch. Und Oma Rosemi sowieso.« Witzig, dass meine Mutter ausgerechnet Rosemaries Namen abkürzt. Das ist überhaupt der einzige Name, den ich sie jemals habe abkürzen hören.
   Ich beiße schweigend in den Marmorkuchen meiner Tochter.
   »Na komm, Mama, der Deutschlehrer a. D. ist echt anstrengend.« Tina wieder.
   »Ihr habt mich doch auch schon mit in Urlaub genommen.« Mama wirkt verunsichert.
   »Ja, klar, das ist doch was ganz anderes. Du bist unsere Mutter.«
   »Und ehrlich, Mama, mit Papa zusammen hätten wir das nie gemacht.«
   »Wie bitte? Was soll das denn jetzt wieder heißen?«
   »Na ja … Paps … Denk doch mal nach. Das wäre sicher nicht gut gegangen.« Da sind Moni und Tina sich ausnahmsweise einig. Ich muss ihnen innerlich zustimmen. Mein Vater war eine Seele von Mensch, aber mit seinen Töchtern hat er so seine Schwierigkeiten gehabt. Ich bin die Einzige, die mit ihm auskam. Mama und Papa mit in Urlaub zu nehmen, das wäre ein Wagnis gewesen. Nur noch zu toppen durch Oma Rosemi und Opa Matthias, wird mir klar, und ich schlucke.
   »Ach, ihr seht das alle falsch«, erklärt Mama. »Man muss sich halt ein bisschen zurücknehmen, dann klappt das schon.«
   »Ja, genau, wenn alle sich zusammenreißen. Das wird bestimmt der denkwürdigste Sommer, den du je hattest, Schwesterherz. Am besten, du nimmst Mama auch noch auf.« Tina lacht laut.
   Mama runzelt die Stirn.
   Ich beiße hastig in ein weiteres Kuchenstück. Mit vollem Mund antwortet es sich ja so schlecht.
   »Das ist Unsinn«, murmelt Mama. »Es gibt keinen Grund, weshalb ich bei Susanne wohnen sollte.«
   Unbehagliches Schweigen macht sich breit. Ich verstehe nicht wirklich, was in meiner Mutter vorgeht. Anscheinend pikt sie die Tatsache, dass meine Schwiegereltern bei uns wohnen werden. Aber wieso? Sie selbst wohnt nur eine Straße weiter, sie kann die Kinder quasi jeden Tag sehen. Trotzdem kommt sie so gut wie nie zu Besuch.
   Was aber jetzt in ihrem Kopf und Herzen los ist, das kann ich mir nicht vorstellen. Meine Schwestern sind da auch keine Hilfe. Sie lassen ihre Blicke in der Gegend herum wandern und machen Gesichter wie damals in der Schule, wenn der Lehrer fragte, wer nach vorn an die Tafel kommen will und alle angestrengt in eine andere Richtung sehen, den Gedanken »Frag bloß nicht mich« geradezu in die Stirn gemeißelt. Unverhofft richtet Mama das Wort an mich. »Weißt du, Susanne, du solltest Hausputz machen, bevor der Deutschlehrer, bevor Opa Matthias zu euch kommt.«
   »Äh …« Mir wird ganz anders. Was soll das denn?
   Tina lacht laut auf, während Moni breit grinsend nickt. Verräterinnen.
   »Na ja, Kind, so richtig Ordnung hast du ja nicht in eurem Haus. Opa Matthias ist von seiner Frau ganz anderes gewohnt.«
   »Wo sie recht hat, hat sie recht«, prustet Tina. »Wenn ich noch an eure Verlobungsfeier zurückdenke …«
   »Ja, weißt du noch, wie euer Großer seine Pampers ausgezogen hat und auf den Couchtisch zusteuerte?« Moni stimmt lauthals in das Lachen ein.
   »Boah, erinnere mich nicht daran.« Tinas Stimme kippt, als sie sich vor Lachen den Bauch halten muss.
   Unsere Verlobungsfeier wurde ausgerichtet vom Deutschlehrer – damals noch in Amt und Würden – und seiner Gattin. Alles hatten sie piekfein geschmückt und hergerichtet. Auf dem Couchtisch standen die kristallenen Sektkelche. Beinahe hätte mein ältester Neffe ein Fiasko angerichtet, als er sich neben den Tisch stellte, einen der Kelche nahm und … nein, nicht daraus trinken wollte. Er war gerade dabei, sauber zu werden.
   Selbst Mama kichert ausgelassen bei der Erinnerung an diesen Tag. Dabei hat sie damals am schnellsten reagiert, hat das Kind geschnappt, ist raus auf die Terrasse gelaufen und hat ihn dort an einen Blumenkübel gestellt. Dass der Oleander in dem Jahr zum ersten Mal blühte, könnte an der außergewöhnlichen Flüssigdüngung gelegen haben.
   »Überhaupt, Verlobungsfeier …«, sagt Moni gedehnt.
   »War ja nicht meine Idee«, erkläre ich. »Axels übrigens auch nicht.«
   »Schon klar. Der Deutschlehrer hat es so gewollt.«
   »Mir hat sie gefallen. Und Opa Matthias und Oma Rosemi haben sich wirklich viel Mühe gegeben.«
   Dankbar lächle ich Mama an. Dass Axel und ich damals unseren ersten heftigen Krach hatten, habe ich keinem von ihnen jemals erzählt. Eigentlich will ich das alles auch nicht mehr wissen. Das ist schon so lange vorbei. Meine Entscheidung für Axel hat sich als richtig herausgestellt. Er hat mit seinem Vater fast überhaupt keine Gemeinsamkeiten.
   »Jedenfalls ist deine Wohnung so, wie sie jetzt ist, unzumutbar.« Mama wieder. »Wenn du magst, komme ich und helfe dir, mal so richtig Ordnung zu machen.«
   Ich glaube, ich höre nicht richtig. »Geht’s noch?« Die beiden Judastöchter giggeln schon wieder. Bin ich hier total im falschen Film? Das sollte ein gemütlicher Nachmittag werden, kein Strafprozess.
   »Also, Mama, ich kann meine Wohnung allein aufräumen, vielen Dank.«
   Tina greift nach einer Haarsträhne, zieht sie aus dem Genick nach vorn und zwirbelt daran herum. Das hat sie früher immer schon gemacht, wenn sie was ausgefressen hatte und gestehen musste, oder wenn sie eine richtige Gemeinheit loslassen wollte.
   »Wo werden die beiden denn schlafen?«, fragt sie in zuckersüßem Ton. Sie weiß genau, wo sie ihre Giftzähne einschlagen muss, diese hinterhältige Schlange. Meine Wangen glühen, und in meinem Magen wuseln bissige Ameisen herum. Unbehaglich rutsche ich auf dem Gartenstuhl hin und her.
   »In meinem Arbeitszimmer.«
   »Wo?«, fragt Moni nach.
   »In meinem Arbeitszimmer.«
   »Soso.« Tina lässt die lockige Strähne wieder nach hinten schnellen. Die Schlange hat ihr Gift verspritzt.
   »Und deine Arbeitsmaterialien? Der große Zeichentisch?«
   »Jaja, muss ich alles wegräumen.«
   »Wo wirst du denn dann arbeiten?«, hakt die kleinere Schlange nach.
   »Weiß ich noch nicht. Im Esszimmer vielleicht.«
   »Dort werdet ihr essen müssen. Ihr seid zu sechst.«
   »Dann auf dem Küchentisch.« Ich wollte mich damit noch nicht auseinandersetzen.
   »Dort bastelt und malt Lina doch immer.«
   »Verdammt, lasst mich in Ruhe. Was soll das?«
   Sie grinsen sich an, meine mörderischen Schwestern. Fehlt nur noch, dass sie die Hände aneinanderklatschen. Wie früher, wenn sich die Große und die Kleine gegen die Mittlere verbündeten, gegen mich, das arme Sandwichkind.
   »Nur ruhig Blut«, sagt Mama. Ihre Stimme klingt so, als müsste sie sich ein Lachen verkneifen. Ich koche innerlich.
   Unerwartet rettet Tim mich aus dieser prekären Lage: Es gibt einen dumpfen Schlag, und er heult los wie eine Sirene.
   Moni springt auf, gefolgt von Mama, und sprintet in Richtung des Geschreis, das aus der gleichen Ecke kommt wie vorhin Linas Ruf. Doch auf der fröhlich schwingenden Schaukel ist nichts und niemand zu sehen.
   »Lina?«, rufe ich, weil ich meine Tochter nicht entdecken kann, wohl aber das rot leuchtende T-Shirt von Tim, der auf dem Rücken liegt und mit Armen und Beinen rudert.
   »Gott sei Dank, er ist weich gelandet.« Moni strahlt, als sie mit Tim auf dem Arm zurückkommt. Böses ahnend laufe ich zur Schaukel, vor der meine Mutter steht und zur Erde starrt. Bevor ich da bin, geht sie in die Hocke und hilft Lina auf, die kreidebleich und nach Luft ringend die Arme nach ihr ausstreckt.
   »Lina? Mit dir alles in Ordnung?«
   Sie hustet und zieht pfeifend den Atem ein.
   »Lass mich das machen.« Ich dränge mich vor und hebe Lina hoch. Sie pfeift noch einmal, doch dann lächelt sie schon wieder.
   »Nichts passiert, Mama. Tim ist auf mich draufgefallen. Aber jetzt kriege ich schon wieder Luft.«
   Tina lacht laut und anhaltend. Ich habe die Nase voll, packe mein Kind ein und fahre nach Hause.

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