Alison sieht Lichterscheinungen über den Köpfen verschiedener Frauen. Weder weiß sie, warum, noch, was sie mit diesem Wissen anfangen soll. Mittlerweile hinterfragt sie die leuchtenden Begleiter nur selten, denn ihr Leben in San Francisco fordert sie genug: Ihre Beziehung zerbricht, und aufgrund seelischen Kummers landet Alison im Krankenhaus. Dort und nach ihrer Entlassung kreuzen sich immer wieder die Wege mit denen des attraktiven Arztes Dr. Hayes, der an ihr mehr als nur freundschaftliches Interesse hat. Alisons Gefühle für ihn werden immer stärker, aber die Angst vor weiteren seelischen Narben treibt sie von ihm weg. Als sie ihr Schicksal schließlich in die Hand nimmt, erkennt sie, dass nicht alle Hoffnung verloren ist.

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ISBN: 978-9925-33-178-9

Seiten: 306

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C. Carelly

C. Carelly
C. Carellys Motto lautet: inspirieren, motivieren, kreieren. Sie hat an der Universität Konstanz Soziologie studiert und verließ den Bodenseeraum nach dem erfolgreichen Abschluss. Ihre erste Veröffentlichung im Bookshouse Verlag ist die Urban-Fantasy-Trilogie „Stadtrivalen“, die 2018 mit dem letzten Band abgeschlossen worden ist. Die Autorin mit dem Pseudonym Carolina Carelly lebt mit ihrem Partner in München. Sie liebt guten Cappuccino, Spaziergänge und Sonnenbaden … und Katzen. www.carelly.de

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... oder sofort „hineinschnuppern“

1

Alisons Blick wanderte immer wieder zum Pärchen hinter der Fensterscheibe – nicht etwa wegen ihrer Kleidung oder ihres Benehmens, sondern weil die Größere von ihnen Alisons Theorie über die Lichter widerlegte.
   Für Alison stand fest, dass sie zusammen waren. Vor Kurzem hatte sie nämlich gelesen, dass junge, gleichgeschlechtliche Paare in diesem Sommer einem Trend folgten: Sie teilten sich ein Schnürsenkelpaar. Auch dieses Paar demonstrierte seiner Umwelt, dass es zusammengehörte. Eine trug einen gelben Schnürsenkel im linken Schuh, die Partnerin dessen Zwilling im rechten.
   Die kleine Brünette in der Kapuzenstrickjacke, die ihr zwei Nummern zu groß schien, tänzelte um die Blonde herum, lächelte und suchte den Blickkontakt. Sie langte nach der Hand der jungen Frau mit dem stachligen Haar. Doch diese zog die Hand nach einigen Sekunden zurück, als müsste sie gerade jetzt den Reißverschluss der Jacke öffnen, das Shirt glatt streichen oder sich am Oberschenkel kratzen. Alison fiel auf, dass sich die Lippen der Blonden weniger oft bewegten als die ihrer Partnerin. Überhaupt unterdrückte sie immer wieder ein Gähnen und sah sich permanent um, als suchte sie nach einem Bekannten.
   Nein, überlegte Alison, diese Frau vermittelte nicht den Eindruck, verliebt zu sein. Aber warum schwebten die Lichter einen halben Ellbogen über dem Kopf der jungen Frau, die gelangweilt oder sogar genervt von ihrer Freundin war? Dieser Frage wollte Alison unbedingt nachgehen. Doch da bemerkte sie aus den Augenwinkeln heraus, dass sie beobachtet wurde. Sie drehte sich um und sah ein Mädchen am Nachbartisch. Es mochte vier oder fünf Jahre alt sein. Sein dunkles Haar war streng zurückgekämmt und mit Spangen fixiert worden. Ein Flaum aus Härchen bedeckte die Stirn, die eine feine Falte durchzog, weil das Mädchen Alison kritisch musterte. Alison kicherte, weil es das Bild eines Kükens vor ihrem inneren Auge heraufbeschwor – das eines skeptischen Kükens. Alison lächelte. Das Mädchen fing an, die Flecken auf den Sneakers wegzuwischen.
   »Lauren!«, ermahnte die Mutter. »Nicht mit dem Finger.«
   Sofort hörte Lauren auf. Ihre Mutter wies sie an, sich die Hände zu waschen. Prompt war der schmutzige Finger vergessen, denn die Mutter echauffierte sich über ihren Kaffee.
   Alison legte die Hände um den Starbucks-Becher und wandte sich dem Paar auf der Straße zu. Erst, als sich die Frau am Nachbartisch erhob und zum Tresen stampfte, um das Getränk umzutauschen, fühlte Alison erneut den Blick des Mädchens.
   Schließlich konnte Alison nicht länger schweigen. Sie lehnte sich vor und hielt die Hand an die Wange, als wollte sie Lauren etwas zuflüstern. Wieder zogen sich Laurens Brauen zusammen, aber sie rutschte näher, bereit, den Worten der Fremden zu lauschen.
   »Weißt du, warum ich hinschaue?«
   Lauren schüttelte den Kopf.
   »Ich sehe Lichter.« Sie deutete auf die blonde Frau hinter der meterhohen Scheibe. »Sie leuchten silbern und blau, ähneln einem Fisch und bewegen sich über den Köpfen mancher Frauen.« Was Alison dem Mädchen verschwieg, war, dass die Fischchen keine Augen oder Flossen besaßen. Eigentlich hatten die Lichter bis auf die Form nicht viel mit einem Fisch gemeinsam, dennoch hatte sich dieser Vergleich in Alisons Kopf manifestiert.
   Während sich Laurens Mutter mit dem Jugendlichen hinter der Theke stritt, schwieg Lauren und schaute sie aus großen dunklen Augen an. Alison ärgerte sich über sich selbst. Was hatte sie dazu getrieben, ein Kind mit solchen Geschichten zu verwirren?
   »Wo?«, wollte Lauren wissen.
   Alison konnte es nicht für sich behalten. »Über dem Schopf der blonden Frau. Kannst du sie auch sehen?«
   Das Mädchen verneinte.
   »Hm«, machte Alison.
   »Wieso?«
   Alison strich sich eine Strähne hinter das Ohr und schlug ein Bein über das andere. Ja, warum eigentlich? Diese Frage hatte sie sich in den vergangenen Wochen jeden Tag gestellt, jedoch bis heute keine Antwort gefunden. »Eines Tages wachte ich auf«, erinnerte sich Alison, »und plötzlich konnte ich sie sehen.«
   Das Mädchen öffnete die Lippen, als wollte es etwas erwidern oder nachhaken, da kehrte die Mutter mit ihrem Getränk zurück.
   »Lauren, setz dich gerade hin.« Sie holte aus der Tasche eine Tupperdose hervor und stellte sie Lauren hin. Kaum hatte das Mädchen die Dose geöffnet, griff es nach zwei Obstwürfeln gleichzeitig, und Alison schien, als wäre die Geschichte von den Lichterscheinungen bereits vergessen.
   Noch ein Schluck, dann hatte Alison den Becher geleert.
   Das Paar war gegangen. Auch für Alison war es an der Zeit, aufzubrechen. Also erhob sie sich, schlüpfte in den Mantel und hängte sich die Tasche über die Schulter. Zum Abschied lächelte sie, als sie Laurens Blick einfing. Aber wieder gelang es ihr nicht, dem Mädchen ein Lächeln zu entlocken.
   Wind blies durch die Straßen von San Francisco, als Alison die 2nd Street entlangwanderte. Dass er sogar im Sommer kühl sein konnte, bewies er jedes Mal aufs Neue, wenn man in die Market Street abbog, wie Alison es in diesem Augenblick tat. Sie richtete den Kragen ihres Mantels auf und hielt ihn auf Adamsapfelhöhe geschlossen, damit der Wind nicht eindringen konnte.
   Als sie den haltenden Bus erblickte, lief sie los. Kaum war sie hineingesprungen, schlossen sich die Türen. Stimmen brandeten über sie herein, während sie sich an den Menschen vorbeischob, und der Duft von Oregano, Curry und Zimt stieg ihr in die Nase.
   Alison liebte San Francisco. Sie liebte die Vitalität der Stadt, die sie den exzellenten Verkehrsanbindungen und dem reichen, kulturellen Angebot – Museen, Galerien, Kirchen, Tempeln und Parks – verdankte. Ihr gefiel es, dass zu beinahe jeder Stunde Geschäftigkeit auf den Straßen herrschte. Ebenso schätzte Alison die Vielfalt, die sich in der Einstellung und den Lebensstilen der Stadtbewohner widerspiegelte. Diverse Stadtteile – von unterschiedlichen Kulturen – verliehen San Francisco etwas Besonderes. Sie boten den Besuchern die Möglichkeit, innerhalb kurzer Zeit verschiedene Kontinente zu bereisen. So konnte beispielsweise ein Ausflug nach Japan problemlos mit einem Trip nach China und Russland kombiniert werden.
   Wohin jedoch die Füße Alison trugen, nachdem sie ausgestiegen war, war eine Straße, die mit schlichten, mehrstöckigen Häusern aufwartete. Viel gab es hier nicht zu entdecken, wurde Alison abermals klar, während sie dem Straßenverlauf in Richtung Süden folgte. Doch hier und da fanden sich ein paar einigermaßen bezahlbare Räumlichkeiten, und in einer davon wartete Dr. Dana Berrington auf sie.
   Alison hatte die Straße überquert und fast dreihundert Meter zurückgelegt, ehe sie vor einem dreistöckigen Gebäude stehen blieb. Drei Stufen führten sie zur Klingel. Kaum hatte sie den Knopf gedrückt, surrte das Schloss, und sie stieß die Tür auf.
   Als sie die letzte Stufe erreichte, öffnete sich die Tür. Sie entfernte imaginäre Fussel von ihrer Kleidung und holte tief Luft. Im Spalt erschien Dr. Berringtons dezent geschminktes Gesicht. Alison war schon früher aufgefallen, dass sie dunkle Töne favorisierte. Heute trug sie einen olivfarbenen Pullover mit V-Ausschnitt und blaue Jeans.
   Lächelnd reichte ihr Dr. Berrington die Hand und bat sie hinein. »Machen Sie es sich bitte gemütlich. Ich brauche noch ein paar Minuten.«
   Der Warteraum maß weniger Quadratmeter als Alisons Wohnzimmer. Aber die Größe genügte vollkommen, denn mehr als ein Patient und seine Begleiter fanden darin genug Platz. Dr. Berrington achtete penibel darauf, dass sich die Klienten nicht begegneten, weshalb der Raum erwartungsgemäß leer war.
   Alison griff nach einem Frauenmagazin und blätterte darin. Während sie die Artikel studierte, wanderte sie in Gedanken zur Therapeutin.
   Dr. Berrington mied es, über sich zu sprechen, was Alison etwas frustrierte. Bereits in den vergangenen Sitzungen hatte sie nämlich zu verstehen gegeben, dass es ihr leichter fiel, sich einer Fremden zu öffnen, wenn diese etwas Persönliches preisgab. Immerhin war es das erste Mal in 35 Jahren, dass Alison therapeutische Hilfe in Anspruch nahm. Dr. Berrington war ihr schließlich entgegengekommen. So hatte Alison erfahren, dass die Therapeutin die Praxis mietete, selbst aber mit ihrem Mann und dem 15-jährigen Sohn in Oakland lebte.
   »Alison?« Dr. Berrington war im Türrahmen erschienen.
   Ein in warmen Erdtönen gestrichener Raum hieß Alison willkommen. Tageslicht fiel durch das große Fenster. Nicht jeder Patient bevorzugte es, sich auf der mokkafarbenen Chaiselongue auszustrecken. Deshalb hatte Dr. Berrington das Zimmer zusätzlich mit breiten Stühlen und Sitzkissen ausgestattet, in denen man wie in einem überdimensionalen Marshmallow versank.
   So viel Alison wusste, befanden sich im Schrank, dessen eichefarbene Türen farblich mit der Wand harmonierten, sogar aufblasbare Matratzen und Decken.
   Wie auch schon in der letzten Therapiestunde schob Alison einen der beiden Ledersessel unter dem massiven Tisch hervor und setzte sich Dr. Berrington gegenüber.
   »Ich freue mich, Sie wieder in meiner Praxis begrüßen zu dürfen«, begann Dr. Berrington.
   Mit den Ellenbogen stützte sich Alison auf dem Tisch ab. »Das ist eine ganze Weile her«, murmelte sie.
   »Manchmal braucht man eben Zeit.«
   Alison wurde erst jetzt bewusst, dass sie sich nach vorn gelehnt und die Hände wie zum Gebet gefaltet hatte. Nun positionierte sie sie nebeneinander auf dem Tisch, darum bemüht, einen entspannten Eindruck zu vermitteln.
   »Möchten Sie heute über Ihren letzten Krankenhausaufenthalt reden?«
   Langsam nickte Alison und erhob sich. Sie ging zur Chaiselongue, zog die Schuhe aus und legte sich hin. Wenige Sekunden später rollte ein Drehstuhl über den Boden. Anderthalb Armeslängen von ihr entfernt blieb er stehen, und Dr. Berrington setzte sich darauf mit einem Stift und einem Klemmbrett.
   »Nun ja, der Kontrolltermin hat bestätigt, dass ich geheilt bin«, begann Alison. »Eigentlich habe ich nicht daran gezweifelt. Schon beim vorletzten Mal meinte Dr. Wellensteyn, dass die Flüssigkeit im Bauchraum praktisch nicht mehr da ist …«
   Vor ihrem inneren Auge sah sie sich im Behandlungsraum, wo der Arzt ihr wohl zum letzten Mal die Hand schüttelte. Wehmut lag in seinem Blick, als er sich von ihr verabschiedete. Auch Alison war der Abschied schwergefallen. In all den Monaten, in denen Alison ihn regelmäßig aufgesucht hatte, hatte sich zwischen ihnen ein Band gefestigt. Eines, das beinahe dem eines Vaters und einer Tochter gleichkam.
   »Im Großen und Ganzen sieht alles gut aus. Allerdings plagen mich von Zeit zu Zeit ziemliche Schmerzen«, räumte sie ein. »Deshalb habe ich schon vor Wochen einen weiteren Termin vereinbart.«
   Da das vertraute Geräusch ausgeblieben war, das Alison normalerweise vernahm, wenn Dr. Berrington etwas notierte, hörte sie auf zu erzählen.
   Dr. Berringtons Kugelschreiber ruhte noch immer in der Hand. Ihre Lippen zuckten, als wollte sie etwas sagen.
   »Ja?«
   Dr. Berrington legte das Klemmbrett auf die Oberschenkel. »Um ehrlich zu sein, Alison, dachte ich, Sie hätten vor, über die Ereignisse zu sprechen, die Sie vergangene Woche auf meinem Anrufbeantworter angekündigt haben.«
   Alison senkte den Blick. Ihr Blick suchte Härchen oder Fäden, die sie von ihrem Hemd entfernen konnte. Da sie jedoch keine fand, fing sie an, die Finger vor dem Bauch zu verknoten.
   Dr. Berrington drängte sie nicht. Sie saß einfach da und wartete, bis Alison von sich aus fortfuhr.
   »Ach, die Angelegenheit habe ich bereits verarbeitet«, sagte sie munter und vermied dabei, Dr. Berrington anzusehen. »Was mich allerdings nach wie vor beschäftigt, ist der schwere Heilungsprozess nach der Operation. Vor allem jetzt, da die Schmerzen wieder da sind, kocht Vergangenes in mir hoch.«
   »Nun gut«, sagte Dr. Berrington. »Vielleicht ist es nicht verkehrt, wenn wir uns erneut damit auseinandersetzen.«
   Alison nickte und fing an zu erzählen. Vor einigen Jahren hatte sie die Spezialistin Dr. Valerie Miller wegen Oberbauchschmerzen aufgesucht. Eigentlich hatte sie erwartet, dass ihr die Ärztin sagte, alles sei in Ordnung, und sie müsse lediglich Tabletten gegen die Beschwerden einnehmen. Immerhin war Alison zu jenem Zeitpunkt Anfang dreißig gewesen, also in einem Alter, in dem, wie Alison es aus dem Freundes- und Bekanntenkreis kannte, häufiger eine Grippe als etwas Bedrohliches diagnostiziert wurde.
   Während der Ultraschalluntersuchung hatte die Ärztin jedoch etwas entdeckt, das nicht in den Bauchraum gehörte. Etwas, das zu einem Klumpen von der Größe einer Daumenkuppe herangereift war.
   Nach dem ersten Schreck hatte sich Alison schnell gefangen. Dass an einem ihrer Organe etwas wuchs, musste nicht zwangsweise bedeuten, es wäre bösartig. Wieso denn auch? Schließlich hatte Alison nie geraucht, trank praktisch kaum Alkohol, ernährte sich weitgehend gesund und joggte mindestens einmal pro Woche.
   Alisons Optimismus schwand auch nicht, nachdem die Biopsie im Krankenhaus ergeben hatte, dass es sich um eine seltene Tumorart handelte. Dr. Theodor Wellensteyn hatte sich vor Jahren mit der Materie befasst. Daher stufte er die Wahrscheinlichkeit, dass der Tumor gutartig war, sehr hoch ein. Allerdings räumte er ein, dass nun mal ein Risiko bestand.
   In Abständen von einigen Monaten erfolgten weitere Biopsien, die erfreulicherweise keinen Grund zur Sorge lieferten. Doch Dr. Wellensteyn wies Alison darauf hin, dass pro Termin nur wenige Millimeter Gewebe entnommen werden konnten. Deshalb durfte man nach jeder Untersuchung lediglich davon ausgehen, dass sich an der punktierten Stelle gutartige Zellen befanden. Ob die Zellen im Umkreis jedoch auch ungefährlich waren, wüsste man folglich nicht.
   »Die Wucherung vergrößerte sich zwar minimal im Laufe der Zeit, aber meine Angst begann, deutlich schneller zu wachsen«, sagte Alison. »Nicht zu wissen, wie es um mich stand, trieb mich nach und nach in den Wahnsinn.«
   Immer wieder hatte sich Alison gefragt, warum ausgerechnet in ihr eine Bombe tickte. »Bis heute kann ich mir nicht erklären, wieso es dazu gekommen ist.«
   »Wie Ihr Oberarzt schon zu Ihnen gesagt hat: Sie konnten nichts dafür.«
   »Dennoch«, erwiderte Alison, »von nichts kommt nichts.«
   »Sie hatten sich also für eine Operation entschieden«, sagte die Therapeutin, ohne Alisons Satz zu kommentieren.
   »Es gab andere Verfahren, um die ausartenden Zellen zu vernichten.« Wieder verknotete Alison die Finger. »Zu jenem Zeitpunkt jedoch erschien mir eine Teilresektion als die zu hundert Prozent zuverlässige Möglichkeit, mich vom Ungewissen zu befreien.«
   Erneut ließ Alison die OP Revue passieren, obwohl ihr klar war, dass die Therapeutin die Fakten bereits aus den bisherigen Sitzungen kannte.
   Die Operation hatte fast vier Stunden gedauert und war komplikationslos verlaufen. Alison erinnerte sich daran, wie sie mit extremen Schmerzen zu sich gekommen war. Überall surrte, piepste und blinkte es. Schwestern und Pfleger tauchten in ihrem Sichtfeld auf und verschwanden wieder. Sie wusste noch, wie man ihr auf die Beine half, damit sie ein paar Schritte ging.
   Als sie sich mit fremder Hilfe erhob, drehte sich alles vor ihren Augen. Sie fühlte sich wie nach mehreren Tequila-Gläschen, die zu schnell hintereinander geleert worden waren. Ihr Körper bebte, als stünde sie unter schwerem Schock. Die Beine drohten, jeden Moment einzuknicken.
   An die Worte der Krankenhausangestellten erinnerte sie sich zwar nicht, jedoch, wie sie zur Toilette tapste, während ihr jemand einen kleinen Kasten, an den sie angeschlossen war, hinterherschob. Scharfer Schmerz flammte bei jeder Bewegung auf. Mit Mühe schaffte sie es zurück ins Bett und ließ sich dankbar nieder.
   Die nächsten Tage verbrachte Alison hauptsächlich schlafend. Trotz starker Medikamente und des Periduralkatheters quälten sie entsetzliche Schmerzen. Regelmäßig riss sie ein schriller Ton der Fühl-, Mess- und Kontrollgeräte aus dem Schlaf.
   »Was kommt Ihnen außerdem in den Sinn, wenn Sie an diese Zeit zurückdenken?«
   »Schmerz in allen Variationen«, sprach Alison leise. Brennender, stechender, schneidender Schmerz, verursacht durch den tiefen Schnitt, die Naht und die Nadeln, die täglich durch ihre Haut gegangen waren.
   Dr. Berringtons Kugelschreiber schnellte über das Papier. Wörter füllten die Zeilen.
   »Ferner erinnere ich mich an absolute Hilflosigkeit«, fügte Alison hinzu.
   Von einem Moment auf den anderen war sie an das Bett gekettet gewesen. Erst Tage später versuchte Alison, sich mit dem Metallkasten, der sie seit der OP begleitete, aus dem Zimmer zu wagen. Das Stehen strengte sie derart an, dass ihr beinahe schwarz vor Augen wurde.
   Vom tagelangen Liegen war die Muskulatur zurückgebildet worden. Starke Medikamente, die das Leid nicht vollständig zu lindern vermochten, taten ihr übriges. Die meiste Zeit über kam sich Alison wie eine Betrunkene vor, die mit Sprachstörung kämpfte, und die sich auf nichts und niemanden länger als ein paar Sekunden konzentrieren konnte.
   »Der Drang, mich zu bewegen, war da«, erinnerte sie sich. »Trotz der Tatsache, dass meine Waden versteiften und höllisch wehtaten, hatte ich auch nur zehn Meter zurückgelegt.«
   Fast vier Wochen nach der Operation hielt sie sich noch immer im Krankenhaus auf, bekam Antibiotika gegen Fieber und nutzte beinahe jede Gelegenheit, um die Treppen gemächlich rauf- und runterzugehen, oder um sich zu dehnen. Nicht nur entkrampften so die Beinmuskeln, sie gewannen nach und nach an Masse. Doch es sollte ein Monat vergehen, ehe sie eine halbe Meile zurücklegen würde, ohne ein, zwei Pausen einzulegen.
   »Um mich geistig zu fordern, las ich alles, was ich finden konnte – Zeitungen, Magazine, Zeitschriften.« Alison richtete sich auf und sah die Therapeutin an.
   Dr. Berrington nickte und machte Notizen.
   »Kaum hatte ich das Klinikum verlassen«, setzte Alison fort, »da plagte mich Atemnot. Das Fieber stieg.«
   Abermals musste Alison ein Zimmer beziehen. Tägliche Blutabnahmen folgten, Eingriffe, Röntgen, MRT, CT.
   »Wissen Sie, Dr. Berrington …« Alison bemühte sich, die Gedanken zu ordnen. Wild wirbelten sie in ihrem Kopf herum. Ihr schien, als verknüpfte sich ein Gedanke mit zwei weiteren und führte zu einem dritten; zu einer Frage oder zu einer Erkenntnis. »Während ich regungslos dalag und dem Schnarchen meiner Bettnachbarin lauschte, wurde mir klar, dass ich zu jener Sorte Mensch zähle, die seelisch Belastendes besser verarbeiten, wenn sie physisch Positives erleben. Das war jedoch in meiner damaligen Situation unmöglich. Mein Körper wurde zum Gefängnis.«
   Nun legte sich Alison wieder hin. Der Duft von Leder stieg ihr in die Nase und vermischte sich mit der Erinnerung an den Geruch von Medikamenten. »Jeder Nadelstich malträtierte mich. Jede Wundsäuberung zwang mich, die Zähne zusammenzubeißen, um nicht aufzuschreien. Allerdings …«
   »Ja?« Dr. Berrington lehnte sich vor. Ihr Kugelschreiber schwebte über dem Blatt.
   »Simon«, gab Alison schließlich zur Antwort. Seinen Namen auszusprechen verursachte einen leichten, stechenden Schmerz in ihrer Magengegend. »Er war da und redete mir gut zu. Außerdem streichelte er meine Hand, verwob seine Finger mit den meinen.« Mit einem wohligen Seufzer dachte sie an die Momente zurück, in denen er bei ihr saß, und sie zärtlich berührte. Ihre geschundene Haut, die überreizten Nerven lechzten nach seinen Händen. Seine Finger jagten angenehme Schauder ihren Arm hinauf bis in den Kopf.
   »Warum haben Sie gezögert, seinen Namen zu nennen?«, fragte Dr. Berrington nach.
   Alisons Blick glitt die Wand hinauf bis zur Decke und blieb an einem Bild hängen. Sie fixierte einen jungen Baum mit sprießenden Blüten – eine Komposition aus Hellbraun, Grün und Weiß.
   »Welche Gefühle ruft Simon bei Ihnen hervor?«, interessierte es Dr. Berrington.
   Sie zuckte mit den Schultern. Wieder wanderte ihr Blick umher. »Ich habe unser Foto aus dem Portemonnaie entfernt«, gestand sie schließlich.
   »Warum?«, fragte Dr. Berrington sanft.
   »Weil es nicht mehr anschauen kann, ohne …«
   »Ohne was zu empfinden?«
   Alison zögerte. Eigentlich wusste Dr. Berrington, was sie bekümmerte. Immerhin hatte Alison die Therapie primär aus diesem Grund begonnen. Doch ihr war zugleich klar, dass es Teil von Dr. Berringtons Strategie war. Die Therapeutin stellte die richtigen Fragen, bohrte vorsichtig nach und wartete, bis der Patient von sich aus das Thema aufgriff, das ihm auf der Seele brannte. Nur dass Alison kein Bedürfnis danach verspürte, sich damit zu beschäftigen.
   Trotzdem beschloss sie, Dr. Berrington wenigstens eine Teilantwort zu geben. »Es verursacht quälendes Ziehen in der Brust und engt meinen Brustkorb ein. Plötzlich ist mir, als verblassten die Farben um mich herum, als tauche die Welt in tristes Grau.«
   »Und Trauer?«, ergänzte Dr. Berrington.
   Unruhe ergriff von Alison Besitz. Sie breitete sich von ihrer Bauchgegend in die Glieder aus. Nun hatte sie das Gefühl, dass man ihr den Boden unter den Füßen wegzog.
   Mit einem Blick auf die Uhr erhob sich Alison. Nicht mehr lange, dann wäre die Sitzung vorbei. »Entschuldigen Sie mich bitte einen Moment.«
   Dr. Berrington nickte.
   Nachdem Alison Minuten später die Toilette verlassen hatte, meinte sie, es lohne sich nicht mehr, ein derart komplexes Thema anzuschneiden.
   Verwundert maß Dr. Berrington sie, erwiderte allerdings nichts.
   Alison wusste, was sie zu Hause erwartete. Deshalb beschloss sie, das Heimgehen zu lange wie möglich hinauszuzögern. Da es in Kürze dämmern würde, stieg Alison in Haight Ashbury aus und nahm den nächsten Bus in Richtung Golden Gate Park. Ihr Ziel war die Brücke. Einige Zeit später stieg sie aus und atmete genüsslich ein und aus.
   Als Alison an einer Gruppe asiatischer Touristen vorbeikam, hatte die zierliche Leiterin mit der dickwandigen Brille gerade etwas gesagt und erntete bewundernde Ahs und Ohs. Obwohl Alison ihre Sprache nicht beherrschte, glaubte sie, die Dame habe erzählt, dass sich hier einst Sanddünen erstreckten, wohin man auch sah. Über diese Tatsache staunten nicht wenige Besucher. Ließ man den Blick nämlich über das üppige Grün wandern, konnte man sich eine andere Aussicht als diese hier schwer vorstellen.
   Sie waren überall; die schillernden Fischchen. Auch jetzt leisteten sie ihr Gesellschaft, während sie durch den Park schritt. Nein, korrigierte sich Alison sogleich in Gedanken, viel mehr begleiteten die Lichterscheinungen fremde Frauen. Zu jeder Tages- und Nachtzeit konnte sie sie sehen.
   Was sie Lauren, dem Mädchen in Starbucks, nicht anvertraut hatte, war, dass ihr die eigenartige Gabe nicht zu einem willkürlichen Zeitpunkt, sondern nach der letzten Entlassung aus dem Krankenhaus geschenkt worden war.
   In den ersten Tagen hatte sich Alison in der Wohnung verbarrikadiert, Telefon und Handy ausgeschaltet und sich von der Außenwelt abgeschottet. An einem Mittwochmorgen jedoch hatte sie die Jalousien hochgezogen, um wenigstens ein bisschen Tageslicht in den Raum zu lassen. Um die Uhrzeit torkelten nur ein paar Feiernde durch die Gegend, doch nach einer Weile entdeckte Alison eine Frau, die nach einem Taxi Ausschau hielt.
   Alison wusste noch, wie sie Simon fragte, ob er sie auch sehen konnte.
   »Was, Alison?«
   »Na, diese silberblauen Fischchen über der Frau«, hatte sie erklärt.
   »Da ist nichts«, hatte er entgegnet.
   Skeptisch beäugte er sie und schlug vor, sie so schnell wie möglich in die Klinik zu fahren. Panik ergriff Alison, worauf sie mehrere Schritte zurücktrat und ihn warnte, seine Worte in die Tat umzusetzen.
   Vor Simons Augen blieben sie also verborgen, hatte Alison an jenem Tag begriffen. Vielleicht war es nur ihr bestimmt, stets über die Gegenwart der Erscheinungen informiert zu sein? Aber zu welchem Zweck?
   Diese Frage stellte sich Alison täglich. Sogar jetzt, während sie die Treppe hinaufstieg. Menschen kamen ihr entgegen. Einige Frauen waren ihr so nah, dass sie nur die Hand heben musste, um die Lichter zu streifen. Natürlich tat Alison es nicht. Sie hatte es nämlich schon mal im Supermarkt bei Tara, der jugendlichen Aushilfe, versucht. In einem Moment, als Tara mit dem Rücken zu ihr stand, hatte Alison die Hand ausgestreckt. Ein Fischchen war zurückgeschreckt, andere wiederum verharrten in derselben Position. Als sie nach ihnen langte, glitten ihre Finger durch die Lichter hindurch.
   Um sich vor den kalten pazifischen Böen zu schützen, schloss Alison den Mantel, zog den Gürtel enger und richtete den Kragen auf. Mit einer Hand hielt sie ihn geschlossen, die andere ruhte in der Manteltasche. Fußgänger und Radfahrer kreuzten Alisons Weg, als sie die Golden Gate Bridge entlang spazierte. Eine Zeit lang folgte sie einer Gruppe älterer Paare. Bei der nächstbesten Gelegenheit überholte sie sie und kostete es voll aus, einige Sekunden lang zwei Armlängen vor und hinter sich Platz zu haben.
   Seit jenem Mittwoch hatte Alison angefangen, an ihrem Verstand zu zweifeln. Sie fürchtete, dass erneut etwas in ihr wucherte, dieses Mal jedoch im Kopf.
   Sie hatte sich gefragt, unter welchem Vorwand sie um eine CT –Untersuchung bitten konnte. Schließlich hatte sie vorgegeben, ihr sei permanent schwindelig und sie sähe schlecht. Die darauffolgende Untersuchung hatte nichts aufgedeckt, was Grund zur Besorgnis liefern könnte. Zum Glück.
   Ehe sich Alison versah, hatte sie das Ende der Golden Gate Bridge erreicht. Mittlerweile war es dunkel geworden. Sie drehte um. Von dieser Seite der Brücke aus gab es zwar Möglichkeiten, nach Hause zu gelangen, aber sie beabsichtigte nicht, das Geld für die Taxi- und Schiffsfahrt auszugeben, wo es doch eine kostengünstige, wenn auch nicht eine besonders gesunde Alternative gab.
   Die Brücke entlangzuschlendern, galt als Freizeitvergnügen der Touristen. Die Bürger von San Francisco gestatteten es sich kaum, ihre knapp bemessene Zeit auf diese Art zu vergeuden. Stets rauschte der Verkehr - wenn nicht gerade Stau herrschte, natürlich. Zahllose Menschen frequentierten das Bauwerk aus Stahl und Beton. Nicht nur ließ der Lärm keine romantische Stimmung aufkommen, überdies lief man ständig Gefahr, angerempelt zu werden.
   Dennoch liebte Alison die Golden Gate Bridge. Inmitten von Menschen, die gemütlich schlurften oder denen, die hetzten, fühlte sie sich lebendig. Sie musste nicht mit anderen reden. Ihr genügte vollkommen, im aktiven Strom mitzuschwimmen, um zufrieden zu sein. Dieses Bedürfnis nach fremder Nähe, nach fremder Präsenz war durch die Operation ausgelöst worden. Das hatte sie ihrer Meinung nach der Tatsache zu verdanken, dass sie in der schweren Zeit so vielen unterschiedlichen Menschen begegnet war, die sie so herzlich empfangen und ihre Geschichten mit ihr geteilt hatten.
   Sie musste an Grandma Judys Worte denken, als die ältere Dame damals an ihrem Krankenbett gesessen hatte. Allem Übel wohnt auch Gutes inne, Darling.
   Erst am Abend kam Alison heim. Finsternis und Stille empfingen sie, kaum hatte sie den Fuß über die Schwelle gesetzt. Mit einer Hand öffnete sie den Mantel, mit der anderen schaltete sie das Licht ein. Im dämmrigen Schein der Lampe hängte sie den Mantel auf und streifte sich die Stiefel von den Beinen. Simons Wildlederschuhe fehlten.
   Es roch nach Tomatensauce und Fleisch und einem feinen Hauch des herben Herrendufts, der in ihr Erinnerungen an Spaziergänge an der Wharf und einem anschließenden Abendessen mit Freunden weckte.
   Also war Simon unterwegs.
   Hatte er erwähnt, mit wem und wohin? Alison wusste es nicht mehr. Dabei hatten sie gestern so wenig miteinander gesprochen, dass sie sich sicher war, so etwas nicht vergessen zu können, hätte er es ihr denn mitgeteilt.
   Sie holte ihr Handy aus der Tasche hervor, und da war sie, die SMS: Bin mit Kollegen etwas trinken gegangen.
   Ein wenig war Alison erleichtert, weil sie den Abend allein verbringen konnte. Wenn sie sich gemeinsam zur selben Zeit in diesen Räumen aufhielten, glaubte sie, sie wanderten auf Eierschalen. Jedes Wort wurde im Kopf gründlich seziert und auf seine Interpretationsvarianten geprüft, ehe die Zunge sich zu regen wagte, ehe die Stimmbänder zu vibrieren anfingen.
   Im Spülbecken stand eine leere Tasse auf einem, mit Tomatensauce beschmierten Teller. Daneben lagen Gabel und Messer. Natürlich würde sich Simon um den Abwasch kümmern, allerdings sehr spät, wie sie wusste. So wollte sie das Becken aber nicht zurücklassen. Deshalb erledigte sie die Arbeit selbst.
   Er hatte die Reste der Lasagne aufgegessen, also bereitete sich Alison einen Salat zu, schnitt Tomaten, Gurken und Mozzarella klein, gab Basilikum und Kräuter hinzu und goss Öl darüber. Während sie alles durchmischte, wurde das Brot im Toaster gleichmäßig braun. Als das Gerät die Scheiben herausschob, hatte sie bereits den Tisch gedeckt und sich Wasser eingeschenkt. Einst hatte es kaum einen Spätnachmittag gegeben, an dem Alison allein gegessen hatte. In den vergangenen Wochen hingegen war es selten vorgekommen, dass Simon und sie gemeinsam am Tisch gesessen hatten.
   Den Abend ließ Alison im Halbdunkeln mit einer Komödie ausklingen. Während der Werbeunterbrechungen wartete sie auf das Knarzen der Stufen im Flur, auf das Klicken des Schlosses. Doch die Laute blieben aus. Auch um halb elf war Simon noch nicht zu Hause.
   Mitten in der Nacht quietschte die Schranktür, Kleidung raschelte. Die Jalousien gingen einen Spalt breit auf, und im Licht der Laternen erkannte Alison eine dunkle Gestalt von mittelgroßer Statur. Murmelnd tapste der Mann zum Bett. Die Matratze gab unter seinem Gewicht nach, als er sich niederließ. Geräuschlos rollte Alison auf die andere Seite und rutschte so weit nach vorn, dass nur eine Handbreit sie von der Bettkante trennte.
   Finger legten sich auf ihren Arm und übten sanften Druck aus. Obwohl ihr die Berührung vertraut war, zuckte sie zusammen, als hätte ein Fremder nach ihr gegriffen. Simon rückte näher. Er roch nach Zigarettenqualm und Bier, nach Eau de Cologne und Leder. Wohlig seufzte er und ließ die Hand über ihre Taille und die Hüfte gleiten.
   »Ich will dich«, raunte er ihr ins Ohr und drängte sich an sie. Sie spürte ihn im Rücken, spürte, wie er in Stimmung kam.
   »Nicht heute«, murmelte Alison. Doch seine Hand schob das Nachtkleidchen hoch, bis sie die Spitze ihres Slips ertastete. Als die Finger jedoch unter den Höschenbund glitten, packte Alison ihn am Handgelenk und stieß den Arm weg.
   Sie richtete sich im Bett auf und schaltete die Tischlampe ein. Trotz der schwachen Beleuchtung konnte Alison sehen, dass Simons blaue Augen gerötet waren. Sein Dreitagebart und das zerzauste blonde Haar verliehen ihm einen rohen, wilden Ausdruck, der sie eher erschreckte, denn ihren sexuellen Appetit weckte.
   »Komm schon, Süße.« Mit einer fahrigen Bewegung streifte er ihr den Träger von der Schulter. Verärgert zog sie ihn wieder hoch. »Seit einem Monat haben wir nicht mehr miteinander geschlafen.«
   »Aus gutem Grund«, entgegnete sie kühl und wehrte die Hand ab, die ihren Schenkel hinaufwanderte.
   »Wir müssen nicht voll zur Sache gehen. Ein bisschen nicht jugendfreies Treiben tut es auch.« Schelmisch grinste er.
   Alison schüttelte den Kopf.
   Simons Lächeln verschwand.
   »Nacht«, sagte sie und machte das Licht aus.
   Murrend klopfte Simon sein Kissen zurecht und ließ sich mit Wucht nieder.
   In dieser Nacht lag Alison lange wach. Simons Atemzüge wurden irgendwann flacher und gleichmäßig, doch ihr Herz wummerte noch immer in der Brust. So laut, dass sie das Gefühl hatte, das Bumm, bumm, bumm hallte von den Wänden wider. Wie sollte sie Simon erklären, dass seine Nähe, die sie in den ersten Jahren als aufregend und später als beruhigend empfunden hatte, nun Unbehagen auslöste? Wie sollte sie ihm sagen, dass sie ihn nicht mehr begehrte, obwohl er sich gut in Form hielt?

Stöhnend schälte sich Simon am Morgen aus dem Bett und stampfte ins Badezimmer. Sie hörte, wie das Wasser rauschte, hörte ihn gurgeln und die Nase putzen, und vernahm seine Schritte, als er in die Küche ging. Dumpf drang das Summen der Kaffeemaschine durch die Tür. Die Mikrowelle piepste.
   Sie wälzte sich im Bett und wartete darauf, dass die Tür ins Schloss fiel. Schließlich hielt sie es nicht länger aus und verließ das Schlafzimmer. Ihr Blick streifte Simons gekrümmten Rücken. Die Finger hatte er in das Haar gegraben und den Kopf nach vorn geneigt, sodass die Stirn bald auf die Tischplatte knallen würde, ließe er ihn noch mehr sinken.
   Zunächst hatte Alison vor, ins Schlafzimmer zurückzuschleichen, aber dann zog sie den Gürtel ihres Bademantels enger und trat in die Küche.
   Lustlos knabberte Simon das belegte Toastbrot an. Neben ihm standen eine Espressotasse und ein halb volles Glas mit einer milchig trüben Flüssigkeit. Bestimmt hatte er darin eine Kopfschmerztablette aufgelöst.
   »Bleib doch zu Hause.«
   »Wozu?«, murrte er kaum hörbar, ohne sie anzusehen. »Mir geht es gut.«
   Simon biss zwei Mal in sein Brot und leerte das Glas. Als fürchtete er, den Bus zu verpassen, schoss er hoch und schob sich an ihr vorbei in den Flur. Unruhe lag in seinen Bewegungen. Hast und Missbehagen schienen ihn anzutreiben. Eilig schlüpfte er in die Schuhe, schnappte sich den Geldbeutel und steckte ihn in die Hosentasche.
   »Bis später.« Er zog die Tür hinter sich ins Schloss.
   Kein Abschiedskuss.
   Alison seufzte.
   Sein frostiger Morgengruß hatte ihr den Appetit verdorben. Da sie ohnehin keinen Bissen runterbekommen würde, entschied sie, erst zu duschen und dann aufzubrechen.
   Ihr Hausarzt hatte das Klinikum um die Übersendung der Berichte gebeten. Bis heute lagen ihm jedoch gerade mal zwei Fünftel der Unterlagen vor. Damit er die vollständige Krankengeschichte archivieren konnte, hatte Alison beschlossen, den Rest abzuholen.
   Das Krankenhauspersonal hatte Alison in ihrer bis dahin schwersten Zeit zu Gesicht bekommen; bleich oder kränklich gelb mit Flecken um die Einstichstellen an den Armen, mit trockenen, rissigen Lippen, mit strähnigem, fettigen Haar. Nach einer solchen Operation hatte man sie in halb komatösen oder schwer betrunkenen Zustand erlebt und Dinge gesehen, die nicht einmal Simon mitbekommen hatte. Es war an der Zeit, das alte Bild zu übermalen.
   Das Haar kämmte sich Alison aus dem Gesicht und fixierte es mit einer silberfarbenen Spange, die mit dem glänzenden Schwarz kontrastierte.
   Hätte sie Simon anvertraut, warum sie ein eng anliegendes Kleid überstreifte, wieso sie Make-up, Wimperntusche und Lippenstift auftrug und etwas Eau de Toilette auf die Handgelenke tupfte, hätte er sie für verrückt erklärt.
   Aber sollte Simon ihr ruhig Eitelkeit vorwerfen, erführe er davon. Hinter ihren Bemühungen, hübscher auszusehen, steckte nämlich mehr: Es war ein symbolischer Akt, der ihr half, mit der Vergangenheit abzuschließen und den Eindruck, den sie auf den ein oder anderen gemacht hatte, mit einem positiven, einem neuen und vor allem gesunden zu überschreiben.
   Jene Alison, die nach Medizin und Körperausdünstungen gerochen hatte, die sich nach anderthalb Wochen nicht einmal allein den Kopf waschen konnte, gab es nicht mehr. Jene Alison gehörte einem kurzen, aber gravierenden Augenblick ihres bisherigen Lebens an. Ihr jetziger Anblick sollte nicht Mitleid hervorrufen, sondern die Mitmenschen daran erinnern, dass sie genauso attraktiv wie vor der OP sein konnte. – Nun ja, fast, ergänzte Alison in Gedanken und strich über den unebenen Bauch. Denn die quer und längs verlaufenden Narben auf Magen- und Darmhöhe würden sie den Tag nie vergessen lassen, an dem man sie aufgeschnitten hatte.

Bereits aus der Entfernung von fünfzig Metern roch es nach Desinfektionsmitteln, Plastik und etwas, das Alison nicht unbedingt näher erforschen wollte. Auf dem Gelände sah man fahle, schmerzverzerrte oder grimmige Gesichter. Rollstuhlmetall oder Stangen mit Infusionsbeuteln blitzten im Sonnenlicht auf, und so manches Röcheln ertönte, begleitet oder abgelöst durch rasselndes Husten. Betrat man das Gebäude, wallte mit einem Schlag Leben auf. Absätze klackten, Schuhe knarzten, Kleidung raschelte, Stimmen erhoben und senkten sich, Betten rollten über den Boden und irgendwo lachte immer wieder jemand auf.
   Obwohl keine Untersuchung anstand, spürte Alison, wie Aufregung und Unruhe zeitgleich Besitz von ihr ergriffen. Während ihrer Aufenthalte hatte sie zahlreiche Menschen kennengelernt, mit ihnen gescherzt und mit einigen sogar Persönliches ausgetauscht. Nun jedoch, da sie nach Monaten zurückgekehrt war, fieberte sie dem Wiedersehen mit vielen von ihnen regelrecht entgegen.
   Aber auch etwas anderes ließ das Herz in ihrer Brust wummern. Mit dem Geruch und den vertrauten Lauten – Scheppern von Metall, Knirschen von Kieselsteinen unter den Rädern der Infusionsständer – schien sich beinahe jede Zelle an den Schmerz zu erinnern; an das Ziehen, das Stechen und das Brennen. Ihre Narben fingen an, unter dem Stoff zu jucken. Mit nassen Händen rieb sie sich vorsichtig die Stellen, die einst zusammengenäht worden waren.
   Alison holte tief Luft, warf das Haar über die Schultern und schritt durch das lichtdurchflutete Foyer.
   Auf ihrem Weg begegnete ihr einer der früheren Stationsärzte. Zum Gruß hob er den Arm und lächelte. Kaum hatte Alison zurückgewunken, hatte sie die Aufmerksamkeit einer Frau auf sich gezogen; die von Schwester Molly. Ihre Lippen verzogen sich zu einem herzförmigen Lächeln.
   »Geht es Ihnen gut, Alison?« Schwester Molly blieb vor dem Aufzug stehen.
   »Bestens«, gab sie zur Antwort und strahlte. »Obwohl mir der Service hier sehr gefallen hat, habe ich nicht vor, mich hier wieder einzuquartieren.«
   »Weise Entscheidung, junge Frau.« Sie betätigte den Aufzugknopf, der prompt aufleuchtete. »Dafür ist das Wetter einfach zu schön.«
   Alison lachte auf und setzte ihren Gang fort.
   Sie kam am Wartezimmer vorbei, wo ein älterer Herr eine Zeitung las und eine Mutter die Schuhe ihres kleinen Sohns zuband. Vor einer halb offenen Tür blieb Alison stehen und klopfte. Ein Stuhl krächzte und ein Stift landete geräuschvoll auf dem Tisch. Sekunden später öffnete sich die Tür, und eine Frau stand vor ihr. Rötliche Flecken zierten ihre vollen Wangen.
   »Hallo, Alison Wakefield …«
   »Ja, ich weiß, ich weiß …, die Akte …«, unterbrach die Frau sie und fuhr herum. Nach nur drei, vier Schritten hatte sie den Tisch erreicht und fing an, in den braunen Aktenmappen zu wühlen. Ihr dunkler Pferdeschwanz wippte bei jeder Bewegung auf und ab.
   »Wo stecken die Berichte bloß?« Ihr Gesichtsausdruck hatte sich verdüstert. Sie griff nach dem schnurlosen Telefon.
   Alison trat zurück. Sie blickte sich nach allen Seiten um, um sicherzugehen, dass sie niemandem den Weg blockierte. Dabei traf ihr Blick auf den eines Arztes, der sich in der Entfernung von zehn, fünfzehn Metern mit Kollegen unterhielt.
   Der Mann war ihr schon früher aufgefallen. Monate nach der Teilresektion, als sie vor dem Ultraschallraum gewartet hatte, war er mit einer Schwester aus dem Nebenraum getreten. Ihre Blicke kreuzten sich damals für vielleicht nur zwei, drei Sekunden, doch Alison war es wesentlich länger vorgekommen.
   Hochgewachsen und athletisch, wie der Mann nun mal war, stach er unter seinen Kollegen deutlich heraus. Dazu trug bestimmt auch seine Haarfarbe bei – eine Mischung aus Ährenblond und Erdnussbraun.
   Nach wie vor schaute der Arzt sie an, während er sprach. Ob er sich dessen bewusst war? Andererseits, wieso maß Alison dem so viel Bedeutung bei? Ihre Schwägerin Jill behauptete, manche Männer merkten nicht einmal, dass sie sich auf jemand anderen als den Gesprächspartner fixierten.
   Was auch immer der Grund dafür war … Sein Blick wurde Alison allmählich unangenehm, weshalb sie anfing, ihre Nägel zu inspizieren.
   Geräuschvoll flog die Tür auf.
   »Tut mir leid, Miss Wakefield, aber Sie müssen zur Station 3.1«, wies die Frau sie an. »Fragen Sie nach Oberschwester Cathrin. Wissen Sie, wer das ist?«
   »Natürlich.« Immerhin hatte Oberschwester Cathrin, eine Frau, die auf die sechzig zuging, mehr als nur ein Mal mit ihr zu tun gehabt. Von ihr wusste Alison mittlerweile, dass sie mit dem Oberarzt der Gefäßchirurgie verheiratet war. Überall, wo Hilfe gebraucht wurde, packte sie an.
   Als sich Alison umdrehte, hatte sich die Ärztegruppe bereits aufgelöst.
   Sie entschied sich für die Treppe. Denn dadurch stieg die Wahrscheinlichkeit, einem Bekannten zu begegnen. Ihr Plan ging auf: Bevor Alison die verglaste Schwestern- und Pflegerstation erreicht hatte, war sie einigen über den Weg gelaufen. So zum Beispiel dem jungen Pfleger Lee, der mit ihr den perfekten Handkantenschlag geübt hatte – in der Absicht, miteinander herumzualbern, und nicht, um sie in eine Kampfsportlerin zu verwandeln.
   Auch erachtete sie es als glückliche Fügung des Schicksals, dass sie mit Schwester Susan plaudern durfte.
   Dass Dr. Pierce, einer der Chief Residents, nur Zeit für ein paar höfliche Floskeln gefunden hatte, bedauerte Alison zwar, doch sie verstand es. Dr. Pierce war stets in Eile, permanent in Bewegung.
   Auf der Station 3.1 herrschte wie immer reges Treiben. Wer nicht in irgendeinem Raum mit Verbandsmaterial, Infusionsflaschen oder Blutmessgeräten war, oder bei Patienten verweilte, der studierte die Anweisungen der Ärzte, den Belegungsplan oder andere Unterlagen.
   Als Alison zur halb offenen Tür trat, nahm erst Oberschwester Cathrin sie wahr, dann lebten die Gesichter der Schwestern und Pfleger auf.
   »Oh, Miss Wakefield, gut schauen Sie aus!«
   »Lange nicht gesehen. Wie geht es Ihnen?«
   »Sind Sie als Besucherin oder Gast da?«
   »Weder noch«, antwortete Alison und senkte verlegen den Blick. »Ich möchte etwas abholen.«
   »Wir haben sie für Sie kopiert.« Oberschwester Cathrin strich sich eine Strähne aus dem Gesicht, zog die Unterlagen aus einer braunen Mappe und reichte sie ihr.
   Dankend nahm Alison die Berichte an, verabschiedete sich und begab sich mit einem Lächeln auf den Lippen ins Treppenhaus. Sie hoffte wirklich sehr, Dr. Wellensteyn zu treffen.
   Männer und Frauen in Weiß und Blau kamen ihr entgegen oder überholten sie auf der Treppe. Ihrem Lieblingsarzt begegnete sie jedoch nicht.
   Fast wäre sie geneigt gewesen, Station 2.1 aufzusuchen, wo sich die Ultraschallräume befanden. Aber sie wusste, dass der Terminkalender eines Attendings kaum eine Snackpause erlaubte, geschweige denn Raum für einen Plausch mit einer ehemaligen Patientin ließ.
   Alisons Stiefel klackten, als sie durch die Eingangshalle ging. Auf Höhe der Information, einem verglasten Raum, blieb sie stehen, um den Blick zu heben. Wenn Dr. Wellensteyn telefonierte, was gelegentlich vorkam, stellte er sich oft vor das Geländer und blickte hinunter.
   Während sie noch immer wartete, ertönte eine angenehm tiefe Stimme in ihrer Nähe. Sie wusste, wem sie gehörte.
   Der Arzt stand mit dem Rücken zu ihr und studierte Unterlagen, die ihm seine Kollegin präsentierte. Alisons Blick wanderte seinen breiten Rücken hinunter zum Hemd, das unter dem Gürtel in der Hose verschwand. Als sie sich dabei ertappte, dass der Blick einen Tick zu lange auf dem Hintern verweilte, zuckte sie zusammen und fing eifrig an, ihre Berichte zu sortieren.
   Ihre Wangen wurden heiß. Ein Glück, dass niemand sah, wie sie gerade die Chronologie zerstörte.
   »Also gut«, hörte Alison den Arzt sagen. »… schauen wir uns erst mal die Blutwerte an. Ich muss gleich eine Magenspiegelung durchführen und melde mich, sobald ich fertig bin.«
   In dem Moment, in dem Alison die Blätter endlich in eine Tüte gestopft hatte, fuhr der Mann zu ihr herum. Es war nur ein Anflug eines Lächelns, im Grunde nur eine kleine Zuckung der Mundwinkel, als sein Blick dem ihren begegnete. Doch er löste etwas in ihr aus. Ihr war, als durchzuckte sie ein Blitz.
   Überrascht öffnete sie den Mund. Der Arzt schmunzelte.
   Verlegen wandte Alison den Blick ab. Aus den Augenwinkeln heraus registrierte sie, wie sich seine weißen Hosenbeine entfernten. Gleich darauf marschierte die Ärztin an ihr vorbei.
   In Gedanken verweilte Alison einen Moment lang bei der Begegnung mit dem Arzt, dann setzte sie ihren Gang fort.
   Beim Einkaufen musste sie immer wieder an den Mann denken.
   »Wieso spukt er mir im Kopf herum?«, murmelte Alison vor sich hin, während sie den Brokkoli von allen Seiten betrachtete. »Er mag zwar attraktiv sein, aber ihm fehlt das gewisse Etwas.«
   »Wie bitte? Wer?« Eine Frau Anfang, vielleicht auch Mitte sechzig hatte die Brauen hochgezogen. In der einen Hand hatte sie einen Bund Karotten, in der anderen eine durchsichtige Plastiktüte mit Körperpflegeprodukten.
   Alison hatte nicht damit gerechnet, dass ihr jemand zuhörte. Sie hielt das Gemüse hoch. »Der Brokkoli. Ob roh oder gekocht schmeckt er eigentlich nach nichts. Nichtsdestotrotz schleicht er sich Woche für Woche in meinen Einkaufswagen.«
   »Also, junge Frau …« Die Gesichtszüge der Frau entspannten sich. Sie tätschelte Alisons Schulter. »Mich hat Grünzeug noch nie zu philosophischen Überlegungen inspiriert.«

Zu Hause angekommen, frühstückte Alison und griff zum Handy, um mit Tammy zu telefonieren.
   »Schön, dass du wieder zur Therapeutin gehst«, kommentierte Tammy ihre Eröffnung, dass sie sich für dauerhafte professionelle Hilfe entschieden hatte.
   »Mhm«, machte Alison.
   »Ich weiß: Super wäre es natürlich, wenn Simon mitkäme«, meinte Tammy, als hätte sie ihre Gedanken gelesen. »Wie geht es ihm übrigens nach …?«
   Alison seufzte. »Wir schneiden das Thema nicht an.«
   Prompt schnalzte Tammy mit der Zunge. »Wollt ihr die vergangenen Monate weiterhin totschweigen?«
   »Es geht einfacher, als du denkst.«
   Tatsächlich verhielt es sich so. Nach dem großen Streit, der damit geendet hatte, dass Simon beschloss, den Verlust nie mehr zu erwähnen, hatte Alison nicht mit ihm gesprochen. Doch dann startete Simon Annäherungsversuche, und schließlich setzten sie ihr Leben so fort, wie sie es bisher geführt hatten. Mit dem Unterschied, dass sich zwischen ihnen einiges geändert hatte.
   Ihr kam es so vor, als wäre etwas in ihr nicht wie ein Kartenhaus zusammengebrochen, sondern zerschellt – wie eine Eisskulptur, die jemand aus dem zweiten Stock hinuntergestoßen hatte. Sie mochten zwar noch dieselben Räume teilen, seit Wochen jedoch lebten sie nicht mehr zusammen. Viel eher existierten sie nebeneinander.
   »Alison?«
   »Entschuldige, Tammy. Ich war in Gedanken.«
   Tammy entfuhr ein leiser Seufzer.
   »Das habe ich gehört!«
   »Wenn du wieder arbeiten gehst, müssen die Tagträume, oder was auch immer dich plagt, aufhören. Übrigens, wann ist es eigentlich so weit?«
   Wann ist es so weit? Jills Stimme hallte in Alisons Kopf wider. Ihr war, als schliche sich etwas Enormes und Dunkles von hinten an sie heran und legte seine eisigen Klauen um sie.
   Alison drängte die Erinnerung beiseite, ehe sie sich zur vollen Größe entfalten konnte. »Übermorgen.«
   »Nun«, begann Tammy, »dann muss ich dir unbedingt ein paar Neuigkeiten mitteilen.«
   »Hat sich seit unserem letzten Telefonat wieder etwas ereignet?«, fragte sie ungläubig.
   »Meine Güte, Alison«, rief Tammy aus, »wir sind bei Sandsen! Bei uns passiert ständig etwas.«
   Alison kicherte und rollte mit den Augen.
   Sandsen war ein Unternehmen, das mit keiner breiten Produktpalette, sondern mit ein paar einzelnen Gütern aufwartete. Überdies punktete Sandsen mit Recycling, wofür es im ersten Jahr nach der Gründung in Preisen gebadet hatte. Zum meist verkauften Produkt zählte Naverton, eine flüssige oder feste Mischung aus recycelten Pfandflaschen, Filzstoffen und einigen streng gehüteten Elementen.
   Seit über fünf Jahren hatte Sandsen dem Markt nichts Neues mehr präsentiert. Dies sollte sich in naher Zukunft ändern. Deshalb hatte der Gründer, Hendrik Sandsen, letztes Jahr eine neue Abteilung ins Leben gerufen und ein Dutzend Ingenieure eingestellt.
   Wortreich unterrichtete Tammy Alison darüber, was sich seit Anfang der Woche im Büro getan hatte.
   »Wie geht es Roger und Harry?«, erkundigte sich Alison nach einer Weile.
   »Wie immer«, antwortete Tammy gelangweilt. »Roger kriegt den Hintern nicht hoch. Ich bin froh, dass er Harry wenigstens pünktlich zum Sport fährt. Und Harry …«
   »Ja?«, hakte Alison nach, weil ihr die Pause als zu lange vorgekommen war.
   »Harry zeichnet zu viele Kriegsbilder. Allmählich mache ich mir Sorgen.«
   Nur Tammy vermochte es, sich um einen Nahestehenden zu ängstigen, und dabei sachlich zu klingen, als redete sie über die Neuanschaffung einer Waschmaschine.
   »Achtjährige Jungs malen eben Panzer«, entgegnete sie.
   »Auch solche, deren Munition Einhörner, Prinzessinnen und rosafarbene Pferde sind?«
   Alison öffnete einen Schrank und zog die Pfanne heraus. »Du hast ihn ein ganzes Wochenende bei seinen Cousinen gelassen. Damit er das Grauen, permanent von Plüsch und Pink umgeben zu sein, verarbeiten kann, braucht er Zeit.«
   »Ich lache mich krumm. Als hättest du als Kind nicht liebend gern rosa getragen und dir nicht gewünscht, eine Prinzessin zu sein«, erwiderte Tammy.
   »Mag sein.« Alison legte das Schneidebrett auf den Tisch und langte nach einem Messer. »Allerdings habe ich praktisch alles Rosafarbene aus meinem Leben verbannt.«
   Gerade wollte Alison nach der Gemüsetüte greifen, da verharrte sie mitten in der Bewegung. Ihr war, als hätte sie den Finger in eine offene Wunde am eigenen Körper gebohrt.
   »Bist du noch dran?«
   »Ahnen die Kollegen etwas?«, fragte Alison nach einer Weile.
   Schwer seufzte Tammy.
   »Das habe ich mir schon gedacht«, brummte sie. »Wie ist es durchgesickert?«
   »Keine Ahnung«, antwortete sie und äußerte die Vermutung, dass Ruby Wind davon bekommen hatte. »Ihre Nichte war wegen Unterleibsschmerzen eingeliefert worden. Möglicherweise hat Ruby dich dort gesehen?«
   »Aha.«
   »Wann kommt Simon?«
   »Früher als sonst, nehme ich an. Heute ging es ihm nicht so gut.«
   »Habt einen schönen Abend«, wünschte Tammy ihr und legte auf.
   Sie hätte wirklich gern einen angenehmen Abend mit Simon. Warum nicht heute? Die Beziehung dümpelte vor sich hin. Daran würde Alison etwas ändern. Deshalb wusch sie, schnitt, briet und kochte. Deshalb frischte sie ihr Make–up auf und sprühte Parfüm auf ihre Kleidung. Auf diese Weise wollte sie in ihm Erinnerungen an Verabredungen in Restaurants oder Cafés wachrufen, in denen sie einst im Kerzenschein gespeist und amüsante Geschichten ausgetauscht hatten.
   Einerseits konnte Alison Simons Unmut und Frustration verstehen, andererseits nicht. Es empörte sie, dass Simon von ihr erwartet hatte, mit ihm zu schlafen, obwohl sie das Krankenhaus vor nicht allzu langer Zeit verlassen hatte. Doch sie wusste, dass ihm die körperliche Nähe fehlte. Und wann waren sie einander in den vergangenen Wochen überhaupt nahe gewesen?
   Alison atmete tief durch und straffte die Schultern. Heute Abend würde sie versuchen, ihre Liebe zu beleben.

2

Der Duft nach gebratenem Fleisch und Jasminreis durchzog die Wohnung. Papierblumen zierten die cremefarbene Tischdecke. In der Mitte des Tisches wartete eine Flasche Rotwein darauf, entkorkt zu werden.
   Jeden Moment würde der Schlüssel im Schloss herumgedreht werden …
   Alison eilte zum Spiegel, zupfte Bluse und Rock zurecht und ließ ihr Haar über die Schultern fallen. Doch nur einen Moment später gefiel ihr der Anblick nicht, weshalb sie es mit schnellen Kopfbewegungen zurückbeförderte.
   »Wieso bin ich eigentlich so nervös?«, fragte sie ihr Spiegelbild. Schließlich war es nur Simon, der Mann, den sie so oft geküsst und liebkost hatte, der Mann, mit dem sie Zukunftspläne geschmiedet hatte.
   Ihr Blick glitt zum Schlafzimmer, wo sich noch vor Kurzem mintfarbene Gitterstäbe den Platz mit einer Tasche geteilt hatten, welche Kleidung und Utensilien für einen mehrtägigen Krankenhausaufenthalt ausgebeult hatten.
   Viertel nach sechs hatte Alison noch immer nichts von Simon gehört.
   Sie stellte das Essen warm. Das Fleisch schmorte in der Soße vor sich hin. Smooth Jazz perlte aus der Stereoanlage, während sie zwei weitere Kerzen holte. Drei – was für ein Zufall, ging ihr durch den Kopf.
   Alison schluckte und legte die Hände um die Arme. Ihre Nägel gruben sich in den Stoff.
   Ihr Handy gab einen Ton von sich. Die SMS, die sie eben erhalten hatte, stammte von Simon.
   Bin mit Kollegen essen gegangen. Warte nicht auf mich. Grüße, Simon.
   Seine Nachricht hinterließ einen faden Geschmack auf Alisons Zunge. Enttäuschung durchflutete sie. Leise seufzte sie, zog langsam die Klammern aus dem Haar und ließ sich auf die Eckbank sinken. Einen Moment lang starrte sie vor sich hin.
   Erst nach einer Weile erhob sie sich und trottete ins Bad, um sich abzuschminken.
   Na gut, es war nicht Simons Schuld, dass er sie versetzt hatte. Schließlich hatte er keine Ahnung, was ihn zu Hause erwartete. Außerdem brauchte er wahrscheinlich etwas Zeit mit Freunden, um Kräfte zu tanken. Vielleicht war es von Vorteil, wenn wenigstens einer von ihnen soziale Kontakte pflegte.

Nachts wurde Alison von Schritten wach. Sie musste sich nicht umdrehen, um zu wissen, dass es Simon war.
   Leise ächzte er, während er sich aus der Hose schälte. Mit einem Stöhnen ließ er sich auf das Bett fallen. Sie lauschte in die Stille, und es vergingen Sekunden, ehe sein Atem gleichmäßig wurde.
   Beißender Geruch nach Alkohol drang Alison in die Nase, als sie die Lider aufschlug. Es dämmerte bereits, und die Umrisse der Gegenstände im Raum wurden schärfer.
   Simon lag mit dem Gesicht zu ihr und atmete flach. Ihr Blick glitt über seine hohe Stirn, die buschigen Brauen hinunter zu den Lippen, und einen Moment lang erfasste sie eine Woge der Zuneigung. In dieses ebenmäßige Gesicht, in diesen festen, warmen Körper, in dieses ruhige, ausgeglichene Wesen hatte sich Alison vor Jahren verliebt.
   Aus dem Verlangen heraus, ihn zu berühren, streckte sie die Hand aus. Ihre Finger blieben in der Luft, schwebten über seinem Kopf. Dann zog sie die Hand zurück.
   Gegen acht Uhr klingelte der Wecker und riss Simon aus dem Schlaf. Auch Alison gab vor, davon wachgeworden zu sein, und rührte sich.
   »Hey«, murmelte er und rieb sich das Gesicht.
   »Hallo … Hattet ihr einen angenehmen Abend?«
   »Mhm«, machte er und schwang die Beine aus dem Bett.
   Mit gekrümmtem Rücken, das Gesicht in den Händen vergraben, saß er eine Weile lang da. Schließlich erhob er sich brummend und trottete zum Schrank, um ein Shirt herauszuholen.
   »Tut mir leid, dass ich dich nicht eher informiert habe«, brummte Simon in den Stoff hinein. Schon tauchte sein Kopf wieder hervor. »Wie ich sehe, wolltest du zu zweit zu Abend essen.«
   Alison winkte ab. »Macht nichts.«
   Eine halbe Stunde später frühstückten sie gemeinsam. Obwohl sie am selben Tisch wie seit Jahren saßen, obwohl sie im Grunde dasselbe wie sonst aßen, entging Alison die Anspannung nicht, die im Zimmer herrschte.
   Ihre Gespräche blieben oberflächlich. Sie drehten sich um den tropfenden Wasserhahn und den eingerissenen Duschvorhang, um Simons Arbeitsalltag und ihren kommenden Wiedereinstieg. Ab und zu lächelte Simon, oder Alison kicherte, weil er etwas Amüsantes gesagt hatte, aber keiner berührte den anderen, streifte ihn liebevoll oder äußerte ein Kosewort. Wären sie jetzt in einem Café, dachte Alison, würde man sie glatt für Bekannte halten.
   Zu viele unausgesprochene und vor einiger Zeit geäußerte Worte hingen in der Luft und machten sie schwer; widersprüchliche Worte, Schlussfolgerungen und kräftezehrende Emotionen auf zu wenig Quadratmetern.
   Halbherzig hauchte Simon ihr einen Kuss auf die Wange, dann schnappte er sich seine Jacke und verließ die Wohnung.
   Alison nutzte den vorerst letzten freien Tag, um aufzuräumen. Nach einem schnellen Mittagessen brach sie zu Dr. Berrington auf.
   »Worüber möchten Sie heute reden, Alison?«, fragte Dr. Berrington. Sie hatte die Beine übereinandergeschlagen und das Klemmbrett auf dem Oberschenkel platziert.
   »Ich weiß nicht.«
   »Was haben Sie bisher getan, was erlebt? Wie steht es gegenwärtig um Simon und Sie?«
   »Gestern musste ich ins Klinikum«, begann sie. »Um die Unterlagen abzuholen, die ich meinem Hausarzt geben will.«
   »Ah, das Krankenhaus«, sagte Dr. Berrington nur.
   Alison wandte den Blick ab und fixierte ihren großen Zeh, der in Strumpfhosen steckte. Da sie auf der Chaiselongue lag, war er fast auf ihrer Augenhöhe.
   »Wissen Sie, je länger ich mich mit dem, was mir widerfahren ist, auseinandersetze, desto mehr Erkenntnisse gewinne ich daraus. Ich sehe die guten und schlechten Seiten. Fange an zu begreifen, was sie in mir auslösen«, sagte Alison.
   In der ersten Woche nach der Teilresektion hatte das eigene Elend alles überschattet. Alison erinnerte sich daran, wie sie nur gelegen und vor sich hinvegetiert hatte. Zu jenem Zeitpunkt hatte alles, was ihr einst wichtig war, schlagartig an Bedeutung verloren.
   »Die persönlichen Probleme erwuchsen zu einem riesigen Amboss, der kurz davorstand, auf mich niederzusausen«, sprach sie. »Unannehmlichkeiten Nahestehender – Dads Rheuma, Mums Zahn- und Kopfschmerzen und die finanziellen Sorgen meiner Freunde – schrumpften zu Gesteinskörnchen, die schon vom nächsten Windstoß aus meinem Blickfeld geweht wurden.«
   »Verständlich, Alison. Immerhin befanden Sie sich in einer Ausnahmesituation«, erklärte Dr. Berrington.
   Mit dem Nagel des großen Fingers rieb Alison immer wieder über eine winzige Bügelfalte auf ihrem Oberteil.
   »Was haben Sie empfunden, als Sie Ihr Zuhause betreten, als Sie Simon darin gesehen haben?«, wollte die Therapeutin erfahren.
   Darüber hatte sich Alison bisher noch keine Gedanken gemacht. Einige Sekunden lang grub sie in ihrem Gedächtnis nach der Erinnerung. »Obwohl alles fast so aussah, wie an dem Tag, an dem ich operiert werden sollte, wirkte die Wohnung fremd auf mich«, gestand Alison. »Mein Alltag im Klinikum war meine Realität gewesen. Das Zuhause erschien mir surreal, als …«
   »Als was, Alison?«
   Sie verknotete die Finger vor dem Bauch und suchte nach den richtigen Worten. »Als wäre es undenkbar, das Leben fortzusetzen, wie es vor der OP gewesen ist.«
   »Woran lag es Ihrer Meinung nach?«, fragte Dr. Berrington sanft.
   Vielleicht daran, dass sie sich in ihrer damaligen Verfassung nicht als Teil der voll funktionierenden Welt da draußen gesehen hatte, mutmaßte Alison. Womöglich aber auch, weil sie sich verändert hatte.
   Mit der Zeit jedoch habe sie angefangen, sich in den eigenen vier Wänden wieder wohlzufühlen, meinte sie, bis die Temperatur wieder besorgniserregend angestiegen sei. Ihr Körper hatte gegen etwas gekämpft. Wunden im Bauchraum wollten einfach nicht heilen, weshalb Eingriffe im Laufe der nächsten Monate folgten.
   Alison richtete sich auf und ließ die Beine baumeln.
   »In einer früheren Sitzung haben Sie erwähnt, dass Ihnen in den ersten Wochen nach der Operation etwas klar geworden ist«, sprach die Therapeutin.
   Langsam legte sich Alison erneut hin. Ihr Herzschlag beschleunigte sich. Die feuchten Hände wischte sie an der Hose ab.
   »Entspannen Sie sich. Alles ist gut«, redete Dr. Berrington beruhigend auf sie ein.
   Nichts war gut, dachte sie. Ihr Blick huschte von der Wand zum Schrank, vom Schrank zum Boden und dann zur Tür. Sie wusste, was Dr. Berrington beabsichtigte. Die Therapeutin lenkte sie in eine bestimmte Richtung, doch Alison war noch nicht so weit, diese einzuschlagen.
   Bilder von Plastikringen und Gummispielzeug blitzten auf. Sogleich verdunkelte ein Schatten die Elemente, die sich vor dem inneren Auge zu ihren Füßen ausgebreitet hatten.
   »Nein, ich …« Alison setzte sich hin. Dieses Mal jedoch schlüpfte sie in ihre Ballerinas und sah sich nach ihrer Tasche um.
   »Wenn Sie nicht möchten, müssen Sie nicht davon anfangen.« Dr. Berringtons Stuhl rollte über den Boden. »So etwas braucht Zeit.«
   Stumm nickte Alison. Mehr als ein Jahr lang hatte sie geglaubt, die einschneidende Erfahrung verarbeitet zu haben. Doch sie holte sie wieder ein, als Alison aus einem anderen Grund in einem anderen Krankenhaus gelandet war. Ab da kehrten die Erinnerungen an den Geruch von Desinfektionsmitteln, an den Geschmack von Plastik und künstlich erzeugtem Sauerstoff, an den Schmerz und die Furcht vor einer zweiten OP zurück. Sie drängten sich immer wieder in ihren Kopf und wühlten sie auf. Oft hatte sie sich gefragt, wieso es das Schicksal abermals schlecht mit ihr meinte.
   »Ich schäme mich«, gestand Alison. Ihr Mund war wie ausgetrocknet, die Kehle etwas heiser.
   »Warum?«
   »Im Krankenhaus habe ich Frauen kennengelernt, die von einem Tag auf den anderen mit einer erschütternden Diagnose konfrontiert worden waren. Frauen, die den Krebs besiegt hatten, und zuversichtlich waren, dass es ihnen auch beim zweiten Mal gelingen würde, sollte er zurückkehren. Ich schäme mich, weil ich – verglichen mit dem Schicksal jener Frauen – wegen einer Lappalie bei Ihnen bin. Diese Frauen hingegen haben Schlimmeres durchgestanden.«
   »Das mag sein. Trotzdem besteht kein Grund, sich zu genieren«, wandte die Therapeutin ein.
   Alison zuckte mit den Schultern. »Ich meine nur, dass ich mich eigentlich glücklich schätzen müsste, so glimpflich davongekommen zu sein. Dennoch macht mir das Geschehene zu schaffen.«
   »Das ist verständlich.« Dr. Berrington lehnte sich ein wenig vor und lächelte. »Wenn Sie Ihren Zorn hinausbrüllen oder weinen wollen, wenn Sie das Bedürfnis haben, Erlebtes durch Gespräche aufzuarbeiten, dann geben Sie dem nach.«
   Der sanfte Ton der Therapeutin löste etwas in ihr aus. In ihrem Hals bildete sich ein Brocken.
   »Liebe Alison, diese Erfahrung hat in Ihnen einen Wunsch heranreifen lassen, den Sie realisieren wollten, jedoch nicht konnten.«
   Alison fiel das Atmen zunehmend schwerer. Sie richtete sich auf. »Ich glaube, für heute ist es genug.«

Während Alison dem Verlauf der Straße folgte, wanderte ihr Finger immer wieder zur Nummer ihrer Eltern. Doch sie berührte sie nicht. Eigentlich stand ihr nicht der Sinn danach, mit ihrer Mutter zu reden, denn sie wusste, welches Thema ihre Mutter anschneiden würde. Deshalb steckte sie das Handy ein.
   An der Market Street wechselte Alison die Buslinie und erreichte etliche Haltestellen später den Golden Gate Park.
   Touristengruppen schlurften Reiseleitern hinterher, junge Pärchen und Rentner saßen auf Bänken, und einige Männer und Frauen lagen in der Sonne auf ausgebreiteten Decken.
   Alison hatte sich auf einer leeren Bank niedergelassen und zog ihr Handy hervor. Es teilte ihr mit, dass ihre Mutter versucht hatte, sie zu erreichen. Früher war es selten vorgekommen, dass sich Elaine mittags bei ihr gemeldet hatte. Schließlich florierte das Blumengeschäft, mit dem sie sich vor ungefähr zwei Jahrzehnten selbstständig gemacht hatte. Nach Alisons Operation hatte sich jedoch vieles geändert.
   »Mom?« Ihr Blick schweifte über das üppige Grün. »Ist etwas passiert?«
   »Ich wollte mich nur nach deinem Wohl erkundigen.« Wasser lief im Hintergrund. In unmittelbarer Nähe schepperte es, als hätte Elaine gerade einen Metalleimer abgestellt.
   »Mir geht es prima.«
   »Simon auch?«
   »Natürlich.« Ungeduldig tippte Alison mit dem Fuß auf den Boden.
   »Dein erster Arbeitstag ist morgen, richtig?«
   »Mhm.«
   Alison begann, an der Innenseite der Wange zu kauen. Um damit aufzuhören, fragte sie, ob alles in Ordnung war. Daraufhin klagte Elaine darüber, dass Paul ihrer Meinung nach zu oft Süßes und Fettiges aß und sich nur noch sporadisch im Garten betätigte. Seit er letztes Jahr in den Ruhestand gegangen war, verbrachte er beunruhigend viel Zeit vor dem Fernseher.
   Alison lächelte, weil sie sich vorstellte, wie ihr Vater murrte, nachdem er schon wieder aufgefordert worden war, Unkraut zu zupfen. Dabei schob er die Unterlippe vor und wirkte wie ein grimmiger Bär.
   »Und Simon? Hat es mit seinem Nebenjob als Fotograf geklappt?«, wollte Elaine wissen.
   »Noch nicht. Trotzdem versucht er es weiter.«
   »Wieso denn? Eigentlich kommt ihr gut über die Runden.«
   »Tun wir auch«, stimmte Alison ihr zu. Seit drei Jahren war Simon Projektleiter in einer Firma, die dabei war, zu expandieren. Mit ihren Gehältern konnten sie jährlich wochenlang quer durch die USA oder nach Europa reisen, stünde ihnen der Sinn danach.
   »Warum bemüht er sich also?«
   »Weil er sich verwirklichen, sein Hobby zum Beruf machen möchte«, antwortete Alison.
   Einen Moment lang sagte ihre Mutter nichts. Alison hörte, wie Schubladen aufgingen, wie etwas umfiel, und Elaine ächzte, weil sie sich wahrscheinlich bücken musste, um es aufzuheben.
   »Nimmst du genug Vitamine zu dir?«
   Alison rollte mit den Augen.
   »Du weißt, wie wichtig sie sind.«
   »Mom, ich ernähre mich ausgewogen und gesund«, stellte Alison klar.
   Elaine seufzte. »Wie oft habe ich euch beiden gesagt, ihr sollt euch früher bemühen, eine …?«
   »Jaja«, schnitt Alison ihr das Wort ab. »Permanent, Mom.« Aus einem Impuls heraus erhob sie sich. Aufkeimende Unruhe trieb sie in die Nähe von Jugendlichen, deren laute Stimmen die ihrer Mutter übertönten.
   »… sage nur, so lange ihr jung seid, Alison …«
   Aus der tragbaren Stereoanlage dröhnte Musik, zu der einer der Teenager ein paar Schritte vollführte.
   »… eine spezielle Klinik aufzusuchen. Empfehlenswerte findet ihr vor allem in …«, redete Elaine, während sich Alison bemühte, sich auf den Beat zu konzentrieren.
   Ein Junge hatte sich auf die Hände fallen lassen, verlagerte das Gewicht auf die Arme und schwang die Beine hoch. Seine Freunde quittierten den Handstand mit Applaus und Wow und Yeah! Da seine Shorts bis zu den Pobacken gerutscht waren, lachten sie und riefen anzügliche Bemerkungen. Kaum hatte er sich wieder auf die Beine gestellt, versetzte er den Jungs lachend Hiebe.
   »Was ist das für ein Krach?«
   »Tut mir leid, hier wird es gleich noch lauter«, brüllte sie über den Lärm hinweg und erntete verärgerte Blicke der Jugendlichen.
   Rasch verabschiedete sich Alison und legte auf.
   Während des Spaziergangs zum Stow Lake, dem größten See des Golden Gate Parks, beruhigte sich Alisons Herzschlag. Schwere wich von ihren Schultern, und sie fing an, sich zu entspannen und gleichmäßig zu atmen.
   Der Park war voller Frauen, die etwas mitführten, ohne es zu ahnen; die Frau mit dem kleinen Jungen oder die Jugendliche, die neben einer anderen auf der Bank saß. Auch die Frau, die beim Telefonieren schnell marschierte und mit Alison beinahe zusammenstieß. Weitaus seltener und weniger interessant waren die Trägerinnen der Edelsteine. So bezeichnete Alison diejenigen Frauen, die keine Fischchen, sondern einen oder mehrere Lichtpunkte besaßen. Diese fingerhutgroßen Lichter änderten weder ihre Größe noch ihre Intensität.
   Anfangs hatte Alison vermutet, die Lichter begleiteten nur Frauen, die gute Laune verströmten und vor Lebenslust sprühten. Von dieser Vorstellung hatte sie jedoch Abstand genommen, nachdem sie der neuen Nachbarin, Kate Miller, begegnet war.
   Kate war nur ein paar Jahre älter als Alison und hüllte sich in formlose, knöchellange Kleider für betagte Damen. Ihr Mann, Anthony, lächelte stets entschuldigend, wenn sie mal wieder im Hausflur zeterte. Gründe gab es ihrer Meinung nach dafür genug; spielende Kinder, lärmender Verkehr, zwitschernde Vögel. Trotzdem folgte ihr eine Lichterscheinung überall hin.
   Eine Weile lang hatte Alison angenommen, die Lichter erschienen über den Köpfen jener, die verliebt waren. Dass sie offenbar erneut nicht richtig lag, hatten ihr die beiden Frauen nonverbal vermittelt, die sie vor Kurzem aus dem Café heraus beobachtet hatte.
   »Vielleicht ist die Überlegung doch nicht verkehrt«, murmelte Alison vor sich hin, wobei sich ihre Lippen kaum bewegten. »Womöglich liebt sie ihre Partnerin. Doch sie möchte ihre Gefühle nicht in der Öffentlichkeit zur Schau stellen.«
   Andererseits, warum hatte sie über dem Kopf der Kleineren keine bemerkt?
   Alison hatte den chinesischen Pavillon erreicht und setzte sich an den Rand einer der beiden Bänke. Tief holte sie Luft und stieß sie aus. Es duftete nach Gras und Wasser. Wind neigte die Halme zur Seite.
   Sie strich sich eine Strähne hinter das Ohr. Nur Sekunden später rückte sie erneut in Alisons Sichtfeld. Ihr Puls beschleunigte sich. Morgen würde sie den Kollegen begegnen.
   Alison dachte an mitleidige oder peinlich berührte Blicke und an stockende Gespräche, weil man sich permanent fragen würde, ob man sie wie ein rohes Ei behandeln müsste oder nicht.
   Um das Kopfkino zu beenden, wandte sich Alison wieder dem Rätsel zu, das sie noch nicht geknackt hatte.
   Fakt war, dass die Erscheinungen nur über den Köpfen von Frauen kreisten. Diese lagen altersmäßig teilweise um Jahrzehnte auseinander. Wie sie festgestellt hatte, spielte Lebenslust keine Rolle. Ob die Trägerin jedoch verliebt war, schloss sie nicht vollständig aus, auch wenn sie sich von diesem Gedanken etwas distanziert hatte.
   Herauszufinden, was die Lichter zu bedeuten hatten, war nicht einfach. Alison konnte schlecht zur Nächstbesten gehen und fragen, was mit dieser nicht in Ordnung war, zumal eindeutig Alison diejenige war, mit der etwas nicht stimmte. Sie wagte nicht einmal, Tammy zu befragen, so lange nachzubohren, bis diese ihr alle Facetten ihres Seelen- und Gemütszustands offenbart hatte.
   Zudem hatte Alison noch immer nicht herausgefunden, warum manche nur zwei, drei Fischchen, andere wiederum einen Schwarm dabeihatten, und wieso die Zahl der Erscheinungen manchmal sogar über einen längeren Zeitraum hinweg variierte. Was trug dazu bei, dass die Fischchen Edelsteinen wichen? Und weshalb lösten sich Letztere nach einer bestimmten Zeit auf?
   Frustriert seufzte sie und erhob sich.

Als Alison Stunden später den Schlüssel ins Schloss steckte, überlegte sie, was sie heute kochen könnte. Wenn Simon nicht mit ihr zu Abend aß, würde sie sich ein Nudelgericht in Sahnesoße zubereiten.
   Bevor sie einen Fuß über die Schwelle gesetzt hatte, erblickte sie Simons Lederschuhe neben einem ihrer Paare.
   »Simon?«
   Alison hörte, wie in einem der Zimmer etwas mit einem Tock zufiel. Im Wohnzimmer war niemand, also ging sie ins Schlafzimmer. Da kam Simon ihr entgegen.
   »Hey, hallo!« Er umarmte sie kurz.
   Alison trat zwei Schritte zurück und musterte ihn. Warum so stürmisch?, wollte sie fragen. Wieso leuchteten seine Augen, obwohl er – dem Atem nach zu urteilen – nicht getrunken hatte? »Ist etwas vorgefallen?«
   »Wieso denn?«, fragte Simon verwundert.
   »So früh kommst du doch normalerweise nie heim«, bemerkte sie.
   Daraufhin erklärte er, dass im Moment nicht viel Arbeit anfiel, weshalb die Angestellten beschlossen hatten, Überstunden abzubauen. Also war auch er heimgegangen.
   »Lass uns den Tag zu zweit verbringen.« Simon legte den Arm um sie.
   Obwohl ihr Haar unter seinem Arm spannte, und sie das Bedürfnis hatte, ihn wegzuschieben, wehrte sie sich nicht. Bestimmt täte ihnen traute Zweisamkeit ganz gut. Immerhin hatte Simon besonders in den letzten beiden Wochen viel gearbeitet, sodass sie ihn kaum gesehen hatte.
   Als Simon sie herumdrehte, um sie durch den Flur zu führen, erhaschte Alison einen Blick auf den Laptop. Er war zu. Also hatte er ihn wohl geschlossen, nachdem sie seinen Namen gerufen hatte. Na ja, dachte sie bei sich. Eigentlich ging es sie nichts an, welche Filmchen er sich im Internet angeschaut oder wonach er recherchiert hatte. Vielleicht tauschte er sich in einem Forum mit anderen Betroffenen aus.
   In der Küche erzählte Simon ihr von amüsanten Begebenheiten im Büro. Während das Fleisch schmorte, schälte er Kartoffeln und kümmerte sich um die Soße. Derweil schnitt Alison das Gemüse.
   »Henry und Camilla möchten mit uns am Wochenende ins Kino. Anschließend könnten wir in irgendeinem Restaurant etwas essen. Was hältst du davon?«
   Gerade hatte Alison eine Tomate gevierteilt, da legte sie das Messer weg. Henry zählte zu Simons engsten Freunden. Er und seine Partnerin hatten keinen Krankenhausbesuch ausgelassen.
   Simon hatte sich die Hände abgetrocknet und trat von hinten an sie heran. »Wie findest du die Idee?«
   Er schlang die Arme um sie. Alison wollte ja, sie sehnte sich nach Hautkontakt. Doch sie konnte nichts dagegen ausrichten, dass jede ihrer Zellen bei seinen Berührungen Alarm schlug, dass ihr Körper von dem seinen wie von einem gleichgepolten Magneten abgestoßen wurde.
   »Stimmt etwas nicht?« Simon ging einen Schritt zurück.
   »Alles in bester Ordnung.« Sie ließ die Mundwinkel nach oben wandern. »Aber ja, das können wir gern machen.«
   Während des Essens berichtete Simon vom Europatrip seiner Schwester und ihres Ehemannes. Alison bemühte sich, seinen Ausführungen zu folgen, dennoch driftete sie gedanklich ab. Irgendetwas hatte sich in Simons Gesicht verändert. Seine Stimme tönte lauter, er lächelte öfter und gestikulierte, während er plauderte.
   Obwohl sich Alison freute, dass er so auflebte, fragte sie sich, was der Auslöser der Stimmungswandlung war. Sie durchforstete ihr Gedächtnis nach Momenten, in denen er sich ähnlich verhalten hatte. Da wurde ihr bewusst, wann sie ihn das letzte Mal so erlebt hatte; in den ersten Monaten ihrer Kennenlernphase.
   »Was ist los?« Simon hatte aufgehört zu essen und sah sie amüsiert an.
   »Hat sich in der Arbeit etwas ergeben? Eine bevorstehende Gehaltserhöhung?«, hakte sie nach. »Ein außergewöhnliches Projekt?«
   Letzteres bedeutete in seiner Firma nicht selten, dass der Arbeitnehmer unter Umständen den Arbeitsplatz und damit auch den Arbeitsort wechseln musste.
   »Weder noch.« Lächelnd legte er die Stirn in Falten.
   Diese Antwort enttäuschte Alison ein wenig. In jüngster Zeit hatte es die Firmenangestellten für mehrere Monate nach Chicago, Boston oder Los Angeles verschlagen. Einige von ihnen hatten entschieden, dort dauerhaft zu bleiben.
   »Warum fragst du?«
   Sie zuckte mit den Schultern und meinte lediglich, sie hätte angenommen, Simons ausgezeichnete Laune wäre auf eine tolle Neuigkeit zurückzuführen.
   »Darf ich etwa nicht grundlos glücklich sein?«, fragte er scherzhaft, ohne sie anzusehen. Das Messer in seiner Hand schnitt sich durch das Rindfleisch und teilte es in große Stücke.
   »Natürlich.« Alison hatte sich vorgelehnt und berührte seinen Unterarm. »Das haben wir uns nach all dem, was uns geschehen ist, wirklich verdient.«
   Simons Lächeln verblasste. Im Laufe der nächsten halben Stunde blieb sein Ton zwar weiterhin freundlich und heiter, doch er sah hauptsächlich nur auf seinen Teller, während er aß.
   Nachdem er seinen Teller geleert hatte, sagte er, er müsse dringend mit einem Kollegen den morgigen Arbeitstag planen. Dass er es Alison überließ, den Tisch zu räumen, machte ihr nichts aus. Dass er auch nicht zu ihr stieß, nachdem seine, durch die geschlossene Tür gedämpfte Stimme verstummt war, störte sie ebenfalls nicht. – Im Gegenteil, es kam ihr gerade recht, sich allein um den Abwasch zu kümmern, obwohl sie das Geschirr in die Spülmaschine stellen konnte. Sie wollte sich diese Arbeit nicht ersparen, denn es drängte sie nicht, Simons Nähe zu suchen.
   Am späten Nachmittag saß Simon vor dem Laptop, während Alison Wäsche bügelte. Am Abend schalteten sie eine DVD ein und machten es sich auf dem Sofa gemütlich. Simon hatte das Licht gedimmt und rutschte näher zu ihr, um einen Arm auf die Lehne zu legen. Alison wusste, dass zwischen ihnen nur wenige Zentimeter lagen, und rührte sich nicht vom Platz.
   Sein Arm wanderte ihre Schulter hinunter und schob sich zwischen Rücken und Lehne, bis sich die Hand um die Taille legte. Alison versteifte sich. Für gewöhnlich führte diese Handlung dazu, dass sie anfingen sich zu küssen und sich gegenseitig auszuziehen.
   Sie knabberte an der Innenwand ihrer Wange. Schließlich erhob sie sich und gab vor, sich einen Kaffee kochen zu müssen.
   »Auch einen für dich?«
   Nur der Fernseher erhellte Simons Gesicht, warf Licht auf seinen kühlen Blick und den harten Zug um den Mund.
   »Danke, nein.« Er rutschte zur Armlehne, um sich abzustützen, und hatte sich somit von dem Platz entfernt, an dem Alison eben noch gesessen hatte.
   Den Rest des Films verbrachten sie stumm vor dem Fernseher. Niemand versuchte, dem anderen näherzukommen. Aus einem unerfindlichen Grund wagte Alison kaum, sich zu rühren oder einen Laut von sich zu geben, als fürchtete sie, eine Lawine loszutreten. Vielleicht weil der letzte, große Streit mit der Ruhe vor dem Sturm begonnen hatte. Jener Abend hatte sich in ihr Gedächtnis eingebrannt; sein gerötetes Gesicht mit den aufgerissenen Lidern, der dröhnende Bass seiner Stimme, ihr schriller Ton, hochgerissene Arme, wildes Stampfen und schließlich seine harten Worte, die den Streit beendeten.

Aufregung und Nervosität rumorten in ihrem Bauch, als sie die Wohnung in aller Frühe verließ. Alison wusste, dass die meisten ihrer Kollegen gegen neun oder zehn Uhr im Büro aufschlugen. Die Möglichkeit, sich einigermaßen zu akklimatisieren, war morgens denkbar besser.
   Im Großraumbüro herrschte fast vollständige Dunkelheit. Nur am hinteren Tisch arbeiteten Larry und Vincent, die für die IT-Sicherheit zuständig waren. Ihr Blick klebte am Bildschirm, als Alison eintrat. Larry bemerkte sie als Erster.
   »Willkommen zurück.« Er hatte den Arm zum Gruß erhoben. Sein Kollege Vincent nickte lächelnd, dann galt seine Aufmerksamkeit wieder dem Monitor.
   Alisons Tisch sah genauso aus, wie sie ihn zurückgelassen hatte. Aus dem Stiftköcher quoll eine beachtliche Sammlung an Kugelschreibern. Bunte Haftnotizblöcke reihten sich neben einem Klammerspender und einigen anderen Utensilien aneinander. Neben dem Bildschirm stand ein Foto, auf dem Simon und sie sich aneinanderschmiegten, hinter ihnen der Eiffelturm. Mit der Reise nach Paris war einer von Alisons Träumen in Erfüllung gegangen. Zwei Wochen lang waren sie durch die Gassen der Stadt geschlendert, hatten Landesspezialitäten probiert und Straßenkünstlern bei der Arbeit zugesehen. Wenn sie es nun betrachtete, war ihr, als gehörte diese Erinnerung einem anderen Leben an.
   Alison ließ den Blick über die leeren Schreibtische streifen. Sie genoss die morgendliche Stille, die von Vincents Klicks und Larrys gelegentlichen Bemerkungen unterbrochen wurde, und freute sich ein bisschen auf den Trubel, der bald herrschen würde.
   Mit jeder halben Stunde füllte sich das Büro. Die Kollegen grüßten höflich und taten so, als wäre nie etwas vorgefallen. Doch die mitleidsvollen Blicke, die sie ihr von Zeit zu Zeit zuwarfen, signalisierten, dass sie informiert worden waren.
   Kurzzeitig war Alison tatsächlich der Illusion erlegen, so weitermachen zu können wie vor ihrem letzten Arbeitsausfall. So, als wäre sie nach dem Wochenende an ihren Arbeitsplatz zurückgekehrt. Als hätte es die weitere Tragödie in ihrem Leben nicht gegeben. Aber dann versammelte sich eine kleine Gruppe, deren Mitglieder fast zeitgleich eingetroffen waren, um sie, und Alison begriff, dass sie nicht drumherum kommen würde, ein paar Worte zu verlieren.
   Eliza aus der Personalabteilung war die Erste, die sich nach Alisons Wohl erkundigte. Zusammen mit ihr, Tammy und anderen Kolleginnen pflegte Alison, gelegentlich zu Mittag essen zu gehen.
   »Mir geht es gut, danke«, gab Alison zur Antwort.
   Luis löste sich aus dem Kreis, der sich um Alison gebildet hatte, und legte ihr die beringte Hand auf den Arm. »Der Verlust tut uns wahnsinnig leid.«
   Aus den Augenwinkeln heraus nahm Alison wahr, wie sich ein paar Köpfe nach ihr umdrehten. Leise erwiderte sie, sie wisse es zu schätzen und habe sich über den Blumenstrauß gefreut.
   »Und wie …?« Luis wurde von George unterbrochen, ihrem gemeinsamen Boss, durch den Raum marschierte und vor Alisons Tisch stehen blieb.
   Heute trug er eine seiner Lieblingskrawatten, eine quer gestreifte, die fast bis zum Hosenbund reichte. Sie kontrastierte mit der längs gestreiften Stoffhose, und es war schwer, sie anzusehen, ohne den Blick nicht automatisch den leicht gewölbten Bauch hinunter zu den Beinen gleiten zu lassen.
   »Wir freuen uns, dass Sie wieder da sind«, sagte er. »Wenn Sie meine Hilfe benötigen, zögern Sie nicht, sich an mich zu wenden.«
   Hinter ihm verdrehte Marisa die Augen, und formte stumm: Von wegen.
   Nun, da George das Gefühl hatte, erledigt zu haben, wonach der Anstand verlangte, irrte sein Blick umher, als suchte er nach einem Grund, sich zu entfernen. Keine fünf Sekunden später hatte er jemanden hinter Alison entdeckt und steuerte auf ihn zu.
   Zu den letzten, die sich im Büro einfanden, zählte Tammy. Als sie durch die Tür schritt, fiel ihr Blick auf Alison. Ihre Augen wurden riesig.
   »Baby«, rief sie und schloss Alison in die Arme. »Gut schaust du aus.«
   »Du ebenso«, entgegnete Alison.
   Seit Tammy abgenommen hatte, kleidete sie sich mit Anfang vierzig so figurbetont wie vor zehn Jahren. Heute trug sie ein wild gemustertes, eng anliegendes Oberteil, das knapp über dem Bund ihres schwarzen Rocks endete. Lackierte Pumps rundeten das Outfit nicht nur ab, sie zogen den Blick geradezu auf sich.
   »Bin heute spät dran.« Sie ließ die Tasche auf den Schreibtisch plumpsen und schaltete den Rechner ein, der gegenüber Alisons stand. »Eigentlich wollte Roger Harry zur Schule fahren, doch jetzt liegt er mit Fieber im Bett. Also habe ich es erledigt.«
   Schnell rechnete Alison nach und kam zu dem Ergebnis, dass Tammy trotz der Verpflichtung schon deutlich früher in der Arbeit hätte sein können. »Was hast du denn eine Stunde lang getrieben?«
   Tammy warf das schwarze Haar über die Schulter. Ihre Lippen verzogen sich zu einem Lächeln. »Da waren diese wundervollen Manolo Blanics im Schaufenster. Ihre Anziehungskraft trieb mich in den Laden.«
   »Wie ich dich kenne, musstest du dich in der Market Street nach dem dazu passenden Kleid umsehen.« Alison grinste.
   »Heute nicht«, sagte sie und nahm Platz. »Aber wenn ich noch sechs Pfund verliere und mein Gewicht ein paar Monate halten kann, gönne ich mir ein edles Teil.«
   Alison nickte und wollte sich ihrem Bildschirm zuwenden, als Tammy sich danach erkundigte, wie schlimm die morgendliche Inquisition gewesen war.
   »Habe sie gerade so überstanden«, meinte sie.
   »Dann geht hier im Raum wieder alles seinen gewohnten Gang.«
   »Da bin ich mir nicht so sicher«, entgegnete Alison. Als ihr Blick den der frisch verheirateten Zoe kreuzte, fühlte sich Zoe wie bei etwas Verbotenem ertappt und fing an, hastig zu tippen. Wahrscheinlich entstand auf dem Monitor der Endzwanzigerin gerade eine unsinnige Kombination aus Buchstaben, Zahlen und Sonderzeichen.
   Aber nicht nur Zoe schien sie zu bemitleiden, auch Valerie und Oliver, der Kollege aus dem Verkaufsmanagement, signalisierten ihr stumm, wie sehr sie sie bedauerten.
   »Ich will das nicht«, raunte sie Tammy zu. »Mitleid, meine ich. Ich will einfach nur, dass alle ihre Pflichten erledigen. Nichts weiter.«
   »Werden sie auch.« Tammy krempelte die Ärmel hoch. »Bis auf wenige Ausnahmen ersticken alle in Arbeit.«
   Sie hatte recht: Rege Betriebsamkeit herrschte. Die Lautstärke schwoll an. Permanent klingelte irgendwo ein Telefon. Wer nicht telefonierte, besprach mit einem Kollegen die nächsten Arbeitsschritte.
   Nach Wochen im Krankenstand fiel es Alison schwer, sich zu konzentrieren. E-Mails an Kunden verfasste sie in Eile und vergaß Anhänge oder versendete falsche Dateien. Wurde sie sich der Fehler rechtzeitig bewusst, rief sie die Nachrichten zurück und ersetzte sie durch korrekte. Ihr Kopf drohte zu bersten. Zu viele Kollegen wuselten um sie herum wie Ameisen. Besonders Marisa, die Jüngste der Abteilung, huschte immer wieder mit Akten, Mappen oder Ordnern an ihr vorbei und machte sie nervös.
   George stürmte in den Raum. Alison hörte auf zu schreiben und sah ihn an.
   »Wo stecken Zoe und Sophie?«, fragte er atemlos, als hätte er eben alle Räume des Hauses nach ihnen abgesucht.
   »Zoe ist aufgebrochen, um Sophie zu finden. Wo Sophie steckt, wissen wir nicht. Deshalb sucht Zoe sie ja«, plapperte Marisa und wühlte ihre Akten zum dritten Mal durch.
   »Na schön.« Tammy richtete sich auf. Suchend schaute sie sich um. »Wer war das?«
   »Wen meinst du mit das?«, fragte Marisa pikiert, weil Tammy auf sie deutete.
   »Euch ist doch klar, dass das Küken auch ohne Kaffee hyperaktiv ist«, fuhr sie fort. »Also, wer von euch hat ihr einen Becher eingeschenkt?«
   »Wie bitte? Zoe sucht Sophie?« Georges Gesichtszüge entgleisten. Er riss die Arme hoch. »Grundgütiger, wo sind wir hier? Im Regenwald? Sophie wird schon nicht verschollen sein!«
   Er lockerte den Sitz seiner Krawatte, fuhr herum und marschierte gestikulierend in sein Büro. Dabei murmelte er etwas, das nach Arbeitszeitvergeudung klang.
   Einige Sekunden lang herrschte Ruhe im Büro. Kaum hatte George jedoch die Tür zugeknallt, brachen seine Mitarbeiter in Gelächter aus.
   »Ich muss an die frische Luft. Du auch, Tammy?«, fragte Alison.
   Sie nickte.
   Minuten später standen sie mit ein paar Kollegen auf der Dachterrasse, wo Tammy genüsslich an ihrer Zigarette zog und beteuerte, ohne den Glimmstängel hätte sie der Diät nie zugestimmt. Eine Weile lang hatten Larry und Vincent ihnen Gesellschaft geleistet. Nachdem sie gegangen waren, waren Tammy, Alison und zwei Frauen von einem anderen Stockwerk dageblieben. Alison kannte die beiden zwar nicht, dennoch wollte sie nicht, dass sie Details aus ihrem Leben hörten. Deshalb bat sie Tammy, ihr bis zum Geländer zu folgen.
   Alisons Blick schweifte über die hohen Gebäude, in deren meerblauem Glas sich Gegenstände und Häuser leicht verzerrt spiegelten.
   »… danach könntet ihr mit Roger und mir essen gehen.« Tammy plante das Wochenende. »Übrigens hat mich Roger gefragt, ob wir zu viert mal nach Sausalitos wollen. Übernächste Woche soll dort …«
   »Irgendwas stimmt nicht mit Simon«, fiel ihr Alison ins Wort.
   Eben wollte Tammy ziehen, doch sie verharrte mitten in der Bewegung. »Gesundheitlich?«
   Alison zuckte mit den Schultern. »Gestern klappte er den Laptop zu, als ich nach Hause kam, und war erstaunlich munter und fröhlich.«
   »Da hatte wohl jemand einen besonders guten Schmuddelfilm auf dem Rechner.« Tammy grinste.
   Sie schüttelte den Kopf.
   »Vielleicht hat er ein neues Computerspiel«, vermutete Tammy. »Kleine und große Jungs flippen vor Freude komplett aus, wenn sie in virtuelle Welten versinken können.«
   »Das ist es nicht.« Alison lehnte sich mit dem Rücken gegen das Geländer und verschränkte die Arme vor der Brust.
   »Und wenn schon! Freu dich über seinen Frohmut.«
   Nichts täte Alison lieber, wäre da nur nicht das ungute Gefühl, dass ihn etwas Reales in Hochstimmung versetzte, das nichts mit ihr zu tun hatte.
   Für den Rest des Tages schnitt Alison das Thema nicht erneut an. Doch Tammy sah ihr an, dass sie nach dem Grund forschte, und versicherte, sie müsse sich keine Sorgen machen.
   An diesem Nachmittag hörte Alison zwei Stunden früher auf. Unterwegs nach Hause kaufte sie eine Kleinigkeit ein und machte einen Spaziergang durch den Golden Gate Park.
   Als Alison einige Zeit später die Haustür öffnete, überlegte sie gerade, was der Kühlschrank wohl hergeben mochte. Der Inhalt genügte für einen vegetarischen Auflauf. Aber hatte sie auch …?
   »Natürlich komme ich.« Simons Stimme riss sie aus den Überlegungen. Durch den Spalt sah Alison, wie er im Wohnzimmer auf und ab wanderte. Er lächelte verlegen und fuhr sich mehrmals durch das Haar. »Wenn es dein Lieblingslokal ist, wieso nicht? … Sogar Conrad? … Wie hast du ihn für italienisches Essen begeistern können?«
   Auf ihre Lippen stahl sich ein Lächeln, dessen sie sich bewusst wurde, als sie ihr Spiegelbild im Flur erblickte. Sie zog die Schuhe aus und trug die Einkaufstüte in die Küche. Während sie sie auspackte, ärgerte sie sich über sich, weil sie Simon in Gedanken etwas unterstellt hatte, was von der Wirklichkeit weiter entfernt war als die Erde von der Sonne. Ihre Befürchtung hatte sich als falsch erwiesen. Dass Simon geradezu strahlte, lag schlicht und einfach daran, dass er wieder in seinen Freundeskreis integriert worden war.
   »Hey, du bist ja schon da«, rief Simon überrascht aus. Er trat über die Schwelle, hielt jedoch einen Abstand von zwei Armeslängen zu ihr. »Wie war dein Tag?«
   »Anstrengend.« Müde lächelte Alison. »Morgen wühle ich mich weiter durch nicht erledigte Aufgaben.«
   Simon erwiderte ihr Lächeln und nahm sich ein Glas aus dem Schrank, um Leitungswasser einzuschenken. Noch vor einem Monat war seine erste Handlung gewesen, sie zu umarmen, kaum hatte sie die Wohnung betreten.
   »Haben sie dich auch gut behandelt?«, wollte er wissen. Er machte einen Schluck, einen sehr langen, und stellte das Glas ab.
   »Einigermaßen.« Sie lächelte schwach.
   »Ah, okay.«
   Alison packte die Tüte aus. Kaffeepads und geriebene Kräuter wanderten in den Schrank, Käse und Wurst gesellten sich zu den Milchprodukten im Kühlschrank. »Heute gibt es Auflauf.«
   »Du brauchst nicht für mich mitzukochen.« Simon leerte das Glas mit mehreren Schlucken und stellte es geräuschlos ab. »Heute bin ich mit den Jungs im Silver horizon verabredet. Genauer gesagt, ich muss gleich los.«
   »Alles klar.«
   Während Simon duschte, hatte Alison Kartoffeln gekocht und Gemüse geschnitten. Rasiert und wohlriechend kam er in die Küche. Aus dem Badezimmer strömte der Duft nach Sommerfrische – seinem Duschgel.
   »Mhm …«, machte Alison zufrieden und schloss die Augen, als sich Simon an sie drückte und die Hände um sie legte. Seine Lippen streiften ihre Wange und weckten Erinnerungen, die sie vor Wochen verdrängt hatte.
   Schon ließ er sie los. Als sie die Lider öffnete, war er gerade dabei, die Küche zu verlassen.
   Während der Auflauf im Ofen stand, ging Alison durch die Räume und sammelte Kleidung für die Waschmaschine. Als sie Simons gelb-grün gestreiftes Hemd von der Rückenlehne nahm, musste sie an Twin Peaks denken.
   Es war ihr drittes Date gewesen, zu dem sie ein paar belegte Brote, etwas Salat und eine Flasche Weißwein mitgenommen hatten. Zugegeben, romantisch hatte es nicht geklungen, von Papptellern zu essen, während sie den Wein aus mitgebrachten Gläsern tranken. Nach vielen Tagen Regen und peitschendem Wind schien endlich die Sonne. So hatten die Menschen ihre Anoraks gegen Frühlingsjacken und ihre Kaffeebecher gegen Eiswaffeln getauscht. An jenem Nachmittag trug Simon genau dieses Hemd, das sie gerade in der Hand hielt. Darin hatte er sie zum ersten Mal geküsst.
   Noch immer duftete das Hemd nach dem Eau de Cologne, das Simon seit Jahren benutzte. Aber Alisons Nase nahm auch den Hauch eines Parfüms wahr, das ganz und gar nicht in die Komposition passte, wie Alison sie kannte. Es war ein süßlicher Duft mit einer bemerkenswert würzigen Note, die für einen Damenduft von Gucci charakteristisch war.
   Alison vergrub die Nase in den Baumwollstoff und machte einen tiefen Zug. Ja, das war eindeutig ein Frauenparfüm, sogar das Parfüm, das sie vor langer Zeit mal auf ihre Kleidung gesprüht hatte.
   Ihre Kiefermuskulatur verhärtete sich.

3

Immer wieder versuchte Alison sich einzureden, der Duft könnte nach zwei, drei Umarmungen auf ihn übertragen worden sein. Schließlich ging Simon mit Kollegen und Kolleginnen aus. Dass dieses Parfüm dafür bekannt war, besonders lang anhaltend und intensiv zu sein, wusste Alison. Dennoch hatte diese Entdeckung ihr zunächst ein paar schlaflose Nächte bereitet.
   In der Arbeit fand Alison jedoch keine Minute, um sich zu sorgen. Obwohl Tammy und Zoe alles dafür taten, um Alison zu entlasten, zehrte die Arbeitsbelastung an ihren Kräften. Neue Texte für das Portfolio mussten erstellt und potenzielle Neukunden oder bestehende Kunden telefonisch oder per E-Mail kontaktiert werden. Außerdem hatte nur eine Teillieferung einen der Großkunden erreicht, der dadurch mit der Produktion in Verzug kam. Prompt beauftragte George Alison, die Wogen zu glätten.
   Den Freitagabend verbrachte Alison mit ihren Kolleginnen in der Stammbar, um ihre erste Woche zu feiern. Dasselbe hatten sie auch getan, nachdem Alison zum ersten Mal nach der schweren Operation wieder gearbeitet hatte. Luis, Marisa, Zoe, Tammy und sie hatten fleißig die Getränkekarte abgearbeitet. Ein warmes Hackfleisch-Gemüsegericht und drei Drinks später war Alison so betrunken, dass Tammy und Marisa mit ihr ins Taxi gestiegen waren und sie bis vor die Haustür begleitet hatten.
   Am nächsten Morgen plagte sie ein ordentlicher Kater, jedoch hielt er sie nicht davon ab, Tammys Einladung anzunehmen. Zunächst hatte Simon zugesagt, doch als sie ihren Worten tatsächlich Taten folgen lassen wollte, sagte er ab.
   »Warum kommst du nicht mit?«, hatte sie gefragt, während sie Make-up aufgetragen hatte.
   »Hab’ noch viel zu tun.« Simon hatte sich nicht einmal umgedreht, sondern eifrig getippt. Ein kurzer Blick auf den Bildschirm verriet Alison, dass er programmierte.
   »Normalerweise machst du Überstunden im Büro«, bemerkte sie.
   »Wollte ich diesmal nicht«, murmelte er. »Bestand auf Home Office. Viel Spaß heute Abend.«
   Den hatte sie. Auch ohne Simon. Dennoch vermisste sie ihn. Manche Samstagabende waren nun mal für Tammy, Roger, Simon und sie reserviert gewesen. Seit Jahren.
   Während Alison mit Tammy, Roger und Harry Gesellschaftsspiele spielte, dachte sie gelegentlich an die Frau mit dem Gucci-Parfüm. Sie fragte sich, wie nah sie und Simon sich eigentlich standen, und ob es wirklich Zufall war, dass die Unbekannte ihn olfaktorisch markiert hatte.
   Als sie heimkam, saß Simon vor dem Bildschirm. Erst Minuten, nachdem sie sich hingelegt hatte, folgte er ihr ins Bett.

Am Sonntag frühstückten sie kurz vor neun, während im Radio Charts liefen. Anders hätte Alison den Morgen am Tisch nicht ertragen, denn Simon blickte grimmig vor sich hin, oder griff immer wieder zum E-Reader, um die Zeitung zu lesen. Wenn sie ihn fragte, ob etwas nicht stimmte, murrte er, alles sei in Ordnung.
   Gemeinsam hatten sie die Spülmaschine eingeräumt. Dann zog sich Simon ins Wohnzimmer zurück, um mit einem Freund telefonisch ein Computerproblem zu besprechen. Also griff Alison zum Hörer, um ein paar Worte mit den Eltern zu wechseln. Abgesehen davon, dass ihr Vater einen neuen Schneidezahn bekommen hatte, und die Nachbarn ihr Haus verkauften, gab es keine besonderen Neuigkeiten.
   Grandma Judy freute sich sehr über Alisons Anruf. Sie klagte ein bisschen über Rheuma und Arthritis, wechselte jedoch schon bald das Thema.
   »Nächstes Wochenende plant die Seniorengruppe einen Ausflug. Selbstverständlich nehme ich daran teil. Ich sage dir, Alison, reise so viel, wie du nur kannst. Reise, so lange du jung und vital bist.«
   »Ich weiß, Grandma, ich weiß. Seit der OP habe ich entschieden, mehr von der Welt zu sehen«, sagte sie. Die freie Hand formte sie zu einer Faust, weil sie daran denken musste, was sie sich nach ihrer Entlassung aus dem Krankenhaus ebenfalls vorgenommen hatte. Worauf sie hingearbeitet hatte und woran sie dreimal gescheitert war.
   »Kurz ist die Jugend, Darling«, sinnierte Judy. »Wenn ich die Zeituhr zurückdrehen könnte, würde ich so einiges anders machen.«
   »Zum Beispiel?«, interessierte es Alison.
   Einen Augenblick lang war es still. Dann folgte ein schwerer Seufzer. »Ich würde meinem jüngeren Ich sagen, es möge nicht so viel und so oft auf Süßes verzichten.«
   Alison lachte.
   »Das meine ich vollkommen ernst.« Judy klang verärgert.
   »Mhm.«
   »Wann besuchst du mich mal wieder, meine Liebe?«
   »Vermutlich, wenn ich das nächste Mal Urlaub habe«, antwortete Alison.
   »Gut, denn ich vermisse dich«, sagte sie in einem Ton, der nüchtern und emotionslos klang. Doch Alison wusste, dass Grandma Judy sie wirklich bei sich haben wollte. Nur wohnte sie nun mal nicht um die Ecke, sondern im Herzen Nordamerikas.

Die neue Woche wartete nicht nur mit interessanten und anstrengenden Aufgaben auf, sondern auch mit zwei Terminen. Einer davon war eine Kontrolle im Krankenhaus, um die sie gebeten hatte, weil die Schmerzen im Bauchraum erneut begonnen hatten. Zwar reichten sie in ihrer Intensität glücklicherweise nicht an die von einst heran, jedoch waren sie überraschend stark und häufig.
   Pünktlich verließ Alison das Büro und stieg in den nächstbesten Bus, der sie zur Ader brachte, einem Punkt, von wo zahlreiche, öffentliche Verkehrsmittel in alle Richtungen abfuhren.
   Eine Stunde später betrat sie das Krankenhausgelände. Der Wind, der ihr ins Gesicht blies, trug einen süßlich-scharfen Geruch nach gezuckertem Milchkaffee, Desinfektionsmitteln und Medikamenten.
   Draußen saßen mehrere Patienten in den typischen Krankenhaushemden, deren Muster Alison noch immer Rätsel aufgaben. Freunde oder Familienangehörige plauderten mit den Männern und Frauen, oder unterhielten sie mit Bildern oder Aufnahmen, die sie auf dem Handy gespeichert hatten. Aber wenige Zuhörerinnen und Zuhörer reagierten.
   Alison ahnte, wie sie sich fühlten, wenn Freunde und Familie sich anstrengten, um ihre Aufmerksamkeit zu wecken. Zu gut erinnerte sie sich an die Zeit, als Schmerzen sie gequält hatten und sie gegen lähmende Müdigkeit angekämpft hatte, während Tammy sie zu unterhalten versucht hatte. Tammys beinahe tägliche Besuche hatten Alison viel Energie abverlangt. Im Nachhinein war sie jedoch froh, dass sich Tammy bemüht hatte, sie zu kurzen Spaziergängen zu animieren. Bewegung und leichte geistige Herausforderung in Form von Kreuzworträtseln oder simplen Handyspielen hatten Alisons Genesung ein wenig beschleunigt.
   Da ihr noch etwas Zeit blieb, nutzte Alison die Gelegenheit, um ihr Make-up aufzufrischen. Vor dem Toilettenspiegel legte sie mehr Wimperntusche auf und trug noch mal einen burgunderfarbenen Lippenstift auf. Das Haar hatte sie im Nacken zusammengebunden, um es vor dem kräftigen Wind zu schützen. Nun entfernte sie das Haargummi und schüttelte den Kopf, um das Haar zu verteilen.
   Ihr Anblick stimmte sie zufrieden: Verführerische dunkelrote Lippen und vor Aufregung leicht gerötete Wangen bildeten einen interessanten Kontrast zum schwarzen Haar, das sich leicht wellte. Sie strich über die locker fallende pfirsichfarbene Bluse, die unter dem Bund des weißen Rocks verschwand. Dann hob sie ein Bein, um einen Fleck mit etwas Papier von der Riemchensandale zu wischen.
   Alison begegnete zwar niemandem, den sie nicht nur vom Sehen kannte. Doch im Treppenhaus traf sie nacheinander Schwester Molly und den Physiotherapeuten Diego, mit denen sie ein paar Worte wechselte. Sie strahlte, als sie Schwester Susan erblickte, die auf Station 2.1 auf den Aufzug wartete.
   »Hallo Alison. San Franciscos frische Luft bekommt Ihnen super!« Susan tätschelte ihren Arm. Als ihr Blick auf Alisons braune Mappe fiel, machte sie ein Oh. »Mit Akten unterwegs, Alison?«
   »Nur zur Kontrolle.«
   »Ist es nicht schön, wenn man weiß, dass man das Klinikum noch am selben Tag verlassen darf?«
   Lächelnd nickte Alison.
   »Ich drücke Ihnen die Daumen.« Damit verabschiedete sich Schwester Susan und stieg in den Aufzug.
   Alisons Herz schlug schneller, als sie an der Frontscheibe des Warteraums vorbeiging. Ihr schien, als tönte es lauter als ihre Sandalen. Sie wusste nicht genau, wieso, aber Aufregung hatte Besitz von ihr ergriffen. Bestimmt lag es daran, dass sie sich auf das Wiedersehen mit Dr. Wellensteyn freute. Obwohl er meist Gelassenheit ausstrahlte, gab es Momente, in denen er quirlig und geschäftig war. Außerdem konnte er ausgesprochen gut unterhalten. Sie fragte sich, welche Urlaubsanekdote er dieses Mal für sie bereit hielt.
   Vor dem Ultraschallraum saßen noch zwei Patienten. Einer der Männer wurde hereingebeten, kaum hatte Alison sich neben ihn gesetzt. Sie griff nach einer Illustrierten. Nach nur ein paar Minuten legte sie sie jedoch beiseite, weil ihre Gedanken um die Plauderei mit dem Oberarzt drehten.
   Sicherlich würde Dr. Wellensteyn sie fragen, wie es ihren Narben erging. Daraufhin würde sie etwas erwidern wie zum Beispiel: Sie erinnern mich täglich an ihre Existenz oder … Sie weichen nicht von meiner Seite. Dann würde Alison wissen wollen, welche Ausflüge und kulinarische Spezialitäten er ihr auf Barbados empfehlen könnte, sollte sie demnächst dorthin reisen.
   »Miss Wakefield?« Dr. Wellensteyns Assistentin bat Alison hinein.
   Düsternis hieß sie willkommen. Die beiden Lichtquellen – eine Röhre an der Wand und der eingeschaltete Bildschirm – spendeten nur schwaches Licht. Wie jedes Mal, wenn eine Ultraschalluntersuchung anstand, begab sich Alison hinter die blickdichte, tragbare Faltwand. Während sie die Bluse aufknöpfte, hörte sie die Mitarbeiterin sagen, sie könne sich bereits hinlegen, der Doktor käme gleich.
   Im BH trat Alison hinter der Trennwand hervor. Ihr Blick streifte die Tür, die zum benachbarten Behandlungsraum führte und gerade eine Handbreit offen stand. Gedämpft vernahm sie männliche und weibliche Stimmen.
   Sie setzte sich auf die Liege, die aus Hygienegründen stets mit auswechselbarem Papier bezogen war. Mit einer eleganten Bewegung schwang sie die Beine auf die Liege und bemühte sich, die verschobene Unterlage ein wenig zu korrigieren. Leise fluchte sie, weil sich dieses Unterfangen angesichts der Tatsache, dass sie einen Bleistiftrock trug, als kompliziert erwies.
   »… nächste Patientin wartet«, hörte Alison jemanden sagen, und schon ging die Tür auf.
   Erwartet hatte Alison einen älteren, kräftigen Herrn mit Schnurrbart. Er würde ihr ein Lächeln schenken, die Brille auf dem Nasenrücken zurückschieben und wie immer die Ärmel seines Kittels hochkrempeln. Hinein trat aber ein hochgewachsener, deutlich jüngerer Arzt, der Alison bereits mehrmals auf den Fluren des Krankenhauses begegnet war. Ihr Herz machte einen Sprung.
   »Hallo, mein Name ist Hayes.« Er warf ihr einen flüchtigen Blick zu und drehte sich zum Bildschirm um, um davor Platz zu nehmen. Eingescannte Berichte erschienen nach nur ein paar Klicks. »Hm, mal schauen … Was war der letzte Stand der Dinge?«
   Sofort richtete sich Alison ein wenig auf. »Zuletzt hatte mich Dr. Wellensteyn untersucht. Ist er heute verhindert?«
   Kurz flog sein Blick über ihren Oberkörper und die Beine, dann fuhr er sich mehrmals durch das Haar und fixierte eine ihrer Sandalen. »Dr. Wellensteyn ist seit zwei Wochen im Ruhestand.«
   »Was?«, entfuhr es ihr lauter als beabsichtigt. »Oh!«
   Dr. Hayes wandte sich wieder den Berichten zu.
   Langsam lehnte sich Alison zurück. Aber ja, hatte er vor einiger Zeit nicht erwähnt, dass er bald pensioniert wurde? Allerdings hatte er keinen bestimmten Zeitpunkt genannt.
   Leise seufzte Alison. Sie hatte nicht mal Gelegenheit gehabt, sich von ihm zu verabschieden. Doch sie nahm sich vor, ihm eine Kleinigkeit über das Krankenhaus zukommen zu lassen.
   Mit nur wenigen Schritten hatte Dr. Hayes sie erreicht, setzte sich und griff nach dem Ultraschallgerät. Auf dem Kopf des Objekts verteilte er großzügig Gel und rollte näher zu ihr heran. Kurzzeitig spürte Alison Kälte, als er das Gerät auf ihrem Oberkörper platzierte. Es streifte ihren BH und bewegte sich weiter Richtung Rippen.
   Während sich Dr. Hayes auf den Monitor konzentrierte, wanderte Alisons Blick seine behaarten, sehnigen Arme hinauf zum Hemd, das locker fiel und über dem Gürtel endete. Ein Bein hatte er angezogen, das andere ausgestreckt. Ja, er war durch und durch ein attraktiver Mann, fand sie. Dennoch mangelte es ihm an etwas.
   »Sieht gut aus«, sagte er leise und führte den Ultraschallkopf die Narben entlang. »Und jetzt bitte tief Luft holen und anhalten.«
   Alison tat wie geheißen. Erneut schaute er sich den Bereich an, wo Alison operiert worden war.
   »Alles scheint in bester Ordnung zu sein, Miss Wakefield.« Damit wandte er sich ab und murmelte etwas, das danach klang, als könnte sie sich anziehen und draußen warten. Derweil würde er den Bericht fertigstellen.
   »Wieso tut es mir dann weh?«
   Er drehte den Kopf zur Seite, sodass sie sein Gesicht im Profil sah. »In Ihrem neuesten Bericht steht, dass Sie bei unseren Kollegen im benachbarten Krankenhaus gewesen waren, wo man Sie einige Male behandelt hat.«
   Innerlich zuckte Alison zusammen.
   »Es kann durchaus sein, dass die gynäkologischen Eingriffe Schmerzen hervorgerufen haben. Sollten sie stärker werden und die Temperatur erheblich steigen, suchen Sie uns bitte auf.«
   Sie nickte und begab sich hinter die Trennwand.

Zu Hause bereitete sich Alison einen Salat mit Hühnerbruststreifen zu. Neben ihrem Teller lag der vollständige Bericht, der bezeugte, dass der Schrecken wirklich vorüber war. Unterschrieben hatte ihn Oberarzt Dr. David Hayes.
   »David«, sagte sie leise. »Ein schöner Name.«
   Mit einem leisen Ton meldete sich ihr Handy. Eine SMS hatte sie erreicht.
   Warte nicht auf mich. Bin wieder mit Jungs unterwegs.

Auch am nächsten Tag blieb Alison allein in der Wohnung. Nach dem Abendessen tigerte sie durch die Räume. Einerseits kam es ihr gelegen, dass Simon viel unternahm. Andererseits gefiel es ihr nicht, dass er ihr nachts beißend riechenden Atem in den Nacken blies. Aber das war das kleinste Problem. Dass sich Simon zunehmend von ihr distanzierte, beschäftigte Alison mehr. Er schlug nicht einmal vor, nur zu zweit auszugehen. Ja, es hätte Alison sogar gereicht, wenn sie ab und zu gemeinsam speisen würden. Das bedeutete zwar, dass beide länger im Büro bleiben müssten, doch das wäre es ihr wert.
   Alison nahm sich fest vor, Simon darauf anzusprechen.
   Um sich abzulenken, fing sie nach dem Essen an, die Räume nach Wäsche zu durchsuchen. Sie sammelte Simons Socken ein, die er neuerdings alle zwei Tage wechselte, legte sich ihr Oberteil von gestern über den Arm und hob eines von Simons Poloshirts auf.
   Sie musste es nicht einmal nah vor das Gesicht halten. – Der Duft, den das Shirt verströmte, war so intensiv, dass er ihr wie ein manikürter Finger in der Nase kitzelte. Wer auch immer sie war, die Frau, die in Gucci badete, sie hatte Simon erneut markiert. Vielleicht ging er überhaupt nicht mit »Jungs« aus, wie er sie bezeichnet hatte, sondern nutzte die angebliche Männerrunde als Deckung für eine Liaison?
   Wütend knüllte Alison sein Poloshirt zusammen wie einen alten Lumpen, stampfte aus dem Raum und schleuderte es auf seine Schuhe.
   Bis in den späten Abend blieb sie seinetwegen auf. Doch das frühe Aufstehen zwang sie schließlich noch vor Mitternacht ins Bett.
   Am liebsten hätte Alison den Termin, den sie mit Dr. Berrington vereinbart hatte, abgesagt. Geladen, wie sie war, dürstete es sie danach, Simon zu Hause zu erwischen und zur Rede zu stellen – sofern es ihn überhaupt danach gelüstete, sich dort blicken zu lassen. Allerdings wusste Alison, dass eine Terminstornierung so kurz vorher nicht möglich war. Zahlen müsste sie trotzdem. Also nahm sie die Therapiestunde in Anspruch.
   »Wie fühlen Sie sich, Alison?« Dr. Berrington hatte sich im Stuhl vorgelehnt. Heute trug sie eine eng anliegende Hose und einen Rollkragenpullover.
   Alison saß auf der Chaiselongue und grub die Nägel in das Leder. »Durchwachsen.«
   »Inwiefern?«
   Unzählige Gedanken schwirrten durch ihren Kopf. Schmerz, Enttäuschung und Zorn rangen permanent um die Oberhand. Ihre Lippen bewegten sich, formten jedoch keine verständlichen Worte.
   »Vielleicht möchten Sie mir von der bisherigen Woche berichten?«
   »In der Firma finde ich mich mit jedem Tag besser zurecht. Bald werde ich alles, was sich in meiner Abwesenheit angestaut hat, abgearbeitet haben. Vorgestern hatte ich meinen letzten Kontrolltermin im Krankenhaus …«, fing Alison an und legte sich hin.
   Im großen, weiten Raum hallte nur Alisons Stimme wider, begleitet von einem durchgehenden Trommeln der Regentropfen gegen die Scheiben, und allmählich ließ ihre Anspannung nach.
   Etwa eine Viertelstunde später kehrte Alisons Wut mit voller Wucht zurück, exakt, nachdem Dr. Berrington den Namen ihres Lebensgefährten in den Mund genommen hatte. Auf ihre Frage, ob sich ihre Beziehung verändert hatte, formte Alison Fäuste und richtete sich auf.
   »Er wird immer mehr und mehr zu einem Fremden für mich«, antwortete sie.
   »Wieso glauben Sie das?«
   »Ich habe das Gefühl, als wolle er nicht mehr mit mir zusammen sein, als sehne er sich nach etwas anderem. Vielleicht nach einem Neustart.«
   »Waren es seine Worte?«, wollte Dr. Berrington wissen.
   Alison mahlte mit dem Kiefer. Den Verdacht, Simon betrüge sie, auszusprechen wagte sie nicht. Es zu tun, war nämlich, als würde er Wirklichkeit.
   »Alison?«
   Ihr war klar, dass Dr. Berrington den Blickkontakt suchte, doch sie hob den Kopf nicht.
   »Mir ist bewusst, dass es Sie jede Menge Kraft kostet, derart Persönliches preiszugeben«, sprach Dr. Berringtons leise und sanft. »Sie tragen Ihre Konflikte gern selbst aus und teilen Ihre Probleme nur mit Nahestehenden. Deshalb schätze ich es sehr, dass Sie zu mir gefunden und sich mir geöffnet haben. Nehmen Sie sich alle Zeit, die Sie brauchen.«
   Alison schluckte und streckte die Beine auf der Chaiselongue aus. Den Kopf bettete sie auf das Kissen. Eine Weile lang starrte sie zur Decke hoch, während das Bedürfnis zu reden in ihr schwelte. Schließlich öffnete sie den Mund.
   »Simon gibt vor, mit Männern auszugehen, trifft sich aber offensichtlich mit einer Frau«, sagte sie mit fester Stimme.
   Im Laufe der nächsten Minuten untermauerte Alison ihre These mit ein paar Tatsachen, die sie bisher beobachtet hatte. Von Dr. Berrington wollte sie wissen, ob sie überreagierte, oder ob Simon womöglich doch fremdging.
   Dr. Berrington seufzte leise. »Wenn Paare einen Verlust erleiden, versuchen sie, zum Teil gemeinsam, zum Teil allein oder mithilfe Außenstehender damit fertig zu werden.«
   Alison ballte die Hände zu Fäusten. Zu ihrem Konsortium von Gefühlen gesellte sich eine weitere hinzu: Scham. Wen hatte Simon wohl eingeweiht? Wem hatte er anvertraut, woran sie gescheitert waren?
   »Manche Paare finden wieder zueinander …«, fuhr die Therapeutin fort.
   »… andere gehen getrennte Wege«, beendete Alison den Satz.
   »Wie es um Ihre Beziehung bestellt ist, liebe Alison«, sagte sie, »werden wir nur erfahren, wenn Simon Sie hierher begleitet.«
   Ihre Lippen verschmolzen zu einem Strich.
   »Werden Sie ihn noch mal fragen, ob er bereit wäre, an einer Sitzung teilzunehmen?«
   Mit Verspätung presste Alison ein Mhm hervor und versteifte sich. Auf der Chaiselongue fühlte sie sich plötzlich in das Krankenhauszimmer zurückversetzt, in dem sie einige Wochen verbracht hatte.
   »Wissen Sie …«, begann Alison schließlich, »… nach der OP hatte ich ziemlich viel Zeit, um über alles nachzudenken. Anfangs suchte ich nach einem Sinn im Leid, das mir tagtäglich widerfuhr – die Nadeln, die Schreckensnachrichten, Flüssigkeit, wo keine hingehörte, Schmerzen. Mir schien, als wäre es zum damaligen Zeitpunkt ein verzweifelter Versuch, die Tortur zu rechtfertigen.«
   »Ja?«
   »Natürlich weiß ich, dass Schmerzen dazugehören, wenn man aufgeschnitten und zugenäht wird. Aber irgendetwas in mir wehrte sich dennoch, sie zu akzeptieren. Deshalb suchte ich nach einem Grund auf einer höheren Ebene, um Kraft zu finden, durch die Hölle zu gehen und mich immer wieder zusammenzureißen«, gab sie zur Antwort.
   Als die Bedrohung in Form einer zweiten Operation wie ein Beil über ihrem Kopf gehangen hatte, klammerte sich Alison an die Vorstellung, sie würde als ein neues, reifes und innerlich gefestigtes Wesen hervorgehen, hätte sie die Qual ein weiteres Mal überstanden. Was sie jedoch nicht aussprach, war, dass sie entsetzt gewesen war, dass das Unglück sie nach der Resektion gleich dreimal heimgesucht hatte. Allerdings sehr viele Monate später und auf eine vollkommen andere Weise.
   Dr. Berrington wertete Alisons Versuch, dem Übel etwas Positives abzugewinnen, als eine Art Schutzmechanismus der Seele und fragte, ob Alison einen solchen Aspekt für sich entdeckt hatte.
   »Meine Nachbarin hatte mal Besuch, da war ich seit zwei, drei Wochen auf der normalen Station«, erinnerte sich Alison. »Ich weiß noch, dass eine junge Frau – vielleicht Anfang zwanzig – einen Kinderwagen hineinschob. Ein Kleinkind quiekte darin. Als sie den Jungen heraushob, durchflutete mich eine Woge von … eigentlich kann ich es gar nicht beschreiben.« Während Alison fortfuhr, traten ihr Tränen in die Augen. Genau wie damals, als der Kleine zu glucksen anfing, als er Alisons Bettnachbarin erblickte.
   »Warum, glauben Sie, hat der Junge etwas in Ihnen ausgelöst?«, interessierte es Dr. Berrington.
   Alison verknotete die Finger vor dem Bauch. »Nun ja, ich verbrachte die meiste Zeit des Tages liegend. Nur ab und zu verließ ich den Raum, um ein paar Runden zu drehen. Allerdings fühlte ich mich wie an das Zimmer gekettet und von der Außenwelt abgeschnitten. Von allem agilen, lebendigen und aktiven. Beim Anblick des Jungen empfand ich Glück. Reines Glück, weil ein junges Wesen im selben Zimmer wie ich war. Weil der Kleine seinem Forschungsdrang nachgab, seine Umwelt erkundete, kicherte und brabbelte. Da war Lebenshunger in seinen Augen.«
   Bedächtig nickte Dr. Berrington. Ihr Kugelschreiber sauste über das Blatt.
   »Womöglich war dies der Auslöser dafür, dass mein Leben eine andere Wendung bekommen sollte«, sagte sie.
   »Erläutern Sie das bitte genauer.«
   Alison holte tief Luft. Ihre Nackenmuskulatur verkrampfte sich. Die Therapeutin hatte sie schon letztes Mal gebeten, diese Worte auszusprechen. Damals war sie jedoch nicht dazu bereit gewesen. Zu viel hing mit der Erkenntnis zusammen, die Alison während ihres Klinikaufenthalts gewonnen hatte. Dinge, die sie wie alte Tagebücher voller schöner und schmerzhafter Erinnerungen in eine Kiste gepackt, verschlossen und sie ins dunkelste Eck eines imaginären Verlieses geschoben hatte.
   Wem nützt es etwas, darüber zu grübeln? Hör endlich damit auf, Alison! Sie sind tot. Weder du noch ich können daran etwas ändern. Begraben wir das Thema!
   »Alison?« Die Stimme der Therapeutin holte sie zurück in die Gegenwart.
   Sie sammelte sich. »Im Krankenhaus fand ich die Antwort auf die Frage, was ich mehr als alles andere wollte: leben und erleben.«
   »Also reisen und mit Simon …«
   Alison schaute auf die Uhr. »Oh! Nur noch einige Minuten. Darüber sollten wir vielleicht ein andermal reden.«
   Dr. Berrington nickte und erhob sich. Zum Abschied gab sie Alison die Hand und bat sie, das nächste Mal mit Simon zu kommen.
   In Alison brodelte es. Verschiedene Bilder flackerten regelmäßig vor ihrem inneren Auge auf, während sie die Straße entlangging. Obwohl sie sich abzulenken versuchte, indem sie im Bus mit Fremden Small Talk führte, so konnte sie sie nicht abschütteln. Durcheinandergewirbelte und falsch zusammengesetzte Fetzen der Erinnerung – Vorwürfe, Geschrei, erhitzte Gesichter, helle Schühchen – verfolgten sie bis zur Haustür.
   Gedankenverloren öffnete Alison die Tür, entledigte sich ihrer Jacke und zog die Pumps aus. Simons Schuhe standen bereits da, doch sie fand ihn weder im Wohn- noch im Schlafzimmer. Rascheln von Papier verriet ihr, dass er sich im Badezimmer aufhielt.
   Sein Laptop war an. Sie wusste, wie sie seinen Terminkalender aufrufen konnte. Dr. Berrington hatte recht: Es war an der Zeit, dass beide zur Therapie erschienen.
   Schnellen Schrittes durchquerte Alison den Flur. Dieses Mal würde sie sich einen Termin geben lassen, an dem kein wichtiges Meeting und kein bevorstehender Projektabschluss bevorstanden, beschloss sie, als sie sich an den Laptop setzte.
   Bevor Simon die Toilette aufgesucht hatte, hatte er eine E-Mail angefangen. Gerade wollte Alison das Fenster minimieren, als ihr Blick auf den Namen des Empfängers fiel: Kylie24.
   Sie runzelte die Stirn.

Hi, Kylie,
   den Eindruck habe ich von Miami auch gewonnen, als ich vor drei Jahren dort gewesen bin. Die Stadt ist immer wieder eine Reise wert. Pack ruhig deine schönsten Sommerkleider ein.
   Natürlich bestehe ich auf eine Revanche. Den Sieg vorgestern hast du dir fair … erschlichen. Oder wie sonst soll Mann es sehen, wenn Mann kurz vor dem Wurf gekitzelt wurde? Deswegen muss ich morgen mit dir ein ernstes Wörtchen reden.
   Klar, kann deine beste Freundin mitkommen. Conrad und Garry werden sich bestimmt über noch mehr weibliche Begleitung freuen.

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Viel Spaß beim Weiterlesen.