Ein kleines, gemütliches Reetdachhaus, direkt hinter dem Deich: Nach langem Suchen scheint Sophies Traum endlich in Erfüllung zu gehen. Kurzerhand steigt sie aus ihrer tristen Ehe und ihrem bisherigen Leben aus und wagt an der Nordseeküste einen Neuanfang. Doch auch hier hält das Schicksal einige Überraschungen für sie bereit. Nicht nur, dass ein Geheimnis über dem kleinen Reetdachhaus zu liegen scheint, das von ihr gelöst werden will, sondern auch die Liebe trifft sie völlig unvorbereitet ...

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ISBN: 978-9925-33-102-4

Seiten: 192

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Anke Geser

Anke Geser
Anke Geser wurde 1960 im Rheinland geboren und schrieb bereits nach dem Abitur ihr erstes Märchen. Sie studierte Pädagogik und machte 2007 mit der Eröffnung einer Tierheilpraxis und Praxis für Tierpsychologie ihr Hobby zum Beruf. Die Leidenschaft für das Schreiben ließ sie jedoch nicht los. Es entstand ihr erster Roman „Der Seelenwächter“. Die Autorin lebt mit ihrer Familie in der Nähe von Düsseldorf und an der Nordseeküste.    

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Kapitel 1


Er bemerkte schon lange nichts mehr.
   Sie hatte noch das ganze Haus geputzt. Es sollte so etwas wie ein Abschiedsgeschenk sein, obwohl sie sicher war, dass er es nicht mitbekam.
   Er nahm nichts mehr wahr außer sich und seiner Arbeit. Auch sie nicht. Wann es angefangen hatte, vermochte sie nicht mehr zu sagen, nur, dass es schon viel zu lange dauerte. Jahre, wenn nicht sogar Jahrzehnte. Aber das war jetzt vorbei.
   Sie ließ den Blick durch das Wohnzimmer schweifen und ging ein letztes Mal in die aufgeräumte Küche. Alles war auf seinem Platz. Nichts wies darauf hin, dass sie nicht da war, geschweige denn nicht wiederkommen würde. Das Spültuch lag gewaschen auf der Spüle, deren altmodische Form sie so sehr liebte. Ordentlich hingen die Abtrockentücher daneben. Wie immer: alles akkurat, sorgfältig arrangiert, in Reih und Glied.
   Vielleicht war sie ausnahmslos so ordentlich gewesen, um die wachsende Unordnung in ihrem Inneren auszugleichen, oder um ihrem Leben Struktur und Sicherheit zu geben. Wahrscheinlich hatte sie so viel im Haus gearbeitet, um nicht die Leere, die sich zunehmend in ihr ausbreitete, fühlen zu müssen. Sie hatte sich betäubt. Sie funktionierte nach außen hin.
   Die Gründe für ihre Geschäftigkeit waren nicht mehr von Belang. Sie hatte ihre Entscheidung getroffen.
   Sophie nahm ihren Haustürschlüssel aus der Manteltasche und legte ihn auf den Küchentisch. Hier lag kein Abschiedsbrief für ihn. Es gab nichts mehr zu besprechen. Zu oft hatte sie versucht, durch ein Gespräch ihrer beider Leben zu verändern. Vergeblich. Es war alles mehrfach ausgesprochen worden. Jetzt aber fehlten ihr die Worte. Ihr Kopf war leer. Sie gab sich einen Ruck, lief zielstrebig zur Haustür, ließ die Tür hinter sich ins Schloss fallen und stieg in ihr Auto, ohne sich ein einziges Mal umzudrehen.
   Sie fuhr Richtung Norden. Wie fremdgesteuert manövrierte sie ihr Auto durch den Verkehr. So früh am Morgen war noch nicht viel los auf den Straßen. In ein paar Stunden würde sie am Meer sein, und ihr neues Leben konnte beginnen.
   Sophie dachte an ihn. Gestern Abend hatten sie sich noch einen Film angeschaut, und nichts deutete darauf hin, dass sie ihn morgen verlassen würde. Sie schwiegen sich fast zwei Stunden an, bis er ins Bett ging, weil sein Flieger früh am nächsten Tag startete. Er drückte ihr seinen obligatorischen, kühl anmutenden Gutenachtkuss auf die Wange und sah nicht die winzige Träne, die sich aus ihrem Auge stahl.
   Sie blieb noch eine Weile auf, bevor auch sie ins Bett ging. Erst in den frühen Morgenstunden schlief sie ein, und als sie hörte, wie er das Haus verließ, stand sie auf und verstaute ihre wenigen Habseligkeiten in ein paar Kisten und Koffern. Nur das Nötigste packte sie ein, um sich nicht mit Altlasten aus der Vergangenheit zu beschweren. Das Leben, das sie nun führen wollte, sollte sich auf das Einfache, das Wesentliche beschränken. Manchmal war weniger einfach mehr.
   Nach dreistündiger Fahrt hielt sie an einer Raststätte an und bestellte einen Tee. Ihr gegenüber nahm eine Familie mit Kindern einen Tisch in Beschlag. Sophie beobachtete das fröhliche und unbekümmerte Treiben der Kinder, die wohl noch nicht zur Schule gingen. Vielleicht wäre ihre Ehe zu retten gewesen, wenn sie Kinder gehabt hätten? Schnell verwarf sie den Gedanken. Als sie sah, wie der Mann seiner Frau einen liebevollen Blick zuwarf und sie küsste, stand sie auf, bezahlte ihren Tee und fuhr schnell weiter.
   Es war Mittag, als sie den Ort erreichte, in dem sie von nun an leben würde. Kurz bevor sie in die Straße bog, in der sie ihr neues Zuhause erwartete, hielt sie am Straßenrand an und schaltete das Navi aus.
   Sophie schloss die Augen und atmete tief durch. Ich bin frei, schoss es ihr durch den Kopf. Doch auch eine andere Stimme meldete sich und gab zu bedenken, dass es sich erst noch herausstellen würde, ob sie wirklich frei war.
   Was auch immer passieren würde, es konnte nur besser werden. Sie nahm sich vor, alles auf sich zukommen zu lassen, und hieß in Gedanken ihr neues Leben willkommen.
   Nach einer Weile fuhr sie langsam weiter. Gleich nach der nächsten Kurve erschien ihr Häuschen. Was für ein Anblick!
   Obwohl sie erst einmal hier gewesen war, beschlich sie das Gefühl, nach einer unbeschreiblich langen Zeit zu Hause und endlich in ihrem Leben anzukommen.
   Das Reetdach, das sich schützend über das weiße Mauerwerk legte, die geöffneten, rauchblauen Fensterläden und die blau gestrichene Haustür waren eine einzige Einladung. Die Kletterrose neben dem Eingang lehnte lässig am Rankgitter, und ihre weit geöffneten rosafarbenen Blütenköpfe nickten sanft bei jedem Windstoß. Der Friesenwall, der ihr Grundstück von der Straße trennte, war ein wildes Durcheinander an ungeschnittenen Hagebuttensträuchern und Unkraut. Auch das Gras im Vorgarten bedurfte eines Schnittes.
   Sophie stieg aus dem Auto, und tiefer Frieden breitete sich in ihr aus. Sie ertappte sich dabei, dass sie lächelte. Wie schön das Leben doch sein konnte. Irgendwie hatte sie das völlig vergessen.
   Sie nahm ihre Handtasche vom Beifahrersitz und einen der Koffer aus dem Kofferraum, öffnete das ebenfalls in rauchblauer Farbe gestrichene Gartentörchen und ging zur Haustür. Schnell fand sie in ihrer Tasche den abgegriffenen, messingfarbenen Haustürschlüssel, den ihr die Vorbesitzerin per Post zugeschickt hatte.
   Mit einem knarzenden Geräusch öffnete sich die altersschwache Haustür. Sofort strömte Sophie ein eigentümlicher Geruch nach Meer, Möbelpolitur, Zedernholz, Schmierseife und Kaminasche entgegen.
   Sie inhalierte genüsslich den Geruch ihres neuen Zuhauses. Eigentlich war man, wenn man durch die Haustür schritt, direkt im Haus. Es war kein Platz für eine großzügig angelegte Diele. Sophie stand in einem schmalen Gang, von dem rechts und links weiß gestrichene Türen abführten. Alle waren geöffnet. Links von ihr befand sich eine alte hölzerne Truhe. Darüber waren einige Garderobenhaken angebracht. Alles sehr einfach und praktisch, aber durchaus akzeptabel.
   Sie stellte Koffer und Tasche auf die Truhe und beschloss, erst einmal einen Rundgang durch ihr Häuschen zu machen.
   Voller Vorfreude ging sie durch die Tür auf der rechten Seite. Hier befand sich das Wohnzimmer mit einem breiten Kamin, einer Rattancouch, einer Chaiselongue, auf der zwei mit romantischem Blümchenmuster verzierte Kissen thronten, einem Glastisch und einem schwarzen Ohrensessel mit dazugehörigem Hocker. Vom Wohnzimmer aus gelangte man ins Esszimmer, in dem Stühle wie zufällig um einen Holztisch gestellt worden waren. Eine Anrichte und ein Bild, das einen grandiosen Sonnenuntergang am Meer darstellte, vervollständigten den Raum. Durch das kleine Fenster mit der Häkelgardine erspähte sie einen winzigen Teil vom Garten. Sophie lächelte. Sicherlich hatte man im Norden wegen des ständig präsenten Windes, der die Pflanzen schnell austrocknen ließ und mitunter auch jede Menge Salz mit sich führte, und wegen des mit Sand versetzten Erdreichs gärtnerisch nicht so viele Möglichkeiten, sich auszutoben. Doch sie war sich sicher, dass ihr schon etwas einfallen würde, um den Garten nach ihren Vorstellungen zu gestalten.
   Vom Esszimmer führte eine weitere Tür in die Küche, die eigentlich kein eigenständiger Bereich war. Sie befand sich wieder in dem schmalen Gang, und rechts und links waren einfach nur eine Spüle, ein Kühlschrank und ein Herd mit Backofen hingestellt worden. Das Haus war so aufgeteilt, dass sie vom Eingangsbereich auch direkt in die Küche gelangte, wenn sie nicht durch das Wohn- und Esszimmer ging.
   Von der Küche ging halb links ihr Schlafzimmer ab. Hier gab es ein Doppelbett und einen großen Schrank aus Zedernholz. Ein überdimensionales Fenster mit zur Seite gezogenen gestreiften Vorhängen durchflutete den Raum mit Licht.
   Sophie ging zurück in die Küche und von da aus linker Hand in den letzten Raum: Das Badezimmer, das mit wunderschönen blauen Fliesen, die ein maritimes Muster zierten, ausgestattet war. Gegenüber vom Bad gab es eine Tür, die in den Garten führte.
   Genau so hatte sie das kleine Haus am Meer in Erinnerung. Es war so still und friedlich hier. Anders als in der Stadt. Nur Ruhe. Wie im Urlaub.
   Sie ging zurück ins Wohnzimmer und setzte sich auf die Couch. Erst jetzt fiel ihr der Zettel auf, der fast vor ihren Füßen lag. Er musste vom Tisch heruntergeweht sein.
   Herzlich willkommen im neuen Zuhause, liebe Sophie. Ich hoffe, du wirst genauso glücklich in diesem Häuschen, wie ich es immer war. Falls du noch etwas brauchst oder Fragen hast, ruf mich an.
   Alles Liebe und Gute für dich,
   Francine
   Sophie war gerührt. So viel Herzenswärme hätte sie der ehemaligen Besitzerin des Hauses nicht zugetraut. Nach außen hin hatte sie sich distanziert, wenn nicht sogar kühl verhalten. Sophie war ihr nur zweimal begegnet: bei der Besichtigung des Hauses und beim Notartermin. Dort hatte Francine ihr nach Unterzeichnung des Kaufvertrags das Du angeboten.
   Francine hatte immer einen gelassenen, ausgeglichenen und zugleich wissenden Eindruck gemacht. Diese Frau war mit sich im Reinen gewesen, das hatte Sophie sofort gespürt. Sie wollte auch das haben, was Francine hatte und nach außen hin ausstrahlte. Sie hoffte inständig, dass das Glück, das in diesem Haus wohl jahrzehntelang gewohnt hatte, nicht mit Francine ausgezogen war und auf sie übergehen würde.
   Sie gab sich einen Ruck, erhob sich und holte die übrigen Sachen aus dem Auto.

Kapitel 2


Sophie schlief sehr unruhig. Obwohl sie das Schlafzimmerfenster geöffnet hatte, war es mucksmäuschenstill. Sie hatte nicht geahnt, dass man sich nicht nur an Lärm, sondern auch an die Stille gewöhnen musste. Gegen drei Uhr in der Früh schreckte sie schweißgebadet aus einem Albtraum hoch. Schwer atmend setzte sie sich auf. Der Traum war so real gewesen, dass sie nur langsam in der Wirklichkeit ankam.
   Sie war am Strand entlanggelaufen, als sie in der Ferne einen Mann erblickte, der auf sie zulief. Je näher er kam, desto vertrauter waren ihr seine Bewegungen. Irgendwoher kannte sie ihn, aber sie wusste nicht, wer er war, weil er noch zu weit entfernt war. Plötzlich und völlig unerwartet stand er direkt vor ihr:
   Es war John.
   »Du?«, stammelte sie. »Wie kommst du hierher? Wie hast du mich gefunden?«
   John starrte sie aus kalten Augen an, sein Blick verhieß nichts Gutes. »Wie konntest du mich nur so hintergehen?«, schnaubte er.
   »Ich habe dich nicht hintergangen. Ich wusste nur keinen anderen Ausweg«, versuchte sie, sich zu verteidigen. Warum rechtfertigte sie ihr Verhalten?
   »Du hast mich nicht hintergangen?«, schrie er. »Und wie nennst du das, wenn eine Ehefrau heimlich ein Haus kauft und ohne ein einziges Wort verschwindet?«
   »Es gab nichts mehr zu sagen«, flüsterte sie und blickte auf den Boden.
   »Warum tust du mir das an, Sophie?«, fragte John, packte sie an den Schultern und schüttelte sie.
   »Und was hast du mir die ganze Zeit angetan?«, gab sie zurück. »Hast du dir auch nur ein einziges Mal darüber Gedanken gemacht? Es ging immer nur um dich, um deine Karriere, deinen Job. Du hast deine Prioritäten ganz klar gesetzt und danach gelebt, ohne Rücksicht. Du hast mich immer wieder vertröstet mit irgendwelchen Ausreden. Nur noch diesen Monat, dieses halbe Jahr, bis Anfang nächsten Jahres. Alles leere Versprechungen, die du überhaupt nicht einhalten wolltest, weil du süchtig nach Anerkennung und Aufmerksamkeit bist. Wie ein kleines Kind, das ständig gelobt werden will und alles dafür tut. Dafür hast du sogar unsere Ehe geopfert. Mein Gott, wie blind ich war, und wie lange ich diesen Zustand ertragen und damit aufrechterhalten habe. Ich will nicht mehr so leben, John. Es ist vorbei.«
   »Vorbei«, murmelte Sophie. »Es ist endlich vorbei.« Sie stand auf, um sich einen heißen Tee zu gönnen. Vielleicht konnte sie später wieder einschlafen.
   Während sie in der Küche saß, dachte sie darüber nach, dass sie nicht mehr länger auf das Glück warten musste, es war bereits zu ihr gekommen.

»Gemütliche kleine Reetdachkate mit großem Grundstück, direkt am Deich, umständehalber zu verkaufen.«
   Sophie starrte auf die Anzeige, die der Makler ihr per Mail geschickt hatte, und ihr Herz tanzte vor Freude.
   Vielleicht war es dieses Mal ihr Traumhaus. Doch eine andere Stimme mahnte zur Vorsicht, denn sie suchte schon seit über zwei Jahren nach dem passenden Objekt im Norden.
   Wenn sie ehrlich war, hatte sie bis jetzt auch nicht zugegriffen, weil sie sich nicht hundertprozentig sicher war, ob sie diesen letzten, endgültigen Schritt wirklich wagen wollte. Jegliche Art von Veränderung machte ihr Angst. Irgendwo hatte sie einmal gelesen, dass man lieber im vertrauten Unglück bleibt, als das unvertraute Glück zu wagen. Zudem hoffte sie immer noch, dass sich die Situation zu Hause ändern würde und ihr Mann endlich aufwachte, zu ihr stand und für ihre Ehe kämpfte. Die Hoffnung starb bekanntlich zuletzt.
   Heute Morgen war sie beim Lesen der Zeitung über einen Artikel gestolpert, der sich mit der Arbeitssucht der Männer befasste. Der Autor schrieb unmissverständlich, dass sich ein Workaholic nie ändern würde, weil er süchtig sei und sein Gehirn ständig den Hormoncocktail, der bei Anerkennung und Lob ausgeschüttet wird, benötigen würde. Auch war von einer veränderten Gehirnstruktur und einem Suchtgedächtnis die Rede, was schon durch das Erforschen anderer Süchte bekannt war. Am Ende des Artikels wurde das Zusammenleben mit einem Workaholic thematisiert. Das Fazit des Autors fiel ernüchternd aus: Entweder akzeptierte man als Frau die Situation so, wie sie war, suchte sich seinen eigenen Wirkungskreis und erkannte, dass Arbeitssucht eine ernst zu nehmende Krankheit war, oder man trennte sich.
   Der Zeitungsartikel kam seltsamerweise im passenden Augenblick, und Sophie erschien es im Nachhinein so, als hätten sich an diesem Tag die vielen kleinen Puzzleteilchen, die jahrelang unverbunden nebeneinander existiert hatten, wie von Zauberhand zu einem Ganzen zusammengefügt. Als sie auf den Link klickte und das erste Bild der Reetdachkate erschien, stockte ihr der Atem. Das war es, das war ihr Haus, auf das sie so lange gewartet hatte. Sie hatte endlich das gefunden, wonach sie gesucht hatte. Ihr Traumhaus!
   Schnell klickte sie auf die übrigen Bilder. Ihre Begeisterung stieg ins Unermessliche. Genau so hatte sie sich ihr Häuschen am Meer vorgestellt. Es war wunderschön. Die niedrigen Decken, die geschmackvolle, einfache Einrichtung, die Bodendielen im Landhausstil … Ob der Besitzer das Anwesen auch mit Inventar verkaufte? Dies würde ihren Auszug erheblich vereinfachen, und sie musste sich nicht mit Altlasten beschweren. Sophie scrollte runter und las die übrigen Informationen. Ja, das Inventar wurde mitverkauft, und der Preis war absolut annehmbar. Das Geld, das sie von ihrem Vater geerbt hatte, würde reichen, und sie konnte weiterhin das Leben einer Hausfrau führen. Ohne auch nur eine Sekunde zu zögern, griff sie nach ihrem Handy und rief den Makler an.
   Da John für längere Zeit auf Geschäftsreise war, fuhr Sophie am darauffolgenden Wochenende in den Norden, um sich das Reetdachhäuschen anzuschauen.

*


»Moin«, meinte die Frau, die gerade einen Karton voller Dosen mit Tomatensoße auspackte. Sie hatte ein frisches, jugendliches und beneidenswert faltenloses Gesicht. Ihre blauen Augen lugten nur ansatzweise unter ihrem superlangen, blonden Pony hervor.
   »Moin, Moin«, gab Sophie zurück und lächelte. Ihr hatte diese Begrüßung, die vor allem in Norddeutschland üblich war, schon immer gefallen.
   Moin konnte man zu jeder Tages- und Nachtzeit sagen, und Moin, Moin, wenn man begeistert war oder den anderen zu einer Unterhaltung, dem sogenannten Klönschnack einladen wollte.
   Die Frau sah sie durchdringend an. »Schauen Sie sich nur in aller Ruhe um. Wenn Sie mich brauchen, wissen Sie ja, wo Sie mich finden.« Sie widmete sich wieder ihrem Karton.
   Sophie ging durch den schmalen Gang. Was es hier alles gab. Unglaublich. Eine Vielfalt von Einkaufsartikeln auf kleinstem Raum. So was kannte sie eigentlich nur vom Fernsehen: Ein kleiner Tante-Emma-Laden, vollgestopft mit allem, was das Herz begehrte.
   Schnell durchschaute sie das System des Ladens, nach dem die Artikel geordnet waren. Sie packte diverse Dinge in ihren Korb und machte sich auf den Weg zur Kasse, als ein Ständer mit blau gemusterten Keramiktassen ihre Aufmerksamkeit erregte.
   »Die sind wunderschön, nicht wahr?«
   Sophie blickte auf. Die Besitzerin oder Angestellte des Ladens schlenderte auf sie zu. Sie wischte die Hände an ihrer rosafarbenen Schürze ab und grinste Sophie breit an, wobei sie eine Reihe blitzblanker weißer Zähne entblößte.
   »Ja, einfach zauberhaft«, antwortete sie ehrlich. »So etwas habe ich noch nie gesehen. Dieses wunderschöne Muster.«
   Ihr Gegenüber legte den Kopf schief. »Die hab ich gemacht«, verkündete sie nicht ohne Stolz. »Ist sozusagen meine Leidenschaft. Neben meinem Laden. Oder … eine meiner vielen Leidenschaften.«
   Sophie staunte nicht schlecht. »Das ist toll. Haben Sie eine Keramikwerkstatt?«
   »Direkt hinter dem Haus. Kommen Sie mich doch mal besuchen, wenn Sie möchten. Jeden Nachmittag ab vierzehn Uhr. Oder sind Sie nur auf der Durchreise?«
   »Nein«, erwiderte Sophie. »Ich … ich habe mich hier einquartiert. Hinter dem Deich sozusagen, in dem kleinen Reetdachhaus.«
   »Ach, Sie sind die neue Besitzerin des Deichkiekerhus?« Die Frau lachte und streckte ihr die Hand entgegen. »Herzlich willkommen in unserem Dorf.«
   Sophie schüttelte die Hand. »Danke. Was für ein netter Empfang. Was sagten Sie gerade, wie heißt mein Häuschen?«
   »Deichkiekerhus. Wussten Sie das nicht?«
   Sie schüttelte den Kopf.
   »Früher wurde der Name eines jeden Hauses an die Haustür gemalt. Bei einigen Häusern sieht man es jetzt noch. Die Menschen, die auf dem Darß leben, haben ihre typischen, wunderschönen Haustüren, und wir haben statt der bunten Türen welche mit Namen. Wir haben vor, diese Tradition wieder aufleben zu lassen. Vielleicht haben Sie ja auch Lust. Stärkt das Wirgefühl«, meinte sie und lachte lauthals, wobei zwei Grübchen auf ihren Wangen tanzten.
   »Mal sehen. Meine Haustür ist ein wenig altersschwach.«
   »Och, das bekommen wir schon hin. Aber … ich möchte mich Ihnen natürlich nicht aufdrängen. Manchmal gehen wirklich die Pferde mit mir durch. Haben Sie denn alles gefunden, wonach Sie gesucht haben?«
   »Ja, vielen Dank.« Sophie drehte an dem Ständer und entdeckte auch Tassen, auf denen Eigennamen appliziert worden waren. Ihr stockte der Atem. Es gab tatsächlich eine mit ihrem Namen. Sie nahm die Tasse vom Ständer. »Die hier kommt noch dazu.«
   Die erste Anschaffung für ihr Reetdachhaus. Sophie freute sich.
   Sie gingen zur Kasse.
   »Sie haben vergessen, die Tasse zu berechnen.«
   »Mein Willkommensgeschenk für Sie«, gab die Frau zurück und zeigte wieder ihr breites Lächeln.
   Sophie war irritiert und gerührt. Schnell fasste sie sich. »Herzlichen Dank, das ist sehr nett von Ihnen.«
   »Gern geschehen. Ich heiße Febe, und wenn du Lust hast oder dir die Decke auf den Kopf fällt, komm einfach mal vorbei. Wie gesagt, nachmittags ab vierzehn Uhr. Ich würde mich sehr freuen.«
   »Das mache ich. Ganz bestimmt. Vielen Dank, Febe. Ich heiße übrigens Sophie. Aber das wissen Sie, ähm, weißt du ja schon«, fügte sie verlegen hinzu.

Am Nachmittag beschloss Sophie, schon mal einige ihrer wenigen Habseligkeiten im Häuschen zu verstauen. Nach und nach leerte sie mehrere Kartons, stellte ihre Bücher auf den Kaminsims, hängte ihre Kleider ordentlich in den Schlafzimmerschrank und wies dem einen oder anderen Dekoobjekt, an dem sie sehr hing, einen neuen Platz zu. Nun hatte das Haus etwas von ihr angenommen und wirkte nicht mehr so unpersönlich.
   Nachdem sie sich einen starken Earl Grey, den sie bei Febe gekauft hatte, aufgebrüht hatte, beschloss sie, endlich dem Meer einen Besuch abzustatten. Heute Morgen war sie zwar schon auf dem Deich gewesen, aber es war Ebbe, und das Meer schien unendlich weit weg zu sein. Da mehr als sechs Stunden vergangen waren, sollte eigentlich wieder Flut sein.
   Sophie musste sich unbedingt einen Tidenplan besorgen. Mit der Zeit würde sie ohnehin lernen, mit den Gezeiten zu leben.
   Sie nahm die Wolljacke mit dem Norwegermuster, die sie einmal in Dänemark erstanden hatte, vom Garderobenhaken, zog sie über und schlüpfte in die alten Gummistiefel, die ein Blümchenmuster zierten.
   Als sie die Haustür öffnete, raubte ihr im ersten Moment ein starker Wind den Atem. Sophie sog die Luft tief ein und schloss die Augen. Sie fühlte sich energetisiert, aufgeladen und so zufrieden wie lange nicht mehr.
   Das Meer gab sich aufgewühlt, die Wellen brachen mit riesigem Getöse am Strand. Sophie stand auf dem Deich und nahm die Umgebung in sich auf. Hier konnte man für immer leben – hier konnte man alt werden. Den Geruch von Salz, Tang, Fisch und Watt hatte sie schon als Kind geliebt. John dagegen fand ihn widerlich.
   Nur einmal war er ihrem Wunsch nachgekommen und mit ihr an die Nordsee gereist.
   »Einmal und nie wieder«, war sein abfälliger Kommentar gewesen, und er hatte ihr die paar Tage damals gründlich verdorben. »Dieser ewige Wind, diese Einöde und Kälte«, hatte er gejammert, und sie hatte einen kläglichen, letzten Versuch gestartet, um ihn von der Attraktivität des Nordens zu überzeugen.
   »Aber das ist doch genau das Schöne. Die Ruhe, das einfache Leben, das Besinnen auf das, was wirklich wichtig ist im Leben.«
   John hatte sie seltsam von der Seite angesehen, verständnislos mit den Schultern gezuckt und war ohne ein weiteres Wort ins Bett gegangen. Am nächsten Tag waren sie abgereist.
   Sophie versuchte, ihre Erinnerungen abzuschütteln. Auch wenn sie nach langer Zeit den alles entscheidenden Schritt gewagt hatte und hierher geflüchtet, nein, gezogen war, konnte sie nicht umhin, festzustellen, dass ihr Gedankenkarussell nicht zur Ruhe kam. Sie hatte ihre Vergangenheit und das ganze Leid, die Missachtung, Demütigung, Vernachlässigung, Ignoranz und den Mangel an Liebe mit an die Nordsee genommen. Alles war noch präsent, und es würde sicherlich eine Weile dauern, bis sie den nötigen Abstand bekommen hatte und zur Ruhe kam. Sie musste darauf achten, was sie dachte, denn mit den negativen Gedanken kamen unweigerlich die unguten Gefühle.

Sie war schon eine Weile unterwegs, als sie in der Ferne einen winzigen Punkt ausmachte, der sich auf sie zuzubewegen schien. Sophie blieb stehen, strich energisch eine widerspenstige Haarsträhne aus dem Gesicht und kniff die Augen zusammen. Tatsächlich: Irgendetwas oder irgendwer lief in ihre Richtung. Noch konnte sie nicht erkennen, ob es sich um einen Menschen oder um ein Tier handelte.
   Ihr Albtraum kam ihr in den Sinn, und ein Panikgefühl wollte sich einstellen. Sie sah sich um, und das Entsetzen wuchs, weil sie allein am Strand war. Instinktiv griff sie in die Hosentasche und kramte ihr Handy hervor. Seitdem sie ihr altes Leben hinter sich gelassen hatte, war ihr Mobiltelefon ausgeschaltet. Sie wollte für niemanden und vor allem nicht für John erreichbar sein. Jetzt allerdings war die Situation eine andere. Dies war ein absoluter Notfall. Schnell schaltete sie das Gerät ein. Das Display flackerte kurz auf und erlosch.
   »Verdammt! Auch das noch.« Sophie blickte zu der sich nähernden Gestalt. Mittlerweile war ihr klar, dass ein Hund auf sie zugelaufen kam. Sie hoffte inständig, dass es sich um ein friedliches Exemplar und nicht um eine Bestie handelte. Weglaufen kam nicht infrage. Irgendwo hatte sie einmal gelesen, dass, wenn ein Mensch vor einem Hund flüchtete, dies seinen Jagdtrieb auslösen könnte. Außerdem war sie viel zu langsam, der Hund hätte sie in Windeseile eingeholt. So blieb sie einfach stehen und wartete.
   Der schwarz-weiße mittelgroße Hund kam schwanzwedelnd zu ihr und sprang freudig an ihr hoch. Sophie fiel ein Stein vom Herzen. Sie streichelte den Vierbeiner mit den wunderschönen schwarzen Knopfaugen und redete ruhig mit ihm. Offensichtlich war er seinem Herrchen oder Frauchen weggelaufen, denn es war nach wie vor keine Menschenseele zu sehen.
   Sophie beschloss, umzukehren. Sie forderte den Hund auf, mit ihr zu gehen, indem sie mit der Zunge schnalzte. Das schwarz-weiße Knäuel lief aufgeregt um sie herum und ging nach einigen Versuchen problemlos mit ihr zurück.
   Eine gute halbe Stunde später schloss sie die Haustür auf, und der Hund stürmte an ihr vorbei direkt in die Küche. Sie folgte ihm und suchte im Kühlschrank nach etwas Essbarem. Gierig fraß der Vierbeiner die ihm angebotene Wurst.
   Mittlerweile war es stockduster, und Sophie beschloss, den Hund über Nacht dazubehalten und morgen nach seinem Besitzer zu suchen. Als sie kurze Zeit später ins Bett gehen wollte, lag das schwarz-weiße Knäuel wie selbstverständlich am Fußende und wartete geduldig auf sie. Sophie lächelte, schlüpfte unter die Bettdecke und schlief auf der Stelle ein.

Kapitel 3


Etwas drückte gegen ihren Bauch. Eine Last, unendlich schwer. Sophie erwachte und blickte geradewegs in zwei schwarze Hundeaugen. Der Vierbeiner hatte es sich im Laufe der Nacht auf ihrem Bauch bequem gemacht, wobei sein Kopf dem ihren zugewandt war. Sophie lachte und streichelte ihn. Der Hund beantwortete die Aufmerksamkeit postwendend mit einem intensiven Schwanzwedeln.
   »Guten Morgen, mein Schöner«, meinte Sophie. »Zeit fürs Frühstück.«
   Der Hund sprang aus dem Bett und folgte Sophie in die Küche. Ein Blick in den Kühlschrank verriet, dass es heute Morgen Schwarzbrot mit Leberwurst für ihren Gast geben würde.
   Nachdem der letzte Krümel aufgeleckt war, ließ Sophie den Hund in den Garten und zog sich an.
   Eine halbe Stunde später machte sie sich mit ihrem neuen Freund auf den Weg in die Stadt, um den rechtmäßigen Besitzer ausfindig zu machen. Sicherlich machte er sich schon große Sorgen, und auch, wenn sich Wehmut in ihrem Herzen breitmachte, war sich Sophie doch sicher, dass sie es nicht nur dem Besitzer, sondern auch dem Hund schuldig war, ihn schnellstmöglich zurückzubringen. Sie würde Febe aufsuchen und sie fragen, wem der Hund gehörte. Schließlich war ihr Laden Dreh- und Angelpunkt sämtlicher Angelegenheiten des Dorfes. Sie würde schon wissen, wer der Besitzer des Hundes war. Ganz bestimmt.
   Als sie Febes Laden betreten wollte, raste der Hund plötzlich los und wollte die Straße überqueren. Ein Auto bremste und kam mit quietschenden Reifen unmittelbar vor dem Hund zum Stehen.
   »Passen Sie gefälligst auf Ihren Hund auf«, rief der Fahrer erbost durch das geöffnete Seitenfenster. Seine Gesichtsfarbe änderte sich augenblicklich in ein ungesundes Rot. »So was Unfähiges«, setzte er nach und fuhr wild gestikulierend davon.
   Sophie, die gerade etwas zu ihrer Verteidigung sagen wollte, klappte den Mund wieder zu. Sie stand wie eingefroren auf dem Bürgersteig.
   In der Zwischenzeit hatte der Vierbeiner unbeschadet die andere Straßenseite erreicht und sprang schwanzwedelnd an einem Mann hoch, der, aufgeschreckt von dem Geräusch der quietschenden Reifen, einen Stapel voller Bücher, die er wohl auf einem Tisch vor der Buchhandlung deponieren wollte, hatte fallen lassen. Auch ihm war offensichtlich der Schreck in die Glieder gefahren, aber Sophie erkannte selbst auf diese Entfernung, dass noch etwas anderes in seinem Gesicht zu lesen war: Erleichterung.
   Er sah zu ihr herüber. »Was haben Sie mit meinem Hund zu schaffen? Wenn Sie auch einen Hund möchten, gehen Sie ins Tierheim oder kaufen Sie sich einen. Oder besser noch, Sie lassen es ganz bleiben. Wegen ihrer Nachlässigkeit wäre mein Hund bald überfahren worden. Wie kann man nur so unachtsam sein?«
   Abermals öffnete Sophie den Mund, um sich zu verteidigen, aber sie blieb stumm.
   »Nun reg dich mal ab, Ben. Ist ja nichts passiert«, hörte sie hinter sich eine ihr vertraute Stimme. Febe nahm sie behutsam am Ellenbogen und zog sie in ihren Laden. »Norddeutscher Charme«, sagte sie nur.
   »Was für ein ungehobelter, unverschämter, aufgeblasener Kerl«, ereiferte sich Sophie. »Was bildet der sich eigentlich ein? So ein arroganter Spinner.«
   Febe drückte sie sanft auf einen Stuhl. »Nun mal langsam«, sagte sie ruhig. »Möchtest du auch einen Tee zum Runterfahren?«
   Sophie nickte.
   Febe hatte sie in den hinteren Raum des Geschäftes bugsiert und auf einen alten blauen Stuhl gedrückt, auf dessen breiter Lehne Wolken aufgemalt worden waren. Weil sie im Moment keine Kundschaft hatte, konnte sie das Geschäft eine Weile unbeaufsichtigt lassen. Wenn jemand käme, würde die Türglocke oberhalb der Ladentür ihren eigentümlichen Klang ertönen lassen.
   Febe füllte einen alten Teekessel, der schon bessere Tage gesehen hatte, mit Wasser und stellte ihn auf eine der beiden Herdplatten. Sie nahm zwei abgegriffene Keramiktassen und eine Teekanne, die farblich überhaupt nicht zu den Tassen passte, vom Regal über der winzigen Spüle. »Gunpowder oder Maracujatee?«
   »Gunpowder wäre gut. Passt super zu meiner Stimmung«, erwiderte Sophie.
   Während Febe den Tee zubereitete, sah sich Sophie um. Erstaunlich, wie effizient Febe auch diesen kleinen Raum gestaltet hatte. Hier war genau wie in ihrem Laden alles gut durchdacht und jeder freie Platz optimal genutzt. Als der Tee durchgezogen war, reichte Febe Sophie eine Tasse und sah sie fragend an.
   »Was möchtest du wissen?«
   »Alles«, gab Febe zurück und lachte.
   »Erzähl, wie bist du an Boris gekommen?«
   »Wer ist das denn?«
   »Ach, entschuldige. Boris ist der Hund, der unserem Buchhändler Ben gehört. Der nette Mann von gegenüber, der die Buchhandlung Leselust betreibt«, erklärte Febe.
   »Erinnere mich nicht daran.« Sophie schnaubte.
   »Der Hund, also Boris, ist mir gestern am Strand begegnet, und weil es schon spät war, hat er bei mir übernachtet. Heute Morgen wollte ich dich aufsuchen, um zu fragen, wem er gehört, damit ich ihn zurückgeben kann. Den Rest der Geschichte kennst du ja.« Sophie nippte vorsichtig an ihrem Tee.
   Febe, die sie aus den Augenwinkeln beobachtet hatte, nickte. »Ja, das ist nicht das erste Mal, dass Boris wegläuft. Es ist ihm einfach zu langweilig in der Buchhandlung. Aber was soll Ben machen? Er kann schlecht sein Geschäft zwischendurch schließen, um den Hund zu bespaßen.«
   »Dann schafft man sich eben keinen Hund an. Man weiß doch vorher, ob man sich vernünftig um ein Tier kümmern kann.«
   »Tja, in diesem Fall verhält es sich leider anders«, meinte Febe nachdenklich.
   Sophie sah auf.
   »Ben hat diesen Hund quasi geerbt, wenn man es so nennen will. Er hatte eine gute Freundin, die vor etwas über einem Jahr verstorben ist. Ihr zuliebe hat er den Hund behalten, und wohl auch, weil er es nicht übers Herz gebracht hat, ihn ins Tierheim zu stecken. Er hängt sehr an Boris, liebt ihn über alles und würde es nicht ertragen, wenn ihm etwas zustoßen würde. Boris ist das Wichtigste in seinem Leben. Er muss außer sich vor Sorge gewesen sein, als er über Nacht verschwunden blieb.«
   »Oh, das wusste ich nicht«, beeilte sich Sophie zu sagen und blickte betroffen zu Boden.
   »Woher auch?«, sagte Febe. »Du bist ja noch neu in unserem Dorf, aber …«, sagte sie verschwörerisch, »es wird nicht lange dauern, und du weißt alles über alle hier, glaube mir.« Febe zeigte wieder ihr breites Grinsen und strich sich ihren superlangen, blonden Pony aus der Stirn.
   »Und jeder weiß vermutlich alles über mich.« Sophie lachte.
   »Ausnahmslos jeder!« Febe kicherte. »Aber wir sind gar nicht so schlimm, wie es nach außen hin scheint. Hier hat fast jeder das Herz am richtigen Fleck.«
   »Dein Wort in Gottes Ohr.«

Eine gute halbe Stunde später verließ Sophie mit einem Tidenplan in der Hand Febes Geschäft. Unauffällig riskierte sie einen Blick zur gegenüberliegenden Buchhandlung. In diesem Moment schaute Ben, der sich mit einer Kundin vor dem Laden unterhielt, in ihre Richtung. Der feindliche, verständnislose, abwertende Blick traf sie mitten ins Herz.
   Unterdrückte Wut, Scham, Schuld und Kleinheit stellten sich ein. Ihr wurde augenblicklich übel. Das kannte sie nur zu gut. Ihr Kopfkino lief auf Hochtouren, und ihr innerer Kritiker wetterte. Wie oft wollte sie sich eigentlich noch schlecht fühlen, und vor allem, wie oft wollte sie sich noch von anderen Menschen schlecht behandeln lassen? Ihre inneren Verletzungen mussten schon sehr tief sein, stellte sie mit Erschrecken fest, sonst würde ein fremder Mann nicht die Macht haben, sie derart aus der Fassung zu bringen.
   Eigentlich hatte sie gehofft, dass sie die Vergangenheit mit ihrem Umzug in den Norden zumindest teilweise hinter sich gelassen hätte, aber dies war offensichtlich nicht der Fall. Ihre Seele, die über Jahre tief verletzt worden war, hatte all die Verstrickungen und Gefühle nicht vergessen, geschweige denn auch nur ansatzweise verarbeitet. In ähnlichen Situationen verhielt sie sich immer noch so, wie sie sich bei John verhalten hatte. Irgendwie war sie wie fremdgesteuert – von ihrem Innersten Schachmatt gesetzt. Andere Menschen ließen ihren Frust und ihre Wut an ihr aus, und sie hatte dem nichts entgegenzusetzen. Sie blieb stumm. Was hätte sie auch sagen sollen?
   Tränen liefen über ihr Gesicht, der alte Schmerz kam ungebremst wieder hoch, nahm ihr die Luft zum Atmen und ließ sie nach Luft schnappen. Mit einer hastigen Handbewegung wischte sie die nicht enden wollenden Tränen weg, wobei ihr Tidenplan auf den Boden fiel. Schnell lief sie zu ihrem Auto.

Kapitel 4


Der Himmel öffnete seine Schleusen. Dicke, tiefe graue Wolken hingen über dem tosenden Meer. Gewaltige Wellen brachen sich am Strand.
   Sophie beschloss, es sich auf der Couch gemütlich zu machen. Noch im Schlafanzug und dicken Socken kuschelte sie sich mit einer Tasse dampfendem Tee und ihrem Lieblingsbuch in ein Plaid aus warmer Schafswolle.
   Hier im Norden blieb ihr nichts anderes übrig, als mit den Jahreszeiten und dem sich manchmal stündlich ändernden Wetter zu leben. Als sie noch in der Stadt gewohnt hatte, hatte sie nie auf das Wetter geachtet. Es gab unzählige Möglichkeiten, um Wetterkapriolen auszuweichen. Man betrat einfach ein Restaurant, bestellte sich etwas zu essen und vergaß die Welt dort draußen – und die Zeit.
   Als ihre Mutter nach langer, schwerer Krankheit gestorben war, wurde Sophie zum ersten Mal in ihrem Leben bewusst, dass auch ihre Zeit begrenzt war. Der Begriff bekam eine ganz andere Bedeutung. Sie schaute auf ihr Leben und bemerkte, mit welchen Nebensächlichkeiten und vor allem Nichtigkeiten sie ihre Zeit verplemperte. Von diesem Moment an hatte sie gespürt, dass diese künstliche, oberflächliche Welt nicht mehr zu ihr passte. Sie hatte sich innerlich davon entfernt und fühlte sich in dem Neonlicht und all dem Glamour nicht mehr wohl. Etwas anderes kam an die Oberfläche: die Sehnsucht nach einem einfachen, ursprünglichen, authentischen, unkomplizierteren Leben.
   Sophie wollte nicht mehr ihren Tagesablauf von Besuchen im Fitnessstudio, im Friseursalon oder im Nagelstudio bestimmen lassen. Sie beabsichtigte, von nun an ihre Zeit bewusst zu gestalten. So suchte sie wieder Bibliotheken auf und frönte ihrer alten Leidenschaft, die sie völlig vergessen zu haben schien: dem Lesen. Tagelang verschwand sie innerlich in den Gedankenkonstrukten und Geschichten der Bücher, die sie verschlang.
   Sie kümmerte sich kaum noch um den Haushalt und vergaß sogar manchmal, John das Abendessen zuzubereiten. Immer öfter saß sie bis spät in der Nacht lesend auf der Couch. Johns Wut stieg von Tag zu Tag.
   Sophie hielt seine aggressiven Bemerkungen und Verurteilungen aus, denn sie lebte in ganz anderen, imaginären und vor allem friedlichen Welten. Als John bemerkte, dass seine Worte ungehört verhallten, änderte er seine Strategie, strafte sie mit Missachtung und Schweigen und kommunizierte nur noch über Handy und Zettel mit ihr.
   Sophie lebte in einem Mausoleum und wäre sicherlich innerlich gestorben, wenn sie nicht ihre Bücher gehabt hätte. So hatte sie zumindest für eine kurze Zeit eine Möglichkeit gefunden, um die unerträgliche Situation zu Hause aushalten zu können.
   Nach ein paar Monaten fiel sie jedoch wieder in ihr altes Muster zurück und vernachlässigte ihre Leselust. Doch etwas ließ sich nicht verdrängen: Die Sehnsucht nach einem neuen Leben, nach einem Leben, in dem John nicht mehr vorkam.
   Ein Geräusch ließ sie aufhorchen. Hatte sie sich das nur eingebildet? Nein … da war es wieder. Ein immer wiederkehrendes, fast rhythmisches Plopp. Seltsam.
   Seufzend schälte sich Sophie aus dem Plaid und ging, ab und zu horchend, von einem Zimmer zum anderen. Gerade, als sie beschloss, es sich wieder auf der Couch bequem zu machen, weil sie einfach nicht herausfinden konnte, woher dieses Geräusch kam, bemerkte sie, dass sie im Eingangsbereich in etwas hineingetreten war.
   »O nein! Das fehlt mir noch!« Sie entdeckte einen kleinen Wasserflecken an der Decke, von dessen Mitte in regelmäßigen Zeitintervallen ein Tropfen auf den Boden fiel. Es hatte sich bereits eine Pfütze gebildet, in der sie mit dem rechten Fuß stand.
   Schnell lief sie in die Küche, kramte unter der Spüle einen alten Keramiktopf hervor und stellte ihn unter die tropfende Decke.
   »Mist!«, rief sie in das leere Haus.
   Es half alles nichts. Sie musste auf dem Dachboden nach dem Rechten schauen. Wo war noch mal die Dachluke? Sophie entdeckte sie in der winzigen Diele. Nun erinnerte sie sich auch wieder. Francine hatte sie ihr bei der Besichtigung gezeigt und erklärt, wie man sie mit einem Stab öffnen konnte.
   Der Stab, der in die Vertiefung der Deckentür eingehakt werden musste, stand neben dem Kamin. Sophie schnappte ihn und versuchte, ihn in der Holztür einzurasten. Nach dem dritten Anlauf gab die Tür mit einem knarrenden Geräusch nach, und sie konnte eine kleine Holztreppe nach unten ziehen. Staubflocken und ein muffiger Geruch kamen ihr entgegen. Sophie prüfte, ob die Treppe fest auf dem Boden stand und stieg auf Socken die Stiegen hoch.
   Der Regen prasselte auf das Reetdach. Hier oben war es ganz schön laut. Was Sophie aber am meisten erstaunte, war die Tatsache, dass der Dachboden nicht leer war. Es standen wunderschöne alte Möbel, Gebrauchsgegenstände, diverse Gerätschaften und jede Menge Trödel herum. Ein Sammelsurium der unterschiedlichsten Dinge. Ob Francine vergessen hatte, sie mitzunehmen? Sie musste sie unbedingt danach fragen.
   Unmittelbar links von ihr entdeckte sie ein kleines Loch im Dach, durch das das Wasser seinen Weg gefunden hatte. Sophie sah sich auf dem Dachboden nach einem Gefäß um, das sie unter das Loch stellen könnte.
   Es standen zwar mehrere alte Blumentöpfe unter der linken Dachschräge, aber alle hatten, wie sich herausstellte, ein Wasserabzugsloch. Sie ließ den Blick weiter durch den Raum schweifen und entdeckte eine sehr alte, wunderschöne Vitrine mit milchigen, aber vollständig erhaltenen Scheiben. Sophie putzte eine Scheibe mit ihrem Ärmel und schaute durch. Da sie nichts erkennen konnte, beschloss sie, den Schrank zu öffnen. Ein beeindruckender, riesiger Rumtopf mit blau-weißem Deckel stand im unteren Drittel des Schrankes. Sophie hob ihn aus der Vitrine und schleppte ihn zu der nassen Stelle.
   Genau der richtige Durchmesser, dachte sie und hob den Deckel des Gefäßes ab. Sie staunte nicht schlecht, als eine hölzerne Schatulle zum Vorschein kam. Vorsichtig nahm sie sie aus dem Rumtopf.
   Eine kleine Schatzkiste. Sophie betrachtete sie von allen Seiten. Sie stand auf vier hölzernen, abgerundeten Füßchen und hatte ein goldenes Schnappschloss, das mittig angebracht worden war. Sowohl der Deckel als auch die Seitenteile und die Rückwand waren mit orientalisch anmutenden Ornamenten verziert. Da hatte sich jemand viel Mühe beim Schnitzen der Schatulle gemacht und jede Menge Herzblut in diese Arbeit einfließen lassen.
   Gewissensbisse stellten sich kurz ein, aber ihre Neugier überwog bei Weitem. Sie musste einfach wissen, was in dem Kästchen war. Außerdem würde keiner davon erfahren, dass sie sich in fremde Angelegenheiten eingemischt hatte. Immerhin war das jetzt ihr Haus, und alles, was sich darin befand, war ihr Eigentum.
   Sie schob den Rumtopf passgenau unter das Loch des Reetdachs und stieg mit der Schatulle in der Hand vorsichtig die Stufen hinunter.

Sophie hatte sich umgezogen. Im bequemen Jogginganzug und frischen dicken Socken saß sie auf der Couch. Eine Kanne Tee und eine Tüte Spritzgebäck standen auf dem Glastisch. Sie wollte den Moment bewusst zelebrieren und sich genügend Zeit für diese besondere Angelegenheit nehmen. Es gab sowieso nichts zu tun. Sicherlich hätte sie noch einige Reinigungsarbeiten im Haus verrichten können, aber diese liefen ihr nicht weg. Auch die letzten, noch nicht ausgepackten Kartons konnten warten.
   In ihrem alten Zuhause hätte sie wetterunabhängig immer irgendetwas geputzt, aufgeräumt oder neu dekoriert, nur, um sich zu beschäftigen, nicht die Leere spüren zu müssen. Jetzt galt es, umzudenken und einfach das zu machen, wozu sie Lust verspürte. Gar nicht so einfach, wenn man jahrzehntelang anders gelebt hatte. Der Mensch war wirklich ein Gewohnheitstier und änderte sich nur, wenn es unumgänglich war.
   Es regnete immer noch Bindfäden vom Himmel. Vorsichtig nahm Sophie die geheimnisvolle Schatulle in beide Hände. Sie war aufgeregt wie ein kleines Kind. In ihrer Fantasie tobte ein kleiner Sturm, und sie malte sich in Gedanken die wildesten Dinge aus. Doch auch Zweifel meldeten sich. Was wäre, wenn die Schatztruhe leer sein würde? Sophie schüttelte sie mit Bedacht. Nichts rappelte. Da die Schatulle jedoch sehr schwer war, schien es unwahrscheinlich, dass sich nichts in ihr befand.
   Sophie hantierte an dem goldenen Schnappschloss, das irgendwie verkantet oder leicht verbogen war. So sehr sie sich auch bemühte, das kleine Schloss ließ sich einfach nicht öffnen.
   »Verdammt!« Sie erhob sich.
   Mit einem Messer aus der Küche bewaffnet, versuchte sie es erneut. Nach mehreren Versuchen gab das Schloss unter lautem Krachen endlich nach, wobei der obere Teil in hohem Bogen durch die Luft flog und geräuschvoll auf den Bodendielen landete.
   »O nein«, fluchte sie.
   Wenn Francine die Sachen vom Dachboden vergessen haben sollte und sie abholen würde, käme heraus, dass sie ihre Neugier nicht hatte zähmen können und sich in Dinge eingemischt hatte, die sie nichts angingen.
   Vielleicht könnte man das Schloss reparieren, besänftigte sie sich. Noch war nichts verloren, und es war nicht gesagt, dass sie auffliegen würde. Ihr Gewissen war vorerst beruhigt.
   Sophie widmete sich wieder der Schatulle und öffnete sie. Zum Vorschein kam ein Buch, dessen Deckel mit Leder in meerblauer Farbe bezogen worden war. Er war über und über mit goldenen Ornamenten bestückt. Wunderschön und äußerst edel. Sie nahm es behutsam aus der Schatulle, was sich nicht ganz einfach gestaltete, weil es zentimetergenau hineinpasste. Deswegen hatte beim Schütteln der Schatztruhe nichts gerappelt. Es schien, als wäre die Schatulle eigens für das Buch hergestellt worden.
   Sophie betrachtete es voller Ehrfurcht und drehte es in alle Richtungen. Sowohl der Buchrücken als auch die Rückseite des Buches wiesen ebenfalls goldene Ornamente auf. Die Seiten waren etwas gewellt, als wären sie das eine oder andere Mal mit Feuchtigkeit in Berührung gekommen, und schimmerten golden. Auch gab es ein goldenes Lesebändchen, das ziemlich am Anfang des Buches eingelegt worden war.
   Sophie atmete tief durch und öffnete es.

Wir galten gemeinhin als Traumpaar. Egal, wo wir auftauchten, die Leute drehten sich nach uns um, lächelten und tuschelten hinter unserem Rücken. Oft hörten wir ihre wohlmeinenden Kommentare wie: »Was für ein schönes Paar«, oder: »Die Beiden passen aber gut zusammen«. Wir schmunzelten dann nur, sahen uns verliebt an, fühlten uns bestätigt, denn wir dachten über Jahre hinweg das Gleiche wie die unbekannten Leute. Was Gott zusammengefügt hat … Vielleicht strahlten wir das aus, was alle Menschen gern haben wollten: die perfekte Beziehung.
   Auch im Freundeskreis waren wir das Vorzeigeehepaar. Ständig zusammen, immer umeinander bemüht, Händchen haltend. Ging eine Ehe in die Brüche, hieß es immer, dass uns das nie passieren würde, wurde eine neue geschlossen, sollte sie so glücklich wie unsere werden. Wir entsprachen hundertprozentig dem Klischee einer gut funktionierenden, glücklichen Ehe.
   Sophie ließ das Buch sinken. Auf einmal fror sie innerlich. Wem gehörte dieses Buch? Francine oder jemand anderem, der in diesem Haus gelebt hatte? Was war das für eine Geschichte, und vor allem: Wer hatte sie geschrieben? Irgendwie las sie sich wie der Beginn ihrer Beziehung zu John. Die Ähnlichkeiten waren frappierend. Auch sie waren immer als Traumpaar bezeichnet worden. Sie stellten das Ideal einer gelungenen Beziehung dar. Sie konnten sich nach außen hin gut inszenieren, aber alles war im Laufe der Jahre zunehmend auf Sand gebaut worden, nur Schein und Trug. Sicherlich würde ihr Bekanntenkreis aus allen Wolken fallen, wenn er erfuhr, dass sie John ohne ein einziges Wort zu sagen verlassen hatte. Sophie mochte nicht darüber nachdenken.
   Sie hatten über Jahre erfolgreich eine nicht zu durchschauende Fassade aufgebaut, die unendlich viel Kraft gekostet hatte, ohne dass sie sich dessen bewusst gewesen wäre. Ein Energieräuber, der ihr zunehmend nicht nur die Luft zum Atmen genommen hatte, sondern auch ihre Lebensfreude, Unbeschwertheit und Leichtigkeit. Ihr einst unbekümmertes, fröhliches, ansteckendes Lachen war verschwunden. An seine Stelle traten Traurigkeit, Ohnmacht und Antriebslosigkeit.
   Eine Träne bahnte sich ihren Weg über Sophies Wange. Was sollte das hier werden? Eine Aufarbeitung ihrer Vergangenheit? Gerade das wollte sie unter keinen Umständen. Sie war hierhergekommen, um diese Trostlosigkeit, die Verzweiflung und den Schmerz endlich hinter sich zu lassen. Und jetzt hatte sie dieses Buch gefunden, das ihr gnadenlos ihr vergangenes Leben vor Augen hielt. Zufall? Gab es überhaupt Zufälle? Irgendwo hatte sie einmal gelesen, dass nicht der Leser das Buch findet, sondern das Buch den Leser. Damals hatte sie sich über diesen Gedankengang lustig gemacht und ihn als esoterische Spinnerei abgetan. Doch heute kamen ihr diesbezüglich Zweifel. Manche Dinge, die einem widerfuhren, konnte man einfach nicht mit dem Verstand erklären. Je älter sie wurde, desto mehr verfestigte sich ihre Annahme, dass nichts umsonst geschah und alles seinen Sinn hatte. Sie hoffte inständig, dass sie mit ihrem Umzug in den Norden den richtigen Weg gefunden und eingeschlagen hatte und nicht einer Täuschung aufgesessen war.

Kapitel 5


Die Regentropfen, die von den sich öffnenden Hortensienblüten abperlten, sahen aus wie kleine, funkelnde Sterne. Sophie nahm eine Blüte vorsichtig in die Hand und bestaunte die filigrane Anordnung der unzähligen, großen, farbigen Kelchblätter am Rande des Blütenstandes. Unglaublich, welche Kunstwerke die Natur hervorbrachte. Für Sophie gab es nichts Schöneres, als der Natur beim Hervorbringen, Wachsen und Reifen zuzuschauen. Die Jahreszeiten folgten immer dem gleichen Rhythmus, den gleichen Gesetzmäßigkeiten.
   Früher hatten ihr Strukturen, immer wiederkehrende, vorhersehbare Ereignisse Orientierung und Sicherheit gegeben. Sie bildeten einen Ausgleich zu dem Chaos, das in ihr herrschte. Gleichzeitig waren sie starr, rigide und einengend gewesen. Die scheinbare Sicherheit durch geregelte Routine hatte einen hohen Preis: Den Verlust von Spontaneität, Lebendigkeit, Flexibilität und Freude am Leben, das immer auch Veränderung und Wandel war.
   Mittlerweile war es Anfang Juli, sie war seit zwei Wochen in ihrem kleinen Reetdachhaus. Die Zeit verging wie im Fluge, und Sophie kam es vor, als wäre sie schon vor Monaten hierhergezogen. Sicherlich lag das auch daran, dass sie sich immer noch wie im Urlaub fühlte. Der Alltag hatte sie noch nicht eingeholt. Zwar hatte sie eine morgendliche Routine entwickelt, aber ansonsten lebte sie einfach in den Tag hinein. Sie führte das Leben, das sie schon immer herbeigesehnt hatte, konträr zu ihrem vorherigen.
   Ich lebe nach dem Lustprinzip, dachte sie.
   Mache nur das, was mir gefällt, ein kleiner Hedonist. Sie schmunzelte.
   Aber wenn sie ehrlich war, wurde sie zunehmend unruhig. Ihre selbst geschaffene Idylle schien gefährlich ins Wanken zu geraten, hatte einen empfindlichen Riss bekommen, denn sie war innerlich nicht frei von ihrer Vergangenheit. Wie sollte sie auch? Sie hatte sich immer noch nicht mit ihren Baustellen auseinandergesetzt, sie war davor geflohen. Zu denken, dass ein Ortswechsel alles ändern würde, erschien ihr im Nachhinein naiv. Ihr ganzes Leben war in ihrem Kopf und vor allem in ihrem Herzen gespeichert. Es war alles noch da. Die Vergangenheit war mit umgezogen.
   Ihr Handy war nach wie vor ausgeschaltet. Sie hatte noch nicht den Mut gefunden, es aufzuladen. Sicherlich waren unzählige Nachrichten von John gespeichert. Hoffentlich hatte er nicht die Polizei über ihr plötzliches Verschwinden informiert. Es half alles nicht. Früher oder später musste sie sich den Dingen stellen, sonst würde es jede Menge Ärger geben.
   Die Freude über ihren Garten war verflogen, Schwermut machte sich breit. Sie beendete ihre tägliche Runde durch ihr kleines Paradies, zog ihre schmutzigen Gartenclogs vor dem hinteren Hauseingang aus und eilte auf Socken in die Küche.
   Sie nahm das Handy von der Ablage über der Spüle und holte das Kabel zum Aufladen aus der Küchenschublade. Schnell schloss sie es an und verließ den Raum fluchtartig. Erst einmal in Ruhe duschen und die ganzen negativen Gedanken und Gefühle abwaschen. Das Handy konnte noch warten. Und die Vergangenheit auch.

Im Bademantel, ein Handtuch um den nassen Kopf gewickelt, betrat sie die Küche. Die alte Übelkeit, ihr ständiger, verhasster Begleiter aus vergangenen Jahren, stellte sich postwendend ein. Der Körper setzte ihre innerliche Rebellion, ihren unbändigen Widerstand und ihren Widerwillen sofort in Symptome um.
   Sie starrte auf das Handy, das immer noch an der Steckdose hing. Sophie wusste genau, womit sie zu rechnen hatte. Wenn man so lange verheiratet war, kannte man die Reaktionen des anderen in- und auswendig. Kommunikativ war alles so ein- und festgefahren, dass einfach nichts Neues zu erwarten war.
   Die Vorhersehbarkeit von Johns Reaktionen auf bestimmte Ereignisse und Äußerungen hatten ihr anfangs die nötige Sicherheit und Orientierung gegeben, die sie so dringend benötigte. Dies hing höchstwahrscheinlich damit zusammen, dass sie in einem Elternhaus aufgewachsen war, in dem sie ständig auf der Hut sein musste. Ihre psychisch kranke Mutter war unberechenbar. Ihre Launen, ihre fehlende Empathie und ihre Selbstsucht führten dazu, dass Sophie ständig unter Stress stand. Nie wusste sie, was als Nächstes passieren würde, da ihre Mutter in vergleichbaren Situationen gegensätzlich reagieren konnte. Egal, wie sehr sich Sophie bemühte, ihre Mutter war chronisch unzufrieden, und sie konnte es ihr einfach nicht recht machen. Sophie musste in jungen Jahren sehr schnell erwachsen werden und litt durch das ständige Aufreiben im Zusammenleben mit ihrer Mutter unter chronischen Erschöpfungszuständen. Manchmal wünschte sie sich eine Auszeit vom Leben, um wieder zu Kräften zu kommen.
   Ihren Vater hatte Sophie in jungen Jahren nach der Trennung von ihrer Mutter nicht allzu oft zu Gesicht bekommen. Jedenfalls konnte sie sich als kleines Kind nicht gut an ihn erinnern. Je weiter der Verlust ihres Vaters zurücklag, desto öfter versuchte sie damals, sich unaufhörlich, bis zur totalen Erschöpfung, sein Gesicht ins Gedächtnis zu rufen, und wurde extrem wütend, wenn es ihr immer wieder aufs Neue nicht gelingen wollte. Dann hämmerte sie verzweifelt mit den Fäusten gegen ihren Kopf, bis ihre genervte Mutter sie daran hinderte und sie Besorgungen machen ließ, damit sie auf andere Gedanken kam.
   Er war ein angesehener Richter, der aufgrund seiner gerechten Urteile einen sehr guten Ruf genoss. Unmittelbar nachdem er Sophies Mutter verlassen hatte, bekam er die einmalige Chance, einen vielversprechenden Aufgabenbereich in den neuen Bundesländern übernehmen zu können. Er bemühte sich noch mehr um Sophies Zuneigung, wollte gemeinsam mit ihr ein neues, friedliches Leben beginnen, doch seine Frau stellte sich ihm vehement und letztendlich erfolgreich in den Weg. Sie erzählte Lügengeschichten, stellte ihn als schlechten, verantwortungslosen und egoistischen Menschen dar, hetzte Sophie gegen ihn auf und intrigierte, wann immer sich ihr eine Möglichkeit bot. Sophie war in ihrer Abhängigkeit von der Mutter noch zu klein, um sich ein eigenes Bild über den Vater machen zu können. Sie war der Mutter und ihren Machenschaften hilflos ausgeliefert, übernahm ihre Meinungen und sagte ihm irgendwann unter Tränen, dass sie ihn nie mehr wiedersehen wolle.
   Sophies Vater gab vorerst entmutigt, verletzt und erschöpft auf und nahm schweren Herzens seine neue, weit entfernte Arbeitsstelle an. Er ließ Sophie bei seiner Frau zurück, obwohl er wusste, dass sie sie weiterhin hemmungslos für ihre Belange psychisch missbrauchen würde. Er war am Ende seiner Kraft und sah sich außerstande, künftig um seine Tochter zu kämpfen. Die jahrelangen Streitereien mit seiner psychisch kranken Frau hatten ihn zermürbt, ihm unendlich viel Energie abverlangt und ihn vorzeitig altern lassen. Er bekam vor Kummer ein schweres Lungenleiden, von dem er sich nie mehr richtig erholen sollte.
   So mangelte es Sophie nicht nur an Zuwendung, Anerkennung und Liebe, sondern vor allem an Vertrauen, Beständigkeit und Lebenssicherheit. Sie sehnte sich nach Frieden, Zuverlässigkeit und Glück und suchte dies in ihren Beziehungen zu anderen Menschen. Doch leider verhielt sie sich in sämtlichen Partnerschaften auf die Art und Weise, wie sie es von zu Hause her kannte und gewohnt war: Sie kümmerte sich um alles, war auf das Wohl der anderen Menschen bedacht, stellte deren Wünsche immer an erste Stelle, kannte ihre eigenen Bedürfnisse nicht und machte sich nach ein paar Monaten von dem jeweiligen Partner abhängig.
   Sämtliche Beziehungen, die Sophie führte, begannen auf Augenhöhe, bis sie sich überfürsorglich um den Partner bemühte. Eine Schieflage trat ein, und jeder musste seine Stellung im Beziehungsgefüge neu definieren.
   In dem Maße, in dem Sophies Position innerhalb der Ehe mit John ständig schwächer wurde, wurde er immer stärker. Sie gab ihre Macht und ihre Kraft an John ab und wurde zusehends bedürftiger. John konnte ihren Mangel, der so offensichtlich war, nicht auffüllen. Das konnte Sophie nur selbst tun. Sie musste ihr Leben in die Hand nehmen und eigenverantwortlich handeln, doch das erkannte sie zu diesem Zeitpunkt nicht. Immer wieder hoffte sie, dass er sich ändern würde.
   John war mit Sophies abhängigem, für ihn sehr lästigem Verhalten überfordert. Er stand zunehmend auf selbstständige, toughe Frauen, die selbstbewusst ihren Weg gingen. Mit Sophies Wandlung kam er nicht zurecht und suchte nach einem Ausweg.
   Auch er lebte im Mangel, weil er in einer Familie großgeworden war, in der die zahlreichen Kinder nie Anerkennung bekommen hatten. Es fehlte an Wertschätzung und Aufmerksamkeit. Diese versuchte er durch seine Chefs zu erhalten. Zielstrebig und mit überzogenem Ehrgeiz trieb er seine Karriere voran. Seine Arbeitssucht lieferte ihm das perfekte Alibi für seine zunehmende Abwesenheit von zu Hause. John hatte sich seine eigene Welt aufgebaut, eine Welt, in der Sophie keinen Platz mehr hatte. Er bekleidete mittlerweile in der Firma eine angesehene Führungsposition und zahlte dafür einen hohen Preis: Einsamkeit.
   Zwar war ihm bewusst, dass Führen einsam macht, aber er wusste nicht, wie er dies hätte ändern können. Immer länger blieb er im Büro, obwohl oder gerade, weil er wusste, dass seine Frau auf ihn wartete. Ihre ständigen Vorwürfe und Vorhaltungen gingen ihm auf die Nerven. Nach einem anstrengenden Arbeitstag wollte er seine Ruhe haben und sich von dem Fernsehprogramm berieseln lassen. Sophie aber hatte abends Gesprächsbedarf, weil sie den ganzen Tag über allein und einsam war. Sie textete ihn zu, und wenn er nicht antwortete oder zugab, dass er nicht zugehört hatte, wurde sie ungehalten und schmollte.
   Ihr Zusammenleben war nur noch eine Farce. Die Liebe war erloschen, und an ihre Stelle waren Gleichgültigkeit, Resignation, Frustration und Bequemlichkeit getreten. Ihre Ehe bestand de facto nur noch auf dem Papier und war eine reine Zweckgemeinschaft.
   Endlich raffte sich Sophie auf, die Textnachrichten aufzurufen.
   Was soll das? Warum gehst du, ohne ein Wort? Habe ich das verdient? Nach allem, was ich für dich getan habe. Was bist du nur für ein undankbarer Mensch!
   Sophie scrollte weiter.
   Was für ein unreifes, kindisches Verhalten! Mein Gott Sophie, was ist in dich gefahren?
   Sie übersprang ein paar Nachrichten.
   Hast du einen anderen Mann? Lass uns reden.
   Und dann: Das hätte ich mir ja denken können. Sobald es schwierig wird, haust du einfach ab. Typisch. Werd endlich erwachsen.
   Sophie stöhnte und ging weitere Nachrichten durch, bis sie die letzte erblickte. Sie war von gestern.
   Wenn du dich nicht augenblicklich meldest, werde ich die Polizei benachrichtigen. Dann wirst du dich auf ganzer Linie blamieren. Das verspreche ich dir!
   Sophie legte das Handy beiseite. Ihre Befürchtungen waren wahr geworden. Johns Nachrichten schwankten zwischen Vorwürfen, Schuldzuweisungen, Angst und Drohungen. Er würde die Polizei einschalten. Gut, sie hätte ihn nicht einfach so verlassen sollen, das sah sie mittlerweile ein, aber Andeutungen hinsichtlich ihres Weggangs hatte es zur Genüge gegeben. Das schlechte Gewissen meldete sich, und sie versuchte, sich vor sich selbst zu rechtfertigen.
   Als sie ihren Entschluss endlich gefasst hatte und in die Tat umsetzen wollte, war einfach keine Energie mehr übrig gewesen für ein klärendes Gespräch. Was hätte sie auch sagen sollen? Vielleicht war dies nicht fair gewesen, aber hatte sich John in all den Jahren ihr gegenüber fair verhalten?
   Sophie war noch nie so am Ende ihrer Kräfte gewesen – auch nicht, als ihre Mutter starb. Ihr Herz war unendlich schwer, sodass sie nur noch funktionierte, unbewusst, wie in Trance, aber am schlimmsten war, dass sie nicht mehr fühlen konnte. Ihr war alles egal, sie wollte nur noch weg. Sicherlich hatte John nicht damit gerechnet, dass sie jemals den Mut aufbringen würde und einfach ging. Er musste geschockt und wahnsinnig verletzt sein und schlug nun um sich.
   Obwohl Sophie schon länger, ohne dass es John bemerkt hatte, an ihrer Selbstständigkeit gearbeitet hatte, glaubte sie nach wie vor nicht wirklich an sich. Erst, als die Verzweiflung so groß wurde, dass ihr nichts anderes übrig blieb, als an sich selbst zu denken und sich endlich zu schützen, agierte sie. Sie hatte erfahren, dass Verzweiflung ein ungeheuer mächtiger Antreiber für anstehende Veränderungen sein konnte.
   Sophie versuchte, die aufkommende Übelkeit zu ignorieren. Es half alles nichts. Sie musste John anrufen, und zwar sofort. Sie atmete tief durch und wählte seine Nummer.
   »Sophie, endlich. Wo bist du?« John hatte schon bei dem ersten Klingelton abgenommen.
   Sophie zitterte unwillkürlich am ganzen Körper, als sie seine Stimme hörte. Sie hatte Mühe, die Übelkeit und ihre Stimme unter Kontrolle zu halten. »Das möchte ich dir im Moment nicht sagen«, antwortete sie tapfer mit leiser, aber bestimmter Stimme. Sie hörte sich selbst mit Erstaunen zu.
   Es entstand eine gefährliche Pause.
   »Wie, du möchtest mir nicht sagen, wo du bist. Was soll das denn?«, polterte er dann los.
   Sophie versuchte, sich zu konzentrieren. »Hast du schon die Polizei eingeschaltet?«
   Erneut schwieg John eine Weile. »Ach, das ist es, was dich interessiert. Vermutlich hättest du dich sonst immer noch nicht gemeldet.« Seine Tonlage bewegte sich bedrohlich zwischen Resignation und unbändiger Wut.
   »Hast du?«
   »Nein. Noch nicht.«
   Sophie atmete auf und hoffte, dass er dies nicht bemerkt hatte.
   »Komm nach Hause. Du hast deinen Spaß lang genug gehabt. Es reicht jetzt.«
   »Spaß?« Ihre Stimme wirkte leicht hysterisch. »Du meinst, das ist Spaß? Das glaube ich jetzt nicht.«
   »Okay, du wolltest mir einen Denkzettel verpassen. Dies ist dir gelungen. Aber irgendwann muss Schluss sein.«
   Sophie holte tief Luft und wählte ihre Worte mit Bedacht. »Ich werde nicht zurückkommen, John.« In ihren Augen sammelten sich Tränen.
   John schwieg. »Wo bist du?«, fragte er nach einer Weile mit brüchiger Stimme. »Sag mir, wo du bist.«
   »Bitte, John«, flehte sie. Sie nahm einen tiefen Atemzug. »Bitte respektiere meinen Wunsch. Ich brauche Abstand und Ruhe, muss zu mir selbst finden und mein Leben in die Hand nehmen.« Ihre Stimme schien von weither zu kommen.
   John legte auf.

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