„Ich senkte den Kopf, soweit es die Kapuze zuließ, und starrte auf meine plüschigen Oberschenkel. Es vergingen ein paar Sekunden, ehe mir bewusst wurde, dass man vielleicht nicht vor einem Geistlichen auf Stoffhoden starren sollte.“ Vom Freund betrogen, der Job auf der Kippe und eine landesweite Blamage im Radio. Susi Schniebel braucht jetzt vor allem eines: Trost und Ablenkung. Einen kompletten Filmriss später erwacht sie in einem Bus voller Senioren. Dass die Reise in ein Karmelitenkloster irgendwo in der niederbayerischen Pampa geht, ist das eine. Das übergroße Peniskostüm, mit dem sie bekleidet ist, das andere. Die anfängliche Panik weicht schnell der Neugier: Was sind das für seltsame, nächtliche Geräusche aus dem Mönchstrakt? Wieso wird sie von den Senioren gemobbt? Und was führt der attraktive Hausmeister Ben mit seinen dubiosen Telefonaten im Schilde?

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ISBN: 978-9925-33-194-9

Seiten: 245

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Tina Tall

Tina Tall fragte schon in der Grundschule ihren Lehrer, welche Schulausbildung ein Schriftsteller brauche. Seine Antwort war einfach: „Keine.“ - „Das ist ja praktisch“, dachte sie sich. Im Erwachsenenalter ist sie immer noch klein, aber umso reicher an Lebenserfahrung. Im echten Leben als Ermittlungsbeamtin tätig, mordete sie in ihrem ersten Roman literarisch, ehe es sie in die Welt des Humors verschlug. Sie lebt mit ihrem Mann und ihren beiden Töchtern im oberbayrischen Alpenvorland.

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Bea Berger

Bea Berger war stets einen Kopf größer als ihre Mitschüler. Gewohnt, aus der Menge hervorzustechen, hatte sie es auf ihrem Weg durch die Welt der Medien nicht schwer. So sind ihr wilde Recherchen für Presse und Fernsehen wohlbekannt. Was sie dort erlebt, geht selbst im oberbayerischen Alpenvorland auf keine Kuhhaut. Wird es besonders skurril, geht sie zum Lachen nicht erst in den Keller, sondern direkt an den PC unters Dach.

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Leseprobe

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... oder sofort „hineinschnuppern“

Kapitel 1

Ich startete den Wagen und bretterte mit Vollgas vom Lehrerparkplatz. In dreißig Minuten musste ich zum Radiointerview auf der Livebühne stehen. Wenn ich nur nicht diese verdammte Rede zu Hause vergessen hätte.
   Mit überhöhter Geschwindigkeit bog ich auf den Mittleren Ring ab und betete, nicht im Stau stecken zu bleiben.
   Fieberhaft versuchte ich, mir auszurechnen, wie viel Zeit mir blieb, mich durch den Stadtverkehr zu quälen, einen Parkplatz zu finden, meine Notizen zu holen und wieder zurückzufahren. Etwa fünfzig Meter vor mir schaltete eine Ampel auf Gelb. Ich lehnte mich ans Lenkrad wie Schuhmacher auf dem Höhepunkt seiner Karriere und stieg aufs Gas. Zack! Etwas Rotes leuchtete für einen Sekundenbruchteil in meinen Augenwinkeln auf wie das Blitzlichtgewitter einer Formel-1-Siegesfeier. Verdammt!
   Trotzdem beschleunigte ich wieder. Jetzt zählten nur die behinderten Kinder, für die ich gleich live einen landesweiten Spendenaufruf machen würde.
   Ich jagte meinen Clio die Auffahrt hinunter und bog nicht viel später zielsicher in meine Straße ein. Da! Ein Parkplatz! Vielleicht blieb sogar noch Zeit, mir den Schmetterling vom Gesicht zu wischen, zu dem mich die Schüler am Kinderschminktisch des Schulfests gerade genötigt hatten.
   Ich stellte den Wagen ab und warf einen Blick auf die Uhr. Bei dem Gedanken daran, dass das Kollegium schon jetzt nach mir suchen könnte, zog es mir alles zusammen. Ich rannte die Treppe zu Jochens und meiner Wohnung hinauf.
   Mit vor Aufregung zitternden Händen verfehlte ich das Schlüsselloch zwei Mal, bevor ich die Tür aufbekam. Ich stürmte hinein wie auf der Flucht vor einer wilden Wespenhorde.
   Ein schriller Schrei, als wäre ich einer Hyäne auf den Schwanz getreten, ließ mich herumfahren und ebenfalls schreien. Vor mir stand Peggy aus der Wohnung über uns. Splitterfasernackt. Der Zettel, den ich mir gerade eilig geschnappt hatte, glitt mir aus der Hand und segelte wie ein Herbstblatt vor ihre rot lackierten Zehennägel.
   »Wat isn dette!«, kreischte sie. »Ick hab nüscht, wat Se klauen können! Ick wohne nich ma hier. Tun Se mir nüscht!«
   Die Schlafzimmertür flog auf und mein Freund Jochen kam herausgestürzt, die Nachttischlampe zur Verteidigung erhoben. Er erblickte mich und zuckte augenblicklich zurück. Ebenfalls textilfrei.
   »Wer sind …«, er unterbrach sich und verengte die Augen. »Susi?«, fragte er halb überrascht, halb geschockt. Hektisch verdeckte er mit der Lampe, mit der er mich eben noch in die Flucht schlagen wollte, seine Blöße.
   Ich hielt mich schwer atmend an der Flurkommode fest. »Jochen …«, flüsterte ich. »Was ist hier los?« Ich presste eine Hand auf den Magen, um die aufkeimende Übelkeit zu vertreiben.
   Mein Freund gestikulierte wild mit der Lampe. »Ja … Susi, gut, dass du da bist. Da war plötzlich jemand in der Wohnung, um mich auszurauben.«
   Ich starrte ihn entgeistert an. Mein Blick glitt langsam hinüber zu Peggy.
   Die nickte eifrig mit dem Kopf. »Und vorher, da war der bei mir. Ick schwöre, ick hatte solche Angst. Ick bin sofort runter zu Jochen. War ja sonst keener da von de Nachbarn.«
   Ich schluckte gegen den dicken Kloß in meinem Hals an. »Und … wieso seid ihr nackt?«, fragte ich fassungslos.
   »Also dette is, weil …«, stammelte Peggy, »… der hatte ja selber nüscht zum Anziehen. Det war en janz armer Mann.«
   »Soso, ein armer nackter Mann hat euch überfallen, um euch die Kleidung zu rauben.« Meine Stimme klang hölzern.
   Jochen setzte zu einer Antwort an, doch Peggy kam ihm zuvor. »Jar nüscht dran zu denken, wat passiert wäre, wenn Jochen nüscht da jewesen wäre.« Sie senkte jungfräulich den Blick. »Dann hätte der mir vielleicht noch de Ehre jeraubt.«
   Ich ballte die Hände zu Fäusten. »Jochen, du bist ein Schwein!«
   »Na ja …«, antwortete Jochen zögerlich. »Eigentlich bist du das Schwein.«
   Das war zu viel. Erst diese schamlosen Lügen, und dann noch so eine bodenlose Beleidigung. Das musste ich mir nicht bieten lassen.
   Peggy wandte sich an Jochen und beugte sich an sein Ohr. »Wes die jarnischt, dat se en Schwein is?«, flüsterte sie verstohlen.
   Automatisch fiel mein Blick in den Spiegel über dem Sideboard. Schockiert fuhr ich zurück. Es stimmte. Ich war ein Schwein. Das war es, was meine 7a gerade auf dem Schulfest beim Kinderschminken so erheitert hatte. Ich rang um Fassung und blickte auf Jochen. Seine schwarzen Haare, die er sonst sorgfältig zu einem Pferdeschwanz nach hinten gelte, standen wirr vom vorangegangenen Akt in alle Richtungen.
   Im Hintergrund verschwand unsere Nachbarin im Schlafzimmer und kam mit ihrem Tigertanga in der Hand, in meine Tagesdecke gehüllt, wieder heraus.
   Verzweifelt schnappte ich nach Luft. Ich war kurz davor, zu hyperventilieren. Wie eine Besoffene stützte ich mich an der Wand ab, um nicht das Gleichgewicht zu verlieren. Ich musste hier raus. Sofort.

Kapitel 2

Mit laufendem Motor stand ich wieder auf dem Lehrerparkplatz und starrte wie gelähmt auf das Lenkrad. Jochen vögelte Dollydummie. Wie oft hatten wir uns über sie lustig gemacht, wenn sie in einer Wolke aus billigem Parfüm im Treppenhaus an uns vorbeigestöckelt war? Ihre flirtenden Blicke, mit denen sie meinen Freund stets bedacht hatte, waren von uns einhellig als untaugliche Versuche gewertet worden.
   Erinnerungsfetzen zogen an meinem inneren Auge vorbei, wie er seinen Arm um meine Schultern gelegt hatte und mir verschwörerisch »Das hätte sie wohl gern.« ins Ohr geflüstert hatte. Meistens waren wir danach wild im Bett übereinander hergefallen.
   Tränen stiegen erneut in mir auf, und dieses Mal machte ich mir nicht die Mühe, sie wegzuwischen. Seit der Mittelstufe war ich mit Jochen zusammen, also gefühlt eine Ewigkeit. Ich war so stolz gewesen, als er einen Job als Radiomoderator mit einer eigenen Show bekommen hatte. Mittlerweile gehörte er dort zum festen Inventar, und auch ich ging bei Antenne Bavaria ein und aus.
   Mein Blick streifte den Rückspiegel. Ich war ein hässliches, verheultes Schweinchen.
   Ich mutmaßte, wie oft Peggy in meinem Bett schon den Tigertanga geschwungen hatte. Niemals mehr könnte ich darin schlafen.
   Ein Hämmern an der Autotür ließ mich herumfahren.
   »Frau Schniebel, ja, wo bleiben Sie denn?« Herr Fürst, der Schuldirektor starrte mit finsterer Miene in meinen Wagen. Auf seiner kahlen Schläfe war eine Ader hervorgetreten. Das geschah immer, wenn er unter Stress stand. Dann drückte sie sich in den Vordergrund wie ein dicker Wurm. Und wenn es erst mal so weit war, dann war Vorsicht geboten. Fürst neigte, ganz wie es seinem gedrungenen Naturell entsprach, zu cholerischen Wutausbrüchen. In der gesamten Lehrerschaft war es ein ungeschriebenes Gesetz, das Weite zu suchen, wenn die Wutader zutage trat.
   Ich schniefte und wischte mir vorsichtig über das Gesicht. Als ich den Motor abstellte, drang Kinderlärm an meine Ohren. Kleinlaut stieg ich aus.
   Fürst zuckte zurück. »Frau Schniebel!«, wütete er. »Wie sehen Sie denn aus?« Seine Gesichtsfarbe wechselte in ein dunkles Rot.
   »Das waren die Schüler«, stammelte ich. »Beim Kinderschm…«
    »Ach, was!«, unterbrach er mich unwirsch. »Dafür haben wir jetzt keine Zeit. In drei Minuten sind Sie live auf Sendung.« Er packte mich unsanft am Oberarm und zerrte mich über den Parkplatz. »Gott sei Dank ist es das Radio und nicht das Fernsehen! Machen Sie uns keine Schande. Das Fest wird in ganz Süddeutschland übertragen.«
   Als ob ich das nicht wüsste. Bei der Planung der Benefizveranstaltung hatte ich die Idee gehabt, den Radiosender mit an Bord zu holen. Gemeint war eigentlich nur ein Spendenaufruf, aber Jochen arrangierte gleich eine Liveübertragung. Da dies im Kollegium als mein Verdienst angesehen wurde, hatte ich die Ehre, die einleitende Rede zu halten und den Aufruf zu formulieren.
   Als die Bühne in Sichtweite kam, deren Technik mit dicken Stahlträgern gehalten wurde, durchfuhr es mich heiß und kalt zugleich. Meine Notizen! Sie lagen noch immer in der Wohnung. Ich war umsonst zurückgefahren. Ich blieb stehen.
   »Frau Schniebel!«, zischte Fürst mit einem Lächeln im Gesicht, da wir nun von Landrat Lanz und Bürgermeister Hellerschmidt, beide mit einem Weißbier bewaffnet und sichtlich angeheitert, beobachtet wurden. »Reißen Sie sich zusammen!«
   Ich nickte zögernd. Mein Blutdruck stieg rasend schnell ins Nirvana. Krampfhaft versuchte ich, mich an die Worte zu erinnern, die ich mir notiert hatte.
   Er zog mich weiter. Der Duft von gebrannten Mandeln, Kaffee und Grillwürsten drang mir in die Nase, während die Sommersonne gnadenlos auf mich niederbrannte.
   Verzweifelt sah ich mich um. Die Menge an Menschen vor der Bühne erschlug mich schier. Es musste die gesamte Karl-Valentin-Realschule inklusive Geschwister, Eltern und Großeltern anwesend sein. Und sicherlich auch viele Auswärtige, denn man hatte zuvor ordentlich für die Aktion geworben. Ich stolperte mit Fürst durch den Erlebnisparcours, der auf dem Weg zur Bühne aufgebaut war. Eine mit Pylonen und Strohballen eingefasste Hindernisbahn, auf der man wahlweise mit verbundenen Augen oder im Rollstuhl sitzend erfahren konnte, wie sich das Leben mit einer Behinderung anfühlte.
   Bei der Bühne angekommen, schob er mich brüsk die Treppe hinauf.
   »Jetzt können wir endlich anfangen«, sagte er zu dem Moderator.
   Ich kannte ihn. Es war Heinz Beckmann von der WakeUp-Show. Ein immer lustig überdrehter Typ und ein Kollege von Jochen. Etwas in meiner Magengrube verklumpte sich heftig wie ein Knödel Alufolie.
    »Mensch, Susi, da bist du ja.« Sein Lächeln gefror, und er hob eine Augenbraue. »Gehört die Schweinenase irgendwie zu deiner Rede?«
   »Nein …«, setzte ich an. »Also, weißt du …«
   Er unterbrach mich und drückte seinen Mittelfinger an den Knopf im Ohr. »Verdammt, wir sind gleich auf Sendung, Schniebelchen!« Er zeigte mir drei Finger und ließ im Sekundentakt jeweils einen verschwinden. »So, meine lieben Hörer, verehrtes Publikum, wir sind hier live an der Karl-Valentin-Realschule in Giesing. Heute findet eine Benefizveranstaltung zugunsten behinderter und benachteiligter Kinder statt. Das Motto lautet: Jeder ist anders und alle sind gleich. Worte, die, wie ich finde, schon sehr viel aussagen. Aber die Lehrerin Susanne Schniebel wird uns nun erzählen, warum gerade hier an der Schule dieses Motto ganz großgeschrieben wird.« Er klopfte mir aufmunternd auf die Schulter, drückte mir das Mikro an die Brust und stieß mich freundschaftlich in die Mitte der Plattform.
   Die Rückkoppelung ließ die Leute zusammenfahren. Alle Blicke richteten sich auf mich. Und plötzlich brach die Menge in schallendes Gelächter aus.
   Da war er wieder, der Moment, der sich wie ein roter Faden durch mein Leben zog. Susi Schniebel, der Mittelpunkt von Hohn und Spott.
   Tausend heiße Nadelstiche durchbohrten meinen Magen. Schamesröte stieg mir ins Gesicht, und ich hoffte, dass man wenigstens das durch die pinkfarbene Schminke nicht bemerken würde. Als Schweinchen vor einer Menschenmenge zu stehen und gleichzeitig vor einer Million Zuhörern zu sprechen, war wohl der Tiefpunkt meines Lebens.
   Meine Gedanken wurden von Beckmanns hektischem Fuchteln unterbrochen. Ich war auf Sendung und musste schnellstens etwas sagen!
   »Ähem …«, machte ich zur Sicherheit. Meine Blicke schweiften unstet über das Publikum, das sich noch immer an meinem Anblick erheiterte, insbesondere die Schülergruppe links vorn. Die Rotzbengel der 7a.
   »Also, erst mal vielen Dank, dass Sie heute so zahlreich hier erschienen sind. Bei Menschen mit Behinderung handelt es sich um ein Thema, das uns alle angeht, denn schließlich sind sie mitten unter uns …« Aus den Augenwinkeln erkannte ich, wie Fürst bei diesen Worten entsetzt die Augen aufriss. »… also Teil unserer Gesellschaft«, setzte ich schnell hinzu. Mein Chef funkelte mich böse an.
   Aus der Menge winkten zwei Hände, was meine Eingeweide unmittelbar ins Bodenlose sacken ließ. Mama und Papa. Wie Groupies in einem Rockkonzert fuchtelten sie mir aufmunternd zu und jubelten. Warum konnten sie mich nicht einmal in Ruhe lassen?
   Die Pfiffe meiner Eltern wurden nun von der Menge übernommen und durch Buhrufe diverser Schüler untermalt.
   Und da wusste ich, es war vorbei. Mit gesenktem Kopf sprach ich weiter. »Also, jedenfalls wollen wir zusammen mit dem BeKi-Club heute ordentlich Spenden sammeln, um den behinderten Kindern und ihren Familien unter die Arme zu greifen.«
   Die Daumen meiner Eltern schnellten synchron in die Luft.
   »Wir haben extra einen Parcours aufgebaut.« Entmutigt deutete ich über die Menge hinweg. »Hier können Sie am eigenen Leib erfahren, wie es ist. Also, wie es sich anfühlt, wenn …«
   Die pulsierende Ader riss mir das Mikro aus den Fingern. Ich hatte gar nicht wahrgenommen, dass Fürst wieder auf die Bühne gekommen war.
   »… wenn man zum Beispiel nicht sehen kann. Und das wird unsere werte Kollegin Frau Schniebel Ihnen jetzt als erste Teilnehmerin demonstrieren.«
   Entgeistert starrte ich ihn an. Er hielt triumphierend ein Tuch in die Höhe, als handelte es sich um das Haupt eines erlegten Achtenders.
   Beckmann griff sich das Mikro, übernahm mit einem enttäuschten Seitenblick in meine Richtung den Spendenaufruf und gab zurück ins Studio.
   Fürst verband mir noch auf der Bühne die Augen und bugsierte mich die Treppe hinunter. In jedem Drücken und Ziehen konnte ich die Wut spüren, die er auf mich hatte.
   Nun war ich nicht nur ein verheultes, sondern auch noch ein blindes Schweinchen.
   »Frau Schniebel, ich warne Sie«, grollte er mir flüsternd zu.
   »Das war ganz und gar nicht abgespr…«
   »Blind durch einen Parcours zu stolpern, dürfte ja wohl gerade Ihnen nicht schwerfallen. Reißen sie sich gefälligst am Riemen«, knurrte er und gab mir einen letzten Schubs.
   Irgendjemand drückte mir etwas Längliches, Rundes in die Hand, dessen Schlaufe am Ende um mein Handgelenk gelegt wurde.
   Ein Blindenstock, schloss ich, während man mich bei den Schultern packte und in eine bestimmte Richtung dirigierte.
   Ich spürte einen schwachen Luftzug an der Nase.
   »Schauen Sie! Sie sieht absolut nichts!«, rief Fürst.
   Die Menge klatschte Beifall. Unschlüssig stand ich da und nahm erleichtert wahr, dass sich große Teile des Publikums nun anderen Dingen zuwandten, denn die Geräusche und Stimmen um mich herum wurden wieder lauter und diffuser.
   Ich tastete mich vorwärts und stieß gegen einen Strohballen, in dem sich der Stock sofort verhedderte.
   »Ouh, das geht ja schon mal gut los!«, schmetterte Beckmann ins Mikro. »Ich glaube, unser Versuchskaninchen braucht Hilfe.«
   »Ich mach das«, kreischte meine Mutter überdreht.
   Jemand packte meinen Arm und dirigierte den Langstock aus dem Ballen.
   »Lass mal, Mama.« Ich schüttelte ihre Hand ab. »Ich schaffe das allein.«
   »Sicher, Liebes. Sicher.« Sie berührte mich an der Schulter und gab mir einen Impuls in die wohl richtige Richtung.
   »Hier sieht man sehr gut, wie schwer es ist, ohne Augenlicht die Orientierung zu behalten«, gab Beckmann seinen Senf dazu.
   Anscheinend hatte ich doch noch die Aufmerksamkeit einiger Leute, aber wenigstens war ich nicht mehr live auf Sendung. Ich atmete tief durch und fuhr wie wild mit dem Stock nach links und rechts. Ständig stieß ich an irgendwelche Hindernisse. Langsam machte mich das fuchsteufelswild.
   »Sie haben mit Turnkästen eine Treppe zum Trampolin gebaut, Schnäuzelchen.«
   »Trampolin?«, kreischte ich entsetzt.
   »Frau Schniebel!«, zischte Fürst irgendwo links von mir.
   »Ich bin ja da«, schnurrte meine Mutter.
   Gekicher einiger Schüler in meiner Nähe.
   Meine Mutter dirigierte mich weiter durch den Parcours. Ihre Berührung ging mir dermaßen auf die Nerven, dass ich am liebsten wild um mich geschlagen hätte. Ich zuckte wiederholt heftig mit dem Schulterblatt. Sie ließ einfach nicht los.
   »Mama! Lass das! Ich mach das schon«, fauchte ich und wischte ihre Hand von meiner Schulter. Dann stieß ich mit dem Stock gegen etwas Wuchtiges. Im selben Moment krachte ich mit dem Schienbein so heftig dagegen, dass mich ein stechender Schmerz durchfuhr. Ich kippte vornüber und heulte auf.
   »Oh, oh!«, kommentierte Beckmann. »Das hat wohl wehgetan. Frau Schniebels andere Sinne haben noch nicht, wie bei Sehbehinderten üblich, die fehlende Funktion der Augen ausgeglichen. Das kann schmerzhaft werden, wie man sieht!«
   »Schnäuzelchen!«, rief meine Mutter und war sofort wieder an meiner Seite. »Tut es sehr weh? Soll ich einen Sanitäter rufen?« Sie griff mir unter die Achseln und wollte mir aufhelfen.
   »Mama! Lass mich. Ich bin kein Kind mehr, ich kann allein aufstehen.«
   Die Schüler kreischten vor Lachen. »Jetzt ist das Schweinchen aufs Schnäuzelchen gefallen!«, rief eines von ihnen.
   Ächzend richtete ich mich auf. Mir reichte es. Ich machte mich doch nicht zum Affen vor der ganzen Schule.
   Mit den Händen ertastete ich die stufigen Holzkästen und rappelte mich auf.
   »Schätzchen, langsam …«, versuchte meine Mutter.
   Entschlossen stapfte ich die Stufen herauf und stieg auf das Trampolin.
   »Warte, du brauchst doch eine Führung!«, rief Mama.
   Ich ging in die Knie und machte einen kleinen Hopser. Die Menge raunte.
   Schon spürte ich ihre Berührung. Ich verlor das Gleichgewicht und kippte auf alle viere. Schallendes Gelächter vonseiten der Kinder.
   »Mama!«, kreischte ich wütend. »Ich brauche keine Führung! Die hab ich noch nie gebraucht! Hör auf, dich ständig in mein Leben einzumischen! Immer glaubst du zu wissen, was gut für mich ist!« Mein Magen stand kurz davor, zu implodieren. Zornig richtete ich mich auf und war überrascht, wie sicher mein Stand nun war. »Aber du weißt es nicht!«, brüllte ich. »Das hast du noch nie gewusst!« Ich begann zu wippen und setzte zu einem gewaltigen Sprung an.
   »Was … Was hast du …«, stammelte sie. »Nicht«!, schrie sie plötzlich.
   Ich versuchte, meinen Sprung abzubrechen, doch es war zu spät. Der Aufprall auf der Matte am Boden raubte mir den Atem. Wie ein Fisch auf dem Trockenen schnappte ich nach Luft. Als meine Lungen endlich nicht mehr krampften, nahm ich die Geräusche um mich herum wieder wahr. Meine Augenbinde war verrutscht und gab den Bildausschnitt auf einen Schüler frei, der wiehernd am Boden lag und sich den Bauch hielt. »Jetzt ist das Schweinchen auch noch geflogen!«, kreischte er.
   Schon wieder griffen Hände nach mir. Mein Körper schmerzte, Schweiß lief an mir hinunter. Ich packte die Arme meiner Mutter und drückte hart zu. Am liebsten hätte ich mir die Augenbinde abgenommen, aber das war jetzt zweitrangig. Ich sah die schwitzende Peggy und Jochens verlegenes Gesicht vor mir aufblitzen, Fürsts Wutader, die kichernden Kinder und die peinlichen Anfeuerungsgesten meiner Eltern.
   »Ich will, dass du mich in Ruhe lässt, Mutter! Ihr seid doch nicht normal, du und Papa! Weißt du eigentlich, dass ihr mir mein ganzes Leben versaut? Und das jeden verdammten Tag?« Ich spürte, wie meine Mutter zurückzuckte, aber ich ließ nicht locker.
   Schon wieder blitzte eine Erinnerung in mir auf. Ich war elf gewesen, und meine Eltern hatten in der Schulaula als abgedrehte Aktionskünstler eine Ausstellung verrückt kreierter Schnabeltassen inszeniert, um auf den Pflegenotstand aufmerksam zu machen. Ja, an alle dachten sie damals, an die Pflegebedürftigen und an wen auch immer. Aber nicht an mich! Jedes Mal, wenn ich im Unterricht aufgerufen worden war, raunte mir irgendein Mitschüler »Schnabel, Schniebel« ins Ohr. Und genau dieser Slogan ist mir bis heute geblieben. Ich hasste ihn.
   »Ich bin achtundzwanzig Jahre alt, Mama, und ihr behandelt mich, als wäre ich fünf! Ihr habt sogar einen Job am Schulkiosk angenommen, nur um ständig in meiner Nähe zu sein. Nicht mal diese Veranstaltung traut ihr mir hier zu. Das ist so krank! Ihr! Seid! Krank!«
   Plötzlich war es verdächtig still um mich herum. Seit wann hatte meine Mutter so behaarte Unterarme? Ein Adrenalinstoß durchfuhr meinen Körper. Vorsichtig ließ ich einen Arm los und schob die Augenbinde nach oben.
   Ich schaute geradewegs auf den blauen Schaumstoff von Beckmanns Mikrofon. Seinem Blick nach zu urteilen waren wir wieder live auf Sendung.

Der vertraute Geruch nach alten Plastiktelefonen und muffigem PVC-Boden mischte sich mit dem beißenden Gestank der Ungewissheit. Draußen weichte die Sonne gnadenlos den Asphalt auf, die Vögel zwitscherten mit der Moderation von Beckmann um die Wette. Drinnen herrschte frostiges Schweigen.
   Fürst zermalmte mit dem Unterkiefer einen imaginären Kaugummi. Der Wutwurm wand sich auf seiner Schläfe. Sein Kopf war bis über die Glatze so rot angelaufen, dass ich befürchtete, er würde jeden Moment pfeifend Dampf aus seinen Ohren ablassen. Sein Haar bildete ein karges Ufer um einen glühenden Lavasee. Sichtlich um Haltung bemüht, sortierte er wahllos staubige Akten und Formulare auf einen Stapel, bis die Arbeitsfläche frei war.
   Verkrampft saß ich auf einem der beiden Besucherstühle vor der unüberwindlichen Barriere des grauweißen Beamtenschreibtisches. Ich wagte kaum, zu atmen. Irgendwie hatte ich die lächerliche Hoffnung, er vergäße mich, wenn ich nur lange genug still dasaß. Ich konnte überhaupt nicht fassen, was eben passiert war. Ich hatte mich nicht nur vor der gesamten Karl-Valentin-Realschule blamiert. Nein! Susanne Schniebel blamierte sich natürlich gleich vor ganz Süddeutschland. Und das mit meinem vollen Namen. Ich schüttelte den Kopf. Laut meinen Schülern wurden schon Videos auf Youtube hochgeladen, und auf Facebook und Twitter wurde geliked und getweetet, was das Zeug hielt. Überall würde man mich als die hysterische Schnabelschniebel wiedererkennen. Aber das Schlimmste, das ich heute angerichtet hatte, war nicht etwa die Blamage. Es war die Demütigung, die ich meinen Eltern zugefügt hatte. In ihre enttäuschten Gesichter zu schauen, den Schmerz in ihren Augen zu sehen, das hatte mir den Rest gegeben. Schnell war ich Fürst in sein Büro gefolgt, nicht wissend, was mich nun erwartete.
   Falls er ein Disziplinarverfahren in Erwägung zog, konnte es brenzlig für mich werden.
   Das aggressive Schweigen zog sich quälend hin. Fürst hatte einen korrekten Aktenturm gebaut und straffte die Schultern. Bereit zum Angriff.
   Ich musste die Situation dringend entschärfen, bevor er unkontrolliert auf mich losging. Denk nach. Was hast du auf deinen Kommunikationsseminaren gelernt? Denk an KOALA! Ich ging im Geiste die strategischen Eckpunkte dieser Technik durch. Über K, die Kontaktphase, waren wir hinaus. Auch O wie Orientierungsphase schien nicht länger vonnöten. Wir befanden uns definitiv beim zweiten A. A wie Analysephase. Demnach lag es an mir, mich für das Geschehene zu erklären, um dann gemeinsam mit Fürst die nächsthöhere Stufe zu erreichen. L. Die Lösungsphase.
   Ich überlegte krampfhaft, welche Begründung ich ihm für meinen Fauxpas liefern sollte. Dass ich meinen Freund, mit dem ich zusammen war, solange ich zurückdenken konnte, mit unserer vollbusigen Nachbarin im Bett erwischt hatte? Nein, das brachte ich nicht fertig. Dass meine Kindheit eine Farce war, weil meine durchgeknallten, verkünstlerten Eltern dachten, sie müssten mich antiautoritär und kumpelhaft großziehen? Dass sie mich früher immer gezwungen hatten, sie beim Vornamen zu nennen, während alle anderen Kinder einfach nur Papa und Mama sagen durften? Und dass daraufhin das Gerücht entstand, ich wäre adoptiert? Gott, ich wünschte, es wäre so.
   Hervorquellende Augäpfel richteten sich auf mich. Noch bevor ich ansatzweise Luft holen konnte, platzte Fürst. »Was haben Sie sich dabei gedacht, Schniebel? Denken Sie, nur, weil Sie niemanden sehen, sieht Sie auch keiner mehr? Wie alt sind Sie eigentlich?«
   Ich zuckte zurück. Mir wurde heiß und kalt zugleich. Ich spürte vor lauter Peinlichkeit kaum meine Füße auf dem Boden. Mein Nacken schmerzte vor Anspannung.
   »Und das Schlimmste ist, ich wusste, dass Sie es verpatzen«, schmetterte er mir gnadenlos entgegen. »Ich hätte mich nie von der Müller dazu überreden lassen sollen.«
   Julia Müller war die stellvertretende Direktorin. Sie hatte mich des Öfteren aus üblen Situationen gerettet. Einmal war die 7a – mein persönlicher Albtraum – dermaßen außer Kontrolle geraten, dass ich weinend aus dem Klassenzimmer gestürmt war. Von oben bis unten mit abgelutschten Papierknödelchen bespickt stand ich hyperventilierend auf dem Gang und dachte darüber nach, mir einen Kugelschreiber in die Halsschlagader zu rammen. Drinnen grölten die kleinen Monster triumphierende Parolen. Müller war zufällig vorbeigekommen. Sie hatte die Situation sofort erkannt, schickte mich nach Hause und übernahm das Regiment für die letzte Stunde. Über dieses, und viele weitere Ereignisse, hatte sie stets Stillschweigen bewahrt.
   »Sie braucht mehr Selbstvertrauen,«, äffte er seine Kollegin nach. »Sie braucht nur den richtigen Impuls, dann wird sie sich in den Griff bekommen.«
   Ich fühlte mich so klein wie ein Sandkorn in der Sahara. Ach, könnte ich nur ganz verschwinden. Mein Inneres verschrumpelte zu einer Korinthe.
   So hatte ich mir das nicht vorgestellt, als ich mich entschieden hatte, Lehramt zu studieren. Ich wollte Menschen etwas beibringen, dachte, ich könnte ihnen Werte vermitteln wie Ehrlichkeit, Toleranz und Solidarität. Ich glaubte, ein Talent zu haben, andere für Wissen zu begeistern. Im Referendariat hatte das auch noch geklappt. Aber seit der 7a war ich mir da nicht mehr so sicher. »Ich … habe mich im Griff«, entgegnete ich schwach.
   »Sie glauben doch nicht wirklich, was Sie da sagen.« Fürst lehnte sich bedrohlich nach vorn und schrumpfte mich weiter. »Wenn ich mir überlege, wie die brave 7a mit ihnen umspringt, und wie schlecht Sie Ihre Emotionen kontrollieren können, haben Sie sich alles andere als im Griff!« Die letzten Worte hatte er mir dermaßen laut entgegengeschmettert, dass es draußen mit Sicherheit jeder gehört hatte.
   Doch da ging die Party unerbittlich weiter, als wäre an diesem Tag alles eitel Sonnenschein.
   Fürst ließ mit einem staubigen Knall eine Akte auf den Tisch fallen. Susanne Schniebel stand da in gnadenlosen Lettern. Jetzt war es so weit. Mit Schimpf und Schande würde man mich von der Schule verbannen, durch einen Gang mir zugedrehter Rücken schreitend. Auf Wiedersehen Beamtenlaufbahn. Bye-bye Bausparvertrag und Doppelhaushälfte. Wofür auch, so ohne Mann und kinderlos. Ich senkte den Kopf und wartete auf das Unausweichliche.
   Fürst seufzte. »Ich denke, wir wissen beide, dass das so nicht weitergehen kann.« Er blätterte in meiner Akte, besah sich meine Zeugnisse und Referenzen, als wäre es das erste Mal. Er verzog abschätzig die Mundwinkel und schüttelte den Kopf. »So kurz vor der Verbeamtung. Ist Ihnen eigentlich klar, dass das alles in Ihr Gutachten einfließt?« Er schloss die Akte und sah auf. »Es sind nur noch zwei Wochen bis zu den großen Ferien. Da können wir den Schratzen eh nichts mehr beibringen.« Fürsts Gesicht hatte in einen helleren Farbton gewechselt. Auch die Ader hatte sich beruhigt. Seine Haltung war nun so weit entspannt, dass ich mich nicht mehr fühlte wie ein Hase vor dem Jagdhund. »Für Sie ist das Schuljahr erst mal gelaufen. Ob es für Sie hier bei uns eine Zukunft gibt, werden wir sehen. Gehen Sie in sich. Und ich rate Ihnen eines.« Er fixierte mich wie eine Kobra, um seinen Worten Nachdruck zu verleihen. »Kommen Sie zur Besinnung!«

Kapitel 3

Ziellos war ich in unsinnigen Mustern durch die Stadt gefahren. Schließlich hatte mein Kleinhirn die Führung übernommen und mich hinaus nach Trudering geführt. Ich rollte die mir wohlbekannte Allee entlang und hielt vor dem Wohnblock, in dem meine Freundin Emma wohnte.
   Meine Augen kratzten, als tummelten sich aufgefegte Sägespäne darin. Mein Körper fühlte sich fremdartig an, taub wie nach einem Bad im Ameisenhaufen.
   Als die letzten Geräusche des Wagens verebbten, schloss ich für einen Moment die Lider und spürte in mich hinein.
   Susanne Schniebel war bekannt dafür, immer eine Antwort parat zu haben.
   Außer vielleicht bei der 7a, dachte ich zynisch.
   Aber jetzt war ich zum ersten Mal in meinem Leben ratlos.
   In meinem Auto entwickelten sich langsam höllische Temperaturen. Ich entschied, auszusteigen.
   Der warme Sommerwind, der um mein dünnes Kleid strich, hatte etwas Tröstendes an sich. Gegen die Sonne blinzelnd sah ich hoch zu Emmas Wohnung. Die Balkontür stand offen, sie war zu Hause.
   Emma war das einzige menschliche Wesen, bei dem ich es mir noch nicht verscherzt hatte. Wir kannten uns seit dem Kindergarten, waren durch dick und dünn gegangen. In der Schule hatte ich ihr die Bücher getragen und mein Pausenbrot mit ihr geteilt. Sie stand dafür hinter mir, wenn die anderen Kinder auf mir herumhackten. Zumindest im Nachhinein. Ich konnte verstehen, dass sie nicht ebenfalls in den Fokus der mobbenden Meute geraten wollte.
   Inzwischen stand ich vor ihrer Wohnungstüre und läutete. Keine Sekunde später hörte ich ein fröhliches Pfeifen. Schwungvoll wurde sie aufgerissen.
   »Susi! Ja, leck mich am Ärmel! Was ist mit deinem Gesicht passiert?« Emma sprach die Worte mit einem solchen Entsetzen aus, als hätten mir drei Kampfdoggen das Antlitz zerfleischt.
   »Nur die 7a.« Ich fühlte meine Schultern nach vorn sacken. Dann brachen die Tränen aus mir heraus.
   »Aber Susi. Das ist doch nicht das erste Mal. Du konntest halt noch nie so gut mit Kindern.«
   Ich stürzte in Emmas Arme. »Vergiss die Kinder«, heulte ich. »Jochen, er … er …«
   Emma seufzte und tätschelte unbeholfen meinen Rücken. »War ja klar, dass das irgendwann passiert.«
   Ich starrte sie an.
   »Wie, war ja klar?« Abrupt löste ich mich von ihr. Sie hatte nie viel von Jochen gehalten, aber das konnte nun niemand vorhersehen. Keiner konnte das!
   Mitfühlend sah sie mich an und strich sich verlegen durch ihr ihr kurzes brünettes Haar. »Der hat doch alles angebaggert, was dicke Titten und einen prallen Arsch hat.«
   Ich sah an mir hinunter und musterte kritisch meine überschaubare Oberweite. Mit Dolly konnte ich wirklich nicht mithalten.
   »Ich habe mich immer gefragt, wie du damit klarkommst.« Emma zog die Brauen hoch.
   Noch unerträglicher als ihre Worte war ihr Blick, der mir schlagartig klarmachte, dass sie das Gesagte auch genau so meinte.
   »Das stimmt nicht«, protestierte ich. »So ist er nicht.«
   »Susi, der hat sogar mich angemacht.« Sie bugsierte mich sanft ins Wohnzimmer.
   »Was is’n hier los?« Sabine, Emmas jüngere Schwester, kam in einem blauen Cocktailkleid auf einer Jill Sander-Wolke aus dem Bad geschwebt. »Hey Susi. Halloween ist aber erst im Herbst.« Sie warf ihr langes blondes Haar zurück und kicherte wie ein japanisches Schulmädchen über ihren Spruch. Eine Unart, die sie sich in tausend Jahren nicht abgewöhnen würde.
   »Es ist so weit. Der Sprücheklopfer hat sie beschissen«, klärte Emma auf.
   »War ja klar, dass das irgendwann passiert«, erwiderte Sabine leidenschaftslos. »Bei mir hat er’s auch versucht«.
   »Wirklich?«, fragte ich erstickt. Die Gedanken wirbelten in einer chaotischen Windhose durch meinen Kopf. Wann würden die Demütigungen endlich enden? »Wieso, bitte schön, hat jeder Bescheid gewusst? Jeder außer mir?«
   Emmas Handy vibrierte auf dem gläsernen Couchtisch. »Wir gingen immer davon aus, du tolerierst das. Es war so offensichtlich.« Emma schien ehrlich verwundert. Sie warf einen Blick auf das Display. »Schauschau, wenn man vom Hallodri spricht.«
   Ehe ich protestieren konnte, war sie drangegangen.
   »Was willst du?« Sie straffte sich wie ein Soldat. »Sie aber nicht mit dir.«
   Pause.
   »Wird sie nicht interessieren.«
   Pause.
   Ich gestikulierte wild, um klarzustellen, dass ich auf gar keinen Fall mit Jochen sprechen wollte. Emma betrachtete mich abwesend, während sie dessen Erklärungsversuchen lauschte. Wieso zur Hölle legte sie nicht einfach auf? Ich tippte ihr ungeduldig auf die Schulter.
   »Sie hat was?« Jetzt drehte sie mir sogar noch den Rücken zu, um ganz bei Jochen zu sein. Ihre langen Federohrringe schwangen hinterher. »Vor allen? Is nicht wahr …«
   Sabine hüpfte um sie herum wie ein aufgedrehtes Rehlein. Was ist los?, formten ihre Lippen tonlos.
   Niemand auf dieser Welt schien sich für meine Bedürfnisse zu interessieren. Hilflosigkeit wallte in mir auf.
   »Ist ja krass«, sagte Emma sensationslüstern.
   Das war genug. War ich denn die Hauptattraktion in einer Freakshow? Verdammt, ich war ein Mensch. Mit Gefühlen!
   Ohne weiter nachzudenken, riss ich meiner Freundin das Smartphone aus der Hand. »Reicht es dir noch nicht?«, brüllte ich ins Telefon. »Du hast mein Leben zerstört! Ich will dich nie wieder sehen!«
   »Baby, sag doch so was nicht.«
   »Ich bin nicht dein Baby. Auch nicht dein Schnäuzelchen oder Schniebelchen oder was auch immer! Es hat sich ausgeschniebelt!«
   »Aber die Leute lieben dich. Die Leitungen beim Sender laufen heiß. Alle fragen nach dir! Baby, bitte komm heim. Mein Chef will dich unbedingt sehen.«
   »Du verarschst mich doch bloß! Ich habe mich vor der gesamten Nation zum Deppen gemacht! Und das alles deinetwegen!« Ich stellte mir vor, wie im Radio eine heftige Diskussion entbrannte. Ich saß auf dem Richtstuhl in einem der Studios und musste mich rechtfertigen. Hasstiraden hagelten auf mich ein. Ich, Susi Schniebel, die ihre Eltern verstoßen, ihren Job verloren und Hunderte behinderte Kinder um ihre Spenden gebracht hatte. Sie konnten nicht wissen, wie übel ich hintergangen worden war. Belogen und betrogen und vom Umfeld bis zum Letzten gefoppt. Man hatte mich hinterlistig in den Abgrund getrieben. »Fahr zur Hölle«, spuckte ich meine Abschiedsworte, legte auf und pfefferte das Telefon auf die Couch.
   Jetzt wussten es alle. Freunde, Verwandte, Kollegen und der Rest der Nation. Susi Schniebel war zur größten Lachnummer des Landes nominiert. Nur würde ich nie über den roten Teppich laufen.
   »Ich kann mich nirgendwo mehr blicken lassen. Nie wieder!« Mein Körper ergab sich in eine weitere Schluchzattacke. Ich ließ mich neben dem Handy auf das Sofa fallen und sackte zusammen. Schlaff wischte ich über mein Gesicht und betrachtete meine Hände.
   Sabine setzte sich vorsichtig zu mir. Sie legte einen Arm um mich, als hätte ich die Glasknochenkrankheit.
   »Kann ich …«, flüsterte ich kraftlos, » … kann ich nicht für immer hierbleiben? Ich will nie mehr nach draußen!«
   Emma wirkte nachdenklich. Sie zwirbelte einen Zipfel ihres geblümten Kleides zwischen den Fingern herum. Ein ausgesprochen hübsches Kleid. Geradezu festlich. Genauso wie das von Sabine.
   »Ich hab eine bessere Idee.« Emma blickte auf ihre Armbanduhr. »Wir sind sowieso schon spät dran. Erst müssen wir dich wiederherstellen. Und dann kommst du mit.«
   »Mit? Aber wohin denn?«
   »An einen Ort, an dem dich bestimmt niemand kennt.«

Kapitel 4

Eine Dunstwolke aus Kölnisch Wasser und Lavendelparfum waberte in der Luft. Obwohl die Stimmung im Saal des »Grauen Pinguin« recht ausgelassen war, stellte ich mir unter einer Party etwas anderes vor als greise Menschen, die an runden Tischen zu Florian Silbereisen an ihrem Selters nippten. Die einzige Stimmungskanone war eine verschrumpelte Dame, die mit ihrem Rollator auf der Tanzfläche stand und mit geschlossenen Augen zum Takt der Musik nickte. Obwohl, ich war mir nicht wirklich sicher … vielleicht war sie auch einfach nur zittrig.
   »Wir fahren zu einem Junggesellenabschied«, hatten mir Emma und Sabine erklärt. »Das wird dich auf andere Gedanken bringen.«
   Dass sie damit den Abschied ihres 87-jährigen Großonkels Rüdiger meinten, der auf seine alten Tage noch einmal die große Liebe gefunden hatte, muss irgendwie an mir vorbeigegangen sein.
   Wenigstens behielt Emma recht. Hier kannte mich niemand, und die Senioren gehörten auch nicht zur Zielgruppe, die Antenne Bavaria hört. Eher Grammophon.
   Seltsamerweise begann ich, mich wohlzufühlen. Besonders am Tisch von Hermine und ihrem tattergreisigen Ehemann Gisbert fand ich sofort Anschluss. Sie hatten ein offenes Ohr für mich.
   Ich schniefte den Rotzfaden hoch, der sich mit dem salzigen Fluss meiner Tränen vermischt hatte. Schluchzend rollte ich eine Hautfalte von Hermines betagtem Unterarm zwischen Daumen und Zeigefinger hin und her. Es hatte etwas Beruhigendes, wie die Haut stehen blieb, wenn man sie ein Stückchen nach oben zupfte. Knistrig wie Pergamentpapier.
   »Ich glaub es nicht. Jochen, in unserem Bett mit dieser, dieser …«
   »Fängt sie jetzt schon wieder von Dollydummie an?«, krächzte Gisbert seiner Frau zu und warf die Nase in Falten.
   Ich schüttelte den Kopf, um die aufwabernden Bilder des Verrates zu vertreiben, wovon mir schwindlig wurde. Vermutlich tat die Weißweinschorle gerade ihr Übriges. Normalerweise mied ich Alkohol bewusst, trank nur bei besonderen Anlässen hin und wieder ein Gläschen Sekt. Deshalb machte er sich jetzt sofort bemerkbar.
   Hermine nahm behutsam, aber bestimmt, meine Hand von ihrem Arm und führte sie stattdessen an das halb geleerte Glas, das vor mir stand. »Trink lieber noch einen Schluck, das steht sich sonst lack, meine Liebe. Wäre doch schade drum.«
   »Was soll sie denn mit dem Weibergesöff?«, moserte Gisbert. »Das Mädel braucht was Ordentliches, damit sie mal bessere Laune kriegt. Die versaut uns sonst den ganzen Festakt«, fügte er leiser, aber nicht leise genug, hinzu.
   »Das Mädchen ist nicht taub«, rügte Hermine ihren Gatten.
   »Was erzählst du mir jetzt von der Maut? Ich fahre schon lange nicht mehr Lkw. Was interessiert mich das? Dafür sollen die Jüngeren auf die Straßen gehen.« Verärgert schob er sein Gebiss hin und her. Das schmatzende Geräusch, das die Zahnprothese verursachte, ließ alle Härchen auf meinen Unterarmen emporschnellen.
   Er warf einen kritischen Seitenblick auf mich. »Aber wenn ich mir die junge Generation so anschaue, habe ich wenig Hoffnung. Die sind doch alle viel zu verweichlicht.«
   Hermine schürzte missbilligend die Lippen. »Sei nicht so unhöflich. Die Arme ist gerade über den Tigertanga ihrer Nachbarin gestolpert.«
   »Tigatanga? War da nicht der Friedrich auf Safari? Antilopen jagen, genau, Antilopen. Bei uns hat man einen zünftigen Hirschkopf an der Wand.« Gisbert hob einen knorrigen Finger in die Höhe. »Der macht was her. Nicht dieser exotische Firlefanz.« Er zitterte vor Aufregung.
   »Brummelchen, denk an deinen Blutdruck.«
   »Entschuldigung!«, unterbrach ich die fruchtlose Diskussion. »Welches Getränk würden Sie mir denn gegen meinen Zustand empfehlen?«
   Hermine lächelte mütterlich und tätschelte meinen Handrücken. »Da gehst du am besten zu Albert an die Bar. Der weiß genau, was du brauchst.«
   Ich schlängelte mich zwischen den runden Rentnerinseln hindurch zu einem großen Tresen am hinteren Ende der Halle. Dort saßen Sabine und Emma, die Beine lasziv übereinandergeschlagen, vor zwei Gläsern mit leuchtend rotem Inhalt, schäkernd mit den beiden einzigen jungen Männern im Saal, die lässig und selbstsicher an der Theke lehnten. Offensichtlich waren es eineiige Zwillinge. Noch dazu ziemlich durchtrainierte.
   Augenblicklich fühlte ich mich zurückversetzt in meine Jugendzeit. So war es auf den Partys immer gelaufen. Emma lachte sich stets in Lichtgeschwindigkeit einen Kerl an, mit dem sie sich den Rest des Abends beschäftigte, und ich kämpfte mich einsam durch die feiernden Gruppen auf der Suche nach Anschluss. Erst als ich mit Jochen zusammen war, hatte sich das Blatt für mich gewendet.
   Ich biss mir auf die Unterlippe. Verdammt. Schon wieder musste ich an diesen Scheißkerl denken. Schnell sah ich an der Bar vorbei und starrte aus dem Fenster. Bewusst fixierte ich einen dort geparkten Reisebus, während ich mich bemühte, die aufsteigenden Tränen zu unterdrücken. »Goschwitz Reisen« stand in weißen, schwungvoll gestalteten Lettern auf der Längsseite geschrieben. Der tiefrote Untergrund hingegen erinnerte eher an ein Einsatzfahrzeug als an ein Transportmittel. Etwa zwei Dutzend Koffer und Reisetaschen pflasterten den Bürgersteig. Erst jetzt bemerkte ich einen hageren Mann, der gebückt auf einem der Gepäckstücke saß. Er kratzte sich nachdenklich unter seiner blauen Schirmmütze, unter der sich strähnige braune Haarbüschel hervorwanden. Als würde er auf den Asphalt zielen, blies er eine voluminöse Rauchwolke aus seinen Nasenlöchern und schnippte eine Zigarettenkippe quer über die Koffer hinweg. Dann erhob er sich gemütlich, öffnete die Gepäckklappe des Busses und begann, die Koffer einzuladen.
   Ein spitzes Keckern riss mich aus meinen Beobachtungen und katapultierte mich zurück in den Methusalemtempel.
   »Na? Amüsiert ihr euch?«, fragte ich für meinen Geschmack etwas zu spitz und erklomm einen Barhocker.
   »Ach Sssusilein.« Emma strich sich ungelenk eine Feder ihres Ohrrings aus dem Gesicht. »Du hast dich so schschön mit Hermine und Gisbert unterhalten. Ich dachte, die lllenken dich ab.«
   »Das sind übrigens Gernot und Bernhard, Rüdigers Urenkel. Sie sind Zwillinge«, erklärte Sabine überflüssigerweise und kicherte.
   Bernhard und Gernot nickten mir zu.
   »Echt? Ich habe schon geglaubt, ich sehe doppelt.«
   »Dreifach wäre noch besser, aber man kann nicht alles haben.« Sabine hielt sich die Hand vor den Mund und keckerte wie ein Eichhörnchen.
   Emma fummelte derweil frivol an Bernhards Krawatte herum. Sabine wandte sich wieder Gernot zu. Oder war das Bernhard?
   »Was darf’s sein?«, fragte ein weißhaariger, grimmig dreinschauender Mann hinter der Bar. Er war klein und hager, aber für sein Alter erstaunlich drahtig, sodass seine Ausstrahlung etwas Bedrohliches an sich hatte. Ein Weißbierglas polierend sah er aus, als putzte er eine Waffe.
   »Am besten das Gleiche wie die beiden da.« Ich deutete mutlos auf die blutroten Drinks von Emma und Sabine. »Oder wissen Sie, was? Überraschen Sie mich.« Im Grunde war es mir egal, denn ich machte mir nichts aus Alkohol. Er schmeckte mir nicht.
   Der Griesgram musterte mich argwöhnisch. Dann stellte er mir ungefragt ein Glas mit einer braunen Flüssigkeit hin. »Whiskey hilft immer.« Ohne eine Miene zu verziehen, widmete er sich wieder seinem Weißbierglas.
   »Danke.« Ich betrachtete das trübe Gesöff. Mein erster Whiskey. Von harten Getränken hatte ich bis dato lieber die Finger gelassen. Menschen, die trinken, führten sich auf wie Idioten. Im Suff sagte man schlimme Dinge, die einem nachher leidtaten. Insofern konnte ich mir glatt auf die Schulter klopfen. Um mich lächerlich zu machen, hatte ich keinen Tropfen Alkohol gebraucht.
   »Willsu ihn noch länger anstarren oder auch mal trinken?«, lallte Emma und schlug mir schwesterlich auf die Schulter.
   »Wenn du lang genug wartest, verdunstet er von allein«, setzte Sabine hinterher.
   Bernhard und Gernot lachten dümmlich, und ich entschied, sie einfach mit Missachtung zu strafen. Verärgert leerte ich mein Glas in einem Zug.
   »Na also!«, riefen die vier Musketiere im Chor und applaudierten.
   Mir blieb augenblicklich die Luft weg. Das Zeug brannte im Hals wie Salzsäure und schmeckte dermaßen widerlich, dass ich husten musste.
   Das Quartett lachte herzlich über mich. Nur Albert stellte mir mit eingefrorenem Gesichtsausdruck das Gleiche noch einmal hin. »Der Zweite läuft leichter.«
   Er behielt recht. Der Dritte und der Vierte liefen sogar noch leichter. Binnen kürzester Zeit machte sich in mir ein erlösendes Gefühl der Gleichgültigkeit breit. Ich lümmelte an der Bar und besah mir das graue Treiben.
   Mittlerweile war die Tanzfläche etwas voller geworden. Die alte, nickende Dame mit dem Rollator stand noch immer an derselben Stelle. Zu ihr hatte sich ein Paar gesellt, das mit abgespreizten Armen Slow Fox tanzte. Durch die klobigen orthopädischen Schuhe wirkte das irgendwie mühsam.
   Ein grinsender Rollstuhlfahrer drehte kleine Kreise zur Musik und versuchte zwischendurch, mit der nickenden Dame ins Gespräch zu kommen. Soeben hob sie den Kopf ein wenig an. Konnte man das als erfolgreichen Flirtversuch werten?
   Mein Blick fiel auf ein weiteres betagtes Pärchen, das … ich blinzelte und sah noch einmal genauer hin … das einen Schieber tanzte, während er ihr den Hintern massierte. Ich nahm hastig einen Schluck von meinem Whiskey. Auch im hohen Alter konnte man anscheinend seinen Spaß haben.
   Mein Blick fiel erneut auf die nickende Dame, und mir wurde klar, dass ich exakt so enden würde. Allein und verschroben.
   Der große Applaus, der Hermine begleitete, als sie auf die Bühne stieg, lenkte mich von meinen trüben Gedanken ab.
   Sie schnappte sich das Mikrofon. Die Rückkopplung schmerzte unerträglich in den Zähnen. Der halbe Saal zog gequält die Schultern hoch. Die anderen drehten verwundert an ihren Hörgeräten.
   »Ich sehe, Rüdiger kann es kaum noch erwarten.« Sie schmunzelte. »Deshalb beginnen wir jetzt mit dem Highlight, auf das ihr schon den ganzen Abend wartet.«
   Das machte neugierig. Würde gleich eine Swingband auftreten? Oder ein Karel-Gott-Imitator? Oder gab es eine Heizdeckenaktion? Ein Angebot, das man unmöglich ausschlagen konnte?
   Ich ließ den Blick über die Menge schweifen, doch es drangen nur noch verwaschene Bilder in mein Bewusstsein. Wie viele waren es? Ich schätzte so an die fünfzig. Das Zählen fiel mir schwer. Ich hatte fünf Whiskey getrunken. Das immerhin wusste ich.
   »Wir starten zur Karaooookeee!«, trällerte Hermine mit einer weiteren Rückkopplung um die Wette.
   Ich hasste Karaoke. Es war mir immer schleierhaft, wie man sich freiwillig vor anderen so zum Affen machen konnte. Mich würden keine zehn Schwerlasttransporter auf so eine Bühne bringen. Nicht nach zwanzig Whiskey.
   Die Leute im Saal applaudierten begeistert. »Rü-di-ger! Rü-di-ger!«, riefen sie im Chor.
   Die Saalbeleuchtung wurde gedämpft. Der DJ spielte einen Tusch, und die Bühne erstrahlte in gleißendem Licht. Die Discokugel über der Tanzfläche warf silbrig blitzende Flitter auf die Festgesellschaft. Hermine half dem betagten Junggesellen auf die Bühne. Für seine fast neun Dekaden ging das überraschend zügig. Die nahende Eheschließung schien wie ein Verjüngungstrank zu wirken. Schon ertönten die ersten Takte von Frank Sinatras »My way«. Als Rüdiger begann, voller Inbrunst zu singen, bestellte ich den nächsten Whiskey.
   »Wenn ich dir einen Rat geben darf, mach lieber mal eine Pause.« Albert stellte ein Glas Wasser auf den Tresen.
   »Jetzzz hörma zu«, fuhr ich ihn an. »Ich bin eine Lehrerin unnich bin vernünftig genuch. Schschschon von Berufswegen. Wenneiner Aufhören sagt, dann ich sssu meiner 7a.« Ich war erstaunt, wie schlecht meine Zunge meine Sprachbefehle ausführte.
   Albert zuckte mit den Schultern und gab mir das Gewünschte. Männer brauchen eben klare Ansagen. Das hätte ich bei Jochen schon viel früher machen sollen.
   Die Stimmung wurde derweilen immer ausgelassener. Einige Greise hatten Rüdiger genötigt, in ein Peniskostüm zu schlüpfen. Der Junggeselle, der bereits eine verdächtige Schlagseite aufwies, machte gute Miene zum bösen Spiel. Er ließ die Hüften kreisen, und die überdimensionalen Stoffeier hüpften fröhlich mit, während er Helene Fischers »Atemlos« interpretierte. Die Gäste pfiffen und schunkelten in guter alter Musikantenstadlmanier mit.
   »Isses su fassen? Sich in dem Alter so läscherlich su machen?«
   Albert guckte nur mürrisch, goss einen Whiskey nach und drehte mir den Rücken zu. Da an diesem Muffel kein brauchbarer Gesprächspartner verlorenging, zuckte ich mit den Schultern. Ich kippte auch dieses Glas hinunter und machte mich auf die Suche nach den Toiletten.
   Als ich aufstand, entfaltete sich die volle Wirkung des Alkohols. Alles um mich herum schien sich zu bewegen. Nebel waberte in meinem Kopf, und meine Augen schickten die Bilder erst mit einigen Sekunden Verzögerung an mein Gehirn. Der Boden schaukelte gefährlich. Ich musste mich an Stühlen und knacksenden Schultern festhalten, um die Balance nicht zu verlieren. Das entrüstete Schimpfen der um mich Stehenden drang nur noch gedämpft an meine Ohren.
   Nach einer unfreiwillig gründlichen Inspektion des Festsaals in Schlangenlinien fand ich endlich die Treppe zum Glück. Sie war direkt neben der Bar. Vorsichtig hangelte ich mich am Geländer hinunter.
   Nun hatte ich die Wahl, die linke Tür zu nehmen, auf der WC stand, oder die rechte mit derselben Aufschrift.
   Kurz entschlossen zählte ich es aus. »Eine kleine Mickymaus, zieht sich ihre Hosen aus, zieht sie wieder an, und … ach, ist doch wurscht.«
   Ich nahm die linke Tür, stürzte aufs Klo. Als ich fertig war, lehnte ich mich schwankend gegen die Kabinenwand und richtete mein Kleid. Jochen, dachte ich. Wer braucht eigentlich Jochen? Ich war jung. Ich war attraktiv. Ich war frei und keinem eine Erklärung schuldig. Ich würde jetzt hier rausgehen und die nächste Disco stürmen. Und dann würde ich die Sommerferien einleiten, wie die Welt mich noch nie gesehen hatte.
   Entschlossen riss ich die Klotür auf, stürzte hinaus und prallte mit voller Wucht gegen einen pinkelnden Riesenpenis.

Kapitel 5

Brrrrrrrrrm …
   Als würden die Spannarme eines Schraubstocks meinen Schädel unerbittlich zusammenpressen, schoss ein greller Schmerz bis in die hintersten Winkel meines Gehirns.
   Brrrrrrrrm …
   Der Druck verstärkte sich von Sekunde zu Sekunde und ließ meine Schädeldecke explosionsartig zerbersten.
   Ich stöhnte und nahm irritiert wahr, dass meine Zunge ein rauer, undefinierbarer Klumpen geworden war. Schmatzend versuchte ich, Speichel aufzubringen, um den unsäglichen Durst zu vertreiben.
   Alles schwankte um mich herum. Eine unsichtbare Kraft schob mich mal auf die eine, mal auf die andere Seite.
   Ich kämpfte dagegen an und öffnete blinzelnd die Lider. Gleißendes Neonlicht stach in mein rechtes Auge und verursachte glühend heiße Blitze.
   Das andere Auge war von etwas bedeckt. Es fühlte sich an wie eine Kapuze, die mir ins Gesicht gerutscht war.
   »Aaaauaaaa«, ächzte ich matt und betastete meine Stirn. Das Ding, das ich auf dem Kopf trug, war wie eine gepolsterte Kappe, die sich nicht abstreifen ließ. Ich schob sie beiseite und versuchte, mich zu orientieren.
   Um mich herum war alles weiß. Plastikweiß, wie in einer Art Nasszelle, und es war eng. So eng, dass ich mich kaum bewegen konnte. Zwei seltsame, medizinballgroße Stoffknäuel auf meinem Schoß forderten den Rest des Raumes.
   Brrrrrrrrrrm …
   Langsam kristallisierte sich ein Geräusch heraus, das nicht aus meinem Schädelinneren, sondern von außerhalb zu kommen schien. Es klang wie ein Motor. Vielleicht von einem Stromgenerator oder Ähnlichem.
   Verzweifelt versuchte ich zu ergründen, was geschehen war. Wie es aussah, hatte ich so über die Stränge geschlagen, dass ich auf dem Klo eingeschlafen war. Aber diese Enge. Die Toilette im grauen Pinguin war doch viel größer … und die Wände gefliest. Außerdem hatte sie nicht geschwankt. Ganz bestimmt nicht. War das der Restalkohol?
   Ich inspizierte die Stoffbälle auf meinem Schoß. Große hautfarbene Knödel. Ich tastete weiter über meinen Körper bis zur Kapuze. Es war alles eins. Ein ganzes Kostüm. Und ich steckte mittendrin.
   Bilder wirbelten durch mein gemartertes Gedächtnis. Ich erinnerte mich an meine Odyssee zur Toilette. Die Erleichterung, als ich es geschafft hatte, und dann? Der Zusammenstoß … Junggeselle Rüdiger im Peniskostüm … Filmriss. Vorsichtig zog ich den plüschigen Rundkragen nach vorn und linste hinein. Außer meiner Unterwäsche trug ich – nichts!
   O mein Gott!
   Entsetzen flutete mich, eine weitere Erinnerung blitzte auf. Wie Rüdiger und ich uns kichernd auszogen, um die Klamotten zu tauschen. In diesem Moment schien es mir die beste Idee aller Zeiten zu sein, den alten Knaben in meinem Kleid und mich selbst in seinem Peniskostüm zu sehen.
   Ein gnädiger Nebel des Vergessens lag über allem, was dann folgte.
   Erneut sah ich mich um. Bei dem Raum, in dem ich mich befand, handelte es sich definitiv nicht um die Toilette der Seniorengaststätte. Verdammt, wo war ich?
   Brrrrrm …
   Jetzt identifizierte ich das Geräusch ganz klar als das eines Motors. Und die Tatsache, dass ich immer noch hin und her schwankte, ließ eine Ahnung aufkeimen.
   Mein Blick fiel auf den Drehknauf an der Plastiktür vor mir. Er stand auf Rot. Vorsichtig, als entschärfte ich den Zünder einer Bombe, drehte ich ihn auf Grün und drückte die Tür auf.
   Zaghaft streckte ich den Kopf hinaus und schaute nach links aus dem Fenster einer Bustür auf die vorbeirauschende Landschaft. Der Ausgang der Toilette zeigte direkt in den Treppenaufgang, der zu meiner Rechten nach oben führte. Allgemeines Gemurmel drang an meine Ohren.
   »Hast du schon wieder diese Pappdeckel mit der Fruchtpampe eingepackt? Ich brauche eine richtige Brotzeit auf Reisen, nicht diese trockenen Hostien.«
   Woher kannte ich diese krächzende Stimme?
   »Du weißt doch, was der Arzt gesagt hat, Brummelchen. Wir müssen auf dein Cholesterin achten. Und aufregen sollst du dich auch nicht. Das ist schlecht für deinen Blutdruck«, antwortete eine Frau, als spräche sie mit einem Fünfjährigen.
   Ihr Klang ließ mich aufhorchen. Brummelchen … hatte das nicht gestern …
   »92 Jahre hab ich gegessen, was mir schmeckt, und plötzlich soll es verkehrt sein? Ja, wo bleibt denn da der Spaß am Leben? Hermine, kannst du mir das verraten?«
   Natürlich. Das streitende Ehepaar vom Junggesellenabschied. Hermine und Gisbert. Ich war fast erleichtert. Wenigstens befand ich mich nicht in einem Bus unter Fremden. Sie würden mir sicher helfen. Ich musste mich nur bemerkbar machen.
   Doch das war schwieriger, als gedacht. Die voluminösen Stoffbälle wollten nicht durch die Türöffnung passen. Wie war ich nur hineingekommen?
   Ich drückte die Dinger vor meinem Körper zusammen, so fest ich konnte und quetschte mich durch den Ausgang.
   Mit einem Ruck spuckte es mich hinaus, und ich landete weich und mit einem lauten Rumms auf der Treppe.
   Dort kniend blickte ich vorsichtig nach oben. Köpfe in verschiedenen Schattierungen von Grau und Weiß drehten sich abrupt herum und schauten von den Sitzplätzen oberhalb auf mich herunter. Sämtliche Gespräche verebbten. Eine bedrohliche Stille legte sich über das Brummen des Motors.
   »Was will die denn hier?«, kreischte Gisbert und richtete den zitternden Zeigefinger auf mich.
   Hermine schüttelte nur den Kopf. In ihrem Blick lag eine Mischung aus Feindseligkeit und Enttäuschung. Die anderen Senioren versammelten sich jetzt im Gang und starrten auf mich herab.
   »Dass die sich noch traut«, bemerkte ein kahlköpfiger Mann, der sich verkrampft am Haltegriff eines Sitzes festhielt. »Hat die es beim ersten Mal nicht kapiert? Wozu haben wir die eigentlich rausgeworfen?«
   Was war denn jetzt los? Ich blickte verwirrt in die Gesichter der Umstehenden. In ihnen lagen Empörung und Ablehnung zugleich. Der Zorn, der aus ihren Augen sprühte, lag knisternd in der Luft.
   »Bitte nehmen Sie sofort wieder Ihre Sitzplätze ein!«, dröhnte es in militärischem Befehlston aus den Lautsprechern.
   Murrend, und nicht ohne mich mit weiteren wütenden Blicken zu bedenken, löste sich die Versammlung auf. Brav nahmen die Reisenden Platz.
   Ich presste mich durch den Treppenaufgang nach oben und hielt Hilfe suchend nach dem Busfahrer Ausschau. Als er mich im Rückspiegel entdeckte, verriss er vor Schreck das Lenkrad und machte einen kurzen Schlenker auf die Gegenfahrbahn. Reifen quietschten.
   Alle Insassen schrien auf, als säßen sie in einer Achterbahn, die den höchsten Punkt erreicht hatte, und nun nach unten donnerte. Laut hupend fuhr eine Wagenkolonne an uns vorbei.
   »Ich hab es von Anfang an gewusst. Die macht nur Ärger«, schimpfte Gisbert.
   Hermine sprang auf, drückte mich resolut zur Seite und schwankte nach vorn zum Fahrer, der sich gerade den Schweiß von der Stirn wischte.
   Sie redete auf ihn ein. Ich verstand nur einzelne Wortfetzen, es fielen Worte wie »Untragbar« und »Irgendjemand wird sie schon mitnehmen.«
   »Das kann ich nicht machen«, protestierte der Busfahrer. »Wir sind doch gleich da.«
   Ich stand unbeholfen im Gang. Gleich da? Hoffnung keimte in mir auf. Wo auch immer »Gleich da« lag, dort würde meine Schmach enden. Ich würde den Fahrer bitten, mich zurückzubringen, und das Drama wäre vorbei.
   Ich entdeckte einen freien Sitzplatz zu meiner Linken. Dort erkannte ich die Frau mit dem Rollator von der Tanzfläche wieder. Sie schien zu schlafen. Ihr Kopf lehnte am ratternden Fenster, stabil gehalten von einem geblümten Nackenhörnchen. Das graue strähnige Haar fiel ihr ins Gesicht und über die butzenglasdicken Brillengläser.
   Vorsichtig, die Eier fest an mich gepresst, setzte ich mich neben sie. Abschätziges Gemurmel begleitete mich.
   Wieder fragte ich mich, was geschehen war. Hatte ich etwa im Suff einen der Ihrigen ermordet? Oder den grauen Pinguin abgefackelt? Die Tatsache, dass ich in einem Reisebus und nicht hinter Gittern saß, sprach dagegen.
   Kaum hatte ich mich gesetzt, sank der Kopf der alten Dame auf meine Schulter. Sie seufzte erleichtert, wohl, weil der Plüsch, der mich umgab, um einiges weicher war als das Fensterglas. Friedlich schlummernd begann sie zu schnarchen.
   Hermine war in der Zwischenzeit wieder auf ihren Platz gegenüber zurückgekehrt. Sie drehte sich zu mir. »Du hast Nerven. Uns auch noch zu verfolgen.« Dann wandte sie sich ab und strafte mich mit Missachtung. Jede weitere Rechtfertigung wäre ins Leere gelaufen.
   Verfolgte ich diese Menschen? Wie kam sie bloß darauf? Ich konnte mich ja nicht mal erinnern, wie ich in diesen unsäglichen Bus geraten war. Auf eine Erklärung hoffend schaute ich mich um, doch ich begegnete nur Ablehnung und Ächtung.
   Vor mir tauchte langsam eine karierte Schiebermütze aus dem Untergrund des Stuhles auf. Als säße er in einem Fahrstuhl, stieg der Kopf eines Mannes empor. Er stützte die Unterarme leger auf die Lehne, grinste mich mitleidig an und schüttelte den Kopf. Durch die Gläser seiner Hornbrille wirkten seine Augen winzig klein, was ihre bohrende Wirkung nur noch stärker unterstrich. Irgendwie erinnerte mich seine Erscheinung an eine Schildkröte, die gerade ihren Kopf aus dem Panzer geschoben hatte.
   »Man sieht sich im Leben immer zweimal, gell?« Er grinste verschwörerisch.
   Leider fehlte mir zur Deutung die passende Erinnerung. »Ja, ähm … Hatten wir denn schon einmal miteinander zu tun?«, startete ich einen ersten Versuch.
   Er zog überrascht die Augenbrauen nach oben. Dann schien er zu verstehen, und sein skurriles Grinsen wurde noch breiter. »Sie wissen es nicht mehr?«
   Ich schüttelte den Kopf und sank tiefer in meinen Sitz.
   »Können sich an gar nichts mehr erinnern?«
   Noch eindringlicher schüttelte ich den Kopf. Na also. Endlich begriff mal jemand, in welcher Situation ich mich befand.
   Der Mann seufzte, drehte sich um und verschwand, wie er gekommen war. Dabei pfiff er ein Lied. Meine Eingeweide sackten ins Bodenlose.
   Die Bilder waren plötzlich da. Ich befand mich auf der Bühne im »Grauen Pinguin«, verbrüdert Arm in Arm mit dem zukünftigen Bräutigam, dem mein Kleid, wie ich fand, außerordentlich gut stand. Keck schwang ich die Hüften und ließ die Eier des Peniskostüms hin und her schwingen. Ich hatte das Mikro der Karaokeanlage in der Hand, das ich ihm und mir vor den Mund hielt. »Hey, Big Spender! Hey, Big Spender! Spend a little time with me …!«, sang ich eifrig. Ich musste für zwei singen, denn der Senior in meinem Schwitzkasten stöhnte nur schwerfällig. Er fing an, sich unter meinem Gewicht zu winden. Dabei verlor ich das Gleichgewicht und stürzte mitsamt dem Junggesellen. Der landete gut gepolstert auf mir. Sofort kamen helfende Hände von allen Seiten und hoben den alten Mann auf. Mich ließen sie liegen wie einen gestrandeten Mistkäfer.
   »Hey! Unwassis mit mir?«, grölte ich. »Heißtes nicht Frauen und Kinner schuerscht? Das isch ja wie auffer Titanic. Da sssind auch erscht die alten Sägge in die Rettungsboote gesch… geschprungen und …«
   »Ich bitte Sie, der Mann ist 87 Jahre alt. Sie können froh sein, dass er sich nichts gebrochen hat«, unterbrach mich ein älterer Herr unwirsch.
   »Na, dann hatter die Titanic ja fascht live miterlebt«, rief ich und lachte mich kaputt über meinen Witz. Kichernd wälzte ich mich am Boden. Der Rest der Erinnerung verschwand hinter einer gütigen Nebelwand.
   Starr vor Scham wagte ich kaum noch zu atmen. Wie konnte ich nur so arg die Kontrolle verlieren? Der Alkohol hatte mich zu einem pöbelnden Proleten gemacht. Der Schweiß der Schande trat mir aus allen Poren und verwandelte das Kostüm in einen Saunaanzug. Ich zog den Rundkragen nach vorn und pustete Luft hinein. Was hätte ich in diesem Moment um mein Kleid gegeben, oder von mir aus um einen Kartoffelsack.
   »Da vorn ist es!«, rief eine Frauenstimme. »Endlich sind wir da.«
   Ich hielt Ausschau nach unserem Ziel und sah nichts außer den Häusern des Ortes, durch den wir fuhren. Als sich die Häuserreihen lichteten, umgab uns schließlich eine hügelige Wiesenlandschaft. In einiger Entfernung erkannte ich ein Kloster, dessen Kirchturm sich vergilbt in die Höhe reckte. Dann einen Wegweiser nach links. »Kloster Hinterbrünst«. Der Bus drosselte sein Tempo und bog ab.
   Heiß und kalt schoss es mir abwechselnd durch die Venen. Je näher wir den Mauern des Gebäudes kamen, desto enger wurde der Kragen meines Anzugs. Mein Gesicht brannte vor Hektik. Wäre dies ein Actionfilm, hätte ich ein Fenster eingeschlagen und mich mit einer Hechtrolle nach draußen gerettet. So konnte ich nur auf ein Wurmloch hoffen, das sich zufällig vor mir auftat.
   Leider geschah nichts dergleichen. Gnadenlos rollten wir über den Schotterplatz vor dem Portal. Dort balancierte ein gut gebauter Mann auf einer Leiter und werkelte an einer der Lampen herum, die links und rechts des Eingangs hingen. Noch bevor wir zum Stehen kamen, traten vier Ordensbrüder in dunkelbraunen Habits heraus und stellten sich in Formation.
   Meine Blicke sprangen hin und her, suchten verzweifelt nach einem Ausweg. Ich wollte auf keinen Fall irgendjemandem in diesem Aufzug gegenübertreten. Schon gar nicht diesen Mönchen. Zudem schmerzte mein Kopf noch immer, und der fürchterliche Durst war inzwischen so stark, dass ich kaum klar denken konnte. Sollte ich gleich in die Kirche zu unserer Linken stürmen oder mich wieder im Klo einsperren und warten, dass sich der Bus auf den Rückweg machte? Ja, das schien mir eine sensationell gute Idee zu sein. Ich würde einfach nicht aussteigen und mit dem Bus zurückfahren. Zufrieden mit meinem Plan, verschränkte ich die Arme und ließ mich tief in den Sitz gleiten.
   Wir kamen zum Stehen. Sofort entstand eine gewisse Unruhe. Ich klammerte mich fest an den Haltegriff vor mir. Keine hundert Wasserbüffel würden mich aus diesem Bus kriegen. Da müsste man mir schon die Hände abhacken.
   Wie auf ein Signal hin erwachte die Dame neben mir und wischte sich den Schlafsabber aus dem Mundwinkel. Irritierenderweise war sie über mein Auftreten nicht im Entferntesten erstaunt und machte Anstalten, aufzustehen.
   Ich klammerte mich fester an den Griff.
   Meine Sitznachbarin zupfte mich ungeduldig am Arm. »Könnten Sie bitte …?«
   »Können Sie nicht einfach über mich drüberklettern?«, schlug ich vor.
   Hermine, die nun im Gang stand, packte mich am Oberarm. »Schätzchen, lass die liebe Ursula nicht zu lange warten. Ihre Blase ist nicht mehr die jüngste.« Ihr eisiges Lächeln ließ keinen Spielraum für Debatten.
   Ein Blick auf die liebe Ursula verdeutlichte mir den Ernst der Lage. Ihr standen Schweißperlen auf der Stirn, und ihr hilfloser Ausdruck in den Augen war trotz der dicken Butzengläser deutlich sichtbar.
   Na gut. Ich war ja kein Unmensch. Ich trat auf den Gang, damit sie aufstehen konnte, mit dem Vorsatz, mich sofort danach hinzusetzen und den Platz nie wieder zu verlassen.
   Leider öffnete der Busfahrer im selben Moment die Türen und initiierte eine Massenwanderung. Der Rentnerstrom riss mich unerbittlich mit, immer weiter Richtung Ausgang.
   »Nein!«, rief ich panisch, »ich will nicht raus!« Doch mein Flehen ging in angeregten Diskussionen über die Lage der nächsten Toilette unter. Ich versuchte, mich irgendwo festzuhalten, aber das Kostüm war so sperrig mit seinen Riesenklöten, dass ich Mühe hatte, nicht auf meinen Vordermann zu stürzen. Unerbittlich drückten mich die Senioren wie eine Verstopfung in einem Abflussrohr durch den Gang.
   Mit dem restlichen Rentnerschwall wurde ich aus dem Bus gespuckt und stand hautfarben leuchtend im grellen Sonnenschein.
   Das Gebäude und die angrenzenden Bäume warfen lange Schatten auf den Kies. Die morgendliche, kühle Luft verscheuchte schlagartig den Nebel in meinem lädierten Gehirn. Dadurch drang das Gezwitscher der Schwalben intensiver an mein Ohr. Ich sah hektisch an mir hinunter und blickte mich voller Scham um.
   Leider waren die Letzten unter uns auch die Gebrechlichsten und mühten sich bustürenblockierend mit ihren frisch ausgeladenen Rollatoren ab.
   Der Fahrer grinste augenbrauenzuckend und winkte mir amüsiert zu.
   »Entschuldigung.« Ich pirschte mich an ihn heran und versuchte, ihn gewinnend anzulächeln. Doch sein schadenfroher Ausdruck in den Augen machte mir klar, dass es ein hoffnungsloses Unterfangen war. »Um wie viel Uhr fahren Sie denn wieder zurück?«, fragte ich vorsichtig. Vielleicht konnte ich mich so lange im Bus verstecken. O mein Gott, wie ich mich schämte.
   Der Mann verschränkte die Arme und lehnte sich lässig an den Bus. »Vergiss es, Mädel. Hab ’nen Anschlussauftrag in Tschechien. Nach München fahre ich erst nächste Woche.« Er stieß sich mit der Schulter ab und flüsterte mir verschwörerisch ins Ohr. »Von Prag aus.«

Kapitel 6

Während der Besucherstrom auf das Tor zufloss, schüttelten die Mönche die ersten Hände zur Begrüßung.
   Es gab keinen Weg zurück. Diese Erkenntnis traf mich tief. Ich schluckte, doch ich war so durstig, dass meine Kehle kratzte wie ein rostiger Käsehobel. Geduckt schlich ich hinter einem dichteren Schwarm Rentner her, bemüht um größtmögliche Deckung.
   Ich verfluchte meine hochhackigen Schuhe, die mich in dem ungnädigen Schotter immer wieder einknicken ließen. Zudem machten es mir die Plüschklöten unmöglich, meine Füße zu sehen, was das Vorankommen erheblich erschwerte.
   Ich musste es nur durch dieses Tor schaffen. Dahinter erspähte ich bereits einen lang gezogenen Innenhof. Ein dortiger Anbau mit hölzernen Stützen schien mir ein perfektes Versteck. Wenn ich es nur bis dahin schaffte, könnte ich im Schutze abwarten, bis alle im Kloster verschwunden wären.
   Tausend heiße Nadelstiche durchfuhren meine Brust. Wo war meine Handtasche? Und mein Handy? Während wir dem Unvermeidlichen zustolperten, kramte ich verzweifelt in meinem Gehirn nach vernebelten Informationen. Und dann wurde es mir bewusst. Ich hatte es in meinem Wagen bei Emma gelassen, wollte weder von Jochen noch vom Radiosender oder meinen Eltern angerufen werden. Und da ich auf dem Junggesellenabschied kein Geld gebraucht hatte, lag auch mein Portemonnaie sicher verwahrt in meiner Handtasche im Kofferraum. Übelkeit stieg in mir auf. Ich war ein verkaterter, mittelloser Riesenpenis, der in roten Pumps in ein Karmelitenkloster stolperte.
   Ich fragte mich, ob es auf dieser Welt eine noch peinlichere Situation gab als die, in der ich steckte.
   Die Gruppe, die ich zu meiner Abschirmung auserkoren hatte, durchschaute mein Vorhaben. In böser Absicht lösten sie sich voneinander, blieben teilweise stehen und gaben mich dem Blickfeld der Glaubensbrüder schutzlos preis.
   Was nun geschah, lief wie in Zeitlupe vor meinen Augen ab. Ein großer hagerer Mönch, der die Hand zum Gruß erhoben hielt, entdeckte mich im selben Moment. Er erstarrte in seiner Bewegung. Sein Kinn sank bizarr verlangsamt entgegen seiner mächtigen, raubvogelartigen Nase nach unten. Dann riss er die Augen weit auf und blähte die Nüstern.
   Langsam folgten die anderen Brüder seinem Blick.
   Einer mit einem Bauch wie ein Weinfass legte sich die Hand auf den Wanst, als müsste er ihn schützen. Schwer zu erkennen, ob er über meine Erscheinung oder die nächste Mahlzeit nachdachte.
   Ein grauhaariger greiser Mönch schloss mehrmals hintereinander ungläubig die Augen und schüttelte schließlich konsterniert den Kopf.
   In leicht gebückter Haltung, wie sie oft sehr großen Menschen innewohnt, stand ein sehnig wirkender Pater, der sich die Hände vor das Gesicht presste, um ein hysterisches Lachen zu unterdrücken.
   Ein heller Schrei zerriss schließlich die angespannte Atmosphäre. Ein kleiner, schmächtiger Gottesmann raffte kreischend den Habit und verschwand flink im heiligen Hof.
   Als dessen Laute verebbten, bündelte das laute Knarzen einer Aluleiter sämtliche Aufmerksamkeit.
   Der Handwerker, der mir bei der Ankunft bereits aufgefallen war, verbog sich, um von oben sehen zu können, was der Stein des Anstoßes war.
   Unsere Blicke trafen sich. Augenblicklich verlor er das Gleichgewicht. Er versuchte verzweifelt, die Balance zu halten. Erbarmungslos kippte die Leiter zur Seite und landete krachend am Boden. Er konnte sich gerade noch an der Außenlampe festhalten. Ein leises Knacken kündigte das Unheil an. Der Mann riss für den Bruchteil einer Sekunde die Augen auf. Dann brach die Lampe aus ihrer Verschraubung. Mit einem erstickten Schrei stürzte der Kerl mitsamt Leuchtmittel zu Boden. Plump wie ein gefüllter Sack Kartoffeln landete er auf dem Rücken.
   »Nein!«, kreischte ich. Ich schlug entsetzt die Hände über dem Kopf zusammen.
   Die Mönche eilten zu ihm, griffen nach seinen Armen und wollten ihm aufhelfen.
   Bei mir schrillten alle Alarmglocken. »Lassen Sie das!« Meine Stimme überschlug sich. Ich stolperte panisch zu dem Verletzten. »Bewegen Sie ihn nicht, sonst machen Sie noch mehr kaputt!«
   Die Mönche ließen ruckartig von ihm ab und sahen mich ratlos an.
   »Lassen Sie mich. Ich kann Erste Hilfe.« Hastig kniete ich mich neben den Verletzten auf die weichen Stoffeier. Niemand äußerte einen Einwand. Ich war mir nicht sicher, ob das an meiner Autorität oder an meinem irritierenden Auftreten lag.
   Der Mann am Boden machte keinen Mucks. Mit entspannten Gesichtszügen lag er da wie ein schlafender Engel mit Dreitagebart. Ein Windhauch wehte eine schwarze Locke über seine Stirn. Sonst regte sich nichts.
   Ich habe ihn umgebracht! Der Gedanke fraß sich eisig durch meine Glieder. Zitternd atmete ich ein. Denk nach. Was hast du gelernt? Ich rief mir das Erste-Hilfe-Schema ins Gedächtnis. Zuerst den Puls fühlen.
   Ich beugte mich tiefer und hätte um ein Haar die Balance auf den Plüscheiern verloren. Der Kragen meines Kostüms rutschte nach oben und verschluckte mein Gesicht. Halb blind ertastete ich die Halsschlagader meines Opfers. Ich fühlte nichts. Scheiße, scheiße, scheiße!
   »Ruft einen Rettungswagen!«, schrie ich hysterisch. Ich zerrte das Kostüm nach unten, um mein Gesicht freizubekommen. Jetzt zählte jede Sekunde. Mund zu Mund? Mund zu Nase? Ich kippte seinen Kopf nach hinten, hielt ihm die Nase zu und atmete tief ein. Ich war entschlossen. Bereit. Bereit, ein Menschenleben zu retten.
   Im selben Moment, als ich meine Lippen auf seine pressen wollte, schlug der Mann die Augen auf. Ich zuckte überrascht zurück.
   Schielend starrte er mich an. »Was geht denn hier ab?«, näselte er perplex. »Wo kommen diese zwei riesigen Wienerwürste her?«
   Ich ließ seine Nase los. Er zwinkerte ein paar Mal, und sein Blick wurde wieder klar.
   »Nicht bewegen«, insistierte ich. »Eine unbedachte Bewegung könnte zu schweren Schäden im sakralen Bereich führen.«
   Der Mann stöhnte und zwinkerte noch einmal. »Häh?«, fragte er. »Sakra… was?«
   »Wie viele Finger sehen Sie?« Ich hielt vier davon in die Luft.
   Langsam hob er die Hand. O nein. Konnte er es wirklich nicht erkennen? Wollte er es etwa ertasten?
   Er formte mit dem Mittelfinger eine eindeutige Geste. »Wie viele Finger siehst du?« Ächzend drehte er sich auf die Seite und machte Anstalten, aufzustehen.
   Ehe ich etwas entgegnen konnte, drängten mich die Mönche beiseite, sodass ich nun endgültig das Gleichgewicht verlor und mit dem Hintern im schmutzigen Kies landete. Sie halfen dem Mann auf und klopften ihm vorsichtig den Staub von Jeans und Karohemd. Alles scharte sich um den armen Verletzten. Mich beachtete niemand mehr.
   Beleidigt rappelte ich mich auf. So wird es einem also gedankt, wenn man helfen will. Da konnte ich mich auch gleich vom Acker machen. Nur wohin? Ich schaute bitter zu unserem Reisebus hinüber. Die Türen waren geschlossen. Der Fahrer schlenderte in tiefenentspannter Manier an mir vorbei. »Pinkelpause«, informierte er mich grinsend und verschwand im Innenhof.
   Ich wollte ihm die wüstesten Verwünschungen hinterherbrüllen, hatte das Bedürfnis, mir wie Rumpelstilzchen ein Bein auszureißen. Doch all das hätte nur die Aufmerksamkeit wieder auf mich gelenkt.
   Moment mal. Mir wurde bewusst, dass ich nun endlich nicht mehr im Fokus stand. Eilig rappelte ich mich auf und trat in den Innenhof. Dort lehnte ich mich an die Rückseite eines hölzernen Pilasters und ließ die Nachzügler an mir vorüberziehen. Erschöpft schloss ich die Augen.
   Das Tschilpen der Schwalben wirkte beruhigend. Wie gern wäre ich jetzt eine von ihnen gewesen. Einfach aufsteigen und davonfliegen. Ich seufzte.
   Ja! Genau! Ich patschte mir mit der flachen Hand auf die Stirn. Natürlich! Ich konnte mich vom Busfahrer zum nächsten Taxistand fahren lassen. Egal, was es kostete, aber so entkam ich wenigstens weiteren Peinlichkeiten und brauchte nicht als wandelnder Penis im ehrfürchtigen Kloster vor aller Augen um ein Taxi zu bitten.
   Unwillkürlich musste ich grinsen. Ich konnte mich zu meinem Auto bringen lassen und dort mit der Kreditkarte das Taxi bezahlen. Mein Herzschlag beschleunigte sich. Alles Weitere würde sich dann schon finden.
   Anhand der Stimmen vernahm ich, dass nun die Mönche und der verunglückte Hausmeister an mir vorbeikamen.
   »Hauptsache, dir isch nix bassiert, Ben«, schwatzte ein munterer Schwabe. »I mach dir glei a leggare Gullaschsupp. Des baut auf.«
   »Lass nur, Jakob«, ächzte dieser. »Wo ist eigentlich die Bockwurst hin verschwunden?«
   »Hoffentlich ned in mein Gullasch.«
   Ein tiefes Lachen brachte meine Säule zum Vibrieren, dann verschwanden auch die Letzten im Gebäude.
   Just in diesem Moment startete der Motor des Busses. Mit einem hämischen Pfffffff schlossen sich die Türen. Als er anfuhr, knirschten die Reifen auf dem Kies des Parkplatzes. Unerbittlich. Gnadenlos.
   Ich brach aus meinem Versteck hervor, stolperte fast über meine eigenen Füße, trippelte so schnell ich konnte zum Torbogen und stürzte nach draußen. Zu spät. Ich sah gerade noch das Heck um die nächste Straßenecke biegen.
   Resigniert sank ich zu Boden. Meine Mundwinkel zuckten unkontrolliert. Mit wässrigen Augen starrte ich die Straße hinunter in der Hoffnung, der Fahrer kehrte um, um mich zu holen. Nichts dergleichen geschah.
   Und dann traf mich die Erkenntnis wie ein Boxhieb von Axel Schulz. Niemand würde mich holen. Kein Bus, kein Jochen, niemand. Ich fühlte mich nicht nur allein, ich war allein.
   »Tststs«, machte es hinter mir.
   Vorsichtig drehte ich mich um.
   Der Mönch mit der Geiernase musterte mich mit anklagendem Blick. Gebieterisch erhaben, wie es nur ein Würdenträger konnte. Mit einer strengen Kopfbewegung, die keinen Widerspruch zuließ, befahl er mir, ihm zu folgen. Ich rappelte mich auf und trottete ihm mit gesenktem Kopf wie ein geläuterter Schwerverbrecher hinterher.

Kapitel 7

Eingeschüchtert betrachtete ich das nackte Kruzifix an der Wand. Wie ein anklagendes Mahnmal hing es hinter dem wuchtigen Schreibtisch des Priors, der mit geblähten Nasenlöchern auf mich herabstarrte.
   Auf meinem Stühlchen, das ein ganzes Stück kleiner war als sein Ledersessel, schrumpfte ich auf Beutegröße.
   Klack! Der Zeiger der großen Wanduhr, einer Bahnhofshalle würdig, sprang auf die volle Stunde. Neun Uhr. Ich rutschte auf dem unbequemen Stuhl hin und her. So unauffällig wie möglich versuchte ich, die Stoffeier auf meinem Schoß im Gleichgewicht zu halten. Immer wenn eines herunterfiel, verzog es das ganze Kostüm und somit auch die Kapuze. Die war so starr, dass sie sich nicht einfach abstreifen ließ.
   Die Sonne brannte durch das Fenster und bündelte all ihre Kraft erbarmungslos auf mich. Unter der Polyestermischung meiner Verkleidung staute sich die Hitze. Ich bekam eine ungefähre Vorstellung davon, wie es sein müsste, in der Sahara zu verrecken. Nur noch ein paar Minuten, und ich würde den Forschern, Touristen und Beduinen, die sie auf dem Gewissen hatte, über den Jordan folgen.
   Der Prior lehnte sich zurück und faltete die Hände in einer gnädigen Geste. Seine Gesichtszüge entspannten sich, doch seine Blicke fixieren mich weiterhin. Er schüttelte den Kopf, als wäre er maßlos enttäuscht von mir. »Wenn das ein Scherz sein soll, muss ich sagen, er ist Ihnen nicht gelungen.« Er deutete auf mich, um zu unterstreichen, was so offensichtlich war. »Dieser Auftritt hätte ein Menschenleben kosten können. Und der arme Felix ist so verstört, dass die Patres jetzt noch nach ihm suchen.«
   Das musste der kleine Mönch gewesen sein, der schreiend davongelaufen war.
   Der Prior schüttelte den Kopf und rümpfte die Nase. »Außerdem riechen Sie streng.« Er hob kritisch die Augenbrauen. »Schon in der Bibel steht: Meine Wunden stinken und eitern vor meiner Torheit. Psalm 38, Vers 5, wenn ich das bemerken darf.« Er machte eine Kunstpause und beobachtete meine Reaktion.
   Ich war so angespannt, dass ein Stoffei langsam nach unten glitt.
   Hastig räusperte ich mich und schob es wieder nach oben. »Ja … also …«, stammelte ich, aber der ehrgebietende Pater unterbrach mich.
   »Und dann benützen Sie auch noch diese armen, alten Leute für Ihren Schabernack. Die doch nichts anderes wollen, als hier ein paar entspannte Tage zu verbringen und sich auf das Wesentliche zu besinnen.« Er reckte den Hals und zog die Stirn in Falten. »Meinen Sie nicht, dass das zu weit geht?« Obwohl er leise gesprochen hatte, donnerte diese Anklage wie ein Güterzug durch den Raum.
   Ich senkte den Kopf, soweit es die Kapuze zuließ, und starrte auf meine plüschigen Oberschenkel. Es vergingen ein paar Sekunden, ehe mir bewusst wurde, dass man vielleicht nicht vor einem Geistlichen auf Stoffhoden starren sollte.
   Ruckartig riss ich den Kopf nach oben. Der Prior zuckte zurück. »Euer Ehren … ähm … Hochwürden …« Ich spürte noch mehr Hitze in mir aufwallen.
   »Pater reicht«, korrigierte er mich.
   Ich räusperte mich. »Sicher. Pater …« Mein Magen begann nun zu allem Übel, lautstark zu knurren. Vorsichtig schielte ich auf das Schälchen gerösteter Nüsse, das vor ihm auf dem Schreibtisch stand. »Es liegt mir natürlich völlig fern, Unruhe in Ihre Bruderschaft … also … in Ihre … in Ihr Kloster zu bringen. Und von Schabernack kann überhaupt keine Rede sein.«
   Als mein Magen erneut knurrte, gab ich auf. Ich spürte bleierne Schwäche meinen Körper fluten. Übermüdet, durstig und hungrig und verging ich vor Scham. Es war Zeit, dieser Situation endlich zu entfliehen.
   Ich räusperte mich und starrte auf die Wählscheibe des schwarzen altmodischen Telefons. »Das alles ist ein riesiges Missverständnis. Ich sollte gar nicht hier sein. Und normalerweise kleide ich mich auch nicht so. Nicht mal im Fasching. Ich kann Fasching ja nicht mal leiden. Wissen Sie …«
   »Ähm«, unterbrach mich der Prior. Überrascht sah ich auf.
   Hochwürdens Gesichtsausdruck hatte sich gewandelt. Die skeptische Miene war gewichen und Milde lag nun in seinen hellgrauen, etwas wässrigen Augen. Sogar seine Nasenflügel wirkten nicht ganz so aufgebläht. »Ich frage mich eher, ob Sie hier nicht genau richtig sind.«
   Fragend legte ich den Kopf schief. Ich strich mir wieder die Kapuze aus dem Gesicht. Wollte er mich etwa zum Narren halten? Für einen wandelnden Riesenpenis war ein Karmelitenkloster sicher der denkbar schlechteste Aufenthaltsort.
   »Ich widerspreche Ihnen nur ungern …«, warf ich vorsichtig ein, »… aber ich fürchte, Sie täuschen sich.«
   Der Prior lächelte und lehnte sich mit vertraulichem Kopfnicken nach vorn. »Lassen Sie mich noch einmal die Bibel zitieren, Frau Schniebel.« Er faltete die Hände. »So ein Mensch etwa von einem Fehler übereilt würde, so helfet ihm wieder zurecht mit sanftmütigem Geist ihr, die ihr geistlich seid.« Zufrieden lehnte er sich zurück. »Brief des Paulus an die Galater, Kapitel sechs, Vers eins.«
   Ich verdrehte innerlich die Augen und spähte erneut nach dem Telefon. »Äh, ja. Das glaube ich gern. Darf ich?«
   Der Prior schürzte leicht beleidigt die Lippen. »Bitte sehr.« Er schob den Apparat zu mir.
   Ich griff nach dem Hörer und ließ reglos die Hand darauf liegen. Wen rief ich jetzt an? Jochen? Nur über meine Leiche. Meine Eltern? Unmöglich. Ich schämte mich zu sehr. Emma. Sie würde mich holen. Schließlich war sie meine einzige und beste Freundin. Und wenn ich eine solche brauchte, dann jetzt.
   Ich wählte ihre Handynummer und quetschte den Hörer zwischen Haube und Ohr.
   Es dauerte ein wenig, ehe sie abhob. »Wer stört?«, murmelte sie verschlafen.
   »Ich bin’s. Hab ich dich geweckt?«
   »Wer ist ich?« Emma gähnte.
   »Na, Susi. Emma, ich hab da ein Problem.« Ich schaute auf die Uhr. »Sag mal, musst du nicht arbeiten?«
   »Hab mich krankgemeldet. Ich hab da nämlich auch was.«
   »Wie jetzt? Hast du einen Infekt? Liegst du flach?«
   Emma kicherte. »Mit dem Flachliegen liegst du gar nicht so verkehrt.«
   Es raschelte im Hintergrund. »Leg das blöde Ding weg und komm her«, murmelte eine Männerstimme.
   »Wer ist das?«
   »Erinnerst du dich noch an Gernot?«, hauchte Emma.
   »Bernhard«, berichtigte die Stimme im Hintergrund.
   »Das weiß ich doch, Sweetie. War nur ein Scherz.«
   »Emma?«, heischte ich um ihre Aufmerksamkeit. »Emma? Ich brauche wirklich unbedingt deine Hilfe. Ich bin irgendwie in so einem Kloster in Hinterbrünst gelandet und …«
   »Du Susi, Süße. Könnten wir das vielleicht ein andermal besprechen? Das ist jetzt echt ungünstig. Ich melde mich morgen, okay? Tschüssiiie.« Ein lautes Rascheln. Dann legte sie auf.
   Ungläubig starrte ich auf den Hörer. Langsam ließ ich ihn auf die Gabel sinken und schüttelte den Kopf. Emma hatte mir nicht mal zugehört. Sie musste doch gemerkt haben, dass ich in Schwierigkeiten steckte. Wir kannten uns, seit wir klein waren. Bei ihr erkannte ich schon an der Stimmlage, wenn etwas nicht stimmte. Das dachte ich eigentlich auch von ihr. Plötzlich fühlte ich mich furchtbar einsam.
   Der Prior hatte die Ellenbogen auf die Tischplatte gestützt und sah mich mitleidig an. »Ich glaube, ein bisschen Selbsterkenntnis täte Ihnen gut«, sagte er. »Sie sollten bleiben und an dem Besinnungsseminar teilnehmen.
   Niedergeschlagen blickte ich auf. »Das machen die Leute hier? Kann man in dem Alter denn noch was lernen?«, rutschte es mir heraus, als ich an die fiese Rentnergang dachte.
   »Na, hören Sie mal. Ich bin selbst 73 Jahre alt. Das heißt aber noch lange nicht, dass das Leben für mich stehen geblieben ist. Außerdem ist es nie zu spät, zu sich und damit zu Gott zu finden.«
   O nein. Jetzt brachte er auch noch Gott ins Spiel. Leute, die daran glaubten, dass die Welt in sieben Tagen erschaffen worden war, erklärten anderen, wie das Leben funktionierte.
   Ich klatschte in die Hände. Zum Aufbruch bereit. »Schade, dass ich leider so gar keine Zeit für so ein Seminar habe. Gibt es hier vielleicht anständige Klamotten und ein Taxi?«, fuhr ich in versöhnlichem Ton fort.
   Der Prior seufzte. »Das Zertifikat hätten Sie mit dieser Einstellung sowieso nie bekommen.«
   Ich stutzte. »Was für ein Zertifikat?«
   »Eine Besinnungsurkunde. Besiegelt und unterzeichnet von Kardinal Erzischof Richard Märtz. Wer sie in Händen hält, der hat wichtige Erkenntnisse errungen.« Er musterte mich fast abschätzig. »Aber dafür braucht es zumindest eine gewisse Reife.«
   Die letzten Worte von Direktor Fürst kamen mir in den Sinn: Kommen Sie zur Besinnung!
   Gab es doch so etwas wie göttliche Fügung? Mit einer solchen Urkunde, von höchster Instanz beglaubigt, könnte ich ihm die Bestätigung bringen. Den Beweis, wie sehr er sich in mir getäuscht hatte. Einen unantastbaren Beleg für meine Kompetenz. Das wäre die Chance für meine berufliche Rehabilitation und die ersehnte Verbeamtung.
   »Nun denn. Wir können nicht jeden retten«, sagte der Prior mehr zu sich selbst, erhob sich und trat neben mich. »Gehen wir.«
   »Nein!«, rief ich und sprang auf. Agil schwangen die Stoffeier um mich herum und klatschten gegen seine Beine. Er wich einen Schritt zurück.
   »Wie, nein?« Wieder hatte er diesen Raubvogelausdruck in den Augen.
   Ich starrte in seine großen, haarigen Nasenlöcher. Schwarz und Ehrfurcht gebietend. »Sie … Sie haben recht«, sagte ich kleinlaut. »Ich müsste vielleicht wirklich … gerettet werden.«
   Skepsis machte sich in seinem Gesicht breit. Er fragte sich sicherlich, ob ich ihn verarschen wollte, oder ob er es mit einer Schizophrenen zu tun hatte. Er ging Richtung Tür und griff nach der Klinke. Warf er mich etwa raus?
   »Wissen Sie«, beeilte ich mich zu sagen und deutete auf die schwingenden Stoffeier, »im Grunde kann ich gar nichts dafür.« Meine Gedanken überschlugen sich. Wenn ich jetzt rausflog, dann stand ich schon wieder in diesem peinlichen Aufzug irgendwo im Nirgendwo. Das durfte auf keinen Fall mehr passieren. Fieberhaft dachte ich nach und beobachtete mit Schrecken, wie er ganz langsam die Klinke hinunterdrückte.
   »Dollydummie ist an allem schuld. Wenn sie nicht mit ihrem Tigertanga gewedelt hätte, wäre ich nie blind von diesem Trampolin gefallen und hätte die behinderten Kinder nicht um ihre Spenden gebracht.«
   Der Geistliche riss die Augen auf. »Wie bitte?«
   In diesem Moment klopfte es an der Tür. Als hätte er etwas Heißes angefasst, zog der Prior seine Hand zurück.
    Gleich darauf steckte einer der Mönche sein ergrautes Haupt hinein. »Pater Johannes hat Ben zum Orthopäden gebracht«, teilte er mit heiserer Stimme mit. »Sicher ist sicher.«
   Mein Magen knurrte schon wieder und zog sich schmerzhaft zusammen. Ich nutzte den Moment und griff herzhaft in die Schale mit den Nüssen. Aus den Augenwinkeln sah ich, wie der graue Mönch mich anschaute, als hätte ich einen Mordversuch verübt. Schnell versteckte ich meine Hand hinter dem Rücken und lächelte schief.
   Der Prior nickte nachdenklich. »Was ist mit den Vorbereitungen im Seminarraum, Gregor? Die Möbel sind viel zu spät geliefert worden. Wer kann das jetzt machen?«
   »Das muss wohl noch warten, Eugen«, antwortete er. »Pater Felix hat sich in seinem Zimmer verschanzt. Pater Jakob ist ein guter Seelsorger, aber seine handwerklichen Qualitäten … Und ich …« Er präsentierte seine knorrigen Hände. Die Knoten an seinen Fingern sprachen für sich.
   Schnell stopfte ich mir die Nüsse in den Mund.
   »Ist schon gut, Gregor.« Prior Eugen seufzte. »Ich weiß, ich weiß.« Er fasste sich ans Kinn. Dann drehte er sich unvermittelt um. »Wie sieht es eigentlich mit Ihren handwerklichen Fähigkeiten aus? Können Sie mit einem Schraubenzieher umgehen?«
   Ich erstarrte in meiner Bewegung und riss die Augen auf. War es unangebracht, dem Prior eines Klosters die Nüsse zu klauen? Schnell beeilte ich mich, den halb gekauten Brei hinunterzuschlucken, doch ein paar Krümel blieben mir im Hals stecken. »Natürlich, ich bin eine emanzipierte Frau«, antwortete ich räuspernd und versuchte, den sich anbahnenden Hustenreiz zu unterdrücken. Dabei traten mir Tränen in die Augen. Mein Mund war so ausgetrocknet, dass ich kaum genug Speichel aufbrachte. Mühsam bemühte ich mich, den Prior selbstbewusst anzusehen.
   »Dann sehen Sie Ihren Arbeitseinsatz als eine erste Meditation auf dem Weg der Selbsterkenntnis.«
   »Soll das heißen, ich bleibe?«
   »Wir wollen es versuchen. Aber zuerst bringt Gregor Sie auf ihr Zimmer, wo Sie sich umziehen können.«
   »Aber wir sind komplett ausgebucht«, fuhr Gregor dazwischen. Meine Anwesenheit schien ihm sehr unangenehm.
   Der Prior überlegte kurz. Dann erhellte sich sein Gesicht. »Bring sie doch bitte in die 23.«
   Gregor erstarrte und bekreuzigte er sich. »Die 23? Ausgerechnet?«
   »Was ist mit der 23?«, fragte ich nervös. Wieso hatte der alte Mönch das Kreuzzeichen geschlagen, als wollte er einen Fluch abwehren? War die 23 ein Folterkeller? Wollte man gar einen Exorzismus an mir praktizieren?
   Der Prior lächelte milde, als er mich sanft, aber bestimmt, zum Ausgang geleitete. »Dort werden Sie alles finden, was Sie brauchen.«

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